Adventskalender MiniKrimi vom 18. Dezember 2018

Die Falle (LH/MB)

Jolie verkroch sich tiefer in ihren Strickpulli. Gelb, braun und blau, die Farben ihrer Heimat. Wenn ihr jemand gesagt hätte, wie kalt es im Dezember in Deutschland werden würde, hätte sie ihren Eltern vielleicht widersprochen,, als sie sie zum Studieren nach München schicken wollten. Vielleicht aber auch nicht. In Somalia war das Wort der Eltern Gesetz. Zumindest in diesen Kreisen.

Jolie, die Hübsche. Jetzt nicht mehr so hübsch, mit Sorgenfalten auf der Stirn und Gänsehaut am Körper. Sie schob beide Hände unter den Pulli und spürte die Sonne Afrikas auf der Haut. Sie schloss die Augen und sah dieses Licht, roch die Farben, hörte die Stimme ihrer Mutter. „Jolie, ein paar Semester in Deutschland werden Dir gut tun. Dann kannst Du frei wählen, wo Du leben und arbeiten willst. In einer Klinik in Europa, in Amerika oder hier in unserem Krankenhaus.“ Jolies Eltern, beide Ärzte, hatten das genauso gemacht, damals.  Waren von ihren Eltern nach München geschickt worden – und hatten sich dort kennen und lieben gelernt. Jetzt sollte Jolie dorthin. Eliteuniversität – und vor allem eine sichere Stadt.

Bevor Jolie noch tiefer in ihren sehnsuchtsvollen Tagtraum abgleiten konnte, in die Wärme und Geborgenheit ihrer Heimat, wurde sie von der Stimme des Professors in die Realität zurück geholt. Prof.  Meierling war eine echte Koryphäe auf dem Gebiet der experimentellen Hirnforschung. Er hatte durchgesetzt,  dass in München im Fachbereich Medizin interdisziplinäre Vorlesungen eingeführt worden waren. Sehr zum Leidwesen der konservativen Kollegen,  für die Meierling ein esoterischer Spinner war. Der Thema des heutigen Vortrages war  „Haltung versus Ansicht.“ Es ging um den Unterschied zwischen Ansichten und Haltungen in der modernen Gesellschaft. Prof.  Dr. Meierling vertrat die gewagte These, dass Ansichten im Laufe des Lebens erworben wurden und damit veränderbar seien.  Haltungen dagegen seien das Ergebnis von Erfahrungen,  welche irreversibel in den Köpfen der Menschen verankert waren.  Diese konnten, seiner Meinung nach, Generationen zurück liegen .

Gabriele stand missmutig am Fenster ihrer Wohnung im zweiten Stock der Minervastr  89a.  23 Uhr, – und da kam sie wieder.  Diese Schwarze,  wahrscheinlich so ein Flüchtling aus Afrika,  die seit ein paar Wochen eine der Apparthotel-Einheiten bewohnte. Die waren eigentlich für so genannte  Young Professionals gedacht, oder ausländische Studenten aus reichem Elternhaus.  Und nun das. Wohnungsnot hin oder her. Dass das Sozialamt es wagte,  hier für teueres Geld einen Flüchtling einzuquartieren. Mit Sicherheit kam die gerade aus einer Bar, in der sie sich an deutsche Männer ran machte. Oder vom Schichtdienst beim Müllsortieren. Schon Gabrieles Vater hatte ihr eingebläut,  dass die Ausländer an allem Schuld seien und uns eines Tages alles wegnehmen würden, wenn man ihnen keinen Einhalt gebieten würde. Verstanden hatte Gabriele das nicht.  Prof.Dr. Meierling wäre begeistert gewesen.

Dann fasste Gabriele einen Entschluss. In den letzten Tagen hatte der Frost die Stadt in festem Griff gehabt.   Am nächsten Abend,  um 22 Uhr, trat sie, mit einem Eimer Wasser bewaffnet,  den Eingangsbereich der Minervastr.  Um 23 Uhr würde die Schwarze wieder in die Minervastraße kommen, wo sie nicht hingehörte. Und dann würde sie das Ende erwarten, das sie verdiente.

Gabriele ging in die Küche, um sich noch einen Glühwein einzuschenken. Als Belohnung für ihre gute Tat. Der Topf war leer. Sie holte eine neue Flasche, versuchte, sie aufzuschrauben. Irgendwie klemmte der Deckel. Sie griff fester zu – und die Flasche landete auf dem Boden. Sauerei! Gabriele wischte die klebrige Flüssigkeit auf, so gut es ging. Sammelte die Scherben ein. Das Zeug stank erbärmlich. Gabriele wurde schlecht. Luft! Sie nahm die Mülltüte und gibt raus zu den Tonnen. Und rutschte auf der spiegelglatten Fläche aus,  die sich auf  den Marmorstufen der Minervastr gebildet hatte. Knallte mit dem Hinterkopf auf den Marmor und war sofort tot.  Die Falle hatte funktioniert.

Als Jolie kurz vor Mitternacht aus der Unibibliothek nach Hause kam, wo sie sich auf die morgige Vorlesung von Prof. Meierling vorbereitet hatte, fand sie eine fremde Frau tot auf dem Weg vor dem Eingang. Sie konnte ihr nicht mehr helfen. Aber nach diesem Erlebnis wusste Jolie, dass sie in München bis zu Ende studieren würde. Sie würde Ärztin werden.

Adventskalender MiniKrimi vom 17. Dezember 2018

Ruhebereich

7.30 Uhr Claas Teuffel wird von seiner Tochter Merle mit einem nassen Waschlappen geweckt und merkt, dass er verschlafen hat.

8.05 Uhr Nachdem er seine Tochter auf dem Rücksitz festgeschnallt und den Schlitten für den Rodelausflug im Kofferraum verstaut hat, stellt er fest, dass der Wagen nicht anspringt. Sein Sohn hat vergessen, das Abblendlicht auszuschalten. (Und Claas Teuffel hat 2 Monate lang, den Wagen zur Werkstatt zu bringen, um die Abschaltautomatik zu reparieren).

8.30 Uhr Claas Teuffel ist von der Schule zurück und versucht, den Termin heute um 15.30 Uhr in Dresden auf morgen zu verschieben. Im Sekretariat seines Geschäftspartners verspricht man ihm, umgehend zurückzurufen, sobald man die Terminverschiebung geklärt hat.

9.30 Uhr Claas Teuffel ruft erneut in Dresden an und erfährt, dass der Termin nicht verschoben werden kann. Im Sekretariat entschuldigt man sich nicht mal dafür, dass man vergessen hat, ihm „umgehend“ Bescheid zu sagen.

90.40 Uhr Er setzt sich mit einem doppelten Espresso an den Computer, um sich eine Zugverbindung rauszusuchen.

10 Uhr Er hat immer noch keinen Zug gebucht, ist fünf Mal direkt vor dem Bezahlen rausgeflogen und erhält jetzt die Information, dass alle in Frage kommenden Züge ausgebucht sind, Bis auf einen. Dort gibt es noch einen einzigen Platz im Ruhebereich 2. Klasse.

10.45 Uhr Claas Teuffel sitzt im Abteil. Er hat seine Frau, die ausgerechnet heute den ganzen Tag in einer Gerichtsverhandlung ist, nicht erreichen können und hofft, dass seine Tochter Merle am Nachmittag von der Mutter ihrer Freundin mit nach Hause genommen wird, wenn sie merken, dass keiner zum Abholen kommt. Jetzt versucht er, ihr eine Whatsapp-Nachricht zu schreiben, aber er hat im ICE kein Netz.

11 Uhr Sein Telefon klingelt. Merles Schule. Er geht so schnell wie möglich ran und flüstert „Moment“. Sein Gegenüber wirft ihm einen bösen Blick zu und deutet mit spitzem Zeigefinger auf die Aufschrift „Ruhebereich“. Im Gang bespricht er mit der Lehrerin, wo Merle den Schlitten versteckt haben könnte, weil sie keine Lust auf den Rodelausflug hat.

11.30 Uhr Sein Telefon klingelt wieder.  Merles Schule. Er springt aus dem Sitz, murmelt „Entschuldigung“, aber sein Gegenüber und der Sitznachbar zischen wie aus einem Mund „Ruhäää!“ Im Gang erfährt er von der Lehrerin, dass der Schlitten wieder aufgetaucht ist.

12 Uhr Claas Teuffel hat sein Handy auf lautlos gestellt und geht in seinem MacBook die Tagesordnung für das Meeting durch. Weil er vergessen hat, den Lautsprecher abzustellen, ertönen zu Beginn der Präsentation laut die Eingangsakkorde von Richard Strauß’s Zarathustra.

Sein Gegenüber, der Sitznachbar und die Reisenden auf den Plätzen jenseits des Ganges brüllen alle lautlos „Ruhääääääää.“ „Gennse nisch läsn?“, flüsssstert eine blasse Dame in höchster Entrüstung über den Rand ihres Magazins „Reisen und Heilen“ hinweg.

13 Uhr Class Teuffel ist eingenickt. Er träumt, dass ihn sein Gesprächspartner mit einer seidenen Krawatte erwürgt, weil er zu spät zum Meeting gekommen ist. Das Gefühl ist unerträglich. Er reißt die Augen auf: sein Gegenüber hat ihn am Hemd gepackt und schüttelt ihn. Auf dem Holztisch leuchtet sein Handy und hat durch die Vibration den Tisch in melodiöse Schwingungen versetzt. 

Er geht in den Gang und sieht, dass seine Frau versucht hat, ihn zu erreichen. Als er sie zurückruft, ist wieder nur die Mailbox dran. Die Gerichtspause ist vorüber.

13.30 Uhr Er hat unbändigen Hunger, da er weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen hat. Als e in seine Manteltasche greift, um seinen Geldbeutel zu holen, ertastet er Merles Pausenbox, die sie dort versteckt hat, weil sie nicht mag, was ihre Mutter ihr einpackt. Er öffnet die Box: Möhren und Selleriesticks. Egal. Claas Teuffel hat unbändigen Hunger. Er steckt sich ein Selleriestange in den Mund und beisst ab, und dazu noch ein großes Stück Möhre. In der Stille des Ruhebereichs klingt sein Kauen wie eine Explosion.

13.35 Uhr Claas Teuffel versucht verzweifelt aber vergeblich, sich gegen die vier, sechs, zehn Paar Hände zu wehren, die ihn packen und gnadenlos durchs Abteil zerren. „Hilfeee“ ruft er, erhält aber als Antwort nur gezischte Beleidigungen: „Ruhestörer“, Stille-Attentäter“, „Seelenfriedensmörder“ usw.

13.40 Uhr Der ICE 6790 Michael Kohlhaas von München nach Leipzig fährt durch Jena, als eine Wagentür aufgerissen und etwas auf den Bahnsteig gestoßen wird. Ein kleiner metallener Gegenstand segelt hinterher.

13.41 Uhr Ein herbeigeeilter Reisender, der auf den Regionalzug von Jena nach Erfurt wartet, entdeckt den blutenden Mann auf dem Bahnsteig. Neben diesem klingelt ein Handy. Er hebt es auf und geht dran, während er gleichzeitig seinen Finger an den Hals des Mannes hält. „Hallo, hallo? Claas, kannst Du mich hören? Ich kann jetzt sprechen“, ruft eine Frauenstimme. „“Hallo? Nein, der kann sie nicht hören. Auch nicht sprechen. Der ist tot“, sagt der Reisende ins Telefon. 

Adventskalender MiniKrimi vom 16. Dezember 2018

 

 

 

 

 

 

Letzte Ausfahrt Chemnitz (II)

Kurz vor München werden die Reisenden von einem sintflutartigen Gewitter überrascht. Binnen Minuten ist die Autobahn mit Hagelkörnern übersät, die Scheibenwischer kommen gegen den prasselnden Regen nicht an. Aber die beiden Frauen wollen nicht anhalten, sie haben es plötzlich eilig, weiterzukommen. Und dann müssen sie ja auch noch Alina absetzen. „Bist Du sicher, dass Du nicht mit zu uns kommen magst?“, fragt eine der Frauen aus weiblicher Solidarität heraus. Dabei wirft sie ihrer Freundin verstohlen einen gequälten Blick zu, der Alina dennoch nicht entgeht. „Nein, nein. Passt schon,“ sagt sie betont forsch. Und begeht damit den zweiten Fehler.

Das Auto ist alt und hat kein Navi, geschweige denn die Möglichkeit, ein Smartphone aufzuladen. Die Gegend des Treffpunkts ist allen drei Frauen gänzlich unbekannt. Irgendwo im Münchner Norden, halt. Der unaufhörlich niederprasselnde Regen tut ein übriges – sie irren umher, alle drei todmüde und angespannt. Schließlich hält es Alina nicht mehr aus. „Wenn wir die Straße in fünf Minuten noch nicht gefunden haben, lasst Ihr mich am besten raus. Weit kann es nicht mehr sein.“ „Kommt gar nicht in Frage,“ sagt die Fahrerin, Hoffnung in ihrer Stimme. „Wir müssen gleich da sein.“ Und richtig sehen sie durch den Regenschleier weiter vorne am Straßenrand undeutlich Leute stehen, die ganz offensichtlich warten. Ein Wagen fährt an ihnen vorbei, hält vorne an, ein Mensch beugt sich zum Beifahrerfenster, öffnet dann die Tür, steigt ein, und der Wagen fährt weiter. „Gottseidank“, murmelt die Freundin der Fahrerin.  Und sagt dann, schuldbewusst, „warte, ich helfe Dir noch mit dem Gepäck.“ Aber da ist Alina schon draußen, hat ihren Rucksack geschultert, ruft den beiden ein „Danke für alles!“ zu und ist schon nach wenigen Schritten im Regen verschwunden.

Langsam fahren die beiden weiter, vorbei an wartenden Frauen und Männern. Einige winken ihnen zu, eine springt ihnen sogar fast vor’s Auto, starrt sie an, ruft „Mensch Alte, verpisst euch“ und macht dazu eine eindeutige Handbewegung. „ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Treffpunkt ist,“ sagt die Fahrerin und: „meinst Du, wir sollen umdrehen?“ Aber da springt ein junger Mann auf sie zu und schlägt mit der Faust kräftig auf*s Autodach. Die beiden erschrecken und fahren davon.

Inzwischen ist Alina an den Reihen der Wartenden entlanggelaufen, begleitet von mürrischen Blicken und bösen Zurufen. Endlich fragt sie eine Frau in einem orangefarbenen Lackmantel: „Wo kann ich am besten auf die Mitfahrgelegenheit nach Chemnitz warten?“ Die Frau starrt sie kurz an, dann bellt sie statt eines Lachens und zeigt mit der brennenden Zigarette nach vorne. „Da an der Kurve. Wenn da einer anhält, kannste fragen, ob der dich nach Chemnitz fährt.“ „Jetzt, um diese Zeit?“ „Klar, jede Zeit ist gleich gut, hier, Kleine.“

Tatsächlich steht Alina noch gar nicht so lange, sie ist allerdings schon völlig durchnässt, als ein Wagen langsam auf sie zufährt. Eine dunkle, komfortabel aussehende Limousine. Sogar die Scheiben sind schwarz. Der Fahrer kurbelt das Fenster herunter und Alina fragt zögernd: „Entschuldigung, fahren Sie vielleicht nach Chemnitz? Eigentlich sollte ich erst um sechs abgeholt werden, aber wenn Sie den gleichen Weg haben?“ Der Fahrer mustert sie ausgiebig von oben bis unten. Dann sagt er bedächtig: „Nach Chemnitz? Na klar. Warum willst Du noch warten? Mit mir ist es bestimmt tausendmal besser.“ 

Alina steigt ein. 

Erst einen Monat später wird in einem kleinen Wäldchen unweit des Straßenstrichs an der Ingolstädter Straße eine weibliche Leiche gefunden. Den Verletzungen nach zu urteilen stammt der Mörder aus dem SM-Milieu. „Wir warnen die Prostituierten davor, sich in der SM-Kurve aufzustellen, aber leider werden unsere Warnungen offensichtlich immer wieder missachtet,“ so der Polizeisprecher auf Anfrage. 

Adventskalender MiniKrimi vom 15. Dezember 2018

Ein Großstadt-Krimi von/mit meiner Autorenkollegin Lydia Heck.

Alles Bio, oder was?

Das Haus in der Minervastraße 89a ist die von einem hochdekorierten und entsprechend gut bezahlen Architekten entworfene Antwort auf das Problem der Flächenversiegelung in München.  Der dringend benötigte Wohnraum muss in die Höhe gebaut werden! 6 Stockwerke mindestens! Allerdings kollidierte dieser Plan mit dem in der Stadt ebenfalls existierenden Hochhausverbot im Innenstadtbereich.

Genau diese Lage aber sollte das Projekt Minervastraße 89 für eine exklusive Käufer-Klientel attraktiv machen.  Die Lösung des Dilemmas:  eine Wohnlage nicht ganz in der Innenstadt, dafür aber eingebettet in einen parkähnlichen Garten, umfriedet mit einer mannshohen Mauer und ausschließlich den Bewohnerinnen und Bewohnern zugänglich.  Als I-Tüpfelchen war im letzten Jahr noch ein großer Naturschwimmteich hinzugekommen, in und an dem die Bewohner der Hausnummer 89a den Jahrhundertsommer gerne und ausgiebig  gefeiert hatten.

Dies alles musste natürlich den Neid der Anwohner hervorrufen. Sie wandten sich an die Stadt, sie wandten sich an das Land. Und fanden, kurz vor der Landtagswahl, schließlich Gehör.  Und so flatterte den Eigentümern in der Minervastraße eines Tages ein hoch offizielles Schreiben in den Briefkasten mit der Mitteilung, sie hätten einen Großteil ihres schönen Gartens gegen eine Entschädigung  an die Stadt abzutreten.  Auf diesem Grund sollte, sozusagen als Gegenmaßnahme zur in vielen Stadtvierteln erfolgten Gentrifizierung,  eine Siedlung mit Sozialwohnungen entstehen.

Die Minervastraße stand Kopf. Natürlich hatte niemand etwas gegen  gegen soziale Randgruppen.  Im Gegenteil,  jetzt kurz vor Weihnachten spendete man großzügig.  Aber die Vorstellung,  diese Menschen bald direkt vor der eigenen Haustür, im eigenen Garten zu haben – nein, das ging dann doch zu weit.

Auf einer kurzfristig einberufenen Eigentümerversammlung entstand der rettende Plan: Naturschutzgebiet.  Der Garten musste zum Naturschutzgebiet erklärt werden.  Das hatte schon des öfteren in München funktioniert. Man einigte sich auf eine vom Aussterben bedrohte Tierart, den Feuersalamander.  Er sollte in einer mondlosen Nacht in der Minervastraße ausgesetzt werden.

Zur Umsetzung des Planes kam es jedoch nicht.  Am darauffolgenden Mittag durchschnitt ein gellender Schrei die Ruhe des Münchener Vorortes. Katharina,  die Mutter der fünfjährigen Leni, sah fassungslos aus dem vierten Stock hinunter zum Badeteich, wo der leblose Körper ihrer einzigen Tochter leise auf dem vom Dezemberwind gekräuselten Wasser schaukelte.

Die Obduktion des Kindes ergab Atemstillstand nach Kontakt mit dem Gift einer Gelbbauchunke. Das giftige Hautsekret ruft in der Regel keine größeren Schäden hervor. Empfindliche Personen oder kleine Kinder können allerdings stärker reagieren. Das geschwächte Immunsystem der kleinen Leni, die gerade von einer Grippe genesen war,  hatte der Unke nichts entgegenzusetzen gehabt. Wie der Feuersalamander auch, ist die Gelbbauchunke ein Lurch, der in Deutschland vom Aussterben bedroht ist. Sie bevorzugt Lebensräume mit Teichen und Tümpeln. Damit war das Problem gelöst. Aus dem Badeteich wurde auf sofortigen Beschluss der unteren Naturschutzbehörde ein Biotop.  Die drei Gelbbauchunken im Garten sorgten dafür,  dass alles so blieb,  wie es war.

Dafür spendeten die Hausbewohner in diesem Advent deutlich mehr als in den vergangenen Jahren.

Adventskalender MiniKrimi vom 13. Dezember 2018

water-lily-2125043__340

Drum prüfe, wer sich ewig bindet….

Es gibt wohl kaum ein Paar in der Minervastraße 89, über das so viel geredet wird wie über Salomé und Freddi Schlicht. Das liegt natürlich zum Teil daran, dass sie die mit Abstand teuerste Wohnung im Haus gekauft haben – sie erstreckt sich über 2 komplette Etagen mit vier über Treppen verbundenen Terrassen. Das heißt, Salomé hat sie gekauft und, so will es die Hauslegende, auch noch bar bezahlt. Das allein ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Gerüchteküche, und die brodelt, glauben Sie mir, in noblen Quartieren genauso wie in  sozialen Brennpunkt. 

Es ist aber noch ein anderer Umstand, der Salomé und Freddie zu begehrten Klatschobjekten macht, und das ist ihr beträchtlicher Altersunterschied. Salomé sieht aus wie eine gut erhaltene Fünfzigjährige, aber tatsächlich ist sie weit über 60. Freddie hingegen ist grade mal Ende zwanzig. Muskulös, durchtrainiert, knackig. Wenn man bedenkt dass die beiden schon 2 Jahre verheiratet sind, fragt man sich natürlich unwillkürlich…… warum?

Dazu müssen Sie wissen – und dieses Geheimnis kennt in der Minvervastraße 89 niemand – , dass Salomé ihren durchaus beträchtlichen Reichtum mit einer Reihe von Bordellen erworben hat. Sie hat mit knapp 17 selbst als Bordsteinschwalbe angefangen und sich dann zielstrebig nach oben gearbeitet, gespart, gekauft, gemanagt, protegiert. Junge Mädchen, junge Männer. Und hat immer mal wieder einen jungen Menschen gerettet, vor dem Absturz in die Drogen oder in die Kriminalität. In ihren Etablissements waren alle Angestellten clean.

Freddie wäre heute ohne Salomé entweder tot oder im Gefängnis. Aber es gibt Tage, da ist er nicht sicher, worin sich der goldene Käfig, in dem er hier lebt, vom einem Strafgefängnis unterscheidet. Denn Salomé lässt ihn jeden Tag spüren, dass sie für seine Rettung Dankbarkeit erwartet – und unbedingten Gehorsam. Tag und Nacht…….

Vom Frühstück am Morgen über ausgiebige Massagen am Nachmittag bis zum frisch zubereiteten Abendessen reichen Freddies Pflichten. Tagein tagaus. Zu seinem Glück ist er ein kreativer und passionierter Koch, so dass ihm zumindest diese Pflicht auch Vergnügen bereitet.  Was Salomé dazu bewogen hat, ihm in einem großzügigen Moment einen Kurs „Kundalini kochen“ bei dem Sternekoch und Shootingstar der exotischen Küche, An Lee, zu schenken. Seitdem lodert in Freddie die Leidenschaft. Wofür auch immer….

Heute  soll es endlich soweit sein. Freddie wagt sich an An Lees kunstvollste Kreation. Er hat den Esstisch besonders liebevoll dekoriert, Lotusblüten, schwimmende Kerzen und Räucherstäbchen verzaubern die Wohnung. Er zelebriert das Essen wie einen Tanz und reicht Salomé jede Schale mit einer tiefen Verbeugung. Sie lächelt aus kohlschwarzen Augen. Er lächelt zurück. Sie essen. „Die Erdnüsse hast Du aber weggelassen, mein Liebling?“ „Natürlich, Salomé, ich will Dich doch nicht vergiften!“ Er folgt jeder Bewegung, mit der sie den Löffel zum Munde führt. Folgt ihr so lange, bis sich sein Magen verkrampft, bis er sich am Boden krümmt und schließlich reglos liegen bleibt.

Arsenvergiftung, stellt der Pathologe fest. Salomé scheidet als Täterin aus, denn beide haben genau das gleiche gegessen, wie die Überwachungskamera („Die läuft eigentlich nur nachts, Freddie muss vergessen haben, sie auszuschalten“)  eindeutig beweist. Und ihr geht es gut, abgesehen von ein paar unangenehmen Auswirkungen einer leichten Erdnussintoleranz (Seit Freddie seine Liebe für’s Exotische entdeckt hat, hat sich Salomé in aller Stille einer intensiven Desensibilisierung unterzogen. Sicher ist sicher).

Als die Polizei der Gründlichkeit halber die Wohnung durchsucht, fehlt in Salomés Bibliothek Dorothy Sayers Beststeller „Strong Poison“. Sicher ist eben sicher.

Adventskalender MiniKrimi vom 12. Dezember 2018

christmas-market-1864241__340

Was ist nur aus Deutschland geworden?

„Soweit sind wir jetzt schon. Weihnachten haben die uns komplett kaputt gemacht.“ Kopfschüttelnd betrachtet Elfriede das Video, das ihre Freundin Alma ihr auf WhatsApp geschickt hat. Zu den Klängen von Stille Nacht spulen sich Bilder von 60er Jahre Weihnachtsmärkten ab, Kinder in schwarzweiß strahlen Zuckerwatte an, der Kölner Dom leuchtet. Dann Szenenwechsel, Flammen und Heavy Metal, während ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz rast. „Raus mit dem Pack!“, murmelt Elfriede vor sich hin, während sie ihre ganze Wut auf den Vorwerk VT 300 überträgt und dabei die Schiekraftregulierung des Saugwischers durcheinanderbringt. 

„Hallo, Elfriede, bin wieder da! Möchten Sie einen Kaffee?“ „Hallo Karim, nee. Nen Latte.“ Elfriede reinigt zweimal die Woche die Maisonette-Wohnung des Herzchirurgen Dr. Karim Abdelkader im Dachgeschoss der Minervastraße 89. Für 20 Euro die Stunde, schwarz. Das kollidiert mit ihrem Hass auf „die Ausländer“ ebensowenig wie der italienische Latte Macchiato, den Karim ihr auf einem Silbertablett serviert, mit zwei Stück Würfelzucker und vier Giottokugeln. Während der Kaffeepause erzählt Elfriede, was sie sich von ihrem Mann zu Weihnachten wünscht: einen Urlaub auf Ibiza nächstes Jahr, und was sie ihrem pubertierenden Sohn schenken wird: das neue Egoshooter Computerspiel (eigentlich ab 18)  und einen Paintball-Nachmittag mit Freunden. 

Karim hört zu und lächelt. Er ist höflich, und Elfriede putzt gut und will nichts Privates von ihm wissen. Jedenfalls nicht im Gespräch.

Auf dem Weg nach Hause macht Elfriede einen großen Bogen um den Weihnachtsmarkt am Rotkreuzplatz. Obwohl ihr schon auf der U-Bahn-Treppe ein verführerischer Duft nach gebrannten Mandeln entgegenweht und ihr Bus erst in zehn Minuten kommt. An der Haltestelle rempelt sie eine junge Frau mit Kopftuch und Kinderwagen an, aus Versehen, aber sie entschuldigt sich nicht. Murmelt stattdessen wieder: „Raus mit dem Pack.“ 

Daheim schreibt sie in die Timeline ihres Sozialen Netzwerks, dass sie heute nicht auf den Weihnachtsmarkt gegangen ist, weil „eine verdächtige arabische Frau mit Kopftuch und Kinderwagen“ ihr Angst gemacht hat. „In dem Wagen hätte ne Bombe sein können, man weiß ja nie, heutzutage. Was ist nur aus Deutschland geworden. Kein Verlass mehr auf die Polizei. Früher hätten die solche Leute sofort verhaftet und postwendend über die Grenze geschickt.“

Einer der vielen zustimmenden Kommentare auf ihren Post lautet: „Früher, da herrschte noch Recht und Ordnung bei der Polizei. Da ham die mit Ausreisepflichtigen kurzen Prozess gemacht.“ „Ja genau, Scheiß Polizei. Alles Merkels Schuld“, pflichtet ein anderer bei. Elfriede fühlt sich bestätigt. Es wird Zeit, dass Deutschland wieder ein Rechtsstaat wird. Die Ausländer müssen raus. Oder ins Gefängnis. Solange, bis sie ausgewiesen werden.

Am nächsten Morgen klingelt es Sturm. Draußen ist es noch dunkel. Elfriedes Mann brummt unwirsch: „Geh nachschauen, das hört sonst nie auf.“ Im Morgenmantel öffnet sie die Tür. Und steht dem funktionierenden Rechtstaat gegenüber, der sie vorschriftsmäßig in Handschellen abführt. Im Vernehmungsraum des Polizeipräsidiums wird ihr Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Sie soll einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Rotkreuzplatz geplant haben. Und den Mord an der internationalen Herz-Koryphäe Dr. Abdelkader. 

Elfriede verneint. Elfriede schreit. Elfriede weint. Schließlich beschimpft sie die Polizei. Den Rechtsstaat. Ihr Pflichtverteidiger sieht die Polizeiakten ein – alles bestätigt, mit Zeugenaussagen und allem drum und dran, sogar mit konspirativen Fotos. „Am besten, sie geben alles zu. Das macht dann vor Gericht einen guten Eindruck.“

Inzwischen hat in den sozialen Netzwerken der Shitstorm gegen Elfriede schon begonnen. Nestbeschmutzerin ist noch das netteste, womit ihre Freunde vom rechten Rand sie beschimpfen. 

Erst nach Monaten in U-Haft klärt sich die Sache. Ihr Sohn hatte die Nase voll von EgoShootern und wollte sich mal als Hacker ausprobieren. Seine Mutter nervte ihn, und ein paar Monate ohne sie stellte er sich richtig cool vor. Als er keine Wäsche mehr hat, Kühlschrank und Tiefkühltruhe lange leer sind und der Vater zur Nachbarin gezogen ist, geht Kevin missmutig zur Polizei und gesteht die selbst gebastelten „Fake News.“   

Elfriedes Glaube in den Rechtsstaat und seine Exekutive ist wiederhergestellt. Irgendwie. Oder so. 

Adventskalender MiniKrimi vom 11. Dezember 2018

smarthome-3750136__340

Der MiniKrimi von heute stammt aus der Feder einer Literatur-Debütantin, L. Na, ist ihr kriminalistisches Coming out gelungen?

Home, Smart Home.

„Nein, nein, nein!“ Miriam schrie aus Leibeskräften und schlug dabei auf ein Kissen ein. Immer wieder.

So hatte sie es in der Therapie gelernt,  die sie seit einem Jahr wegen Ihrer Angststörung machte. Keine simple Spinnenphobie, nein. Eine generalisierte Angststörung, deren Ursache in einer starken Verlustangst begründet war. Im Zusammenspiel von Therapie und Psychopharmaka konnte sie in den letzten Monaten ein fast normales Leben führen.  Und zum ersten mal seit langem abends ausgehen. Sie genoss diese Normalität. Endlich so tun können, als sei sie eine von denen, die sich da auf der Tanzfläche drehten. Die an der Bar saßen und tranken und redeten. Sogar ihre Mutter begegnete ihr kaum noch, weder auf der anderen Straßenseite noch hinter den Scheiben einer U-Bahn.

An einem dieser Abende hatte sie ihn kennengelernt, David. Gutaussehend, erfolgreich. Unternehmensberater. Zuerst dachte Miriam, sie sei für ihn nur ein Spielzeug, Abenteuerfrau für eine Nacht.  Sie,  die Verrückte, die Verkäuferin in einem großen Modehaus.  Normalerweise begegnete sie Männern wie David ausschließlich an ihrem Arbeitsplatz, wenn sie in Begleitung einer wunderschönen Frau in ihre Abteilung kamen. Sie schauten dann mehr oder weniger gelangweilt auf die Displays ihrer Smartphones,  während Miriam den Damen die neueste und teuerste Kollektion schmackhaft zu machen versuchte.  Sie war gut im Umgang mit der Jeunesse Dorée – und für einen fünfstelligen Umsatz. Nach ein, zwei Stunden Modeberatung landete unweigerlich die Kreditkarte des Begleiters im Kartenleser.

Eigentlich hätte Miriam es ahnen müssen,  aber die Psychopharmaka in Kombination mit dem Alkohol hatten sie im wahrsten Sinne des Wortes leichtsinnig gemacht.  Leicht und sinnig. Sinnlich. Die auf die erste Begegnung mit David folgenden Wochen waren die schönsten ihres Lebens.  Und nun das. Ungläubig sah sie noch mal auf die SMS. Zum hundertsten Mal. Mit einer SMS abgefertigt.  Verlassen. Weggeworfen.  So, wie ihre Mutter sie damals in einem Einkaufszentrum zurück gelassen hatte. Einfach so. Und danach jeden Kontakt zu ihr vermieden hatte.  Bis heute. Sie nahm all ihren Mut zusammen und bat David telefonisch um eine letzte Aussprache, bei ihm, in der noblen Minervastr 89a. Er, offenbar irgendwie geschmeichelt durch ihre Anhänglichkeit, sagte ja.
Auf dem Weg zum Aufzug sah Miriam plötzlich ihre Mutter. Sie ging Richtung Ausgang, und als Miriam sie rief, rannte sie schnell zur Tür und löste sich auf. Eine Fata Morgana.

Die Aussprache endete im Bett. Miriam verabschiedete sich für immer von David und verließ die Minervastraße. David begab sich,  nur in Unterhose, auf seinen Balkon, um eine Zigarette danach zu rauchen.  Eiskalt, heute! Minus 10. Brrrrrr.

Von unten schaute Miriam hinauf. Neben ihm sah sie wieder ihre Mutter. Ebenfalls rauchend. Wie war sie nur raufgekommen. Egal – zwei Fliegen mit einer Klappe!

David ließ sich Zeit mit der Zigarette. ihm blieben von 5 Minuten,  bevor die Programmierung in seinem Smart Home, die Rolläden vor dem Balkon bis zum nächsten Morgen herunter lassen würde. David spürte die Kälte nicht. Im Gegenteil. Ein wenig Abkühlung konnte nicht schaden nach diesem hitzigen Liebesakt. Plötzlich hörte er im Rücken das Geräusch des Rolladens. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen,  was geschehen war. Und dann konnte er es nicht glauben.

Miriam,  dieses Miststück von einer durchgeknallten Verkäuferin. Sie musste die Zeitschaltuhr für die Rolläden in seinem Smart Home  verstellt haben, während er im Bad war. Unglücklicherweise waren die Nachbarn vom Balkon gegenüber grade auf den Malediven. Und lautes Schreien wurde in der Minervastraße  aus Prinzip überhört.