Adventskalender-MiniKrimi am 14. Dezember

Tödliche Begegnung

Er ist schon spät dran. Zu Hause steht das Essen auf dem Tisch. Die Kinder haben sich schon die Hände gewaschen und streichen hungrig um die Töpfe. Und Claudia steht mit dem Rücken an die Frühstückstheke gelehnt, den Blick auf der Küchenuhr und die Hand am Telefon. Hoffentlich gibt es keinen Risotto, sonst ist der Abend jetzt schon komplett gelaufen. Vor seinen Augen spielt sich die Szene ab, die ihn erwartet. sobald er den Schlüsselt ins Schloss steckt. Der Hund bellt wie verrückt, die Kinder rufen: „Papa, endlich.“ Dann schiebt er die Haustür auf, 6 Augenpaare schauen ihm entgegen. Zwillinge und Terrier. Nur Claudia dreht im den Rücken zu. Füllt den natürlich inzwischen zu weichen Risotto in die Schüssel und murmelt „Eine halbe Stunde zu spät! Du hättest anrufen können. Ein Klick. Mehr nicht. Aber das bin ich dir ha nicht wert.“

Die Straße am Waldrand ist dunkel. 30er-Zone. Aber um diese Zeit ist hier kein Mensch unterwegs. Höchstens ein paar Jogger. Aber die laufen zum Glück nicht einfach über die Straße. Er tritt auf’s Gaspedal. Noch bis zum Ende, und dann links. Noch ist die Ampel grün. Er sieht den Jogger, der parallel zu ihm auf dem Gehweg läuft. Richtung Ampel. Als plötzlich unvermittelt eine 90-Grad-Drehung macht, sieht er sein Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde. Dann hat er ihn mit seinem SUV erfasst.

Sie hatten keine Chance. Er hätte nicht mehr bremsen und der Jogger nicht mehr stehenbleiben können.

Er steigt aus. Vor ihm, halb unter seinem Wagen, liegt der junge Mann. Schaut ihn aus blinden Augen an. Die Kopfhörer sind verrutscht. Aus ihnen hört er eine Stimme: „Jetzt links über die Straße, René.“

Und jetzt, liebe Adventskalender-Krimifreunde, seid Ihr dran. Was genau ist passiert?
Ich freue mich auf Eure Auflösung!

Loslassen. Ziehen lassen. Zurückbleiben.

KinderschildEs regnet aus nachtdunklem, gewitterschweren Himmel. Die Rücklichter blitzen wie ein schnelles Lachen, dann ist er weg. Knapp vierhundert Kilometer trennen ihn von dem Wünscheort seiner Kindheit. Der Zuflucht vor Elternstreit und Schulgelächter. Von dem Sofa mit der rein wollenen Decke, dem Allerlieblingsessens-Tisch. Der Märchenmarypoppins seiner Kindheit. Telefonseelsorge, Kummerkasten, Mutmachfrau.

Heute fährt er in die Nacht, gleich doppelt. Zum ersten Mal allein. Und nicht als Gast. Als Kind. Als Schützling. Heute fährt er Richtung Großmama, um aufzuräumen, um zu helfen, um das Chaos zu bannen, wieder monatsweise. Um ein Feuer zu entfachen, ganz weit hinten im dem großen Garten, wo die Tannen nicht mehr hänselgretelhoch über ihm ragen, sondern nur noch Bäume sind mit altem Astwerk, trockenen Nadeln.

Vielleicht erinnert er sich an die Lagerfeuer mit dem Stockbrot und den Steckerlwürstchen, sicher weiß er noch, wie er die Sommertage zwischen Schwimmbadrutsche und Erlebnispark verteilte. Hinten auf dem Kindersitz. Heute sitzt er selbst am Steuer, froh, dass sie ihm das Auto heil und kampflos übertragen hat. Und wird sie morgen durch die Dörfer fahren.

Erwachsen werden heißt, Verantwortung erkennen und nicht vor ihr fliehen.

Ich sitze hier. Die Mutter macht derweil im Omahaus zum x-ten Mal die Gästebetten fertig, schimpft mich herzlos, weil der Enkel nachtfährt, ausgerechnet. Ich sitze hier und schreibe, weil ich lieber neben ihm gesessen wäre. Vor mir sorgenfaltig lange Stunden. Und weiß dabei, dass ich ihn fahren lassen muss, damit er ankommen kann, in seinem eigenen Leben.

Ansichtssache. Oder Stilfrage?

alles dreht sich um ein HaarNach diesem Aufschrei kniff ich beide Augen fest zusammen, wie, um kein Schampoo rein zu bekommen. Aber was ich vermeiden wollte war keine Seife, sondern die Realität nach der Sekunde NULL.

Schließlich zwinkerte ich. Erst rechts – auf dem Auge bin ich kurzsichtig. Dann links. OH! Ein kurzer Vollblick in den Spiegel – und ich hechtete zum Telefon. Das steht zum Glück auf der Kommode im Arbeitszimmer nur zwei Meter und eine Ecke entfernt. „Hallo? Silvia“ (Name geändert, Anm. d. Red. 🙂 ), hauchte ich mit letzter Kraft. „Silvia, ich brauche ein Wunder. Und nur SIE können das schaffen.“ Ich weiß nicht, ob meine Friseuse Hellseherin ist (oder sagt man Friseuerin? Haarstylisten erscheint mir für Silvia zu hoch gegriffen –  sie arbeitet allein in ihrem kleinen, violett und weiß und allem Anschein nach selbst gestalteten Studio, riecht ganz ungeniert nach Zigaretten, wäscht sich täglich die Haare, coloriert sie selbst in knallmattschwarz und ist erfrischend down to earth…!). Vielleicht ist sie auch nur lange genug im Geschäft. Jedenfalls fragte sie gelassen – und ich hörte, wie sie dabei genüsslich Rauch herausblies – „wie viel ham’s denn abgeschnittn?“ „Naja, so zehn, fünfzehn Zentimeter…. aber nur an einer Seite…“ „Oha.“ Jetzt klang auch Silvia alarmiert, und ich fühlte mich ungefähr so wie der Patient, dessen Arzt diesen Ausruf beim Betrachten der Lungenradiographie ausstößt. Aber sie hatte sich gleich wieder im Griff (Friseusen oder auch Friseurinnen, egal, haben halt viel Ähnlichkeit mit Doktoren. Sind ja auch welche. Haar- und Seelenpfleger in einem, sogar..). Und sagte: „Moment. Da muss ich meinen ganzen Tagesplan umstellen.“ P a u s e . „Kommen’s inra Stund vorbei. Aber bis dahin NICHTS mehr abschneiden, ok?“

„Ok. Danke“, seufzte ich. Ich habe keine Erinnerung daran, wie ich die Wartezeit verbracht habe. Auf die Sekunde genau stand ich vor der Haarstudiotür. Daheim hatte ich einen schwarzen Schal um den Kopf gebunden und eine dunkle Brille aufgesetzt. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und huschendem Gang überbrückte ich die Meter vom Parkplatz zum Laden. Ein letzter konspirativer Blick über die Schulter. Die Straße war leer. Ich zog den Schal vom Kopf. „Also ich hätts mir schlimmer vorgestellt“, war Silvias lakonischer Kommentar, bevor sie meine Haare mit destilliertem Wasser befeuchtete.

Über die nächste Stunde bewahre ich Stillschweigen. Zwischen Freundinnen gibt es Dinge, die für immer ein Geheimnis bleiben. Eines nur kann ich preisgeben: als ich Silvias Laden verließ, zählte ich sie zum engen Kreis meiner besten Freundinnen. Mit Ira, meiner Kosmetikerin, habe ich davon inzwischen also schon zwei.

Nachtrag: als der Rest meiner Familie sich am Abend um den (wie üblich von mir und einzig und allein von mir) gedeckten und mit italienischen, selbstverständlich selbstgekochten Köstlichkeiten angereicherten Tisch einfand, stürzten sich alle auf das Essen und kauten und schmatzten mehr oder weniger. Auf meine erwartungsvolle Frage: „Und, fällt euch nix auf?“ erntete ich schuldbewusste, kurze Blicke. „Hast du wieder Soja genommen statt Fleisch?“ mutmaßte mein Sohn. „Es ist alles so wie immer – einfach köstlich“, echote meine Mutter ihren eigenen Standardsatz. Die Katze schnurrte. Der Hund bettelte. Ich stand auf, sprintete zum nächsten Spiegel – und beruhigte mich schließlich mit der Erkenntnis, dass ich einfach gut aussehen musste. Sonst wäre es ihnen wahrscheinlich aufgefallen. Oder auch nicht. Das nächste Mal, wenn ich eine krasse Stilveränderung vornehme, werde ich zusätzlich das Essen versalzen. Dann schauen sie mich wenigstens an.

Und morgen gehe ich entweder tanzen oder ins Fitness-Studio. Viellleicht finde ich da noch eine Freundin…..