Adventskalender Minikrimi am 23. Dezember


Unschuld

Bernadette verstand die Welt nicht mehr. Eigentlich schon seit langem. Es passierten immer wieder Dinge, die ihr  völlig unerklärlich waren. Ihre Handtasche wurde gestohlen. Später fand ihr Sohn sie zwischen den Schuhen. Oder ihr Mann war plötzlich verschwunden. Stattdessen saß ein Fremder neben ihr und wollte das Abendbrot mit ihr teilen. Später war ihr Mann wieder da und behauptete. er sei nie weg gewesen. 


Aber jetzt war alles noch viel schlimmer.Jemand hatte sich als ihr Sohn ausgegeben und sie gekidnappt. Nun saß sie in einem fremden Haus, mit Unbekannten, und sollte angeblich solange dort bleiben, bis ihr Mann aus dem Krankenhaus wiederkam. Als ob Alfons jemals krank gewesen wäre. Vielleicht war er mit einer anderen Frau in Urlaub gefahren? Na warte, dachte Bernadette, und die Eifersucht brannte in ihr. Alfons und sie waren seit ihrer Schulzeit zusammen. Er hatte immer nur Augen für sie gehabt. Und nun? Der alte Stech hatte sich wahrscheinlich ein junges Ding angelacht. Krankenhaus! Wie lächerlich.

Und damit sie ihm nicht auf die Schliche kommen konnte, hatte Alfons Leute angeheuert, die sie überwachen und einsperren sollten. Ohhhh – ohnmächtig vor Wut schlug Bernadette mit der Faust gegen die Tür. 

Eine Frau kam ins Zimmer. „Bernadette, was kann ich für dich tun? Möchtest du etwas trinken? Ein Glas Wein vielleicht? Komm doch rüber ins Wohnzimmer. und wir schauen zusammen fern.“

„Du bist nett – wer bist du`“ „Ich bin Isa, deine Schwiegertochter. Ich kümmere mich um dich (und das ist nicht lustig“ – ergänzte Isa in Gedanken. Denn die Betreuung einer Demenzkranken war alles andere als leicht. Und immens zeitaufwändig).“ Ach ja, Isa. So seltsam das Leben rund um Bernadette herum geworden war, mit der Zeit fasste sie Vertrauen zu Isa. Sie war immer freundlich, warf ihr nie vor, dies oder das vergessen zu haben. Sie half ihr beim Anziehen und wusch ihr die Haare. Isa war nett. Netter als der Mann, der sich als ihr Sohn ausgab.

Deshalb war Bernadette ehrlich betroffen, als sie ihre Schwiegertochter eines Morgens weinend am Küchentisch fand. Bernadette konnte gut zuhören. Oder so erscheinen, als höre sie zu. Tatsächlich war es ihr möglich, stundenlang still dazusitzen, den Blick in die Ferne gerichtet. Nach einer ganzen Weile brach es aus Isa heraus: ihr Mann, Bernadettes Sohn, hatte eine Geliebte.

„Er auch!“ rief Beradette, die genau verstanden hatte, was Isa gesagt hatte. „Naja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“. „Wieso?“ fragte Isa. Und Bernadette erklärte ihr, dass Alfons natürlich nicht im Krankenhaus war, sondern sich mit seiner jungen Geliebten im Urlaub befand.

Isa hörte fasziniert zu. Ihre Tränen versiegten. Statt, wie sonst, zu versuchen, Bernadette von ihrer fixen Idee abzulenken, hakte sie nach. Wie diese Geliebte denn aussähe. Wie alt sie sei. Und was Bernadette zu tun gedenke. Bernadette wusste zwar nichts über Alter und Aussehen ihrer Rivalin, aber dass sie sie mit der Walter PPK ihres Mannes, die sie zufällig in ihrer Handtasche gefunden hatte, erschießen würde, das war ihr klar. 

Am nächsten Tag erhielten Isa und ihr Mann einen Anruf aus der Klinik. Alfons sollte am nächsten Montag entlassen werden. Am Sonntag Nachmittag klingelte eine junge blonde Frau an der Tür. Sie hatte eine Mitteilung von Isa erhalten. Sie wollte sich mit ihr über Richard unterhalten, sie würde nicht sonderlich an ihm hängen, knüpfte an eine Trennung jedoch eine Bedingung. Darüber, so hatte sie geschrieben, wollte sie mit ihr sprechen.

Aber es war nicht Isa, die die Tür öffnete, sondern Bernadette. Isa war kreidebleich zu ihr ins Zimmer gestürzt und hatte gerufen: „Da steht eine junge Frau vor der Tür. Meinst Du, das ist Alfons Freundin?“ 

Bernadette war wortlos aus dem Zimmer gestürmt, mit der Handtasche am Arm. Sie ließ die junge Frau nicht zu Wort kommen, Der Schuss, den sie aus nächster Nähe abfeuerte, war natürlich tödlich.

Statt eine Haftstrafe zu verbüßen, wurde Bernadette in die beschützende Abteilung eines Bezirkskrankenhauses eingewesen. Als Demenzkranke war sie nicht schuldfähig. 

Alfons besuchte sie jeden Tag. Und kam auch jetzt nicht auf den Gedanken, eine andere Frau anzuschauen. Richard war durch die Ermordung seines Seitensprungs durch seine Mutter geläutert und betrog Isa nie wieder. 

Adventskalender Minikrimi am 22. Dezember


Foro: skeeze

Kreuzfahrt ins Weihnachts-Glück von Lydia Heck

Wo zum Teufel waren ihre schwarzen Seidenstrümpfe? Hatte sie etwa vergessen, sie einzupacken?  Ratlos stand Silvia vor dem Kleiderschrank in der luxuriösen Kabine des Kreuzfahrtschiffes. Genervt ging sie auf ihren Balkon, um eine Zigarette zu rauchen.  Wenigstens das hatte sie durchsetzen können.  Eine Kabine mit Balkon. Die milde Abendluft in der Karibik umstrich ihre nackten Beine. Schöne Beine für eine Endvierzigerin. Dennoch, zum Käpt’n s Dinner brauchte Silvia Strümpfe.  Jedenfalls, wenn sie das atemberaubende Kleid tragen wollte, dass sie für diesen Anlass gekauft hatte. Bodenlang zwar, aber mit einem sehr hohen Seitenschlitz versehen. Die Blicke der Männer wären ihr sicher, dennoch genügte das Kleid der Etikette. Aber mit Strümpfen!

Silvia suchte weiter. Die Balkontür ließ sie offen, damit der widerliche Altmännergeruch abziehen konnte. Wenn das mit dem Verursacher des Geruches doch auch so einfach wäre. Peter, Silvias Mann, war 75 Jahre alt. Dafür war er noch sehr gutaussehend, sogar noch attraktiv – und er wurde regelmäßig jünger geschätzt. Leider hatte Peter im Verlauf der letzten 7 Jahre abgebaut. Eine beginnende Demenz und der Herzinfarkt vor zwei Jahren. Schmal war er geworden und etwas wackelig auf den Beinen. Das fiel zwar nur Silvia auf, aber sie sparte in Momenten trauter Zweisamkeit nicht mit Spott darüber. 

Endlich fand die Strumpfhose und kleidete sich sorgfältig für den Abend an. Man konnte ja nie wissen, wer sonst noch am Tisch des Käpt‘ns sitzen würde. Das schwarze Samtkleid schmiegte sich perfekt an ihren Rundungen. Die schmale Taille wurde durch einen Gürtel inszeniert.  Silvia konnte sich nicht beschweren. Allein die Schönheitsoperationen hatten Peter ein Vermögen gekostet. Aber das war Silvias Bedingung gewesen für die Hochzeit mit einem so alten Mann. Nicht die einzige natürlich.  Teure Kleider, teurer Schmuck, ein Sportwagen, Reisen und ein großes Haus.  Nicht schlecht für eine ehemalige Kassiererin im Feinkostladen. 

Zur Komplettierung ihres Outfits durfte natürlich das Brillantcollier nicht fehlen, das Peter ihr zum letzten Hochzeitstag geschenkt hatte. Der letzte….  Die Idee kam ihr ganz unvermittelt. Was wäre, wenn ein tragischer Unfall ihre Ehe beenden würde? Erst kürzlich hatte Silvia gelesen, dass einige Menschen pro Jahr spurlos während einer Kreuzfahrt verschwanden. Im Meer. Einfach so. Die Leichen wurden meistens nie gefunden. Peter erwartete sie im Speisesaal. Im Smoking machte er immer noch eine passable Figur.  Auch sein Auftreten ließ keine Wünsche offen. Wie von einem ehemaligen Unternehmer nicht anders zu erwarten.  Während des sieben Gänge-Menüs kreisten Silvias Gedanken ununterbrochen um ihren Plan. Sie würde nach dem Essen einen Spaziergang an Deck vorschlagen.  An der Reling dann ein beherzter Schubs. Peter trank zum Essen immer sehr viel Wen. Zu viel, wie Silvia meinte. Und das würde ihr zugutekommen. An diesem Abend allerdings trank Peter nicht. Was Silvia allerdings nicht auffiel. Sie, die normalerweise nie mehr als zwei Gläser Wein zu sich nahm, war so nervös, dass sie fünf Gläser Bordeaux hinunterkippte.

Noch in der Nacht begann eine hektische, aber vergebliche Suche. Das große Schiff wendete mühsam, Strahler erhellten das unruhige Meer, sogar Rettungsboote gingen auf die Suche. Die Passagiere machten in dieser Nacht kein Auge zu. Auch Peter nicht. Aber aus einem anderen Grund. An Schlaf wollte er mit 35 jährigen Geliebten gar nicht denken. Er hatte sie an Bord kennen gelernt. Was danach kam, war ein Kinderspiel.  Den Spaziergang hatte Silvia sogar selbst vorgeschlagen.  Angetrunken, wie sie war, war sie leider über ihr langes, unpraktisches Kleid gestolpert. Und dabei über Bord gegangen. Schade nur um das Collier. 

Pause


Liebe Leser*innen – Weihnachten naht, und wir alle sind ziemlich stark mit den Vorbereitungen beschäftigt. Ich hätte trotzdem auch heute einen Minikrimi verfasst. Aber ich betreue seit vorgestern meine demente Schwiegermutter – spiele grade mit ihr Domino – und das nimmt mir viel Kraft. Abgesehen davon, dass ich ständig déjà-vu- Momente habe (wie sich das Verhalten dementer Personen doch gleicht, in vielem), ruft die Situation in mir Erinnerungen an meine Mutter und an unsere letzte gemeinsame Zeit sehr stark wach.

Ich habe meine Mum mit viel Liebe und Zuwendung gepflegt, und ich bin nach ihrem Tod erstmal sehr krank geworden. Dabei war ich so schwach, dass ich mich nicht aufraffen konnte, an mich und meine Heilung zu denken. All diese wird wieder lebendig.

Dazu die Weihnachtszeit, die wir immer sehr bewusst gelebt und genossen haben. Es ist nicht einfach, grade.

Deshalb heute also kein Krimi. Aber morgen!

Gute Nacht, ihr Lieben!

Adventskalender Minikrimi am 20. Dezember


Foto: suju

Kinderherzen

Wie still es hier war. Auf den leeren Gängen waren die Lichter gedimmt, aus dem Schwesternzimmer tropfte Gelächter. Früher hatte sie sich ein Krankenhaus immer wie einen Bienenstock vorgestellt. Auch nachts. Prima, dachte sie. Muss ich mir keine Ausreden einfallen lassen. 

Um ganz sicher zu sein, blieb sie noch eine Viertelstunde neben Melina sitzen. Schaute auf das blasse Gesicht. Durchscheinende Haut, blaue Adern darunter. Hinter geschlossenen Lidern huschten die Augen hin und her, hin und her. Die Monitore piepsten und leuchteten. Bald war Weihnachten. Sollte eigentlich ein ganz besonderes Fest werden, dieses Jahr. Mit dem größten Geschenk, das sie sich für Melina wünschen konnten: ein neues Herz. Sie war ganz oben auf der Eurotransplant-Warteliste. 

Dann war es soweit. Ein tödlicher Unfall, ein Kinderherz. Aber Melina war erkältet. Nur ein kleiner Infekt. Das ist gleich wieder vorbei, hat sie den Ärzten zu erklären versucht. Darauf können wir nicht warten, sagten sie. Und jetzt lag ein Mädchen aus Burundi auf Zimmer 423. Mit Melinas Herz. Und Melina ging es immer schlechter. Wie ungerecht das war!

Irgendwo knallte eine Tür. Schnelle Schritte auf dem Flur. Vielleicht das Mädchen auf Zimmer 423? Sie setzte sich auf. Kerzengrade. Lauschte angestrengt. Nichts. Und dann flimmerte einer der Monitore neben Melina. Dauerpiepsen. Sie fühlte die Faust im Magen, eisige Angst im Genick. Eine Schwester kam ins Zimmer. Schaute auf den Monitor. Wieder stehengeblieben. Gab ihm einen Stoß. Alles gut. Gehen Sie nach Hause, Frau Vormberg. Schlafen Sie sich aus. 

Schlafen! Also ob sie das könnte. Wann hatten Bernd und sie das letzte Mal geschlafen? Nicht miteinander. Überhaupt. Sicher nicht, nachdem Melina das Herz nicht bekommen hatte. Seit sich ihr Zustand so verschlechtert hatte, dass sie sie ins Krankenhaus bringen mussten, wechselten sie sich nachts an ihrem Bett ab. Aber egal, ob auf Station oder zu Hause: beide dachten nur daran, dass ihre Tochter jetzt vielleicht sterben würde, während ein anderes Kind leben durfte. 

Noch dazu eines aus Afrika! Woher hatte die Familie überhaupt das Geld, um hierher zu kommen? Und Melina das Herz wegzunehmen? Ihr Herz? Wahrscheinlich hatten deutsche Gutmenschen sogar dafür gespendet. Dort unten gab es so viele kranke Kinder, Armut und Krankheit. Selbst schuld, wenn sie das nicht auf die Reihe brachten. Was kamen die hierher? Am Ende sogar noch in Booten. Flugzeugen. Eine Invasion. Abe es traute sich ja kaum einer, was dagegen zu sagen. Nur eine Handvoll ehrlicher Politiker, und gegen die wurde natürlich von allen Seiten gehetzt. Sowas nannte sich dann Demokratie. Und Melina lag in ihrem Bett und wurde immer blasser, ihr Herz immer schwächer. Und wer half ihr?

Draußen auf dem Gang war wieder Ruhe eingekehrt. Leise stand sie auf, öffnete die Tür einen Spalt weit. Schaute hinaus. Keiner da. Leere. Leere und Stille. Sie wusste genau, wo Zimmer 423 war. Hatte immer wieder davorgestanden. Wie nett, dass Sie sich um Maarifa sorgt, wo es ihrer Tochter doch so schlecht geht, sagten die Schwestern. Die hatten keine Ahnung. 

Vorsichtig drückte sie die Klinke herunter. Schloss die Tür hinter sich. Ein Zimmer wie das von Melina. Noch mehr Apparate und Monitore. Fast hätte sie das kleine Gesicht übersehen, vor lauter Kanülen und Schläuchen. Sie wusste, Maarifa lag im künstlichen Koma. Sie würde nichts mitbekommen. 

Sie holte das Kissen hervor, das sie unter ihrem Kittel versteckt hatte. Näherte sich langsam, zielstrebig, Schritt für Schritt dem Bett. Beugte sich über das Kind. Maarifa war wach. Große Augen schauten sie an. Stumm, ohne Angst. Ergeben. Zärtlich.

Sie ließ das Kissen sinken. Sie weinte. Zum ersten Mal seit Wochen. Es schüttelte sie, sie stand am Bett des kleinen Mädchens, unfähig, zu denken. Sie konnte nur fühlen. Schmerz. Ohnmacht. Eine kleine, tastende Hand auf der ihren.

Adventskalender Minikrimi am 19. Dezember


Foto: Polarnacht

Heute noch ein Krimi von meiner Autorenkollegin Mona Moldovan. Sie reist regelmäßig in den hohen Norden. Das Foto ist von ihr. Danke, liebe Mona.

Nordlichter

1.
Ich wache leicht verkatert auf, habe gestern den letzten Rest „Linie“ Aquavit getrunken. Die Flasche habe ich aus Deutschland mitgebracht und sie für ganz besondere Notsituationen aufbewahrt. Wie absurd: Der Inhalt wurde hier in Norwegen hergestellt, zweimal über die „Linie“ (Äquator) verschifft (das soll den besonderen Geschmack verleihen), dann exportiert, dann nach Süddeutschland geliefert, und schließlich in meinem Gepäck über Oslo nach Tromsø und mit dem Schneemobil hierher transportiert, ins Nirgendwo. So eine Flasche bewahrt man für besondere Fälle auf. Gestern war es soweit. Zum Glück ist sie heute leer, weil Alkohol nicht beim Denken hilft; zumindest mir nicht, und ich muss verdammt nochmal denken. Nicht, dass es eilt; bis es taut, wird es Mai. 

Aber gerade das ist auch mein Problem: die Erde und alle Seen, die ganze Welt um mich herum: alles weiß und hart und tiefgefroren. Die Leiche auch. Daher muss ich nachdenken: wie werde ich sie los, sodass niemand sie jemals findet. Wie werde ich ihn los. Wären wir weiter südlich, hätte ich mehr Ideen. Norwegen hat sehr tiefe Fjorde und nicht alle frieren in Winter zu, die wenigsten eigentlich. Näher am Atlantik hätte ich auch keine großen Probleme damit. Aber hier in diese weiße Wüste wird es ungleich schwieriger. Bei minus zwanzig Grad ist es einfach unmöglich, ein Loch zu graben, um einen erwachsenen Mann darin zu beerdigen. Auch, wenn er in den letzten Jahren etwas geschrumpft und abgemagert ist. Ihn in einem See zu versenken kann ich auch vergessen. Ich weiß nicht, wie dick das Eis ist, aber egal ob dreißig Zentimeter oder drei Meter. Es ist auf jeden Fall zu dick. 

2.
Diese verdammte Einsamkeit. Ich habe immer mit der Illusion gelebt, dass es mir nichts ausmacht, alleine zu bleiben. Dass die Einsamkeit sich hier genauso anfühlt wie in den letzten Jahren, wie im Rest der Welt. Aber hier ist sie noch härter, rauer und jetzt absolut endgültig. Ichdenke darüber nach, wie es dazu kam, eigentlich ist es keine komplizierte Geschichte. Die Jahre sind gekommen und gegangen. Wir hatten uns immer weniger zu sagen, und die Liebe ist versickert, das Ende nah, aber nie zum Greifen. Wir teilten eine Wohnung, aber waren irgendwie nie am selben Ort zusammen; wir teilten Erinnerungen, aber nicht mehr die Gegenwart und schon gar keine Pläne für die Zukunft. Die Stille war so laut, dass ich auf die Idee kam, uns für den Winter eine Hütte in Lappland zu mieten, um, weit abseits von Zivilisation, Internet und anderen Ablenkungen, endlich ehrlich miteinander zu sein. Das ist dann leider gründlich misslungen. Oder vielleicht ist es auch gründlich gelungen: Jedenfalls waren wir irgendwann viel zu ehrlich miteinander. Ein Wort ergab das anderen, und irgendwann habe ich mich dann vergessen. Oder gehenlassen? „Provoziere nie eine Frau, wenn sie ein Messer in der Hand hält“, habe ich früher oft gescherzt, ohne zu ahnen, dass daraus irgendwann bitterer Ernst werden würde. Es ist so leicht und ging so schnell. Ein Stich – und dann Stille. Für immer. Ich bin nicht wirklich allein. Sein Körper ist ja noch hier. Aber irgendwie fühle ich mich plötzlich verlassen. Einsam.

3.
Der Wintersturm hat viele Stunden heftig gewütet, aber nun ist es ruhig geworden. Am Vormittag versucht die Sonne, hinter dem Horizont aufzusteigen. Sie schafft es nicht, es ist Polarnacht. Die wenigen Stunden, bis sie aufgibt, sieht der Himmel in allen Nuancen von Pink und Orange wie gemalt aus. Auf einmal weiß ich, was ich tun werde. Es ist ziemlich schwer, aber irgendwie schaffe ich, die Leiche auf dem Schneemobil festzubinden. Ich habe vor, ganz weit zu fahren und ihn irgendwo abzulegen, wo es schön ist und weiß und wo niemand je hinkommen wird. Vielleicht. Hoffentlich. 

Als ich losfahre, ist es schon wieder dunkel. Ich bin bereits lange unterwegs und beginne zu frieren, als ich merke, dass mein GPS nicht mehr funktioniert. Der Akku ist leer oder einfach eingefroren. Der Sturm hat die Wege verschüttet. Die Spuren meines Schneemobils verschwinden in der glänzenden Wüste und ich weiß nun, dass ich die Orientierung endgültig verloren habe. Aber das macht mir keine Angst. Ich fahre lange, ohne Ziel und ohne die Zeit zu beachten, bis mein Sprit fast alle ist, dann halte auf einer Lichtung, oder vielleicht auf einem gefrorenen See, wer weiß das schon. Die Nacht glänzt und funkelt magisch im Sternenlicht. 

Und dann sehe ich die ersten grünen Strahlen am Himmel. Zunächst schwach, wie die Finger einer Zauberfee. Dann eine hellere Flamme, die schnell verschwindet, bevor die nächste erscheint. Bald brennt der gesamte Himmel: tanzende, kalte, atemberaubende Nordlichter überall. Die Luft fühlt sich klar an und hart. Ich bin so müde. 

Es ist so wunderschön.

4.
Als eine raue Hundezunge über mein Gesicht leckt, wehre ich mich fast gegen die Stimmen, die mich ins Leben zurückrufen. In die Verantwortung. 

Adventskalender Minikrimi am 18. Dezember


Foto: hettyvanderzanden

Wisst Ihr, was Clue Writing ist? Genau! Man schreibt eine Geschichte, in der vorgegebene Wörter erscheinen müssen. Meine liebe Freundin Monika hat einen zuweilen beinahe mörderischen Geist – und hat mir folgende „Clues“ geschickt: Windel.   Krampus.   Bikiniunterteil.   Palmen   Gesangbuch     Leopardenfell.   Grünkohl.   Meeresrauschen.   Tangomusik.  Bungee. Sie schrieb dazu, das sei ein ganz und gar ungenießbarer Mix. Hm….. ich wage mich jetzt daran, daraus einen Krimicocktail zu mixen. Live.

Warum Krampus keine Windel trägt

Artemis und Isidora waren Geschwister. Sie lebten in einem Altbau mitten im Münchner Stadtteil Schwabing, ganz in der Nähe des Englischen Gartens. Bis vor einem halben Jahr hatten sie noch in Hamburg gewohnt. Doch dann war ihre Mutter, die bei einer großen Werbeagentur arbeitete, nach München versetzt worden. Meistens wollen Kinder ihr gewohntes Umfeld nur ungern verlassen – ungezählte „Herzkino“-Filme handeln davon, wie sie sich zunächst sträuben, dann durch irgend einen meist dramatischen Umstand neue Freunde finden, Teenager verlieben sich auch oft – und am Ende weinen sie dem Meeresrauschen im hohen Norden und den Palmen in den Szenecafés von Blankenese keine Träne mehr nach und sind ganz versessen auf Bungee-Jumping von einer Isarbrücke.

Artemis und Isidora waren gerne nach München gezogen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Artemis war mit seinen 15 Jahren schon ein in gewissen Kreisen anerkannter Hacker, und einige seiner virtuellen Kollegen lebten in und um München. Die WizKidz von heute gehen viel gelassener mit ihrer Anonymität um, bzw. haben sie längst verstanden, dass nur der keine digitalen Spuren hinterlässt, der so wenige wie möglich macht. Briefe, Telefon und persönliche Treffen sind ihrer Meinung nach bedeutend sicherer als Konferenzen im Netz, ob hell oder „dark“. Für Artemis bedeutete die Veränderung also größere Nähe und kürzere Wege.

Isidora hingegen war einer Zickengang an ihrer Mädchenschule gemobbt worden, und zwar ziemlich übel. Einmal hatten sie ein Bikiniunterteil in ihrem Mathe-Hausaufgabenheft versteckt. Ihr Lehrer, ein junger Typ mit blonden Locken, auf den sie tatsächlich total stand, hatte das Teil mit seinem Kuli aus dem Heft gefischt, sie angegrinst und erklärt: „Meine Freundin trägt nur Badeanzüge.“ Danach war Isidora eine Woche lang nicht zur Schule gegangen, so lange, bis das Thermometer beim Aufheizen auf dem Induktionsherd zersprungen war. Kurz vor den Sommerferien hatten sie ihr die Reifen ihres Fahrrads zerstochen. Nein, Isidora war glücklich, Hamburg den Rücken zuzukehren.

Es gab aber noch einen anderen Grund, weshalb die Geschwister dem Umzug beinahe entgegengefiebert hatten: sie wünschten sich schon seit langem einen Hund. In Hamburg hatten die Eltern immer ein Argument gefunden, um diesen Wunsch abzulehnen: Der Vermieter erlaubte keine Haustiere, weit und breit war kein Park in der Nähe, das Tier wäre den halben Tag alleine gewesen.. Hier in München aber waren die Bedingungen perfekt. Der Altbau mit seinen knarzenden Holztreffen, dem Geruch nach Grünkohl aus der Hausmeisterwohnung und vor allem dem Englischen Garten direkt vor Tür war wie geschaffen für einen Hund. Tatsächlich lebten dort auch schon eine Dogge und eine Katze. Hinzu kam, dass ihr Vater als freier Journalist für den Deutschen Tierschutzbund arbeitete – und das meist von zu Hause aus. Und wenn er mal reisen musste: sein Arbeitgeber konnte schlecht was gegen einen Hund haben! Aber irgendwie schienen die Eltern immer noch nicht mitzuziehen. „Lasst uns erstmal ankommen.“ „Vielleicht zu Weihnachten.“ „Seid Ihr sicher, dass Ihr nicht allergisch seid? Wir lassen Euch lieber erstmal testen.“

Die Geschwister beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und so saßen Artemis und Isidora, Art und Isi, wie sie von ihren Freund*innen genannt wurden, am Esstisch, vor sich eine Zeitung, die sie in ihrem Briefkasten gefunden hatten. „Hallo München“, ein Werbeblatt voller Anzeigen. Vom Bügelbrett über Häuser, Autos, Briefmarken, und erotischen Diensten wurde dort alles angeboten. Und auch Hunde. „Schau mal, Arti, der sieht doch voll süß aus!“ Isi zeigte auf das Foto eines kleinen schwarzen Hundes mit einem weißen Fleck über dem rechten Auge. „Australian Shepherd Welpen, reinrassig. 3 Monate, 250 Euro.“ Soviel hatten die beiden gespart.

Art fand es schon seltsam, dass in der Anzeige kein Name stand, sondern nur eine Handynummer. Als er dort anrief, meldete sich eine Frau in gebrochenem Deutsch. Ja, genau dieser Welpe sei noch zu haben. Natürlich sei mit ihm alles in Ordnung. Er sei ein ganz besonders schöner Hund. Sie verlangte Artis Telefonnummer und sagte, sie würde anrufen, um den Übergabetermin festzumachen. „Ich weiß nicht, mir kommt das komisch vor,“ sagte Artemis. „Wir sollten vielleicht doch liebe erst mit Papi…“ „Nein! Wir ziehen das jetzt durch!“ Isidora konnte für eine Dreizehnjährige sehr bestimmend sein. Und im Grunde wollte Artemis den Hund ja genauso gerne wie sie.

Die Tage vergingen, die Frau rief nicht an. Das Handy war ausgeschaltet. Endlich, am fünften Dezember – ein Anruf. „Hallo? Sind Sie noch interessiert? Dann kommen Sie morgen um 17 Uhr zum Busbahnhof Fröttmaning. Bringen Sie das Geld mit. Dann kriegen Sie den Hund!“

Vor Aufregung konnten Arti und Isi in der darauffolgenden Nacht kaum schlafen. Beide halten im Grunde kein Gutes Gefühl bei der Sache. Arti hatte versucht, herauszufinden, wem die Nummer gehörte. Aber es war natürlich ein Prepaid-Handy gewesen. „Wir ziehen das jetzt durch,“ wiederholte Isi ihr Mantra, während sie am 6. Dezember zum Busbahnhof Fröttmaning fuhren. „Was kann uns schon passieren? Das ist ein Riesen Busbahnhof mit vielen Leuten. Wenn sie uns überfallen, kommt schreien wir einfach.“

Punkt 17 Uhr standen sie am Busbahnsteig. Überall fuhren Autos an und ab – der Busbahnhof ist ein zentraler Treffpunkt für Mitfahrgelegenheiten. Ein schwarzer Mercedes mit getönten Scheiben fuhr langsam die Reihe der Wartenden ab. Das Beifarerfenster wurde heruntergelassen, und eine Frau schaute zu Arti und Isi herüber. „Haben Sie unseren Hund dabei?“ fragte Arti schnell. Die Frau runzelte die Stirn, sagte etwas zum Fahrer des Wagens und dann: „Hund, jaja Hund. Kommen. Da vorne.“ Der Wagen fuhr weiter, bis ans Ende des Bahnsteiges, dort, wo keine Menschen mehr warteten. Arti und Isi rannten hinterher. Atemlos standen sie dann neben dem Wagen. Der Fahrer stieg aus uns öffnete den Kofferraum. In einem Karton mit einem falschen Leopardenfell ausgekleideten purzelten fünf kleine Hunde durcheinander und fiepsten ängstlich. „Da, das ist er!“, rief Isi und wollte in den Karton greifen. „Halt! Zurück!“ befahl der Fahrer. „Gib Geld!“ Arti holte die 250 Euro zwischen den Seiten seines Gesangbuches hervor („Wir haben noch Chor, Mami, sind in 2 Stunden zurück“, hatte er beim aus-dem-Haus-Gehen gelogen) und hielt sie in die Höhe. „Zuerst den Hund!“ Der Mann schnappte sich einen der Welpen und wollte ihn Isi in die Hand drücken. „Nein, das ist nicht unserer. Wir wollen den mit dem weißen Fleck.“ „Geht nicht. Der schon verkauft. Du nehmen diesen.!“ Der Mann wurde ungeduldig. Aber er hatte nicht mit Isis Sturheit gerechnet. „Nein, wir wollen den anderen. Das war so abgemacht,“ rief sie, immer lauter. „Hallo, braucht Ihr Hilfe?“ rief jemand vom Bahnsteig, und jetzt schauten schon mehrere Leute in ihre Richtung. „Dann nix“, murmelte der Fahrer und wollte den Kofferraum zuklappen. Aber Arti griff blitzschnell hinein, nahm das kleine Fellündel in den Arm und rannte los, Isi hinterher. Sie hörten den Fahrer fluchen, denn inzwischen waren ein paar Personen in ihre Richtung gelaufen, um zu helfen oder aus Neugier, egal. Der Mercedes startete mit heulendem Motor und raste davon, aber Arti hatte sich längst Autokennzeichen und Gesicht des Fahrers eingeprägt.

In der U-Bahn nach Schwabing besahen sich Arti und Isi ihren Hund. Schwarz, zerzaust, mit verklebtem Fell und triefenden Augen. „Wir nennen dich Krampus,“ sagte Arti. „Du schaust wirklich aus wie der Gehilfe vom Nikolaus, so finster und zerlumpt.“ Daheim schlichen sie gleich auf ihre Zimmer. Die Eltern waren zu einem Nikolaufdinner eingeladen, und als sie nachts nach ihren schlafenden Kindern schauten, bemerkten sie den kleinen Krampus nicht, der unter Isis Bettdecke lag. Damit er nicht ins Bett machte, hatten die beiden ihm eine Windel angezogen, die sie sich von Jasmin aus dem dritten Stock geliehen hatten. Beziehungsweise von ihrer kleinen Schwester.

Als Isi am nächsten Morgen aufwachte, dache sie, Krampus sei tot. Stocksteif und still lag der kleine Hund im Bett. Auch Arti war klar: das Tier war krank. Es wimmerte leise, und sein Bauch war ganz hart und geschwollen. „Wir müssen ihn zum Tierarzt bringen, und zwar, bevor Mami und Papi aufwachen.“ „Ich glaube, der muss ganz dringend und kann nicht. Wir machen ihm erst mal einen Einlauf.“ Das hatte Mami bei Isi gemacht, als sie mal zuviel Schokolade gegessen hatte. Da sie ohnehin Tierärztin werden wollte, dachte sie, sie können genauso gut gleich mit einer Behandlung beginnen. Und tatsächlich: der Einlauf zeigte seine Wirkung. Bald war die Windel voll. Und mitten in dem weichen Haufen war eine kleine Tüte. In der Tüte glitzerte es verdächtig.

„Na, was wird das? Übt Ihr für die Weihnachtsgans? Das stinkt ja bestialisch.“ Ihr Vater stand in der Tür, angeekelt und fasziniert von dem, was da auf dem Parkettboden lag. Ein kleiner, völlig verwahrloster Welpe, ein Haufen Hundekot – und ein Säckchen mit Diamanten. Das stellte sich natürlich erst später heraus, nachdem Krampus in der Hundeklinik behandelt und die Windel samt Inhalt – ohne Tüte – entsorgt worden war.

Der Tierschutz-Journalist konnte zunächst nicht fassen, dass ausgerechnet seine Kinder mit illegalen Welpenhändlern ins Geschäft gekommen waren. Während er ihnen wieder und wieder erklärte, dass solche Leute die Tiere unter schlimmsten Bedingungen züchten, die meisten Welpen beim Verkauf todkrank sind und das Ganze nicht nur eine furchtbare Tierquälerei, sondern auch noch Geldverschwendung ist, saß Arti schweigend an seinem Laptop.

Schließlich bat er den erstaunten Vater, ihn zur Polizei zu begleiten. Er habe sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Täter in einer Serie von Juwelendiebstählen im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet führen würden, und der Vater könne gleich in Sachen Tierschutz aktiv werden. Dann fragte er die Mutter nach ihrer Kontonummer, auf die die Belohnung später überwiesen werden sollte. „Damit haben wir dann Kost und Logis für Krampus für die nächsten Jahre gesichert. Hundeschule und -sitter inbegriffen“, grinste Arti. „Und für eine CD mit Deiner geliebten Tangomusik ist auch noch was übrig, Mami“; flötete Isi. Die Eltern sahen sich an. Wer konnte solch genialen Kindern schon widerstehen?

Nachtrag: Seither sieht man abends einen Mann und eine Frau Arm in Arm – oder auch Hand in Hand – aus dem Altbau in Schwabing kommen und die Straße in Richtung Englischer Garten bummeln, neben sich an der Leine einen immer größer werdenden, munteren Australian Shepherd. An jedem Baum bleibt er stehen, markiert, dreht sich zu dem Pärchen um, bellt einmal freudig und tänzelt weiter.

Adventskalender Minikrimi am 17. Dezember


Foto: Bessi

Da ich momentan fast jeden Abend beruflich unterwegs bin, bin ich Birgit Schiche SEHR dankbar dafür, dass sie ihre minikriminalistische Ader entdeckt hat! Obwohl ich mit dem Mord an der süßen Katze nicht einverstanden bin….

Nachts sind alle Katzen grau

Die Nacht war vorbei, aber die Dunkelheit klebte noch am Morgen und wollte nicht weichen. Wie es eben so ist in den längsten Nächten des Jahres. Sie ließ sich davon nicht beirren und schlich vorsichtig, ganz vorsichtig durch das tote Laub, damit kein Rascheln sie verriet. Ihr Opfer ließ sie dabei nicht aus den Augen. Still verharrte sie und wartete auf den richtigen Moment. Ihr Opfer war völlig ahnungslos, doch Mitgefühl kannte sie nicht. Ein schneller Sprung, ein Biss, der Tod. 

Millie war eine gute Jägerin. Die getigerte Samtpfote brachte ihrem Herrchen immer wieder Beutetiere als Geschenk mit und legte sie ihm auf die Fußmatte vor der Terrassentür. Auch heute lief sie zufrieden mit der erbeuteten Kohlmeise zurück zu ihrem Zuhause.

„Verdammtes Katzenvieh!“, dachte Cora, die die Szene beobachtet hatte – nicht zum ersten Mal. Sie liebte die Natur und die kleinen Vögel und Eichhörnchen, die sie ganzjährig im hinteren Bereich ihres kleinen Gartens fütterte. Aber so sehr sie die Wildtiere liebte, so sehr hasste sie die Katze ihres Nachbarn, die eine ständige Bedrohung für die Kleintiere war. „Warum kann der Idiot seine Katze nicht einfach im Haus behalten“, schimpfte Cora, „Oder ganz abschaffen – das wäre das Beste!“ 

In ihr reifte eine Idee und für einen Moment lang sah ihre Mimik genauso aus wie vorher die der Katze nach einer erfolgreichen Jagd.

Robert liebte seine Millie, nur auf ihre Liebesgaben in Form toter Tiere hätte er gern verzichtet. Doch das gehört zur Natur der Katzen nun mal dazu, und die Samtpfoten trugen durch ihre Jagderfolge schließlich dazu bei, ein gesundes Gleichgewicht in der Natur zu erhalten, erbeuteten sie doch meistens schwache oder kranke Tiere. Und Millie war die liebste, klügste Katze überhaupt, man musste sie einfach gern haben. Robert dachte so wie jeder Haustierbesitzer und wie jedes Haustier es von seinem Herrchen bzw. Frauchen verdient hat.

Am nächsten Morgen lag keine Liebesgabe vor Roberts Terrassentür, und bis zum Mittag war auch Millie nicht aufgetaucht. Robert machte sich Sorgen. Am Abend fragte er überall in der Nachbarschaft herum, vergeblich. Am nächsten Tag lag seine Katze dann auf der Fußmatte. Tot, ganz steif, und mit Milchspuren rund um das Mäulchen. „Millie, nein!“, ihr Tod traf ihn tief und er weinte lange, bevor er sie in ein schönes Tuch wickelte und hinten im Garten begrub. Jemand hatte Millie vergiftet, das war klar. Und dafür kam auch nur eine in Frage, die immer schon gegen Katzen geschimpft, ja geradezu intrigiert hatte. Die Wut weckte seine Lebensgeister wieder. Damit würde er sie nicht durchkommen lassen.

Die Nacht war vorbei, aber die Dunkelheit klebte noch am Morgen und wollte nicht weichen. Trotzdem war Cora schon wach und ging, nur mit einem altmodischen Plüschbademantel und Pantoffeln bekleidet, nach hinten in ihren Garen, um die verschiedenen Vogelhäuschen mit Futter und Nüssen zu bestücken wie jeden Tag. 

Er ließ sich davon nicht beirren und schlich vorsichtig, ganz vorsichtig durch das tote Laub, damit kein Rascheln ihn verriet. Sein Opfer ließ er dabei nicht aus den Augen. Still verharrte er und wartete auf den richtigen Moment. Jetzt! Cora war abgelenkt und stand mit dem Rücken zu ihm. Er schlich leise wie auf Samtpfoten durch ihre Terrassentür hinein. Der Grundriss glich dem seines Hauses wie ein Ei dem anderen – sie lebten in einer Reihenhaussiedlung. Im Erdgeschoss gab es nur Wohnzimmer und Küche. Cora liebte es, auf ihrem Gasherd zu kochen. Und im Wohnzimmer hatte sie einen künstlichen Kamin, der über eine kleine Gasleitung entzündet wurde, daran konnte sich Robert von seinem ersten und einzigen Besuch noch erinnern. Damals war Cora gerade eingezogen, das musste wohl etwa ein Jahr her sein. Schnell drehte er sämtliche Gashebel auf. Cora würde gleich vor dem Kamin frühstücken, es war schon alles eingedeckt, perfekt. So unsichtbar wie Robert hereingeschlichen war, verschwand er auch wieder. Er würde heute ins Tierheim fahren und einer neuen Katze ein Zuhause schenken.

Blaulichtkegel kreisten und warfen flackernde Lichter an die Wände der Reihenhäuser, als er drei Stunden später zurückkam. Rettungssanitäter und Notarzt kamen gerade aus dem Haus. Der Körper auf der Trage war vollständig bedeckt. Ein Streifenwagen der Polizei traf gerade ein, um mit der Reinigungshilfe zu sprechen, die Cora tot aufgefunden hatte.

Am nächsten Morgen las Robert im Tageblatt, dass sich wieder einmal eine alleinstehende Person in der Adventszeit das Leben genommen hätte. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung nehmen sich tatsächlich relativ wenige Menschen in dieser Zeit das Leben, die meisten Suizide geschehen in der hellen, warmen Saison. Doch die arme Cora starb im Dezember.

„Cora!“, rief Robert einige Wochen später in seinen Garten hinein. Die kleine, dreifarbige Katze kam flink herbeigelaufen. Eine Glückskatze namens Cora, die hoffentlich lange leben würde.

Nebenan zog gerade eine neue Nachbarin in das frei gewordene Reihenhaus ein, die dritte alleinstehende Frau nach Millie Weber und Cora Neuhaus, seit Robert hier wohnte. Ob sie Katzen mochte?