Adventskalender MiniKrimi am 3. Dezember


Diesmal als Gast dabei: Silvana E. Schneider, eine der Gewinnerinnen des diesjährigen Goldstaub-Wettbewerbs der Autorinnenvereinigung AV. Herzlichen Dank – und viel Freude bei der Jagd……

Jagdfieber …

Nein, wie ein Mörder sah er nicht aus. Eher die Sorte sensibler Frauenschwarm. Nicht übermäßig groß, aber gut gebaut, stimmig eben. Und schlank, sehr schlank.

Trotz seiner Jugend zeigten sich schon weiße Strähnen im glänzenden Schwarz, das machte sein Aussehen interessant. Ein leicht fragender Blick aus samtbraunen Augen – die Herzen waren erobert. 

Svenja hatte ihn rausgeholt aus diesem Heim, damals. Warum er überhaupt da rein musste, er hatte es längst vergessen. Sie konnten wohl nicht viel mit ihm anfangen, zu Hause. Sein unbändiger Freiheitsdrang hatte ihre erzieherischen Möglichkeiten überfordert. Und dann diese Träume, sie quälten ihn immer wieder. Sogar jetzt bei Svenja marterten sie sein armes Hirn, plagten ihn, erfüllten seinen Körper mit Schauern der Lust.

In diesen Träumen war er der Überlegene. Kein Gesetz, kein Zwang hinderte ihn, das zu tun, was er tun musste, wozu er bestimmt war.

Frei war er dann, vollkommen frei. Sein Herz zersprang fast vor Freude, seine Lungen füllten sich. Die Glieder angespannt zum Zerreißen, begann die Jagd. Mit den Schreien des Opfers stieg sein Pulsschlag. Im Traum tötete er schnell, präzise. Und stolz. Nein, sie durften ihn niemals erwischen, es wäre sein Ende. Noch einmal eingesperrt, er würde es nicht ertragen. Svenja war seine einzige Chance, er fühlte, dass ihre Liebe zu ihm echt war, nie durfte er sie verlieren.

Zuckend schreckte er hoch. Auf dem Sofa im Wohnzimmer musste er eingeschlafen sein, die Terrassentür stand offen. War Svenja noch einmal rausgegangen – ohne ihn? Vielleicht hatte sie ihn nur nicht wecken wollen. Er starrte hoch zum Nachthimmel. Vollmond. Warum sollte er nicht auch einen kleinen Spaziergang machen?

Wenig später stand er am kleinen Badeplatz, direkt am See. Er und Svenja kamen oft hierher. Es roch nach feuchtem Gras und Seetang, nur vereinzelt leckten kleine Wellen an den Strand. Niemand war zu sehen. Konzentriert versuchte er die Geräusche der kleinen Nachttiere aufzuspüren, die sich im Laub und unter trockenen Ästen zu schaffen machten. Dann hörte er es. Ein leises, verräterisches Plätschern. Eine junge Schönheit schwamm da vorn, ihr schmaler Kopf glänzte im Mondlicht, fast lautlos glitt sie dahin.

Reglos hielt er sich im Schatten der Uferbüsche. Seine Samtaugen folgten jeder ihrer Bewegungen. Mit einem einzigen Satz würde er sie anspringen, sie würde keine Zeit haben, zu reagieren. Das war seine Nacht, endlich. Nichts konnte ihn mehr davon abhalten, es zu tun. Einem zum Zerspringen gespannten Bogen gleich kauerte sein sehniger Körper am Seeufer. Sie hatte die Richtung geändert, schwamm direkt auf ihn zu …

„Rockyyy ..!“ Wie ein unsichtbarer Schlag riss der Schrei seinen Körper herum. Svenja kam auf ihn zugerannt.

„Was treibst du hier, verdammt noch mal. Du sollst nicht jagen, mir reicht es jetzt.“ Damit packte sie ihn am Halsband, krallte die andere Hand fest in sein dichtes Fell und zerrte ihn die Uferböschung hoch.

Über den nachtschwarzen See flog schimpfend die aufgescheuchte Ente davon.

Adventskalender Minikrimi am 19. Dezember


Foto: Polarnacht

Heute noch ein Krimi von meiner Autorenkollegin Mona Moldovan. Sie reist regelmäßig in den hohen Norden. Das Foto ist von ihr. Danke, liebe Mona.

Nordlichter

1.
Ich wache leicht verkatert auf, habe gestern den letzten Rest „Linie“ Aquavit getrunken. Die Flasche habe ich aus Deutschland mitgebracht und sie für ganz besondere Notsituationen aufbewahrt. Wie absurd: Der Inhalt wurde hier in Norwegen hergestellt, zweimal über die „Linie“ (Äquator) verschifft (das soll den besonderen Geschmack verleihen), dann exportiert, dann nach Süddeutschland geliefert, und schließlich in meinem Gepäck über Oslo nach Tromsø und mit dem Schneemobil hierher transportiert, ins Nirgendwo. So eine Flasche bewahrt man für besondere Fälle auf. Gestern war es soweit. Zum Glück ist sie heute leer, weil Alkohol nicht beim Denken hilft; zumindest mir nicht, und ich muss verdammt nochmal denken. Nicht, dass es eilt; bis es taut, wird es Mai. 

Aber gerade das ist auch mein Problem: die Erde und alle Seen, die ganze Welt um mich herum: alles weiß und hart und tiefgefroren. Die Leiche auch. Daher muss ich nachdenken: wie werde ich sie los, sodass niemand sie jemals findet. Wie werde ich ihn los. Wären wir weiter südlich, hätte ich mehr Ideen. Norwegen hat sehr tiefe Fjorde und nicht alle frieren in Winter zu, die wenigsten eigentlich. Näher am Atlantik hätte ich auch keine großen Probleme damit. Aber hier in diese weiße Wüste wird es ungleich schwieriger. Bei minus zwanzig Grad ist es einfach unmöglich, ein Loch zu graben, um einen erwachsenen Mann darin zu beerdigen. Auch, wenn er in den letzten Jahren etwas geschrumpft und abgemagert ist. Ihn in einem See zu versenken kann ich auch vergessen. Ich weiß nicht, wie dick das Eis ist, aber egal ob dreißig Zentimeter oder drei Meter. Es ist auf jeden Fall zu dick. 

2.
Diese verdammte Einsamkeit. Ich habe immer mit der Illusion gelebt, dass es mir nichts ausmacht, alleine zu bleiben. Dass die Einsamkeit sich hier genauso anfühlt wie in den letzten Jahren, wie im Rest der Welt. Aber hier ist sie noch härter, rauer und jetzt absolut endgültig. Ichdenke darüber nach, wie es dazu kam, eigentlich ist es keine komplizierte Geschichte. Die Jahre sind gekommen und gegangen. Wir hatten uns immer weniger zu sagen, und die Liebe ist versickert, das Ende nah, aber nie zum Greifen. Wir teilten eine Wohnung, aber waren irgendwie nie am selben Ort zusammen; wir teilten Erinnerungen, aber nicht mehr die Gegenwart und schon gar keine Pläne für die Zukunft. Die Stille war so laut, dass ich auf die Idee kam, uns für den Winter eine Hütte in Lappland zu mieten, um, weit abseits von Zivilisation, Internet und anderen Ablenkungen, endlich ehrlich miteinander zu sein. Das ist dann leider gründlich misslungen. Oder vielleicht ist es auch gründlich gelungen: Jedenfalls waren wir irgendwann viel zu ehrlich miteinander. Ein Wort ergab das anderen, und irgendwann habe ich mich dann vergessen. Oder gehenlassen? „Provoziere nie eine Frau, wenn sie ein Messer in der Hand hält“, habe ich früher oft gescherzt, ohne zu ahnen, dass daraus irgendwann bitterer Ernst werden würde. Es ist so leicht und ging so schnell. Ein Stich – und dann Stille. Für immer. Ich bin nicht wirklich allein. Sein Körper ist ja noch hier. Aber irgendwie fühle ich mich plötzlich verlassen. Einsam.

3.
Der Wintersturm hat viele Stunden heftig gewütet, aber nun ist es ruhig geworden. Am Vormittag versucht die Sonne, hinter dem Horizont aufzusteigen. Sie schafft es nicht, es ist Polarnacht. Die wenigen Stunden, bis sie aufgibt, sieht der Himmel in allen Nuancen von Pink und Orange wie gemalt aus. Auf einmal weiß ich, was ich tun werde. Es ist ziemlich schwer, aber irgendwie schaffe ich, die Leiche auf dem Schneemobil festzubinden. Ich habe vor, ganz weit zu fahren und ihn irgendwo abzulegen, wo es schön ist und weiß und wo niemand je hinkommen wird. Vielleicht. Hoffentlich. 

Als ich losfahre, ist es schon wieder dunkel. Ich bin bereits lange unterwegs und beginne zu frieren, als ich merke, dass mein GPS nicht mehr funktioniert. Der Akku ist leer oder einfach eingefroren. Der Sturm hat die Wege verschüttet. Die Spuren meines Schneemobils verschwinden in der glänzenden Wüste und ich weiß nun, dass ich die Orientierung endgültig verloren habe. Aber das macht mir keine Angst. Ich fahre lange, ohne Ziel und ohne die Zeit zu beachten, bis mein Sprit fast alle ist, dann halte auf einer Lichtung, oder vielleicht auf einem gefrorenen See, wer weiß das schon. Die Nacht glänzt und funkelt magisch im Sternenlicht. 

Und dann sehe ich die ersten grünen Strahlen am Himmel. Zunächst schwach, wie die Finger einer Zauberfee. Dann eine hellere Flamme, die schnell verschwindet, bevor die nächste erscheint. Bald brennt der gesamte Himmel: tanzende, kalte, atemberaubende Nordlichter überall. Die Luft fühlt sich klar an und hart. Ich bin so müde. 

Es ist so wunderschön.

4.
Als eine raue Hundezunge über mein Gesicht leckt, wehre ich mich fast gegen die Stimmen, die mich ins Leben zurückrufen. In die Verantwortung. 

Adventskalender Minikrimi am 18. Dezember


Foto: hettyvanderzanden

Wisst Ihr, was Clue Writing ist? Genau! Man schreibt eine Geschichte, in der vorgegebene Wörter erscheinen müssen. Meine liebe Freundin Monika hat einen zuweilen beinahe mörderischen Geist – und hat mir folgende „Clues“ geschickt: Windel.   Krampus.   Bikiniunterteil.   Palmen   Gesangbuch     Leopardenfell.   Grünkohl.   Meeresrauschen.   Tangomusik.  Bungee. Sie schrieb dazu, das sei ein ganz und gar ungenießbarer Mix. Hm….. ich wage mich jetzt daran, daraus einen Krimicocktail zu mixen. Live.

Warum Krampus keine Windel trägt

Artemis und Isidora waren Geschwister. Sie lebten in einem Altbau mitten im Münchner Stadtteil Schwabing, ganz in der Nähe des Englischen Gartens. Bis vor einem halben Jahr hatten sie noch in Hamburg gewohnt. Doch dann war ihre Mutter, die bei einer großen Werbeagentur arbeitete, nach München versetzt worden. Meistens wollen Kinder ihr gewohntes Umfeld nur ungern verlassen – ungezählte „Herzkino“-Filme handeln davon, wie sie sich zunächst sträuben, dann durch irgend einen meist dramatischen Umstand neue Freunde finden, Teenager verlieben sich auch oft – und am Ende weinen sie dem Meeresrauschen im hohen Norden und den Palmen in den Szenecafés von Blankenese keine Träne mehr nach und sind ganz versessen auf Bungee-Jumping von einer Isarbrücke.

Artemis und Isidora waren gerne nach München gezogen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Artemis war mit seinen 15 Jahren schon ein in gewissen Kreisen anerkannter Hacker, und einige seiner virtuellen Kollegen lebten in und um München. Die WizKidz von heute gehen viel gelassener mit ihrer Anonymität um, bzw. haben sie längst verstanden, dass nur der keine digitalen Spuren hinterlässt, der so wenige wie möglich macht. Briefe, Telefon und persönliche Treffen sind ihrer Meinung nach bedeutend sicherer als Konferenzen im Netz, ob hell oder „dark“. Für Artemis bedeutete die Veränderung also größere Nähe und kürzere Wege.

Isidora hingegen war einer Zickengang an ihrer Mädchenschule gemobbt worden, und zwar ziemlich übel. Einmal hatten sie ein Bikiniunterteil in ihrem Mathe-Hausaufgabenheft versteckt. Ihr Lehrer, ein junger Typ mit blonden Locken, auf den sie tatsächlich total stand, hatte das Teil mit seinem Kuli aus dem Heft gefischt, sie angegrinst und erklärt: „Meine Freundin trägt nur Badeanzüge.“ Danach war Isidora eine Woche lang nicht zur Schule gegangen, so lange, bis das Thermometer beim Aufheizen auf dem Induktionsherd zersprungen war. Kurz vor den Sommerferien hatten sie ihr die Reifen ihres Fahrrads zerstochen. Nein, Isidora war glücklich, Hamburg den Rücken zuzukehren.

Es gab aber noch einen anderen Grund, weshalb die Geschwister dem Umzug beinahe entgegengefiebert hatten: sie wünschten sich schon seit langem einen Hund. In Hamburg hatten die Eltern immer ein Argument gefunden, um diesen Wunsch abzulehnen: Der Vermieter erlaubte keine Haustiere, weit und breit war kein Park in der Nähe, das Tier wäre den halben Tag alleine gewesen.. Hier in München aber waren die Bedingungen perfekt. Der Altbau mit seinen knarzenden Holztreffen, dem Geruch nach Grünkohl aus der Hausmeisterwohnung und vor allem dem Englischen Garten direkt vor Tür war wie geschaffen für einen Hund. Tatsächlich lebten dort auch schon eine Dogge und eine Katze. Hinzu kam, dass ihr Vater als freier Journalist für den Deutschen Tierschutzbund arbeitete – und das meist von zu Hause aus. Und wenn er mal reisen musste: sein Arbeitgeber konnte schlecht was gegen einen Hund haben! Aber irgendwie schienen die Eltern immer noch nicht mitzuziehen. „Lasst uns erstmal ankommen.“ „Vielleicht zu Weihnachten.“ „Seid Ihr sicher, dass Ihr nicht allergisch seid? Wir lassen Euch lieber erstmal testen.“

Die Geschwister beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und so saßen Artemis und Isidora, Art und Isi, wie sie von ihren Freund*innen genannt wurden, am Esstisch, vor sich eine Zeitung, die sie in ihrem Briefkasten gefunden hatten. „Hallo München“, ein Werbeblatt voller Anzeigen. Vom Bügelbrett über Häuser, Autos, Briefmarken, und erotischen Diensten wurde dort alles angeboten. Und auch Hunde. „Schau mal, Arti, der sieht doch voll süß aus!“ Isi zeigte auf das Foto eines kleinen schwarzen Hundes mit einem weißen Fleck über dem rechten Auge. „Australian Shepherd Welpen, reinrassig. 3 Monate, 250 Euro.“ Soviel hatten die beiden gespart.

Art fand es schon seltsam, dass in der Anzeige kein Name stand, sondern nur eine Handynummer. Als er dort anrief, meldete sich eine Frau in gebrochenem Deutsch. Ja, genau dieser Welpe sei noch zu haben. Natürlich sei mit ihm alles in Ordnung. Er sei ein ganz besonders schöner Hund. Sie verlangte Artis Telefonnummer und sagte, sie würde anrufen, um den Übergabetermin festzumachen. „Ich weiß nicht, mir kommt das komisch vor,“ sagte Artemis. „Wir sollten vielleicht doch liebe erst mit Papi…“ „Nein! Wir ziehen das jetzt durch!“ Isidora konnte für eine Dreizehnjährige sehr bestimmend sein. Und im Grunde wollte Artemis den Hund ja genauso gerne wie sie.

Die Tage vergingen, die Frau rief nicht an. Das Handy war ausgeschaltet. Endlich, am fünften Dezember – ein Anruf. „Hallo? Sind Sie noch interessiert? Dann kommen Sie morgen um 17 Uhr zum Busbahnhof Fröttmaning. Bringen Sie das Geld mit. Dann kriegen Sie den Hund!“

Vor Aufregung konnten Arti und Isi in der darauffolgenden Nacht kaum schlafen. Beide halten im Grunde kein Gutes Gefühl bei der Sache. Arti hatte versucht, herauszufinden, wem die Nummer gehörte. Aber es war natürlich ein Prepaid-Handy gewesen. „Wir ziehen das jetzt durch,“ wiederholte Isi ihr Mantra, während sie am 6. Dezember zum Busbahnhof Fröttmaning fuhren. „Was kann uns schon passieren? Das ist ein Riesen Busbahnhof mit vielen Leuten. Wenn sie uns überfallen, kommt schreien wir einfach.“

Punkt 17 Uhr standen sie am Busbahnsteig. Überall fuhren Autos an und ab – der Busbahnhof ist ein zentraler Treffpunkt für Mitfahrgelegenheiten. Ein schwarzer Mercedes mit getönten Scheiben fuhr langsam die Reihe der Wartenden ab. Das Beifarerfenster wurde heruntergelassen, und eine Frau schaute zu Arti und Isi herüber. „Haben Sie unseren Hund dabei?“ fragte Arti schnell. Die Frau runzelte die Stirn, sagte etwas zum Fahrer des Wagens und dann: „Hund, jaja Hund. Kommen. Da vorne.“ Der Wagen fuhr weiter, bis ans Ende des Bahnsteiges, dort, wo keine Menschen mehr warteten. Arti und Isi rannten hinterher. Atemlos standen sie dann neben dem Wagen. Der Fahrer stieg aus uns öffnete den Kofferraum. In einem Karton mit einem falschen Leopardenfell ausgekleideten purzelten fünf kleine Hunde durcheinander und fiepsten ängstlich. „Da, das ist er!“, rief Isi und wollte in den Karton greifen. „Halt! Zurück!“ befahl der Fahrer. „Gib Geld!“ Arti holte die 250 Euro zwischen den Seiten seines Gesangbuches hervor („Wir haben noch Chor, Mami, sind in 2 Stunden zurück“, hatte er beim aus-dem-Haus-Gehen gelogen) und hielt sie in die Höhe. „Zuerst den Hund!“ Der Mann schnappte sich einen der Welpen und wollte ihn Isi in die Hand drücken. „Nein, das ist nicht unserer. Wir wollen den mit dem weißen Fleck.“ „Geht nicht. Der schon verkauft. Du nehmen diesen.!“ Der Mann wurde ungeduldig. Aber er hatte nicht mit Isis Sturheit gerechnet. „Nein, wir wollen den anderen. Das war so abgemacht,“ rief sie, immer lauter. „Hallo, braucht Ihr Hilfe?“ rief jemand vom Bahnsteig, und jetzt schauten schon mehrere Leute in ihre Richtung. „Dann nix“, murmelte der Fahrer und wollte den Kofferraum zuklappen. Aber Arti griff blitzschnell hinein, nahm das kleine Fellündel in den Arm und rannte los, Isi hinterher. Sie hörten den Fahrer fluchen, denn inzwischen waren ein paar Personen in ihre Richtung gelaufen, um zu helfen oder aus Neugier, egal. Der Mercedes startete mit heulendem Motor und raste davon, aber Arti hatte sich längst Autokennzeichen und Gesicht des Fahrers eingeprägt.

In der U-Bahn nach Schwabing besahen sich Arti und Isi ihren Hund. Schwarz, zerzaust, mit verklebtem Fell und triefenden Augen. „Wir nennen dich Krampus,“ sagte Arti. „Du schaust wirklich aus wie der Gehilfe vom Nikolaus, so finster und zerlumpt.“ Daheim schlichen sie gleich auf ihre Zimmer. Die Eltern waren zu einem Nikolaufdinner eingeladen, und als sie nachts nach ihren schlafenden Kindern schauten, bemerkten sie den kleinen Krampus nicht, der unter Isis Bettdecke lag. Damit er nicht ins Bett machte, hatten die beiden ihm eine Windel angezogen, die sie sich von Jasmin aus dem dritten Stock geliehen hatten. Beziehungsweise von ihrer kleinen Schwester.

Als Isi am nächsten Morgen aufwachte, dache sie, Krampus sei tot. Stocksteif und still lag der kleine Hund im Bett. Auch Arti war klar: das Tier war krank. Es wimmerte leise, und sein Bauch war ganz hart und geschwollen. „Wir müssen ihn zum Tierarzt bringen, und zwar, bevor Mami und Papi aufwachen.“ „Ich glaube, der muss ganz dringend und kann nicht. Wir machen ihm erst mal einen Einlauf.“ Das hatte Mami bei Isi gemacht, als sie mal zuviel Schokolade gegessen hatte. Da sie ohnehin Tierärztin werden wollte, dachte sie, sie können genauso gut gleich mit einer Behandlung beginnen. Und tatsächlich: der Einlauf zeigte seine Wirkung. Bald war die Windel voll. Und mitten in dem weichen Haufen war eine kleine Tüte. In der Tüte glitzerte es verdächtig.

„Na, was wird das? Übt Ihr für die Weihnachtsgans? Das stinkt ja bestialisch.“ Ihr Vater stand in der Tür, angeekelt und fasziniert von dem, was da auf dem Parkettboden lag. Ein kleiner, völlig verwahrloster Welpe, ein Haufen Hundekot – und ein Säckchen mit Diamanten. Das stellte sich natürlich erst später heraus, nachdem Krampus in der Hundeklinik behandelt und die Windel samt Inhalt – ohne Tüte – entsorgt worden war.

Der Tierschutz-Journalist konnte zunächst nicht fassen, dass ausgerechnet seine Kinder mit illegalen Welpenhändlern ins Geschäft gekommen waren. Während er ihnen wieder und wieder erklärte, dass solche Leute die Tiere unter schlimmsten Bedingungen züchten, die meisten Welpen beim Verkauf todkrank sind und das Ganze nicht nur eine furchtbare Tierquälerei, sondern auch noch Geldverschwendung ist, saß Arti schweigend an seinem Laptop.

Schließlich bat er den erstaunten Vater, ihn zur Polizei zu begleiten. Er habe sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Täter in einer Serie von Juwelendiebstählen im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet führen würden, und der Vater könne gleich in Sachen Tierschutz aktiv werden. Dann fragte er die Mutter nach ihrer Kontonummer, auf die die Belohnung später überwiesen werden sollte. „Damit haben wir dann Kost und Logis für Krampus für die nächsten Jahre gesichert. Hundeschule und -sitter inbegriffen“, grinste Arti. „Und für eine CD mit Deiner geliebten Tangomusik ist auch noch was übrig, Mami“; flötete Isi. Die Eltern sahen sich an. Wer konnte solch genialen Kindern schon widerstehen?

Nachtrag: Seither sieht man abends einen Mann und eine Frau Arm in Arm – oder auch Hand in Hand – aus dem Altbau in Schwabing kommen und die Straße in Richtung Englischer Garten bummeln, neben sich an der Leine einen immer größer werdenden, munteren Australian Shepherd. An jedem Baum bleibt er stehen, markiert, dreht sich zu dem Pärchen um, bellt einmal freudig und tänzelt weiter.

Adventskalender MInikrimi am 6. Dezember


Des Doodles Kern

(von meiner Co-Autorin Lydia H.)

Der Nikolaustag 2018 würde Rita immer im Gedächtnis bleiben. 

An diesem Tag hatte für sie ein neues Leben begonnen. Christof, Ritas Mann, hatte ihn am Nikolausabend ins Haus gebracht. Verziert mit einer roten Schleife um den Hals, tapste Ben in ihr Leben. Ben, das bezauberndste „Mannsbild“, das Rita seit langem begegnet war. Nun ja, Mannsbild trifft es nicht ganz. Ben war ein Labradoodle, 10 Wochen alt, mit goldenem Fell. 

Erleichtert nahm Rita zur Kenntnis, dass die ungewöhnliche Geheimnistuerei ihres Ehemannes während der letzten Wochen nicht einer Affäre geschuldet war  wie sie bereits befürchtet hatte. Mit 45 und nach 10 kinderlosen Ehejahren mit einer fast gleichaltrigen Frau war der Gedanke ja nicht ganz abwegig gewesen. 

Rita, Grundschullehrerin, und Christof, Partner in einer großen Wirtschaftskanzlei, hatten vor 7 Jahren ein schmuckes Reihenhaus in einem guten Münchener Viertel gekauft. Genug Platz für zwei Kinder. Aber es kam anders. Beziehungsweise es kam gar nicht. Zumindest keine Kinder. Nach Auskunft der Kinderwunschklinik – die ihnen von diskreten Nachbarn am Ende einer alkoholintensiven Party im kleinen Kreis mit entsprechenden Geständnissen in den frühen Morgenstunden – empfohlen worden war,  waren sie beide einfach zu alt, um auf normalem Wege Eltern zu werden. Im Unterschied zu vielen befreundeten Paaren, die in einem ähnlichen Dilemma steckten, entschieden sich Rita und Christof gegen künstliche Befruchtung. 

Den Wunsch nach einem Hund hegte Rita schon lange, im Grunde, bevor sie sich eine Schwangerschaft hatte vorstellen können. Schon als Kind hatte sie immer von einem vierbeinigen Freund geträumt. Leider hatte Christof eine Hundehaarallergie, was sie, Rita,  allerdings erst nach der Hochzeit erfuhr. 

Die ersten Monate mit Ben waren wie ein Traum gewesen – und ein Jungbrunnen für ihre Ehe. Plötzlich hatten die beiden wieder ein gemeinsames Gesprächsthema, das nichts mit beleidigenden Helikoptereltern oder halbkriminellen Klienten zu tun hatte.  

Sie gingen zusammen spazieren, ja sie besuchten sogar eine Hundeschule. – besser ls jede Paartherapie, gestand Rita ihrer besten Freundin, und sie schämte sich nicht dafür. 

Und Christofs Allergien? Keine Spur. Das lag an den besonderen Eigenschaften des Labradoodles. Ende der 80er Jahre in Australien durch Kreuzung von Labrador und Großpudel kreiert, sollte diese Hybridzüchtung einen Blindenhund für auf Hundehaare allergische Menschen hervorbringen. Obwohl als Rasse bis heute nicht anerkannt, erfreute sich der Labradoodle schnell großer Beliebtheit und verbreitete sich sehr schnell in Kreisen,  welche zwar einen Hund halten wollten, aber aus den unterschiedlichsten Gründen keine Hundehaare in ihren Häusern duldeten. Das für Allergiker im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtige Zuchtziel, der Wegfall des pudeltypischen Fellwechsels, wurde allerdings bis heute nicht erreicht. Ein nichthaarender, mithin hypoallergener Hund, existiert nach heutigen Erkenntnissen leider noch nicht. 

Als der Frühling kam und mit ihm Bens erster Fellwechsel , war das schöne Familienleben mit einem Schlag – oder Haarknäuel – vorbei. Christof gab sich zunächst wirklich größte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen und deponierte überall unauffällig eine Asthma Sprays. Rita, die alle Hausarbeiten einer Putzfrau überlassen hatte, ahnte nichts von dem Drama, das sich in ihrem Haus entfaltete. 

Nach dem zweiten Fellwechsel im Herbst jedoch konnte Christof sein Leiden nicht mehr verbergen. Es war klar: Entweder Christof oder der Hund. Christof entschied: Ben konnte nicht bleiben. Rita sagte nichts. Sie hatte in der Beziehung eigentlich nur sehr selten etwas gesagt, wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen. Christof hatte schnell eine tolle Familie für Ben gefunden. Rita war mitgekommen, um sie kennenzulernen. Sie schienen ihr etwas laut und chaotisch. Ben war ihrer Meinung nach eher der ruhige Typ. Aber Christopf erklärte ihr geduldig, dass Kinder die beste Ablenkung für ihn sein würden und er Rita so am schnellsten vergessen würde. 

Wie Rita Ben vergessen würde – und ob – das hatte Christop ganz offensichtlich nicht in Betracht gezogen. Bens Umzug sollte ausgerechnet am Nikolausabend stattfinden. Auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Ankunft. Rita fand das äußerst geschmacklos. Aber andererseits hatte sich ihr Mann noch nie durch besonders guten Geschmack oder gar Feingefühl ausgezeichnet.

Ab dem 1. Dezember weinte Rita sich jede Nacht in den Schlaf. Schließlich verlies sie das gemeinsame Schlafzimmer und legte sich auf eine Decke neben Bens Schlafkörbchen.

Die Polizei konnte sich nicht erklären,  warum alle Asthma Sprays im Haus leer gewesen waren. Als Rita am Nachmittag des 6. Dezember von ihrem letzten ausgedehnten Spaziergang mit Ben nachhause kam, war Christof bereits tot. Er hatte ganz offensichtlich alle Schubladen nach einem vollen Spray durchwühlt. Aber da auf den Dosen ausschließlich seine eigenen Fingerabdrücke gefunden wurden, bekam Rita keine Vorladung, sondern lediglich Beileidsbekundungen. 

Rita und Ben trösteten sich am Nikolausabend gegenseitig. Und Ben schlief zum ersten, aber nicht zum letzten Mal, im Ehebett.

Adventskalender Minikrimi am 1. Dezember 2019


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Ich möchte diesen ersten Minikrimi @dieKali widmen, der Metahasenbändigerin, Onkobitch. Weil ich ihre Kreativität bewundert habe, die trotz, wegen und in ihrer Krankheit aus ihr sprudelte, ihren Esprit, ihren Witz, ihren Mut. Bis zuletzt. Chapeau.

Schwanensee

Im Radio hatte er gehört, der Advent sei eigentlich eine Zeit, in der die Menschen aus ihrer Komfortzone heraustreten sollten. Eine Zeit, die auf die Grausamkeiten, die Schrecken und die Ungerechtigkeit der Welt hinweist. In den Straßen der Stadt war davon nichts zu spüren. Im Gegenteil – alles schien in Zuckerwatte eingesponnen, mit Makronenduft besprüht und von Glitzerlicht erhellt. Eine unwirkliche Bühne für ein unrühmliches Spektakel, das die schlechtesten Seiten unserer Konsumgesellschaft zur Schau stellte.

Er floh – wie so oft und immer öfter – in die Stille, joggte fast schon hastig  den Weg zum Stadtpark, durch das Tor, den Hügel hinauf und dann über die Wiese hinunter zum See. Der graue Weimeraner trabte routiniert rechts neben ihm, Herr und Hund: ein eingespieltes Team.

Der See lag heute in Nebel gebettet, die Wasserfläche ein schwarzes, regloses Auge, die Fichten am gegenüberliegenden Ufer wie lange Wimpern, Schneeflocken verfingen sich darin und rieselten herab, stille Wintertränen. Plötzlich löste der Weimeraner sich von der Seite seines Herrn, stand einige Sekunden reglos, mit der Nase Witterung aufnehmend, dann preschte er in eleganten Sätzen zum Ufer des Sees, ein Meistertänzer auf vier Beinen. Sein Besitzer starrte ihm nach, dann rief er. Er pfiff. Der Hund reagierte nicht, flog über das Gras, die Böschung hinab und blieb dann ganz unvermittelt stehen, die Pfoten in den mit Schnee und Schlamm vermengten Kies gestemmt, den Kopf schief gelegt, als beäugte er eine Beute. Dem Besitzer blieb nichts anderes übrig. als seinem Hund zu folgen. Weitaus weniger grazil erreichte er, schlitternd und fluchend, den Saum des Sees.

Der Weimeraner stand keine zwei Meter von ihm entfernt. Vor ihm lag ein weißer gefiederter Körper. „Der sterbende Schwan“, dachte der Mann unwillkürlich, denn die Szene vor dieser winterlichen Kulisse war ihm, dem Produzenten einer Vielzahl weltberühmter Ballettinszenierungen, mehr als nur vertraut.

Aber er korrigierte sich sofort. Das war weder ein Schwan, noch kämpfte das Mädchen  mit dem Tod um das Leben. Sein Körper war von weißen Federn bedeckt, sie bewegten sich mit den leisen Uferwellen auf und ab, auf und ab, das Echo eines erloschenen Atems. Er zwang sich, näher zu kommen. Die Federn waren nicht echt.  Billige Engelsschwingen, jetzt im Advent in fast jedem Dekodiscounter zu finden. Sie bedeckten die Schenkel, die Scham, den Bauch und die Brüste. Der Hals ragte lang und weiß aus den Federn hervor, umrahmt von rotbraunen Locken. Die Haarfarbe erinnerte den Mann an –

Er kniete sich neben die Tote. Beugte sich über sie, um das ihm abgewandte Gesicht zu betrachten, die blicklosen Augen auf die Fichten gerichtet, um den Hals eine Kette aus geronnenem Blut. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Aber er sagte kein Wort, er dachte auch nicht ihren Namen. Stattdessen umfing ihn eine große, eisige Stille. Er sah hinüber zum anderen Ufer, an dem tatsächlich ein einsamer  Trauerschwan gelandet war und sein schwarzes Gefieder schüttelte.

Er wusste, wer seine Tochter getötet hatte. Er wusste, warum. Und er wusste, dass er ihr nichts entgegenzusetzen hatte.

Der Schwan glitt ins Wasser und setzte zum Abflug an. Der Mann sah eine Ballerina im schwarzen Tütü, wie sie ihre Arme hob und für ihn Pirouetten drehte, noch eine und wieder eine. Nadja war die Primaballerina seines Herzens gewesen, er hatte sich Hals über Kopf in ihren Tanz verliebt. Aber dann war die Erste Solistin von ihrer Erkältung genesen, Nadja war zurück ins Corps de Ballet gerückt worden, und der junge Produzent hatte die große Karriere, die internationalen Erfolge nicht mit Nadja erreicht, sondern mit ihrer Gegnerin, mit Silvana, dem weißen Schwan.

Er hatte Nadja und seine Liebesschwüre natürlich schnell vergessen. Vor allem, als Silvana ihm eine Tochter geschenkt hatte.  Flora. Ein neuer Stern am Balletthimmel. Eine neue Giselle, ein strahlender Schwan, eine perfekte Odette.

An den schwarzen Stamm einer Fichte gelehnt, starrte Nadja zu dem Mann hinüber, der sie seit dieser Schwanensee-Probe in all ihren Träumen verfolgte. Den sie verfolgt hatte. Nach dem Sturz, dem Karriere-Aus hatte der Wunsch nach Rache ihr Leben bestimmt.

Jetzt war da nur noch eine große, eisige Stille.

Nach zwanzig Jahren gingen sie sich entgegen, ohne aufeinander zu treffen. Zu tief war der See. An einem Wintertag im Advent wurden drei Leichen geborgen. Ein junges Mädchen mit durchtrennter Kehle und zwei Ertrunkene.

 

Heilt Zeit Wunden?


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Die Zeit heilt keine Wunden. Mit der Zeit verschorfen sie, verheilen, vernarben. Was aber löst den Heilungsprozess aus? Was fördert ihn?

In den ersten Wochen und Monaten nach dem Tod meiner Mutter konnte ich unsere gemeinsamen Spazierwege nicht gehen, ohne dass mir nach wenigen Schritten die Tränen in die Augen schossen. Wege, Wiesen, Bäume verschwammen zum immer gleichen Bild schmerzhafter Erinnerung, und ich sah sie neben mir gehen, resolut, dann zögernd, schließlich ängstlich. Ich hörte ihre Stimme, immer fest und jugendlich. „Nur so eine kleine Runde?“, „Wie viele Kilometer noch?“, schließlich nur noch „ich habe Angst, ich will nicht gehen.“ In diesen Monaten habe ich verstanden, was es heißt, wenn dir das Herz blutet.

Ich suchte andere Wege, solche, die ich nie mit ihr gewandert war. Die Hunden dankten es mir, und wir liefen spielten rannten ohne Schattenbilder.

Doch dann kamen wir nach Hause. Wo sie auf uns wartete. Ich spürte ihre unsichtbare Nähe, hinter mir auf dem Sofa, wenn ich am Schreibtisch saß. Sah sie die Treppe hinunter huschen, lautlos. Manchmal vergrub ich meine Nase in dem Tigerpulli mit den rosa Ohren an der Kapuze, in dem sie gestorben war. Ahnte ihren leichten Duft, der lange verflogen war.

Das Weinen überkam mich immer plötzlich, schüttelte mich mit harter Hand und ließ mich nach ein paar Minuten zurück, erschöpft und atemlos. Es waren diese Momente, in denen sie mir nahe kam, irgendwann. Mit vergessenen Zitaten, so sehr sie, so, wie sie in den letzten Jahren nicht mehr war. Mit ihrer Stimme und, ja, mit einer zärtlichen Berührung. Begegnungen zwischen den Welten, Wundenbalsam.

Und dann natürlich die Landmarken. Alles zum ersten Mal ohne sie. Es lebt sich näher am Horizont, als Vollwaise. Plötzlich ist die Endlichkeit keine mathematische Tatsache mehr, sondern eine Angst, und zwischen dir und dem Treibsand der Welt steht keine Wand mehr, kein Schutz. Meine Mutter schenkte mir eine Schneekugel. Kurz nach ihrem Tod lief das Wasser aus, und der Engel darin steht nun nackt auf dem Boden. So habe ich mich gefühlt, am ersten Advent. Beim Schmücken des Christbaums. Beim Decken der Tafel am Heiligen Abend. Beim „O du Fröhliche“ in der Christmette.

Immer wieder begegnete ich meiner Mutter im Traum. Immer lebte sie – immer war sie viel pflegebedürftiger, hilfloser, unglücklicher als bis zu ihrem Tod.

Am schlimmsten waren die Rauhnächte bis zum 1. Januar. Ich halte nichts von Orakeln und 12 sich öffnenden Monatstüren, nicht von offenen Zeiten. Aber ich bin dünnhäutig genug, um zu spüren, dass die sichtbare greifbare Welt durchlässiger ist für vieles, das um uns herum existieren mag, auch, wenn wir es im Alltag nicht wahrnehmen – oder wahrnehmen wollen. Ich schlief unruhig und angstvoll, im Halbschlaf eingehüllt von düsteren Nebeln.

In einer dieser traumwachen Nächte saß meine Mutter neben mir auf der Bettkante, schaute mit intensiv an und fragte – ich weiß nicht, ob wehmütig – „Ich bin wirklich tot, oder?“. Und ich antwortete: „Ja, Mammina.“

Im neuen Jahr sind die Nebel verflogen. Frischer Mut breitet sich aus, in mir. Ich gehe die altvertrauten Wege. Allein mit den Hunden. Dort drüben auf der Bank an der Schlossmauer saß meine Mutter und wartete ungeduldig, während ich die Tiere zumindest ein paar Runden rennen ließ. Heute springen die Hunde kreuz und quer über die Wiese, graben nach Mäusen und jagen sich gegenseitig. Ich schaue nach rechts zur verwaisten Bank. Da sitzt sie, Entspannt. Und lächelt zu mir herüber.

Und statt bitterer Tränen steigt Freude in mir auf, und ich lächle zurück.

Nein, die Zeit heilt keine Wunden. Aber mit der Zeit werden die Narben ein Teil von mir, der bereichert und immer weniger brennt.

Trotzdem: „Du fehlst“.

AdvernsKalender MiniKrimi vom 8. Dezember


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Der Flughund

„Was, Du willst Dir einen Hund zulegen? Wer hat Dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?“ Arne kennt Silvana seit über 20 Jahren, aber Tierliebe war bislang nie eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften gewesen. „Naja, nicht irgendeinen Hund.“ „Eben, das ist ja noch schlimmer. Wenn Du plötzlich auf den Hund gekommen wärest und Dir beim Züchter einen Windhund, einen Dobermann oder meinetwegen auch einen Prager Rattler bestellt hättest, könnte ich das ja noch im entferntesten nachvollziehen. Aber einen mallorquinischen Straßenköter…?! Du musst verrückt sein!“ Diesen Verdacht hegt Arne schon länger, genauer gesagt seit Silvanas erstem und einzigem Besuch auf der Baleareninseln im vergangenen Jahr. Nach ihrer Rückkehr war sie nicht mehr dieselbe. Davor hat Arne sich diskrete Hoffnungen auf ein mögliches Leben zu zweit gemacht, in Form einer Lebens-, nicht einer Wohngemeinschaft. Und er hatte auch gemeint, bei Silvana Anzeichen zu entdecken, dass sie diesem Gedanken nicht abgeneigt war. Nach Mallorca war alles anders. Sie hat nicht viel von diesem Aufenthalt erzählt. Aber zwischen den Zeilen hat Arne herausgehört, dass sie ganz offensichtlich eine Frau kennengelernt hat. Claudia. Eine abgebrannte Deutsche, die auf Mallorca gestrandet ist und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Arne hat sich sogar dabei ertappt, wie er in Silvanas Handy nach Nachrichten von dieser Frau gesucht hat. Das letzte, was er von ihr erfahren hat, war, dass sie wohl einen reichen Fang gemacht und sich ihrer Geldsorgen durch eine Heirat entledigt hat. Gottseidank, damit ist das Kapitel Claudia hoffentlich erledigt, hat er gedacht.

Und jetzt der Hund. Natürlich ist er mit Silvana zum Flughafen gefahren. Hat in der Gruppe der Wartenden gestanden, zwischen Schildern mit „Senor Cortez, Philatelistische Gesellschaft“, „Dr. Dr. Maibaum, Weltmünzkongress“ und „Holiday Inn, Frau von Selbitz“. Hat familiäre Freudentränen miterlebt und schreiende Kleinkinder. Bis endlich die „Flugpatin“ mit der Transportbox durch die Absperrung kommt und sich suchend umschaut. Silvana dreht sich kurz nach links und rechts, dann geht sie auf die Frau zu. Sie sieht genauso aus, wie Arne sich jemanden vorstellt, der Hunde aus der Wärme Mallorcas in den Münchner Winter begleitet. Dann geht alles sehr schnell. „Danke“, sagt Silvana, reißt der Frau beinahe die Box aus der Hand und stürmt, ohne den kleinen zitternden Hund, der seit Stunden dort eingesperrt ist, auch nur eines Blickes zu würdigen, hinaus auf den Parkplatz. Arne hinterher. Erst, als sie im Auto sitzen, macht Silvana das Türchen auf und nimmt den Hund vorsichtig in den Arm. Schaut ihn prüfend an, begutachtet das gefütterte, mit Strasssteinen besetzte Halsband, setzt das Tier wieder in die Box und fährt los. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit hält sie sich genau an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Naja, wenigstens nimmt sie Rücksicht auf den Hund.

Vor ihrem Haus will sie Arne verabschieden, aber er lässt sich nicht so schnell abwimmeln. Widerwillig nimmt Silvana ihn mit in die Wohnung. Sie sind kaum angekommen, als Silvanas Telefon klingelt. „Ich rufe gleich zurück. Ja, alles gut.“, sagt sie und legt auf. Wie untypisch für sie. „Arne, enschuldige, ich bin müde. Wir sehen uns morgen. Mach’s gut.“ Und schon steht er draußen. Zu neugierig, um einfach zu gehen. Er geht vorsichtig ums Haus und schaut hinter einer Tanne hervor in Silvanas Wohnzimmer. Sie hasst Vorhänge. Das ist sein Glück. Er sieht, wie sie den Hund aus der Box holt, ihm vorsichtig das Halsband abnimmt und es mit einem Messer der Länge nach aufschneidet. Das ist der Moment, an dem Arne beschließt, dass Silvana für ihn Vergangenheit ist.

Im Internet liest er eine Woche später von einem Raubmord auf Mallorca. Die trauernde Witwe Claudia P. erzählt, dass sie ihren Mann erwürgt vor dem offenen Safe gefunden hat. Von den Diamanten, die der Schmuckhändler dort aufbewahre, fehlt seither jede Spur. Ebenso wie von Alonso, dem Straßenköter, den er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit mit einem Stück Kalbsleberwurst gefüttert hat.

 

 

Was kann ein Kind, was ein Hund nicht kann?


Heute beim Friseur. Während mein Kopf in unnatürlichem Winkel hintenüber im Waschbecken hängt und die Brause ein erstes Mal meinen Ansatz mit Wasserpartikeln benetzt hat, geht die Ladentür auf. Bimbinbim, wie in einem Retro-Hörspiel, vielleicht „Die unendliche Geschichte“. Herein kommt eine runde Dame, die ganz offensichtlich einen Friseurbesuch nötig hätte. Die Massierhand stoppt die kreisrunden Bewegungen an meinem Hinterkopf, die Brause bewegt sich spürbar ziellos zwischen mir und dem Waschbecken. Im Spiegel erkenne ich mit einem gezielt gequälten Blick die Situation. Die Dame ist keine Kundin, sie kommt, um meiner Friseurin – ich finde ja, Friseuse klang viel freundlicher, das r hat so was messerscharfes – unangenehme Kunde zu bringen. Passt zum Kundrie-Aussehen, denke ich noch. Und dann: aua, denn das Wasser ist kalt und rinnt mir mal links mal rechts am Ohr vorbei. Aber das muss ich aus – und durchhalten, denn: „Was ist passiert? Erzähl!“, sagt die Friseurin, und dann beginnt ein schnelles, leises Flüstercrescendo. Das ich wegen des Fließwassers, meines Tinnitus oder einer beginnenden Taubheit nicht komplett verstehen kann. Soll, vermutlich. Etliche gefühlte Minusgrade später berichtet mir die Friseurin auf Nachfrage, während sie mir die Haare schneidet – sie sind lang genug, um unkontrollierte Bewegungen auszuhalten – , dass ihre Mutter immer schlimmer werde. Depressiv, schlechtlaunig, aggressiv. Sie vertreibe alle Leute aus ihrer Umgebung, sicher auch die Kundrie von grade eben (denke ich). Und belege stattdessen die arme Enkeltochter völlig mit Beschlag. „Sie erzählt ihr alle ihre Sorgen. Was soll das Kind denn damit anfangen? Finanziell, beruflich, ich will nicht, dass meine Tochter sich damit belastet“. Einzelkind, intelligent. Emphatisch? Hm. „Hat ihre Mutter Haustiere?“, versuche ich’s. „Einen Hund, vielleicht?“ Ja, hat sie. „Aber das nützt nichts“. Was hat ein Kind, was ein Hund nicht hat? Was kann es?

Zuhören? Trösten? Das Gehörte so verarbeiten, dass aus Problemen Liebe wird. Sonst nichts. Als meine Mutter dement wurde, habe ich versucht, meinem Sohn zu erklären, dass die Großmutter, die bisher für ihn die Instanz für Recht und Unrecht war, in seinem kleinen Leben, die Klagemauer und der Wundertütenbaum, jetzt von ihm das braucht, was sie ihm im Überfluss gegeben hat. Liebe und Punkt. „Du musst nicht verstehen, was sie alles sagt. Und  schon gar nicht lösen. Wenn du ihr zuhörst und ihr zeigst, dass du sie magst, so grantig, wie sie ist, dann ist das alles, was du tun musst. Kannst. Und solltest. Das ist deine Aufgabe, mehr nicht. Um alles andere kümmere ich mich dann,“ sagte ich ihm.

Solange er Kind war, hat das ganz gut funktioniert. Als Erwachsener verwechselt er Liebe mit Verantwortung, und die ist ungewollt und deshalb eine Last. Ich sag’s ihm aber nicht mehr. Ich hoffe, dass er sich daran erinnern wird, wenn er Sohn und Vater ist und ich….. Großmutter.

 

Adventskalenderkrimi 2.0. 9. Dezember: Abgefahren.


Ich zögere. Stehe auf. Drücke mir das Sofakissen vor den Bauch. Wie eine schusssichere Weste. Einen Panzer. „Giiisaaa, hey, was los?“ Ich schleiche zum Balkon. Schalte mit einem schnellen Entschluss meine Gedanken ab. Und reagiere aus dem Bauch heraus. Ich öffne die Balkontür, trete zwei Schritte in das schneematschnasse Dunkel. „Ich komme gleich, war nur noch mal kacken“. Ok ich habe die Zeitungswerbung gesehen, damals im Kino. Vielleicht schocke ich ihn damit? Und vor allem keine Verwunderung zeigen! Ich warte auch nicht auf seine Antwort. Schließe die Tür mit, lasse den Hebel fest einrasten. Schlüpfe in Mantel, Mütze, Schal und renne die Treppen runter. Das Flurlicht ist schon wieder kaputt! Meine Finger sind gefühlte zwei Zentimeter von der Haustür entfernt, da geht sie auf. Frau Niederreuther mit Hund, beide grau und betröpfelt. „Nabend“, nuschele ich. „Sie sollten den netten jungen Mann nicht so lange warten lassen. Sonst schnappen wir ihn Ihnen noch weg, gell, Cindy“, sagt die Niederreuther und kichert ihren Hund an. Achsoooo, mein Herz plumpst vom Hals in den Brustkorb zurück. Ich sollte wirklich weniger Krimis anschauen und endlich mal wieder war Gebildetes lesen. Poe vielleicht, oder Schiller. Oder Glauser. „Sorry, dass du so lange warten musstest. Und DANKE, dass du gewartet hast“, hauche ich vielleicht einen Tick zu sanft. „Ist schon ok, das macht dich sehr weiblich“, grinst er. „Aber jetzt hab ich mir nen Glühwein verdient, oder?“ „Mindestens“, antworte ich und hake mich mutig bei ihm. „Wenn du willst, können wir auch mit meinem Auto fahren“, sagt Franck. Mit einer betont beiläufigen Handbewegung zielt er auf die Reihe parkender Autos an der Pappelallee. Ein Blinken antwortet. „Wow, DAS ist DEIN Auto?“ entfährt es mir, als wir uns dem nagelneuen, silberleuchtenden 911er nähern. „Mann gönnt sich ja sonst nichts“, kontert Franck und ich höre den Stolz in seiner Stimme schwingen. „Bis heute“, setzt er leise hinzu. Aber ich hab’s trotzdem gehört.

Auch nur ein MANN


Hund/e
P

Jeden Morgen das gleiche Spiel. Du wachst vor mir auf. Bleibst trotzdem liegen. Im wohligen Halbschlaf grunzt du ab und zu, dein Herz schlägt gleichmäßig unter dem warmen Pelz auf deiner Brust. Du bist eine haarige Angelegenheit, durch und durch,  aber das wusste ich ja. Oder hätte es wissen können, wäre ich nicht dem Charme deiner braunen Augen erlegen.

Erst wenn ich mich endlich aus den Laken schäle, rappelst auch du dich auf. Gähnst herzhaft, streckst dich und schaust mich erwartungsvoll an. Sonst nichts. Sobald ich aufstehe, folgst du mir. Du oder ich, wer gewinnt den Wettlauf ins Bad? Ich. Aber dann du stehst vor mir, drängelnd,  und kannst es kaum erwarten, bis ich die Klospülung drücke. Der Weg in die Küche wird zum Spießrutenlauf. Kaffee kochen, Milch heiß machen, alles unter deinem wachen, aber trägen Blick. Du hängst an mir, ich weiß. Und habe ich mir das nicht immer gewünscht? Nie wieder auf Platz 2 liegen hinter  Job, Computer oder Sport. Nie wieder nur die Alternative sein zu Mutters Wachmaschine oder dem Stammplatz beim Billig-Italiener. Die sprechende Version von Air Doll, die Putzfrau ohne Sozialversicherung. Die Nachtchauffeuse.

Du warst der letzte Versuch. Neuanfang und Kapitulation in einem. Ja. Du brauchst mich. Aber das wird mir jetzt zur Last. Deine Blicke sind wie die Aufnahmen einer Überwachungskamera. Ich kann dir nicht entfliehen. Du folgst mir, wo ich gehe und stehe. Du vergötterst mich. Aber du kannst so lange mit deinem zugegeben langen Schwanz vor mir herum wedeln, wie du willst. Das macht mich nicht an. Du forderst mich nicht heraus. Du rufst mich ab. Ich soll für dich da sein. Tag und Nacht. Gut, ich hatte sie satt, die einsamen Couch-Wochenenden mit Celluloidträumen aus der Videothek. Jetzt weiß ich, dass ich weder Holly Golightly bin noch Lara Croft. In mich verliebt sich niemand bedingungslos. Auch du nicht.

Ich wollte nie mehr allein im Englischen Garten spazieren gehen und mein Gesicht hinter einem Liebesroman verstecken, jedesmal, wenn ein Pärchen an meiner Bank vorbeischlendert. Es stimmt, diese Zeiten sind nun vorbei! Ich habe keine Minute mehr, um Liebesromane zu lesen. Und ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Video ausgeliehen habe. Du erfüllst meinen Tag von morgens bis abends. Du willst meine Aufmerksamkeit, und wenn ich sie dir verweigere, wirst du brutal. Meine Kaschmirweste hast du zerrissen. Meine Armani-Jeans zerfetzt. Von den Flecken auf dem Wohnzimmerteppich will ich gar nicht anfangen. Natürlich, ich war schuld. Ich bin immer schuld. Auch jetzt. Hör auf, mich so  anzustarren. Verdammt noch mal. Siehst du nicht,  dass ich noch im Pyjama bin? Darf ich wenigstens erst meinen Milchkaffee austrinken?

Jetzt reicht`s! Hau ab! Hier ist die Tür! Verschwinde. Und komm erst wieder, wenn du alles gemacht hast. Du Mistvieh, du nerviges. Hätte ich mir nur ein Weibchen geholt, beim Hundezüchter.

So – das habe ich letztes Jahr geschrieben. Das ironische Lächeln klebt mir wie Eiszapfen am Herzen. Nein, ein Mistvieh war er nie. Eher ein Schatten, der auf meiner Erinnerung liegt, jetzt. Und fehlt. Mir. Uns. Sogar der Kater sucht auf dem Sofa, dem Bett, dem Teppich, der Terrasse mit tierischem Gespür die Plätze, an denen er lag.

Ja, ein Weibchen wird es sein, das nächste Mal. Aber sicher nicht vom Züchter. Eher vom Sonnenhof. Aber ein Ersatz? Niemals.