MiniKrimi vom 27. Dezember 2018

In den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Neujahr sind die Grenzen zwischen sichtbaren und unsichtbaren Welten bekannterweise sehr dünn, zuweilen sogar durchlässig. Kommt gut behütet durch die Zeit, und genießt den einen oder anderen Kurzkrimi. Heute ein Nachlese zum Heiligen Abend von Lydia Heck.

Tief verschneites Land

Selten,  sehr selten zeigt sich der Heilige Abend in dem Gewand, das wir von ihm erwarten. Tief verschneit und unter einem stahlblauen Himmel.  Dieses Jahr war alles perfekt. Die Landschaft um den Chiemsee herum lag unter meterhohem Schnee. In dem Hotel,  in dem das Paar Weihnachten verbringen würde,  zogen seit dem Morgen verführerische  Küchendüfte durch alle Räume.  Fast hatten die gut betuchten  Gäste das Gefühl,  zu Hause zu sein. Es war wie früher,  als die Mutter im Morgengrauen die Weihnachtsgans ins Rohr geschoben hatte. Und der Geruch des Bratens den ganzen Heiligabend begleitete.

Das war kein Zufall. Der Sternekoch,  der dieses Hotel ein paar Jahre zuvor, entgegen dem Rat seiner Kollegen, verwirklicht hatte, wusste genau, was seine Gäste an diesem Tag und an diesem Abend brauchten. Es war die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit, welche an diesem Abend viele Menschen auf der Welt umtrieb. Jeder der solventen Teilnehmer an diesem besonderen „Abendmahl“ hatte seine ganz eigenen, gut gehüteten Gründe,  nicht im trauten Kreis einer Familie zu feiern. Und weder der Champagner zum Entree noch die zehn Gänge des Festessens auf zwei Sterne Niveau konnten darüber hinwegtäuschen. Genauso wenig wie die erlesenen Weine und Spirituosen,  die in Strömen flossen.

Selbstverständlich besuchte man später die Christmette in Aschau. Ein kleines Dorf,  dessen hellster Stern besagtes Hotel geworden war. Inklusive der Zwei Sterne-Küche. Nach der Christmette waren auch die letzten Hotelgäste von einem wohligen Gefühl erfüllt. Dieser Heiligabend war gelungen – und jeden Euro des mehrstelligen Betrages wert, den sie darin investiert hatten. Ganz sicher waren sie sich vorher nicht gewesen.  Die Erleichterung,  den Abend trotz der vielen unterschwelligen Probleme und der Einsamkeit so stilvoll im perfektem Rahmen absolviert zu haben,  gab ihnen Recht.  Sie hatten sich nichts vorzuwerfen.  Sie waren die einsame Spitze dieser Gesellschaft.

Niemand bemerkte den älteren Mann beim Verlassen der Kirche. Er lag zusammengekauert am Rande des Weges, zwischen dem Hotel und der Kirche.  Herr Klein hatte ein renommiertes Unternehmen aufgebaut.  Zusammen mit seiner Frau.  Im November war sie gestorben.  Die beiden Kinder waren schon lange aus dem Haus. Sie führten ihr eigenes Leben.  So hatten Herr Klein und seine Frau sie erzogen.  Stolz waren sie immer auf die Selbständigkeit ihrer Kinder gewesen. Herr Klein hätte seine Kinder  daher nie gefragt,  ob er das Fest bei ihnen verbringen dürfe.  Ein paar Gläser Wein zu viel  an diesem Abend, an dem niemand mehr als ein paar oberflächliche Worte mit ihm gewechselt hatte.  Er war nie ein Meister des Smalltalks gewesen, und selbstverständlich war keiner daran interessiert, die Trauer in seinen Augen näher zu ergründen. Mitmenschliche Gefühle war im Preis nicht inbegriffen.

Ob die anderen Gäste ihn auf dem Rückweg ins Hotel nicht sahen oder nur nicht sehen wollten? In den hellen, warme Räumen gab es noch eine hervorragende Feuerzangenbowle,  begleitet von Andersen Geschichte vom Mädchen mit den Streichhölzern, vorgetragen von einem bekannten Schauspieler. Allen waren sehr berührt. Halleluja.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 21. Dezember 2018

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Schwarze Schwingen

„Papa, ist es noch weit? Papa, ich mag nicht mehr laufen…“

Sie war sein Ein und Alles. Gewesen. Nur wegen ihr war Andreas mit Anna zusammen geblieben. So lange. Er hatte ihr alle Wünsche von den Augen abgelesen, sogar die, von denen sie noch gar nichts wusste. Das Prinzessinnenkleid mit Swarowskisteinen. Den Wuschelhund. Das Zimmer mit Rutsche und Himmelbett.

Es war ihm nicht leicht gefallen, die Wohnung in der Minervastraße zu kaufen. Dann hatte Anna aufgehört zu arbeiten, einfach so. Keine Lust mehr. Von heute auf morgen. Sie wollte Emma lieber selbst ins Bett bringen. Dabei war die Nachtschicht im Krankenhaus gut bezahlt. Er hatte mehr Projekte übernommen – und weniger Zeit für seine Prinzessin gehabt.

Aber nach einer Weile war ihr sogar das nicht genug. Als er am Abend des 21. Dezembers nach Hause kam, stand Emma im Kinderzimmer, neben sich einen prallen Koffer, im Arm ihr Schlummerle.

„Was ist los?“ hatte er gefragt. „Wir gehen. Hat Mama gesagt. Sie bringt nur noch den Wuschel ins Tierheim.“ Er hatte die weinende Emma auf den Arm genommen, die Treppe runter, ins Auto. Und los. Bis zum Waldrand. Dann weiter zu Fuß. Wenn Anna ihm Emma wegnehmen wollte – dann sollte auch sie ihre Tochter nicht mehr haben.

„Papa, fahr nicht so schnell, mir wird schlecht….“

Ich fahre nicht schnell, ich fahre nur zügig, hatte Oliver gedacht. Zügig, um nicht zu spät nach Hause zu kommen. Um zu vermeiden, dass Lea wieder Stress machte. Wie immer, wenn er mit Yannick bei seinen Eltern war. Dabei war sie nur eifersüchtig, weil sie dort nicht willkommen war. Nicht standesgemäß. Stimmte ja auch.

Olivers Fuß drückte aufs Gaspedal. Der neue Chayenne ging ab wie Schmidts Katze. Dunkel war es an diesem 21.Dezember. Und neblig. Der Schnee wollte sich nicht einstellen, dafür stieg zähe Feuchtigkeit aus den Wiesen entlang der Landstraße.

Noch so ein Thema. Warum können Deine Eltern nicht hier in der Stadt wohnen? In der Minervastraße ist sicher noch was frei. Wenn das nicht edel genug ist, weiß ich auch nicht, sagte Lea immer wieder. Und sie mochte es nicht, wenn er so lange in Huglfing blieb. Die Strecke sei so kurvig, und er trinke zu viel, weil er nicht nein sagen könne, bei seinen Eltern.

So ein Schmarrn!, dachte Oliver noch. Dann sah er die Lichter des entgegenkommenden Autos. Er wich aus und prallte gegen einen Baum am Straßenrand. Weder er noch der Chayenne nahmen großen Schaden. Oliver konnte sich wirklich nicht mehr daran erinnern, ob er Yannick zu Fahrtbeginn angeschnallt hatte……..

 

„Mama, die Bonbons sehen lustig aus, darf ich sie essen?“

Sunny antwortete nicht. Das tat sie selten, wenn es Abend wurde. Und heute, am 21. Dezember, war es ganz besonders schnell dunkel geworden. Wenn sie morgens aufwachte, war Sunny der Meinung, dass sie den Tag ganz gut hinbekommen würde. Oft schaffte sie es, aufzustehen, bevor Tante Isi Selina-Michelle zum Kindergarten abholte. Selina nannte sie so, obwohl sie nicht ihre Tante war, sondern die Sozialarbeiterin.

Wenn es ihr besonders gut ging, setzte Sunny ihre Tochter sogar in den Hochstuhl und schob ihr eine Schüssel Cocopops hin. Sollte die Tante ruhig sehen, wie gut sie für ihre Tochter sorgen konnte!

Manchmal wusch sie dann noch etwas Wäsche, machte die Betten und ging in den Supermarkt. Tomaten, O-Saft und Nudeln. Kein Alk. Aber gegen Monatsende war das Geld wieder alle. Wie sollte sie ihre Tochter gesund ernähren, ohne Geld und ohne einen vernünftigen Job? Teufelskreis.

Jetzt hatte im Briefkasten wieder eine Absage gelegen. Sie hätte einen unzuverlässigen Eindruck gemacht, das passe nicht zum Spirit des Unternehmens. Ha! Sie hätte nur Päckchen einpacken sollen. Sunny war wütend. Und traurig. Der Griff zu den Antidepressiva war ein Reflex, und weil sie immer weniger wirkten, spülte sie sie mit Wodka runter.

Sie hörte Selina-Michelles Frage nicht. Sie sah nicht, wie viele Tabletten die Kleine in den Mund nahm und runterschluckte. Sie wurde erst wach, als Tante Isi sie am Morgen packte und schüttelte, hysterisch schreiend, das passte irgendwie gar nicht zu einer Sozialarbeiterin. Da war ihre Tochter schon ganz weiß und kalt.

 

Nach dem Abendkreis haben Andreas, Sunny und Oliver ihre Jacken übergezogen und sind in den Anstaltspark gegangen. Natürlich heißt die Klinik für forensische Psychiatrie, in der sie untergebracht sind, nicht Anstalt. Aber die drei machen sich über die anderen „Insassen“ lustig. Immerhin sind sie „anders“. Auch, wenn sie das nur dann zeigen können, wenn sie unter sich sind. Wie heute Abend. Es ist der 21. Dezember. Ein Datum, das sie verbindet. Sie gehen an der Mauer entlang. Unüberwindbar. Aber was sie gefangen hält, sind ihre eigenen Ängste und Schuldgefühle.

„Glaubt ihr, es gibt einen Platz, von wo aus sie uns sehen können?“ Sunny klingt besorgt und hoffnungsvoll zugleich. „Sicher. Vielleicht.“ „Und von wo aus sie mit uns Kontakt aufnehmen? Und wann?“ „Wenn, dann nur heute.“ Nebel zieht in schweren Fetzen um die Bäume. Er kauert sich auf die Mauer und kriecht langsam hinunter ins welke Laub. „Mamaaaa“. Sunny erstarrt. „Meine Kleine!“ „Ein Käuzchen!“ „Wuuschel, Wuuschel!“ „Der Wind!“ „Halt annn, halt annn!“ „Was für ein blöder Streich! Wir gehen ins Haus!“

Drei Schatten lösen sich von den verwitterten Steinen, sammeln die Dunkelheit um sich herum und streichen mit schwebenden Schwingen den Fliehenden hinterher. Umgreifen, umgeben sie. Saugen den Atem auf und verwandeln ihn in pechschwarze Angst.

Die Lokalzeitung berichtet als Aufmacher von der kollektiven Selbsttötung dreier Kindsmörder. Der Bundestag befasst sich mit der Problematik des Maßregelvollzugs bei Tätern mit angenommener psychischer Schädigung. Und der EuGH rügt Deutschland wegen zu laxer Handhabung der Sorgfaltspflicht.

Adventskalender MiniKrimi vom 20. Dezember 2018

Der Schutzpatron

Nur noch vier Tage bis Weihnachten. In dieser Zeit drängen die Erinnerungen immer mit besonderer Macht in Gregors Gedanken hinein. Silberne Glöckchen und ein heller Kindersopran, knisternde Erwartung, die Kerzen am Baum, die kalte Kirche, die Krippe mit Stroh. Das Weinen, die Wut, seine Ohnmacht. Genug! Gregor beschleunigt seinen Schritt, um schnell am Portal von Sankt Michael vorbei zu kommen. Da sieht er eine ältere Dame, die sich bemüht, die Stufen zur Kirche zu erklimmen. Widerwillig hilfsbereit eilt Gregor hinzu, nimmt den pelzummäntelten Arm und geleitet die Dame hinauf. Damit ist es aber nicht  genug, das sieht er. Also zieht er mit Kraft am kupfernen Griff (wollen die den Gläubigen den Eintritt erschweren oder verwehren?) und hält ihr die Tür auf. Ihr Lächeln nimmt er kaum wahr, sie sagt etwas, aber er hört nicht mehr hin. Wie in einem Orkan brausen die Bilder nun auf ihn ein.

Gregor war im 5. Studienjahr. Er wohnte im Priesterseminar und absolvierte mit einem Mitstudenten ein Gemeindeseelsorgepraktikum in Sankt Michael. Vor Weihnachten hatten sie besonders viel zu tun. Es gab unzählige Gründe für Depressionen angesichts des bevorstehenden Festes in dieser reichen, vereinsamenden Stadt. Zu wenig Geld, zu viel Geld. Niemanden zum Beschenken, zu viele herangetragene Wünsche. Keinen Glauben, enttäuschten Glauben. Und die Kirche schien alle anzuziehen wie ein Magnet. „Die Christmette muss etwas ganz besonderes sein, sie brauchen das, alle. Wir dürfen sie nicht enttäuschen“, hatte der Priester den Druck aufgebaut. Und so wurde der Baum golden geschmückt, und die Chorknaben probten unter der Leitung von Gregors Studienkollegen Stunde um Stunde. Gerade hatte  er mit Max, dem Glockensopran, eine Einzelprobe. So hatte er gesagt, und so dachte Gregor. Aber als er in den kleinen Chorraum hinter der Sakristei kam, sah er den Studenten von hinten über den Knaben gebeugt, und ganz deutlich hörte Gregor diesen weinen.

Erst stand er, zur Salzsäule erstarrt, dann rannte er weg. Nicht zum Priester. In sein Zimmer. Er wusste genau, was er tun musste. Und war zu feige dazu. Später versuchte er, seinen Kommilitonen zur Rede zu stellen. Doch dieser tat  so, als habe Gregor sich das alles erträumt: „Du hast ja eine ganz perverse Phantasie, hast Du. Wenn Du mit Deinen Verleumdungen hausieren gehst, sehe ich mich gezwungen, mit meinem Onkel dem Prälaten über Dich zu sprechen“.

Und während Gregor noch zauderte, nahm die Sache eine ganz andere Wendung. Max’s Mutter kam auf ihn zu, woher sie was wusste – keine Ahnung. Jedenfalls drohte sie ihm mit dem Schlimmsten, wenn er nicht….. Nun, sie hatte ganz offensichtlich Gefallen an Gregor gefunden. Ein Jahr lang hielt er das erzwungene Verhältnis aus. Dann konnte er, der sich wirklich hatte keusch halten wollten vor und für Gott, nicht mehr. Er wurde schwer krank, und nach seiner Entlassung aus der Psychiatrischen Klinik gab er das Theologiestudium auf. Einer Kirche war er in den vergangenen 30 Jahren nie wieder  nahe gekommen.

Jetzt steht Gregor im Mittelgang und zittert. Die Vergangenheit schüttelt ihn so stark, dass er die Hand auf seinem Arm zunächst nicht einmal spürt. „Greegor“, sagt eine Stimme an seinem Ohr. „Greegor!“ Sie alt geworden, vor der Zeit. Trotzdem hätte er sie erkennen können, in ihrem Pelzmäntelchen, wenn er sie nicht in der hintersten Ecke seiner Seele versteckt hätte. Und jetzt? Entschuldigt sie sich? Ist es dafür zu spät? Aber was sagt sie da? „Greegor,  Du hier. Mit mir. Das ist Schicksal, das ist Gottes Fügung. Komm, wir trinken einen Granatapfeltee, so wie immer. Du weißt ja, ich wohne ganz in der Nähe.“

Gregor spürt die Wut in sich aufsteigen. Die Scham. Unbändigen Zorn. Auf sie, die ihm sein Leben zerstört hat. Auf sich, weil er zu feige war, Max zu verteidigen. Auf die Kirche. Auf – er dreht sich zu ihr um, will ihr die Hände um den Hals legen und sie erwürgen. Vor seinen Augen dreht sich alles in Schwarz.

Sie muss einen Schritt zurückgewichen sein, nicht einmal aus Angst. Um ihn besser zu sehen. Dabei tritt sie gegen die Absperrung um den Seitenaltar, der gerade restauriert wird. Ein Balken löst sich vom Gerüst. Sie ist auf der Stelle tot. Der Heilige Antonius schaut aus der Altarnische auf Gregor herab. Er kennt sich mit sowas aus.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 13. Dezember 2018

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Drum prüfe, wer sich ewig bindet….

Es gibt wohl kaum ein Paar in der Minervastraße 89, über das so viel geredet wird wie über Salomé und Freddi Schlicht. Das liegt natürlich zum Teil daran, dass sie die mit Abstand teuerste Wohnung im Haus gekauft haben – sie erstreckt sich über 2 komplette Etagen mit vier über Treppen verbundenen Terrassen. Das heißt, Salomé hat sie gekauft und, so will es die Hauslegende, auch noch bar bezahlt. Das allein ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Gerüchteküche, und die brodelt, glauben Sie mir, in noblen Quartieren genauso wie in  sozialen Brennpunkt. 

Es ist aber noch ein anderer Umstand, der Salomé und Freddie zu begehrten Klatschobjekten macht, und das ist ihr beträchtlicher Altersunterschied. Salomé sieht aus wie eine gut erhaltene Fünfzigjährige, aber tatsächlich ist sie weit über 60. Freddie hingegen ist grade mal Ende zwanzig. Muskulös, durchtrainiert, knackig. Wenn man bedenkt dass die beiden schon 2 Jahre verheiratet sind, fragt man sich natürlich unwillkürlich…… warum?

Dazu müssen Sie wissen – und dieses Geheimnis kennt in der Minvervastraße 89 niemand – , dass Salomé ihren durchaus beträchtlichen Reichtum mit einer Reihe von Bordellen erworben hat. Sie hat mit knapp 17 selbst als Bordsteinschwalbe angefangen und sich dann zielstrebig nach oben gearbeitet, gespart, gekauft, gemanagt, protegiert. Junge Mädchen, junge Männer. Und hat immer mal wieder einen jungen Menschen gerettet, vor dem Absturz in die Drogen oder in die Kriminalität. In ihren Etablissements waren alle Angestellten clean.

Freddie wäre heute ohne Salomé entweder tot oder im Gefängnis. Aber es gibt Tage, da ist er nicht sicher, worin sich der goldene Käfig, in dem er hier lebt, vom einem Strafgefängnis unterscheidet. Denn Salomé lässt ihn jeden Tag spüren, dass sie für seine Rettung Dankbarkeit erwartet – und unbedingten Gehorsam. Tag und Nacht…….

Vom Frühstück am Morgen über ausgiebige Massagen am Nachmittag bis zum frisch zubereiteten Abendessen reichen Freddies Pflichten. Tagein tagaus. Zu seinem Glück ist er ein kreativer und passionierter Koch, so dass ihm zumindest diese Pflicht auch Vergnügen bereitet.  Was Salomé dazu bewogen hat, ihm in einem großzügigen Moment einen Kurs „Kundalini kochen“ bei dem Sternekoch und Shootingstar der exotischen Küche, An Lee, zu schenken. Seitdem lodert in Freddie die Leidenschaft. Wofür auch immer….

Heute  soll es endlich soweit sein. Freddie wagt sich an An Lees kunstvollste Kreation. Er hat den Esstisch besonders liebevoll dekoriert, Lotusblüten, schwimmende Kerzen und Räucherstäbchen verzaubern die Wohnung. Er zelebriert das Essen wie einen Tanz und reicht Salomé jede Schale mit einer tiefen Verbeugung. Sie lächelt aus kohlschwarzen Augen. Er lächelt zurück. Sie essen. „Die Erdnüsse hast Du aber weggelassen, mein Liebling?“ „Natürlich, Salomé, ich will Dich doch nicht vergiften!“ Er folgt jeder Bewegung, mit der sie den Löffel zum Munde führt. Folgt ihr so lange, bis sich sein Magen verkrampft, bis er sich am Boden krümmt und schließlich reglos liegen bleibt.

Arsenvergiftung, stellt der Pathologe fest. Salomé scheidet als Täterin aus, denn beide haben genau das gleiche gegessen, wie die Überwachungskamera („Die läuft eigentlich nur nachts, Freddie muss vergessen haben, sie auszuschalten“)  eindeutig beweist. Und ihr geht es gut, abgesehen von ein paar unangenehmen Auswirkungen einer leichten Erdnussintoleranz (Seit Freddie seine Liebe für’s Exotische entdeckt hat, hat sich Salomé in aller Stille einer intensiven Desensibilisierung unterzogen. Sicher ist sicher).

Als die Polizei der Gründlichkeit halber die Wohnung durchsucht, fehlt in Salomés Bibliothek Dorothy Sayers Beststeller „Strong Poison“. Sicher ist eben sicher.

Adventskalender MiniKrimi vom 12. Dezember 2018

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Was ist nur aus Deutschland geworden?

„Soweit sind wir jetzt schon. Weihnachten haben die uns komplett kaputt gemacht.“ Kopfschüttelnd betrachtet Elfriede das Video, das ihre Freundin Alma ihr auf WhatsApp geschickt hat. Zu den Klängen von Stille Nacht spulen sich Bilder von 60er Jahre Weihnachtsmärkten ab, Kinder in schwarzweiß strahlen Zuckerwatte an, der Kölner Dom leuchtet. Dann Szenenwechsel, Flammen und Heavy Metal, während ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz rast. „Raus mit dem Pack!“, murmelt Elfriede vor sich hin, während sie ihre ganze Wut auf den Vorwerk VT 300 überträgt und dabei die Schiekraftregulierung des Saugwischers durcheinanderbringt. 

„Hallo, Elfriede, bin wieder da! Möchten Sie einen Kaffee?“ „Hallo Karim, nee. Nen Latte.“ Elfriede reinigt zweimal die Woche die Maisonette-Wohnung des Herzchirurgen Dr. Karim Abdelkader im Dachgeschoss der Minervastraße 89. Für 20 Euro die Stunde, schwarz. Das kollidiert mit ihrem Hass auf „die Ausländer“ ebensowenig wie der italienische Latte Macchiato, den Karim ihr auf einem Silbertablett serviert, mit zwei Stück Würfelzucker und vier Giottokugeln. Während der Kaffeepause erzählt Elfriede, was sie sich von ihrem Mann zu Weihnachten wünscht: einen Urlaub auf Ibiza nächstes Jahr, und was sie ihrem pubertierenden Sohn schenken wird: das neue Egoshooter Computerspiel (eigentlich ab 18)  und einen Paintball-Nachmittag mit Freunden. 

Karim hört zu und lächelt. Er ist höflich, und Elfriede putzt gut und will nichts Privates von ihm wissen. Jedenfalls nicht im Gespräch.

Auf dem Weg nach Hause macht Elfriede einen großen Bogen um den Weihnachtsmarkt am Rotkreuzplatz. Obwohl ihr schon auf der U-Bahn-Treppe ein verführerischer Duft nach gebrannten Mandeln entgegenweht und ihr Bus erst in zehn Minuten kommt. An der Haltestelle rempelt sie eine junge Frau mit Kopftuch und Kinderwagen an, aus Versehen, aber sie entschuldigt sich nicht. Murmelt stattdessen wieder: „Raus mit dem Pack.“ 

Daheim schreibt sie in die Timeline ihres Sozialen Netzwerks, dass sie heute nicht auf den Weihnachtsmarkt gegangen ist, weil „eine verdächtige arabische Frau mit Kopftuch und Kinderwagen“ ihr Angst gemacht hat. „In dem Wagen hätte ne Bombe sein können, man weiß ja nie, heutzutage. Was ist nur aus Deutschland geworden. Kein Verlass mehr auf die Polizei. Früher hätten die solche Leute sofort verhaftet und postwendend über die Grenze geschickt.“

Einer der vielen zustimmenden Kommentare auf ihren Post lautet: „Früher, da herrschte noch Recht und Ordnung bei der Polizei. Da ham die mit Ausreisepflichtigen kurzen Prozess gemacht.“ „Ja genau, Scheiß Polizei. Alles Merkels Schuld“, pflichtet ein anderer bei. Elfriede fühlt sich bestätigt. Es wird Zeit, dass Deutschland wieder ein Rechtsstaat wird. Die Ausländer müssen raus. Oder ins Gefängnis. Solange, bis sie ausgewiesen werden.

Am nächsten Morgen klingelt es Sturm. Draußen ist es noch dunkel. Elfriedes Mann brummt unwirsch: „Geh nachschauen, das hört sonst nie auf.“ Im Morgenmantel öffnet sie die Tür. Und steht dem funktionierenden Rechtstaat gegenüber, der sie vorschriftsmäßig in Handschellen abführt. Im Vernehmungsraum des Polizeipräsidiums wird ihr Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Sie soll einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Rotkreuzplatz geplant haben. Und den Mord an der internationalen Herz-Koryphäe Dr. Abdelkader. 

Elfriede verneint. Elfriede schreit. Elfriede weint. Schließlich beschimpft sie die Polizei. Den Rechtsstaat. Ihr Pflichtverteidiger sieht die Polizeiakten ein – alles bestätigt, mit Zeugenaussagen und allem drum und dran, sogar mit konspirativen Fotos. „Am besten, sie geben alles zu. Das macht dann vor Gericht einen guten Eindruck.“

Inzwischen hat in den sozialen Netzwerken der Shitstorm gegen Elfriede schon begonnen. Nestbeschmutzerin ist noch das netteste, womit ihre Freunde vom rechten Rand sie beschimpfen. 

Erst nach Monaten in U-Haft klärt sich die Sache. Ihr Sohn hatte die Nase voll von EgoShootern und wollte sich mal als Hacker ausprobieren. Seine Mutter nervte ihn, und ein paar Monate ohne sie stellte er sich richtig cool vor. Als er keine Wäsche mehr hat, Kühlschrank und Tiefkühltruhe lange leer sind und der Vater zur Nachbarin gezogen ist, geht Kevin missmutig zur Polizei und gesteht die selbst gebastelten „Fake News.“   

Elfriedes Glaube in den Rechtsstaat und seine Exekutive ist wiederhergestellt. Irgendwie. Oder so. 

Adventskalender Minikrimi vom 10. Dezember 2018

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Heute wieder ein Schmankerl der besonderen Art: Ein Kurzkrimi meiner Autoren-Kollegin Heide-Marie Lauterer! Nicht nur für Vegetarier……Wohl bekomm’s. P.S. Ihr neuer Roman Das blaue Album ist jetzt erschienen und
beim Rungholt Verlag oder als E-Book erhältlich.
 

Wenn der Gang zum Metzger zum Survivaltraining wird

Der Metzger mit seinem wilden Blick und seinen wirren Haaren und den hochgekrempelten Ärmeln seiner blauweiß gestreiften Metzgerjacke – wenn es kalt ist, wird geschlachtet. Wir nehmen vom Schwein zwei Bratwürste und natürlich Senf aus Dijon. Die Würste gleichen seinen Fingern, lang, fest und grobgehackt.

Es sind die Finger, die den Bolzenschuss gelöst und das Messer an die Halsschlagader gesetzt haben. Der Metzger kennt hier jedes Schwein, er macht alles selbst, von Anfang an.

Er weiß wovon er spricht, wenn er uns einen schönen Nachmittag wünscht.

Adventskalender MiniKrimi vom 9. Dezember 2018

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Ihr Liebhaber gepflegter Adventskriminalistik: heute mal was Preisgekröntes. Mit dieser explosiven Adventstragödie habe ich mal den Krimipreis Goldbroiler gewonnen. Viel „Spaß“ beim Lesen….

Der Tod eines Traums. Adventstragödie in vier Akten.

1.

„Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft..“ „Marie, leise, Papa schläft. War so viel los in der Schule!“. Sie legte sich aufs Bett, stöpselte das Lied ins Ohr. Die Wohnung duftete nach Zimt und Plätzchen. Marie liebte den Advent, die gemütliche Heimlichzeit.

Sieht aus wie eine dicke rote Kerze. Passt perfekt in den Adventskranz.  Keiner bemerkt, wer sich vor dem Blumenladen eine Zigarette anzündet und den Docht dazu.  Jetzt schnell weg und weiter, ein sichtlich unsichtbarer Schatten in der Menge wogender Mäntel. Der Kirchturm wird zum Logenplatz, die Straße zur Arena. Ein Knall, klirrendes Glas von zerberstenden Scheiben. Schreie. Schreie und Blut.

2.

„…Man begegnet hin und wieder schon dem Nikolaus“ Er hatte immer was Süßes im Sack. Anziehend und unheimlich zugleich. Ein geheimnisvoller Fremder. Bis er ihr zu nahe kam.

Bunt und laut und weihnachtsdurstig wimmelt die Samstagsmenge in der jubelbeschallten Einkaufsmeile. Alle freuen sich und viele nehmen gern den Glühwein, den ihnen der dick vermummte Nikolaus freundlich lächelnd anbietet. Sie kommen nicht weit. Rattengift wirkt schnell.

3.

„Lieb verpackte Päckchen, überall versteckt“. Am letzten Schultag wurde gewichtelt. Marie hatte Jo ein Schokoherz gekauft. Und er? Als sie ihr Päckchen auspackte, grölte die ganze Klasse. Ein kaputter Vibrator für „Lehrers Liebling“!

Am letzten Schultag strömen alle in die Aula. Neunhundert Schüler bestaunen die Riesentanne mit den Paketen für arme Kinder darunter. Halleluja singt der Chor der Ehemaligen. Ritual und Tradition. Diesmal mit Feuerwerk. Ein Handy klingelt, und schon wirbeln Sänger, Äste, Kerzen durch die Luft. Wie vorgezogenes Silvester.

4.

„Alte Lieder, Dunkelheit, Bald ist es so weit!“ Es war so einfach. Internet sei Dank. Erst der Flirt, dann die Kalaschnikow. Ein volles Magazin. Drei Treppen und ein Flur. „Schöne Bescherung, Papa, jetzt ist Schluss mit Weihnachtsmann“, und sie entsichert die Waffe.