Adventskalender MiniKrimi vom 6. Dezember 2018

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Von drauß‘ vom Walde…….

„Du weißt, was du tun musst Schließ die Tür ab und mach auf keinen Fall auf, wenn du alleine bist, kapiert?“ „Ich bin doch kein Baby. Ich bin schon fünf. Und ich bin auch nicht dumm. Ich weiß genau, was ich machen muss, wenn ich allein bin. Und wenn ein Einbrecher kommt und die Tür mit einer Bombe aufmacht, dann nehme ich mein Jedi-Schwert und mache so! Und zack ist er tot, der EInbrecher.““

„Ja. Schon klar. Du nimmst dein Jedi-Schwert. Aber trotzdem, für den Fall, dass ein Einbrecher kommt – es kommt ja vielleicht gar keiner, also ganz sicher, glaube ich. Aber für den Fall dass doch einer kommt, und wenn dann dein Jedischwert nicht funktioniert“ 

„Mein Jedischwert funktioniert immer!“

„Schon klar. Aber wenn es plötzlich doch nicht funktioniert, dann schau her, dann nimmst du das hier.“

„Aber das ist doch das Messer aus der Küche, das wir nicht nehmen dürfen. Das japanische, das vom Papa.“

“Genau. Es ist japanisch, das ist wie von Master Yoda. Ok?“

„Ela, ich will nicht, dass du weggehst. Die Mama hat gesagt, wir sollen beide daheim bleiben, bis sie von der Arbeit kommt. Du sollst mich nicht allein lassen, hat die Mama gesagt. Und später kommt der Nikolaus.“

„Ach mach kein Aufstand. Ich bin nur kurz drüben bei der Lara. Oder hast du Angst? Du bist ja doch noch ein Baby!“

„Nein bin ich nicht. Geh weg!“

„Ok. Ciao, Kleiner.“

Max setzt sich in seinem Zimmer auf den Boden. Die Kartons sind noch nicht alle ausgepackt. Er fühlt sich gar nicht zu Hause, hier in der Wohnung in der Minervastraße. Er wäre lieber in Schwabing geblieben. Aber er weiß, dass das nicht geht. Mama und Papa sind zwar noch seine Eltern, und Elas. Aber sie sind nicht mehr zusammen. Deshalb kann Mama nicht mehr in Schwabing wohnen, und er und Ela auch nicht. Mama will das so. Jetzt wohnen sie in einer ganz neuen Wohnung. Er hat ein eigenes Zimmer, nicht mehr mit Ela zusammen. Und Mama hat auch ein Zimmer. Mit Frank. Frank ist der neue Papa. Aber Max weiß nicht, was er davon halten soll. Er hat doch schon einen Papa. Vom Fenster aus kann er die Berge sehen, wenn der Himmel klar ist. Ob er den Nikolaus sehen kann, wie er durch die Wolken fliegt? Oder machst das nur der Weihnachtsmann? Es wird dunkel, und Max hat Angst. Die Wohnung ist voller Geräusche, nichts ist vertraut. Draußen kann er den Aufzug hören. Manchmal knallt eine Tür. Dann ist alles still. Wann kommt Ela? Und Mama? Und der Nikolaus?

Da klopft es an der Tür. „Ich bin der Nikolaus. Bist du der Max?“

„Ich darf die Tür nicht aufmachen, hat Ela gesagt. Geh weg und komm zurück, wenn Mama und Ela wieder da sind!“

„Aber Max, ich bin der Nikolaus. Vor mir brauchst du doch keine Angst zu haben!“

Doch, denkt Max. Und zur Sicherheit holt sein Jedischwert. Und das japanische Messer, so, wie Ela es ihm gesagt hat. Der Nikolaus kann warten, aber wenn da draußen ein Einbrecher ist, wird Max sich wehren.

Da hört er, wie sich etwas am Türschloss bewegt. Der Einbrecher, denkt Max. Jetzt bricht er die Tür auf, wie in den Filmen, die er nicht sehen darf.

Da, jetzt wird die Wohnungstür langsam geöffnet. Draußen im Flur ist es genauso dunkel wie in der Wohnung. Max sieht nur Umrisse, ein großer schwarzer Mann in einem langen Kampfumhang. Der Feind der Jediritter! Max umklammert das Messer mit beiden Händen und rammt es dem Mann in den Bauch. Max ist stark.

Frank stirbt auf dem Weg zum Krankenhaus. Er sollte Max und Ela als Nikolaus die Geschenke bringen. So war es ausgemacht. Aber Ela hatte ihr Gründe, sich nicht daran zu halten. Das Problem Frank war gelöst.

Österliches Miniatur-Memory

Karfreitag 1989

Es ist ungewöhnlich heiß, und ich habe mich mit ausgeblasenen Eiern, Aquarellfarben, Pinseln und den Birsteiner Nachrichten von letzter Woche auf den Balkon verzogen. Weit genug weg von meiner Mutter, die mir immer noch nachträgt, dass ich sie nicht zum Karfreitagsgottesdienst begleitet habe. Jetzt tut es mir leid, und ich hätte ihr gerne gesagt, dass ich sie nicht hatte verletzen wollen, aber gleichzeitig auch keine Lust gehabt hatte, mir selbst weh zu tun. Denn das von getragenen Orgelakkorden untermalte „Haupt voll Blut und Wunden“ trägt für mich die Gesichtszüge meines Vaters, und da ich ihn auch 7 Jahre nach seinem Tod noch nicht beweinen kann, bleibt mir die Trauer wie ein Kloß im Hals stecken und verklebt mir den ganzen restlichen Tag.

Nachdem ich das obligatorische alljährliche Osterei bemalt habe, zeige ich es als Widergutmachungsversuch meiner Mutter. Sie runzelt die Stirn und sagt nichts. Das ist ihr Beitrag zur Versöhnung. Denn diesmal, ich befinde mich in der akuten Phase meines Feminismus, wackeln aufgeregte, der Sichtbarkeit halber violett umrandete Hühner über die Schale und fordern auf Plakaten „Mein Ei gehört mir“, „nieder mit der Massentierhaltg.“ Für das ganze Wort ist das Ei – es stammt übrigens von einer der drei Hennen des Bauernhofs schräg gegenüber – leider zu klein.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich mit meinem neuen Freund und seiner Clique beim Metonkel. Wir lassen den verrosteten Opel am Ende des Forstwegs stehen, halb im Graben, damit der Förster noch vorbeifahren kann. Dann laufen wir durch ein sehr hellgrünes, nach Waldmeister duftendes Wäldchen hinunter zur Lichtung, auf der der schrullige Alte vor seinem Wohnwagen einen Biertisch und zwei Bänke aufgebaut hat. Der Met kostet eine Mark und wird aus einer dunklen fettfleckigen Flasche in Gläser geschenkt, die einen schmutzig braunen Rand haben und einen Bodensatz aus Staub und Dreck. Ich habe kurz Angst, mich anzustecken, weiß aber nicht, mit welcher Krankheit. Also lächle ich meinen Freund an und kippe den Met in einem Zug runter. Nach dem zweiten Glas und dem gemeinsamen Joint ist die Angst dann auch verschwunden.

Always look at the bright side of life – oder death, singen Monthy Python. Ein Metschwamm wäre gut gewesen, für Jesus, denke ich. Oder ein Joint. Am besten beides.

Ostersonntag 2018

„Mein österliches Beileid“ hat der Monsignore uns gewünscht, als meine Mutter kurz nach Ostern starb. Ein knappes Jahr und eine Katharsis später beantworte ich das leise Lächeln, das sie mir vom Foto auf dem Intarsientablett unter den bunten Tulpen zuwirft. Die Trauer hat sich aufgelöst und den Blick freigegeben auf unzählige unverhoffte Miniatur-Momente. Die Erinnerung schiebt sie mir vors Auge wie ein Damals-Dia. Ich schaue hin und wieder weg. Dann kommt irgendwann das nächste. Oder einem Erbstück, Schrank, Bild,  Recamiere, entströmt ein leiser Hauch, und dazu malt unser Gedächtnis uns das ganze Bild, komplett mit Gefühl und allem Drum und Dran:

Die Angst meines Sohnes vor dem dunkelbraunen Treppenhaus und davor, dass aus der auf halber Höhe eingelassenen ziselierten Dachbodentür etwas sehr Böses herausspringen würde. Etwas, das den Weg aus den metaphysischen Bildern meines Vaters, seines Großvaters, die in Salonhängung das Treppenhaus mit menschenähnlichen Baumfiguren in leuchtenden Ölfarben bevölkerten, in die Welt des Hauses gefunden haben könnte.

Die Gestalt meines Vaters, in der rechten Hand das dickwandige Glas mit Whiskey und zu löchrigen Quadraten geschmolzenem Eis, wie er mit der Linken die Schicksalsschläge der Eroika dirigierte, während  die Asche der Peter Stuyvesant auf den Wohnzimmerteppich segelte. Beethoven nachts um halb drei war für mich als Zehnjährige an der Tagesordnung.

Die Stimme meiner Mutter mit irgendeinem Kommentar, von treffend zu Nonsense driftend mit dem Fortschreiten der Demenz. „Du könntest in einem Drei-Sterne-Lokal kochen.“ Oder, zum Enkelsohn: „Du wirst ein fantastischer Arzt.“ Heute hören wir die Stimmen, riechen Zigarettenahnung, spüren Gänsehaut.

Und leben weiter. Sehen weiter, über den Karfreitagshorizont hinaus.

Frohe Ostern!

Was kann ein Kind, was ein Hund nicht kann?

Heute beim Friseur. Während mein Kopf in unnatürlichem Winkel hintenüber im Waschbecken hängt und die Brause ein erstes Mal meinen Ansatz mit Wasserpartikeln benetzt hat, geht die Ladentür auf. Bimbinbim, wie in einem Retro-Hörspiel, vielleicht „Die unendliche Geschichte“. Herein kommt eine runde Dame, die ganz offensichtlich einen Friseurbesuch nötig hätte. Die Massierhand stoppt die kreisrunden Bewegungen an meinem Hinterkopf, die Brause bewegt sich spürbar ziellos zwischen mir und dem Waschbecken. Im Spiegel erkenne ich mit einem gezielt gequälten Blick die Situation. Die Dame ist keine Kundin, sie kommt, um meiner Friseurin – ich finde ja, Friseuse klang viel freundlicher, das r hat so was messerscharfes – unangenehme Kunde zu bringen. Passt zum Kundrie-Aussehen, denke ich noch. Und dann: aua, denn das Wasser ist kalt und rinnt mir mal links mal rechts am Ohr vorbei. Aber das muss ich aus – und durchhalten, denn: „Was ist passiert? Erzähl!“, sagt die Friseurin, und dann beginnt ein schnelles, leises Flüstercrescendo. Das ich wegen des Fließwassers, meines Tinnitus oder einer beginnenden Taubheit nicht komplett verstehen kann. Soll, vermutlich. Etliche gefühlte Minusgrade später berichtet mir die Friseurin auf Nachfrage, während sie mir die Haare schneidet – sie sind lang genug, um unkontrollierte Bewegungen auszuhalten – , dass ihre Mutter immer schlimmer werde. Depressiv, schlechtlaunig, aggressiv. Sie vertreibe alle Leute aus ihrer Umgebung, sicher auch die Kundrie von grade eben (denke ich). Und belege stattdessen die arme Enkeltochter völlig mit Beschlag. „Sie erzählt ihr alle ihre Sorgen. Was soll das Kind denn damit anfangen? Finanziell, beruflich, ich will nicht, dass meine Tochter sich damit belastet“. Einzelkind, intelligent. Emphatisch? Hm. „Hat ihre Mutter Haustiere?“, versuche ich’s. „Einen Hund, vielleicht?“ Ja, hat sie. „Aber das nützt nichts“. Was hat ein Kind, was ein Hund nicht hat? Was kann es?

Zuhören? Trösten? Das Gehörte so verarbeiten, dass aus Problemen Liebe wird. Sonst nichts. Als meine Mutter dement wurde, habe ich versucht, meinem Sohn zu erklären, dass die Großmutter, die bisher für ihn die Instanz für Recht und Unrecht war, in seinem kleinen Leben, die Klagemauer und der Wundertütenbaum, jetzt von ihm das braucht, was sie ihm im Überfluss gegeben hat. Liebe und Punkt. „Du musst nicht verstehen, was sie alles sagt. Und  schon gar nicht lösen. Wenn du ihr zuhörst und ihr zeigst, dass du sie magst, so grantig, wie sie ist, dann ist das alles, was du tun musst. Kannst. Und solltest. Das ist deine Aufgabe, mehr nicht. Um alles andere kümmere ich mich dann,“ sagte ich ihm.

Solange er Kind war, hat das ganz gut funktioniert. Als Erwachsener verwechselt er Liebe mit Verantwortung, und die ist ungewollt und deshalb eine Last. Ich sag’s ihm aber nicht mehr. Ich hoffe, dass er sich daran erinnern wird, wenn er Sohn und Vater ist und ich….. Großmutter.

 

Auf geht’s.

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Die Lehre  aus der Leere ziehen. Das versuche ich.

Schließlich bin ich nicht eine von diesen Mütter, die, schürzenbewehrt, ihre Kinder mit Mahlzeiten, Wollpullovern und Staublappen bis hinters Abitur begleiten.

Wie muss es jenen gehen, wenn die Tür ins Schloss fällt und der Wagen, vollgeladen mit den Zutaten für den ersten Hausstand und ein weißes, frisches eigenes Leben, um die Kurve biegt?

Genau wie sie bleibe ich zurück mit dem Ballast aus Kindheit, Schulzeit, Reifejahren. Tonnen, die es abzutragen gilt, emotionaler Sondermüll, zum Teil.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – der Klassiker für Lebensabschnittstarter, vorzugsweise auf der Schwelle des zweiten Jahrzehnts. Nach einem halben Jahrhundert – ja! – weiß ich um die Vielfarbigkeit der Magie, und was dem einen weiß ist, kann den anderen zum Fluch sich wenden.

Nein! Ich verzweifle natürlich nicht. Sondern gehe ganz bewusst hinein in diesen Schattenweg, lote alle Facetten einer neuen Dunkelheit neugierig aus. Und erkenne sehr bald die Duplizität des Mutterleides. Ja, das Kind ist auf den Weg gebracht und der führt von Zuhause fort. Und immer wieder auch zurück, in unserem Fall zumindest, darüber bin ich froh und dafür dankbar. Aber in unserem Familienbuch wird nicht nur eine Seite umgeschlagen. Die gemeinsamen Kapitel sind zu Ende. Jede und jeder schreibt seine Geschichte nun vor allem alleine weiter.

Aus der nahen Mutter wird eine Begleiterin in Gedanken. Das nächste Kind, mit dem ich hier gemeinsam lachen werde, wird ein Enkel sein. Das macht mich alt. Und endlich.

Vielleicht ist das der tiefgeheime Kern des Elternschmerzes. Gut, dass ich das jetzt erkannt habe. Denn in dem gespürten Wissen um meine Endlichkeit darf ich nicht länger zögern. Auf geht’s, Marie. Pack deine Sachen…. an. Und schreibe! Kapitel um Kapitel, Buch um Buch.

Jetzt. Ja. Und ach – wenn du dich umdrehst, siehst du, und zwar ganz sicher, dein erwachsenes Kind dir aus der Ferne, auch mal Nähe, folgen. Auf gleicher Höhe. Ist das schön?!

Zusammenleben leben

Baum mit Zeichen

Baum mit ZeichenIch kann deine Schritte nicht mehr hören

ohne Rhythmus schlagen sie den Boden

schleppen deine Tritte immer hinter mir.

Ich kann deine Lippen nicht mehr sehen

fablos ausgefranste

faltig schmale Striche, festgenäht im Widerspruch.

Ich kann deine Härte nicht mehr spüren

Jedes klingenspitze Wort

dringt sinnentleert am Kopf vorbei ins Herz.

Ich will dich schmatzen sehen, wangenweinrot die Vergangenheit im neuen Licht erfindend.

Ich will – dass du mich nocheinmal anschaust, so, als wäre ich dein Kind.

Bevor ich deine Schritte nie mehr hören werde.

Mir stehen die Haare zu Berge!

Nein stimmt nicht. Mehr. Aber gestern! Ich züchte mit Liebe und Jahresausdauer jeden Zentimeter, im Hinterkopf die Befürchtung, dass ich meine Haare nie wieder so lang tragen werde wie jetzt. Als Kind lief ich mal einer blonden Frau hinterher, deren Mähne sich bis auf den Po herunterlockte. So schöne Haare, dachte ich. Und lief schneller und schneller, bis ich sie überholt hatte. Dann drehte ich mich um und tat, als hätte ich etwas verloren. Ich war ja gut erzogen, wollte aber trotzdem sehen, zu welchem Gesicht die Prachtfrisur gehörte. Die Dame war weit über sechzig, mindestens. Und ich war geschockt. Diese Erinnerung trage ich mit mir rum. Und deshalb bleiben mir nur noch wenige Jahrzehnte, bis Rapunzels alte Zöpfe weg müssen.  Beinahe wäre es aber bereits gestern um meine Locken geschehen. Gewesen. Seit Wochen beäugte ich eine Strähne auf der linken Kopfseite, vorne neben dem Pony. Stumpf und widerspenstig streckte sie sich allen Lotionen, Pflegeölen und Feuchtigkeitskuren zum Trotz wie ein explodiertes Kabel in alle Richtungen außer der, in die ich sie legen wollte.

Gestresst von der bereits hinreichend beschriebenen Haut- und Nabelschau gab mir der Anblick dieser Strähne dann den Rest. Mit Mord als beherrschendem Gedanken ging ich, ganz ruhig, an meinen Sekretär. Holte aus der unteren mittleren Schublade die Papierschere und stellte mich vor den Badezimmerspiegel.  Eiskalt musterte ich mein Gesicht, als sähe ich es zum letzten Mal.

Ich brachte die Schere in Angriffsstellung. Sah mir todesmutig ins Auge. Wie ein Film liefen Szenen aus meiner Vergangenheit an mir vorüber. Ich mit  sechs und schulterlangen Haaren. Ich mit sieben und Bubikopf. Ich mit neunzehn und Spliss. Ich mit zwanzig und Pudelwelle. Ich mit dreißig und Bob. Ich blinzelte eine Träne in die Wimpern. Und schnitt…….. AHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!