Adventskalender MiniKrimi vom 20. Dezember 2018

Der Schutzpatron

Nur noch vier Tage bis Weihnachten. In dieser Zeit drängen die Erinnerungen immer mit besonderer Macht in Gregors Gedanken hinein. Silberne Glöckchen und ein heller Kindersopran, knisternde Erwartung, die Kerzen am Baum, die kalte Kirche, die Krippe mit Stroh. Das Weinen, die Wut, seine Ohnmacht. Genug! Gregor beschleunigt seinen Schritt, um schnell am Portal von Sankt Michael vorbei zu kommen. Da sieht er eine ältere Dame, die sich bemüht, die Stufen zur Kirche zu erklimmen. Widerwillig hilfsbereit eilt Gregor hinzu, nimmt den pelzummäntelten Arm und geleitet die Dame hinauf. Damit ist es aber nicht  genug, das sieht er. Also zieht er mit Kraft am kupfernen Griff (wollen die den Gläubigen den Eintritt erschweren oder verwehren?) und hält ihr die Tür auf. Ihr Lächeln nimmt er kaum wahr, sie sagt etwas, aber er hört nicht mehr hin. Wie in einem Orkan brausen die Bilder nun auf ihn ein.

Gregor war im 5. Studienjahr. Er wohnte im Priesterseminar und absolvierte mit einem Mitstudenten ein Gemeindeseelsorgepraktikum in Sankt Michael. Vor Weihnachten hatten sie besonders viel zu tun. Es gab unzählige Gründe für Depressionen angesichts des bevorstehenden Festes in dieser reichen, vereinsamenden Stadt. Zu wenig Geld, zu viel Geld. Niemanden zum Beschenken, zu viele herangetragene Wünsche. Keinen Glauben, enttäuschten Glauben. Und die Kirche schien alle anzuziehen wie ein Magnet. „Die Christmette muss etwas ganz besonderes sein, sie brauchen das, alle. Wir dürfen sie nicht enttäuschen“, hatte der Priester den Druck aufgebaut. Und so wurde der Baum golden geschmückt, und die Chorknaben probten unter der Leitung von Gregors Studienkollegen Stunde um Stunde. Gerade hatte  er mit Max, dem Glockensopran, eine Einzelprobe. So hatte er gesagt, und so dachte Gregor. Aber als er in den kleinen Chorraum hinter der Sakristei kam, sah er den Studenten von hinten über den Knaben gebeugt, und ganz deutlich hörte Gregor diesen weinen.

Erst stand er, zur Salzsäule erstarrt, dann rannte er weg. Nicht zum Priester. In sein Zimmer. Er wusste genau, was er tun musste. Und war zu feige dazu. Später versuchte er, seinen Kommilitonen zur Rede zu stellen. Doch dieser tat  so, als habe Gregor sich das alles erträumt: „Du hast ja eine ganz perverse Phantasie, hast Du. Wenn Du mit Deinen Verleumdungen hausieren gehst, sehe ich mich gezwungen, mit meinem Onkel dem Prälaten über Dich zu sprechen“.

Und während Gregor noch zauderte, nahm die Sache eine ganz andere Wendung. Max’s Mutter kam auf ihn zu, woher sie was wusste – keine Ahnung. Jedenfalls drohte sie ihm mit dem Schlimmsten, wenn er nicht….. Nun, sie hatte ganz offensichtlich Gefallen an Gregor gefunden. Ein Jahr lang hielt er das erzwungene Verhältnis aus. Dann konnte er, der sich wirklich hatte keusch halten wollten vor und für Gott, nicht mehr. Er wurde schwer krank, und nach seiner Entlassung aus der Psychiatrischen Klinik gab er das Theologiestudium auf. Einer Kirche war er in den vergangenen 30 Jahren nie wieder  nahe gekommen.

Jetzt steht Gregor im Mittelgang und zittert. Die Vergangenheit schüttelt ihn so stark, dass er die Hand auf seinem Arm zunächst nicht einmal spürt. „Greegor“, sagt eine Stimme an seinem Ohr. „Greegor!“ Sie alt geworden, vor der Zeit. Trotzdem hätte er sie erkennen können, in ihrem Pelzmäntelchen, wenn er sie nicht in der hintersten Ecke seiner Seele versteckt hätte. Und jetzt? Entschuldigt sie sich? Ist es dafür zu spät? Aber was sagt sie da? „Greegor,  Du hier. Mit mir. Das ist Schicksal, das ist Gottes Fügung. Komm, wir trinken einen Granatapfeltee, so wie immer. Du weißt ja, ich wohne ganz in der Nähe.“

Gregor spürt die Wut in sich aufsteigen. Die Scham. Unbändigen Zorn. Auf sie, die ihm sein Leben zerstört hat. Auf sich, weil er zu feige war, Max zu verteidigen. Auf die Kirche. Auf – er dreht sich zu ihr um, will ihr die Hände um den Hals legen und sie erwürgen. Vor seinen Augen dreht sich alles in Schwarz.

Sie muss einen Schritt zurückgewichen sein, nicht einmal aus Angst. Um ihn besser zu sehen. Dabei tritt sie gegen die Absperrung um den Seitenaltar, der gerade restauriert wird. Ein Balken löst sich vom Gerüst. Sie ist auf der Stelle tot. Der Heilige Antonius schaut aus der Altarnische auf Gregor herab. Er kennt sich mit sowas aus.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 19. Dezember 2018

 

Der Tausch

Frank hatte sein ganzes Leben lang um sich gehabt. Als Kind. als Jugendlicher, und auch als Erwachsener. Bis auf ein kurzes Intermezzo an Akademie der Bildenden Künste in Wien war er immer für seine Mutter da gewesen. Nachdem der Vater gestorben war, erwartete sie von ihm ganz selbstverständlich, dass er seinen Platz einnehmen würde. Und das hatte Frank getan,  ganz selbstverständlich. Geld war genug da. Frank musste sich nur im seine Mutter kümmern, einmal am Tag kochen, jeden zweiten Tag eine Spritztour mit ihrem Sportwagen ins Blaue Land, einmal im Monat in den Zoo und am Sonntag essen gehen, mal im Bayerischen Hof, mal bei Schuhbeck. Die restliche Zeit verbrachte Frank damit, zu malen oder mit Freunden auszugehen. Aber nie nach Mitternacht, damit seine Mutter sich keine Sorgen zu machen brauchte. Sie wurde im Alter immer ängstlicher. Deshalb waren sie aus dem Haus in eine Wohnung in der Minervastraße gezogen.

Und dann starb seine Mutter. Ihr Tod kam weder plötzlich noch unerwartet, sie war weit über neunzig und inzwischen schon so dement, dass sie sich nicht mehr alleine zurechtfand. Aber Frank hatte insgeheim angenommen, dass sie ewig leben würde. Irgendwie.

Seitdem ertappte sich Frank dabei, ältere Damen zu beobachten. Im Sommer beim Spaziergang im Tierpark, in den er eigentlich nicht mehr hätte gehen müssen. 

Im Supermarkt um die Ecke, vor dem Regal mit den Keksen. Die alte Dame mit dem Kamelhaarmantel sah so aus, als könne sie genau die Sorte nicht finden, die sie am liebsten mag. Frank blieb neben ihr stehen, beobachtete sie. Sie sah ein bisschen so aus wie seine Mutter, und er wollte ihr helfen. Aber da griff sie zielsicher nach dem Shortbread und legt es in den Einkaufswagen.

Vor dem Schaufenster des großen Kaufhauses am Marienplatz. Diese alte Dame trug die Haare so kurz wie seine Mutter, die Lippen waren kräftig rot geschminkt – mit ungenauen Konturen, die Nägel rot und die Schuhe spitz. Unschlüssig tippelte sie von einem Fenster zum andern. Die Hüte oder die Röcke? Die Röcke oder die Hüte? Er näherte sich ihr, vorsichtig. „Möchten Sie einen anprobieren?“, wollte er grade fragen. Da kam unter den Arkaden ein korpulenter Herr herangeschossen. „Irmi, wo bist Du denn? Komm, die Kinder warten schon“, sagte er und zog die Dame am Ärmel weiter Richtung Marienplatz.

Als er den beiden nachsah, kam ihm auf einmal dieser Gedanke. „Warum nehme ich mir nicht einfach eine andere Mutter?“ Gleich darauf musste er lachen. Wie albern! Aber er legte den Gedanken nur beiseite, ohne ihn zu verwerfen.

Eine Woche später stand Frank an der Ampel an der Schleißheimer Straße. Da hörte er neben sich eine leicht verzitterte Stimme: „Junger Mann, würden Sie mich wohl über die Straße begleiten?“ Als die Ampel grün wurde, schritt Frank mit einer eleganten, zierlichen alten Dame im schwarzen Kostüm, mit Hut und Handschuhen, über die Straße. Drüben angekommen sahen sie sich an, und aus der Laune des Augenblicks heraus fragte er: „Kaffee?“

Abends machte er ihr pochierten Lachs, und als sie im Bett lag – er hatte die Daunendecke mit der Lieblingsbettwäsche seiner Mutter bezogen – las er ihr noch etwas aus dem Zeit-Magazin. „Morgen gehen wir in den Zoo“; sagte er, aber da war sie schon eingeschlafen. 

In den Spätnachrichten auf Antenne wurde die Meldung durchgegeben, dass Frau Mathilde Richter, 93, seit dem frühen Nachmittag vermisst wurde. Sie war im Entenbachstift zur Kurzzeitpflege untergebracht, während ihre Familie den Umzug in ein Haus mit Einliegerwohnung organisierte, wo die demente Mutter mit einer Pflegerin wohnen konnte. „Familie Richter vermisst ihre Mutter und Großmutter schmerzlich und hat eine Belohnung von 1000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgegeben“, hieß es. 

Frank brauchte kein Geld.

Adventskalender MiniKrimi vom 17. Dezember 2018

Ruhebereich

7.30 Uhr Claas Teuffel wird von seiner Tochter Merle mit einem nassen Waschlappen geweckt und merkt, dass er verschlafen hat.

8.05 Uhr Nachdem er seine Tochter auf dem Rücksitz festgeschnallt und den Schlitten für den Rodelausflug im Kofferraum verstaut hat, stellt er fest, dass der Wagen nicht anspringt. Sein Sohn hat vergessen, das Abblendlicht auszuschalten. (Und Claas Teuffel hat 2 Monate lang, den Wagen zur Werkstatt zu bringen, um die Abschaltautomatik zu reparieren).

8.30 Uhr Claas Teuffel ist von der Schule zurück und versucht, den Termin heute um 15.30 Uhr in Dresden auf morgen zu verschieben. Im Sekretariat seines Geschäftspartners verspricht man ihm, umgehend zurückzurufen, sobald man die Terminverschiebung geklärt hat.

9.30 Uhr Claas Teuffel ruft erneut in Dresden an und erfährt, dass der Termin nicht verschoben werden kann. Im Sekretariat entschuldigt man sich nicht mal dafür, dass man vergessen hat, ihm „umgehend“ Bescheid zu sagen.

90.40 Uhr Er setzt sich mit einem doppelten Espresso an den Computer, um sich eine Zugverbindung rauszusuchen.

10 Uhr Er hat immer noch keinen Zug gebucht, ist fünf Mal direkt vor dem Bezahlen rausgeflogen und erhält jetzt die Information, dass alle in Frage kommenden Züge ausgebucht sind, Bis auf einen. Dort gibt es noch einen einzigen Platz im Ruhebereich 2. Klasse.

10.45 Uhr Claas Teuffel sitzt im Abteil. Er hat seine Frau, die ausgerechnet heute den ganzen Tag in einer Gerichtsverhandlung ist, nicht erreichen können und hofft, dass seine Tochter Merle am Nachmittag von der Mutter ihrer Freundin mit nach Hause genommen wird, wenn sie merken, dass keiner zum Abholen kommt. Jetzt versucht er, ihr eine Whatsapp-Nachricht zu schreiben, aber er hat im ICE kein Netz.

11 Uhr Sein Telefon klingelt. Merles Schule. Er geht so schnell wie möglich ran und flüstert „Moment“. Sein Gegenüber wirft ihm einen bösen Blick zu und deutet mit spitzem Zeigefinger auf die Aufschrift „Ruhebereich“. Im Gang bespricht er mit der Lehrerin, wo Merle den Schlitten versteckt haben könnte, weil sie keine Lust auf den Rodelausflug hat.

11.30 Uhr Sein Telefon klingelt wieder.  Merles Schule. Er springt aus dem Sitz, murmelt „Entschuldigung“, aber sein Gegenüber und der Sitznachbar zischen wie aus einem Mund „Ruhäää!“ Im Gang erfährt er von der Lehrerin, dass der Schlitten wieder aufgetaucht ist.

12 Uhr Claas Teuffel hat sein Handy auf lautlos gestellt und geht in seinem MacBook die Tagesordnung für das Meeting durch. Weil er vergessen hat, den Lautsprecher abzustellen, ertönen zu Beginn der Präsentation laut die Eingangsakkorde von Richard Strauß’s Zarathustra.

Sein Gegenüber, der Sitznachbar und die Reisenden auf den Plätzen jenseits des Ganges brüllen alle lautlos „Ruhääääääää.“ „Gennse nisch läsn?“, flüsssstert eine blasse Dame in höchster Entrüstung über den Rand ihres Magazins „Reisen und Heilen“ hinweg.

13 Uhr Class Teuffel ist eingenickt. Er träumt, dass ihn sein Gesprächspartner mit einer seidenen Krawatte erwürgt, weil er zu spät zum Meeting gekommen ist. Das Gefühl ist unerträglich. Er reißt die Augen auf: sein Gegenüber hat ihn am Hemd gepackt und schüttelt ihn. Auf dem Holztisch leuchtet sein Handy und hat durch die Vibration den Tisch in melodiöse Schwingungen versetzt. 

Er geht in den Gang und sieht, dass seine Frau versucht hat, ihn zu erreichen. Als er sie zurückruft, ist wieder nur die Mailbox dran. Die Gerichtspause ist vorüber.

13.30 Uhr Er hat unbändigen Hunger, da er weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen hat. Als e in seine Manteltasche greift, um seinen Geldbeutel zu holen, ertastet er Merles Pausenbox, die sie dort versteckt hat, weil sie nicht mag, was ihre Mutter ihr einpackt. Er öffnet die Box: Möhren und Selleriesticks. Egal. Claas Teuffel hat unbändigen Hunger. Er steckt sich ein Selleriestange in den Mund und beisst ab, und dazu noch ein großes Stück Möhre. In der Stille des Ruhebereichs klingt sein Kauen wie eine Explosion.

13.35 Uhr Claas Teuffel versucht verzweifelt aber vergeblich, sich gegen die vier, sechs, zehn Paar Hände zu wehren, die ihn packen und gnadenlos durchs Abteil zerren. „Hilfeee“ ruft er, erhält aber als Antwort nur gezischte Beleidigungen: „Ruhestörer“, Stille-Attentäter“, „Seelenfriedensmörder“ usw.

13.40 Uhr Der ICE 6790 Michael Kohlhaas von München nach Leipzig fährt durch Jena, als eine Wagentür aufgerissen und etwas auf den Bahnsteig gestoßen wird. Ein kleiner metallener Gegenstand segelt hinterher.

13.41 Uhr Ein herbeigeeilter Reisender, der auf den Regionalzug von Jena nach Erfurt wartet, entdeckt den blutenden Mann auf dem Bahnsteig. Neben diesem klingelt ein Handy. Er hebt es auf und geht dran, während er gleichzeitig seinen Finger an den Hals des Mannes hält. „Hallo, hallo? Claas, kannst Du mich hören? Ich kann jetzt sprechen“, ruft eine Frauenstimme. „“Hallo? Nein, der kann sie nicht hören. Auch nicht sprechen. Der ist tot“, sagt der Reisende ins Telefon. 

Adventskalender MiniKrimi vom 12. Dezember 2018

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Was ist nur aus Deutschland geworden?

„Soweit sind wir jetzt schon. Weihnachten haben die uns komplett kaputt gemacht.“ Kopfschüttelnd betrachtet Elfriede das Video, das ihre Freundin Alma ihr auf WhatsApp geschickt hat. Zu den Klängen von Stille Nacht spulen sich Bilder von 60er Jahre Weihnachtsmärkten ab, Kinder in schwarzweiß strahlen Zuckerwatte an, der Kölner Dom leuchtet. Dann Szenenwechsel, Flammen und Heavy Metal, während ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz rast. „Raus mit dem Pack!“, murmelt Elfriede vor sich hin, während sie ihre ganze Wut auf den Vorwerk VT 300 überträgt und dabei die Schiekraftregulierung des Saugwischers durcheinanderbringt. 

„Hallo, Elfriede, bin wieder da! Möchten Sie einen Kaffee?“ „Hallo Karim, nee. Nen Latte.“ Elfriede reinigt zweimal die Woche die Maisonette-Wohnung des Herzchirurgen Dr. Karim Abdelkader im Dachgeschoss der Minervastraße 89. Für 20 Euro die Stunde, schwarz. Das kollidiert mit ihrem Hass auf „die Ausländer“ ebensowenig wie der italienische Latte Macchiato, den Karim ihr auf einem Silbertablett serviert, mit zwei Stück Würfelzucker und vier Giottokugeln. Während der Kaffeepause erzählt Elfriede, was sie sich von ihrem Mann zu Weihnachten wünscht: einen Urlaub auf Ibiza nächstes Jahr, und was sie ihrem pubertierenden Sohn schenken wird: das neue Egoshooter Computerspiel (eigentlich ab 18)  und einen Paintball-Nachmittag mit Freunden. 

Karim hört zu und lächelt. Er ist höflich, und Elfriede putzt gut und will nichts Privates von ihm wissen. Jedenfalls nicht im Gespräch.

Auf dem Weg nach Hause macht Elfriede einen großen Bogen um den Weihnachtsmarkt am Rotkreuzplatz. Obwohl ihr schon auf der U-Bahn-Treppe ein verführerischer Duft nach gebrannten Mandeln entgegenweht und ihr Bus erst in zehn Minuten kommt. An der Haltestelle rempelt sie eine junge Frau mit Kopftuch und Kinderwagen an, aus Versehen, aber sie entschuldigt sich nicht. Murmelt stattdessen wieder: „Raus mit dem Pack.“ 

Daheim schreibt sie in die Timeline ihres Sozialen Netzwerks, dass sie heute nicht auf den Weihnachtsmarkt gegangen ist, weil „eine verdächtige arabische Frau mit Kopftuch und Kinderwagen“ ihr Angst gemacht hat. „In dem Wagen hätte ne Bombe sein können, man weiß ja nie, heutzutage. Was ist nur aus Deutschland geworden. Kein Verlass mehr auf die Polizei. Früher hätten die solche Leute sofort verhaftet und postwendend über die Grenze geschickt.“

Einer der vielen zustimmenden Kommentare auf ihren Post lautet: „Früher, da herrschte noch Recht und Ordnung bei der Polizei. Da ham die mit Ausreisepflichtigen kurzen Prozess gemacht.“ „Ja genau, Scheiß Polizei. Alles Merkels Schuld“, pflichtet ein anderer bei. Elfriede fühlt sich bestätigt. Es wird Zeit, dass Deutschland wieder ein Rechtsstaat wird. Die Ausländer müssen raus. Oder ins Gefängnis. Solange, bis sie ausgewiesen werden.

Am nächsten Morgen klingelt es Sturm. Draußen ist es noch dunkel. Elfriedes Mann brummt unwirsch: „Geh nachschauen, das hört sonst nie auf.“ Im Morgenmantel öffnet sie die Tür. Und steht dem funktionierenden Rechtstaat gegenüber, der sie vorschriftsmäßig in Handschellen abführt. Im Vernehmungsraum des Polizeipräsidiums wird ihr Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Sie soll einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Rotkreuzplatz geplant haben. Und den Mord an der internationalen Herz-Koryphäe Dr. Abdelkader. 

Elfriede verneint. Elfriede schreit. Elfriede weint. Schließlich beschimpft sie die Polizei. Den Rechtsstaat. Ihr Pflichtverteidiger sieht die Polizeiakten ein – alles bestätigt, mit Zeugenaussagen und allem drum und dran, sogar mit konspirativen Fotos. „Am besten, sie geben alles zu. Das macht dann vor Gericht einen guten Eindruck.“

Inzwischen hat in den sozialen Netzwerken der Shitstorm gegen Elfriede schon begonnen. Nestbeschmutzerin ist noch das netteste, womit ihre Freunde vom rechten Rand sie beschimpfen. 

Erst nach Monaten in U-Haft klärt sich die Sache. Ihr Sohn hatte die Nase voll von EgoShootern und wollte sich mal als Hacker ausprobieren. Seine Mutter nervte ihn, und ein paar Monate ohne sie stellte er sich richtig cool vor. Als er keine Wäsche mehr hat, Kühlschrank und Tiefkühltruhe lange leer sind und der Vater zur Nachbarin gezogen ist, geht Kevin missmutig zur Polizei und gesteht die selbst gebastelten „Fake News.“   

Elfriedes Glaube in den Rechtsstaat und seine Exekutive ist wiederhergestellt. Irgendwie. Oder so. 

Adventskalender Minikrimi vom 10. Dezember 2018

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Heute wieder ein Schmankerl der besonderen Art: Ein Kurzkrimi meiner Autoren-Kollegin Heide-Marie Lauterer! Nicht nur für Vegetarier……Wohl bekomm’s. P.S. Ihr neuer Roman Das blaue Album ist jetzt erschienen und
beim Rungholt Verlag oder als E-Book erhältlich.
 

Wenn der Gang zum Metzger zum Survivaltraining wird

Der Metzger mit seinem wilden Blick und seinen wirren Haaren und den hochgekrempelten Ärmeln seiner blauweiß gestreiften Metzgerjacke – wenn es kalt ist, wird geschlachtet. Wir nehmen vom Schwein zwei Bratwürste und natürlich Senf aus Dijon. Die Würste gleichen seinen Fingern, lang, fest und grobgehackt.

Es sind die Finger, die den Bolzenschuss gelöst und das Messer an die Halsschlagader gesetzt haben. Der Metzger kennt hier jedes Schwein, er macht alles selbst, von Anfang an.

Er weiß wovon er spricht, wenn er uns einen schönen Nachmittag wünscht.

Adventskalender MiniKrimi vom 8. Dezember 2018

Verlorener Sohn

Der verlorene Sohn

In der Minervastraße war eine bestimmte Anzahl an Appartements behindertengerecht gestaltet, und es bestand ein Vertrag mit einem soliden, bis dato skandalfreien Pflegedienst. Damit entsprach die Siedlung dem in die Zukunft weisenden Konzepts eines Mehrgenerationen-Wohnens – wofür die Architekten einen extra Preis kassiert hatten.

In einer solchen Wohnung lebte das Ehepaar Alexander und Ursula Martini. Sie waren erst kürzlich schweren Herzens aus ihrer Villa am Nymphenburger Kanal in die Minervastraße 89 gezogen. Er konnte sich aufgrund einer ausgeprägten Arthritis kaum noch im Haus bewegen, geschweige denn Treppen steigen. Sie litt unter wiederkehrendem starken Schwindel, der sie daran hinderte, den Haushalt, das Haus und den Garten zu ihrer eigenen Zufriedenheit und der ihres Mannes in Schuss zu halten.

Auch in der Wohnung war Alexander nur noch mit dem Gehwagen unterwegs. Ursula fiel es immer schwerer, die nötigen Gänge zum Einkaufen, zum Arzt oder zur Apotheke zu erledigen. Mehr als einmal in der Woche fiel das Mittagessen aus, oft auch das Abendbrot. Den Martinis mangelte es nicht an Geld – aber sie waren zu stolz, Hilfe zu suchen. Und sie hätten auch nicht gewusst, wohin sie sich wenden sollten.

Als eines Tages das Treppenhaus von dichten Rauchschwaden und einem beißenden Geruch nach verbrannter Milch erfüllt war, ergriff die Nachbarin die Initiative. Kurz darauf trat Pfleger Boris in das Leben der Martinis, ein mittelgroßer, mittelkräftiger Mann mit längerem Haar und Vollbart. „Haben Sie denn keine Kinder?“ fragte er Ursula, während er ihr half, den Einkauf zu verstauen, und gleichzeitig die Suppe für Alexander kochte. Er hatte gemerkt, wie unangenehm es den beiden war, Fremde in ihre Privatsphäre zu lassen.

„Nein!“ war Ursulas einsilbige Antwort, nach unmerklichem Zögern. „Nein, wir haben keine Kinder.“ „Warum nicht?“ „Das hätte nicht zu unserem Lebensstil gepasst.“ Und dann „Wir sind viel bereits, wissen Sie. Beruflich. Mein Mann hatte viel im Ausland zu tun, seine Aufträge kamen immer sehr kurzfristig. Heute noch in Paris, und morgen hieß es plötzlich Koffer packen und ab in die Mongolei. Es war sehr spannend.“ Sie lächelte, für einem Moment in der Vergangenheit verloren. „Wow.Da haben Sie sicher viele Fotos,“ sagte Boris und sah sich suchend im Wohnzimmer um. Fehlanzeige.“Oh nein, Fotos gibt es nicht. Dazu waren seine Aufträge viel zu….. Egal. ich denke, Sie sollten Alexander jetzt seine Suppe bringen.“

Als Boris gegangen war, saß das Ehepaar nebeneinander auf der Couch und schwieg. Wie still es war. Die Kaminuhr tickte die Minuten herunter, unwiederbringlich verronnene Zeit. Sinnlos, ihr nachzutrauern, sie enthielt lange schon nichts als Leere. „Wenn das Telefon klingeln und ein Enkelkind seinen Besuch ankündigen würde….“, sagte Alexander. Ursula sah ihn überrascht an. „Sowas sagt DU? Wir waren uns doch beide einig, das….“ „Ja, natürlich. Ich konnte mich nicht um Jan-Joseph kümmern. Und Du..“ „Ich wollte nicht. Sprich es ruhig aus. Nein, in unserem Leben war kein Platz für ein Kind. Es wäre auch viel zu gefährlich gewesen. Kinder sind so unberechenbar . Und so fordernd.“ „Wir hätten ihn bei den Großeltern lassen können.“ „Du weißt genau, dass wir damit verwundbar geworden wären! Agenten dürfen keine Achillesferse haben. Und Jan-Joseph war eine.“

„Ob er das gespürt hat und deshalb zu nah an den Abgrund gekrochen ist?“ „Das ist doch Spekulation.Gut, dass Deine Leute den Vorfall unter den Teppich gekehrt haben. Ich hätte keine bohrenden Fragen tragen wollen.“

„Hättest Du nicht, Ursula. Nein. Aber warum nicht?“

„Gute Nacht, Alexander. Schaffst Du es allein ins Bett?“

Am nächsten Tag kam Boris wieder. Und am übernächsten. Immer wieder fragte er Ursula, ob sie keine Kinder hätten und warum nicht. Schließlich sagte sie ihm, dass sie einen anderen Pfleger haben wolle. Da saßen sie auf dem Balkon, alle drei. Es war ein lauer Frühlingsabend und Boris schlug vor, zum Abschied einen Prosecco zu trinken. Er war ihnen gar nicht böse, so schien es. Das freute Ursula. Ein Ärger weniger.

Als der Wein ihnen beiden bereits zu Kopf gestiegen war und sie sich schon nicht mehr bewegen konnten, setzte Boris sich vor sie hin und sagte: „Der Abgrund war nicht so steil. Einheimische nahmen mich auf und pflegten mich gesund. Sie konnten nicht verstehen, warum meine Mutter mich in den Tod gestürzt hatte. Mir war es lange egal. Aber dann wollte ich es wissen. Ob Du es bereust, Mutter. Jetzt weiß ich, Du tust es nicht. Siehst Du, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich bereue auch nichts.“

 

Der MiniKrimi Adventskalender 2018

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Hattet Ihr gedacht, heuer gäbe es keinen? Falsch! Heute Abend geht’s los! Und zwar erlebt Ihr diesmal auf mariebastide.de ein „Mords Haus“ – 24 Blicke hinter ganz normale Türen….

Ihr dürft gespannt sein, was sich einem Mietshaus mitten in München so alles abspielt…..