Adventskalender 2.0: 6. Dezember.Wild Turkey.

„Prima. Hast du n Vorschlag? Ich bin neu in der Gegend und kenn mich noch nicht wirklich gut aus“. Franck schaut mich an, als wolle er den Schneemann zum Schmelzen bringen, der hinter meinen Augen lauert. Dabei brennen tief in mir drin schon alle vier Adventskerzen. Und das völlig grundlos. Bleib auf dem Teppich, Süße. Da ist einer einsam – noch einer! – und hat keinen Bock, allein zu Abend zu essen. Mehr nicht. „Da gibt’s nen guten Griechen an der Ecke“, sage ich und schiebe mit der Fußspitze drei Schneekörner vor mir her. „Die haben auch Huhn und so“. Keine Ahnung, warum ich das erwähne. Der Typ sieht eher nach Schweinshaxe aus als nach Cesars Salad, wenn überhaupt.  „Grieche klingt doch gut. Kriegen wir wenigstens was für unsere Finanzspritzen.“ Hmmm, ich schon, denke ich. „Ich muss mich noch schnell umziehen und  Geld holen“, sage ich. „Treffen wir uns in einer halben Stunde?“ „Ich hab ne bessere Idee,“ antwortet Franck. „Ich begleite dich nach Hause, trag deine Tüten und helfe dir dabei, dein Kind ins Bett zu bringen“. „Welches Kind?“ frage ich. Dann lachen wir beide. Aber bevor ich was antworten kann, z.B. Nee ich zeig dir lieber nich gleich wo ich wohne, ist er losmarschiert. Genau in meine Richtung………

Adventskalenderkrimi 2.0: 5.Dezember.Niko.Läuse.

Schwarz getönte Scheiben werden runtergekurbelt. „Hey Alter“, ruft eine Stimme mit südlichem Zungenschlag. Keine Reaktion auf dem Parkplatz. „HEY, Alter“. Nochmal. Ich schaue Franck ins Gesicht. Er schaut mir ins Gesicht. Grinst. Breit. „Ehm, meinen die vielleicht dich?“ frage ich ihn. „Die wer?“ fragt er zurück. „Na die da im schwarzen Wagen.“ „Du bist ja echt ne Sahneschnitte. Ein fiktives Baby daheim, Ebbe im Portmonnaie, dafür aber Fantasie für ne ganze Fußballmannschaft“. „Ich glaube, die hams mehr inner Hose als im Hirn“, kommentiere ich säuerlich. Dann fällt mir ein: „Oder…spielst du…?“ „Hey Alter bistu taub?“ Ein Bushidoverschnitt hat sich aus dem schwarzen Wagen herausgefaltet und vor uns aufgebaut. Spätestens jetzt müsste ich dringend heim aufs Klo. Leider sind meine Füße mit dem Betonboden verwachsen. Franck reißt den Kopf hoch, aggressiv wie ein Kampfhahn. „Willste was von mir, hey, du?“ Und schiebt seine Schultern in Richtung Bomberjacke. Der Typ ist doppelt so breit wie er, das kann nicht gut gehen. Oder? „Sorry, Kumpel, nix passiert. Hab disch verwechselt. Schön Abend noch“. Dabei wandert ein lasziver Blick an mir herunter. Kopf Busen Hüfte Beine. „Pass mal auf, dass sie dir keine Laus ins Nest legt“. Wie ein Spuk rollt der schwarze Wagen in die Nacht. „Wollen wir was essen gehen?“ höre ich Francks wieder weichgespülte Stimme. Ich spüre, dass der Beton unter mir sich in Treibsand verwandelt. „Hm hm“, sage ich schnell, bevor ich etwa versinke.

Adventskalenderkrimi 2.0: 4. Dezember. Déjà vu.

Er ist es wirklich. Der Typ aus der Schlange an der Supermarktkasse. „Na, deine Oma hatte wohl ne Spontanheilung?“ höre ich mich sagen und kriege einen Schreck vor mir selbst, weil ich in mir drin doch ganz andere Worte geformt hatte: Oh, danke, wie süß von dir! „Klar, sie ist zum Babysitten bei deinem Kleinkind“, grinst der Typ. Streckt mir die Hand entgegen und sagt: „Franck. Mit ck.“ Meine ausgestreckte Hand zielt auf die Zigarette – ich muss mich einfach an was festhalten. „Gisa“, flüstere ich heiser und ganz schnell, um den Stimmen in meinem Kopf keine Chance zum Widerspruch zu geben. Verdammt, warum muss bei mir immer alles so kompliziert sein? Warum kann ich nicht einfach an einer zugigen Supermarkt-Ecke stehen und friedlich ne Zigarette rauchen, mit nem niedlichen Typen – ohne mir vorzustellen, dass gleich eine schwarze Limo vorfährt, zwei schwarze Männer aussteigen und das Feuer auf mich eröffnen? „Kannst du nicht einfach ne Zigarette rauchen, ohne dir Romane auszudenken?“ echot Franck und holt mich in eine unwirkliche Wirklichkeit zurück. Wie im Film fängt es plötzlich an zu schneien, und ein schwarzer Wagen biegt von der hellen Straße in den dunklen Parkplatz ein…..

Adventskalenderkrimi 2.0: 3. Dezember. Feuer.

Ich lege meine Einkäufe aufs Band. H-Milch, Semmeln im 10er Pack, eine vegetarische TK-Pizza und 2 Bananen. Obst muss sein. „Eine Schachtel Menthol“, sage ich der Kassiererin. Sie schaut in die andere Richtung. „UND eine Schachtel Menthol“, keife ich. Die Schlange hinter mir hat sich zurückgezogen, fast so, als wäre ich ansteckend. „Acht Euro neunzig“, näselt die Kassiererin. In meinem Portemonnaie sind nur 5 Euro. „Mist verdammter“, schimpfe ich. „Ne, eher Hundedreck“, sagt einer neben mir. Legt einen Fünf-Euro-Schein hin, nickt der Kassiererin zu, die nichts versteht und stumpfe Augen hat. „Ich will nix geschenkt“, fahre ich ihn an. „Ok“, sagt er und steckt die Kippen ein. Dreht sich um. Verlässt den Laden mit vier, fünf großen Schritten. Super, Süße. Hast du gut gemacht. Frohe Weihnachten auch. Jetzt kannst du nicht mal mehr ne Einsamzigarette rauchen, auf dem Balkon. Ich pack die Einkäufe in die Tüte – das Geld reicht ja  – und grinse schief zu den Leuten rüber. So ist das, wenn einem was stinkt, denke ich. „Hast du Feuer? Ich bin Nichtraucher“. Eh das gibt’s ja nicht!, denke ich.

Adventskalender 2.0: 2. Dezember. Alles auf Anfang.

Der Park ist nass und grau. Nass und blau war Sommer. Neun Uhr morgens und immer noch kauert Dunkelheit zwischen den Ästen. Unfarben des Winters. Scheiße! Ach wenn mir das Glück so an den Fersen kleben würde wie Hundekot! Laubbraune Bomben überall. Als ich an der Apotheke vorbeilaufe denke ich an Rattengift. Im Tengelmann ist alles neu. Und teurer. Da kann ich ja gleich an der Tanke einkaufen. Dafür haben sie jetzt kein Geld mehr fürs Kassenpersonal. „Tschuldigung, ich habs eilig, mein Baby ist allein zu Hause“, murmele ich und schiebe mich an drei Leuten vorbei. „Spätgebärende, was?“ witzelt jemand hinter mir. „Drecksack“, denke ich. Der Typ vor mir dreht sich um. „Hey hey! Und ich hab ne sterbende Oma daheim. Hier wird nicht gedrängelt“. Schaut mich an. Augen werden größer. Nasenlöcher weiter. „Gehnse nur vor“, nuschelt er dann und dreht sich wieder weg. Schade. Sah gar nicht schlecht aus.

Adventskalenderkrimi 2.0: 1.Dezember. Einsamer Wintermorgen.

Ein Scheißtag schon wieder! Kaltnebel knebelt meine Gedanken. Wie lange noch soll ich gefangen sein in diesen sinnlosen Tunneltagen? Aufstehen, arbeiten – immer zu viel, Geld verdienen -immer zu wenig, heimkommen – immer alleinkommen. Wenn in den Schaufenstern die Lichterketten glitzern, in den Fenstern die Jakobsleitern blinken, dann will ich auf dem Balkon keine Einsamzigarette rauchen. Verdammt. Ich will meinen Glühwein teilen. Mein Herz ist heiß genug für zwei! Auf der Parkbank vorne hockt gleich einer, zwei Flaschen Bier und so drei vier Gedanken neben sich, Kippe im Mund. Na und? Ne, laufe ich weiter. So am unteren Ende der Leiter bin ich noch nicht. Aus den Augenwinkeln sehe ich ihn noch in den Straßenrand kippen…..

Adventskalenderkrimi 2.0: 1. Dezember

Gebt es ruhig zu: das ganze Jahr hindurch habt Ihr auf DIESEN Tag gewartet. In heißen Sommernächten schlaflos dem herbstlichen Blättertaumel entgegengefiebert. Den dunklen Frösten den eisigen lichterkettenloh leuchtenden Dezembernächten. Und heute ist es soweit. Marie löst das Schweigeschloss vor ihrem Blog und schreibt. Microkurze Adventskalenderkrimis. 24 an der Zahl. Wie im letzten Jahr freue ich mich auf und über Eure Anregungen, Ideen und Hinweise. Aber ich möchte die Interaktivität noch etwas intensivieren und lade Euch ein, den Lauf der Geschichte(n) mit zu gestalten. Oder auch zu verändern. In den Kommentaren ist genug Platz für Eure Fantasie. Also: lasst uns – gemeinsam – beginnen.