Adventskalender MiniKrimi vom 15. Dezember 2018

Ein Großstadt-Krimi von/mit meiner Autorenkollegin Lydia Heck.

Alles Bio, oder was?

Das Haus in der Minervastraße 89a ist die von einem hochdekorierten und entsprechend gut bezahlen Architekten entworfene Antwort auf das Problem der Flächenversiegelung in München.  Der dringend benötigte Wohnraum muss in die Höhe gebaut werden! 6 Stockwerke mindestens! Allerdings kollidierte dieser Plan mit dem in der Stadt ebenfalls existierenden Hochhausverbot im Innenstadtbereich.

Genau diese Lage aber sollte das Projekt Minervastraße 89 für eine exklusive Käufer-Klientel attraktiv machen.  Die Lösung des Dilemmas:  eine Wohnlage nicht ganz in der Innenstadt, dafür aber eingebettet in einen parkähnlichen Garten, umfriedet mit einer mannshohen Mauer und ausschließlich den Bewohnerinnen und Bewohnern zugänglich.  Als I-Tüpfelchen war im letzten Jahr noch ein großer Naturschwimmteich hinzugekommen, in und an dem die Bewohner der Hausnummer 89a den Jahrhundertsommer gerne und ausgiebig  gefeiert hatten.

Dies alles musste natürlich den Neid der Anwohner hervorrufen. Sie wandten sich an die Stadt, sie wandten sich an das Land. Und fanden, kurz vor der Landtagswahl, schließlich Gehör.  Und so flatterte den Eigentümern in der Minervastraße eines Tages ein hoch offizielles Schreiben in den Briefkasten mit der Mitteilung, sie hätten einen Großteil ihres schönen Gartens gegen eine Entschädigung  an die Stadt abzutreten.  Auf diesem Grund sollte, sozusagen als Gegenmaßnahme zur in vielen Stadtvierteln erfolgten Gentrifizierung,  eine Siedlung mit Sozialwohnungen entstehen.

Die Minervastraße stand Kopf. Natürlich hatte niemand etwas gegen  gegen soziale Randgruppen.  Im Gegenteil,  jetzt kurz vor Weihnachten spendete man großzügig.  Aber die Vorstellung,  diese Menschen bald direkt vor der eigenen Haustür, im eigenen Garten zu haben – nein, das ging dann doch zu weit.

Auf einer kurzfristig einberufenen Eigentümerversammlung entstand der rettende Plan: Naturschutzgebiet.  Der Garten musste zum Naturschutzgebiet erklärt werden.  Das hatte schon des öfteren in München funktioniert. Man einigte sich auf eine vom Aussterben bedrohte Tierart, den Feuersalamander.  Er sollte in einer mondlosen Nacht in der Minervastraße ausgesetzt werden.

Zur Umsetzung des Planes kam es jedoch nicht.  Am darauffolgenden Mittag durchschnitt ein gellender Schrei die Ruhe des Münchener Vorortes. Katharina,  die Mutter der fünfjährigen Leni, sah fassungslos aus dem vierten Stock hinunter zum Badeteich, wo der leblose Körper ihrer einzigen Tochter leise auf dem vom Dezemberwind gekräuselten Wasser schaukelte.

Die Obduktion des Kindes ergab Atemstillstand nach Kontakt mit dem Gift einer Gelbbauchunke. Das giftige Hautsekret ruft in der Regel keine größeren Schäden hervor. Empfindliche Personen oder kleine Kinder können allerdings stärker reagieren. Das geschwächte Immunsystem der kleinen Leni, die gerade von einer Grippe genesen war,  hatte der Unke nichts entgegenzusetzen gehabt. Wie der Feuersalamander auch, ist die Gelbbauchunke ein Lurch, der in Deutschland vom Aussterben bedroht ist. Sie bevorzugt Lebensräume mit Teichen und Tümpeln. Damit war das Problem gelöst. Aus dem Badeteich wurde auf sofortigen Beschluss der unteren Naturschutzbehörde ein Biotop.  Die drei Gelbbauchunken im Garten sorgten dafür,  dass alles so blieb,  wie es war.

Dafür spendeten die Hausbewohner in diesem Advent deutlich mehr als in den vergangenen Jahren.

Auge um Zahn

Ich weiß nicht, wann sie aufgehört hat, in mir, die Angst vor meiner Mutter. Ebenso wenig weiß ich, worin diese Angst bestanden hat oder wovor ich mich gefürchtet habe. Als Kind, als Jugendliche, als Erwachsene, noch. Vor ihrer Macht. Über mich. Und meiner Ohnmacht. „Deine Mutter war immer für dich da, du Glückliche“, sagte mir kürzlich ein Freund mit dem bitteren Unterton des verlassenen Kindes. Ja, meine Mutter war für mich da. Zog meine Puppen für mich an und setzte sie an den Esstisch, wo sie mich nach der Schule erwarteten. Kaufte mir schöne und praktische Kleidung. Gab mir zu essen und zu lesen, fuhr mich zum Ballet und meldete mich im Tennisclub an. Als ich sie um einen selbstgesrickten Pullover bat, immer wieder, schenkte sie mir einen handgestrickten, für sehr viel Geld bei einer Künstlerin erworbenen. Am Samstagmorgenfrühstückstisch diskutierte sie mit mir über die Probleme der großen Welt. Politik und Kunst. Sie wachte über meinen Intellekt und schärfte meine Argumentation. Ja. Ich war immer satt und sauber. Rundherum.

Wie es ihr ging, ohne den Menschen, der ihre Welt bedeutet hatte, meinen Vater. Wie sie zurechtkam, so als Witwe, in der Männerlebenswelt, unter verheirateten Freunden, außen noch jung, aber mit einem versteinerten Herzen. Darüber sprach sie nicht. Und ich glaube nicht, dass ich zu fragen wagte. Wie es mir ging, so vaterseelenallein in einem kaltfeindlichen Dorf, ausgesperrt von Parties, Cliquen, Kino. Wie ich die weißen Stunden ertrug, in einer Wohnung ohne Echo, in der kein Pullover ankam gegen meinen Frost. Darüber sprach ich nicht. Ich log mich durch unsere Tage.

Wenn ich nachmittags nach Hause komme, steht sie da, mit einem Rechen in der Hand, und hat den ganzen Tag gekehrt. Sagt sie. Ich will in die Küche gehen, einen Kaffee kochen, Toast und Joghurt, Milch, und ihr das alles auf den Esstisch stellen, oder vor den Fernseher. Will ihre Kleidung waschen und die Schuhe putzen.

Nein. Auch, wenn es nicht das ist, was ich als erstes fühle: ich werde zu ihr gehen, lächelnd und mit einem Kuss im Sinn. Und sie in ein Gespräch verwickeln. Fragen, was sie denkt und fühlt gerade. Ich werde es versuchen.

Vielleicht nicht heute. Aber morgen.