Adventskalender MiniKrimi am 23. Dezember


Falsch verbunden

„Was ist denn das für eine Frau da neben Opa? Die sieht ja spektakulär aus!“

Marie liegt bäuchlings vor dem Kamin, auf ihrem Schoß ein altes Fotoalbum. Hinter ihr auf dem Sofa, mit einer warmen Decke über den Füßen, sitzt ihre Großmutter. Die beiden haben sich vorgenommen, in der heuer so stillen Weihnachtszeit etwas aufzuräumen und auszumisten. Und heute sind die Fotoalben dran. Dieses hier ist so verstaubt, das hat sicher in den letzten 20 Jahren niemand mehr duchgeblättert.

„Lass mal sehen. Das ist ja….. wie kommt denn das Bild da rein? Ich wusste nicht, dass Max überhaupt noch ein Foto von…. von….. dieser Frau aufgehoben hat.“

Marie spitzt die Ohren. „Das hört sich nach einer spannenden Geschichte an, Oma. Erzähl!“

„Ja, das ist nicht nur eine spannende Geschichte, das ist ein richtiger Krimi.“

Inge lehnt sich auf dem Sofa zurück, schließt kurz die Augen, wie um die Erinnerungen zu sammeln und zu sortieren.

„Das Foto ist von 1950. Damals waren dein Opa und ich noch nicht verheiratet. Er war Postbeamter in einer kleinen Stadt in Hessen. So ein Postbeamter war damals eine richtig wichtige Persönlichkeit. Max verkehrte in den besten Kreisen der Stadt, und er war zu allen Festen eingeladen. Das Foto hier ist bei solch einem Fest entstanden.“

„Und wer ist denn jetzt diese geheimnisvolle Frau?“

„Ihren wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Wir im Amt haben sie immer nur die schwarze Baronin genannt.“

„Die schwarze Baronin? Aber wenn Opa und du euch noch nicht kanntet, woher wusstest du dann von dieser Frau? Und was hatte sie mit Opa zu tun?“

Was sie mit Opa zu tun hatte, ist schnell erklärt: sie wollte ihn heiraten. Und ich kannte sie nicht persönlich – aber ich kannte ihre Telefonnummer!“

„Ach stimmt, du warst ja ‚das Fräulein vom Amt‘.“

„Genau. Und ich musste täglich mindestens zehn Anrufe an die Frau Baronin durchstellen. Und sie selbst telefonierte auch ziemlich viel. Damals war ein einfach, die Gespräche mitzuhören. Bei der schwarzen Baronin waren wir einfach neugierig, weil sie so „begehrt“ war – und von was für Typen! Da waren Stimmen dabei – richtig gruselig. Heute bin ich nicht stolz darauf, aber damals haben meine Kolleginnen und ich uns manchmal einen Spaß daraus gemacht, die Gespräche „abzuhören. Und dabei bekam ich ziemlich schnell heraus, dass die schwarze Baronin ihre Finger in ziemlich schmutzigen Geschäften drin hatte. Naja, und eines Tages rief jemand für sie an, dessen Stimme ich noch nie gehört hatte. Ich kann dir auch nicht sagen, warum, aber er war mir auf Anhieb sympathisch. Er war auch freundlich, nicht so kurz angebunden wie die meisten. Und er bedankte sich für die Verbindung – das war was ganz besonderes.

Und dann wollte er ausgerechnet die schwarze Baronen sprechen! Ich habe ihn natürlich durchgestellt. Und dann telefonierten die beiden immer öfter. Erst einmal die Woche, dann alle drei Tage und schließlich täglich. Inzwischen begrüßten wir uns auch schon wie alte Bekannte, und bevor er sich von mir verbinden ließ, fragte er immer, wie es mir ging. Ich fand ihn toll. Und ich machte mir große Sorgen wegen der schwarzen Baronin. Na gut, vielleicht war ich auch ein wenig eifersüchtig…..

Schließlich belauschte ich ei nTelefonat zwischen der Baronin und einem besonders fiesen Typen. Er hatte einen starken Berliner Akzent und hörte sich für mich wie ein echter Gangster an. Er drohte der Baronin, die wohl eine Rechnung bei ihm offen hatte, ganz unverhohlen. Sie beruhigte ihn und versprach, ihre Schulden sehr bald auszugleichen. Sie hätte da einen Mann an der Angel, der sei bodenständig und habe eine solide Barschaft. Sobald sie ihn geheiratet hätte, würde sie alles zahlen – und noch was drauflegen.

Mir wurde Angst und Bange, denn ich wusste, dass dein Opa eine Schwäche für die Baronin hatte. Es konnte sich also nur um ihn drehen. Als sparsamer Postbeamter hatte er ein bescheidenes Vermögen angespart. Das hatte ich alles über ihn rausbekommen. Wie gesagt, er interessierte mich…..

Ich wollte unbedingt verhindern, dass er der schwarzen Baronen ins Netz ging. Tagelang grübelte ich, aber dann hatte ich einen Plan.

Als der Berliner das nächste Mal bei der Baronin anrufen wollte, sagte ich ihm, die Leitung sei besetzt. Schnell wählte ich die Nummer von Max, sagte ihm, die Baronin wolle ihn sprechen, und hielt ihn so lange in der Leitung, bis die den Berliner und die Baronin verbunden hatte. Dann schaltete ich ihn dazu und hoffe, dass er als Lauscher das richtige zu hören bekommen würde. „

„Was für ein ausgebuffter Plan, Oma. Und – hat es geklappt?“

„Sonst wärst Du heute nicht hier, Marie. Ja, es hat geklappt. May müssen die Ohren geklungen haben, als die Baronin den Berliner wieder mit dem Hinweis auf den baldigen Geldsegen beschwichtigt hat. Aber damit nicht genug: Sie hat ihm auch erzählt, dass sie sich einen dämlichen Postbeamten geangelt habe, stinklangweilig, aber dafür gutgläubig – und gut situiert. Max hat sich nie wieder bei ihr gemeldet, und ich durfte ihre Anrufe an ihn nicht durchstellen.

Nach einiger Zeit lud er mich das erste Mal zum Essen ein…… naja, und der Rest ist Geschichte. Aber die Baronin muss ihn mächtig beeindruckt haben, wenn er ihr Foto die ganzen Jahre aufgehoben hat….“

„Ach, Oma. Vielleicht wollte er sich nur daran erinnern, dass du ihn damals gerettet hast. Was für eine romantische Geschichte!“

„Ja. Da hat sich die Baronin geirrt. Max war alles andere als langweilig. Er war im Gegenteil sehr romantisch. Weißt du, ich vermisse ihn“

„ich auch.“

Foto: deacademic.com

Adventskalender MiniKrimi am 22. Dezember


Freier Tod

„Herr P., Sie wissen, warum Sie hier sind?“

„Aber natürlich, Frau Kommissarin. Die Chefin des Betreuungsdienstes hat mich angezeigt, weil ich meine Frau umgebracht habe.“

„Genau. Und – was sagen Sie zu dieser Anschuldigung?“ Sie ist schon lange im Dienst, aber eine solche Situation ist für die Kommissarin neu. Der alte Mann, Herr, korrigiert sie sich unwillkürlich, denn diesen Eindruck macht er, sitzt ihr gegenüber und strahlt ein ruhige Würde aus. Glatt rasiert, Manschettenknöpfe aus Ultramarin mit Goldrand, das Hemd verschossen, die Ränder des dunkelblauen Blazers abgewetzt, auf der Hose vorne ein dunkler Fleck, wie sie beobachtet hat, als er in den Verhörraum geführt wurde. Und doch füllt er mit seinem Schweigen die Stille aus.

Jetzt schlägt Walter P. ein hageres Bein über das andere, stützt die Ellenbogen auf den Tisch und das Kinn auf die gestapelten Finger.

„Ja, was soll ich Ihnen dazu sagen? Sie hat schon Recht. Und wiederum auch nicht. Wenn sie nicht ausgerechnet heute gekommen wäre, um Silke zu kontrollieren, hätte alles geklappt wie geplant. Zunächst lief ja auch alles wie am Schnürchen.“

„Wie meinen Sie das? Sie sagen hier gerade, dass Sie Ihre Frau vorsätzlich getötet und das Ganze von langer Hand geplant haben?“

„Ja.“ Walter P. nickt und schaut der Kommissarin direkt in die Augen. Freundlich. Sein Blick erscheint ihr klar und in keiner Weise getrübt.

„Erzählen Sie mir einfach alles der Reihe nach.“ Es ist nicht einfach, sich dem Bann dieser Augen zu entziehen, die blau und tief in faltigen, sonnengegerbten Höhlen liegen.

„Bevor meine Frau dement wurde, haben wir besprochen, dass wir uns umbringen wollen, wenn uns das Leben zu beschwerlich werden sollte. Wir hatten ein tolles Leben, müssen Sie wissen. Ich war im Auswärtigen Dienst, wir haben die halbe Welt bereist, wir haben es uns wirklich gut gehen lassen. Meine Frau musste nie arbeiten, ich habe ihr immer alle Freiheiten gelassen. Vor zwei Jahren hatte sie einen Schlaganfall. Seitdem ist sie dement. Das ist kein Leben mehr. Deshalb habe ich beschlossen, dass wir unseren Plan jetzt umsetzen.“

„Und Ihre Frau? Was hat sie dazu gesagt?“

„Sie hat natürlich ja gesagt! Wir waren immer eine Meinung! Seit über 60 Jahren!“

„Aber Sie sagten doch, dass Ihre Frau dement ist. Also war. Wie konnte sie Ihnen dann zustimmen?“

Walter P. beugt sich leicht vor. Die Kommissarin merkt, dass er es nicht gewöhnt ist, dass jemand seine Aussagen in Zweifel zieht.

„Sie war einverstanden. Sie war immer einverstanden!“, erklärt Walter P. , so, als spräche er mit einem unverständigen Kind.

„Aber dann ist etwas schief gelaufen? Sie wollten sich beide umbringen, aber Sie leben noch. Und Ihre Frau ist tot.“

„Ja, das ist die Schuld von dieser Dame. Eine unmögliche Frau. So herrisch. Silke ist eine fantastische Betreuerin. Sie macht alles, worum ich sie bitte. Wir kommen wunderbar miteinander aus. Das passt der Chefin nicht. Sie ist wahrscheinlich eifersüchtig. Deshalb ist sie wohl gekommen, um Silke zu kontrollieren. Das konnte ich natürlich nicht wissen.“

„Und was ist genau passiert?“

„Ich hatte meiner Frau eine Tüte um den Kopf gebunden und Gas einströmen lassen. Das hatten wir so besprochen. Aber dann hatte meine Frau einen Reflex und hat versucht, sich die Tüte vom Kopf zu reißen.“

„Sie meinen, Ihre Frau wollte plötzlich nicht mehr sterben?“

„Nein, das meine ich nicht! Natürlich wollte sie sterben. Das hatte ich ja so mit ihr besprochen. Das war nur ein Reflex von ihr.“

„Und was haben Sie dann gemacht? Ihr die Tüte vom Kopf genommen?“

„Natürlich nicht! Wir hatten doch besprochen, dass wir uns umbringen würden! Da kann ich doch nicht plötzlich etwas anderen machen. Das wäre gegen die Abmachung gewesen.“

„Also?“ Die Kommissarin versenkt ihren Blick in das Blau ihres Gegenübers. Da müssen doch Untiefen sein, bei dieser Geschichte!

„Also habe ich fester gezogen. Und dann war es auch gleich vorbei. Meine Frau war ja durch die Demenz schon geschwächt. In dem Moment ging die Tür auf. ich dachte, es sei Silke. Sie sollte ja kommen, das war geplant. Und wenn es alles glatt gelaufen wäre, hätte sie uns beide tot im Wohnzimmer gefunden. Dann hätte sie die Tüte und das Gas entsorgt, noch eine Weile gewartet, zur Sicherheit, und dann den Rettungsdienst gerufen. Aber stattdessen kam ihre Chefin. Und ich war noch nicht fertig. Den Rest kennen Sie.“

Die Kommissarin weiß nicht, was sie tun soll. Walter P. sieht aus wie ein Mann im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Einerseits. Andererseits ist er 95 Jahre alt, und es ist durchaus möglich, dass es sich hier nicht um einen kaltblütigen Mord, sondern um einen gescheiterten Doppelsuizid handelt. Klarheit würde nur eine genaue Kenntnis der Ehefrau bringen. Aber es gibt keine Angehörigen, die sie dazu befragen könnte. Herr P. ist jetzt ganz allein. Wenn man von der Betreuerin absieht. Aber die zählt in diesem Fall ja nicht.

Die Kommissarin hat Mitleid mit dem alten Herrn. Sein ganzes Leben hat er mit dieser Frau geteilt, nun hatte er mit ihr in den Freitod gehen wollen. Und war daran letztendlich gehindert worden. Mit welchem Recht hatte die Chefin des Betreuungsdienstes hier eigentlich Schicksal gespielt?

„Herr P., ich rufe jetzt einen Krankenwagen, der bringt sie in ein Krankenhaus. Nur zur Überwachung. Sie haben einen schlimmen Schock erlitten. Das war wirklich ein tragischer Unfall. Ich werde keine Anklage gegen Sie erheben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Frieden finden.“

„Danke.“ Walter P. sagt es leise und klar und schaut ihr dabei wieder direkt ins Gesicht. Diese Augen können nicht lügen. Die Kommissarin hat das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Nachtrag. Es heißt, dass man einen alten Baum nicht verpflanzt. Aber Walter P. geht es in der Finca, die er an der Algarve gekauft hat, sehr gut. Silke kümmert sich aufopfernd um ihn, aber schließlich profitiert sie auch von der Situation. Win-Win. Für den Fall, dass Silke seiner müde werden und ihre Koffer packen oder, im schlimmsten Fall, Kontakt zu der Kommissarin in Deutschland aufnehmen möchte, hat er eine reißfeste Plastiktüte und das Gas griffbereit. Er weiß ja jetzt, wie es geht.

Adventskalender MiniKrimi am 19. Dezember


Spieglein, Spieglein, an der Wand……

„..ich bin die Schönste im ganzen Land. Und gut, dass das bald auch alle im Land wissen werden“, dachte Sabina. Es war wirklich höchste Zeit. Sie hatte es satt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, und hatte lange genug auf diese Gelegenheit gewartet. Seit 4 Jahren, um genau zu sein. Seit sie ihren Salon „Sabinas Beauty Palast“ eröffnet hatte.

Die Kund*innen hätten in Strömen zu ihr kommen müssen, aber woher sollten die Menschen in Sachsen wissen, dass es nur bei ihr, in einer kleinen Sackgasse in Schkeuditz, die tollsten Frisuren, das coolste Makeup und die geilsten Nägel gab?

Aber jetzt würde die Beauty-Show in diesem Privatsender sie bekannt machen. Und nicht nur in Sachen! Deutschlandweit. Die Tatsache, dass sie, um den Hauptgewinn zu bekommen, ihre vier Konkurrent*innen besiegen musste, war für Sabina kein Problem. Wofür hat man Freunde? Wenn ihre Qualitäten die Mitbewerber*innen nicht überzeugen konnten, hatten ihre Leute genug schlagkräftige Argumente parat. Sie waren nicht umsonst in Windschatten der Wende aufgewachsen. Jetzt war Zahltag, und endlich war sie, Sabina, an der Reihe.

Heute war der letzte Tag. Mit dem Filmteam von „Spieglein, Spieglein“ waren sie eine Woche lang von München nach Lüneburg, von dort nach Stuttgart, dann weiter nach Schkeuditz und schließlich nach Berlin gezogen. Jeden Tag hatte eine*r der Beweber*innen die anderen Kolleg*innen im eigenen Salon „verwöhnt“ und war dafür bewertet worden. Pah, die dachten, sie seien die Superstars. Allein die Blicke, als die Sabinas Salon betreten hatten. Die Tigerfelle an den Wänden, der rosa Plüsch und die Lackmöbel. Ja, so sah es eben bei ihr eben aus. Und sie war stolz darauf. Hatte alles selbst ausgesucht und nicht irgend so einem Designerfutzi überlassen, wie die anderen. Wie gerne hätte sie es ihnen direkt bei der Behandlung heimgezahlt. Aber das ging nicht, schließlich waren sie live auf Sendung.

Als es dann aber an die Beurteilung ging, hatten ihre Freunde in der Zwischenzeit schon dafür gesorgt, dass ihre Noten gut ausfielen! Sehr gut, sogar.

Heute war nur noch Raffi dran. Dieser eingebildete Schönling. Machte einen auf Mädchen, klimperte mit seinen falschen Wimpern und flötete siegessicher: „Willkommen in der Hauptstadt des Stylings, meine Süßen alle.“ Dabei hatte er Sabina eine Kusshand zugeworfen. Ekelhaft! Na, der würde sich wundern. Nein, auch er konnte ihr den Sieg nicht wegschnappen. Denn ganz am Ende konnten die Zuschauer noch Bonuspunkte für den coolsten Style vergeben, und erst die brachten dann den Sieg. Sabina hatte keine Sorge. Ihr Style war der allerbeste.

Raffi gab sich alle Mühe. Oh, wie Sabina ihn hasste! Sein Laden war eiskalt. Nur schwarzer Marmor und Glas. An der Decke riesige Lüster. Wie in einem Schloss. Keine Spur gemütlich. Nicht so wie bei ihr. Und zu trinken gab’s statt Kaffee und Rotkäppchen Lassis und Smoothies. Also bitte! Naja, was sollte man auch anderes erwarten. Das war wohl auf der Südseeinsel, wo sein Vater herkam, so üblich. Aber nicht bei uns, dachte Sabina. Nicht bei uns!

Jetzt war sie an der Reihe. Die anderen saßen schon, frisch gewellt, gepealt, geschminkt im Tourbus und hatten Raffi mega Noten gegeben. Sabina sah ihren schwer erkämpften Vorsprung schwinden. Sie würde schon dafür sorgen, dass er es bei ihr verpatze. Egal, wie sie danach aussah. Hauptsache, er würde sich blamieren und von den Zuschauern keinen Extrapunkt bekommen.

„Was wünscht du dir denn, liebe Sabina?“, flötete Raffi und klimperte in die Kamera. „Ich will so aussehen wie mein größter Albtraum“, sagte sie und schaute Raffi direkt in die Augen. Damit bist du überfordert, dachte sie. Und freute sich darauf, am Abend mit den Freunden den Gewinn zu teilen.

Aber „sehr gerne“, lächelte Raffi. Und setze hinzu: „Und du bist dir ganz sicher?“ „Hundertprozentig“.

Die Prozedur war lang Und schmerzhaft. Die Kamera durfte hier nie dabei sein. Berufsgeheimnis. Mehr als einmal hatte Sabina nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrückt. Denk an den Sieg, Mädchen, hatte sie sich Mut gemacht.

Endlich war es soweit. Raffi nahm ihr den Umhang ab, verband ihr die Augen und führte sie vor den Spiegel. Jetzt waren die Zuschauer zugeschaltet. Alle konnten sehen, wie hässlich sie aussah, und egal, ob es ihr Wunsch gewesen war oder nicht, Raffi würde damit keine Punkte machen.

Komisch, warum waren plötzlich alle so still? Das Team, die Mitbewerber? Keine Oh-Laute, kein abfälliges Flüstern. Nur eine ganz tiefe Stille.

„So, liebe Sabina, schau dich an. Hier sitzt dein größter Albtraum“, deklamierte Raffi und enthüllte mit dramatischer Geste den Spiegel.

Sabina hielt die Luft an. Starrte auf das Bild. Die Welt um sie herum blieb stehen. Bis sie schrie. Aufsprang und hinausrannte. Auf die Straße. Und verschwand.

Sie hatte in dem Spiegel nicht mehr Sabina gesehen, sondern einen zweiten Raffi. Und zwar so perfekt hergerichtet, dass der Berliner von den Zuschauern für diese Leistung die nötige Punktzahl erhielt, um Sabina zu überholen und sich den Titel „Der Schönste im Land“ zu holen.

Sabinas Beauty Palast suchte kurz danach einen neuen Pächter. Ein Hundefriseur zog ein und erfreute sich bald großer Beliebtheit, auch weit über die Grenzen Sachsens hinaus.

Adventskalender MiniKrimi am 11. Dezember


Krimi ist nicht gleich Prosa! Ich freue mich sehr, Euch heute einen lyrischen MiniKrimi zu präsentieren, verfasst von meiner Autorinnenkollegin und Mitglied der Autorinnenvereinigung Rea Gorgon. Mein Tipp: unbedingt auch ihre Homepage besuchen!

ErinnerungsLücken

vergessen verloren verdrängt

eingesperrt ausgemustert und geleugnet

Das DunkelLeuchten

hinter den Zellen.

Dahintergegangenes.

Begnadete Dementia

Demenz dementieren

Wenn Erinnerung schwinde(l)t

Bist du am Demenzieren?

Ich dementiere:

Bin ohne Demenz.

„Nicht alles Vergessen

ist dementzieller Natur“,

sagte die Kommissarin 

und suchte weiter Licht

hinter den Lügen.

Adventskalender MiniKrimi vom 10. Dezember


Der heutige Krimi wurde von Birgit Schiche geschrieben. Ganz lieben Dank dafür! Viel Spaß beim Lesen – und vielleicht denkt Ihr danach auf einmal anders über Eure lieben Nachbarn…

Eine liebe, nette Nachbarin

Claudia mochte ihre Wohnung. Drei Zimmer, Küche, Bad mit Badewanne und ein schöner, sonniger Balkon mit Blick ins Grüne mitten in der Großstadt. Seit fast dreißig Jahren wohnte sie nun schon in diesem gutbürgerlichen Stadtteil und es fühlte sich einfach richtig an. Das war auch gut so, denn seit Beginn der Corona-Pandemie arbeitete sie nur noch im Homeoffice. Also in ihrem Wohnzimmer am Esstisch, im Sommer sogar auf dem Balkon, was schon ein bisschen als Luxus gelten durfte. Doch nun im November war es kalt, grau und ungemütlich. Sie saß zum Arbeiten immer noch an ihrem Esstisch und langsam hasste sie ihren harten Stuhl, der ihr Rückenschmerzen bereitete. Die Tage waren seit Monaten bestimmt von Online-Meetings, Online-Workshops, Online-Vorträgen und Arbeiten am PC. Später dann Spiele-Abende oder Klönschnack mit Freundinnen, online natürlich. Was sie zu Beginn der Pandemie noch begeistert hatte und wovon sie kaum genug bekommen konnte, saugte ihr nun allmählich die Energie aus der Seele. Auf Dauer waren Online-Kontakte eben doch kein Ersatz für echte Sozialkontakte. Das machte was mit ihr, sie veränderte sich in kleinen, schleichenden Schritten. Aber so war das eben im Lockdown, und sie hielt sich an die Regeln. Aus Überzeugung. Und aus Respekt vor der bedrohlichen Krankheit, denn sie gehörte wegen einiger Vorerkrankungen zur Risiko-Gruppe. Außerdem wollte sie nicht klagen, sie wollte durchhalten. „Schlimmer geht immer“, dachte sie. Und vielleicht war das ein Fehler. Denn genauso kam es.

Vor kurzem erst waren neue Mieter in die Wohnung über ihr eingezogen, ein Pärchen. Vorgestellt hatten sich die beiden Neuen natürlich nicht, sowas war leider aus der Mode gekommen. In der Dachgeschosswohnung hatten die Mieter in den letzten dreißig Jahren schon so einige Male gewechselt. Claudia war inzwischen die „dienstälteste“ Mieterin im Haus, was sie ein bisschen stolz machte. 

Die neuen Mieter hatten den Oktober durchgängig genutzt, um die Wohnung zu renovieren. Den ganzen Tag hörte Claudia ein Schrabbeln wie beim Tapetenlösen, dazu Poltern, Hämmern – auch während der Mittagsruhe und am Wochenende. Die Schritte in der Dachgeschosswohnung klangen wie das Stampfen einer Elefantenherde. Zweierlei Stimmen, mal fröhlich plappernd oder schräg singend, mal fluchend oder streitend, klirrten Tag für Tag, Stunde für Stunde wie zu Geräuschen gewordene spitze Scherben auf sie herab. 

„Wenn sie mit der Renovierung fertig sind, wird es schon ruhiger werden“, versuchte sie ihren wachsenden Unmut zu beruhigen. Doch der ständige Lärm drohte, ihr den letzten Nerv zu rauben. Als wären die Belastungen durch die Corona-Pandemie nicht schon genug.

In Online-Veranstaltungen konnte Claudia kaum noch folgen, so fahrig und unkonzentriert war sie inzwischen. Wegen der Störgeräusche musste sie dauerhaft ihr eigenes Mikrofon ausschalten. So konnte sie sich kaum noch aktiv beteiligen, was auch bei ihren Vorgesetzten nicht gut ankam, verdammt. Den Ärger fraß sie in sich rein, wortwörtlich. Sie stopfte sich das Maul mit selbstgebackenen Weihnachtskeksen, schokoladigen Lebkuchen, buttrigem Stollen. Sie bekam wieder häufiger Migräne, vielleicht auch wegen der ungesunden Ernährung. Aber sie wollte nicht die Nachbarin sein, die sich „immer gleich beschwerte“. So wollte sie nicht gesehen werden, so war sie nicht. Alle kannten sie als nette, liebe Nachbarin!

Als endlich der Umzugswagen kam und die Helfer laut polternd die Möbel und Kisten ins Dachgeschoss schleppten, atmete sie auf. Jetzt würde bestimmt bald Ruhe einkehren. Darum sagte sie auch nichts, als das gerade am Morgen frisch geputzte Treppenhaus abends schon wieder völlig verdreckt war. Eigentlich hätten das die neuen Mieter selbst bereinigen müssen. Aber um des lieben Friedens Willen putze Claudia die Treppe abends noch ein zweites Mal. Es gab ja Hoffnung.

Doch auch zwei Wochen nach dem Umzug war es keineswegs leiser. Man hatte sich in der Dachgeschosswohnung inzwischen eingerichtet. Aber Teppiche schien es keine zu geben. Die trampelnden Elefantenschritte waren jedenfalls weiterhin laut und deutlich zu hören. Ebenso das Singen, Plappern, Streiten. Hinzugekommen waren mehrere Heulanfälle der jungen Nachbarin. Sie hatte dabei wirklich Ausdauer. Er schien eher der sportliche Typ zu sein, hatte er doch einen Boxsack aufgehängt, auf den er täglich enthusiastisch einprügelte. Tack, tacktack, tacktacktack, dazu die Beinarbeit, mindestens eine Stunde lang. Vorab übte er sich zum Warmwerden im Seilspringen. Klack-stampf, klack-stampf, klack-stampf, leichtfüßig war er wahrlich nicht. Sie hatte schon einige Male unwillkürlich nach oben an die Wohnzimmerdecke geschaut in der Erwartung, dort müssten sich Risse zeigen oder Staub würde bei jedem Sprung auf sie herab rieseln. Viele Male war sie schon unwillkürlich zusammengezuckt, hatte wütend geschnaubt. Außerdem liebte der neue Nachbar Sportsendungen, insbesondere Fußball, und konnte sich dabei regelrecht cholerisch ereifern – er brüllte jedenfalls wie im Fußballstadion. Offenbar war er HSV-Fan, da gab es gerade viel zu brüllen. Und zu fluchen.

Wenn er nicht mit seinem Sport beschäftigt war, widmete sich seine Lebensgefährtin ihrem offenbar noch recht neuen Hobby: Sie übte sich im Cello-Spielen. Man konnte zwar eine Weihnachtsmelodie erahnen, aber es war nicht gerade ein Vergnügen die ersten Takte von „Oh, Tannenbaum“ wieder und wieder zuhören, tagaus, tagein – Disharmonie pur. Manchmal spielte sie auch auf einer Blockflöte. Hier hatte sie offenbar einen Übungsvorsprung und konnte verschiedene Lieder wie „Jingle Bells“ und „Oh, du fröhliche“ anstimmen. Aber schöner klang das auch nicht wirklich. Claudia reagierte mittlerweile geradezu allergisch auf jedes aus der Dachwohnung auf sie wie klebriger Honig herab tropfende, polternde, an den Nerven zerrende Geräusch. So ging es nicht weiter.

Sie war diese Woche wieder mit der Treppenhausreinigung dran und machte sich gleich am Montagmorgen an ihre Reinigungspflicht. Jetzt, um acht Uhr früh, war es noch nicht einmal richtig hell. Claudia drückte auf den Lichtschalter – nichts. Auf ihrem Treppenabsatz war mal wieder die Birne kaputt. Dann musste sie die Stufen eben im Halbdunkel reinigen, irgendwie würde das schon gehen. Quasi im Blindflug fegte sie über die Stufen. Die Dachgeschossmieter und ihre – trotz Corona! – zahlreichen Gäste hatten reichlich Schmutz ins Haus getragen, statt sich unten die Füße ordentlich abzutreten. Nun musste sie ihnen auch noch hinterher putzen. „Bestimmt tragen die auch keine Masken und waschen sich nicht die Hände“, steigerte sie sich maßlos in ihren Ärger hinein. Und überschritt eine Grenze. Ein Plan reifte in ihren Gedanken. Claudia grinste böse, aber zufrieden. 

Hätte sie jetzt einer der anderen Hausbewohner gesehen, sie hätten die liebe, nette Nachbarin nicht wieder erkannt.

Am nächsten Morgen gegen sieben Uhr hallte ein lautes Poltern gefolgt von einem Schreckensschrei durchs Haus. Dann: Stille. Claudia hielt den Atem an und widerstand nur mühsam der Versuchung, sofort nachzuschauen. Erst als sie die Stimmen anderer Nachbar:innen hörte, öffnete auch sie ihre Wohnungstür und trat hinaus. 

„Oh, mein Gott, wie schrecklich!“

„Ist er schlimm verletzt? Lebt er noch?“

„Hat schon jemand einen Krankenwagen gerufen?“

„Kann hier jemand Erste Hilfe?“

„Ja, ich“, rief Claudia den aufgescheuchten Nachbar:innen zu. Mit zwei Handgriffen löste sie die verräterische Nylonschnur von der unteren Kante des Treppengeländers, damit sie nicht auch noch selbst stolperte, und lief vorsichtig die vom Wischen noch feuchten Stufen hinunter. Ja, er war schon ein sportlicher, gut aussehender Kerl. Gewesen. Claudia spürte keinen Puls mehr, drehte ihn jedoch trotzdem gekonnt in die stabile Seitenlage. Die anderen nickten anerkennend. Sein Kopf lag in einem merkwürdigen Winkel zum Körper.

„Wie ist das denn passiert?“

„Er muss wohl auf den feuchten Stufen ausgerutscht sein. Es brennt im dritten Stock mal wieder kein Licht im Flur, und er hat es morgens immer sehr eilig.“

Na bitte, Claudia musste gar nichts sagen.

Mit dieser Erklärung gaben sich alle zufrieden, auch die Sanitäter und die später eintreffenden Polizeibeamtinnen, die routinemäßig den Todesfall untersuchten. Sie hatten keinen Verdacht und notierten „Tod durch Unfall“. Claudia hatte endlich wieder Ruhe. Dachte sie jedenfalls.

Denn die nun alleinstehende Mieterin aus dem Obergeschoss weinte jede Nacht laut jammernd und schluchzend. So war es auch Claudia unmöglich, erholsamen Schlaf zu finden. Sie hatte bereits dunkle Ringe unter den Augen, wirkte um Jahre gealtert und ließ deshalb seit neuestem in Online-Veranstaltungen ihre Kamera ausgeschaltet. Auf diese Weise war sie unhörbar, unsichtbar. „Untragbar!“, fand daraufhin ihr Arbeitgeber, der sie ausdrücklich rügte. Dabei war sie doch vor dieser verdammten Corona-Pandemie eine unverzichtbare Spitzenkraft gewesen! 

Tagsüber versuchte die junge Nachbarin, sich mit Musizieren von der Trauer abzulenken, „Oh, Tannenbaum“, immer wieder von vorne. Und zu Claudias Entsetzen kam sie zusätzlich auf die Idee, sich mit Springseil und Boxsack zu betätigen, um sich ihrem verstorbenen Liebsten nahe zu fühlen. Claudia war verzweifelt. Der Lärm bohrte sich unerbittlich in ihr Hirn und ihre Seele. Klack-stampf, klack-stampf. Tack, tacktack, tacktacktack. Elefantentrampeln, Cello-Geschrammel, Heulerei. 

„So nicht! Nicht in ihrem Haus! DAS war untragbar!“, schnaubte sie wütend, als ihr die harschen Worte ihres Arbeitgebers wieder einfielen. 

Als sie turnusmäßig erneut mit der Treppenhausreinigung an der Reihe war, überlegte Claudia, was sie tun könnte. Gerade wischte sie mit einem Tuch über das Geländer zum Dachgeschoss, an dem sich die trauernde Nachbarin seit dem Tod ihres sportlichen Lebenspartners beim Treppensteigen regelrecht festklammerte. Ja! Das war es!

Claudia verschwand in ihre Wohnung und stöberte in ihrer umfangreichen Krimisammlung. Richtig, hier stand es – sie wusste, was sie besorgen musste. Abermals erschien dieses kleine böse Glitzern in ihren Augen – und dieser fiese Zug um die Mundwinkel herum. Die liebe, nette Nachbarin.

Als zehn Tage später die junge Dachgeschossbewohnerin in ihrer Wohnung bewusstlos von einer Freundin aufgefunden wurde, stellte der Notarzt eine Vergiftung fest. 

„Sie hat so um ihn getrauert! Deshalb versuchte sie, den Schmerz zu betäuben, um endlich mal wieder schlafen zu können“, gab die Freundin später dem Polizeibeamten zu Protokoll. „Konnte doch keiner ahnen, dass sie eine Überdosis nimmt, wovon auch immer! Als ich einige Tage nichts von ihr gehört habe, bin ich mit meinem Zweitschlüssel in ihre Wohnung gegangen und hab sie gefunden.“ Die Freundin schluchzte. Die junge Nachbarin konnte nicht mehr gerettet werden und wurde zwei Tage vor Weihnachten neben ihrem sportlichen Lebensgefährten beigesetzt. „Tod durch Suizid“, stand auf dem Totenschein. Die Ärztin hatte mit all den schweren Corona-Fällen so viel zu tun, dass ihr gar keine Zeit blieb für Zweifel, Fragen, Untersuchungen oder gar eine Autopsie. 

Claudia summte leise vor sich hin: „Stihille Nacht, hei-lige Nacht …“, während sie ein letztes Mal in diesem Jahr das Treppenhaus putzte. Dem oberen Treppengeländer widmete sie sich dabei besonders sorgfältig. Endlich war in ihrem Haus wieder Ruhe eingekehrt. „Frohe Weihnachten“, wünschte die liebe, nette Nachbarin aus Corona-gerechtem Abstand allen Hausbewohner:innen, „und ein geruhsames Fest!“

Adventskalender MiniKrimi am 6. Dezember


Diesmal stammt der MiniKrimi aus der Feder meiner Co-Autorin und Pferdenärrin Lydia Heck. Viel Spaß beim Lesen!

Auf’s falsche Pferd gesetzt

Ein ohrenbetäubender Schrei zerriss die vorweihnachtliche Stallruhe auf Gut Emmerling. Fassungslos starrte Diana in die Box von Cracker Jack. Fast sah es so aus, als schliefe er. Doch er war tot. Wahrscheinlich ein Herzinfarkt,  bei Sportpferden nicht ungewöhnlich. Das zur Zeit beste Rennpferd der Welt. Es gab keinen Preis,  den er in den letzten 4 Jahren nicht gewonnen hatte.  Der „Galopper des Jahrhunderts“ wurde er in Kennerkreisen genannt.  Für Diana war er die Rettung für Gut Emmerling gewesen. Das renommierte Gestüt für Galopper, seit 100 Jahren in Familienbesitz, stand damals vor dem Bankrott.  Bis mit Cracker Jack der große Wurf gelungen war. Der Hengst hatte ein Vermögen eingebracht. 

Nicht nur auf der Rennbahn.  Auch als Zuchthengst war er sehr gefragt. Sein Sperma wurde in die gesamte Welt exportiert. Ein millionenschweres Geschäft. Diana musste nachdenken. Jetzt nur keine vorschnellen Entscheidungen treffen. Sie ging zum Gutshaus rüber und machte sich einen Kaffee. Auf dem Schreibtisch stapelten sich die Bestellungen. Mit Cracker Jacks Erbgut hätte sie ausgesorgt gehabt. Hätte ihre Zucht weiterführen können.  Hätte, hätte…

Die rettende Idee kam Diana beim Füttern der Pferde am Abend. Bisher hatte außer ihr niemand das tote Pferd gesehen.  Die Polen,  die bei ihr arbeiteten, würden nichts sagen – für einen Hunderter mehr als Weihnachtsgeschenk . Ansonsten war über die Feiertage ohnehin alles ruhig. Keine Trainer, Tierärzte oder  Physiotherapeuten.  Sie musste nur den toten Cracker Jack verschwinden lassen.  Und durch ein anderes Pferd ersetzen.  

Diana sah der Lösung ihres Problems direkt in die Augen.  Major Tom war ein Vollbruder des Ausnahmehengstes und sah ihm zum Verwechseln ähnlich. Leider hatten die Eltern ihm weder Crackers Begabung noch den unbedingten Willen zum Sieg vererbt. Der ging ihm leider völlig ab. Die Crux mit den Genen!  Aber was machte das schon. Cracker Jack würde im neuen Jahr nach 4 erfolgreichen Jahren seine Karriere beenden und sich fortan ganz der Nachzucht widmen. Seinen Zenit hatte er sowieso schon überschritten und sich den Ruhestand wohl verdient. Schnell entwarf sie eine Mail an ihre besten Kunden, um ihnen das Vorkaufsrecht auf Cracker jacks Sperma zu sichern.

Am nächsten Morgen stand In Cracker Jacks Box Major Tom. Und niemand würde den Unterschied bemerken. Diana wollte sich zur Feier des Tages gerade ein Gläschen von dem selbstgebrannten Pflaumenschnaps gönnen, den die polnischen Arbeiter ihr regelmäßig mitbrachten, als ein Wagen mit quietschenden Reifen vor der Tür ihres Büros zum Stehen kam. „Horst, hallo. Ich dachte, du bist über Weihnachten auf Ibiza?“ „Diana, Schatz, ich war praktisch schon auf dem Weg zum Flughafen, als mich deine Mail erreichte. Gewagter Schachzug, Cracker Jack klammheimlich zum Zuchthengst zu machen und dir Millionen zu sichern. Leider hast du eine Kleinigkeit vergessen: nämlich dass ich dir den Zaubertrank beschafft habe, der Cracker so unbesiegbar gemacht hat.“ 

„Und – was willst du jetzt von mir?“ Horst war so aufgebracht, dass ihm Dianas unglaubliche Gelassenheit gar nicht auffiel. 

„Na was wohl. Entweder du gibst Cracker mir – oder ich lasse dich auffliegen. Er ist noch lange nicht reif für den Rückzug. Ich lasse ihn noch ein paar Rennen laufen – und gewinnen. In meine Tasche, diesmal!“

„Wenn’s weiter nichts ist! Aber wie wollen wir das erklären? Pass auf, du hast mich in der Hand, aber wir können es uns beide nicht leisten, aufzufliegen. Lass uns tauschen: Gib mir Red Rocket. Sie ist für dich kein Verlust, aber ich kann sagen, dass ich mich in sie verliebt habe. Frauen glaubt man sowas.“

Horst dachte nur kurz nach, dann willigte er ein. Gleich nach Weihnachten wechselten Cracker Jack alias Major Tom und Red Rocket die Besitzer. Diana hatte schon immer ein Auge für Gewinner gehabt. Und in der kleinen Stute hatte sie das gleiche Potential erkannt, dass Cracker als junges Pferd gehabt hatte.   

Die Fachwelt konnte sich nicht erklären, warum Cracker Jack plötzlich zum Loser geworden war. Nach fünf verlorenen Rennen erklärte Horst, der Hengst sei müde und werde ab sofort nur noch für die Zucht verwendet. Diana hegte inzwischen allerdings leise Zweifel, ob Major Tom jemals einen Top Nachwuchs hervorbringen würde. Die Crux mit den Genen….

Adventskalender MiniKrimi am 5. Dezember


Wunschlos glücklich

„Was wünscht du dir zu Weihnachten, Nicoletta? Egal was es ist, sag es uns. Wir werden versuchen, dir deinen Wunsch zu erfüllen. Wir sind so überglücklich, dass wir durch dich eine richtige Familie geworden sind, meine Süße!“

„Und so eine stolze. Mit so einer wunderhübschen Tochter.“ Antonia strahlt das kleine Mädchen an und streckt die Arme nach dem Kind aus. In Zeitlupe bewegt sich Nicoletta vom Ende der Couch in Richtung der Frau mit den langen blonden Locken, die sie erst seit 3 Monaten kennt und jetzt „Mama“ nennen soll. Dabei sah ihre Mama ganz anders aus. Schwarze Haare, so wie sie selbst. Große graue Augen und ein lustiges Grübchen am Kinn. Helena hieß sie – und sie war viel jünger als diese Frau. 

„Freust du dich denn gar nicht auf unser erstes gemeinsames Weihnachten?“, fragt die blonde Zweitmama jetzt. Zweitmama, so nennt Nicoletta sie heimlich. 

„Ich glaube, wir überfordern sie gerade, Antonia. Das ist alles ein bisschen viel für sie. Sie ist doch erst vor einer Woche bei uns eingezogen. Lass ihr etwas Zeit zum Eingewöhnen. Das ist hier alles neu für sie. Sie kommt sich wahrscheinlich vor wie in einem Märchen.“ Edgar ist ungefähr so alt wie seine Frau. Er hat braunes Haar, einen Bart und eine runde Brille. Eigentlich sieht er lustig aus. Lustig und so, als ob man ihm vertrauen könnte. Eigentlich. 

„Ja, das stimmt. Entschuldige, Nicoletta. Komm erst mal richtig an. Genieß dein großes rosa Zimmer, den verschneiten Garten, den Kamin. Das muss eine riesen Umstellung sein für dich, aus einer winzigen Sozialwohnung in so ein prächtiges Haus.“

„Antonia!“ Aber es stimmt. Edgar und seine Frau haben Nicoletta schon seit ihrem ersten Kennenlernen in Anwesenheit der Sozialarbeiterin nach Strich und Faden verwöhnt. Sie mit Kleidung überhäuft, sie hat ein Ipad bekommen und ein IPhone. Und ein komplett eingerichtes Zimmer mit einem Himmelbett und einem dreistöckigen Puppenhaus. Das Kind hat das alles an- und hingenommen und immer danke gesagt. Aber das einzige Mal, als Nicolettas Augen geleuchtet haben und sie übers ganze Gesicht gestrahlt hat, war, als Edgar ihr mit Puppy an der Leine entgegenkam. Einem blonden Retriever-Welpen. 

Auch jetzt dreht sie sich nach ihm um. Er ist immer in ihrer Nähe und schmiegt seine weiche Schnauze in Nicolettas Hand. 

„Vielleicht hat sie im Moment einfach keine offenen Wünsche mehr. Bist du wunschlos glücklich, Nicoletta?“, fragt Antonia.

Die Kleine zuckt mit den Schultern. Schaut auf Puppy. Dann hinaus in den Garten. „Also – einen Wunsch hätte ich schon. Aber ich weiß nicht, ob das geht…“

„Erzähl! Dann werden wir sehen“, ermutigt Edgar seine neue Tochter. 

„Meine Mama, also, meine echte Mama“ – dabei schaut das Kind entschuldigend zu Antonia hinüber, die bemüht lächelt – „hat mir immer erzählt, dass der Weihnachtsmann in der Heiligen Nacht durch den Kamin kommt und die Geschenke bringt. Aber ich habe ihn nie sehen können, weil – wir hatten doch keinen Kamin. Ich wünsche mir so sehr, dass der Weihnachtsmann mir die Geschenke bringt – und ich möchte ihm dabei zusehen. Nur ganz heimlich, durchs Schlüsselloch. Damit er mich nicht entdeckt…. Meint Ihr, das geht?“

Antonia und Edgar schauen sich an. Nein, das geht auf keinen Fall, und überhaupt, glaubst du noch an den Weihnachtsmann? Der Satz liegt Antonia noch auf den Lippen, als Edgar schon antwortet: „Wenn’s weiter nichts ist! Klar geht das. Wir haben doch einen extra guten Draht zum Weihnachtsmann!“ 

Und endlich lächelt Nicoletta. Sie lächelt Edgar an, nicht nur mit dem Mund, sondern mit strahlenden Augen.

Später, als die Kleine im Bett liegt, kommt es zu einer heftigen Diskussion zwischen den frisch gebackenen Eltern.

„Wie konntest du ihr sowas versprechen. Das Kind ist acht Jahre alt! Was soll der Quatsch mit dem Weihnachtsmann? Und dieser Blödsinn mit dem Kamin! Wie willst du das anstellen? Bei uns ist die Bescherung außerdem an Heiligabend, nicht erst am Weihnachtstag. Nur, weil ihre Mutter aus Italien oder England oder so kam, müssen wir uns doch nicht anpassen.“

„Es ist ihr erstes Weihnachten bei uns! Und die Sache ist ganz einfach! Ich verkleide mich als Weihnachtsmann und verstecke mich im Kamin, während Du Nicoletta holst. Dann gibst du mir ein Zeichen, du hustest, oder so, und ich rutsche runter und verteile die Geschenke. Im Zimmer ist es dunkel, und ich bin mit Rauschebart und Haaren sowieso nicht erkennbar. Dann scheuchst du sie schnell wieder ins Bett. Das ist alles. No problem.“

An Heiligabend geht Nicoletta früher als sonst ins Bett. Die Aufregung…! Antonia hat ihr fest versprochen, sie nachts zu wecken und mit ihr dem Weihnachtsmann aufzulauern. Aber vorher drehen die Eltern noch eine Runde mit Puppy.

Dann ist es gleich soweit. Erwartungsvoll starrt Nicoletta durch’s Schlüsselloch. Puppy schmiegt wie immer seine weiche Schnauze in Nicolettas Hand. Antonia steht gelangweilt daneben. „Ohhhh“, flüstert Nicoletta plötzlich. Dann „Ahhhh!“.

Von drinnen kommt wie eine Antwort ein Schrei: „AHHHHHHH!“ Und noch einer: „AHHHHH! Antoniaaaaa!“ Antonia reißt die Tür auf und bleibt vor Schreck erstarrt auf der Schwelle stehen. Im Kamin prasselt ein lustiges Feuer, und der Weihnachtsmann tanzt davor herum, in wilden Sprüngen, wie eine lebendige Fackel. Antonias Versuche, ihren Mann zu löschen, kommen zu spät. Weißer Phosphor ist tückisch und brennt mörderisch.

Nicoletta ist nicht schuldfähig, aber da Antonia sich weigert, das Kind auch nur eine Nacht länger unter ihrem Dach zu beherbergen, kommt die Kleine zunächst in ein Heim mit psychiatrischer Betreuung.

Sie erzählt frei und ohne Scheu von ihrem Plan, sich am Mörder ihr Mama zu rächen. Den weißen Phosphor hatten sie gemeinsam am Elbstrand gefunden. Es sah aus wie Bernstein, aber Mamas damaliger Freund erklärte ihnen den lebensgefährlichen Unterschied. Nach seinen Anweisungen hob Nicoletta ihn in einer Metalldose auf, bis sie ihn in den Kamin zum Trocknen legen konnte. 

Dass Edgar unmöglich der Mörder ihrer Mutter sein könne, scheint sie nicht zu interessieren. Der Mann, der die junge Frau vor den Augen der Tochter überfahren und dann einfach weitergebraust war, fuhr den gleichen goldenen SUV und hatte ebenfalls braune Haare.  „Übertragung“ nennt die Psychiaterin das. Nicoletta ist das egal. Sie hat ihre Mama gerächt. 

Adventskalender MiniKrimi am 4. Dezember


Ausgemobbt

„Schau mal, die Kleine hat’s echt drauf. Ich glaub die steht auf SadoMaso.“ 

„Naja, war das SadoMaso, die Schultasche klauen?“ 

„Ne, aber das Begrabsche dabei.“ 

„Meinste?“ 

„Ist auch egal. Jedenfalls sieht’s doch so aus, als würde sie mehr davon wollen, oder warum rollt sie sonst so langsam vor uns her? Ist doch aufreizend, oder?“

„Total. Los, hinterher!“

Eine Woche zuvor. 

„Mist, verdammter!“ Mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung schaut Anna dem Bus hinterher. Die Rücklichter färben den Nebel zuckerwattenrosa. Dann biegt er um die Ecke, und Anna starrt in das Winterdunkel der leeren Straße. Warum hat der Fahrer nicht auf sie gewartet? Er muss doch bemerkt haben, dass sie nicht da war. So ein Rollstuhl ist ja nicht zu übersehen. Und alles nur, weil nach dem Unterricht ihr Handy verschwunden war. Nicht verschwunden. Versteckt. Von Marvin und Flo. Beweisen kann sie es nicht, aber sie ist sich sicher. Die beiden lassen kaum eine Gelegenheit aus, um Anna zu mobben. Aber wer glaubt schon einem Rolli? „Bist du sicher, Anna? Vielleicht ist dir das Handy ja aus der Tasche gefallen,“ beschwichtigt die Lehrerin. „Heulsuse“, höhnen Jasmin und die Mädchenclique. 

Als sie es schließlich findet, ist es schon spät. Zu spät, um den Bus zu erreichen. Jetzt hat sie die Wahl: eine halbe Stunde warten oder den Weg nach Hause im Rollstuhl wagen. Zum Glück hat sie ihre Handschuhe dabei. Sie zieht die Kapuze ihres blauen Parkas fester und fährt los. Im Winter ist es nach der 7. Unterrichtsstunde schon fast dunkel. Und bei diesem Wetter läuft niemand freiwillig auf der breiten, zugigen Allee. Dann hört Anna Schritte. Immer schneller. Immer näher. Sie hat keine Chance. Marvin und Flo holen sie ein. Schubsen ihren Rollstuhl hin und her. Anna schimpft. Anna schreit. Schließlich versucht Marvin, ihr die Schultasche vom Schoß zu reißen. Dabei berührt er ihre Arme, ihre Brust. Flo lacht. Marvin wirft ihm die Tasche zu. Flo fängt sie auf, wirft sie zu Boden, sie kicken sie eine Weile hin und her. 

Da fährt eine dunkelblaue Limousine an ihnen vorbei, wird langsamer. „Hey, lasst sofort das Mädchen in Ruhe“, ruft eine Stimme durch die heruntergelassene Scheibe.“ Die zwei drehen sich um, starren den Fahrer an und rennen weg. „Alles ok?“, fragt die Stimme. Der Wagen hält an. Der Fahrer steigt aus. Anna schluckt. Er ist klein und drahtig, sieht aus, als wäre er ein Junge in ihrem Alter. Behände bückt er sich, hebt ihre Tasche auf, legt sie ihr in den Schoß und sagt: „Ich pass auf dich auf, Kleine. Die bist du los!“

Dann steigt er in den Wagen und fährt weg. 

Anna rollt nach Hause. und grübelt über die Worte des Fremden nach.

„Los, Marvin, lauf ma schneller. Hey, die legt heute ein Tempo vor.“

„Ja, Wahnsinn. Aber gleich haben wir sie, da vorne, an der Ampel.“

Tatsächlich schaltet die Ampel gerade in dem Moment auf rot, als der Rollstuhl mit der schmalen Person im blauen Parka die Bordsteinkante erreicht. Ein hastiger Blick nach links, dann nach rechts: die Allee ist an diesem nebelgrauen Spätnachmittag wie leergefegt.

„Pech, Süße, diesmal kommt dein Autofahrer nicht angerauscht, um dich zu retten. Jetzt biste dran.“

Und mit lautem Gegröle stürzen sich Marvin und Flo auf den Rollstuhl. „Stimmt, keine Zeugen!“, zischt die Person im blauen Parka. Eine Klinge blitzt auf, kurz, als die Ampel auf gelb schaltet. Bei grün liegen zwei leblose Körper am Straßenrand. Am Bordstein geparkt, ein klappriger Rollstuhl. Leer. Ein Stück weiter hinten wartet eine dunkelblaue Limousine. 

Am nächsten Morgen ist der brutale Mord an zwei Schülern der Gesamtschule an der Siegesstraße die Top-Schlagzeile in allen Medien. Annas Klasse hat zwei Mitschüler verloren. Annas Verlust ist größer: Zwei Verfolger – und ihr Vertrauen in das Gute im Menschen und die Verhältnismäßigkeit der Mittel. 

Adventskalender MiniKrimi am 3. Dezember


Diesmal als Gast dabei: Silvana E. Schneider, eine der Gewinnerinnen des diesjährigen Goldstaub-Wettbewerbs der Autorinnenvereinigung AV. Herzlichen Dank – und viel Freude bei der Jagd……

Jagdfieber …

Nein, wie ein Mörder sah er nicht aus. Eher die Sorte sensibler Frauenschwarm. Nicht übermäßig groß, aber gut gebaut, stimmig eben. Und schlank, sehr schlank.

Trotz seiner Jugend zeigten sich schon weiße Strähnen im glänzenden Schwarz, das machte sein Aussehen interessant. Ein leicht fragender Blick aus samtbraunen Augen – die Herzen waren erobert. 

Svenja hatte ihn rausgeholt aus diesem Heim, damals. Warum er überhaupt da rein musste, er hatte es längst vergessen. Sie konnten wohl nicht viel mit ihm anfangen, zu Hause. Sein unbändiger Freiheitsdrang hatte ihre erzieherischen Möglichkeiten überfordert. Und dann diese Träume, sie quälten ihn immer wieder. Sogar jetzt bei Svenja marterten sie sein armes Hirn, plagten ihn, erfüllten seinen Körper mit Schauern der Lust.

In diesen Träumen war er der Überlegene. Kein Gesetz, kein Zwang hinderte ihn, das zu tun, was er tun musste, wozu er bestimmt war.

Frei war er dann, vollkommen frei. Sein Herz zersprang fast vor Freude, seine Lungen füllten sich. Die Glieder angespannt zum Zerreißen, begann die Jagd. Mit den Schreien des Opfers stieg sein Pulsschlag. Im Traum tötete er schnell, präzise. Und stolz. Nein, sie durften ihn niemals erwischen, es wäre sein Ende. Noch einmal eingesperrt, er würde es nicht ertragen. Svenja war seine einzige Chance, er fühlte, dass ihre Liebe zu ihm echt war, nie durfte er sie verlieren.

Zuckend schreckte er hoch. Auf dem Sofa im Wohnzimmer musste er eingeschlafen sein, die Terrassentür stand offen. War Svenja noch einmal rausgegangen – ohne ihn? Vielleicht hatte sie ihn nur nicht wecken wollen. Er starrte hoch zum Nachthimmel. Vollmond. Warum sollte er nicht auch einen kleinen Spaziergang machen?

Wenig später stand er am kleinen Badeplatz, direkt am See. Er und Svenja kamen oft hierher. Es roch nach feuchtem Gras und Seetang, nur vereinzelt leckten kleine Wellen an den Strand. Niemand war zu sehen. Konzentriert versuchte er die Geräusche der kleinen Nachttiere aufzuspüren, die sich im Laub und unter trockenen Ästen zu schaffen machten. Dann hörte er es. Ein leises, verräterisches Plätschern. Eine junge Schönheit schwamm da vorn, ihr schmaler Kopf glänzte im Mondlicht, fast lautlos glitt sie dahin.

Reglos hielt er sich im Schatten der Uferbüsche. Seine Samtaugen folgten jeder ihrer Bewegungen. Mit einem einzigen Satz würde er sie anspringen, sie würde keine Zeit haben, zu reagieren. Das war seine Nacht, endlich. Nichts konnte ihn mehr davon abhalten, es zu tun. Einem zum Zerspringen gespannten Bogen gleich kauerte sein sehniger Körper am Seeufer. Sie hatte die Richtung geändert, schwamm direkt auf ihn zu …

„Rockyyy ..!“ Wie ein unsichtbarer Schlag riss der Schrei seinen Körper herum. Svenja kam auf ihn zugerannt.

„Was treibst du hier, verdammt noch mal. Du sollst nicht jagen, mir reicht es jetzt.“ Damit packte sie ihn am Halsband, krallte die andere Hand fest in sein dichtes Fell und zerrte ihn die Uferböschung hoch.

Über den nachtschwarzen See flog schimpfend die aufgescheuchte Ente davon.

Adventskalender Minikrimi am 2. Dezember


Der Beste seines Fachs

Er ist der Beste. Das weiß er. Und das sagen ihm auch immer wieder alle anderen. Kolleg*innen, Patient*innen. Und vor allem das Pflegepersonal. Die heimliche Leitung der Klinik, wie er lachend sagt, damit niemand merkt, wie ernst ihm diese Behauptung ist. Stell dich mit den Pflegekräften gut, und du bist der uneingeschränkte King der Abteilung. 

Deshalb stellt er sich bei jeder neuen Stelle erst einmal im Pflegestützpunkt vor. Mit gutem Kaffee und einem Korb, prall gefüllt mit all den Sachen, die sie dort wirklich mögen. Keine Schokolade oder Kuchen. Dafür Nüsse, Obst und Nervennahrung. Nach einer Woche fressen sie ihm aus der Hand. Und das ist wichtig! Sie schirmen ihn ab und stehen hinter ihm. Erlauben keine unnötigen Fragen.

So war es bislang immer. Und so ist es auch hier. Seit kaum drei Wochen arbeitet er als Assistenzarzt in der Anästhesie. Inzwischen kennt er sich überall aus, die Handgriffe während einer OP sitzen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit überwacht er die Patienten, greift bei Bedarf sicher und routiniert ein. Schwester Lilly wirft ihm bewundernde Blicke zu, und mehr als einmal hat sie ihm schon einen Espresso gebracht – ungefragt. Er kann nicht sagen, dass ihm das missfällt. Auch Lilly selbst gefällt ihm gut, mit ihren langen schwarzen Haaren und den großen grünen Augen. Aber er hält sich zurück. Ist auf der Hut. Persönliche Kontakte kann er sich nicht leisten. Leider.

Es kommen immer mehr Corona-Patienten ins Krankenhaus. Es macht ihm nichts aus, sich im Schutzanzug um sie zu kümmern. Das ist kein wirklich schwerer Job. Leider erwischt das Virus immer mehr Pflegekräfte und Kolleg*innen. Er ist der Meinung, dass sie sich nach ihrem Dienst nicht wirklich in Acht nehmen, sondern den Stress in der Klinik wegfeiern. Und das ist in dieser Situation fatal.


Er tut das nicht. Er lebt zurückgezogen, beinahe mönchisch. Das muss er auch. 

Dann kommt der Tag, an dem Professor T. ihn in sein Büro ruft. Es geht um die junge Luise, eine Covid-19-Patientin. Er kennt das Mädchen, hat es seit der Einlieferung mit Atemproblemen betreut. Sie ist Asthmatikerin. Ihr Zustand schien stabil. Doch in der Nacht hat sich die Situation so sehr verschlechtert, dass eine Operation umgehend notwendig ist. „Und jetzt kommen Sie ins Spiel, Kollege. Kollege F. ist seit heute ebenfalls erkrankt. In Ihren Unterlagen habe ich gelesen, dass Sie bereits mehrere erfolgreiche Lungen-OPs durchgeführt haben, sogar eine Transplantation. Sie übernehmen also. Machen Sie sich fertig, die OP ist für 9 Uhr angesetzt.“

Schweiß tritt ihm auf die Stirn. „Ich, ich…“, setzt er an, doch in diesem Moment geht die Tür auf, Luises Mutter stürmt herein, umfasst seine beiden Hände und bittet ihn unter Tränen, ihre Tochter zu retten. Diesmal ist es eine schlafwandlerische Unsicherheit, mit der er sich vorbereitet. Er sieht alles nur durch einen Schleier. Schwester Lilly hilft ihm beim Ankleiden. „Sie sehen blass aus, ist alles ok?“, fragt sie ihn. „Nein!“ will er rufen. „Nichts ist ok!“ Aber er kann nur nicken. Und dann steht er im Operationssaal. Hält Instrumente in der Hand, die er bislang nur von weitem gesehen hat. Alle warten darauf, dass er anfängt. Er macht einen Schnitt, noch einen – alles ist voller Blut, Luise reißt die Augen auf, schreit ihn an: „Wie können Sie es wagen! Sie Scharlatan. Sie Hochstapler!“ Dann sinkt sie zurück. Tot. 

Der Saal ist plötzlich voller Menschen, Luises Mutter, die Kolleg*innen, Lilly, die Prüfer, die ihn damals haben durchs Examen fallen lassen. Seine Eltern, die ihn seitdem als Versager betrachtet und jeden Kontakt abgebrochen haben. Und noch viele andere, an denen er sich seitdem rächt, indem er das tut, was er wegen ihnen nicht tun darf. Luises Mutter, die ihn anstarrt und immer wieder flüstert: „Warum nur? Warum?“Er will sich umdrehen, weglaufen. Aber er klebt fest. In diesem Raum. In diesem Albtraum.

Schließlich wacht er doch noch auf, schweißgebadet. Es ist vier Uhr morgens, die Stadt schlummert im Winterdunkel. Er schüttelt sich. Was für ein Traum. Er steht auf und geht zum Schreibtisch. Dort liegt er, der Beweis, dass das alles wirklich nur ein Albtraum war: seine Approbation!