Adventskalender MiniKrimi am 12. Dezember


Aus Gründen

„Morgen.“ „Hi.“ „Uaahh – griaß Eich.“ Montagmorgen, sieben Uhr. Die Mitarbeitenden des kleinen Transportunternehmens Münchner Süden stehen zusammen in der engen Teeküche. Halten Tassen mit Tee oder Kaffee in der Hand. Gähnen. „Servus, Leute.“ Der Chef steht in der Küchentür. „Weiß einer von Euch, was mit dem Reza los ist?“ Allgemeines Kopfschütteln. „Muss krank sein, normal ist der doch immer als erster da…“ „Ihr habt’s aber nix von ihm gehört?“ „Na.“ Nee.“ „Nein.“

Als Reza im Laufe des Tages weder auftaucht noch anruft und auch niemand in seinem Auftrag eine Krankmeldung vorbeibringt, fängt der Chef an, sich Sorgen zu machen. Dieses Verhalten passt einfach nicht zu dem jungen Iraner. Reza arbeitet inzwischen seit 2 Jahren bei ihm, und noch nie hat er einen Tag gefehlt. Immer hat er alle Aufträge perfekt erledigt. Nie gab es eine Beanstandung, weder von Kunden noch von Kollegen. 

Die einzigen Probleme, die Reza hatte, haben mit seinem Aufenthalt zu tun. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, die Berufung ebenfalls. Nun besitzt er als einziges Ausweisdokument eine so genannte Duldung bzw. „Aussetzung der Abschiebung.“ Damit lebt Reza auf Messers Schneide, das Damoklesschwert der Abschiebung ständig über sich. „Wenn die mich zurückschicken, bin ich so gut wie tot,“ hat er manchmal, selten, im Gespräch mit seinen Kollegen gesagt. Und dabei gelacht. Um nicht zu weinen. Er ist Christ, und Christen werden im Iran ins Gefängnis gesteckt und nicht selten gefoltert. „Sie müssen ihren Glauben ja nicht offen ausüben. Wenn keiner weiß, dass sie Christ sind, passiert Ihnen auch nichts“, hat die Richterin als Erklärung der letzten Antragsablehnung gesagt. 

Aber selbst wenn Reza seinen Glauben verheimlichen würde, wären seine Überlebenschancen in der Heimat gering. Denn er leidet unter MS. Und auch, wenn ein iranischer Biologe vor kurzem ein Antigen zur Heilung der Krankheit entdeckt hat, fehlen in Rezas Heimatprovinz Mazandaran sogar die nötigsten Medikamente. 

Reza will nicht zurück. Es geht ihm gut, zum ersten Mal in seinem Leben muss er sich nicht verstecken. Er kann zur Kirche gehen, wann und so oft er will. Am helllichten Tag. Er übernimmt in der Gemeinde sogar kleine Aufgaben. Aus Dankbarkeit. Und aus Freude. Sein Neurologe hat ihn gut eingestellt, er kann trotz MS arbeiten. So viel, dass er sich ein kleines Appartement leisten kann. Er hat Freunde. Nicht viele, aber mehr als im Iran. Als das Militär den Gottesdienst sprengte und über die Hälfte der versammelten Menschen festnahm, stand Rezas Entschluss fest. In diesem Land konnte er nicht weiterleben. Nach Monaten im Gefängnis war sein Gesundheitszustand so bedenklich, dass er „zum Sterben“ nach Hause geschickt wurde. Seine Familie legte zusammen und finanzierte ihm die Flucht nach Europa. Eigentlich wollte er nach Schweden, zu seinem Onkel. Doch in Deutschland war Endstation. 

Inzwischen hat er sich nicht nur mit seinem neuen Wohnort arrangiert. Er fühlt sich zu Hause. Angekommen. Angenommen. Mittendrin. Und jetzt?

„Wo kann er nur sein?“, fragt sein Chef den Pfarrer der Gemeinde, die Reza regelmäßig besucht. Er hat ihn unterstützt, ihm dabei geholfen, einen guten Deutschkurs zu besuchen und noch einen, so lange, bis er sich gut verständigen konnte. Ist mit ihm die ersten Schritte gegangen und hat ihm Mut gemacht für sein neues, selbständiges Leben. Auch er hat keine Ahnung, aber eine Befürchtung. Gemeinsam fahren sie zu Rezas Wohnung. Klingeln. Nichts. Warten. Schließlich schaut eine Flurnachbarin aus ihrer Tür. „Der ist nicht da. Den haben sie heute Nacht abgeholt. Pack, ausländisches. Jeder von denen ist einer zuviel. Wir sind ja hier nicht….“ Die beiden Männer lassen die Frau stehen und laufen die Treppen hinunter. Es dauert mehrere Stunden, bis es ihnen gelingt, zu erfahren, was genau passiert ist. Und wo Reza sich jetzt befindet. Vermutlich.

Die Landespolizei hat Reza gegen Mitternacht in der Wohnung überrascht und mitgenommen. Am Flughafen wurde er der Landespolizei übergeben und nur zwei Stunden später in ein Flugzeug nach Teheran gesetzt.

Aktivisten von Amnesty International, die in der Iranischen Hauptstadt die Ankunft des Flugzeugs beobachtet haben, berichten später, dass mehrere junge Männer von bewaffneten Militärs abgeführt worden seien.

Monate vergehen. Dann liegt im Postkasten des Pfarramts ein Päckchen. Ein kleines Tagebuch. Auf Deutsch. Auf der letzten Seite steht:“ Lieber Pfarrer W., ich danke Ihnen und allen, die ich in München kennenlernen durfte. Sie haben mir die schönste Zeit meines Lebens geschenkt. Ich bin sicher, wir werden uns wiedersehen. In einem anderen, besseren Leben. Gott schütze Sie.“ 

Das Büchlein wurde dem Pfarrer über die Deutsche Botschaft geschickt. Es habe einem jungen Mann gehört, der in einem Teheraner Gefängnis gestorben sei. Unter natürlichen Umständen, hieß es.

Diese Geschichte ist nicht frei erfunden. Sie setzt sich zusammen aus vielen einzelnen Schicksalen. Einige habe ich in meiner Zeit als Asylberaterin selbst begleitet. Wenige erhielten eine Anerkennung und durften bleiben. Viele wurden abgeschoben. Einige sind nach ihrer Rückkehr verschwunden, andere wurden getötet. In diesen Tagen sind wieder einige iranische Christen in Gefahr, abgeschoben zu werden. Für manche von ihnen ist das ein Todesurteil. 

Golgatha ist eine Blumenwiese


Eigentlich müssten wir Karfreitag im Winter feiern. Wenn die Blätter welken und sterbend vom Baum segeln, wenn das Gras verdorrt ist und die letzten Blüten zu Staub zerfallen.


Jetzt, inmitten leuchtender Forsythien, zarter Kirschbaumblüten und bunten Blumeninseln im frischen Grün, jetzt ist die Zeit der Wiedergeburt. Des „JA“ zum Leben. Und dann stirbt Jesus. Und nicht nur er. Ich kriege das Lied nicht aus dem Kopf, in dem ein Sterbender sich vom Vater, vom Freund und seiner Freundin verabschiedet: „Seasons in the sun“. Es ist hart, zu sterben, singt Terry Jackson, wenn der Frühling in der Luft liegt. Ob Sterben im Frühjahr besonders schwer fällt?

Ja. Der Tod gehört zum Leben. Auch, wenn wir es heute ganz gut schaffen, diese Tatsache ganz hinten in unserem Alltag zu verstecken. Da wir in einem reichen Land leben, in dem es weder tödliche Armut noch tödliche Kriege gibt, musste ein Virus kommen, um uns die unangenehme Realität unserer Sterblichkeit täglich vor Augen zu führen, zumindest medial. Symptomatisch für unsere Zeit, dass viele sich dieser Wirklichkeit nicht stellen wollen und das leugnen, was nicht sein soll.

Ich habe heute Morgen einen Gottesdienst via Zoom verfolgt. Zwei Gedanken der Predigt begleiten mich seitdem. Gott greift angesichts des größten Schreckens, der den Menschen befällt, nicht auf ein Wunder zurück. Er geht durch das Sterben in den Tod. Und weil er das tut – sage ich – ist er uns immer nah, nicht nur, aber auch, wenn wir ganz unten sind. Keine menschliche Angst ist ihm fremd. Und anders als z.B. im Buddhismus geht es nicht darum, die Schmerzen unserer Existenz „wegzumeditieren“ bzw. uns aus unserem nicht unzulänglichen Körper zu lösen. Das Erlebnis von Schwäche, Schmerz und Leid gehören zu unserer Lebenserfahrung. Wir sollen sie bewusst wahrnehmen und durch sie hindurchgehen (wie durch das Wasser und Feuer der Zauberflöte), mit Gott, mit Jesus, mit dem Mut machenden Geist an unserer Hand.

Auf der anderen Seite erwarten uns Licht und Sonne, Liebe und – Vergebung. Ich glaube, die Frage nach Schuld und Vergebung kommt bei Menschen oft auch erst hoch, wenn es ihnen schlecht geht, wenn sie Angst, Lebensangst, haben. Wie schön, dass wir Christen seit dem Karfreitag die Gewissheit haben, dass uns Vergebung ganz sicher ist.

Dann ist es von Winter und Tod nur ein kleiner Schritt hin zu Frühling und Leben. Zwei Tage, um genau zu sein. Es ist gut, dass Karfreitag im Frühling liegt.

Jetzt gehe ich zu meiner Schwiegermutter. Keine Ahnung, was sie mitten im Sterben so sehr am Leben hält. Wenn es Vergebung ist, auf die sie wartet, hoffe ich, dass sie spüren kann: alles ist gut. Unabhängig davon, ob die Menschen, um die es ihr geht, sie besuchen werden oder nicht.

Golgatha ist eine Blumenwiese.  

Professionelle Barmherzigkeit?


Hungrige speisen, Durstige tränken, Kranke pflegen. Drei von sieben Werken der Barmherzigkeit, die das Christentum als Beispiele für Hilfeleistungen kennt und nennt. Hilfeleistungen, die zum sozialen Funktionieren einer mit-menschlichen Gesellschaft nötig sind. Hilfeleistungen, die Christen aus ihrer religiösen, aus ihrer an Christus angebundenen Glaubensgewissheit heraus leisten. Sollten….! Weiterlesen „Professionelle Barmherzigkeit?“

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