Barfuß auf Asche


Sie beißt in den Himmel. Er schmeckt nach Schwefel. Seine Asche verklebt ihren Mund wie türkischer Honig, nur bitter. Die Straße fließt und reißt ihre nackten Füße mit. Stiche von Scherben, Knirschen von Knochen, diese Finger, so weiß – bloß schnell weiter. Die Luft heult und brüllt. Fegefeuer Berlin. „Komm Mädchen fass an. Was stehst du da rum?“ Eine Hand, ein Eimer Wasser schwappt über. Sie geht wie auf Schienen, trägt den Eimer zum Haufen rauchender Balken. „Schnell Mädchen.  Gib her! Und hol einen neuen. Da hinten. Nun lauf schon!“ Sie geht wie auf Schienen. Der Himmel aus Asche, der Boden ein Meer aus gestrandeten Häusern. Die Menschen ertrunken im Feuer. Immer wieder muss sie hinsehen, sie ansehen. Die toten Augen greifen nach ihrem Blick. Saugen ihn auf. Dann wird alles schwarz.

„Mama? Mama? Was sitzt du denn hier im Dunkeln?“ Leise, mit abgewandtem Mund: „Also ich hab das Gefühl das wird immer schlimmer. Mit ihr.“ Überlaut: „Mama? Hast du nicht gehört, dass wir angerufen haben?“ Beleidigt: „Wir versuchen seit gestern, dich zu erreichen, MAMA.“ 

„Ach ja? Ich hab nichts gehört. Vielleicht hat das Telefon geklingelt, als ich im Bad war. Außerdem: woher soll ich wissen, wer anruft?“ 

„Also hast du es doch gehört?“ 

„Vielleicht?“ 

Warum bist du nicht rangegangen, Mama!  Keine Frage! „Wir machen uns doch SORGEN!“ 

„Ich bin kein kleines Kind. Ich bin eine alte Frau. Ich kann auf mich selbst aufpassen. Im Bombenhagel hab ich Wasser geschleppt. Barfuß. Ich bin über Leichen geklettert. Ich brauche keine Aufpasser!“

Endlich sind sie weg. Ich kann sie nicht ertragen. Mama tu hier, Mama doch nicht so! Mama was MACHST du da schon wieder? Alles in vorwurfsvollen Großbuchstaben, in diesem pausen- und atemlosen Staccato der zur Mutter wider Willen gewordenen Tochter. Verkehrte Welt! 

Was denken die eigentlich, wie ich die letzten fünfundachtzig Jahre gelebt habe? Mich hat nie jemand in Watte gepackt. Allein in einer zerbombten Stadt, die ganze Welt ein Trümmerhaufen und ich mitten drin. Und ich hab überlebt. Ohne dass mir jemand ständig hinterhergelaufen ist.  Ohne dass sich jemand um mich gekümmert hat. Und jetzt soll ich plötzlich am Gängelband gehen, nur, weil ich älter bin? Die Menschen werden heute eben immer älter. Sagen sie jeden Tag im Fernsehen. Na und? Wenn man sie nicht töten will, muss man sie so nehmen, wie sie werden. 

Ist es schon acht? Wo hab ich nur meine Brille? Da muss doch die Fernsehzeitung….. Wie geht das Ding an? Ah. Na also. Was ist denn das schon wieder? Wo ist das Erste Programm? Natürlich. Das hat India verstellt, um mir dann in die Schuhe zu schieben, dass ich nicht mal mehr den Fernseher bedienen kann! 

Diese blöden Kopfschmerzen. Du musst mehr trinken, Mamaaaaa, würde India jetzt sagen. Dabei habe ich noch nie viel getrunken. Und bin trotzdem so alt geworden. Hab ich Hunger? Eigentlich schon. Oh – keine Spaghetti im Kühlschrank. Ach, dann ess‘ ich eine Banane. Mit einem Glas Wein. Mama, du sollst nicht so viel Wein trinken, würde India jetzt sagen. Gott sei Dank lebe ich alleine hier in meiner Wohnung!

Gott sei Dank lebe ich ALLEIN! Alleinallein. Alleallein. Wenn India mich jetzt hören würde, würde sie den Mund verziehen zu ihrem falschfreundlichen Alligatorlächeln. Alligator, so werd‘ ich sie nennen, ab heute. Wenn ich mich morgen noch daran erinnere. 

Wenn sie jetzt hier wäre, würde sie zwischen den Zähnen schräg nach hinten zu diesem Unmann zischeln, den sie sich herangezogen hat wie einen Schoßhund.  „Siehst du. Ulrich. Ich sage es dir doch. Sie ist verrückt!“ 

Es rauscht. Die Nacht ist ein Rauschen, sie bauscht sich um sie herum, hüllt sie ein. In einer Blase aus Schall schwebt sie die kreischenden Straßen entlang. Federt die Stöße ab, die Tritte, die reißenden Hände. Blitze gleiten an ihr hinunter, schwarzer Regen an ihr vorbei. „Di quì Signorina“ ruft eine Stimme, „hier entlang, schnell, es geht gleich los“. Sie klettert auf die Lore, gezogen von starkbraunen Armen. „Su prendi, los, nimm und verkleide dich!“ Eine gesichtslose Stimme reicht ihr das grellbunte Kopftuch. Sie knotet es fest in ihr Haar, dieses neue zufällige Leben. Drei Tage vier Nächte, und die Zwangsarbeiter sind wieder daheim, irgendwo in Italien. Sie, die verkleidete Fremde, mitten unter ihnen. Alle verabschieden sich lachend und zum Leben erschöpft. Da steht sie allein auf der Piazza in einer unbekannten Heimat. Geflohen gelandet gestrandet. „Ehi Signorina!“, ruft die Zukunft verheißungsvoll, und sie geht ihr schnell hinterher, durch die alten Arkaden.

„India, du schon wieder? Möchtest du einen caffé? Ich hab grade frischen gemacht. Heiße Milch? Setz dich doch.“

Ah, dieser Blick. Du kommst nicht als Gast, sondern als Aufpasser! Wie war das gestern? Alligator! Kannst gleich wieder gehen! 

„Mama! Deine Nachbarin hat angerufen. Erst kamen Rauchschwaden aus deiner Wohnung, dann lief das Wasser den Balkon hinunter. Mama? Mamaaaaaaa? Um Gottes Willen! Was MACHST du da? Ach, ich bitte dich! Natürlich hab ich auch schon mal die Milch anbrennen lassen. Aber dieser Topf ist durchgeschmort. Und wie viele Eimer voll Wasser hast du ausgegossen, über dem Herd? Wie bitte? Du wolltest bei der Gelegenheit gleich den Fußboden waschen? Ach…“ 

Der nasse Lappen klatscht auf den Boden. Tränen verwackeln den Ton. „Oh, Mama!!! 

Nein. DU hörst mir jetzt zu. Das ist NICHT normal, Mama. Das passiert NICHT jeden Tag und NICHT jedem. Mama! Bitte. Sei doch vernünftig. So geht das nicht weiter. Ich will dir doch nur helfen. Nein. Du bist nicht verrückt. Nein, ich will dich nicht einweisen lassen. So einfach geht das auch gar nicht.“ Leise, zu sich: „Leider.“

Mama bleib da. Mama wo rennst du hin? Mama es ist kalt draußen! Ich WILL sie nicht mehr hören. Diese Bevormundung! Ich bin im Aschenregen durch das qualmende Berlin gelaufen. Barfuß. Und dann in einem offenen Viehwagon über die Alpen gefahren, mit Wildlederpumps an den Füßen und einem Strickjäckchen über dem Seidenkleid. Kälte? Die Kälte, die mich hier verbrennt, kommt aus Indias Augen. So leblos. So lieblos. Mein Kind? Wahrscheinlich wurde sie im Krankenhaus vertauscht, gleich nach der Geburt. Wir haben uns eigentlich nie verstanden. 

Diese kommunistischen Ideen von Umverteilung und Gütergemeinschaft! Wegnehmen will sie mir alles, was ich habe. Meine Wohnung, mein Geld. Und mein Leben! Aber das kriegt sie nicht. MICH kriegt sie nicht. Ich bin zu schnell für sie, auch noch mit fünfundachtzig. Sie findet mich nicht. 

Aber jetzt ist mir kalt. Ob ich schon zurück kann? Wo genau muss ich hin? Hier war ich noch nie! 

Freundlich bestimmend zu einer Graublonden mit Einkaufskorb: „Entschuldigung? Können Sie mir den Heimweg zeigen? Sie kennen mich doch? Ach, tut mir leid. Ich habe Sie verwechselt. Neineinein, alles ok. Nein, ich sage Ihnen doch…. ich… suche nur meinen… (lass dir was einfallen!)… meinen Hund!“ 

Beruhigend zu dem kopfroten Jogger: „Ja, meinen Hund. Wie er aussieht? Na, wie ein Hund, eben. Dort drüben? Danke! Ja, er ist mir weggelaufen. Nein, er darf keine Jogger anbellen. Da IST er ja! Na komm, du Schöner! Komm her zu mir.“ 

Beschwörend geflüstert zu dem großen stillen Hund: „Komm, wir müssen jetzt beide so tun, als seien wir alte Bekannte. Das SIND wir doch auch! Jetzt erkenne ich dich! Wir sitzen im selben Boot. Du bist Argo, mein schwarzer Freund. “

Buonasera, signorina, buonasera….. Jukeboxkitsch, transozeanischer. Flattert in den Südensonnenuntergang, wispert in ihr Sommerohr. Bella vita in maßgeschneiderten Kleidern, und die Männerwelt rollt ihr die Teppiche aus zwischen Bari und Napoli. Das Blondhaar, die Goldhaut – „ma che angelo, was für ein Engel!“ Sie flirtet und bleibt ganz bei sich. Hebt sich auf. Hebt den Blick: „Buonasera!“ Diamantenes Meer, vergossener Himmel, Mittagslichtstaub streift das kühle Parkett. Als Verlobungsgeschenk keine Kette, kein Ring – ein schwarzes Fellbündel legt er ihr ins lustweiche Bett. Sie lieben sie schlafen sie schlagen. Dann, irgendwann, ist es Winter geworden, aus dem Schrank gähnt nur das Holz, dunkelleer. Daneben zwei Koffer, abfahrtbereit. Weiße Laken auf Sesseln und Betten, vor den Fenstern die Läden auf Monate verschlossen. Und sie spult ihre Reise zurück, erst den Apennin dann die Alpen und schließlich die graue Stadt. Trümmerentleert, existenzenbefüllt. Sie ertastet die Straßen am Ende des Traums. Einsam vielleicht, aber nicht mehr allein. An der linken Hand India, in der rechten die Leine. 

„Mama, jetzt sei doch vernünftig! Du hättest tot sein können. Wenn sie Ulrich nicht in der Kanzlei erreicht hätten, wenn er dich nicht abgeholt hätte, dann wärst du inzwischen wahrscheinlich erfroren! Wo wolltest du überhaupt hin?“ 

Leise, seitwärts: „Ulrich, jetzt sag doch auch mal was! Mama, bitte. Das ist Wahnsinn! Du kannst doch nicht im Ernst glauben, dieser Hund hier sei Argo! Argo ist seit Jahrzehnten tot! Genau wie mein Vater! Tot. Nicht abgereist. Nicht verschollen. Tot. Überfahren. Alle beide. In Italien. Das weißt du doch, Mama. Mama! Komm, trink eine Tasse Tee. Du hast ganz kalte Hände. Ach, Mama. Ich will dich nicht schlagen, ich will dich nur streicheln. 

Ganz leise: Mama, ich liebe Dich!

Ganz laut: Au! Mama, bitte! Jetzt sei doch VERNÜNFTIG. Du kannst den Hund nicht behalten. Wir müssen ihn abgeben. Im Tierheim. 

Ulrich! Jetzt hör doch mal auf, du machst ihr nur Angst! 

NEIN Mama. Ulrich hat das nicht so gemeint. Wir geben dich nicht im Irrenhaus ab. Das gibt es nicht mehr. Und selbst wenn. Mama, ich liebe dich doch. Ich will dir nur helfen. Und Ulrich auch. Ulrich? Ulrich!“ 

Hinter dem Türknall her: „Ulrich, du Idiot! Warte! Mensch, fährt der einfach weg. Na egal. Besser isses. So, Mama, jetzt noch mal ganz in Ruhe. Der Hund muss weg. Und du solltest dir vielleicht mal eine Auszeit nehmen. Es gibt doch so schöne Kurorte. In Ungarn, zum Beispiel. Ganz günstig! Mama? Mama!“ 

Leise. Verzweifelt. Fragend. „Wo BIST du?“

Komm, Argo. Das hat alles keinen Zweck. India ist eigentlich ein liebes Mädchen, weißt du? Aber sie vermisst ihren Vater. Er hätte nicht wegfahren dürfen, Hals über Kopf. Sie war noch so klein. Sie ist ihm so ähnlich. Wir haben uns nie wirklich verstanden. Wie schade! Aber du, Argo, du bist etwas ganz Besonderes. Wir zwei verstehen uns prächtig. Jetzt machen wir es uns richtig schön. 

Zum Taxifahrer: „Wir wollen in ein feines Hotel mit einem guten Restaurant. Eines mit Seeblick, in dem auch Hunde erlaubt sind. Sie kennen sich ja aus. Wir vertrauen Ihnen.“ Stimmt’s, Argo?

Oben ist unten und unten ist weit. Endlos weit. Sie zieht ihre Kreise aus blauem Samt. Schwimmt ohne Netz, schmeckt das Sonnengeflirr, riecht die Wärme, hört die Wolken reisen. Argo schwimmt neben ihr, weichschnäuzig, schwarz. Unbesorgt unumsorgt atmet sie leicht in die Zukunft. Und hinten ganz hinten am Himbeerhorizont steht ER und zieht sacht an der Linie. Da stülpt sich der Himmel nach innen.

Adventskalender MiniKrimi am 11. Dezember


Krimi ist nicht gleich Prosa! Ich freue mich sehr, Euch heute einen lyrischen MiniKrimi zu präsentieren, verfasst von meiner Autorinnenkollegin und Mitglied der Autorinnenvereinigung Rea Gorgon. Mein Tipp: unbedingt auch ihre Homepage besuchen!

ErinnerungsLücken

vergessen verloren verdrängt

eingesperrt ausgemustert und geleugnet

Das DunkelLeuchten

hinter den Zellen.

Dahintergegangenes.

Begnadete Dementia

Demenz dementieren

Wenn Erinnerung schwinde(l)t

Bist du am Demenzieren?

Ich dementiere:

Bin ohne Demenz.

„Nicht alles Vergessen

ist dementzieller Natur“,

sagte die Kommissarin 

und suchte weiter Licht

hinter den Lügen.

Adventskalender Minikrimi am 23. Dezember


Unschuld

Bernadette verstand die Welt nicht mehr. Eigentlich schon seit langem. Es passierten immer wieder Dinge, die ihr  völlig unerklärlich waren. Ihre Handtasche wurde gestohlen. Später fand ihr Sohn sie zwischen den Schuhen. Oder ihr Mann war plötzlich verschwunden. Stattdessen saß ein Fremder neben ihr und wollte das Abendbrot mit ihr teilen. Später war ihr Mann wieder da und behauptete. er sei nie weg gewesen. 


Aber jetzt war alles noch viel schlimmer.Jemand hatte sich als ihr Sohn ausgegeben und sie gekidnappt. Nun saß sie in einem fremden Haus, mit Unbekannten, und sollte angeblich solange dort bleiben, bis ihr Mann aus dem Krankenhaus wiederkam. Als ob Alfons jemals krank gewesen wäre. Vielleicht war er mit einer anderen Frau in Urlaub gefahren? Na warte, dachte Bernadette, und die Eifersucht brannte in ihr. Alfons und sie waren seit ihrer Schulzeit zusammen. Er hatte immer nur Augen für sie gehabt. Und nun? Der alte Stech hatte sich wahrscheinlich ein junges Ding angelacht. Krankenhaus! Wie lächerlich.

Und damit sie ihm nicht auf die Schliche kommen konnte, hatte Alfons Leute angeheuert, die sie überwachen und einsperren sollten. Ohhhh – ohnmächtig vor Wut schlug Bernadette mit der Faust gegen die Tür. 

Eine Frau kam ins Zimmer. „Bernadette, was kann ich für dich tun? Möchtest du etwas trinken? Ein Glas Wein vielleicht? Komm doch rüber ins Wohnzimmer. und wir schauen zusammen fern.“

„Du bist nett – wer bist du`“ „Ich bin Isa, deine Schwiegertochter. Ich kümmere mich um dich (und das ist nicht lustig“ – ergänzte Isa in Gedanken. Denn die Betreuung einer Demenzkranken war alles andere als leicht. Und immens zeitaufwändig).“ Ach ja, Isa. So seltsam das Leben rund um Bernadette herum geworden war, mit der Zeit fasste sie Vertrauen zu Isa. Sie war immer freundlich, warf ihr nie vor, dies oder das vergessen zu haben. Sie half ihr beim Anziehen und wusch ihr die Haare. Isa war nett. Netter als der Mann, der sich als ihr Sohn ausgab.

Deshalb war Bernadette ehrlich betroffen, als sie ihre Schwiegertochter eines Morgens weinend am Küchentisch fand. Bernadette konnte gut zuhören. Oder so erscheinen, als höre sie zu. Tatsächlich war es ihr möglich, stundenlang still dazusitzen, den Blick in die Ferne gerichtet. Nach einer ganzen Weile brach es aus Isa heraus: ihr Mann, Bernadettes Sohn, hatte eine Geliebte.

„Er auch!“ rief Beradette, die genau verstanden hatte, was Isa gesagt hatte. „Naja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“. „Wieso?“ fragte Isa. Und Bernadette erklärte ihr, dass Alfons natürlich nicht im Krankenhaus war, sondern sich mit seiner jungen Geliebten im Urlaub befand.

Isa hörte fasziniert zu. Ihre Tränen versiegten. Statt, wie sonst, zu versuchen, Bernadette von ihrer fixen Idee abzulenken, hakte sie nach. Wie diese Geliebte denn aussähe. Wie alt sie sei. Und was Bernadette zu tun gedenke. Bernadette wusste zwar nichts über Alter und Aussehen ihrer Rivalin, aber dass sie sie mit der Walter PPK ihres Mannes, die sie zufällig in ihrer Handtasche gefunden hatte, erschießen würde, das war ihr klar. 

Am nächsten Tag erhielten Isa und ihr Mann einen Anruf aus der Klinik. Alfons sollte am nächsten Montag entlassen werden. Am Sonntag Nachmittag klingelte eine junge blonde Frau an der Tür. Sie hatte eine Mitteilung von Isa erhalten. Sie wollte sich mit ihr über Richard unterhalten, sie würde nicht sonderlich an ihm hängen, knüpfte an eine Trennung jedoch eine Bedingung. Darüber, so hatte sie geschrieben, wollte sie mit ihr sprechen.

Aber es war nicht Isa, die die Tür öffnete, sondern Bernadette. Isa war kreidebleich zu ihr ins Zimmer gestürzt und hatte gerufen: „Da steht eine junge Frau vor der Tür. Meinst Du, das ist Alfons Freundin?“ 

Bernadette war wortlos aus dem Zimmer gestürmt, mit der Handtasche am Arm. Sie ließ die junge Frau nicht zu Wort kommen, Der Schuss, den sie aus nächster Nähe abfeuerte, war natürlich tödlich.

Statt eine Haftstrafe zu verbüßen, wurde Bernadette in die beschützende Abteilung eines Bezirkskrankenhauses eingewesen. Als Demenzkranke war sie nicht schuldfähig. 

Alfons besuchte sie jeden Tag. Und kam auch jetzt nicht auf den Gedanken, eine andere Frau anzuschauen. Richard war durch die Ermordung seines Seitensprungs durch seine Mutter geläutert und betrog Isa nie wieder. 

Pause


Liebe Leser*innen – Weihnachten naht, und wir alle sind ziemlich stark mit den Vorbereitungen beschäftigt. Ich hätte trotzdem auch heute einen Minikrimi verfasst. Aber ich betreue seit vorgestern meine demente Schwiegermutter – spiele grade mit ihr Domino – und das nimmt mir viel Kraft. Abgesehen davon, dass ich ständig déjà-vu- Momente habe (wie sich das Verhalten dementer Personen doch gleicht, in vielem), ruft die Situation in mir Erinnerungen an meine Mutter und an unsere letzte gemeinsame Zeit sehr stark wach.

Ich habe meine Mum mit viel Liebe und Zuwendung gepflegt, und ich bin nach ihrem Tod erstmal sehr krank geworden. Dabei war ich so schwach, dass ich mich nicht aufraffen konnte, an mich und meine Heilung zu denken. All diese wird wieder lebendig.

Dazu die Weihnachtszeit, die wir immer sehr bewusst gelebt und genossen haben. Es ist nicht einfach, grade.

Deshalb heute also kein Krimi. Aber morgen!

Gute Nacht, ihr Lieben!

Adventskalender MiniKrimi vom 19. Dezember 2018


 

Der Tausch

Frank hatte sein ganzes Leben lang um sich gehabt. Als Kind. als Jugendlicher, und auch als Erwachsener. Bis auf ein kurzes Intermezzo an Akademie der Bildenden Künste in Wien war er immer für seine Mutter da gewesen. Nachdem der Vater gestorben war, erwartete sie von ihm ganz selbstverständlich, dass er seinen Platz einnehmen würde. Und das hatte Frank getan,  ganz selbstverständlich. Geld war genug da. Frank musste sich nur im seine Mutter kümmern, einmal am Tag kochen, jeden zweiten Tag eine Spritztour mit ihrem Sportwagen ins Blaue Land, einmal im Monat in den Zoo und am Sonntag essen gehen, mal im Bayerischen Hof, mal bei Schuhbeck. Die restliche Zeit verbrachte Frank damit, zu malen oder mit Freunden auszugehen. Aber nie nach Mitternacht, damit seine Mutter sich keine Sorgen zu machen brauchte. Sie wurde im Alter immer ängstlicher. Deshalb waren sie aus dem Haus in eine Wohnung in der Minervastraße gezogen.

Und dann starb seine Mutter. Ihr Tod kam weder plötzlich noch unerwartet, sie war weit über neunzig und inzwischen schon so dement, dass sie sich nicht mehr alleine zurechtfand. Aber Frank hatte insgeheim angenommen, dass sie ewig leben würde. Irgendwie.

Seitdem ertappte sich Frank dabei, ältere Damen zu beobachten. Im Sommer beim Spaziergang im Tierpark, in den er eigentlich nicht mehr hätte gehen müssen. 

Im Supermarkt um die Ecke, vor dem Regal mit den Keksen. Die alte Dame mit dem Kamelhaarmantel sah so aus, als könne sie genau die Sorte nicht finden, die sie am liebsten mag. Frank blieb neben ihr stehen, beobachtete sie. Sie sah ein bisschen so aus wie seine Mutter, und er wollte ihr helfen. Aber da griff sie zielsicher nach dem Shortbread und legt es in den Einkaufswagen.

Vor dem Schaufenster des großen Kaufhauses am Marienplatz. Diese alte Dame trug die Haare so kurz wie seine Mutter, die Lippen waren kräftig rot geschminkt – mit ungenauen Konturen, die Nägel rot und die Schuhe spitz. Unschlüssig tippelte sie von einem Fenster zum andern. Die Hüte oder die Röcke? Die Röcke oder die Hüte? Er näherte sich ihr, vorsichtig. „Möchten Sie einen anprobieren?“, wollte er grade fragen. Da kam unter den Arkaden ein korpulenter Herr herangeschossen. „Irmi, wo bist Du denn? Komm, die Kinder warten schon“, sagte er und zog die Dame am Ärmel weiter Richtung Marienplatz.

Als er den beiden nachsah, kam ihm auf einmal dieser Gedanke. „Warum nehme ich mir nicht einfach eine andere Mutter?“ Gleich darauf musste er lachen. Wie albern! Aber er legte den Gedanken nur beiseite, ohne ihn zu verwerfen.

Eine Woche später stand Frank an der Ampel an der Schleißheimer Straße. Da hörte er neben sich eine leicht verzitterte Stimme: „Junger Mann, würden Sie mich wohl über die Straße begleiten?“ Als die Ampel grün wurde, schritt Frank mit einer eleganten, zierlichen alten Dame im schwarzen Kostüm, mit Hut und Handschuhen, über die Straße. Drüben angekommen sahen sie sich an, und aus der Laune des Augenblicks heraus fragte er: „Kaffee?“

Abends machte er ihr pochierten Lachs, und als sie im Bett lag – er hatte die Daunendecke mit der Lieblingsbettwäsche seiner Mutter bezogen – las er ihr noch etwas aus dem Zeit-Magazin. „Morgen gehen wir in den Zoo“; sagte er, aber da war sie schon eingeschlafen. 

In den Spätnachrichten auf Antenne wurde die Meldung durchgegeben, dass Frau Mathilde Richter, 93, seit dem frühen Nachmittag vermisst wurde. Sie war im Entenbachstift zur Kurzzeitpflege untergebracht, während ihre Familie den Umzug in ein Haus mit Einliegerwohnung organisierte, wo die demente Mutter mit einer Pflegerin wohnen konnte. „Familie Richter vermisst ihre Mutter und Großmutter schmerzlich und hat eine Belohnung von 1000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgegeben“, hieß es. 

Frank brauchte kein Geld.

Wo Du bist?


Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. „Ciao Mamma“ denke ich und schlucke die Worte. Statt Deiner tapsenden Schritte schleicht Stille aus dem Zimmer die Treppe hinunter und umfängt mich in einer ungewollten Umarmung.

Wo magst Du sein? Irgendwo gefangen zwischen Welten, die Deinem Verstand längst verschlossen waren, diesseits wie jenseits? Oder frei schwebend, endlich wieder alles überblickend? Wo wärest Du gerne? Auf der Bank, den Blick in den himmelhoch ragenden Tannen? Im Hundepark, klatschend und nach Deinen Lieblingen rufend? Nein, am liebsten wärst Du zuhause. Bei Dir. Fünf Jahre lang hast Du Dich danach gesehnt, in in unserem Gästebett, auf dem schmalen Stadtbalkon, Eibennadeln kehrend im Gartenwinkel. „Es ist Zeit, dass ich nach Hause fahre“, hast Du gesagt, in den ersten vier Jahren. Und dann „Ich möchte nach Hause. Ich habe doch ein Haus, oder?“ Und schließlich: „Hatte ich nicht ein eigenes Haus?“ Und ich, als liebevolle Gefängniswärterin, schüttelte den Kopf: „Nein, Mamma, das ist lange her.“ Oder ich, als ungeduldige Aufseherin: „Das Haus ist schon lange verkauft. Du hast nur ein Zuhause, und das ist hier!“ Dein Kopfschütteln, Dein fragender Blick, Dein in-Dich-versinken.

Du fehlst mir. Aber den Schmerz dieser Leere würde ich gerne verdoppeln, in dem Bewusstsein, dass Du wieder so sein kannst, wie Du warst, vor der Auflösung Deiner Gedanken. Das wünsche ich Dir, nein, ich wünsche es mir. Ich möchte Dich gerne so sehen, frei, unbeschwert, hüllen- und grenzenlos. Ich möchte Dich gerne so fühlen, als warmen Hauch in meinem Haar, als zarte Berührung von irgendwoher.

AdventsKalender MiniKrimi vom 17. Dezember


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Saudumm.

Wie oft hatten sie es ihm gesagt? Morgens, mittags, abends – und zwischendurch, immer dann, wenn er wieder etwas falsch gemacht hatte, in dieser Welt, die nicht mehr seine war, von der er nicht wusste, wie er hineingeraten und noch weniger, wie er wieder herausfinden konnte. „Der linke Schuh kommt an den linken Fuß, nicht an den rechten.“ „Du musst die Hose runterziehen, BEVOR du dich aufs Klo setzt.“ „Erst abbeißen, dann kauen, dann schlucken. Schlucken, nicht SPUCKEN.“ „Ich habe wieder alles falsch gemacht, tut mir leid“, sagte er meistens schon, wenn er sah, wie sich die Zornesfalte auf der Pflegerstirn aufbaute. Obwohl er natürlich nicht wusste, wo der Fehler diesmal lag. „Mit meinem Kopf stimmt etwas nicht“, entschuldigte er sich. Und dann kam er, der Standardsatz. „Klar. Du bist eben dement.“ Und auch, wenn die Stationsärztin ihm jedesmal bei der Visite erklärte, dass es sich dabei um eine Krankheit handelte, sagten die Pflegerinnen und die Pfleger das doch so, als meinten sie: „du bist dumm. Saudumm.“

So fühlte er sich. Saudumm und absolut unnütz. Es gelang ihm nicht einmal mehr, den Salzstreuer auf dem Tisch zu finden, geschweige denn den Weg vom Speisesaal in sein Zimmer. Deshalb hatten sie ihm diese lächerliche Trillerpfeife um den Hals gehängt. So konnte er wenigstens auf sich aufmerksam machen, wenn er sich wieder verlaufen hatte.  Dabei hatte er früher alles gefunden – vor allem Mörder, Diebe und Tatmotive. Kein falsches Alibi war vor dem Kriminalkommissar sicher gewesen. Zum Glück erinnerte er sich nicht mehr an seine berufliche Vergangenheit.

Aber dann war plötzlich alles wieder da. Er stand im dunklen Flur und sah eine schwarz gekleidete Gestalt die Treppe hinauf schleichen. Unbemerkt – beinahe. Er hielt den Atem an und drückte sich in den Türrahmen. Braunländer. Auf dem Weg ins Zimmer von Dr. Wolf. Genau, wie er es vorhergesehen hatte. Der Mörder kehrt immer an den Ort des Verbrechens zurück. Vielleicht wollte Braunländer den Moment noch einmal auskosten, als er das Bündel Banknoten aus den Händen des toten Arztes nahm. Oder er wollte einfach sicher sein, dass er am Tatort nichts Kompromittierendes verloren hatte. Egal. Er war da, und für ihn war es nun an der Zeit, Verstärkung zu holen. Mit aller Kraft blies er in die Trillerpfeife.

Dann passierte alles gleichzeitig. Helles Licht flutete den Korridor. Die Stationsärztin öffnete die Zimmertür so abrupt, dass sie gegen den hoch erhobenen Arm des schwarzen Mannes stieß. Seine Waffe flog in hohem Bogen durch die Luft, der Pfleger Martin fing sie geschickt auf, während der Pfleger Florian sich auf den überrumpelten Eindringling warf.

„Und ich dachte, Sie sind dumm“, murmelte Schwester Sina bewundernd, während sie ihn am Arm nahm und in sein Zimmer begleitete.

„Egal, wen oder was Sie gesehen haben, Sie haben mir das Leben gerettet. Der Einbrecher war tatsächlich auf die Kasse aus, die der Geldtransport noch nicht geholt hatte“, sagte die Stationsärztin, als sie ihn ganz außer der Reihe besuchte. „Danke!“

 

AdventsKalender MiniKrimi vom 16. Dezember 2016


Heute ist die „Kacke am Dampfen“

Kein eigentliche MiniKrimi heute. Dafür gebe ich Euch einen Einblick in meinen ganz normalen kriminellen Pflegealltag…..nichts für Zartbesaitete, die können einen deftig-heftigen Mord wahrscheinlich besser vertragen.

Meine fast 92jährige demente Mutter hat der Infekt als letzte erwischt. Aber wenn es unterm Atem „brodelt“, steigt in der Familie die Angst vor einer Lungenentzündung. Und das vor Weihnachten! Also her mit den Antibiotika, sagt der Arzt. ER muss ja hier nicht Wache halten und die Nebenwirkungen beseitigen. Nach den ersten 1000mg wird der Atem deutlich leiser. Meiner nicht. Der geht immer schneller.

Denn in den letzten 4 Stunden habe ich 5 – ausgeschrieben FÜNF – mal megavolle Durchfallwindeln gewechselt. Eine alte Frau aus dem Bett in die Dusche geschleppt und gehoben, abgebraust, zurück ins – 3 mal frisch bezogene – Bett gepackt und daneben gewartet, bis das Laken wieder braun war.

Leute, die Frage, ob und wann und wie umfassend der nächste Shitstorm wird, ist dramatischer als jeder Thriller.

Deshalb hoffe, ich, dass ich morgen wieder einen kleinen feinen MiniKrimi schreiben kann. Und Ihr ihn lest, ohne die Nase rümpfen zu müssen. Gute Nacht….:!

 

 

WeiseN


Nicht nur Kindermund tut Wahrheit kund. Auch demente Menschen sagen oft Weisheiten und sehen die Welt aphoristisch.

„Die Welt ist sehr groß“, sagte meine Mutter heute im Gespräch mit der Logopädin. Und dann, auf die Bitte um eine Erklärung: „So groß, dass wir nicht wissen, was am Rand los ist“.

 

 

Ostern ichpunktnull


FreCruxiheit durch Hingabe. Die Botschaft von Ostern, sagte der Prediger im Festgottesdienst. „Halleluja“ händelte der Chor. Dann ich ging ich nach Hause. Frei. Und hingegeben. Meine Mutter wartete schon auf ihr Frühstück. Frohe Ostern wünschte ich ihr. Ostern, du weißt doch…. „Natürlich weiß ich. Ich weiß das viel länger als du!“ Sagt meine Mutter und knabbert an ihrem Toastbrot. Mäusebisse mit Mäusezähnen, die langsam schwarz werden, weil die Zahn- eine Haarbürste ist und die Zahnpaste Schuhcreme, für sie.

Stück für Stück gebe ich mich hin. Jahr für Jahr. Erst ein kleines. Morgens auf dem Tablett mit Kaffee und Toast. Dann noch eins, auf der Hunderunde. Trippeln statt laufen, mit sich wöchentlich verringerndem Radius. Schließlich am Tag, wachend über Schritte, die immer unsteter werden und schattenhafter. Und nachts, denn auch meine Träume gebe ich denkend hin.

Dabei erfahre ich täglich, dass es kein Maß gibt für die Art und Weise, wie ein Mensch sich verliert, keine Maßeinheit und keinen Rhythmus. „Geben Sie sich keinen Illusionen hin“, sagt der Neurologe. „Manchmal wird Ihre Mutter Dinge sagen, die Ihnen richtig und verständig vorkommen. Aber das sind reine Glückstreffer.“ Nein, sind es nicht. Wenn Sie durch das Autodach in den Abendhimmel schaut und mich auf die Schönheit der Wolkenfärbung hinweist, taucht sie tatsächlich auf aus dem Nebel, in dem sie wandern mag. Wenn ich ihr die Zahnbürste in die Hand gebe und sie damit ins Bad geht, Wasser laufen lässt, den Mund spült und gurgelt, dann habe ich ein Stück Erinnerung aus dem Nebel gezogen. Wenn ich „die Gedanken sind frei“ singe, im Refrain, immer wieder, und sie nach Minuten sagt: “ Gedankenfreiheit ist ein wichtiges Gut, und wir müssen darauf achten, dass wir es behalten, denn es gibt Länder, in denen das nicht so ist“, dann hat sie für einen Moment nicht nur ihre Beobachtungsgabe wieder gefunden, sondern auch ein kleines Stück ihrer Würde. So gut Pflegeheime sein mögen, diese winzigen, ganz persönlichen Dämme gegen das Vergessen können nur wir zu Hause bauen. Im Bewusstsein dessen, dass die Krankheit sie wieder einreißen wird. Dennoch.

Also ja. Freiheit durch Hingabe. Aber wie lange? Und: wann kann ich nehmen? Von wem?

Ich weiß ja nicht, wie es anderen pflegenden Angehörigen geht. Für mich ist Hingabe eine Aufgabe, hingeben jedoch bedeutet nicht aufgeben. Weshalb ich mich auch mir selbst hingeben muss, wenn ich frei sein und bleiben will.

Meine Hingabe. Meine Freiheit. Kann nur einen Inhalt haben: Schreiben. Das. Was. Wann? Immer dann.

Wenn ich zur Mutter werde für die Frau, deren Tochter ich bin. Wenn ich Entscheidungen treffe, die ein anderes Leben betreffen. Wenn ich auf Tagen balanciere zwischen Computer und Windeln, Haushalt und Terminen. An Abenden gegen Müdigkeit kämpfe wie Don Quichote. Ich kann und ich will und ich muss. Und ich werde. Um meines eigenen, kleinen, großen Ostern willen…..