Gegen? Rücken? Fahrt? WIND!

Field of pink and white flowers with cottages and rolling hills under a cloudy sky

Pfingsten vor 7 Jahren. Wir saßen auf der Terrasse bei strahlendem Sonnenschein. Da verdunkelte sich der Himmel im Westen. Est zu einem zarten Tintenblau. Dann zu tiefem blauem Schwarz. Die Freund*innen um mich herum konsultierten ihre Smartphones. „Aller gut, kein Unwetter in Sicht“, sagten sie. Ich schaute auf den Himmel und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Und dann hob er an, der Sturm. MitTosen und Brausen fuhr der Wind in die Blätter, zerrte an Blüten,. rüttelte an Zweigen.

„Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm, heißt es im Alten Testament“ (1. Könige 19, 11).

G*ttseidank folgten an jedem Pfingstsonntag auf den Sturm weder Erdbeben noch im Feuer. Stattdessen kam der Hagel.. Binnen Sekunden war der ganze Garten weiß. Und grün. Weiß vom Hagel, grün von den herabgerissenen Blättern. Dann: Stille. Nur ein sanftes, feines Flüstern in den aufatmenden Bäumen. Im AT hört Elia in desem feinen Flüstern G*ttes Stimme.

Ich war erstmal nur geschockt. Am nächsten Tag haben wir mit vielen helfenden Händen das Chaos beseitigt. Was das für mich in meiner Erinnerung mit Pfingsten zu tun hat, außer dem Datum? Die Hoffnung, die gemeinsame Energie, die Kraft vieler Helfer*innen. Darin schwingt etwas von G*ttes Geist mit. Und genau darum geht es ja in diesen Tagen.

Heute haben wir einen Cross Over Gottesdienst gefeiert mit Gemeinden aus 3 Kontinenten. Der berührendste Momente war für mich das Credo, gleichzeitig in vielen verschiedenen Sprachen. Ein Stimmengewirr, Babel 2.0 – oder ein gemeinsamer Windstoß.

Wir brauchen ihn so sehr, diesen kräftigen Hauch, diesen mutmachenden Rückenwind. Um aufzustehen. Hinzusehen. Herzugehen. Anzupacken. Bevor es 5 nach 12 ist. Kirche ist in Gefahr? Das Christentum jedenfalls nicht. Vielleicht schwächelt es hier bei uns. Aber wir sind in der Welt ein verschwindend kleiner Teil. Die Demokratie allerdings- sie ist hier tatsächlich in Gefahr. In Deutschland. In Europa. Im globalen Süden gibt es sie kaum. Um dieses Menschenrecht zu erhalten, müssen wir mehr tun als ein Kreuz auf dem Wahlzettel zu malen.

Davon, wie wichtig freie Meinungsäußerung ist, Respekt gegenüber Minderheiten, Gleichberechtigung von Männern, Frauen, Diversen, Fürsorge für Alte, Kranke, für Menschen mit Behinderung, gute, umfassende Bildung für alle von klein auf, ein Wissen über den Tellerrand hinaus, kultur- und religionsübergreifend – davon können wir nur durch unser Vorbild überzeugen. Dafür müssen wir hinter unserem Ofen hervorkriechen. So wie damals die Jünger*innen.

Damit ich das ganz persönlich schaffe, brauche ich diesen Geist, diesen Rückenwind, der mir ins Gesicht bläst, wenn ich mich arrogant über andere stellen will, auch, wenn es Menschen sind, die neofaschistischen Parteien zuhören. Diesen Wind, der mich nach vorne schiebt, treibt, begleitet.

Dieser Wind, das erbitte ich zu Pfingsten, möge in ganz vielen Herzen wehen, Gedanken lüften, Mut ausgießen.

Wir sind ganz unterschiedliche Menschen. Aus den verschiedensten Kulturen. Aber wir sind eben alle Menschen. Und in jede*r von uns schlummert das Gute. Ein kleines Samenkorn,. das vielleicht darauf wartet, dass ein Geist es aus seiner Verschachtelung weht.

Frohe Pfingsten.

Heilt Zeit Wunden?


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Die Zeit heilt keine Wunden. Mit der Zeit verschorfen sie, verheilen, vernarben. Was aber löst den Heilungsprozess aus? Was fördert ihn?

In den ersten Wochen und Monaten nach dem Tod meiner Mutter konnte ich unsere gemeinsamen Spazierwege nicht gehen, ohne dass mir nach wenigen Schritten die Tränen in die Augen schossen. Wege, Wiesen, Bäume verschwammen zum immer gleichen Bild schmerzhafter Erinnerung, und ich sah sie neben mir gehen, resolut, dann zögernd, schließlich ängstlich. Ich hörte ihre Stimme, immer fest und jugendlich. „Nur so eine kleine Runde?“, „Wie viele Kilometer noch?“, schließlich nur noch „ich habe Angst, ich will nicht gehen.“ In diesen Monaten habe ich verstanden, was es heißt, wenn dir das Herz blutet.

Ich suchte andere Wege, solche, die ich nie mit ihr gewandert war. Die Hunden dankten es mir, und wir liefen spielten rannten ohne Schattenbilder.

Doch dann kamen wir nach Hause. Wo sie auf uns wartete. Ich spürte ihre unsichtbare Nähe, hinter mir auf dem Sofa, wenn ich am Schreibtisch saß. Sah sie die Treppe hinunter huschen, lautlos. Manchmal vergrub ich meine Nase in dem Tigerpulli mit den rosa Ohren an der Kapuze, in dem sie gestorben war. Ahnte ihren leichten Duft, der lange verflogen war.

Das Weinen überkam mich immer plötzlich, schüttelte mich mit harter Hand und ließ mich nach ein paar Minuten zurück, erschöpft und atemlos. Es waren diese Momente, in denen sie mir nahe kam, irgendwann. Mit vergessenen Zitaten, so sehr sie, so, wie sie in den letzten Jahren nicht mehr war. Mit ihrer Stimme und, ja, mit einer zärtlichen Berührung. Begegnungen zwischen den Welten, Wundenbalsam.

Und dann natürlich die Landmarken. Alles zum ersten Mal ohne sie. Es lebt sich näher am Horizont, als Vollwaise. Plötzlich ist die Endlichkeit keine mathematische Tatsache mehr, sondern eine Angst, und zwischen dir und dem Treibsand der Welt steht keine Wand mehr, kein Schutz. Meine Mutter schenkte mir eine Schneekugel. Kurz nach ihrem Tod lief das Wasser aus, und der Engel darin steht nun nackt auf dem Boden. So habe ich mich gefühlt, am ersten Advent. Beim Schmücken des Christbaums. Beim Decken der Tafel am Heiligen Abend. Beim „O du Fröhliche“ in der Christmette.

Immer wieder begegnete ich meiner Mutter im Traum. Immer lebte sie – immer war sie viel pflegebedürftiger, hilfloser, unglücklicher als bis zu ihrem Tod.

Am schlimmsten waren die Rauhnächte bis zum 1. Januar. Ich halte nichts von Orakeln und 12 sich öffnenden Monatstüren, nicht von offenen Zeiten. Aber ich bin dünnhäutig genug, um zu spüren, dass die sichtbare greifbare Welt durchlässiger ist für vieles, das um uns herum existieren mag, auch, wenn wir es im Alltag nicht wahrnehmen – oder wahrnehmen wollen. Ich schlief unruhig und angstvoll, im Halbschlaf eingehüllt von düsteren Nebeln.

In einer dieser traumwachen Nächte saß meine Mutter neben mir auf der Bettkante, schaute mit intensiv an und fragte – ich weiß nicht, ob wehmütig – „Ich bin wirklich tot, oder?“. Und ich antwortete: „Ja, Mammina.“

Im neuen Jahr sind die Nebel verflogen. Frischer Mut breitet sich aus, in mir. Ich gehe die altvertrauten Wege. Allein mit den Hunden. Dort drüben auf der Bank an der Schlossmauer saß meine Mutter und wartete ungeduldig, während ich die Tiere zumindest ein paar Runden rennen ließ. Heute springen die Hunde kreuz und quer über die Wiese, graben nach Mäusen und jagen sich gegenseitig. Ich schaue nach rechts zur verwaisten Bank. Da sitzt sie, Entspannt. Und lächelt zu mir herüber.

Und statt bitterer Tränen steigt Freude in mir auf, und ich lächle zurück.

Nein, die Zeit heilt keine Wunden. Aber mit der Zeit werden die Narben ein Teil von mir, der bereichert und immer weniger brennt.

Trotzdem: „Du fehlst“.