Nach Corona ist vor Corona


Sie mehren sich – die Beiträge mit hoffnungsfrohen Visionen einer besseren Welt NACH Corona. Weniger Kapitalismus, mehr Ökobewusstsein, weniger Egoismus, mehr Gemeinschaft, weniger Kürzungen im Gesundheitssektor, mehr Gehalt für pflegende Berufe.

Ach ja – wie gerne würde ich, wie erstaunlich viele meiner Kolleg*innen, meine rosa Brille aufsetzen und diesen Wunschträumen nachhängen. Allerdings bin ich dazu entweder zu pragmatisch, oder ich lebe in einem Umfeld, das mir die Realität des menschlichen Wesens als Masse zu deutlich vor Augen führt. Jedenfalls kann ich Euch eines vorhersagen:

Nach Corona wird es genau so sein wie davor!

Naja, vielleicht nicht ganz. Die Ladenöffnungszeiten werden wahrscheinlich nicht mehr zurückgefahren – auf diese Gelegenheit haben grade in Bayern zu viele Politiker schon zu lange gewartet.

Einige werden aufgrund von Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust nicht das Geld haben, das sie gerne hätten, um von diesen verlängerten Konsumzeiten „vollumfänglich“ Gebrauch zu machen. Aber machen wir uns nichts vor: der Konsumismus wird nicht nur ungebrochen weitergehen. Er wird sich, wie ein allzu lange gestauter Fluss, erst einmal mit doppelter, dreifacher Wucht in die Einkaufsstraßen ergießen. Paare, Familien werden die Einkaufszentren stürmen, sich mit Plastiktüten beladen und sich nach physischen und finanziellen Kräften bemühen, die Konsumabstizenz wieder wettzumachen. Nicht anders als bei landläufigen Diäten wird der JoJo-Effekt eintreten.

Und sollten doch am Ende weniger Fugzeuge den Himmel Richtung all-Inclusive-Zielen durchspuren mit ihren Schleiern aus Kerosin, dann wird das nur daran liegen, dass die eine oder andere Fluggesellschaft Pleite gegangen ist.

An den Tankstellen werden endlich wieder die getunten Altautos Schlange stehen vor SB-Waschanlagen und Staubsaugern, mit ihren stolzen Besitzern, Cappuccino to go in der einen, Kippe in der anderen Hand, Schirmmütze ins Gesicht geschoben.

In den Parks, auf den Plätzen und Straßen werden sie sich stapeln, die unter 20jährigen, die endlich wieder die elterlichen vier Wände verlassen und sich, ohne Sorge vor Bullenkontrollen, mit einem Bier in der Hand und Stoff, egal welchem, zum Musikhören draußen treffen können.

Bin ich zu pessimistisch? Eine Misanthropin? Halt, nein! Es wird auch die anderen geben. Die Fitgejoggten, die auch nach Corona öfter mit dem Fahrrad fahren und nach der Arbeit weiterhin den Wald durchhasten.. Ich liebe sie – vor allem, wenn ich ihnen bei meinen Hunderunden begegne, wie sic, schwitzend, prustend und bar jeder Rücksichtnahme zentimeternah an mir vorbeischnaufen.. ich schwöre, Mann, ich habe noch nie so viel neue Funktionskleidung gesehen wie in den letzten beiden Wochen. Amazon sei Dank. Ja, für den Oniinehandel wird es nach Corona auch nicht mehr so sein wie davor. Die satten Gewinne dürften eine Zeitlang anhalten. Keine Sorge, eine Lohnerhöhung für die Mitarbeitenden, die sich während der Krise permanenter Ansteckung ausgesetzt haben, dürfte nicht eingeplant sein.

Deutschland ein Marathonland. Zum Corona-Ende den mega Marathon ausrufen – und endlich die Herdenimmunität herbeiführen … Oder einen landesweiten Wettbewerb „mein Haus/Garten/Balkon soll schöner werden“. Nachdem in den Wochen vor der Schließung der Gartencenter Tausende dort ein Happening in der Farben/Teich-/und Bauabteilung gefeiert haben, dürfen die Ergebnisse nach Corona allüberall zu bewundern sein. Dann wird es endlich wieder landauf, landab nach Grillkohle duften, und im großen Freundeskreis wird man sich bei Billigfleisch und Bier erinnern: „Weißt Du noch, als das anfing mit den Ausgangsbeschränkungen? Ja, da hab ich noch den letzten 10 Liter Eimar Insektengift ergattert und meinen Garten sommerfest gesprüht…“

Ja, meine Freund*innen. So wird das sein. Genau so. Nein, die Ausgangsbeschränkungen werden ganz sicher nicht aufrecht erhalten werden, im Gegensatz zu den Ladenöffnungszeiten. Und die Menschen werden keinen Deut anders sein als zuvor.

Also: gaudeamus igitur…! Genießen wir die saubere Luft, den blauen Himmel, das fehlende Kindergekreische, die gereinigten Straßen, die leeren Supermarktgänge und die Tatsache, dass wir uns unsere Zeit selbst einteilen können.

Vor allem aber: bleiben wir gesund. Obwohl wir eigentlich eher einmal krank und dann immun werden sollten, Ihr wisst schon, wegen der Herdenimmunität. Sonst dauert die „Corona-kRise“ am Ende noch ewig….

#wirbleibendrin. Notizen einer zwangsläufigen Wohngemeinschaft


„Kann ich mal die Butter haben?“ „Aber es ist nicht mehr viel da, lass uns was übrig. Morgen müssen wir einkaufen gehen“. „Ich hab Knieschmerzen, hoffentlich bin ich bis morgen wieder fit.“ „Ich find meine EC-Karte grade nicht. Ich beteilige ich mich dann am nächsten Einkauf.“ „Gibt’s noch Bratkartoffeln?“ „Ja, in der Küche……Du kannst schon mal was raustragen, wenn Du sie holst.“ „Ach, ich weiß nicht, mein Knie…“ „Wollen wir noch ne Runde Wizzard spielen?“

Zwei Männer über 60, eine Frau knapp darüber und eine über 70. Ein Alter, in dem man anfängt, sich „rein theoretisch“ überBetreutes Wohnen zu informieren, Mehrgenerationenhäuser. Wer kann ich schon darauf verlassen, dass das „Kind“ die Eltern einmal ernähren wird? Und beherbergen….

Und jetzt Corona. Was liegt näher, als dass sich vier Angehörige der Risikogruppe „Ältere“ zu einer solidarischen WG zusammentun? Gemeinsam einsam ist besser als alleine einer ungewissen Zukunft entgegenzuhocken, in vier Wänden, die mit jedem Tag näher auf einen zurücken. Also sind T und O zu M und R gezogen, in eine Doppelhaushälfte am Rand von München. M ist schon klar, dass sie damit im Falle einer Ausgangssperre prvilegiert sind – sie können zumindest die Sonnenstrahlen draußen genießen und können sich drinnen in einzelne Zimmer zurückziehen, bevor sie sich im Wohntzummer vor dem Fernseher wegen des Programms die Köpfe einschlagen. Die Hunde können durch den Park gegenüber in einen verwunschenen Wald. Das ist Luxus pur.

Aber wie alles hat auch dieser Luxus seinen Preis. In diesem Fall das Zusammenleben von vier voll ausgebildeten Persönlichkeiten, Individuen, jede und jeder mit sehr ausgeprägten Eigenschaften. Das kann ja heiter werden.

Leben und Sterben in Zeiten von Corona


Pestdoktor

Heben sich so die Menschen am Anfang der Pest-Epidemie gefühlt? Voller Angst, voller Unglauben, und gleichzeitig unwillig, konsequent das zu tun, was die Ausbreitung eindämmen könnte? Unzählige Bilder – jahrhundertealt und tagesaktuell. Tanzende Menschen, auf Plätzen, vor züngelnden Feuern, in hohen Hallen, Schatten auf Häusern, in Straßen. Geigen und Trommeln. Bässe und Beats. Und dann – Leere. Stille. 

Damals zogen sie von einer Stadt zur anderen, büßend die einen, plündernd die anderen. Heute schwärmen sie durch Supermärkte und Shoppingmalls, auf der Jagd nach Verzweiflungsschnäppchen. In Venedig tanzten sie im ausgehenden Mittelalter, bis sie zu Boden fielen und die Pestmasken auf den Wellen der Kanäle schaukelten. Letztes Wochenende feierte die venezianische Jugend, und als die Lokale geschlossen wurden, nahmen sie die Flaschen eben mit an den Strand.

Veranstaltungen über 1000 Personen absagen. Na gut – auch, wenn das verpasste Konzert, das Bundesligaspiel schmerzen. Aber jetzt auch noch auf den Kinobesuch verzichten? Den Zumbakurs? Das geht doch entschieden zu weit! Am Ende schließen sie auch noch die Schulen! Die Geschäfte! Diskotheken! 

Meine Familie in Italien berichtet von Ausgangssperren. Keine Gottesdienste mehr landauf. landab. Der Papst feiert alleine vor Fernsehkameras. Bei einer Mortalität von 10% ist dort auch den überzeugtesten Präventionskritikern das Lachen erfroren. Zu lange haben wir zu viel Nähe zugelassen, Küsschen links und rechts, gemeinsam gepflegtes Leiden in Bars und Restaurants. Nun ist das ganze Land eine Schutzzone. Und in München? Undenkbar!, sagen immer noch viele. Zu viele.

Die Wirtschaft stöhnt, und, ja!, für Freischaffende ist die Situation unter Umständen existenzbedrohend. Aber nicht lebensbedrohend – wie der Besuch eines Konzerts, eines Theaters, eines Festivals. Und zwar nicht einmal unbedingt für den Besucher selbst. Aber für seine Angehörigen, die vielleicht einer Risikogruppe angehören, weil sie alt sind, krank sind, weil, sie, wie ich, eine Immuntherapie machen, die die Reaktion ihres Körpers auf ein für viele harmloses Virus zum russischen Roulette werden lässt…. 

Seit gestern haben sich die Infektionen in München verdoppelt. Hey, Leute, das ist keine Laune der Natur. Und auch keine Grippe. Wir stehen damals wie heute am Rande der „Pest“. Und nur, weil wir unseren Konsumismus, unsere Gewohnheiten, unsere technische Überlegenheit nicht der Diktatur einer Krankheit unterwerfen wollen, riskieren wir die Eskalation?

Ich verstehe eigentlich nicht, warum es so schwer ist, sich einzugestehen, dass die Natur immer noch die Oberhand behalten kann. Auch in unserer Hightech-Gesellschaft. Und geradezu fassungslos stehe ich vor Auswüchsen des weltweiten Netzes, die CoVid-19 als Bioangriff eines verrückten amerikanischen Politikers entlarven, Geheimtipps zum Überleben preisgeben, wie das literweise Trinken heißen Tees, um das Virus im Hals abzutöten, oder 100% sichere Selbstdiagnosemaßnahmen anpreisen: einfach morgens für zehn Sekunden die Luft anhalten. Wenn Du das kannst, bist Du gesund. In einigen Whatsapp-Nachrichten wurden aus den Sekunden Minuten…… Auch eine hundert Prozent-Methode… 

Die allerbeste Nachricht aber ist diese: Hunde und Katzen haben in der Regel bereits eine Immunität gegen das Virus entwickelt. Diese können sie an ihre Besitzer weitergeben (ich glaube ja, das ist von einem ausgelaugten Tierheimbetreiber in die Welt gesetzt worden).

Wenn das öffentliche Leben sich nach innen kehrt, ist das kein Verzicht, sondern eine Umkehr, die ein Umdenken erfordert. Aber deshalb wird unser Leben nicht ärmer. Nur anders. Und auch, wenn Grenzen sich schließen – die Kommunikation über diese hinweg war noch nie so groß. Und so wichtig. Die Welt bricht nicht zusammen, wenn Kinder 6 Wochen keine Schule haben, die Wirtschaft Einbußen erlebt, statt jährlich neue Rekorde einzufahren, und wir unseren 6 Monate im Voraus geplanten All-Inclusive-Urlaub in einem Drittweltland nicht antreten können. 

Für die wenigen, die es noch nicht erfasst haben: Wenn Schulen, Läden, öffentliche Räume, Theater, Kinos geschlossen, Veranstaltungen verschoben oder abgesagt werden, geht es nicht in erster Linie darum, Gesunde zu schützen. Bei Kindern und Personen unter 50 ohne Vorerkrankungen geht Corona vorüber wie eine Erkältung. Und danach sind sie gegen diesen Typ immun. Es sind die Kranken und Alten, die gefährdet sind – und nein, ich befürworte eine solche demographische Bereinigung unserer Gesellschaft nicht! 

Wenn die Krankenhäuser mit Coronafällen überflutet werden, sinkt die Überlebenschance bei einem Schlaganfall, einem Herzinfarkt, einem unter normalen Umständen nicht lebensbedrohlichen Unfall auf ein Minimum. Das gilt es zu verhindern. Und es gilt, unser medizinisches Personal zu schützen.

Aber, Leute, und das ist die gute Nachricht: Corona ist eine außergewöhnliche Chance! Warum? Darum:

  • Weil weniger Aktivitäten der Menschen dem Klima nachweislich bereits gut getan haben! Die Stickstoffemissionen haben sich in China seit Corona deutlich verringert….
  • Weil weniger Konsum Grundvoraussetzung ist für das Nullwachstum, das für einen Klimawandel unabdingbar ist. Und die eine und der andere vielleicht in dieser Zeit des erzwungenen Verzichts lernen, die einfachen Dingen wertzuschätzen (frommer Wunsch – aber ich bin halt Christin).
  • Weil ein Verzicht auf Globales uns dem Regionalen wieder näher bringt. 
  • Weil einsame Waldspaziergänge gesünder sind als Shoppingtripps. 
  • Weil ein Babyboom gut ist für unsere Demographie.
  • Weil wir vielleicht keine Hände mehr schütteln können (in meinen Augen ohnehin eine hygienisch nicht zu rechtfertigende Unart), dafür aber mehr auf anderen Kanälen kommunizieren. Briefe schreiben. Emails. Telefonieren. 
  • Weil wir lesen können. Schreiben. Backen, Nähen. Meditieren. Ruhen. Entschleunigen. Beten.
  • Weil wir Mitmenschlichkeit leben und erleben können. Indem wir auf einander schauen und achten. Auf die Nachbarn, zum Beispiel.

Sicher habt Ihr noch viele weitere Gründe, warum Corona eine so nie dagewesene Chance ist. Schreibt sie mir!

Und ansonsten: bleibt gesund! Das schönste, was ich von „meiner“ Pfarrerin im Zusammenhang mit Hygienemaßnahmen erfahren habe: 30 Sekunden soll man sich die Hände waschen. 30 Sekunden – das ist so lange, wie das Beten eines Vaterunsers dauert!

Bei Anruf Schock


Heute ist wieder so ein Tag. Gestern auf FB und Twitter Hiobsbotschaften verschiedener Bekannter gelesen. Ich frage mich, womit ich verdient habe, wenn es mir gut geht? Und wie lange noch? Prompt bekomme ich Kopfschmerzen. Tumor? Metastasen? Oder doch der Heuschnupfen?

Ich nehme ein Medikament gegen die Allergie und warte darauf, dass die Wirkung einsetzt. Da klingelt das Telefon (komisch, wir sind in unserer Sprache so digitalisiert, haben wir für alle technischen Funktionen moderne Namen. Aber das Telefon klingelt nach wie vor. Auch, wenn es eigentlich singt, bellt oder ein ganzes Orchester auffährt. Das Smartphone übriges auch).

Das Telefon klingelt, und ich registriere mit Unbehagen die Meldung „Unbekannt“ auf dem Display. Ich mag keine Heimlichtuereien. In diesem Fall bestätigt sich mein Gefühl. Ein Mann meldet sich mit einem Wortschwall im Staccato-Ton, aus dem ich nur die Worte „Polizei“ und den Namen meines Mitbewohners herausfiltern kann. Ich frage nach, als Antwort nur die Gegenfrage, ob ich Herr XX sei. „Ich habe doch eine Frauenstimme“; will ich sagen. Erkläre dann aber – warum nur? – dass Herr XX nicht da sei. Darauf wieder das Staccatobellen mit den verständlichen Satzbrocken alte Dame, Überfall, nahe unserer Straße. Herr XX solle als Zeuge befragt werden. Und dann, aggressiv; „Wer sind Sie?“

Meine Liebe zur Polizei ist hinreichend bekannt. Ich werde langsam wütend. Gleichzeitig weiß ich: der Anrufer ist mitnichten ein Polizist. Als ich ihm sage, dass ich ihn kaum verstehe, brüllt er: „Sie sie schwerhörig?“ Ich bitte einmal, zweimal, dreimal, er solle mir die Nummer seiner Dienststelle geben, ich würde zurückrufen.

Als Antwort wieder nur ein Schwall unverständlicher Worte, zugleich mit einem Rauschen. Wo immer er stehen mag, er hat schlechten Empfang.

Mitten in seinem Reden lege ich auf. Frag mich: was sollte das? Bin ich jetzt in Gefahr?

Ich rufe unsere Polizeidienststelle an. Muss lange in der Leitung warten. „Sie sind ungefähr die Tausendste, die heute deshalb anruft. Die ziehen grade wieder einen üblen Rentner-Trick durch. Aber ich schicke Ihnen eine Streife vorbei, damit wir eine Strafanzeige ausfüllen können.“ Der Beamte scheint froh zu sein, in mir eine valide Zeugin zu haben. Eine, die noch gut hören und klar denken kann.

Ich bin eigentlich gar nicht zuhause. Ich muss arbeiten, und mittags dann zum Sport. Ich bin nämlich keine Rentnerin. Auch, wenn ich un halb elf noch ans Telefon gehe. Weil ich Freelaancerin bin.

Seitdem spiele ich unterschiedlichste Antwort-Szenarien mit dem unbekannten Anrufer durch. Immer mit mir als Heldin, die den Anrufer blamiert, verunsichert, erschreckt, zum Weinen bringt. Mindestens. Was mich am meisten schockt: Der hat mich offensichtlich für eine RENTNERIN gehalten.

Auf ein gesegnetes 2020!


Es kommt nicht auf die Minute an, nicht auf die Jahreszahl und nicht darauf, was wir bis heute 24 Uhr alles erreicht haben oder auch nicht. Der Zeiger rückt ein Stückchen weiter, und wir haben wieder die Chance, etwas besser zu machen als in der vergangenen Minute oder Woche. Im vergangenen Monat oder Jahr.

Ich nehme mir vor, morgen möglichst gut zu sein. Gut, in dem, was ich denke, sage und tue. Gut zu anderen. Gut zu mir. Wenn ich das morgen schaffe, ist das ein wunderbarer Anfang eines neuen Tages, Monats, Jahres. Wenn ich nicht mit mir zufrieden bin, habe ich übermorgen eine neue Chance.

Es sind die kleinen Schritte, die unseren Weg ausmachen. Sie sind überdies auch leichter zu planen und zu überdenken.

Ich glaube – hilf meinem Unglauben, so lautet die Jahreslosung 2020. Wie gut, dass ich immer unsicher sein darf, ungläubig, und stets einen neuen Versuch habe. Wie gut, dass mein Leben nicht passwortgesichert ist und dass ich so viele Fehler machen kann, wie nötig sind, ohne gesperrt zu werden. Was für Aussichten auf ein hoffnungsvolles neues Jahr.

Ich wünsche Euch allen ein gesegnetes, gesundes 2020. Mit Erwartungen, die so klein sind, dass ihr sie groß erfüllen könnt. Und mit Träumen, die so groß sind, dass sie euch treiben und leiten und begleiten. Vor allem aber mit Menschen, die Euch freundlich oder liebevoll zur Seite stehen. Und mit solchen, die Ihr hilfreich oder liebevoll begleitet.

Adventskalender Minikrimi am 23. Dezember


Unschuld

Bernadette verstand die Welt nicht mehr. Eigentlich schon seit langem. Es passierten immer wieder Dinge, die ihr  völlig unerklärlich waren. Ihre Handtasche wurde gestohlen. Später fand ihr Sohn sie zwischen den Schuhen. Oder ihr Mann war plötzlich verschwunden. Stattdessen saß ein Fremder neben ihr und wollte das Abendbrot mit ihr teilen. Später war ihr Mann wieder da und behauptete. er sei nie weg gewesen. 


Aber jetzt war alles noch viel schlimmer.Jemand hatte sich als ihr Sohn ausgegeben und sie gekidnappt. Nun saß sie in einem fremden Haus, mit Unbekannten, und sollte angeblich solange dort bleiben, bis ihr Mann aus dem Krankenhaus wiederkam. Als ob Alfons jemals krank gewesen wäre. Vielleicht war er mit einer anderen Frau in Urlaub gefahren? Na warte, dachte Bernadette, und die Eifersucht brannte in ihr. Alfons und sie waren seit ihrer Schulzeit zusammen. Er hatte immer nur Augen für sie gehabt. Und nun? Der alte Stech hatte sich wahrscheinlich ein junges Ding angelacht. Krankenhaus! Wie lächerlich.

Und damit sie ihm nicht auf die Schliche kommen konnte, hatte Alfons Leute angeheuert, die sie überwachen und einsperren sollten. Ohhhh – ohnmächtig vor Wut schlug Bernadette mit der Faust gegen die Tür. 

Eine Frau kam ins Zimmer. „Bernadette, was kann ich für dich tun? Möchtest du etwas trinken? Ein Glas Wein vielleicht? Komm doch rüber ins Wohnzimmer. und wir schauen zusammen fern.“

„Du bist nett – wer bist du`“ „Ich bin Isa, deine Schwiegertochter. Ich kümmere mich um dich (und das ist nicht lustig“ – ergänzte Isa in Gedanken. Denn die Betreuung einer Demenzkranken war alles andere als leicht. Und immens zeitaufwändig).“ Ach ja, Isa. So seltsam das Leben rund um Bernadette herum geworden war, mit der Zeit fasste sie Vertrauen zu Isa. Sie war immer freundlich, warf ihr nie vor, dies oder das vergessen zu haben. Sie half ihr beim Anziehen und wusch ihr die Haare. Isa war nett. Netter als der Mann, der sich als ihr Sohn ausgab.

Deshalb war Bernadette ehrlich betroffen, als sie ihre Schwiegertochter eines Morgens weinend am Küchentisch fand. Bernadette konnte gut zuhören. Oder so erscheinen, als höre sie zu. Tatsächlich war es ihr möglich, stundenlang still dazusitzen, den Blick in die Ferne gerichtet. Nach einer ganzen Weile brach es aus Isa heraus: ihr Mann, Bernadettes Sohn, hatte eine Geliebte.

„Er auch!“ rief Beradette, die genau verstanden hatte, was Isa gesagt hatte. „Naja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“. „Wieso?“ fragte Isa. Und Bernadette erklärte ihr, dass Alfons natürlich nicht im Krankenhaus war, sondern sich mit seiner jungen Geliebten im Urlaub befand.

Isa hörte fasziniert zu. Ihre Tränen versiegten. Statt, wie sonst, zu versuchen, Bernadette von ihrer fixen Idee abzulenken, hakte sie nach. Wie diese Geliebte denn aussähe. Wie alt sie sei. Und was Bernadette zu tun gedenke. Bernadette wusste zwar nichts über Alter und Aussehen ihrer Rivalin, aber dass sie sie mit der Walter PPK ihres Mannes, die sie zufällig in ihrer Handtasche gefunden hatte, erschießen würde, das war ihr klar. 

Am nächsten Tag erhielten Isa und ihr Mann einen Anruf aus der Klinik. Alfons sollte am nächsten Montag entlassen werden. Am Sonntag Nachmittag klingelte eine junge blonde Frau an der Tür. Sie hatte eine Mitteilung von Isa erhalten. Sie wollte sich mit ihr über Richard unterhalten, sie würde nicht sonderlich an ihm hängen, knüpfte an eine Trennung jedoch eine Bedingung. Darüber, so hatte sie geschrieben, wollte sie mit ihr sprechen.

Aber es war nicht Isa, die die Tür öffnete, sondern Bernadette. Isa war kreidebleich zu ihr ins Zimmer gestürzt und hatte gerufen: „Da steht eine junge Frau vor der Tür. Meinst Du, das ist Alfons Freundin?“ 

Bernadette war wortlos aus dem Zimmer gestürmt, mit der Handtasche am Arm. Sie ließ die junge Frau nicht zu Wort kommen, Der Schuss, den sie aus nächster Nähe abfeuerte, war natürlich tödlich.

Statt eine Haftstrafe zu verbüßen, wurde Bernadette in die beschützende Abteilung eines Bezirkskrankenhauses eingewesen. Als Demenzkranke war sie nicht schuldfähig. 

Alfons besuchte sie jeden Tag. Und kam auch jetzt nicht auf den Gedanken, eine andere Frau anzuschauen. Richard war durch die Ermordung seines Seitensprungs durch seine Mutter geläutert und betrog Isa nie wieder.