MiniKrimi Adventskalender am 15. Dezember


Stein um Stein

Ich habe Pläne, große Pläne, ich baue dir ein Haus. Jeder Stein ist eine Träne, und du ziehst nie wieder aus

Der Bass dröhnt, die monotone Stimme von Till Lindemann prallt von den Kellerwänden ab wie ein Squashball. „Jeder Stein ist eine Träne“, murmelt er, schreit er, dann. „Träne, jawohl. Was bist du bloß für eine Träne!“ Er kauert sich auf den Boden, wirft die Hacke neben sich und schluchzt.

„Warum? Wir hatten doch so ne tolle Zeit zusammen. Und jetzt? Auf einmal?“

Er starrt auf die Kellerwand, sein Blick gleitet hinaus, in den Garten. Er auf einer Decke im Gras, sie neben ihm. Seine Hand in ihrem seidenweichen, langen Haar. „Ach Mensch, Cora!“ 

Er stemmt sich hoch, mit Mühe. Greift nach der Bierflasche. Leer. Aber der Wodka ist noch halb voll. Das wird reichen, bis er hier fertig ist. 

„Ja, ich bau ein Häuschen dir. Hat keine Fenster keine Tür. Innen wird es dunkel sein, dringt überhaupt kein Licht hinein“

Was hatten sie sich gefreut, über ihr kleines Häuschen. Endlich raus aus der engen Wohnung mit den ganzen Spießern. „Herr Wollke, gestern war es aber wieder viel zu laut, bei Ihnen. Man kann auch LEISE spielen, wenn Sie wissen, was ich meine. Und ein bisschen Erziehung hat noch niemandem geschadet.“ Ha, es hat sich augewollket. Wir haben jetzt ein ganzes Haus für uns. Da können wir Lärm machen, solange wir wollen. Und das hatten sie. Und wie! Cora war ganz außer Rand und Band und konnte es gar nicht fassen. Soviel Platz! Morgens vor dem Aufstehen hüpften sie manchmal wie wild auf dem Bett herum, vor lauter Freude.

„Ach Cora, ich hab dich doch geliebt. Das weißt du! Ich liebe dich immer noch. Aber du?“

Entschlossen holt er aus, hebt die Hacke und lässt sie auf die Kellerwand niedersausen. Ziegel splittern. Ein Ruck, noch einer, dann reißt er die ersten beiden Ziegel raus. Aber das Loch ist noch viel zu klein.

„Du weißt, ich hätte alles gegeben, um das zu verhindern, Cora. Aber du lässt mir ja keine Wahl. Weißt du noch, damals, als wir zusammen nach Jesolo gefahren sind, nur du und ich? Wie die rumgezickt haben, auf dem ersten Campingplatz. Nein, nein, so können Sie unmöglich zum Strand. Gut, dann eben nicht. Und dann haben wir einen gefunden, der fand uns beide ok. War das schön! Sich im Sand wälzen, bis die Haare komplett verklebt waren, und runter in die Wellen. Wer fängt den Ball zuerst? Und das Eis! Schkolade mochtest du am liebsten. Ach, Cora. Meine Cora.“

Wann hat sich alles verändert? Warum hat er nichts gemerkt? Er legt seine ganze Wut über sich selbst, seine Blindheit, in die Arbeit. Holt mit kraftvollen Stößen einen Ziegelstein nach dem anderen aus der Mauer. Wir. Hätten. Zusammen. Alt. Werden. Sollen!

Das ist der Vorteil von alten Häusern. Sie sind zwar eiskalt, aber die Mauern sind zwei Ziegelsteine dick. Haust du einen raus, hast du ne prima Lücke. Eine Höhle. Eine Kammer. Luftdicht. 

„Ja, ich schaffe dir ein Heim, und du sollst Teil des Ganzen sein

„Und dann dieser blöse Typ. Ich soll dich gehen lassen, hat er gesagt. Und dass du schon gar nicht mehr bei mir bist. Ich soll dich in meinem Herzen behalten, so, wie du warst, als wir zsuammen glücklich waren. Der spinnt doch. Nein, ich lass dich nicht gehen. Ich geb dich NIE mehr her!“

„Ohne Kleider, ohne Schuh, siehst du mir bei der Arbeit zu. Mit den Füßen im Zement verschönerst du das Fundament. Stein um Stein, ich werde immer bei dir sein“

Jetzt ist die Kammer groß genug. Er nimmt einen kräftigen Schluck aus der Wodkaflasche. Er muss sich Mut antrinken, bevor er sie anschaut. Anfasst! 

Cora, mein Liebling. Bitte, schau mich noch einmal an. Sei mir nicht böse. Ich kann nicht anders. Ich kann mich nicht von dir trennen. Ich MUSS immer bei dir sein. 

Welch ein Klopfen, welch ein Hämmern, draußen fängt es an zu dämmern“

Schließlich kniet er sich auf den steinigen Kellerboden. Streicht ihr noch einmal voll Zärtlichkeit über das lange schwarze Haar. Dann hebt er sie vom Boden auf, legt sie vorsichtig auf die Plastikplane und wickelt sie liebevoll darin ein, während die Tränen ihm übers Gesicht laufen. Da geht plötzlich ein Zittern durch ihren Körper. Ungläubig starrt er in die braunen Augen, die ihn, deutlich verwirrt, aber zunehmend klarer, anschauen.

Sein Handy klingelt. „Her Wollke, gut, dass ich sie erreiche. Ich habe die ganze Nacht recherchiert. Cora hat eine Art allergischen Schock erlitten – vermutlich haben Sie ihr zuviel Schokolade gegeben. Das dürfen Sie nie mehr tun. Aber gut, dass Sie nicht auf mich gehört und sie wieder mitgenommen haben. Also, was ich sagen will: es besteht die Chance, dass Ihr Hund wieder gesund wird.“

Er lässt das Handy auf den Boden fallen und schmiegt sein Gesicht an Coras Bauch. Sie liegt ganz still, aber ihre raue Zunge schleckt ihm sanft übers Gesicht. Sie wird wohl noch eine Weile bei ihm sein. Und wenn es dann soweit ist, wer weiß, vielleicht mauert er sie beide gemeinsam ein. 

Sorry, ich weiß, das Ende hat einen Bruch. Aber, ganz ehrlich: ich habe kein Problem damit, menschliche Protas auf die verschiedensten Weisen sterben zu lassen. Aber bei einem Hund kriege ich das nicht übers Herz. Verzeiht!

Ach ja, noch was – ich höre zuweilen gerne Rammstein.

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