Fallobst oder „den Russen“ gibt es nicht


Ich könnte so viel schreiben. Ich hätte so viel zu sagen. Den Leuten, die „den Russen“ angreifen, denen, die „den Russen“ verteidigen- In den sozialen Netzwerken, mit echten oder falschen Fotos und Videos. Ich könnte meine Prognosen den endlosen Einschätzung auf allen Kanälen hinzufügen. Meinen Ängsten Ausdruck geben, meinem Mitleid.

Stattdessen poste ich heute eine Geschichte, die mir „durch Zufall“ – jedoch glaube ich nicht an Zufälle – eben wieder in die Hände gefallen ist. Sie entstand anlässlich eines Schreibworkshops 2014 im Rahmen eines Frauentages und basiert auf den Erinnerungen einer Teilnehmerin. Die Geschichte passt gut in die Gegenwart – und auch zum Weltgebetstag der Frauen, morgen.

Fallobst

Der kleine Hans stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Anrichte besser überblicken zu können. Vielleicht lag ja noch ein Kanten Brot auf dem Teller, oder ein Apfel. Aber nein, dort stand nur ein Krug mit klarem Wasser. „Mama, ich hab Hunger! Haben wir denn gar nichts mehr?“ Die Mutter kam aus der kleinen Kammer, die als Schlazimmer für sie und ihre drei Kinder diente. „So, Hunger hast du?“ „Ja. Aber Frieda auch“. Die Mutter drehte sich zu Frieda um, die, an den Türrahmen gelehnt, mit großen Augen zu ihr aufblickte. „Gut, dem können wir abhelfen. Heute ist ein sonniger Tag, wie geschaffen, um Fallobst aufzulesen“. Sie nahm die Hirtentasche vom Haken an der Tür und hing sie ihrer Tochter um. „Pass auf deinen kleinen Bruder auf und bleibt nicht zu lange weg. Es wird jetzt schon früh dunkel.“

„Komm“, sagte die siebenjährige Frieda zu ihrem Bruder, und die beiden machten sich auf den Weg. Sie gingen die Hauptstraße hinunter zu den Obstwiesen am Ortsende von Treffurt.

Treffurt war damals, im Jahr 1946, eine kleine Stadt mit 3000 Einwohnern. Sie lag in Thüringen unmittelbar an der Grenze zu Hessen. Frieda und Hans waren mit Mutter, Großvater und der jüngsten Schwester als Donauschwaben in das mittelalterliche Städtchen evakuiert worden. Die Familie hatte, wie alle Flüchtlinge, ein ganzes Leben hinter sich gelassen. Den Bauernhof, die Tiere, die Freunde. Jetzt lebten sie schon seit zwei Jahren in zwei Zimmern in einem alten Haus voller Flüchtlinge aus Polen, der Slowakei und anderen Gebieten. Das Essen war rationiert, und wenn die Lebensmittelkarten aufgebraucht waren, gab es nur zwei Möglichkeiten: hungern oder Obst und Gemüse klauben. Kartoffeln von den abgeernteten Feldern und Fallobst von den Obstwiesen.

Frieda mit ihren Holzssandalen und Hans, der barfuß ging, kam der Weg zu den Apfelbäumen unendlich lang vor. Aber schließlich standen sie auf der Wiese. Nur noch ein paar wenige schrumpelige Äpfel lagen auf dem Gras. „Guck, mal, sind ja überall Würmer drin“, beklagte sich Hans. „Es sind aber keine anderen da, also müssen wir halt mit denen Vorlieb nehmen“ antwortete Frieda, die vernünftige. „Und pflücken dürfen wir nicht, der gehört uns ja nicht.“ Die Kinder bückten sich und sammelten nach und nach die einsamen Apfel in die Hirtentasche. Frieda summte vor sich hin. Und Hans träumte vielleicht schon vom Apfelkompott.

„Stojats“, hörten sie plötzlich eine laute Stimme direkt hinter Ihnen. „Was ihr machen?“ Erschrocken drehten sich die Kinder um. Vor Ihnen stand ein riesiger Soldat. Breitbeinig und mit aufgepflanztem Bajonett. Hans und Frieda ließen die Äpfel fallen, die sie in der Hand hatten. Frieda nahm ihren ganzen Mut zusammen: „Wir nehmen nur die, die schon am Boden liegen“, sagte sie trotzig, während Hans hinter ihrem Rücken hervorlugte. 

„Ihr dumme Kinder!“, dröhnte der Russe. Ging zum Baum und schüttelte ihn kräftig. Ein wahrer Apfelregen prasselte auf die Kinder herunter. Im Handumdrehen lagen so viele Apfel am Boden, dass sie nicht nur die Hirtentasche damit füllten, sondern auch die Hosentasche und die Schürze vollstopften. „Choroschego appetito“, lachte der Soldat, drehte sich um und ging zurück zu seinem Wachhäuschen hinter der Wiese.

Noch heute  im September, wenn die Äpfel reifen, geht Frieda mit ihren Enkelkindern zu dem Apfelbaum am alten Kirchlein in dem Dorf, in das sie als Erwachsene mit ihrem Mann gezogen ist. Sie sammeln das Fallobst auf und backen daraus einen Apfelkuchen. Und dann erzählt sie ihren Enkelkindern die Geschichte von dem russischen Soldaten und den Äpfeln.

Adventskalender MiniKrimi am 15. Dezember


Nein, ich bin kein TV-Sender. Dennoch gibt es bei mir heute eine Wiederholung. Weil ich die Story wirklich sehr gerne mag!

Verlorener Sohn

Seit Nicolas nicht mehr bei ihr wohnt, bleibt der Briefkasten meistens leer. Kein Grund mehr, mit klopfendem Herzen in Hausschuhen und Bademantel zum Gartentor zu hasten und die Briefe einzuholen wie ein Fischer sein Netz, immer in der Furcht vor gelben Briefumschlägen, Vorladungen, Einschreiben.

Nicolas ist fort und sie allein. Die Erleichterung ist der Leere gewichen. Und zuweilen – ganz besonders jetzt, in der Adventszeit – sehnt sie sich nach sogar nach seinen schwankenden Schritten mitten in der Nacht, seinem lauten Schnarchen mitten am Tag, seinen kurzen Beleidigungen im Vorbeigehen – und dann immer wieder doch noch einem  flüchtigen unerwarteten Kuss auf ihren Scheitel. „Tschö Mom, bist meine Beste.“

Das war einmal. Nach der letzten Zwangseinweisung in die Psychiatrie hat sie Nicolas in einem Brief die Mutterschaft gekündigt. Du hast bei mir kein Zuhause mehr, hat sie geschrieben. Und es schon Stunden später bitterlich bereut. Hat diese Reue lange mit sich herumgetragen. Sie wachsen lassen, bis sie so schwer wurde, dass sie sie ablegen musste. In einem Brief an ihren Sohn. Einer Einladung.

Hat da nicht grade der Briefkasten geklappert? Obwohl sie keine Post erwartet, geht sie raus, in Hausschuhen und Bademantel. Und tatsächlich. Im Kasten liegt ein Umschlag. Grau und faltig. Sie reißt ihn auf, mit zitternden Fingern. Findet ein Foto. Ein Seeufer. Auf grauem Kies die Überreste eines großen Feuers. Deutlich erkennt sie trotz der Brandnarben den nagelneuen blauen Schuh. Kontoauszüge mit dem Namen ihres Sohnes. Verbrannte Medikamentenblister. Und vorne im Bild ein von den Flammen nur halb zerfressenes Blatt Papier. Sie kennt den Brief, erinnert jedes Wort. „Lieber Nic, wie geht es dir? Ich hoffe, du kannst deinen Lebensweg gesund und stark weiter gehen. Du hast bestimmt viel vor. Diese neuen Schuhe sollen dich weit tragen. Lass uns Vergangenes vergessen und neu anfangen. Warum kommst du Heiligabend nicht zu mir? Nach Hause?“ Sie hat oben auf den Briefbogen ihre Adresse geschrieben, zur Sicherheit.

Und nun dieses Foto. Als sie es umdreht, auf der Suche nach Halt, liest sie: Tausend Euro in kleinen Scheinen bis 18 Uhr. In einer Nettotüte im Papierkorb am Hundesee. Sonst geht Ihr Nic nirgendwo mehr hin.

Sie kämpft mit sich. Bank oder Polizei? Oder beides? Die Handschrift ist ihr fremd. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Nic sich in Schwierigkeiten bringt. Bis vier Uhr sitzt sie am Küchentisch vor dem Adventskranz und der xten Tasse Kaffee. Ringt mit sich und geht um halb fünf zur Bank. Am vorletzten Arbeitstag vor Weihnachten sind die Ausfallstraßen so verstopft, dass sie um 17.58 Uhr am Hundesee die Tüte in den Abfall wirft. Und dann erst merkt, dass sie nicht auf die Plastiktütenmarke geachtet hat.

Dann geht sie zurück zum Auto. Wartet im Schutz der Dunkelheit, doch nichts passiert. Um acht Uhr gibt sie auf. Und halb neun ist sie wieder daheim. Um zehn klingelt es an der Tür. Sie ist inzwischen so erschöpft, dass sie keine Angst mehr spürt.

„Sollte das nicht eine Netto-Tüte sein? Das ist so typisch du. Gibst 1000 Euro für deinen verlorenen Sohn her, aber bei Netto einkaufen, um die richtige Tüte zu haben, das geht dir zu weit. Darf ich reinkommen, Mom? Hier ist dein Geld. War nur ein Test, diesmal. Mir geht es gut. Aber ich brauche ein neues Paar Schuhe.“

Adventskalender MiniKrimi am 7. Dezember


Eine schöne Bescherung 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am schlimmsten. Wenn draußen die Lichtgirlanden, in den Fenstern die Jakobsleitern und am Adventskranz die Kerzen leuchten, wenn die Luft nach Glühwein duftet und gebrannten Mandeln, wenn sich im Keller die Dosen mit frisch gebackenen Plätzchen stapeln und das Radio „Last Christmas“ in Dauerschleife dudelt, packen die Erinnerungen Erika jedes Mal mit aller Macht. Denn genau in dieser magischen, wunschprallen, nach Vergebung und Liebe suchenden Zeit ist Erika die schlimmste Kränkung ihres Lebens widerfahren. 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am besten. Wenn draußen ein eisiger Ostwind den Schnee vor sich hertreibt und drinnen vor dem munter flackernden Kaminfeuer Whiskey und Pfeife auf ihn warten, genießt Eduard die Erinnerungen am meisten. Und während das Holz in den Flammen knistert, ergreift die Genugtuung wieder Besitz von jeder Faser seines Körpers, prickelnd und über die Maßen erregend.

Erika hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. Die Erstgeborene, ein Mädchen statt des ersehnten Stammhalters, schmal und schmächtig. Aus der konnte nichts „Gescheites“ werden, das hatte die Mutter gleich beim Anblick der Neugeborenen prophezeit. Im Laufe ihres Lebens hat Erika diese Erwartungen voll und ganz erfüllt. Von einer scheuen Schülerin, die sich statt in Freizeitaktivitäten lieber in Bücherwelten stürzte, entwickelte sie sich zur einer musikbesessenen Medizinstudentin. Natürlich gaben ihr die Eltern keinen Pfennig dazu, und Erika verdiente sich Studium, Bücher, Unterkunft und Essen durch Klavierunterricht. Dass sie ihr überhaupt erlaubten, die Universität zu besuchen, lag ganz einfach daran, dass sie dadurch früh „aus dem Haus, dem Auge und dem Sinn“ der Mutter verschwand.

Eduard interessierte sich schon im Kinderwagenalter für Geschwindigkeit: er stellte sich kerzengerade in seinem Buggy auf und hieb mit einem langen Schnürsenkel auf die Schwester ein, die ihn, wie ein eingespanntes Pferd, in Windeseile über den Hof ziehen musste. Mit fünf zerschnitt er die Bremsen ihres Fahrrads, woraufhin sie wie ein Pfeil die Straße bergab und gegen den Baum an der ersten Kreuzung sauste. Selbstverständlich trat er nach dem Realschulabschluss in das elterliche Autohaus ein und verdrängte den Vater, so schnell es ging, aus dem Geschäft. Sein rasanter Lebensstil kostete im Laufe der Zeit allerdings mehr, als ihm seine diesbezügliche Expertise einbrachte. Schließlich stand das Autohaus – das Lebenswerk des Vaters – kurz vor dem Konkurs. Dann starb die Mutter, und nur mit ihrem Geld konnte er die geschäftliche „Kurve kriegen“. Allerdings war dazu mehr als sein eigener Erbanteil nötig...

Erika, inzwischen längst Landärztin mit eigener Praxis, Ehemann und zwei Kindern, saß bei der Testamentseröffnung kerzengerade auf dem Ledersofa. Sie musste gegen die ungehindert durch die großen Fenster in den Raum hineinstürzende Sonne blinzeln und nahm den Anwalt, den die Mutter offenbar kurz vor ihrem Tod mit ihren Angelegenheiten betraut hatte, – übrigens ein Kunde und Duzfreund ihres Bruders – nur als Scherenschnitt war.  Im Nachhinein hat sie versucht, das Testament anzufechten, um zumindest einen Pflichttei des Erbes zu erhalten. Vergeblich. Nachdem sie alle Instanzen durchlaufen hatte, nahm der Richter, der ihr in der letzten Verhandlung die allerletzte Hoffnung genommen hatte, sie beiseite. Ob ihr bewusst sei, dass ihr Anwalt zur Clique von Eduard gehöre? Er habe es wirklich geschickt angestellt, so dass ihm, dem Richter, bei dieser lückenlosen Vorgehensweise tatsächlich die Hände gebunden gewesen seien.

Eduard sitzt vor seinem Kamin. Verträumt betrachtet er die Glut. Um ihn herum nur die Stille einer sternenklaren Nacht. Er hat den Brief zweimal gelesen. Wort für Wort. Aber er kann keinen Fallstrick erkennen. Nur eine tiefe Traurigkeit. Erika war schon immer melancholisch veranlagt. Sie schreibt, dass ihr Mann gestorben sei. Ein Unfall, der die gesamte Familie in arge Bedrängnis gebracht habe. Sie könne die Praxis nicht mehr halten und werde wohl auch aus dem Haus ausziehen müssen. Das wenige Geld, das ihr bleibe, sei für die letzten Studienjahre ihre Kinder bestimmt. Nach so viel Leid habe sie das dringende Bedürfnis, in ihrem Leben Ordnung zu schaffen. Sie wolle den Zwist mit ihrem Bruder beilegen. „Lassen wir den Schnee von gestern doch einfach tauen“, schrieb sie. „Und endlich wieder wie Geschwister zueinander sein.“

Der dem Brief beigelegte Versöhnungstropfen muss noch aus dem Weinkeller seines Schwagers stammen. Ein vorzüglicher Chateau Lafitte. „Santé, Schwester“, sagt Eduard und hebt das Glas.

Dank seiner Selbstgerechtigkeit ist er kaum überrascht, als sie trotz vorgerückter Stunde vor seiner Tür steht, und es gelingt ihm gerade noch, ihr das Glas in die Hand zu drücken, als die Welt um ihn herum sich zu drehen beginnt. Sekunden später liegt er leblos auf dem Terracottaboden.

Frau Dr. Erika Monhaupt ist untröstlich, den Bruder so unmittelbar nach ihrem Wiedersehen verloren zu haben. Dabei verschweigt die Ärztin natürlich sowohl ihren Brief samt Versöhnungsgeschenk als auch ihre Kenntnis bezüglich der Ursache für den plötzlichen Tod ihres Bruders. 

Die Vorweihnachtszeit, denkt sie, während draußen dichte Schneeflocken tanzen und im Kamin ein lustiges Feuer prasselt, ist doch gar nicht so übel. Morgen kommen die Kinder. Ist das nicht eine schöne Bescherung?

Barfuß auf Asche


Sie beißt in den Himmel. Er schmeckt nach Schwefel. Seine Asche verklebt ihren Mund wie türkischer Honig, nur bitter. Die Straße fließt und reißt ihre nackten Füße mit. Stiche von Scherben, Knirschen von Knochen, diese Finger, so weiß – bloß schnell weiter. Die Luft heult und brüllt. Fegefeuer Berlin. „Komm Mädchen fass an. Was stehst du da rum?“ Eine Hand, ein Eimer Wasser schwappt über. Sie geht wie auf Schienen, trägt den Eimer zum Haufen rauchender Balken. „Schnell Mädchen.  Gib her! Und hol einen neuen. Da hinten. Nun lauf schon!“ Sie geht wie auf Schienen. Der Himmel aus Asche, der Boden ein Meer aus gestrandeten Häusern. Die Menschen ertrunken im Feuer. Immer wieder muss sie hinsehen, sie ansehen. Die toten Augen greifen nach ihrem Blick. Saugen ihn auf. Dann wird alles schwarz.

„Mama? Mama? Was sitzt du denn hier im Dunkeln?“ Leise, mit abgewandtem Mund: „Also ich hab das Gefühl das wird immer schlimmer. Mit ihr.“ Überlaut: „Mama? Hast du nicht gehört, dass wir angerufen haben?“ Beleidigt: „Wir versuchen seit gestern, dich zu erreichen, MAMA.“ 

„Ach ja? Ich hab nichts gehört. Vielleicht hat das Telefon geklingelt, als ich im Bad war. Außerdem: woher soll ich wissen, wer anruft?“ 

„Also hast du es doch gehört?“ 

„Vielleicht?“ 

Warum bist du nicht rangegangen, Mama!  Keine Frage! „Wir machen uns doch SORGEN!“ 

„Ich bin kein kleines Kind. Ich bin eine alte Frau. Ich kann auf mich selbst aufpassen. Im Bombenhagel hab ich Wasser geschleppt. Barfuß. Ich bin über Leichen geklettert. Ich brauche keine Aufpasser!“

Endlich sind sie weg. Ich kann sie nicht ertragen. Mama tu hier, Mama doch nicht so! Mama was MACHST du da schon wieder? Alles in vorwurfsvollen Großbuchstaben, in diesem pausen- und atemlosen Staccato der zur Mutter wider Willen gewordenen Tochter. Verkehrte Welt! 

Was denken die eigentlich, wie ich die letzten fünfundachtzig Jahre gelebt habe? Mich hat nie jemand in Watte gepackt. Allein in einer zerbombten Stadt, die ganze Welt ein Trümmerhaufen und ich mitten drin. Und ich hab überlebt. Ohne dass mir jemand ständig hinterhergelaufen ist.  Ohne dass sich jemand um mich gekümmert hat. Und jetzt soll ich plötzlich am Gängelband gehen, nur, weil ich älter bin? Die Menschen werden heute eben immer älter. Sagen sie jeden Tag im Fernsehen. Na und? Wenn man sie nicht töten will, muss man sie so nehmen, wie sie werden. 

Ist es schon acht? Wo hab ich nur meine Brille? Da muss doch die Fernsehzeitung….. Wie geht das Ding an? Ah. Na also. Was ist denn das schon wieder? Wo ist das Erste Programm? Natürlich. Das hat India verstellt, um mir dann in die Schuhe zu schieben, dass ich nicht mal mehr den Fernseher bedienen kann! 

Diese blöden Kopfschmerzen. Du musst mehr trinken, Mamaaaaa, würde India jetzt sagen. Dabei habe ich noch nie viel getrunken. Und bin trotzdem so alt geworden. Hab ich Hunger? Eigentlich schon. Oh – keine Spaghetti im Kühlschrank. Ach, dann ess‘ ich eine Banane. Mit einem Glas Wein. Mama, du sollst nicht so viel Wein trinken, würde India jetzt sagen. Gott sei Dank lebe ich alleine hier in meiner Wohnung!

Gott sei Dank lebe ich ALLEIN! Alleinallein. Alleallein. Wenn India mich jetzt hören würde, würde sie den Mund verziehen zu ihrem falschfreundlichen Alligatorlächeln. Alligator, so werd‘ ich sie nennen, ab heute. Wenn ich mich morgen noch daran erinnere. 

Wenn sie jetzt hier wäre, würde sie zwischen den Zähnen schräg nach hinten zu diesem Unmann zischeln, den sie sich herangezogen hat wie einen Schoßhund.  „Siehst du. Ulrich. Ich sage es dir doch. Sie ist verrückt!“ 

Es rauscht. Die Nacht ist ein Rauschen, sie bauscht sich um sie herum, hüllt sie ein. In einer Blase aus Schall schwebt sie die kreischenden Straßen entlang. Federt die Stöße ab, die Tritte, die reißenden Hände. Blitze gleiten an ihr hinunter, schwarzer Regen an ihr vorbei. „Di quì Signorina“ ruft eine Stimme, „hier entlang, schnell, es geht gleich los“. Sie klettert auf die Lore, gezogen von starkbraunen Armen. „Su prendi, los, nimm und verkleide dich!“ Eine gesichtslose Stimme reicht ihr das grellbunte Kopftuch. Sie knotet es fest in ihr Haar, dieses neue zufällige Leben. Drei Tage vier Nächte, und die Zwangsarbeiter sind wieder daheim, irgendwo in Italien. Sie, die verkleidete Fremde, mitten unter ihnen. Alle verabschieden sich lachend und zum Leben erschöpft. Da steht sie allein auf der Piazza in einer unbekannten Heimat. Geflohen gelandet gestrandet. „Ehi Signorina!“, ruft die Zukunft verheißungsvoll, und sie geht ihr schnell hinterher, durch die alten Arkaden.

„India, du schon wieder? Möchtest du einen caffé? Ich hab grade frischen gemacht. Heiße Milch? Setz dich doch.“

Ah, dieser Blick. Du kommst nicht als Gast, sondern als Aufpasser! Wie war das gestern? Alligator! Kannst gleich wieder gehen! 

„Mama! Deine Nachbarin hat angerufen. Erst kamen Rauchschwaden aus deiner Wohnung, dann lief das Wasser den Balkon hinunter. Mama? Mamaaaaaaa? Um Gottes Willen! Was MACHST du da? Ach, ich bitte dich! Natürlich hab ich auch schon mal die Milch anbrennen lassen. Aber dieser Topf ist durchgeschmort. Und wie viele Eimer voll Wasser hast du ausgegossen, über dem Herd? Wie bitte? Du wolltest bei der Gelegenheit gleich den Fußboden waschen? Ach…“ 

Der nasse Lappen klatscht auf den Boden. Tränen verwackeln den Ton. „Oh, Mama!!! 

Nein. DU hörst mir jetzt zu. Das ist NICHT normal, Mama. Das passiert NICHT jeden Tag und NICHT jedem. Mama! Bitte. Sei doch vernünftig. So geht das nicht weiter. Ich will dir doch nur helfen. Nein. Du bist nicht verrückt. Nein, ich will dich nicht einweisen lassen. So einfach geht das auch gar nicht.“ Leise, zu sich: „Leider.“

Mama bleib da. Mama wo rennst du hin? Mama es ist kalt draußen! Ich WILL sie nicht mehr hören. Diese Bevormundung! Ich bin im Aschenregen durch das qualmende Berlin gelaufen. Barfuß. Und dann in einem offenen Viehwagon über die Alpen gefahren, mit Wildlederpumps an den Füßen und einem Strickjäckchen über dem Seidenkleid. Kälte? Die Kälte, die mich hier verbrennt, kommt aus Indias Augen. So leblos. So lieblos. Mein Kind? Wahrscheinlich wurde sie im Krankenhaus vertauscht, gleich nach der Geburt. Wir haben uns eigentlich nie verstanden. 

Diese kommunistischen Ideen von Umverteilung und Gütergemeinschaft! Wegnehmen will sie mir alles, was ich habe. Meine Wohnung, mein Geld. Und mein Leben! Aber das kriegt sie nicht. MICH kriegt sie nicht. Ich bin zu schnell für sie, auch noch mit fünfundachtzig. Sie findet mich nicht. 

Aber jetzt ist mir kalt. Ob ich schon zurück kann? Wo genau muss ich hin? Hier war ich noch nie! 

Freundlich bestimmend zu einer Graublonden mit Einkaufskorb: „Entschuldigung? Können Sie mir den Heimweg zeigen? Sie kennen mich doch? Ach, tut mir leid. Ich habe Sie verwechselt. Neineinein, alles ok. Nein, ich sage Ihnen doch…. ich… suche nur meinen… (lass dir was einfallen!)… meinen Hund!“ 

Beruhigend zu dem kopfroten Jogger: „Ja, meinen Hund. Wie er aussieht? Na, wie ein Hund, eben. Dort drüben? Danke! Ja, er ist mir weggelaufen. Nein, er darf keine Jogger anbellen. Da IST er ja! Na komm, du Schöner! Komm her zu mir.“ 

Beschwörend geflüstert zu dem großen stillen Hund: „Komm, wir müssen jetzt beide so tun, als seien wir alte Bekannte. Das SIND wir doch auch! Jetzt erkenne ich dich! Wir sitzen im selben Boot. Du bist Argo, mein schwarzer Freund. “

Buonasera, signorina, buonasera….. Jukeboxkitsch, transozeanischer. Flattert in den Südensonnenuntergang, wispert in ihr Sommerohr. Bella vita in maßgeschneiderten Kleidern, und die Männerwelt rollt ihr die Teppiche aus zwischen Bari und Napoli. Das Blondhaar, die Goldhaut – „ma che angelo, was für ein Engel!“ Sie flirtet und bleibt ganz bei sich. Hebt sich auf. Hebt den Blick: „Buonasera!“ Diamantenes Meer, vergossener Himmel, Mittagslichtstaub streift das kühle Parkett. Als Verlobungsgeschenk keine Kette, kein Ring – ein schwarzes Fellbündel legt er ihr ins lustweiche Bett. Sie lieben sie schlafen sie schlagen. Dann, irgendwann, ist es Winter geworden, aus dem Schrank gähnt nur das Holz, dunkelleer. Daneben zwei Koffer, abfahrtbereit. Weiße Laken auf Sesseln und Betten, vor den Fenstern die Läden auf Monate verschlossen. Und sie spult ihre Reise zurück, erst den Apennin dann die Alpen und schließlich die graue Stadt. Trümmerentleert, existenzenbefüllt. Sie ertastet die Straßen am Ende des Traums. Einsam vielleicht, aber nicht mehr allein. An der linken Hand India, in der rechten die Leine. 

„Mama, jetzt sei doch vernünftig! Du hättest tot sein können. Wenn sie Ulrich nicht in der Kanzlei erreicht hätten, wenn er dich nicht abgeholt hätte, dann wärst du inzwischen wahrscheinlich erfroren! Wo wolltest du überhaupt hin?“ 

Leise, seitwärts: „Ulrich, jetzt sag doch auch mal was! Mama, bitte. Das ist Wahnsinn! Du kannst doch nicht im Ernst glauben, dieser Hund hier sei Argo! Argo ist seit Jahrzehnten tot! Genau wie mein Vater! Tot. Nicht abgereist. Nicht verschollen. Tot. Überfahren. Alle beide. In Italien. Das weißt du doch, Mama. Mama! Komm, trink eine Tasse Tee. Du hast ganz kalte Hände. Ach, Mama. Ich will dich nicht schlagen, ich will dich nur streicheln. 

Ganz leise: Mama, ich liebe Dich!

Ganz laut: Au! Mama, bitte! Jetzt sei doch VERNÜNFTIG. Du kannst den Hund nicht behalten. Wir müssen ihn abgeben. Im Tierheim. 

Ulrich! Jetzt hör doch mal auf, du machst ihr nur Angst! 

NEIN Mama. Ulrich hat das nicht so gemeint. Wir geben dich nicht im Irrenhaus ab. Das gibt es nicht mehr. Und selbst wenn. Mama, ich liebe dich doch. Ich will dir nur helfen. Und Ulrich auch. Ulrich? Ulrich!“ 

Hinter dem Türknall her: „Ulrich, du Idiot! Warte! Mensch, fährt der einfach weg. Na egal. Besser isses. So, Mama, jetzt noch mal ganz in Ruhe. Der Hund muss weg. Und du solltest dir vielleicht mal eine Auszeit nehmen. Es gibt doch so schöne Kurorte. In Ungarn, zum Beispiel. Ganz günstig! Mama? Mama!“ 

Leise. Verzweifelt. Fragend. „Wo BIST du?“

Komm, Argo. Das hat alles keinen Zweck. India ist eigentlich ein liebes Mädchen, weißt du? Aber sie vermisst ihren Vater. Er hätte nicht wegfahren dürfen, Hals über Kopf. Sie war noch so klein. Sie ist ihm so ähnlich. Wir haben uns nie wirklich verstanden. Wie schade! Aber du, Argo, du bist etwas ganz Besonderes. Wir zwei verstehen uns prächtig. Jetzt machen wir es uns richtig schön. 

Zum Taxifahrer: „Wir wollen in ein feines Hotel mit einem guten Restaurant. Eines mit Seeblick, in dem auch Hunde erlaubt sind. Sie kennen sich ja aus. Wir vertrauen Ihnen.“ Stimmt’s, Argo?

Oben ist unten und unten ist weit. Endlos weit. Sie zieht ihre Kreise aus blauem Samt. Schwimmt ohne Netz, schmeckt das Sonnengeflirr, riecht die Wärme, hört die Wolken reisen. Argo schwimmt neben ihr, weichschnäuzig, schwarz. Unbesorgt unumsorgt atmet sie leicht in die Zukunft. Und hinten ganz hinten am Himbeerhorizont steht ER und zieht sacht an der Linie. Da stülpt sich der Himmel nach innen.

Adventskalender MiniKrimi am 5. Dezember


Wunschlos glücklich

„Was wünscht du dir zu Weihnachten, Nicoletta? Egal was es ist, sag es uns. Wir werden versuchen, dir deinen Wunsch zu erfüllen. Wir sind so überglücklich, dass wir durch dich eine richtige Familie geworden sind, meine Süße!“

„Und so eine stolze. Mit so einer wunderhübschen Tochter.“ Antonia strahlt das kleine Mädchen an und streckt die Arme nach dem Kind aus. In Zeitlupe bewegt sich Nicoletta vom Ende der Couch in Richtung der Frau mit den langen blonden Locken, die sie erst seit 3 Monaten kennt und jetzt „Mama“ nennen soll. Dabei sah ihre Mama ganz anders aus. Schwarze Haare, so wie sie selbst. Große graue Augen und ein lustiges Grübchen am Kinn. Helena hieß sie – und sie war viel jünger als diese Frau. 

„Freust du dich denn gar nicht auf unser erstes gemeinsames Weihnachten?“, fragt die blonde Zweitmama jetzt. Zweitmama, so nennt Nicoletta sie heimlich. 

„Ich glaube, wir überfordern sie gerade, Antonia. Das ist alles ein bisschen viel für sie. Sie ist doch erst vor einer Woche bei uns eingezogen. Lass ihr etwas Zeit zum Eingewöhnen. Das ist hier alles neu für sie. Sie kommt sich wahrscheinlich vor wie in einem Märchen.“ Edgar ist ungefähr so alt wie seine Frau. Er hat braunes Haar, einen Bart und eine runde Brille. Eigentlich sieht er lustig aus. Lustig und so, als ob man ihm vertrauen könnte. Eigentlich. 

„Ja, das stimmt. Entschuldige, Nicoletta. Komm erst mal richtig an. Genieß dein großes rosa Zimmer, den verschneiten Garten, den Kamin. Das muss eine riesen Umstellung sein für dich, aus einer winzigen Sozialwohnung in so ein prächtiges Haus.“

„Antonia!“ Aber es stimmt. Edgar und seine Frau haben Nicoletta schon seit ihrem ersten Kennenlernen in Anwesenheit der Sozialarbeiterin nach Strich und Faden verwöhnt. Sie mit Kleidung überhäuft, sie hat ein Ipad bekommen und ein IPhone. Und ein komplett eingerichtes Zimmer mit einem Himmelbett und einem dreistöckigen Puppenhaus. Das Kind hat das alles an- und hingenommen und immer danke gesagt. Aber das einzige Mal, als Nicolettas Augen geleuchtet haben und sie übers ganze Gesicht gestrahlt hat, war, als Edgar ihr mit Puppy an der Leine entgegenkam. Einem blonden Retriever-Welpen. 

Auch jetzt dreht sie sich nach ihm um. Er ist immer in ihrer Nähe und schmiegt seine weiche Schnauze in Nicolettas Hand. 

„Vielleicht hat sie im Moment einfach keine offenen Wünsche mehr. Bist du wunschlos glücklich, Nicoletta?“, fragt Antonia.

Die Kleine zuckt mit den Schultern. Schaut auf Puppy. Dann hinaus in den Garten. „Also – einen Wunsch hätte ich schon. Aber ich weiß nicht, ob das geht…“

„Erzähl! Dann werden wir sehen“, ermutigt Edgar seine neue Tochter. 

„Meine Mama, also, meine echte Mama“ – dabei schaut das Kind entschuldigend zu Antonia hinüber, die bemüht lächelt – „hat mir immer erzählt, dass der Weihnachtsmann in der Heiligen Nacht durch den Kamin kommt und die Geschenke bringt. Aber ich habe ihn nie sehen können, weil – wir hatten doch keinen Kamin. Ich wünsche mir so sehr, dass der Weihnachtsmann mir die Geschenke bringt – und ich möchte ihm dabei zusehen. Nur ganz heimlich, durchs Schlüsselloch. Damit er mich nicht entdeckt…. Meint Ihr, das geht?“

Antonia und Edgar schauen sich an. Nein, das geht auf keinen Fall, und überhaupt, glaubst du noch an den Weihnachtsmann? Der Satz liegt Antonia noch auf den Lippen, als Edgar schon antwortet: „Wenn’s weiter nichts ist! Klar geht das. Wir haben doch einen extra guten Draht zum Weihnachtsmann!“ 

Und endlich lächelt Nicoletta. Sie lächelt Edgar an, nicht nur mit dem Mund, sondern mit strahlenden Augen.

Später, als die Kleine im Bett liegt, kommt es zu einer heftigen Diskussion zwischen den frisch gebackenen Eltern.

„Wie konntest du ihr sowas versprechen. Das Kind ist acht Jahre alt! Was soll der Quatsch mit dem Weihnachtsmann? Und dieser Blödsinn mit dem Kamin! Wie willst du das anstellen? Bei uns ist die Bescherung außerdem an Heiligabend, nicht erst am Weihnachtstag. Nur, weil ihre Mutter aus Italien oder England oder so kam, müssen wir uns doch nicht anpassen.“

„Es ist ihr erstes Weihnachten bei uns! Und die Sache ist ganz einfach! Ich verkleide mich als Weihnachtsmann und verstecke mich im Kamin, während Du Nicoletta holst. Dann gibst du mir ein Zeichen, du hustest, oder so, und ich rutsche runter und verteile die Geschenke. Im Zimmer ist es dunkel, und ich bin mit Rauschebart und Haaren sowieso nicht erkennbar. Dann scheuchst du sie schnell wieder ins Bett. Das ist alles. No problem.“

An Heiligabend geht Nicoletta früher als sonst ins Bett. Die Aufregung…! Antonia hat ihr fest versprochen, sie nachts zu wecken und mit ihr dem Weihnachtsmann aufzulauern. Aber vorher drehen die Eltern noch eine Runde mit Puppy.

Dann ist es gleich soweit. Erwartungsvoll starrt Nicoletta durch’s Schlüsselloch. Puppy schmiegt wie immer seine weiche Schnauze in Nicolettas Hand. Antonia steht gelangweilt daneben. „Ohhhh“, flüstert Nicoletta plötzlich. Dann „Ahhhh!“.

Von drinnen kommt wie eine Antwort ein Schrei: „AHHHHHHH!“ Und noch einer: „AHHHHH! Antoniaaaaa!“ Antonia reißt die Tür auf und bleibt vor Schreck erstarrt auf der Schwelle stehen. Im Kamin prasselt ein lustiges Feuer, und der Weihnachtsmann tanzt davor herum, in wilden Sprüngen, wie eine lebendige Fackel. Antonias Versuche, ihren Mann zu löschen, kommen zu spät. Weißer Phosphor ist tückisch und brennt mörderisch.

Nicoletta ist nicht schuldfähig, aber da Antonia sich weigert, das Kind auch nur eine Nacht länger unter ihrem Dach zu beherbergen, kommt die Kleine zunächst in ein Heim mit psychiatrischer Betreuung.

Sie erzählt frei und ohne Scheu von ihrem Plan, sich am Mörder ihr Mama zu rächen. Den weißen Phosphor hatten sie gemeinsam am Elbstrand gefunden. Es sah aus wie Bernstein, aber Mamas damaliger Freund erklärte ihnen den lebensgefährlichen Unterschied. Nach seinen Anweisungen hob Nicoletta ihn in einer Metalldose auf, bis sie ihn in den Kamin zum Trocknen legen konnte. 

Dass Edgar unmöglich der Mörder ihrer Mutter sein könne, scheint sie nicht zu interessieren. Der Mann, der die junge Frau vor den Augen der Tochter überfahren und dann einfach weitergebraust war, fuhr den gleichen goldenen SUV und hatte ebenfalls braune Haare.  „Übertragung“ nennt die Psychiaterin das. Nicoletta ist das egal. Sie hat ihre Mama gerächt. 

Adventskalender Minikrimi am 20. Dezember


Foto: suju

Kinderherzen

Wie still es hier war. Auf den leeren Gängen waren die Lichter gedimmt, aus dem Schwesternzimmer tropfte Gelächter. Früher hatte sie sich ein Krankenhaus immer wie einen Bienenstock vorgestellt. Auch nachts. Prima, dachte sie. Muss ich mir keine Ausreden einfallen lassen. 

Um ganz sicher zu sein, blieb sie noch eine Viertelstunde neben Melina sitzen. Schaute auf das blasse Gesicht. Durchscheinende Haut, blaue Adern darunter. Hinter geschlossenen Lidern huschten die Augen hin und her, hin und her. Die Monitore piepsten und leuchteten. Bald war Weihnachten. Sollte eigentlich ein ganz besonderes Fest werden, dieses Jahr. Mit dem größten Geschenk, das sie sich für Melina wünschen konnten: ein neues Herz. Sie war ganz oben auf der Eurotransplant-Warteliste. 

Dann war es soweit. Ein tödlicher Unfall, ein Kinderherz. Aber Melina war erkältet. Nur ein kleiner Infekt. Das ist gleich wieder vorbei, hat sie den Ärzten zu erklären versucht. Darauf können wir nicht warten, sagten sie. Und jetzt lag ein Mädchen aus Burundi auf Zimmer 423. Mit Melinas Herz. Und Melina ging es immer schlechter. Wie ungerecht das war!

Irgendwo knallte eine Tür. Schnelle Schritte auf dem Flur. Vielleicht das Mädchen auf Zimmer 423? Sie setzte sich auf. Kerzengrade. Lauschte angestrengt. Nichts. Und dann flimmerte einer der Monitore neben Melina. Dauerpiepsen. Sie fühlte die Faust im Magen, eisige Angst im Genick. Eine Schwester kam ins Zimmer. Schaute auf den Monitor. Wieder stehengeblieben. Gab ihm einen Stoß. Alles gut. Gehen Sie nach Hause, Frau Vormberg. Schlafen Sie sich aus. 

Schlafen! Also ob sie das könnte. Wann hatten Bernd und sie das letzte Mal geschlafen? Nicht miteinander. Überhaupt. Sicher nicht, nachdem Melina das Herz nicht bekommen hatte. Seit sich ihr Zustand so verschlechtert hatte, dass sie sie ins Krankenhaus bringen mussten, wechselten sie sich nachts an ihrem Bett ab. Aber egal, ob auf Station oder zu Hause: beide dachten nur daran, dass ihre Tochter jetzt vielleicht sterben würde, während ein anderes Kind leben durfte. 

Noch dazu eines aus Afrika! Woher hatte die Familie überhaupt das Geld, um hierher zu kommen? Und Melina das Herz wegzunehmen? Ihr Herz? Wahrscheinlich hatten deutsche Gutmenschen sogar dafür gespendet. Dort unten gab es so viele kranke Kinder, Armut und Krankheit. Selbst schuld, wenn sie das nicht auf die Reihe brachten. Was kamen die hierher? Am Ende sogar noch in Booten. Flugzeugen. Eine Invasion. Abe es traute sich ja kaum einer, was dagegen zu sagen. Nur eine Handvoll ehrlicher Politiker, und gegen die wurde natürlich von allen Seiten gehetzt. Sowas nannte sich dann Demokratie. Und Melina lag in ihrem Bett und wurde immer blasser, ihr Herz immer schwächer. Und wer half ihr?

Draußen auf dem Gang war wieder Ruhe eingekehrt. Leise stand sie auf, öffnete die Tür einen Spalt weit. Schaute hinaus. Keiner da. Leere. Leere und Stille. Sie wusste genau, wo Zimmer 423 war. Hatte immer wieder davorgestanden. Wie nett, dass Sie sich um Maarifa sorgt, wo es ihrer Tochter doch so schlecht geht, sagten die Schwestern. Die hatten keine Ahnung. 

Vorsichtig drückte sie die Klinke herunter. Schloss die Tür hinter sich. Ein Zimmer wie das von Melina. Noch mehr Apparate und Monitore. Fast hätte sie das kleine Gesicht übersehen, vor lauter Kanülen und Schläuchen. Sie wusste, Maarifa lag im künstlichen Koma. Sie würde nichts mitbekommen. 

Sie holte das Kissen hervor, das sie unter ihrem Kittel versteckt hatte. Näherte sich langsam, zielstrebig, Schritt für Schritt dem Bett. Beugte sich über das Kind. Maarifa war wach. Große Augen schauten sie an. Stumm, ohne Angst. Ergeben. Zärtlich.

Sie ließ das Kissen sinken. Sie weinte. Zum ersten Mal seit Wochen. Es schüttelte sie, sie stand am Bett des kleinen Mädchens, unfähig, zu denken. Sie konnte nur fühlen. Schmerz. Ohnmacht. Eine kleine, tastende Hand auf der ihren.

Adventskalender Minikrimi am 5. Dezember


Keine Wahl

Sie ist wach, lange, bevor der Wecker klingelt. Früher hat sie sich nach dem ersten „Kikerikiiii“ nochmal tief in die Daunen geschmiegt, und wenn Mami um sieben mit einer Tasse Kakao ins Zimmer kam und gut gelaunt rief „Sofia, aufstehen, der Morgen lacht!“, lugte nur die Nasenspitze aus der Decke hervor. Früher. Da hatte Sofia nie verstanden, wie Mami es schaffte, immer gut drauf zu sein. Sogar, wenn es draußen noch dunkel war, oder wenn sie einen tierisch ekligen Tag vor sich hatte, mit lauter unangenehmen Meetings und so. Jetzt kommt Mami morgens nie in ihr Zimmer, sondern liegt in unruhigem Medikamentenschlaf bis mittags im Bett.

Sofia schält sich aus der Decke – die Daunen sind in der Waschmaschine verklebt und hängen in Klumpen im Bettbezug. „Aufstehen, Simon, der Morgen lacht“, flüstert sie ihrem kleinen Bruder ins Ohr. Eigentlich nervt es sie, dass er in ihrem Bett schläft, aber jetzt im Winter wärmen sie sich so wenigstens gegenseitig. Und Simon braucht alle Wärme, die er kriegen kann, denkt Sofia. Zärtlich streicht sie ihm das schlaffeuchte Haar aus der Stirn. Blonde Locken, wie Papa. Papa. Sofia schluckt etwas herunter, was wie Tränen schmeckt. Aber sowas kann sie sich nicht leisten. Nicht mehr. Sie ist ein großes Mädchen. Ein starkes Mädchen.

Sofia ist erst dreizehn, doch seit ihr Vater vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist – „hit and run“ – heißt das in Amerika, ist sie es, die den Familienalltag am Laufen hält. So gut sie es eben kann. Die Mutter ist chronisch depressiv, zu Zeiten sogar suizidal. Wenn du kein Einkommen hast und keines verdienen kannst, geht der soziale Abstieg ganz schnell. Vaters Geld war in einem halben Jahr verbraucht. Haus und Möbel wurden versteigert, dann der Umzug in die Sozialwohnung.

Sofia hatte kein Problem damit, in eine neue Schule zu gehen, eine Gesamtschule, was anderes gibt es nicht in der Nähe. Die Freundschaften aus dem Mädchengymnasium hatte sie da bereits hinter sich gelassen. Du wirst uninteressant, wenn du nichts mitmachen kannst. Kein Shopping, keine Clubs, und nach den Ferien hast du keine Urlaubsabenteuer zu berichten, weder von den Seychellen noch vom Sprachkurs in England. Nein. Ganz so stimmte das nicht. Es gab da schon ein paar Mädchen, die nicht so waren. Die gerne weiter mit ihr befreundet gewesen wären, weil sie sich mochten. Aber Sofia hatte einen Schlussstrich unter ihr altes Leben gezogen. Und alle und alles hinter sich gelassen. Außerdem hat sie gar keine Zeit mehr für Freundschaften.

Schließlich muss sie sich nicht nur um Simon kümmern, sondern auch um ihre Mutter. „Mami, Simon braucht neue Schuhe“, hat sie erst gestern gesagt und versucht, die dicke Mauer aus Tabletten und Gleichgültigkeit zu durchdringen. „Mir geht’s grade nicht so gut, frag Papa“, war die Antwort.

Frag Papa. Was würde er machen? Er würde sich kümmern, eine Lösung finden. In diesem Fall wohl vor allem: Geld verdienen. Sofia ist dreizehn und geht noch zur Schule! Aber sie ist ein großes Mädchen. Ein starkes Mädchen.

In den letzten Wochen hat sie angefangen, in der Pause mit ein paar Typen aus ihrer Klasse rumzuhängen. Eigentlich, nachdem Mandy, sowas wie die Anführerin der Mädchen, versucht hatte, sie fertig zu machen. „Du glaubst wohl, du bist was besseres?“ „Du wohnst in genau so ner dreckigen Sozialwohnung wie wir, ich hab dich heimgehen sehen, du Lauch. Du Bitch, du bist so wack….“ Sofia hatte zwar nicht den Wortlaut verstanden, aber wohl die Absicht. Früher, da hatte Papa sie zum Muay Thai-Training gefahren („Ich fände Ballett ja besser, aber vielleicht musst du dich mal verteidigen können“). Genau. danke Papa. Mandy war zu Boden gegangen. Und Sofia hatte eine neue Clique.

Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber die Bewunderung der Jungs tat ihr gut. Sie lernte, Zigaretten zu drehen und Shisha zu rauchen. Eines Tages schenkte ihr Ben einen Minirock aus Kunstleder und sagte: „Den hab ich für Dich gefunden. Mach dich schön, wir gehen zu ner Party, die is lit af.“ Sofia verstand, dass sie nicht nein sagen konnte. Schweren Herzens löste sie ein mini Stück von Mamis Schlaftabletten in Simons Saft auf, legte ihn ins Bett und ging. Ben hatte nicht zu viel versprochen. Die Party war „echt cool“, wie Sofia sich ausdrückte. Es gab Bier und Wodka und Red Bull und Tabletten. Alles umsonst. Zum ersten Mal nach Papas Tod fühlte sie sich frei. Und gut.

Das ist jetzt vier Wochen her. Inzwischen hat sie kein schlechtes Gewissen mehr, wenn sie Simon die aufgelösten Schlaftabletten gibt. Der Kindergärtnerin hat sie gesagt, er hätte eine verschleppte Erkältung und sei deshalb tagsüber so teilnahmslos. Die Schule bringt sie irgendwie hinter sich. Sie ist immer noch besser als der Rest der Klasse, auch, wenn sie nicht lernt und keine Hausaufgaben macht. Der Lehrer lässt sie in Ruhe, denn sie hebt den Durchschnitt. Mandy macht einen Bogen um sie. Sie gilt als Bens Girlfriend. Er kauft ihr Klamotten, was zu essen, genug für sie und Mami und Simon, am Abend die Drinks und die Tabletten. Mehr als knutschen war bislang nicht drin, aber Sofia weiß, irgendwann wird sie sich revanchieren müssen.

Irgendwann war vor drei Tagen. „Süße“, hatte Ben ihr ins Ohr geflüstert und dabei immer wieder daran genagt. „Süße, meine kleine Bitch. Es wird Zeit, dass du mir zeigst, wie lieb du mich hast.“ Sofia hatte genug Wodka und Tabletten intus, um ihm als Antwort die Zunge ganz tief in den Hals zu stecken und sich rhythmisch an seinem Köper zu reiben. Aber das war es gar nicht, was Ben wollte. Er schob sie ein Stück von sich weg auf der abgewetzten, fleckigen Kunstledercouch und sagte, plötzlich ganz Businessmann: „Siehst du die drei Betties da drüben? Die sind echt Boyfriend-Material. Aber sie müssen noch auftauen. Mach mal.“ Und er legte ihr ein paar von den blauen Pillen in die Hand. „Nein, mach ich nicht“, hatte Sofia gesagt. Denn sie ist ein großes Mädchen. Ein starkes Mädchen. Sie zieht andere nicht mit runter.

Erstaunlicherweise hatte Ben sie nicht gezwungen. Aber am nächsten Tag auf dem Schulhof hat er sie am Arm gepackt und zum Zaun gezogen. Da standen zwei Männer, schwarz gekleidet, solche, die ihr Muay Thai-Trainer immer mit ganz harten Augen weggeschickt hatte. „Süße, wenn du keinen Stoff verticken willst, dann musst du was anderes machen. Ich hab wegen dir so viel Schulden bei den beiden hier gemacht, da musst du jetzt bezahlen helfen….“, sagte Ben.

Sofia hatte sich losgerissen und war in das Schulgebäude gerannt. Hatte ihre Tasche geholt, dem Lehrer gesagt, ihr sei schlecht, und war nach Hause gegangen, immer mit dem Gefühl, verfolgt zu werden. Zuhause hatte Mami Spaghetti gekocht, und sie saßen sich am Küchentisch gegenüber, es war fast wie früher. „Mami, ich hab da ein Problem“, hatte Sofia begonnen, ihr Herz auszuschütten. Aber ihre Mutter hatte schon wieder versonnen in die Pasta geschaut, nichts gegessen und nur abwesend gemurmelt: „Schatz, frag Papa.“

Als sie Simon vom Kindergarten abholte, fuhr ein schwarzes Auto hinter ihnen her, ganz langsam. In der Wohnung schloss Sofia die Haustür ab, zog die Vorhänge zu und legte sich mit Simon ins Bett.

Gestern Morgen hatte sie in der Schule angerufen und gesagt, „meine Tochter ist krank.“ Das gleiche hatte sie mit dem Kindergarten gemacht. Sie rührte sich nicht aus der Wohnung. Simon protestierte, ihm war langweilig, und den blöden Saft wollte er plötzlich auch nicht mehr trinken. „Der schmeckt so bitter, und dann ist mein Kopf immer soooo schwer.“ Sofia schaute den Schatten zu, wie sie sich über die Wände legten, und den Ameisen, die Simons verschmähtes Marmeladenbrot in unzählige Transportbrocken zerlegten und durch die Küche schleppten, wer weiß wohin.

Gestern Abend, Sofia war grade im Bad, hatte es an der Tür geklingelt, und Simon war schneller gewesen. Als Sofia dazukam, stand Ben da. Nur Ben. Er kam nicht rein, gab ihr ein kleines Päckchen und sagte: morgen holen sie dich ab. Tu, was sie dir sagen. Du hast deinen Bruder doch lieb. „Simon?“ fragte Sofia. „Simon!“ rief sie. Aber Simon war verschwunden.

Später, als sie auf dem Bett saß und ungläubig auf die Waffe starrte, die sie ausgepackt hatte, klingelte ihr Handy. „Hast du es dir überlegt? ja? Dann komm runter. Dein Bruder wartet im Auto. Wenn wir dir erklärt haben, was du zu tun hast, kannst du ihn mit rauf nehmen. Aber wenn du es dir morgen anders überlegst, ist er für immer weg. Wir wissen, wo er spielt….Klar?“

Jetzt bringt Sofia Simon zum Kindergarten. Wie jeden Morgen. Gibt ihm einen Kuss. Wie jeden Morgen. Um die Ecke wartet der schwarze Wagen. Sie steigt ein. Die Männer fahren mit ihr zu einer Garage, dort muss sie die Waffe abfeuern. Zur Übung. Es ist gar nicht schwer. Sie wird aus nächster Nähe schießen und braucht nicht wirklich zu zielen. Sie ist ein großes Mädchen.

Das Auto hält vor einem riesigen Gebäude, Stahl und Glas. Sie steigt aus. In der einen Hand hält sie ein Foto, in der anderen, in einem Beutel versteckt, die entsicherte Waffe. Sie wartet, und als der Mann auf dem Foto die Treppe hinunter kommt, steht sie vor ihm, sagt „Hallo“. Er lächelt sie freundlich an: „Hallo, Kleine!“ Und Sofia drückt ab.

„Nur wenige Minuten nach seinem Freispruch ist „Ali G. das Oberhaupt eines von zwei konkurrierenden Drogenclans, auf den Stufen des Gerichtsgebäudes erschossen worden. Tatverdächtig ist ein Kind, zwölf bis dreizehn Jahre alt. Die Polizei sucht nach dem Mädchen, das allerdings noch nicht strafmündig ist.“

Adventskalender MiniKrimi vom 21. Dezember 2018


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Schwarze Schwingen

„Papa, ist es noch weit? Papa, ich mag nicht mehr laufen…“

Sie war sein Ein und Alles. Gewesen. Nur wegen ihr war Andreas mit Anna zusammen geblieben. So lange. Er hatte ihr alle Wünsche von den Augen abgelesen, sogar die, von denen sie noch gar nichts wusste. Das Prinzessinnenkleid mit Swarowskisteinen. Den Wuschelhund. Das Zimmer mit Rutsche und Himmelbett.

Es war ihm nicht leicht gefallen, die Wohnung in der Minervastraße zu kaufen. Dann hatte Anna aufgehört zu arbeiten, einfach so. Keine Lust mehr. Von heute auf morgen. Sie wollte Emma lieber selbst ins Bett bringen. Dabei war die Nachtschicht im Krankenhaus gut bezahlt. Er hatte mehr Projekte übernommen – und weniger Zeit für seine Prinzessin gehabt.

Aber nach einer Weile war ihr sogar das nicht genug. Als er am Abend des 21. Dezembers nach Hause kam, stand Emma im Kinderzimmer, neben sich einen prallen Koffer, im Arm ihr Schlummerle.

„Was ist los?“ hatte er gefragt. „Wir gehen. Hat Mama gesagt. Sie bringt nur noch den Wuschel ins Tierheim.“ Er hatte die weinende Emma auf den Arm genommen, die Treppe runter, ins Auto. Und los. Bis zum Waldrand. Dann weiter zu Fuß. Wenn Anna ihm Emma wegnehmen wollte – dann sollte auch sie ihre Tochter nicht mehr haben.

„Papa, fahr nicht so schnell, mir wird schlecht….“

Ich fahre nicht schnell, ich fahre nur zügig, hatte Oliver gedacht. Zügig, um nicht zu spät nach Hause zu kommen. Um zu vermeiden, dass Lea wieder Stress machte. Wie immer, wenn er mit Yannick bei seinen Eltern war. Dabei war sie nur eifersüchtig, weil sie dort nicht willkommen war. Nicht standesgemäß. Stimmte ja auch.

Olivers Fuß drückte aufs Gaspedal. Der neue Chayenne ging ab wie Schmidts Katze. Dunkel war es an diesem 21.Dezember. Und neblig. Der Schnee wollte sich nicht einstellen, dafür stieg zähe Feuchtigkeit aus den Wiesen entlang der Landstraße.

Noch so ein Thema. Warum können Deine Eltern nicht hier in der Stadt wohnen? In der Minervastraße ist sicher noch was frei. Wenn das nicht edel genug ist, weiß ich auch nicht, sagte Lea immer wieder. Und sie mochte es nicht, wenn er so lange in Huglfing blieb. Die Strecke sei so kurvig, und er trinke zu viel, weil er nicht nein sagen könne, bei seinen Eltern.

So ein Schmarrn!, dachte Oliver noch. Dann sah er die Lichter des entgegenkommenden Autos. Er wich aus und prallte gegen einen Baum am Straßenrand. Weder er noch der Chayenne nahmen großen Schaden. Oliver konnte sich wirklich nicht mehr daran erinnern, ob er Yannick zu Fahrtbeginn angeschnallt hatte……..

 

„Mama, die Bonbons sehen lustig aus, darf ich sie essen?“

Sunny antwortete nicht. Das tat sie selten, wenn es Abend wurde. Und heute, am 21. Dezember, war es ganz besonders schnell dunkel geworden. Wenn sie morgens aufwachte, war Sunny der Meinung, dass sie den Tag ganz gut hinbekommen würde. Oft schaffte sie es, aufzustehen, bevor Tante Isi Selina-Michelle zum Kindergarten abholte. Selina nannte sie so, obwohl sie nicht ihre Tante war, sondern die Sozialarbeiterin.

Wenn es ihr besonders gut ging, setzte Sunny ihre Tochter sogar in den Hochstuhl und schob ihr eine Schüssel Cocopops hin. Sollte die Tante ruhig sehen, wie gut sie für ihre Tochter sorgen konnte!

Manchmal wusch sie dann noch etwas Wäsche, machte die Betten und ging in den Supermarkt. Tomaten, O-Saft und Nudeln. Kein Alk. Aber gegen Monatsende war das Geld wieder alle. Wie sollte sie ihre Tochter gesund ernähren, ohne Geld und ohne einen vernünftigen Job? Teufelskreis.

Jetzt hatte im Briefkasten wieder eine Absage gelegen. Sie hätte einen unzuverlässigen Eindruck gemacht, das passe nicht zum Spirit des Unternehmens. Ha! Sie hätte nur Päckchen einpacken sollen. Sunny war wütend. Und traurig. Der Griff zu den Antidepressiva war ein Reflex, und weil sie immer weniger wirkten, spülte sie sie mit Wodka runter.

Sie hörte Selina-Michelles Frage nicht. Sie sah nicht, wie viele Tabletten die Kleine in den Mund nahm und runterschluckte. Sie wurde erst wach, als Tante Isi sie am Morgen packte und schüttelte, hysterisch schreiend, das passte irgendwie gar nicht zu einer Sozialarbeiterin. Da war ihre Tochter schon ganz weiß und kalt.

 

Nach dem Abendkreis haben Andreas, Sunny und Oliver ihre Jacken übergezogen und sind in den Anstaltspark gegangen. Natürlich heißt die Klinik für forensische Psychiatrie, in der sie untergebracht sind, nicht Anstalt. Aber die drei machen sich über die anderen „Insassen“ lustig. Immerhin sind sie „anders“. Auch, wenn sie das nur dann zeigen können, wenn sie unter sich sind. Wie heute Abend. Es ist der 21. Dezember. Ein Datum, das sie verbindet. Sie gehen an der Mauer entlang. Unüberwindbar. Aber was sie gefangen hält, sind ihre eigenen Ängste und Schuldgefühle.

„Glaubt ihr, es gibt einen Platz, von wo aus sie uns sehen können?“ Sunny klingt besorgt und hoffnungsvoll zugleich. „Sicher. Vielleicht.“ „Und von wo aus sie mit uns Kontakt aufnehmen? Und wann?“ „Wenn, dann nur heute.“ Nebel zieht in schweren Fetzen um die Bäume. Er kauert sich auf die Mauer und kriecht langsam hinunter ins welke Laub. „Mamaaaa“. Sunny erstarrt. „Meine Kleine!“ „Ein Käuzchen!“ „Wuuschel, Wuuschel!“ „Der Wind!“ „Halt annn, halt annn!“ „Was für ein blöder Streich! Wir gehen ins Haus!“

Drei Schatten lösen sich von den verwitterten Steinen, sammeln die Dunkelheit um sich herum und streichen mit schwebenden Schwingen den Fliehenden hinterher. Umgreifen, umgeben sie. Saugen den Atem auf und verwandeln ihn in pechschwarze Angst.

Die Lokalzeitung berichtet als Aufmacher von der kollektiven Selbsttötung dreier Kindsmörder. Der Bundestag befasst sich mit der Problematik des Maßregelvollzugs bei Tätern mit angenommener psychischer Schädigung. Und der EuGH rügt Deutschland wegen zu laxer Handhabung der Sorgfaltspflicht.

Adventskalender MiniKrimi vom 11. Dezember 2018


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Der MiniKrimi von heute stammt aus der Feder einer Literatur-Debütantin, L. Na, ist ihr kriminalistisches Coming out gelungen?

Home, Smart Home.

„Nein, nein, nein!“ Miriam schrie aus Leibeskräften und schlug dabei auf ein Kissen ein. Immer wieder.

So hatte sie es in der Therapie gelernt,  die sie seit einem Jahr wegen Ihrer Angststörung machte. Keine simple Spinnenphobie, nein. Eine generalisierte Angststörung, deren Ursache in einer starken Verlustangst begründet war. Im Zusammenspiel von Therapie und Psychopharmaka konnte sie in den letzten Monaten ein fast normales Leben führen.  Und zum ersten mal seit langem abends ausgehen. Sie genoss diese Normalität. Endlich so tun können, als sei sie eine von denen, die sich da auf der Tanzfläche drehten. Die an der Bar saßen und tranken und redeten. Sogar ihre Mutter begegnete ihr kaum noch, weder auf der anderen Straßenseite noch hinter den Scheiben einer U-Bahn.

An einem dieser Abende hatte sie ihn kennengelernt, David. Gutaussehend, erfolgreich. Unternehmensberater. Zuerst dachte Miriam, sie sei für ihn nur ein Spielzeug, Abenteuerfrau für eine Nacht.  Sie,  die Verrückte, die Verkäuferin in einem großen Modehaus.  Normalerweise begegnete sie Männern wie David ausschließlich an ihrem Arbeitsplatz, wenn sie in Begleitung einer wunderschönen Frau in ihre Abteilung kamen. Sie schauten dann mehr oder weniger gelangweilt auf die Displays ihrer Smartphones,  während Miriam den Damen die neueste und teuerste Kollektion schmackhaft zu machen versuchte.  Sie war gut im Umgang mit der Jeunesse Dorée – und für einen fünfstelligen Umsatz. Nach ein, zwei Stunden Modeberatung landete unweigerlich die Kreditkarte des Begleiters im Kartenleser.

Eigentlich hätte Miriam es ahnen müssen,  aber die Psychopharmaka in Kombination mit dem Alkohol hatten sie im wahrsten Sinne des Wortes leichtsinnig gemacht.  Leicht und sinnig. Sinnlich. Die auf die erste Begegnung mit David folgenden Wochen waren die schönsten ihres Lebens.  Und nun das. Ungläubig sah sie noch mal auf die SMS. Zum hundertsten Mal. Mit einer SMS abgefertigt.  Verlassen. Weggeworfen.  So, wie ihre Mutter sie damals in einem Einkaufszentrum zurück gelassen hatte. Einfach so. Und danach jeden Kontakt zu ihr vermieden hatte.  Bis heute. Sie nahm all ihren Mut zusammen und bat David telefonisch um eine letzte Aussprache, bei ihm, in der noblen Minervastr 89a. Er, offenbar irgendwie geschmeichelt durch ihre Anhänglichkeit, sagte ja.
Auf dem Weg zum Aufzug sah Miriam plötzlich ihre Mutter. Sie ging Richtung Ausgang, und als Miriam sie rief, rannte sie schnell zur Tür und löste sich auf. Eine Fata Morgana.

Die Aussprache endete im Bett. Miriam verabschiedete sich für immer von David und verließ die Minervastraße. David begab sich,  nur in Unterhose, auf seinen Balkon, um eine Zigarette danach zu rauchen.  Eiskalt, heute! Minus 10. Brrrrrr.

Von unten schaute Miriam hinauf. Neben ihm sah sie wieder ihre Mutter. Ebenfalls rauchend. Wie war sie nur raufgekommen. Egal – zwei Fliegen mit einer Klappe!

David ließ sich Zeit mit der Zigarette. ihm blieben von 5 Minuten,  bevor die Programmierung in seinem Smart Home, die Rolläden vor dem Balkon bis zum nächsten Morgen herunter lassen würde. David spürte die Kälte nicht. Im Gegenteil. Ein wenig Abkühlung konnte nicht schaden nach diesem hitzigen Liebesakt. Plötzlich hörte er im Rücken das Geräusch des Rolladens. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen,  was geschehen war. Und dann konnte er es nicht glauben.

Miriam,  dieses Miststück von einer durchgeknallten Verkäuferin. Sie musste die Zeitschaltuhr für die Rolläden in seinem Smart Home  verstellt haben, während er im Bad war. Unglücklicherweise waren die Nachbarn vom Balkon gegenüber grade auf den Malediven. Und lautes Schreien wurde in der Minervastraße  aus Prinzip überhört.

Adventskalender MiniKrimi vom 6. Dezember 2018


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Von drauß‘ vom Walde…….

„Du weißt, was du tun musst Schließ die Tür ab und mach auf keinen Fall auf, wenn du alleine bist, kapiert?“ „Ich bin doch kein Baby. Ich bin schon fünf. Und ich bin auch nicht dumm. Ich weiß genau, was ich machen muss, wenn ich allein bin. Und wenn ein Einbrecher kommt und die Tür mit einer Bombe aufmacht, dann nehme ich mein Jedi-Schwert und mache so! Und zack ist er tot, der EInbrecher.““

„Ja. Schon klar. Du nimmst dein Jedi-Schwert. Aber trotzdem, für den Fall, dass ein Einbrecher kommt – es kommt ja vielleicht gar keiner, also ganz sicher, glaube ich. Aber für den Fall dass doch einer kommt, und wenn dann dein Jedischwert nicht funktioniert“ 

„Mein Jedischwert funktioniert immer!“

„Schon klar. Aber wenn es plötzlich doch nicht funktioniert, dann schau her, dann nimmst du das hier.“

„Aber das ist doch das Messer aus der Küche, das wir nicht nehmen dürfen. Das japanische, das vom Papa.“

“Genau. Es ist japanisch, das ist wie von Master Yoda. Ok?“

„Ela, ich will nicht, dass du weggehst. Die Mama hat gesagt, wir sollen beide daheim bleiben, bis sie von der Arbeit kommt. Du sollst mich nicht allein lassen, hat die Mama gesagt. Und später kommt der Nikolaus.“

„Ach mach kein Aufstand. Ich bin nur kurz drüben bei der Lara. Oder hast du Angst? Du bist ja doch noch ein Baby!“

„Nein bin ich nicht. Geh weg!“

„Ok. Ciao, Kleiner.“

Max setzt sich in seinem Zimmer auf den Boden. Die Kartons sind noch nicht alle ausgepackt. Er fühlt sich gar nicht zu Hause, hier in der Wohnung in der Minervastraße. Er wäre lieber in Schwabing geblieben. Aber er weiß, dass das nicht geht. Mama und Papa sind zwar noch seine Eltern, und Elas. Aber sie sind nicht mehr zusammen. Deshalb kann Mama nicht mehr in Schwabing wohnen, und er und Ela auch nicht. Mama will das so. Jetzt wohnen sie in einer ganz neuen Wohnung. Er hat ein eigenes Zimmer, nicht mehr mit Ela zusammen. Und Mama hat auch ein Zimmer. Mit Frank. Frank ist der neue Papa. Aber Max weiß nicht, was er davon halten soll. Er hat doch schon einen Papa. Vom Fenster aus kann er die Berge sehen, wenn der Himmel klar ist. Ob er den Nikolaus sehen kann, wie er durch die Wolken fliegt? Oder machst das nur der Weihnachtsmann? Es wird dunkel, und Max hat Angst. Die Wohnung ist voller Geräusche, nichts ist vertraut. Draußen kann er den Aufzug hören. Manchmal knallt eine Tür. Dann ist alles still. Wann kommt Ela? Und Mama? Und der Nikolaus?

Da klopft es an der Tür. „Ich bin der Nikolaus. Bist du der Max?“

„Ich darf die Tür nicht aufmachen, hat Ela gesagt. Geh weg und komm zurück, wenn Mama und Ela wieder da sind!“

„Aber Max, ich bin der Nikolaus. Vor mir brauchst du doch keine Angst zu haben!“

Doch, denkt Max. Und zur Sicherheit holt sein Jedischwert. Und das japanische Messer, so, wie Ela es ihm gesagt hat. Der Nikolaus kann warten, aber wenn da draußen ein Einbrecher ist, wird Max sich wehren.

Da hört er, wie sich etwas am Türschloss bewegt. Der Einbrecher, denkt Max. Jetzt bricht er die Tür auf, wie in den Filmen, die er nicht sehen darf.

Da, jetzt wird die Wohnungstür langsam geöffnet. Draußen im Flur ist es genauso dunkel wie in der Wohnung. Max sieht nur Umrisse, ein großer schwarzer Mann in einem langen Kampfumhang. Der Feind der Jediritter! Max umklammert das Messer mit beiden Händen und rammt es dem Mann in den Bauch. Max ist stark.

Frank stirbt auf dem Weg zum Krankenhaus. Er sollte Max und Ela als Nikolaus die Geschenke bringen. So war es ausgemacht. Aber Ela hatte ihr Gründe, sich nicht daran zu halten. Das Problem Frank war gelöst.

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