Die Krimi Miniaturen von „Ein bisschen Frieden“


Wie versprochen, hier die einzelnen „Miniaturen“ meiner Lesung. Ich bin gespannt, welche euch am besten gefällt. Pssst: „Karl-Heinz“ war offenbar der Publikumsliebling, armer Mann 🙂

„Schreiben Sie was über Frieden, Moser. Die Leute wollen im Sommer nichts über Krisen lesen.” Hohlmeier, seines Zeichens Chefradakteur des Irsinger Anzeigers, schiebt den breiten, in der engen schwarzen Jeans nur notdürftig bedeckten Hintern von Nadjas Schreibtisch.

Hohlmeier. Nomen es Omen, denkt Nadja. Und dann: typisch Boomer. Glaubt, schwarze Klamotten wären die Brutstätten von Kunst und Kreativität. Fehlanzeige.

Nadja, in weiten Hosen, Birkenstocks und bunten Motto-T-Shirts so ziemlich das genaue Gegenteil von Hohlmeier, ist „die Neue“ im kleinen Redaktionsteam des Lokalblättchens, das sich seit Jahren heldenhaft dagegen wehrt, vom großen Doppel M geschluckt zu werden. Entsprechend niedrig liegt die Latte für ihre redaktionellen Aufträge. Wenn der Chef will, dass sie „was über Frieden“ schreiben sollte, dann muss das so sein.

Obwohl Nadja das Thema furchtbar findet. Abgedroschen, in einem See rührseliger Klischees ersoffen – und absolut unpassend für Irsing.

Frieden? Echt jetzt? In dem Marktflecken streitet die Hälfte der knapp 5000 Einwohner seit zwanzig Jahren über einen Thujazaun am Gemeindezentrum, während die andere die Pläne für den neuen Maibaum jedes Jahr so lange diskutiert, bis es zu spät ist, weshalb sie immer noch um den alten, verwitterten tanzen, am 1. Mai.  Der Gemeinderat zerlegt sich bei jeder Sitzung selbst, das weiß Nadja aus erster Hand, weil sie schon so manchen endlosen Abend lang als Lokalreporterin dabeisitzen und viel Kaffee trinken musste, um nicht einzuschlafen. Sogar auf dem Friedhof gibt es keine Frieden, denn immer wieder werden dort Plastikblumen geklaut. Eine echte Idylle.

Andererseits… Der Friedhof! Ein Hof des Friedens. Und vielleicht ja ein ganz interessanter, weil unerwarteter Aufhänger für diese alberne Sommer-Friedens-Geschichte. „Alles klar. Da fange ich an“, denkt Nadja. Am Ende gibt es da ja wirklich allerhand friedliches zu entdecken. Und im besten Fall auch noch das eine oder andere skurrile Detail, um der Story Würze zu verleihen. Nadja liebt unerwartete Wendungen in ihren Artikeln. Und die Leserinnen und Leser auch. Das haben die in der Redaktion schon bemerkt. Sonst wäre es Hohlmeier gar nicht erst eingefallen, sie auf den Saure-Gurken-Quotenretter anzusetzen.

Gesagt, getan. Oder, wie die Gen Z, zu der Nadja gehört, sagen würde: „Bet“.

Es ist ein warmer Montagmorgen wie aus dem Bilderbuch – oder einem bayerischen Hochglanzprospekt. Irsing ist stolz darauf, eine Touristenattraktion zu sein. Jetzt keine spektakuläre wie Schloss Neuschwanstein, Starnberg oder Oberammergau. Aber geh – wer will da heute noch hin, also außer Chinesen, Millionären in Ausbildung und Wallfahrern. Irsing hat eine schöne Bergkulisse, eingebettet in einen oft blauen Himmel mit Obers-Tupfen, es hat verschlungene Gassen und Häuschen mit Lüftlmalerei und zugigen Fensterläden. Es hat einen Konsum, einen Brunnen, ein Herrenhaus und eine Kirche. Letztere liegt auf einem Hügel inmitten eines Friedhofs, wie geschaffen als Kulisse für einen Regiokrimi à la Leberkäs-Schmarrn. Oder so.

Am Ortsrand ist vor 40 Jahren eine Neubausiedlung entstanden, und direkt an der Ausfallstraße inzwischen auch ein Industriegebiet, komplett mit Sägewerk, Discountern und einem Hobbymarkt. Ja, dort hat sich sogar ein modernes Bestattungsinstitut niedergelassen, mit den irrwitzigsten Mod Cons für eine hippe Beerdigung und die standesgemäße Trauer danach. Das Institut bietet sogar Tierbestattungen an!

Wie? Ich schweife ab? Nein, nein. Ihr werdet schon sehen.

Mit einem echten Fotoapparat um den Hals und ihrem Notizbuch in der Tasche betritt Nadja den Kirchhof. Wie ein grüner Ring mit großen grauen Tupfen schmiegt er sich um die Kirche. Aus der Vogelperspektive sieht das ganz besonders malerisch aus.  Nicht, dass Nadja schon mal einen Ballon-, Paraglider- oder Segelflug über Irsing gemacht hätte. Aber die Redaktion hat – natürlich aus Recherchegründen – eine Drohne gekauft. Ein sehr nützliches Gerät, wie ihr sehen werdet.

Das Eisentor ist an einigen Stellen verrostet, der Hebel widersetzt sich beim Runterdrücken, und das Tor schwingt nicht ins Schloss zurück, sondern bleibt einen Spaltbreit offen. Groß genug für eine Maus, eine Katze im Jagdfieber oder eine fluchtbereite Seele. „So ein Schmarrn“, schimpft Nadja sich selbst. „Noch kaum richtig drinnen, und schon fängt deine Fantasie an zu spinnen.“

Sie schlendert den schmalen Kiesweg entlang, jetzt wieder ganz im Reportermodus. Die Grabsteine hier am Anfang sind alt, viele moosbewachsen und verwittert, die Gräber verwildert. Von den Menschen, die vor über hundert Jahren beerdigt wurden, ist sicher nichts mehr übrig als die Inschrift.

An einem Grab bleibt Nadja stehen. Es ist verwahrlost wie die meisten Gräber, aber am Grabstein schmiegt sich eine Kletterrose empor. Ihr knorriger Stamm hat nur eine Blüte hervorgebracht, ein dunkler Blutstropfen am grauen Stein. Nadja bückt sich, um die goldenen Zeilen zu lesen, die ihr entgegen leuchten. Fast so, als ob jemand sie liebevoll gereinigt hätte, damit die Tote nicht vergessen wird.

Hier ruht Anna S.
geb. 1898 in Ostpreußen – gest. 1923 in Irsing

Ein stilles Leben, in fremden Häusern verbracht,
ein junges Herz, im Schmerz der Stunde gebrochen.
Hier ruht sie, namenlos im Urteil der Zeit,
doch nicht vergessen vor Gott.

…Und von jemand anderem, denkt Nadja. Jemandem, der die Buchstaben vom Schmutz befreit, damit die Erinnerung an sie und an ihr Schicksal lebendig bleibt. Auch nach über 100 Jahren.  „Im Schmerz der Stunde gebrochen“. Was konnte das Herz einer jungen Frau damals brechen? Im Schmerz. In einer Stunde?

Sie ist bestimmt bei der Geburt gestorben. Die Muttersterblichkeit war, Semmelweis zum Trotz, damals noch ziemlich häufig, vor allem bei Hausgeburten. Anna war sicher arm – und wahrscheinlich sogar vom ihrem Arbeitgeber entlassen. Wohl eher verstoßen, denkt Nadja. Ihre Fantasie arbeitet jetzt wieder auf Hochtouren.

Wo hat Anna wohl gearbeitet? Wahrscheinlich auf dem Gutshof. Der gehörte damals schon seit Generationen der Familie von Weiden. Weidenhof hieß das Gut wohl, aber heute sagen die Leute hier meistens einfach Gut Irsing. So steht es auch auf den Hinweisschildern. Aber die sind schon alt und genauso verwittert wie die Grabsteine im alten Teil des Friedhofs und ein weiterer Streitpunkt im Gemeinderat. Die einen, die Jungen, meinen, die müssten weg, weil sie fälschlicherweise „suggerieren“, dass der Gutshof noch aktiv und zu besichtigen sei, vielleicht sogar mit einem Hofladen voll erlesener Marmeladen und selbstgebrannten Schnäpsen. Wobei das Gut nur noch aus dem Herrenhaus und ein paar baufälligen Schuppen besteht, und beides könnte nicht einmal mehr als Kulissen für Inspector Barnaby’s Midsomer Murders herhalten.

Das Land, das Edmont von Weiden bis zu seinem Tod Anfang des Jahrtausends noch nicht verkauft hat, ist heute komplett verpachtet und sichert seiner einzigen Tochter Amelie ein sehr bescheidenes Einkommen. So bescheiden, dass Amelie für ihr Auskommen in einem der Schuppen einen wackeligen Rokokoschrank aufgestellt und mit allerlei Marmeladengläsern befüllt hat. Die verkauft sie an die paar Leute, die sich dank Hinweisschildern und Google Maps bis zu ihr verirren.

Und solange Amelie ihre Marmeladen verkauft, haben ebendiese Schilder einen Sinn, behauptet die andere Hälfte des Gemeinderates. Die besteht übrigens vor allem aus älteren Herren, die Amelie schon in ihrer Jugend kannten, als sie eine bis nach München bekannte Schönheit war. Schön ist sie immer noch, und die Jungen im Gemeinderat glauben, dass sie ihre treugebliebenen Verehrer regelmäßig nicht nur mit Marmelade, sondern auch mit Schwarzgebranntem versorgt.

Natürlich wissen diese jungen Leute nicht, dass sie falscher nicht liegen könnten, mit ihrer Vermutung. Amelie war noch nie gastronomisch begabt und ist völlig unfähig, etwas Genießbares herzustellen, weder in fester noch in flüssiger Form. Aber sie ist kreativ und eine Künstlerin. Wo im Herrenhaus die Tapete abgeblättert ist, hat sie sie z.B: mit eigenhändigen Wandbildern dekoriert. Große tropische Landschaften mit Fabelwesen. Sehr eindrücklich.

Und was die Marmelade betrifft – die kauft Amelie beim Discounter, am liebsten herabgesetzt wegen des Verfallsdatums. In ihrer Küche, in der sich seit den 1970er Jahren nichts verändert hat, entfernt sie sorgfältig die Etiketten und beklebt Gläser und Deckel mit kunstvollen selbstgestalteten Wapperln. „Gut Weiden’s echte Erdbeermarmelade. Aus Tradition lecker.“

Ja, die von Weidens waren schon immer eine ganz besondere Spezies. Amelies Großvater, Max von Weiden, soll ein rechter Hallodri gewesen sein, ein Frauenheld, der nichts anbrennen ließ. Das hat Nadja in einer Chronik über Irsing im letzten Jahrhundert gelesen, als sie etwas Lokalkolorit für einen Beitrag „Irsing gestern und heute“ in der Festschrift zum 150-jährigen Bestehen gebraucht hat.

Amelie ist heute 82, also ist sie 1944 geboren. Ihr Großvater Max von Weiden muss in den 1920er Jahren in der Blüte seiner Männlichkeit gestanden haben. Und auf dem Gipfel seines Treibens. Was, wenn die arme Anna aus Ostpreußen dem schicken Gutsherrn verfallen war, mehr oder weniger freiwillig, und dann, als ihre Verfehlung – die natürlich nur ihr und nicht Max angelastet worden war – offensichtlich wurde, vom Hof gejagt worden war?

Die Arme. Ganz allein in der Fremde. Wie hat sie das Kind zur Welt gebracht? Und wo? Vor allem: was ist mit dem Kind passiert? Irgend jemand pflegt Annas Grab bis heute. Soviel steht fest. Von wegen „Frieden“. Nadja wird der Sache auf jeden Fall auf den Grund gehen. Auf eigene Faust, wenn’s sein muss. Und nach dem verdammten Friedens-Artikel.

Frieden hat viele Gesichter. Nadja holt ihr Notizbuch aus der Tasche und schreibt: „Vielleicht bedeutet Frieden manchmal, Abbitte zu leisten für Fehler, die man selbst nicht begangen hat, die einen aber trotzdem belasten.“

„Ruhe in Frieden, liebe Anna“, flüstert Nadja und streichelt mit sanften Fingern die blutrote Rose. Plötzlich hat sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie dreht sich um. Aus den Augenwinkeln sieht sie etwas Schwarzes weiter vorn zwischen den Gräbern umher huschen. Suchend? Oder bloß ein Schatten? Ein sich im Wind bewegender Lindenast, schwer von Blättern und Blüten?

Der Duft weht ihr entgegen, und Nadja verlässt den alten Teil des Friedhofs. Ihre Schritte knirschen auf dem Kies. Es muss ein Schatten gewesen sein, denkt sie. Ich habe ja nichts gehört. Der neuere Friedhofsteil wird von Linden gesäumt. „Am Brunnen vor dem Tore“, summt sie. Das Lied hat ihre Großmutter ihr vorgesungen, zum Einschlafen.

Mit der Vorstellung, unter einer üppigen Linde zu liegen und den herrlichen Blütenduft einzuatmen, schlief die kleine Nadja immer schnell und glücklich ein. Dabei ist das alles andere ein friedliches Schlaflied. Der Text entstand in der Zeit der Befreiungskriege im 18.-19. Jahrhundert und erzählt von der Sehnsucht eines Wanderers, der in den Kämpfen gegen Napoleon alles verloren hat.

Frieden, denkt Nadja, kann auch eine unstillbare Sehnsucht sein.

Da – wieder dieser Schatten. Vorne, neben dem weißen Marmorstein, vor dem so viele Gegenstände stehen, sogar ein Miniatur-Motorrad. Neugierig nähert sich Nadja dem Grab.  

„Moped“-Markus Kerber
1998-2020

Deine Liebe war die Straße.
Dein Leben war ein Rennen bis zur letzten Kurve.
In unseren Herzen fährst du weiter.

Moped-Markus. Nadja hatte keine Ahnung, dass der hier liegt. Markus war so alt wie sie. Wenn sie bei ihrer Oma in Irsing zu Besuch war, hat sie mit ihm gespielt. Am Bach Dämme gebaut. Auf dem Schulhof geskatet. Später, als Naja nicht mehr so oft kam, sah sie Markus und seine Clique bei der Kirchweih. Einmal hatte er den Maibaum bewacht. Sie findet, das Bild auf dem Grabstein zeigt ihn genau so, wie er war. Schwarze Lederjacke mit langen Fransen, schwarzes Halstuch und vom Helm zerdrückte Haare. Ja, Motorradfahren war seine einzige Leidenschaft.


Obwohl – Nadja muss plötzlich daran denken, als sie Markus zum letzten Mal gesehen hat. Auf der Kirchweih 2020. Das muss kurz vor seinem Tod gewesen sein. Da saß er nicht auf seinem Moped – einer KTM 125, auf den ersten Blick harmlos, wegen ihrer technischen und optischen Anpassung aber eine wahre Rennmaschine. Schnell unterwegs und kaum zu stoppen.

An jenem Abend aber saß Moped-Markus auf einer Bank hinter dem Festzelt und war intensiv mit Kathi beschäftigt. Kathi Unterhuber. Zwei Jahre jünger, blond, absolut fesch, Azubine im Betrieb von Alfons Brunner und die Verlobte von Brunners Sohn Fabian. Kathi nahm den Mund manchmal recht voll. An diesem Abend wahrscheinlich mit Markus‘ Zunge. So sah es zumindest aus. Oh, oh, hat Najda damals gedacht, wenn das mal nicht böse endet. Schließlich weiß jeder, dass bei so einer Kirchweih selbst das Zelt Augen und Ohren hat.

Najda bezweifelte damals stark, dass das Geknutsche von Markus und Kathi unbeobachtet geblieben war. Genaues hat sie aber nie erfahren. Kein Wort hat sie gehört, denn niemand hat darüber gesprochen,  selbst die schlimmsten Tratschweiber nicht (das sind übrigens ein paar alte Männer im Ort), bis heute nicht.

Am wenigsten hat die Kathi gesagt. Dafür hat sie schon ein Jahr nach Markus Tod den Flo geheiratet.

Sehr zu Nadjas Verwunderung. Denn immerhin war es der Flo mit seinem Traktor gewesen, der ganz plötzlich aus dem Feldweg hinter der Kurve aufgetaucht war. Markus hatte keine Möglichkeit gehabt, auszuweichen, beim Bremsen war die Maschine ausgebrochen und Markus gegen einen Baum geprallt. Ende Gelände.

Nadja hat sich immer gefragt, was Flo damals eigentlich am Unfallort zu suchen hatte. Auf einem fremden Feld mit einem geliehenen Traktor.

Vielleicht sollte ich doch mal wieder die Kathi besuchen, denkt Nadja.

„Frieden kann auch bedeuten, dass ich mich mit dem Unausweichlichen abfinde“, schreibt sie in ihr Notizbuch.

Und wieder hat Nadja das Gefühl, nicht alleine zu sein, auf dem Friedhof. Um diese Zeit sind nur wenige Besucher hier. Vielleicht fällt sie auf, weil sie ziellos umherschlendert?

Ein großer Granitblock thront über einem Doppelgrab.

„Ruhe in Frieden, Karl-Heinz”, steht auf dem Stein. Und darunter

Karl-Heinz Müller, OStR
1951-2025

Das Grab ist mit farbenfrohen Geranien bepflanzt. Rot, rosa, weiß. Eine Dame kommt mit einer Gießkanne den Weg herunter. Sie setzt sie vor dem Grab ab und fängt an, welke Blüten zu zupfen. Dabei summt sie fröhlich vor sich hin. Nadja traut ihren Ohren nicht. „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liehiebe nicht“.

Unwillkürlich bleibt sie stehen und schaut sich die Dame genauer an. Sie muss so um die 70 sein, sportlich in einem hellblauen Hemdblusenkleid, pinken Birkenstocks und tiefrotem Nagellack an Händen und Füßen. Die Haare ein frecher blonder Bob, die Lippen kirschrot.

„Alles, alles, alles geht vorbei, doch wir sind uns treu“.

„War das Ihr gemeinsames Lieblingslied?“ Nadja lächelt mitfühlend. Der Mann ist noch nicht allzu lange tot. Wahrscheinlich spürt die Witwe seine Nähe und bringt ihm ein Ständchen, sozusagen.

„Was? Dieses Lied? Nö. Karl-Heinz hat es gehasst. So eine Schnulze. Nein, für ihn gab es nur Wagner. Am liebsten den Ring des Nibelungen. Dadadàdaaa da, dadadàdaaa da, dadadadaaaaaaa. Schrecklich. Jedes Jahr waren wir auf dem grünen Hügel. Mit dem Geld, das er für die Karten und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth ausgegeben hat, hätten wir uns ein Häuschen auf Malle kaufen können. Aber da wäre er natürlich nie hingefahren. Ins „Putzfrauenparadies“.

„Sie vermissen ihn aber schon, oder?“ Nadja ist sich nicht sicher, was sie von der Dame halten soll. Und von ihren Äußerungen über Karl-Heinz. So liebevoll, wie sie das Grab pflegt, muss sie ihn doch gemocht haben.

Die Witwe überlegt. „Naja. Sagen wir so: Ich bin ihm sehr dankbar.“

„Weil?“ Jetzt ist Nadja wirklich neugierig.

„Ach ja“, seufzt die Witwe. Sie setzt sich auf die Bank unter der Linde am Grab und tätschelt mit der Hand auf den freien Platz neben sich.

„Karl-Heinz war kein einfacher Mensch. Wer ist das schon? Aber er war wirklich besonders. Er war Oberstudienrat, wissen Sie. Das Leben in der Schule und das Leben daheim gingen für ihn nahtlos ineinander über. Wir haben uns in der Sparkasse kennengelernt, als ich da in der Ausbildung war. Die habe ich dann nicht beendet. Meine Frau muss nicht arbeiten, hat Karl-Heinz immer gesagt. Dabei habe ich zu Hause rund um die Uhr gearbeitet. Putzen, waschen, bügeln, kochen. Und dazu noch den Garten. Karl-Heinz liebte die Ordnung. Seine Ordnung. Er wusste und er konnte alles, und das am besten.  Das Essen zu kalt, zu warm, zu salzig, zu lasch. Die Hemden zu steif oder zu verkrumpelt.“

Nadja nickt verständnisvoll. Ja, solche Menschen gibt es. Ihr Chefredakteur, zum Beispiel.

„Aber er hat ja nicht nur an mir rumgemeckert. Er hat mit allen gestritten. Mit den Nachbarn wegen der Hecken, oder weil der Bub mal um fünf vor drei schon Klavier geübt hat. Mit dem Briefträger, weil er die Post nicht ordentlich in den Briefkasten gelegt hat. Wegen der Kirchenglocken hat er sogar den Kardinal angeschrieben, weil die zu laut waren. Seiner Meinung nach.“

Ja, daran erinnert sich Nadja. Er hatte nicht nur dem Kardinal geschrieben, sondern sich auch in Leserbriefen bei der Zeitung über den Glockenlärm beschwert.  Karl-Heinz war wirklich ein Querulant, wie er im Buche steht.

„Hm. Da haben Sie ja kein leichtes Leben gehabt,“ sagt sie. „Und trotzdem sind Sie ihm dankbar? Das finde ich richtig toll.“

„Toll? Keine Ahnung. Aber ja, ich bin ihm dankbar. Endlich bin ich frei. Ich hatte vor 2 Jahren ein ganz schlimmes Magenproblem, wissen Sie. Mein Mann hat damals behauptet, ich hätte die falschen Pilze gesammelt. Ausgerechnet. Ich geh in die Pilze, seit ich ein Kind war. Ich kenne sie alle. Danach haben wir eine Lebensversicherung abgeschlossen. Also er. Für uns beide. Tja, und jetzt ist er tot. Und mir geht’s richtig gut.“

„Das freut mich. Also, dass es Ihnen gut geht und Sie nicht mehr krank geworden sind. Nicht, dass er tot ist. Woran ist er denn gestorben?“

Die Dame schaut Nadja an. Ohne zu blinzeln, ohne mit der Wimper zu zucken, sagt sie: „An einer Magenvergiftung.  Nach einer Pilzsuppe. Wie das Leben so spielt. Wissen Sie, manche Menschen bringen Frieden ins Haus, wenn sie eintreten. Andere, wenn sie es verlassen.”

Nadja starrt die Dame an. Die lächelt und fragt: „Übrigens, kennen Sie den? Eine Frau steht am Grab ihres Mannes und gießt die Blumen. Kommt eine Freundin vorbei und sagt: Hast du’s gut. Du gießt schon. Ich muss noch kochen.“

Damit steht sie auf, nimmt die Kanne in die Hand und fängt an, die Geranien zu wässern. Liebevoll, Pflanze um Pflanze. Dabei summt sie: „Marmor, Stein und Eisen bricht…“

Nadja klappt ihr Notizbuch auf und notiert:

Vielleicht ist Frieden manchmal die Entscheidung, sich selbst zu befreien.

Nadja steht auf. Die Linde duftet. Ein Rotkehlchen zwitschert. Eine Amsel singt mit. Wie friedlich! Und dann… kaum schaust du hinter die schön geputzten Grabsteine: Mord und Totschlag. Sogar im wahrsten Sinn des Wortes. Ganz wie im richtigen Leben. Nadja grinst.  Sie ist sich nicht sicher, ob ihr Artikel den Vorstellungen des Chefredakteurs entsprechen wird. Bzw. ist sie sich sehr sicher, dass er etwas ganz anderes erwartet. Aber so ist das eben. Krieg und Frieden. Ein Kreislauf.

Hinter einem Grab in der nächsten Reihe Richtung Mauer, knackt ein Ast. Laut. Nadja schaut schnell in die Richtung des Geräuschs. Etwas Schwarzes bückt sich hinter einen monumentalen Grabstein und untersucht die Buchsbaumumrandung. Als er aufsteht, sieht Nadja, dass es sich um einen Mann handeln muss. Eher jung, mutmaßt sie anhand der schnellen Bewegungen. Und trotz des sonnigen Wetters ganz in Schwarz gekleidet: Jeans, Kapuzenshirt und sogar die Turnschuhe.

Was sucht der hier?, fragt sich Nadja. Einen Angehörigen? Sie kann sich nicht erinnern, den Typen schon mal in Irsing gesehen zu haben. Obwohl – bei der Verkleidung könnte es praktisch jeder Jugendliche aus dem Ort sein. Aber nein, der würde nicht so heimlichtuerisch auf dem Friedhof herumschleichen, sondern wüsste genau, wo der Opa liegt. Außerdem hat der Mann ganz offensichtlich keine Blumen dabei..

Ob einheimisch oder nicht – das Ganze wirkt irgendwie unheimlich. Das mag an den gruseligen Geschichten liegen, die sie sich ausgedacht und angehört hat. Aber nein. Nadja ist sich sicher: da stimmt was nicht. Betont unauffällig schlendert sie dem Mann hinterher, Notizbuch in der Hand, und tut immer wieder so, als würde sie sich zu dem einen oder anderen Grab etwas aufschreiben.

So durchqueren die beiden – Verfolgter und Verfolgerin – fast den ganzen Friedhof. Jetzt geht er die letzte Grabreihe an der Friedhofsmauer entlang. Die lichten Linden sind dunklen Tannen mit tief herabhängenden Ästen gewichen, und obwohl die Sonne vom strahlendblauen Himmel scheint, ist es hier dunkel und kühl. Die Luft riecht modrig, kein Vogel singt in den Bäumen, und um die Grabmale herum schwirren Miriaden von kleinen Fliegen.

In diesem Teil des Friedhofs liegen keine einfachen Leute begraben. Hier fanden in vergangenen, glorreicheren Zeiten die Honoratioren des Ortes ihre letzte Ruhe. Statt mehr oder weniger schlichten Kreuzen aus Holz oder Schmiedeeisen an heckenumwachsenen Beeten thronen hier richtige Mausoleen – oder das, was ihre Erbauer dafür hielten. Miniaturschlösschen aus Stein mit eingelegtem Marmor, einem überdimensionalen Engel, der eher das Tor zum Hades als einen Himmelspfad zu bewachen scheint, manche mit Stufen, auf denen eine steinerne Bibel liegt. Pfarrer, Bürgermeister, ein Komponist (Kirchenmusik, keine Schlager, wo denkt ihr hin), sogar ein Bischof, wie Nadja aus den Inschriften abliest.

Und schließlich das Mausoleum der Familie von Weiden. Ganz aus Marmor, glänzend, nicht vom Efeu überwuchert. Auf der obersten Stufe stehen zwei Vasen aus Carrara Marmor mit üppigen Sträußen weißer Lilien. Sie verströmen einen betörenden, süßlichen Duft. Totenblumen. Nadja mag sie nicht. Aber jemand muss dieses Grab pflegen und die Blumen wässern. Täglich, bei diesen Temperaturen. Gerade will Nadja sich dem Mausoleum nähern, um zu lesen, wie viele Generationen von Weiden hier gelagert werden – gestapelt, vielleicht sogar, denn so viel Platz ist im Innenraum nicht, da sieht sie den schwarzen Mann heranhuschen. Schnell versteckt sie sich hinter einem massiven Granitblock, der aussieht, als sei er der Lorelei nachempfunden, samt Sirene.  

Die Reporterin zoomt die Szene mit ihrem Fotoapparat heran und sieht, dass der Mann sich an der gusseisernen Gießkanne zu schaffen macht, die, von großen Farnen getarnt, an der Rückwand des Mausoleums steht.

„Was zum T…?“ Es knackt auf dem trockenen Boden unter den Tannen. Im Zoom sieht Nadja eine zweite Gestalt heranschleichen. „Kann denn hier niemand ganz normal gehen?“, fragt sie sich. Die Gestalt ist ebenfalls schwarz gekleidet. Weite Hosen, weites Shirt und breiter Hut. Dunkle Sonnenbrille. Spitzer Schirm. Schirm? Es ist eine Frau, ganz sicher. Hier im Schatten wird die kaum was sehen, denkt Nadja. Und richtig, die Frau stolpert über eine Wurzel. „Sch…“, entfährt es ihr.

Der junge Mann dreht sich um. Sieht die Frau, zögert nur kurz und geht dann langsam und drohend auf sie zu, die Gießkanne in der Hand. „So hast du dir das gedacht, was? Mich von hinten überfallen, mit dem Schirm erstechen und mit dem Klunker abhauen, ohne mich zu bezahlen. Das könnte dir so passen.“ Er hebt die Kanne und holt zum Schlag aus.

„Hey, stopp. Sofort! Polizei!“, schreit Nadja und kommt aus ihrer Deckung hinter dem Granitblock hervor. Amtsanmaßung ist zwar eine Straftat, in einer Notsituation wie dieser würde sie aber straffrei ausgehen, weiß die Redakteurin. Vorausgesetzt, Nadja käme in Erklärungsnot, weil die richtige Polizei just in diesem Augenblick auftauchen würde. Was sie nicht tut. Immerhin ist das hier ein Friedhof am hellichten Tag und keine Demo.

Wenn sie allerdings gedacht hat, dass die beiden nun einfach stehenbleiben und die Sache – vielleicht ja nur ein Missverständnis – in Ruhe klären, hat Nadja sich verschätzt.

Der junge Mann schaut Nadja entsetzt an, ruft „Die Bullen! Scheißdreck, verdammter!“ und rennt Hals über Kopf davon, Haken schlagend wie ein Feldhase auf Flucht vor dem Jäger. Dabei kommt er Nadja so nah, dass sie ihn am Ärmel packt. Er reißt sich los und stürmt weiter – ohne zu merken, dass ihm eine kleine Schachtel aus der Kängurutasche seines Hoodies gefallen ist.

Nadja bückt sich, hebt das Schächtelchen auf und sieht sich nach der Frau um. Aber auch die ist nicht etwa stehengeblieben, sondern wurde offenbar bei dem Wort Polizei von dem gleichen Fluchtinstinkt erfasst wie der junge Mann.  

Statt quer über den Friedhof zu rennen, hält sie sich dich an der Mauer. Offenbar kennt sie das alte, verrostete Türchen, das heute zwar verschlossen ist, aber von einer halbwegs sportlichen Person mühelos übersprungen werden kann. Genau das tut die Frau, als Nadja sie entdeckt.

„Zu spät,“ flüstert die Reporterin enttäuscht. Sie setzt sich auf die unterste Stufe des jetzt wieder verwaisten Mausoleums und denkt nach. Was war das eben? Ein weiblicher Stalker auf Beutezug? Ein diebischer Gärtner? Dann fällt ihr das Schächtelchen ein. Es ist eine kleine Schmuckschatulle. Darin liegt ein blau schimmernder Diamant, in ein Platinband gefasst. „Oha, dann war das wohl sowas wie eine Lösegeldübergabe bzw. ein Tauschgeschäft. Deshalb keine Polizei. Und ich hab’s vereitelt.“


Aber was jetzt? In der Schatulle steht kein Hinweis auf den Besitzer oder den Juwelier. Lediglich eine Inschrift auf dem Platin: „Auf ewig dein.“

Was mache ich jetzt? Nadja ist ratlos. Ich kann ja schlecht in ganz Irsing rumlaufen und fragen, ob jemandem ein Diamant gestohlen wurde. Ich könnte das natürlich in die Zeitung setzen. Aber dann meldet sich womöglich der halbe Ort. Oder niemand, warum auch immer.

Auf dem Weg vom Friedhof in die Redaktion hat sie eine Idee. Verwegen vielleicht, aber ungewöhnliche Umstände erfordern manchmal auch ungewöhnliche Mittel. Wozu ist sie Redakteurin und in Punkto Recherche super fit?

„Na, fertig mit dem Artikel?“, fragt Hohlmeier und schickt sich an, sich wieder auf die Kante von Nadjas Schreibtisch niederzulassen. Zumindest halb.

„Noch nicht ganz“, antwortet sie und schiebt das Bein ihres Chefs beiseite, um die Schublade zu öffnen und die Drohne rauszuholen. „Ich will noch ein paar Flugaufnahmen von Irsing machen, unter der Überschrift: „Unser friedliches Irsing. Ok?“

„Naja, ist ja nicht gerade der Brüller“, brummt Hohlmeier. „Aber passt zu Ihnen. Machen‘s weiter, Moser. Zum Wochenende steht der Artikel in der Zeitung.“

„Alles klar, Chef“, murmelt Nadja, schnappt sich die Drohne samt Zubehör und geht zurück zum Friedhof.

Das Schwierigste ist, einen geeigneten Beobachtungsposten zu finden, von wo aus sie die Drohne starten lassen kann. Der Platz ist zwar nicht gerade überlaufen, aber es sind schon ein paar Besucher da, vor allem ältere Damen, die die Gräber ihrer Liebsten pflegen. Nadja entscheidet sich für ein verfallenes Grabmal hinter der Kirche, direkt an der Mauer. Da ist am wenigsten los, und sie kann in Ruhe den Flug der Drohne und die Bilder auf ihrem Laptop verfolgen. Bis auf die große Dogge, die plötzlich mit den Vorderpfoten auf der Mauer steht und neugierig an ihrer Tasche schnüffelt, begegnet Nadja in den nächsten 3 Stunden niemandem. Aber sie sieht auch nichts Interessantes. Na klar, denkt sie, solange noch jemand auf dem Friedhof ist, wird wohl keine meiner beiden Gestalten hier auftauchen und nach dem Diamanten suchen. Sie will gerade die Drohne zum Startpunkt zurücksteuern, als auf ihrem Laptop die Frau von heute Morgen erscheint. Wieder ganz in Schwarz mit Hut und Sonnenbrille, nur ohne Schirm.

Sie geht zielstrebig auf das von Weiden‘sche Mausoleum zu und beginnt, die Umgebung systematisch abzusuchen.

Nadja verfolgt jeder Bewegung der Frau und fragt sich gerade, wie schnell sie hier alles zusammenpacken kann, falls sie ihre Suche in Nadjas Richtung ausweitet, da zuckt die schwarze Frau resigniert mit den Schultern, dreht sich um und geht. Ruhig, umsichtig aber gezielt bewegt sie sich Richtung Ausgang.

Das ist ihre Chance, denkt Nadja und nimmt mit der Drohne die Verfolgung auf. Zum Glück hat der sonst eher knauserige Chefredakteur nicht an den Kosten gespart und für die Redaktion eine Enterprise-Drohne angeschafft. Damit ist die Verfolgung auch über einen größeren Bereich gesichert, und die Übertragung bleibt klar.

Fasziniert schaut Nadja der Frau zu, wie sie den Kirchhügel hinuntergeht, federnd und zielstrebig. An der Bushaltestelle an der Hauptstraße setzt sie den großen Hut ab. Darunter fließen rotblonde Locken auf den Rücken. Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen, aber sie muss noch jung sein. Neben der Bushaltestelle im Schatten einer Kastanie steht ein E-Bike. Die junge Frau steigt auf und fährt los, durch den ganzen Ort und am Ortsschild vorbei. Kurz hinter Irsing biegt sie in einen staubigen Feldweg ab. Ein halb verfallendes Schild sagt: Gut Irsing 500m. Die Drohne folgt in sicherer Entfernung über ihr. Als die junge Frau schließlich stehenbleibt und das E-Bike vor dem Schuppen neben dem Gutshaus abstellt, lässt Nadja die Drohne abdrehen. Sie weiß genug.

Doch was fängt sie an, mit ihrem Wissen? Nach einer unruhigen Nacht sitzt Nadja an ihrem Schreibtisch in der Redaktion vor einem großen Matcha Latte und einem leeren Bildschirm. Zum Glück ist Hohlmeier außer Haus.

Der Diamant in ihrer Hosentasche hat das Gewicht eines Pflastersteins. Sie muss ihn abgeben. Aber wem? Amelie von Weiden? Sie ist die wahrscheinlichste Eigentümerin. Warum sonst wäre die schwarze Frau nach ihrer vergeblichen Suche auf dem Friedhof zum Gutshaus gefahren? Oder vielleicht doch lieber der Polizei? Das wäre logisch und wohl auch ihre Bürgerpflicht. Genau genommen ist der Diamant eine Fundsache. Sie hat ihn auf dem Friedhof… gefunden. Die Umstände kann sie ja verschweigen, um nicht als Denunziantin dazustehen. Ja, die Polizei. Dort ist auch das Fundbüro. Also… Aber Nadja zögert. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, denkt sie. Wenn sie den Klunker jetzt zur Polizei bringt, war die ganze Aktion mit der Drohne komplett umsonst. Ja, sie ist Redakteurin eines Lokalblättchens. Aber ihre Zukunft sieht sie im investigativen Journalismus. Das Aufdecken von Skandalen. Verbrechen. In Konkurrenz mit der Polizei und immer einen Schritt voraus.

Plötzlich weiß Nadja, was sie machen wird. Alexander, ihr Kinderfreund in glücklichen Ferientagen bei der Oma, ist heute Polizeiobermeister in Irsing. Auch so einer von denen, die ihren Lebensradius nicht über die Ortsgrenzen hinaus erweitert haben. In diesem Fall ist das allerdings ein Glück.

„Hi Alex“, grüßt Nadja den großen, rotblonden Polizisten mit dem trendigen Haarschnitt und gepflegten drei-Tage-Bart. Schaut eigentlich nach ner glatten Zehn aus, denkt Nadja, der überzeugte Single, und schenkt Alex ihr süßestes Lächeln. „Hohlmeier zwingt mich, einen Artikel über „Frieden in Irsing“ zu schreiben. Aboluter Brain-rot. Aber ich muss! Sag mal, gab’s in letzter Zeit vielleicht sowas wie ne spannende Vermisstenmeldung? Oder ne richtig krasse Verlustanzeige?“ Hat sie beiläufig genug geklungen? Offenbar. Denn Alex schaut sie mitleidig an, kratzt sich am Bart – was ihn direkt auf eine 7 runterstuft – und sagt: „Vermisst wird in Irsing niemand. Also außer n bisschen Action.“ Er grinst. „Aber warte mal, vor ein paar Tagen war der Schulze-Breitberger da – Du weißt schon, der hippe Bestatter im Industriegebiet – mit ner total abgefahrenen Story. Angeblich hätte die von Weiden, wer sonst?, bei ihm einen Diamanten aus der Asche ihres Liebsten bestellt. Bei der Abholung ist sie dann vor Rührung in Ohnmacht gefallen.  Schulze Dingsda war total geschockt. Stell dir mal vor, wenn die direkt beim Bestatter der Löffel abgegeben hätte. Nicht gut für sein Karma, irgendwie. Also haben sich alle um die Alte gekümmert. Und in dem allgemeinen Chaos –– also während alle versucht haben, die Alte wiederzubeleben, ist der Diamant verschwunden. Angeblich. Also laut Schulze Soundso.“

„Und, hat er Anzeige erstattet?“

„Ja klar. Und den Fall der Versicherung gemeldet. Aber ich fürchte, da kommt nix bei raus. Der Schaden war ja überschaubar. 3000 Euro. Zufrieden? Sag mal, hast du schon mal was über die neue Bar unten am Markt geschrieben? Die soll so cool sein. Wir könnten die doch mal auschecken, oder?“

„Ja klar. Nein, ich war noch nie da. Steile Idee. Du, ich muss. Ich meld‘ mich bei dir. Safe.“ Wenn Alex wüsste, dass ich die 3000 Euro in meiner Hosentasche habe… Nadja grinst. So langsam nimmt die Sache Formen an. Aber was sich genau abgespielt hat, das kann ihr nur eine Person erklären. Und zu der fährt Nadja jetzt auf ihrem Mountainbike. Ganz ohne E.

Später weiß Nadja nicht mehr so genau, was sie sich vorgestellt hat. Die investigative Journalistin in ihr hatte den Riesen Coup erwartet. Die Reporterin eine schlüssige Story, die den Spagat zwischen ihren Ansprüchen, Hohlmeiers Erwartungen und der Gunst der Leserinnen und Leser schafft. Die Romantikerin wünschte sich tief im Herzen ein Happy End. Wie auch immer geartet.

Und jetzt? Das Geheimnis ist aufgeklärt. Lückenlos. Es ist eine perfekte Geschichte, ein Cosy Crime made in Irsing. Doch sie wird ihn nicht schreiben können. Oder nicht so ganz. Bei feinem Tee aus durchsichtigen Porzellantässchen in dem elegant verwohnten Salon mit den verblassten Tapeten, Ahnenbildern und Erinnerungen an andere Zeiten haben Amelie von Weiden und ihre Großnichte Verena – die mysteriöse Dame in Schwarz – ihr alles erzählt. Gebeichtet würde Najda besser gefallen. Aber so war es nicht. Die beiden hatten keinerlei Schuldgefühle, kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Sie waren womöglich sogar ein bisschen stolz auf ihren Plan. Vielleicht liegt das in den Genen, bei solchen Menschen.

Alles begann mit einem Ende, nämlich dem von Siegfried. Schön und stattlich, mit weißen Locken. Nadja konnte sich nicht erinnern, ihn jemals in Irsing gesehen zu haben. Aber das will nichts heißen. Wann ist sie schon im Ort unterwegs? Morgens in die Redaktion, abends nach Hause und am Wochenende nach München zu ihren Freundinnen. Das Los der Provinzreporterin am Anfang einer steilen Karriere.

Siegfried war Amelies letzte große Liebe. Nach seinem Tod wollte sie ihn nicht nur in, sondern am liebsten auch an ihrem Herzen tragen. Deshalb hat sie beim Bestatter einen Diamanten aus seiner Asche bestellt. So weit, so gut. Allerdings hatte die Sache von Anfang an einen kleinen Haken. Amelie ist abgebrannt und konnte das Erinnerungsstück nicht zahlen. Andere wären traurig gewesen, verzweifelt – oder sie hätten versucht, eines der Gemälde zu verkaufen. Aber Amelie tickt anders. Mit Verena hatte sie einen perfekten Plan ausgeheckt, um den Diamanten zu bekommen, ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Am Tag der Abholung sollte Verena sie zum Bestatter begleiten. In dem Moment, in dem Amelie den Stein in Händen hielt, wollte sie eine Ohnmacht vortäuschen und den Diamanten fallenlassen. Ihr war klar, dass sich alle um sie kümmern würden. Das war der Bestatter seinem Ansehen schuldig. „Wie heißt er noch gleich? Schulze-Dingsda, ich kann mir den Namen nicht merken. Warum heißt er nicht einfach Friedwald oder so?“ Amelies Stimme klang vorwurfsvoll. Er und seine Angestellten würden jedenfalls alles versuchen, um der gebrechlichen alten Dame zu helfen. In diesem Chaos sollte Verena den Stein an sich nehmen.

Schulze-Sowieso würde kein Schaden entstehen. Er war ja für solche Fälle versichert. Natürlich hätte Amelie Siegfried dann nur heimlich tragen können, aber das war es ihr wert. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass die Sache ihr tatsächlich so zu Herzen gehen würde, dass sie die Ohnmacht nicht vorzutäuschen brauchte. Ihr wurde wirklich schwarz vor Augen. Als sie später im Krankenwagen wieder zu sich kam, musste Verena ihr gestehen, dass sie den Stein nicht hatte. Er war einfach verschwunden.

„Ja, und dann rief doch so ein junger Bengel an und sagte, er hätte den Diamanten „gefunden“, mitsamt der Rechnung und meiner Adresse. Für 2000 Euro würde ich ihn wiederbekommen. Er käme mir damit sogar preislich entgegen. Wir haben herausgefunden, dass der Bengel eine Gelegenheitsaushilfe von Schulze-Schlagmichtot sein muss. Er war dabei, als ich umgekippt bin, hat das Kästchen im Gewusel eingesteckt und beschlossen, mit dem Stein sein Gehalt aufzubessern.“

Den Rest hatte Nadja sich ganz richtig zusammengereimt. Die Übergabe sollte am Mausoleum der Familie über die Bühne gehen. Amelie – bzw. Verena – würde das Geld in kleinen Scheinen in der Gießkanne verstecken, und der „Bengel“ würde es gegen den Diamanten austauschen.

„Woher hatten Sie denn plötzlich soviel Geld?“ wollte Nadja dann aber doch wissen.

„Ach, ich bin künstlerisch nicht ganz unbegabt. Ich fälsche seit Jahren die Etiketten auf meinen Marmeladen. Da waren ein paar Scheine wirklich keine große Herausforderung“, hatte Amelie lächelnd gesagt. Einfach so.

Aber Verena wollte natürlich auf Nummer Sicher gehen. Sie wollte dem jungen Dieb eins überziehen, wenn er sich zur Gießkanne bückte, und schnell mit dem Stein verschwinden. Am Ende hätte er die Fälschung bemerkt, und dann wäre Plan B auch im Eimer gewesen. Ihr E-Bike hatte sie hinter der Friedhofsmauer abgestellt.

Doch dann war Nadja erschienen und hatte alles vereitelt. Den Rest der Geschichte kannte sie.

„Sie werden mich doch nicht verraten, oder? Bitte! Siegfried ist mein Ein und Alles.“ Amelie hatte sie flehend angeschaut.

„Sie sagen, dass er Ihre große Liebe war, aber sie haben hier kein einziges Bild von ihm. Und im Ort hat man sie auch nie mit ihm gesehen“, hakt die Reporterin nach.

„Aber meine Liebe, das stimmt doch nicht. Schauen Sie, überall stehen Fotos von ihm. In Irsing war er bekannt wie ein bunter Hund, obwohl er doch ganz weiß war.“

„Wie bitte?“ Nadja ist verwirrt.

„Ja, hier! Ich habe ihn sogar gemalt. In Öl. Natürlich von einem Foto. Er hätte ja nie so lange stillgehalten. Ich finde, es ist sogar gelungener als das Merkel-Porträt.“ Amelie zeigt auf ein großes Gemälde über dem Kamin.

„Das ist Siegfried. Mein weißer Königspudel.“ Tatsächlich schaut ein großer lockiger Hund von einem roten Sofa auf sie herab. Majestätisch. Wissend. Und nachsichtig.

Frieden ist, wenn man die Liebe immer im Herzen trägt

Von Nadja Moser

In Irsing geht es nicht friedlicher zu als an anderen Orten in der Welt, in denen es gerade keine echten Krisen gibt. Aber trotzdem möchte ich behaupten, dass in unserem schönen Städtchen die Liebe einen etwas größeren Platz im Herzen hat als woanders. Und vor allem – dass sie auf ewig darin leuchtet, wie das Licht in einem Diamanten. Woher ich das weiß? Ich habe es selbst erlebt, und ich verrate Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, auch wo. Alles begann, als eine Dame aus Irsing einen Königspudel aus dem Tierschutz nach Hause holte……

Ein bisschen Frieden…..


Nachlese

Es war ein toller Abend. Voller Saal, und das nach 1 Woche Stadtteilkultur satt: wow!

  • Danke den Damen, die für die Bewirtung gesorgt haben.
  • Danke, dass wir die wunderbare Magdalenenkirche nutzen durften.
  • Danke für die Technik.
  • Danke für ein Mega Publikum!
  • Danke Giove ind Pepita fürs dackelige Stillhalten.
  • Und danke Thomas Kittel für die Pics.

Hier ein paar Eindrücke

Und wie besprochen folgt der ganze Krimi – für alle, die nicht live dabei sein konnten.

„Ein bisschen Frieden“


Ihr lieben Alle, die ihr in München und Umgebung wohnt: Hier kommt ein echtes Sommerschmankerl für euch:

Am kommenden Sonntag, 5.7.2026, um 19 Uhr lese ich in der Magdalenenkirche in 80997 München meinen absolut tippfrischen Sommerkrimi „Ein bisschen Frieden“. Und damit ich vom Dauerlesen nicht heiser werde, gibt es zwischendrin wunderschöne, tolle, coole (ihr sucht euch euer Lieblingsadjektiv aus, gell?) Musik von und mit den ukrainisch-stämmigen Musiker*innen Julia Korzh und Alexander Vynograd.

Kostprobe gefällig? Et voilà:

Ein bisschen Frieden

„Schreiben Sie was über Frieden, Moser. Die Leute wollen im Sommer nichts über Krisen lesen.” Hohlmeier, seines Zeichens Chefradakteur des Irsinger Anzeigers, schob den breiten, in der engen schwarzen Jeans weniger als notdürftig bedeckten Hintern von Nadjas Schreibtisch. Hohlmeier. Nomen es Omen, dachte Nadja. Und dann: typisch Boomer. Denkt, schwarze Klamotten wären die Brutstätten von Kunst und Kreativität. Wobei ihm beides fehlte.

Nadja, in weiten Hosen, Birkenstocks und bunten Motto-T-Shirts so ziemlich das genaue Gegenteil von Hohlmeier, ist „die Neue“ im kleinen Redaktionsteam des Lokalblättchens, das sich seit Jahren heldenhaft dagegen wehrt, vom großen Doppel M geschluckt zu werden. Entsprechend niedrig liegt die Latte für ihre redaktionellen Aufträge. Wenn der Chef wollte, dass sie „was über Frieden“ schreiben sollte, dass musste das so sein.

Obwohl Nadja das Thema furchtbar findet. Abgedroschen, in einem See rührseliger Klischees ersoffen – und absolut unpassend für Irsing.

Frieden? Echt jetzt? In dem Marktflecken streitet die Hälfte der knapp 5000 Einwohner seit zwanzig Jahren über einen Thujazaun am Gemeindezentrum, während die andere die Pläne für den neuen Maibaum so lange diskutiert, bis es dafür regelmäßig zu spät war, weshalb sie immer noch um den alten, schiefen verwitterten tanzen, am 1. Mai.  Der Gemeinderat zerlegt sich bei jeder Sitzung selbst, das weiß Nadja aus erster Hand, weil sie nämlich schon so manchen schier endlosen Abend lang als Lokalreporterin dabeisitzen und viel Kaffee trinken musste, um nicht einzuschlafen. Sogar auf dem Friedhof gibt es keine Frieden, denn immer wieder werden dort Plastikblumen geklaut. (Ein echte Idylle. Sowas gibt’s bei uns natürlich nicht!)

Der Friedhof! Ein Hof des Friedens. Und vielleicht ja ein ganz interessanter, weil unerwarteter Aufhänger für diese alberne Sommer-Friedens-Geschichte. „Alles klar. Da fange ich an“, dachte Nadja. Am Ende gab es da ja wirklich allerhand friedliches zu entdecken. Und im besten Fall auch noch das eine oder andere skurrile Detail, um der Story Würze zu verleihen. Nadja liebt unerwartete Wendungen in ihren Artikeln. Und die Leserinnen und Leser auch. Das haben die in der Redaktion schon bemerkt. Sonst wäre es Hohlmeier gar nicht erst eingefallen, sie auf den Saure-Gurken-Quotenretter anzusetzen.

Gesagt, getan. Oder, wie die Gen Z, zu der Nadja gehört, sagen würde: „Bet“.

Es ist ein warmer Montagmorgen wie aus dem Bilderbuch – oder einem bayerischen Hochglanzprospekt. Irsing ist stolz darauf, eine Touristenattraktion zu sein. Jetzt keine spektakuläre wie Schloss Neuschwanstein, Starnberg oder Oberammergau. Aber geh – wer will da heute noch hin, also außer Chinesen, Millionäre in Ausbildung und Wallfahrer. Respektive. Irsing hat eine schöne Bergkulisse, eingebettet in einen oft blauen Himmel mit Obers-Tupfen, es hat verschlungene Gassen und Häuschen mit Lüftlmalerei und zugigen Fensterläden. Es hat einen Konsum, einen Brunnen, ein Herrenhaus und eine Kirche. Letztere liegt auf einem grünen Hügel inmitten eines Friedhofs, wie geschaffen als Kulisse für einen Regiokrimi à la Leberkäs-Schmarrn. Oder so.

Am Ortsrand ist vor 40 Jahren eine Neubausiedlung entstanden, und direkt an der Ausfallstraße inzwischen auch ein Industriegebiet, komplett mit Sägewerk, Discountern und einem Hobbymarkt. Ja, dort hat sich sogar ein modernes Bestattungsinstitut niedergelassen, mit den irrwitzigsten Mod Cons für eine hippe Beerdigung und die standesgemäße Trauer danach.

Wie? Ich schweife ab? Nein, nein. Ihr werdet schon sehen.

Mit einem echten Fotoapparat um den Hals und ihrem Notizbuch in der Tasche betritt Nadja den Kirchhof. Denn darum handelt es sich hier ganz eindeutig. Wie ein grüner Ring mit großen Grauen Tupfen schmiegt er sich um die Kirche. Aus der Vogelperspektive sieht das ganz besonders malerisch aus.  Nicht, dass Nadja schon mal einen Ballon-, Paraglider- oder Segelflug über Irsing gemacht hätte. Aber die Redaktion hat – natürlich aus Recherchegründen – eine Drohne gekauft. Ein sehr nützliches Gerät (ihr werden schon sehen).

Das Eisentor ist an einigen Stellen verrostet, der Hebel widersetzt sich beim Runterdrücken, und wie üblich schwingt das Tor nicht ins Schloss zurück, sondern bleibt einen Spaltbreit offen. Groß genug für eine Maus, eine Katze im Jagdfieber oder eine fluchtbereite Seele. „So ein Schmarrn“, schimpft Nadja sich selbst. „Noch kaum richtig drinnen, und schon fängt deine Fantasie an zu spinnen.“

Sie schlendert den schmalen Kiesweg entlang, jetzt wieder ganz im Reportermodus. Die Grabsteine hier am Anfang sind alt, viele moosbewachsen, mit Efeu umkränzt und verwittert, die Gräber verwildert. Von den Menschen, die hier vor über hundert Jahren beerdigt wurden, ist sicher nichts mehr übrig als die Inschrift.

Die Grabgeschichten

Anna S. aus Ostpreußen

An einem Grab bleibt Nadja stehen. Es ist verwahrlost wie die meisten Gräber, aber am Grabstein schmiegt sich eine Kletterrose empor. Ihr knorriger Stamm hat nur eine Blüte hervorgebracht, ein dunkler Blutstropfen am grauen Stein. Nadja bückt sich, um die Zeilen zu lesen, die ihr klar und entgegenleuchten. Fast so, als ob jemand sie liebevoll gereinigt hätte, damit die Tote nicht vergessen wird.

Hier ruht Anna S.

geb. 1898 – gest. 1923

Ein stilles Leben, in fremden Häusern verbracht,
ein junges Herz, im Schmerz der Stunde gebrochen.
Hier ruht sie, namenlos im Urteil der Zeit,
doch nicht vergessen vor Gott.

…Und von jemand anderem. Jemandem, der die Buchstaben vom Schmutz befreit, damit die Erinnerung an sie und an ihr Schicksal lebendig bleibt. Auch nach über 100 Jahren.  „Im Schmerz der Stunde gebrochen“. Was konnte das Herz einer jungen Frau damals brechen? Im Schmerz. In einer Stunde?

(….)

Na, wollt ihr wissen, wie’s weitergeht? Welche mörderischen Geheimnisse Nadja auf dem Friedhof sonst noch entdeckt? Wie sie zu einem Diamanten kommt? Und in welchen echten Krimi sie dort hineingezogen wird?

Am Sonntagabend erfahrt ihr es.

Bis dahin….. habt eine friedliche Zeit 🙂

Gegen? Rücken? Fahrt? WIND!

Field of pink and white flowers with cottages and rolling hills under a cloudy sky

Pfingsten vor 7 Jahren. Wir saßen auf der Terrasse bei strahlendem Sonnenschein. Da verdunkelte sich der Himmel im Westen. Erst zu einem zarten Tintenblau. Dann zu tiefem blauem Schwarz. Die Freund*innen um mich herum konsultierten ihre Smartphones. „Alles gut, kein Unwetter in Sicht“, sagten sie. Ich schaute auf den Himmel und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Und dann hob er an, der Sturm. Mit Tosen und Brausen fuhr der Wind in die Blätter, zerrte an Blüten, rüttelte an Zweigen.

„Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm“, heißt es im Alten Testament (1. Könige 19, 11).

G*ttseidank folgten an jenem Pfingstsonntag auf den Sturm weder Erdbeben noch Feuer. Stattdessen kam der Hagel. Binnen Sekunden war der ganze Garten weiß. Und grün. Weiß vom Hagel, grün von den herabgerissenen Blättern. Dann: Stille. Nur ein sanftes, feines Flüstern in den aufatmenden Bäumen. Im AT hört Elia in diesem feinen Flüstern G*ttes Stimme.

Ich war erstmal nur geschockt. Am nächsten Tag haben wir mit vielen helfenden Händen das Chaos beseitigt. Was das für mich in meiner Erinnerung mit Pfingsten zu tun hat, außer dem Datum? Die Hoffnung, die gemeinsame Energie, die Kraft vieler Helfer*innen. Darin schwingt etwas von G*ttes Geist mit. Und genau darum geht es ja in diesen Tagen.

Heute haben wir einen Cross Over Gottesdienst gefeiert mit Gemeinden aus 3 Kontinenten. Der berührendste Moment war für mich das Credo, gleichzeitig in vielen verschiedenen Sprachen gebetet. Ein Stimmengewirr, Babel 2.0 – oder ein gemeinsamer Windstoß.

Wir brauchen ihn so sehr, diesen kräftigen Hauch, diesen mutmachenden Rückenwind. Um aufzustehen. Hinzusehen. Herzugehen. Anzupacken. Bevor es 5 nach 12 ist. Kirche ist in Gefahr? Das Christentum jedenfalls nicht. Vielleicht schwächelt es hier bei uns. Aber wir sind in der Welt ein verschwindend kleiner Teil. Die Demokratie allerdings – sie ist hier tatsächlich in Gefahr. In Deutschland. In Europa. Im globalen Süden gibt es sie kaum. Um dieses Menschenrecht zu erhalten, müssen wir mehr tun als ein Kreuz auf dem Wahlzettel zu malen.

Davon, wie wichtig freie Meinungsäußerung ist, Respekt gegenüber Minderheiten, Gleichberechtigung von Männern, Frauen, Diversen, Fürsorge für Alte, Kranke, für Menschen mit Behinderung, gute, umfassende Bildung für alle von klein auf, ein Wissen über den Tellerrand hinaus, kultur- und religionsübergreifend – davon können wir nur durch unser Vorbild überzeugen. Dafür müssen wir hinter unserem Ofen hervorkriechen. So wie damals die Jünger*innen.

Damit ich das ganz persönlich schaffe, brauche ich diesen Geist, diesen Rückenwind, der mir ins Gesicht bläst, wenn ich mich arrogant über andere stellen will, auch, wenn es Menschen sind, die neofaschistischen Parteien zuhören. Diesen Wind, der mich nach vorne schiebt, treibt, begleitet.

Dieser Wind, das erbitte ich zu Pfingsten, möge in ganz vielen Herzen wehen, Gedanken lüften, Mut ausgießen.

Wir sind ganz unterschiedliche Menschen. Aus den verschiedensten Kulturen. Aber wir sind eben alle Menschen. Und in jede*r von uns schlummert das Gute. Ein kleines Samenkorn, das vielleicht darauf wartet, dass ein Geist es aus seiner Verschachtelung weht.

Frohe Pfingsten.

Toscana-Feeling live


Lust auf Urlaub in der Toscana? Und auf den einmaligen Genuss der köstlichsten Trüffeln?

Dann klickt euch morgen rein in die Online Kriminacht der Mörderischen Schwestern.

Ich lese nach langer Zeit mal wieder aus meinem „Miniataurus“: Sternekoch Gereon ist verrückt nach dem schwarzen Gold der Toscana. Um an die besten Trüffeln zu kommen und den nächsten Stern zu gewinnen, setzt er alles aufs Spiel, sein Restaurant und seine Liebe. Ein tödliches Spiel beginnt.

Mehr auf die Ohren gibt’s morgen, 19 Uhr, im YouTube Kanal der Mörderischen Schwestern https://youtube.com/@morderischeschwestern?si=KDTjoRqRHysHMY4R

Wir sehen uns!

O – Stern.


Die Osterferien haben begonnen. Die Osterhasen und Ostereier werden in den Geschäften schon knapp. Genauso wie die Osterdeko-Artikel. Osterrezepte für den perfekten Osterbrunch laufen in den Social Media zu Höchstformen auf, je bizarrer, desto klickiger.

Wenn man sich diese Woche nicht mehr sieht, wünscht man sich allenthalben „Frohe Ostern“, und alle Jahre wieder fürchten Kund*innen und Verkäufer*innen den Run am Ostersamstag.

Bei soviel „Ostern“ – acht Mal allein in diesem kleinen Absatz – sollte man meinen, alle wüssten, worum es bei den kommenden Feiertagen geht. Weit gefehlt. Heute Morgen schaute ich auf Instagram einen Beitrag von @schleichbildung zum Karfreitag. Praxisnah aufbereitet für Schüler*innen ab der 6. Klasse und alle Erwachsenen, von Millennials bis Gen Z. Wir Boomer wissen wahrscheinlich noch, worum es zu Ostern geht, und wir kennen den Unterschied zwischen einem Milka Goldhasen im Garten und Jesus in Gethsemane. Viele jüngere Menschen wissen das nicht, ganz gleich, ob sie christlich getauft oder in einem Land mit christlicher Prägung aufgewachsen sind oder nicht.

Weihnachten, ok, das hat was mit einem Neugeborenen in einer Krippe zu tun, und weil der Geburtstag hat, gibt’s Geschenke für alle. Warum der Weihnachtsbaum da steht, ist egal, mit der jährlich wechselnden oder über Generationen tradierten Deko ist er ein cooles Ausstellungsstück, und man kann sich damit so gut mit Freund*innen und Bekannten messen.

Aber Ostern? Puh, nö, keine Ahnung, oder? Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) zeigt, dass ein gutes Drittel der Befragten (35 Prozent) Ostern als religiöses und kulturelles Fest sehen („teils, teils“). 15 Prozent betonen den religiösen Charakter, 22 Prozent den kulturellen. 9 Prozent sehen Osten als ein „vor allem kulturelles“ Fest. Für 11 Prozent handelt es sich beim wichtigsten Fest für Christinnen und Christen „vor allem“ um einen religiösen Anlass. Der Rest machte keine Angaben.

Ja, klar. Die frühen Christen haben Ostern geklaut. Ja nein. Ostern lehnt sich an das jüdische Pessachfest an, und schon immer haben Menschen das Ende des Winters gefeiert und den Frühling begrüßt.

Nach Einführung des gregorianischen Kalenders (1582 durch Papst Gregor XIII.) einigte sich die westliche Kirche, Ostern am ersten Sonntag zu feiern, der dem ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn folgt.

Aber Ostern ist bezüglich seiner Aussage viel „christlicher“ als Weihnachten. Auch, was seine Symbole betrifft: Der Hase war nicht nur das Heilige Tier der germanischen Frühlingsgöttin Ostara; In Byzanz war der Hase in der Tiersymbolik ein Symbol für Christus. Eier wurden in Rom Verstorbenen ins Grab gelegt, aber für die Urchristen war das Ei Symbol des Lebens. Christen leiten den Namen „Ostern“ von Osten ab, weil Maria Magdalena und die Frauen am leeren Grab nach Osten Richtung Sonnenaufgang schauten. Ostara als Namensgeberin liegt aber für mich genauso nahe. Abgesehen davon wird Ostern in den Romanischen Sprachen vom jüdischen Pessach abgeleitet.

Die Verbindung von Hase und Eiern hat wirklich keinerlei religiösen Ursprung. Warum ausgerechnet Meister Lampe die Eier bringt, weiß heute keiner mehr so recht. Der Brauch geht jedoch bis ins 17. Jahrhundert zurück.

Mich nervt es jedes Jahr, dass die Leute die Plastikeier praktisch gleich nach dem Aschermittwoch an die kahlen Äste hängen und überall Häschen aufstellen. Leute, will ich dann immer rufen: Die Osterzeit beginnt am Ostersonntag und keine Stunde früher. Dafür dauert sie dann 50 Tage, nämlich bis Pfingsten. Da werde ich dann oft schief angeguckt, weil bei mir die handbemalten Eier bis Pfingstsamstag hängen.

Was soll’s. Ich übe mich in diesem Jahr – dank der Fastenaktion der EKD „7 Wochen ohne“ – ganz besonders in Toleranz. Mit wechselndem Erfolg, zugegeben.

Und eigentlich hat Ostern auch christlich betrachtet ganz viel mit dem Frühling zu tun. Pfarrer Frank Muchlinsky hat das in der letzten Fastenmail in diesem Jahr so treffend und anschaulich formuliert, dass ich nicht umschreiben mag, sondern ihn zitiere:

„Das Leben kehrt zurück. Dieser Satz passt ja auch gut zu Ostern, und so ist es kein Wunder, dass Blüten und Eier und Hasen und das leere Grab Jesu eine bunte Verbindung eingehen. So fällt es manchmal schwer, die Woche vor Ostern noch einmal ganz anders zu feiern als mit sprühender Lebensfreude, wenn doch ringsum bereits Frühling ist. Aber natürlich kann das Leben nur dann „zurückkehren“, wenn es vorher fort war.“ (…)

„Das Leben ist zurück, und mit ihm außer der Freude eben auch alles andere, was das Leben ausmacht. Die Toten ruhen in Frieden, die Lebenden sind bedroht. Wenn im Frühling „das Leben zurückkehrt“, beginnt der Konkurrenzkampf – um den hellsten Platz auf dem Waldboden, um die besten Nistplätze, die fetteste Beute. Das neu Geborene ist besonders bedroht. Leben bringt immer Unsicherheit und Furcht mit sich, auch zu Ostern. Aber eines hat sich geändert: Die Angst vor dem Nichtsein ist fort. Das Leben bleibt bedrohlich, aber nicht der Tod.“ (…) Er „ist nicht Auslöschung, sondern ein Winter, in dem Leben anders läuft, bis es wieder Frühling wird.“

Aber damit wir diesen Frühling auch in uns erleben, müssen wir erst einmal auf den Winter schauen. Auf den Tod. Das tue ich morgen. Und vielleicht schaue ich nicht nur auf den Tod Jesu Christi, sondern auch auf die Tode all der Menschen, die ich kannte, die ich liebte. Und ganz vielleicht lasse ich auch den Gedanken daran zu, dass auch ich endlich bin. Im Licht der Ereignisse von morgen bis Sonntag könnte ich das ohne Furcht und mit Vertrauen. Vielleicht. Denn zumindest glaube ich daran, dass es nach meinem Winter wieder Frühling wird.

Wie geht es euch mit diesen Tagen? Schreibt es mir in die Kommentare.

Und ja – ich weiß, die Welt versinkt auch und gerade jetzt in einem Winter aus Kriegen, Hass und Not. Doch nur, wenn ich selbst an den Frühling glaube, kann ich, in meinem winzig kleinen Kreis, etwas ändern. Und ihr wisst es ja von den Steinen, die ihr sicher schon mal in einen Teich geworfen habt: die Kreise werden größer.

Zum Bild: Es gibt ja nicht nur die Oster-Hasen! Die Dackel kommen auch noch mit ins Spiel. zumindest bei mir.

Was, wenn Maria heute leben würde?


Natürlich gibt es viele Mariae. Ist nach wie vor ein beliebter Name, aktuell in seiner Kurzform „Marie“. Gestern habe ich in der Christmette darüber nachgedacht, wie und wer Maria heute sein könnte. Nicht 1.0, nicht 2.0, sondern Maria 1-4, aber immer eine von uns.

Maria, die Mutter Jesu, hat vor vielen tausend Jahren gelebt. Aber nicht nur dann.

Sie war nicht die erste und nicht die letzte in einer langen Folge von „Mariae“.

Die einen auf Händen getragen, minnebesungen, kleingehalten. Die anderen als Herrscherinnen verehrt und getötet. In diesem Spannungsfeld lebt Maria bis heute.

In dieser Christmette lade ich euch ein, vier Mal Maria heute kennenzulernen.

Maria 1: die Hausfrau

Die kennt ihr vielleicht sogar? Oder erkennt euch in ihr wieder, teilweise?

Von der staden Zeit im Advent hat sie nicht viel mitbekommen. Alles dekoriert. Plätzchen gebacken, mindestens 10 Sorten. Geschenke ausgedacht, gekauft und eingepackt. Das Haus geputzt.

Mann und Kinder zu Weihnachtfeiern gebracht und abgeholt. Zwischendrin die kranke Nachbarin zum Arzt begleitet. Oder so.

Den Baum geschmückt. Weihnachtsessen geplant, gekauft, gekocht.

Jetzt ist es 22 Uhr. Irgendwo läuten Glocken.
Jetzt einen Moment die Stille genießen. Wäre schön.

Maria 1 schaut aus dem Fenster. Sieht oben am Himmel ein helles Licht.
Was ist das?

Maria heute: die schwangere Geflüchtete

Maria 2 kennt ihr bestimmt. Persönlich oder aus den Medien. Den Nachrichten., den Sozialen Netzwerken. Je nach Medium neutral, positiv oder als Hasssymbol dargestellt.

Sie ist vor drei Monaten hier angekommen. Nach einer endlosen, lebensgefährlichen Flucht aus ihrer Heimat. Nicht, weil sie es dort nicht mehr lebenswert fand, cool oder hip. Nicht, weil sie sich in Deutschland die Zähne richten lassen wollte, oder ohne Arbeit im Geld schwelgen.

Nein, in ihrer Heimat wurde ihr Leben bedroht. Weil den Frauen dort alle Rechte genommen wurden: Das Recht auf Bildung. Das Recht, sich frei zu bewegen – ohne Mann an ihrer Seite. Das Recht, zu sprechen. Das Recht, sich zu kleiden. Das Recht, zu arbeiten.

Weil sie in ihrem Land von Männern immer und ungestraft misshandelt werden konnte. Maria 2 war Lehrerin. Vor dem Berufsverbot. Mit ihrem letztem Geld hat sie die Flucht bezahlt.

Während dieser Flucht wurde sie vergewaltigt. Mehrfach. Übrigens wie alle alleinreisenden Geflüchteten, sagten die Ärztinnen in den  Erstaufnahmeeinrichtungen.

Als Maria 2 hier ankommt, ist sie schwanger. Alleine. Fremd. Schutzlos, sogar in dem Haus, in dem sie leben muss, bis die Behörden über sie entscheiden.

Irgendwo läuten Glocken.

Jetzt tief Luft holen. Unbeschwert. Wäre schön.

Maria 2 schaut aus dem Fenster. Sieht oben am Himmel ein helles Licht.

Ist das für mich?

Maria heute: Die Klimaaktivistin

Maria 3 habt ihr vielleicht in eurer Familie?

Sie ist jung, intelligent. Unangepasst. Unangenehm.

Sie macht nicht, was von ihr erwartet wird: Schule, Ausbildung, Beruf, Arbeiten, Auto, Urlaub, Heirat, Kinder, Eigenheim.

Maria 3 macht sich Sorgen. Um die Welt, in der sie lebt. Sie fürchtet, dass bald niemand mehr hier wird leben können. Dass sie keine Zukunft hat. Dass Kinder morgen keine Zukunft haben.

Maria 3 erkennt die Zeichen des Klimawandels. Sieht, was alle sehen, aber sucht nicht nach Entschuldigungen. Sie glaubt, dass die Welt gerettet werden muss. Und wer, wenn nicht sie, kann das tun? Sie, zusammen mit immer mehr anderen, die auch so sehen, denken und handeln.

Maria 3 fühlt sich unverstanden. Von der Familie gemieden. Beschimpft. Heute, am Heiligen Abend, ganz besonders. Diese Berge von Geschenken, Essen, Konsum. Am Ende alles Müll.

Irgendwo läuten Glocken.

Nur einen Menschen finden, der versteht. Das wäre schön!

Maria 3 schaut aus dem Fenster. Da ist ein Licht oben am Himmel.

Der Anfang vom Ende?

Maria heute: alt und einsam

Maria 4 kennen wir alle, und keiner will so werden. Und doch…

Sie war eine wunderschöne Frau. Geliebt. Sie hatte ein tolles Leben. Kein einfaches, kein besonderes. Sie und ihr Mann haben alles gmeinsam gemacht und gemeistert. Sind zusammen Rad gefahren. Gewandert.

Sie war immer da für alle. Ihre Eltern, ihren Mann, die Kinder. Die Kinder sind weggezogen. Der Mann ist gestorben. Die Freundinnen und Freunde auch.

Irgendwann war das Alleineleben zu beschwerlich. Den Einkauf schleppen, den Blutdruck messen, die Wohnung putzen.

Die Kinder haben ein Heim für sie gefunden. Da sind alle so wie du, da passt du super rein, haben sie gesagt. Aber als alte Frau ist es nicht leicht, sich irgendwo neu einzufinden. Sie läuft schlecht, hört schlecht, und sehen tut sie auch nicht mehr gut.

Die Kinder kommen schon lange nicht mehr. Auch heute nicht, am Heiligen Abend. Sie haben ein Paket geschickt. Mit 4711. Dass es das noch gibt?

Irgendwo läuten Glocken.

Immer allein, da kann sie auch ganz verschwinden.

Maria 4 schaut aus dem Fenster ihres kleinen Zimmers. Da ist ein Licht obe am Himmel!

Holt mich das Christkind zu sich?

Das Wunder

Maria 1, 2, 3 und 4 treffen sich auf dem kleinen Platz, um den herum sie zufällig alle wohnen. Sie schauen auf das helle Licht am Himmel. Ein Stern? Ein Strahler? Eine Drohne? Was auch immer.

Sie schauen sich um.

Sie schauen sich an.

Sie lächeln.

Verbunden durch diesen Moment des Lichts. Das ist ein Wunder, denkt jede für sich.

„Wunder gibt es immer wieder“ singt Katja Ebstein. „Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.“

„Wir sehen nur mit dem Herzen gut“, sagt der kleine Prinz.

Ich wünsche euch und uns, dass wir in diesem göttlichen Licht, das heute Nacht geboren ist, die Wunder sehen, die uns begegnen. Und dass wir für andere zu solchen Wundern werden.

MiniKrimi Adventskalender am 24. Dezember


Meine Lieben, heute geht das vor-letzte Türchen meines MiniKrimi Adventskalenders 2025 auf! Ja, morgen kommt noch mal etwas. Traditionell wird das meine Christmetten-Predigt sein.

Doch jetzt freut euch auf die Story meiner Mörderischen Schwester Sandra Halbe: die Kapitel 2 und 3 aus ihrem Kriminalroman:

Verlorene Träume

Stünzel ist der kleinste Ort, der zu Bad Berleburg gehört. Jedes Jahr im Juni findet hier auf dem Festplatz die Kreistierschau, das Stünzelfest, statt. Dass hier an jenem Wochenende 25.000 Besucher feiern, ist jetzt, im November, nicht zu sehen, und so haben wir kein Problem, einen Parkplatz zu bekommen. Krankenwagen und Notarzt sind bereits eingetroffen. Ich notiere mir schnell die Nummernschilder der beiden übrigen Autos, die hier geparkt sind, und stolpere dann hinter Alex her, der zügig in Richtung Wald vorangeht. In den letzten Tagen hat es viel geregnet, sodass der Boden stellenweise matschig ist. Auch geschneit hat es vor ein paar Wochen schon einmal, hier und da sind noch Reste von Schnee zu sehen. Immer wieder sinken meine Füße ein, und so komme ich nur langsam voran. Ein paar Meter vor mir höre ich Alex leise fluchen. Ihm geht es offenbar nicht anders. Endlich kommen wir auf der Lichtung an. Mein Blick fällt auf ein winziges Gebäude, das in den Wald hineingebaut ist. Die Tür steht sperrangelweit offen, auf dem Dach ist ein kleiner Holzzaun angebracht. Ein alter Rübenkeller, schießt es mir durch den Kopf. Davor stehen der Notarzt und zwei Sanitäter und winken uns zu. Ein paar Meter entfernt kniet eine Frau über etwas im Gras, das ich von hier aus nicht erkenne. Eine weitere Frau steht neben ihr, einen Terrier angeleint zu ihren Füßen. Alex geht auf den Rübenkeller zu, ich steuere die beiden Frauen an. 

 »Caroline König von der Polizei«, weise ich mich aus. »Können Sie mir sagen, was hier passiert ist?« 

 »Wiebke Schneider«, stellt die Frau mit dem Hund sich vor. »Ich bin hier mit meinem Rocky spazieren gegangen, wie jeden Sonntag. Da hinten hab ich die Frau liegen sehen. Sie hat nicht auf meine Rufe reagiert, nur leise gestöhnt. Ich wollte ihr helfen, aber ihr dummer Hund hat mich nicht zu ihr gelassen, also hab ich einen Krankenwagen gerufen.« 

 »Ihr Hund hätte vermutlich nicht anders reagiert«, mischt sich die Frau ein, die vorher auf dem Boden gekniet hat. Vor ihren Füßen steht eine Transportbox, in der ein zweiter Hund leise knurrt. 

 »Was ist mit ihm?«, frage ich. »Ich habe ihn da hinein verfrachtet, so beruhigt er sich. Ich bin Andrea Klein vom Ordnungsamt. Die Kollegen vom Rettungsdienst haben mich gerufen, damit ich ihnen einen Weg zu der Frau verschaffe.« 

 »Hätte man da nicht einen Tierarzt rufen müssen, um ihm ein Beruhigungsmittel zu spritzen?«, wundert sich Wiebke Schneider. 

 »Nein, in solchen Fällen ist das Ordnungsamt zuständig. Ein Tierarzt kennt den Hund auch nicht zwingend und weiß nicht, auf welche Mittel er allergisch reagiert. Deswegen kommen wir mit einem langen Stock, an dem eine Schlinge befestigt ist, und verfrachten den Hund in eine Transportbox.« Sie zeigt auf die Box, aus der mittlerweile nur noch ein leises Winseln kommt. »So ist kein Medikament nötig. Hunde sind für ihren stark ausgeprägten Beschützerinstinkt bekannt. Wenn das Frauchen wehrlos am Boden liegt, kommt dieser zum Vorschein. Das ist leider nicht immer ideal, weil so auch Helfer vom Opfer ferngehalten werden.« Sie zuckt mit den Schultern. »Ich hab mir mal das Sprunggelenk gebrochen, mitten im Wald. Als ich da lag, haben Spaziergänger versucht, mir zu helfen. Keine Chance. Mein Hund hat sie nicht gelassen, obwohl ich bei Bewusstsein war und ihm immer wieder versichert habe, dass es okay ist, wenn diese Leute mir nahekommen. Erst als mein Lebensgefährte auftauchte, hat Joy sich beruhigen lassen und man kam an mich heran, um mir zu helfen. Diese Frau konnte sich nicht verständigen, sodass die Reaktion ihres Hundes nach vollziehbar ist. Ihr Hund hätte nicht anders reagiert.« 

 Hat die Frau während ihrer Ausführungen nur einmal Luft geholt? Ich staune. »Was passiert jetzt mit dem Hund?«, frage ich und wappne mich für den nächsten Redeschwall. 

 »Ich bringe ihn zum Hof Birkefehl und hinterlege den Standort bei Tasso. Das ist eine zentrale Datenbank, in der Besitzer nach vermissten Tieren suchen können. Vielleicht kommt die Frau ja wieder auf die Beine. Dann weiß sie, wo sie ihren Liebling abholen kann.« 

 Ich sehe in Richtung Rübenkeller. Die beiden Sanitäter und der Notarzt stehen ein paar Meter abseits, während Alex wild gestikulierend mit seinem Handy Verstärkung anfordert. »Davon sollten wir wohl nicht ausgehen«, murmele ich. 

Ich wate durch den Schlamm hinüber zu Alex. Die Tote, die zu seinen Füßen auf dem Rücken liegt, ist meiner Schätzung nach Anfang 20. Sie trägt wetterfeste Kleidung, die langen, dunklen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Die blaue Windjacke ist am Bauch dunkelrot verfärbt. 

 »Der Notarzt hat den Tod der Frau festgestellt. Vermutlich ein Messerstich. Ingrid ist auf dem Weg, um die Spuren zu sichern«, sagt Alex. Auch wenn eindeutig zu erkennen ist, dass die Frau nicht mehr lebt, müssen wir auf einen Arzt warten, der den Tod offiziell feststellt. Erst dann können wir unsere Ermittlungen aufnehmen und einen Rechtsmediziner rufen, der weitere Untersuchungen an der Toten durchführt. Ich werfe einen Blick auf die Flut von Fußabdrücken rund um den Rübenkeller, die allein die Sanitäter und der Notarzt hinterlassen haben. Hinzu kommen unsere. Unwahrscheinlich, hier eine Spur zu finden, die uns weiterbringen wird. 

 »Ingrid wird begeistert sein.« Ich bringe Alex auf den neusten Stand: »Als die Frau gefunden wurde, hat sie laut der Zeugin leise gestöhnt. Sie ist also noch nicht lange tot.« 

 Alex nickt. »Der Rechtsmediziner kommt aus Siegen, braucht einen Moment länger.« 

 »Lag die Frau im Keller oder davor?« 

 »Davor. Möglicherweise hat sie sich an die Tür gelehnt und ist daran zu Boden geglitten.« 

 »Das ist doch Frauke!« Eine Sanitäterin kommt auf uns zu. »Die wollte hier bestimmt ein Video für ihren Kanal drehen!« 

 »Wer ist Frauke?«, will Alex wissen. »Und was für ein Kanal?« 

Die Sanitäterin schnalzt mit der Zunge und wirft mir einen verschwörungsvollen Blick zu. »Männer! War ja klar, dass der Frauke Blöcher nicht kennt.« 

 »Ich kenne sie auch nicht«, antworte ich zu ihrer Enttäuschung. »Helfen Sie uns bitte auf die Sprünge, Frau …?« 

 »Bender. Janine Bender. Frauke ist Physiotherapeutin und betreibt den Kanal ›Fit mit Frauke‹ in den sozialen Medien. Sie veröffentlicht dort regelmäßig Fitnessvideos. Seitdem ich immer wieder mit ihr Sport mache, habe ich schon fünf Kilo abgenommen.« Sie wirft einen stolzen Blick auf ihren schlanken Bauch. 

Ich krame nach meinem Notizbuch und notiere mir schnell den Namen des Opfers. »Und Sie denken, hier wäre ein geeigneter Platz für ein Fitnessvideo?«

»Das war ja das Besondere an Fraukes Videos! Sie hat da für oft Orte hier in der Gegend und unter freiem Himmel aus gesucht. Letztens war sie auf dem alten Sportplatz in Laasphe. Da verdeckte das Gras ihre Beine fast komplett. Deswegen hat sie nur Übungen für den Oberkörper gefilmt, um zu zeigen, dass man immer etwas für seinen Körper tun kann. Hier wäre es wahrscheinlich ein Video nach dem Motto ›Platz ist in der kleinsten Hütte‹ geworden. Man sollte nie eine Ausrede haben, keinen Sport zu treiben. Das hat Frauke mit ihren Videos humorvoll vermittelt.« Janine Bender sieht bedauernd auf die Frau zu ihren Füßen. »Schade, dass es keine Videos mehr von ihr geben wird. Jetzt muss ich mir wohl einen anderen Sportkanal suchen.« 

Das Foto von Sandra Halbe hat Tina Laser gemacht.

Mehr über die Autorin findet ihr hier:

Webseite: www.sandra-halbe.de

Instagram: Sandra_Halbe

MiniKrimi Adventskalender am 23. Dezember


Bevor ihr in andächtig gemütliche Weihnachtsstimmung verfallt, lest erst einmal den Krimi von Lydia H. Und dann bleibt wachsam!

Oh Tannenbaum

Da die schöne Dachgeschosswohnung nach dem Ableben des Ehepaares Hochmut leider – oder glücklicherweise – verwaist war, begab es sich, es war kurz vor Heiligabend, dass eine neue Familie in die tief verschneite Minervastraße zog. Diese Gelegenheit konnten sich Marie und Joschka, beide 35, einfach nicht entgehen lassen. Vor einem Jahr noch hätten sie von einer so teuren Wohnung in einem so noblen Ambiente nicht einmal zu träumen gewagt. Als selbständiger Schreiner verdiente Joschka nicht wirklich viel, und Marie war seit der Geburt der Zwillinge Hausfrau. Eine unerwartete Erbschaft war ihr Weg aus der Armut und der Mietskaserne in einem sogenannten Münchner Glasscherbenviertel gewesen.

Der Umzug kam genau zum richtigen Zeitpunkt, denn Marie stand kurz vor der Niederkunft mit ihrem dritten Kind. Der ausgezählte Termin war Heiligabend. Ein Junge sollte es werden, und Christian sollte er heißen, sehnsüchtig erwartet nach den Zwillingen Clara und Mara, 6 Jahre alt. Die schäbige 3 Zimmer Wohnung war schon mit 2 Kindern eine Herausforderung gewesen. Nun würden die Mädchen ihr eigenes Reich bekommen, und Christian auch. Joschka würde die Kinderzimmer liebevoll mit fantasievollen Holzmöbeln einrichten, und Marie nähte Gardinen mit Sonne, Mond und Sternen.

Flashback

Genau an Heiligabend, ein Jahr zuvor, hatte ein großes Unglück seinen Lauf genommen. Petra, Maries 20 Monate jüngere Schwester, hatte sich kurzfristig selbst bei der Familie zur Weihnachtsfeier eingeladen. Nach der plötzlichen Trennung von ihrem damaligen Freund stand sie an Heiligabend alleine da. Die Eltern der Schwestern waren schon lange tot, und weitere Verwandte gab es nicht. Petra war in allem das genaue Gegenteil von Marie. Sie lebte auf großem Fuß, was sie ihren wechselnden, aber immer sehr wohlhabenden Lovern zu verdanken hatte. Petra war nicht nur sehr schön, sie hatte auch etwas Verführerische an sich, dem ihre meist deutlich älteren Männer nicht widerstehen konnten. Natürlich hatte Petra auch etwas nachgeholfen, was sie aber niemals zugegeben hätte. Neue große Brüste, eine aufwändige vergrößernde Neugestaltung der gesamten Augenpartie, aufgespritzte Lippen, Extensions in den pechschwarz gefärbten Haaren. Das Ganze komplettiert durch schwindelerregend hohe Louboutins und enganliegende, sündhaft teure Kleidung. Von ihrem Makeup ganz zu schweigen.

Volle 2 Stunden verbrachte Maries Schwester täglich damit, sich herzurichten. Eine gute Investition, fand Petra. Und ihr Kontostand gab ihr Recht. Nur der letzte Coup war ihr bislang misslungen. Ihr letzter Ex – ihre Reihe an lukrativen Exfreunden war länger als die Maximilianstraße – hatte bei Petras Verlangen nach einem sündhaft teuren Penthaus in Bogenhausen dann doch kalte Füße bekommen. Bei 3 Millionen Euro und Petras zuckersüß unterbreitetem Vorschlag, sie doch als alleinige Besitzerin einzutragen, weil sie ihn ja sowieso nach der Hochzeit (möglichst zügig, aber das sagte sie nicht) beerben würde, war dann wohl sogar für den 75-jährigen Edward zu viel gewesen. Offenbar hatte seine Liebesblindheit materielle Grenzen. Ein blöder Fehler, aber nach einem Jahr Hinarbeiten an den „alten Sack“, wie sie ihn Freunden gegenüber nannte, war Petra ungeduldig geworden. Bei ihren bisherigen Männern war sie schließlich immer deutlich schneller ans Ziel gekommen und musste auch nur 2 Mal etwas nachhelfen. Unauffällig, diskret und elegant natürlich, was angesichts des fortgeschrittenen Alters ihrer Zielgruppe nicht schwer gewesen war.

Und nun sah Petra sich gezwungen, Heiligabend mit ihrer armen Familie zu verbringen. Mit Grausen sah sie die alte und immer frisch gebohnerte Treppe vor sich, die ihr wegen der hohen Schuhe schon beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Einen Aufzug gab es in der Mietkaserne aus Vorkriegszeiten natürlich nicht. Selbstverständlich brachte sie das Abendmahl mit – wer weiß, was ihre Schwester ihr sonst zu essen angeboten hätte. Am Ende sogar Wiener Würstchen vom Discounter mit Kartoffelsalat! Also holte Petra aus einem üppigen Picknickkorb Gänsestopfleber, warme Brioches. Dazu natürlich eine Kiste Dom Perignon, um Petra in die Lage zu versetzen, diesen Abend mit Anstand durchzustehen. Nur ein einsamer Abend zuhause wäre noch unerträglicher gewesen.

Auch für angemessene Weihnachtsschmuck würde Petra sorgen.  Schließlich hatte sie im letzten Jahr von Edward eine Kollektion kostbaren antiken Weihnachtsschmuck geschenkt bekommen, dessen Krönung ein wunderschöner silberner Stern war. Nur die Besorgung des Tannenbaumes hatte sie ihrem Schwager überlassen. Nicht ohne genaue Instruktionen natürlich. Darum machte Petra sich schwankend – sie hatte den Champagner doch kosten müssen – auch schon um 17:00 Uhr auf den Weg zu ihrer Familie. Die zur Feier des Tages besonders hohen Stilettos verliehen Petra schon im nüchternen Zustand, was allerdings nicht oft vorkam, den Gang eines Matrosen auf hoher stürmischer See.

Der Heilige Abend verlief unspektakulär und soweit nach Plan. Jedenfalls bis Petra die zweite Flasche Champagner intus hatte. Die Kinder waren im Bett, und die Erwachsenen ließen den Abend ausklingen. Da begann Petra, eigentlich mehr aus Gewohnheit denn aus echtem Interesse, ihrem Schwager schöne Augen zu machen, und dieser, unter dem Einfluss einer beträchtlichen Menge Alkohol, schien nicht abgeneigt zu sein. Schließlich hatte seine Schwägerin bis dahin nur Häme für ihn, den Versager, übriggehabt. Nach einer weiteren Flasche Dom Perignon platzte Marie schließlich der Kragen. Schon in ihrer Kindheit hatte Petra ihr mehrmals den Mann ausgespannt. Sie schmiss Petra regelrecht raus. Diese wiederum forderte lautstark ihren exklusiven Weihnachtsschmuck zurück, was Marie und Joschka sofort in die Tat umsetzten. Zuoberst in dem schweren Karton kam der Weihnachtsstern zu liegen. Eine Absicht konnte den beiden später nicht nachgewiesen werden.  Immerhin erreichte Petra noch die 2. Etage, bevor sie auf der spiegelglatten Treppe ausrutschte und unter Gepolter im ersten Stock zu liegen kam. In einer großen Blutlache. Der Weihnachtsstern hatte ihr das Herz durchbohrt.

1 Jahr später

Christian kam tatsächlich an Heiligabend zur Welt, und machte das Glück von Marie und Joschka perfekt. Es war die erste Hausgeburt in der Minervastraße, und alle anderen Hausbewohner ließen es sich nicht nehmen, den kleinen Christian auf dieser Welt zu begrüßen. Die ganze heilige Szenerie wurde erleuchtet von dem funkelnden Weihnachtsschmuck, der, neben 2 Millionen Euro, Teil des Erbes von Petra gewesen war. Und über allem aber strahlte der silberne Stern.

In diesem Sinne wünscht Euch die gesamte Minervastraße gesegnete, unfall- und natürlich mordfreie Weihnachten. Seid wachsam!

MiniKrimi Adventskalender am 22. Dezember


Heute lest ihr hier einen – längeren – Ausschnitt aus einem Krimi meiner Mörderischen Schwester Uschi Lange: Bella und das geheimnisvolle Kästchen.

Bella und das geheimnisvolle Kästchen

Prolog

Nur das seidene Geschenkpapier knistert noch. Stille.

Die fünf Frauen hocken wie vom Blitz getroffen um einen niedrigen, mit Resten von Köstlichkeiten der asiatischen Küche bedeckten Tisch. Annabel schluckt krampfhaft, der letzte Bissen will wieder nach oben kommen. Sie sitzt neben der Gastgeberin, Frau Akiko Mitsui, und kann den Inhalt des Kästchens ganz genau in Augenschein nehmen. Sie blickt kurz zu ihrer Freundin Hisako Bergius, die ihr direkt gegenüber hockt in die Augen und sieht deren Entsetzen. Auch die beiden anderen Japanerinnen, Freundinnen der Gastgeberin, sitzen mit starrem Blick und bleichen Gesichtern da, wie eingefroren. Annabel schaut wieder zu Frau Mitsui, die versucht vorsichtig den Inhalt des Kästchens zu berühren.

In dem offenen Kästchen aus Holz, lackiert in Grün und goldfarben liegt auf einem schwarzen kleinen Kissen, aufgespießt mit einer gelben Nadel, mit der man eigentlich Schmetterlinge oder Käfer befestigte, ein gelblich, bläulicher Stummel eines Fingers. Genauer gesagt, ein zwischen dem zweiten und dritten Glied abgeschnittener Ringfinger, an dem noch ein Ehering festsitzt. Annabel kann es jetzt ganz genau sehen.

Frau Mitsuis Finger schwebt vorsichtig darüber. Noch ein kleines Stück. Aber bevor sie ihn berührt, zuckt sie erschrocken mit ihrem Finger wieder zurück. Da holt eine der japanischen Frauen plötzlich tief Luft und fängt an jämmerlich zu kreischen. Erst leise, dann immer lauter, bis sie erschrocken wieder verstummt. Das Entsetzen bricht sich jetzt fast lautlos seine Bahn. Die zweite von ihnen läuft grünlich an, will sich zitternd aufraffen und fällt auf der Stelle ohnmächtig zur Seite. Da erbricht sich die erblasste Hisako still auf ihren Teller. Sie legt diskret eine Serviette darüber. Annabel ist abgelenkt von den Reaktionen und weiß nicht, ob dieser Finger jetzt echt ist oder nur ein fieser Scherz sein soll. Sie und Frau Mitsui schauen erstaunt, aber gefasst, um sich. Die beiden Japanerinnen, wieder bei Sinnen, versuchen aufzustehen, können es aber nicht, oder trauen sich nicht. Annabel kann es nicht zuordnen. Zur Bewegungslosigkeit verdammt, heulen und jammern sie leise vor sich hin. Annabel und Frau Mitsui starren wieder fassungslos auf den Finger. Stummes Entsetzen.

Abrupt richtet sich Annabel auf, greift nach dem hellblauen Töpfchen vor sich und kippt sich den, noch warmen, Sake durch ihre Kehle. Frau Mitsui tut es gleichfalls, wie synchron und wird sofort vollkommen ernst. Niemand kommt, um nach ihnen zusehen. Plötzlich blickt Frau Mitsui jede der Frauen mit einem durchdringenden Blick an, hebt ihre Hand und augenblicklich verstummen sie alle. Sie hat sich wieder absolut im Griff und übernimmt das Kommando. Annabel wartet auf ihre Ansprache. Schnell hat Frau Mitsui das Kästchen wieder geschlossen und lächelt beruhigend in die Runde. Jetzt sieht das gruselige Geschenk recht harmlos aus. Annabel ist erstaunt über so viel Selbstbeherrschung. Hoffentlich ist es nur ein Scherz gewesen. Sie hört ihr Herz klopfen, so eine Überraschung hatte sie beim japanischen Treffen der Frauen ganz sicher nicht erwartet. Frau Mitsui will sprechen, doch da öffnet sich die mit Papier bespannte Türe des Raumes und der Geschäftsführer der exquisiten Sushi-Bar Herr Matsumoto steht in derselben, um nach ihrem Unbehagen zu fragen. Frau Mitsuis Gäste sind plötzlich ganz verstummt und haben den Blick gesenkt. Annabel hat ihre Hände unter dem Tisch verkrampft. Sie warten alle auf das, was Frau Mitsui, ihre Gastgeberin, sagen wird. Höflich hält er den Kopf gesenkt und wartet. Nur Annabel blinzelt gelegentlich nach oben, um zu sehen, was weiter passiert.

Akiko Mitsui ist ruhig und wählt ihre Worte sorgfältig und mit Bedacht.

„Keine Sorge, es ist alles in Ordnung, wir haben uns nur alle über das Geschenk so gefreut. Wir möchten noch etwas Sake nachbestellen, bitte.“ Niemand der anderen Frauen wagt etwas anderes zu behaupten.

Der Kopf von Herrn Matsumoto wippt nur leicht und er bestätigt: „Aber gerne, ehrenwerte Mitsui-san und verzeihen sie mein Eindringen. Die ängstliche Kellnerin für ihren Raum werde ich auswechseln lassen. Bitte verzeihen Sie. Der Sake ist selbstverständlich ein Geschenk des Hauses. Gomen nasai, ich bitte sie die Unterbrechung zu entschuldigen.“

Frau Mitsui wedelt nur fächerartig mit ihrer Hand und der Geschäftsführer verschwindet sofort. Annabel ist vollkommen überrascht von dem Geschehen, doch die japanischen Sitten gebieten ihr als Fremde, sich nicht zu äußern und abzuwarten. Schließlich war die Einladung hierher für sie ein Privileg. Hisako, ihre Freundin, hatte sie darauf vorbereitet, keinen Ton von sich zu geben, sofern sie nicht aufgefordert wurde, etwas zu sagen. Was ihr sehr schwer fällt. Sie hat sich bereits am Anfang der Zusammenkunft schon zweimal auf die Zunge gebissen, sodass sie jetzt mindestens doppelt so dick sein muss. Sie schmeckt bereits Blut, doch der warme Sake hat es mit seiner Schärfe überdeckt. Vielleicht fällt es ihr deshalb leichter nichts zu sagen, man hätte sonst gemerkt, dass sie bereits leicht beschwipst ist. Denn sie hat vergessen nach dem zweiten Glas, es umzudrehen und so füllt ihr ihre andere Tischnachbarin, eine der Japanerinnen, höflich immer wieder nach. Trotzdem arbeitet es in ihrem Kopf und sie fragt sich, was noch kommt. Eigentlich sollte sie die Polizei rufen, aber keine der anderen Frauen reagiert. Frau Mitsui umschließt das Kästchen mit ihren Händen und wartet, bis die neue Kellnerin den Sake bringt. Sie beginnt wieder zu sprechen:

„Ich bitte Euch kein Wort darüber zu verlieren. Meine Familie ist euch dafür sehr dankbar und ihr kennt meine Familie. Ihr seid meine Freundinnen und ich kann mich auf euch verlassen. Nun zu Ihnen, Annabel-san. Ich hoffe, Sie bekommen keinen falschen Eindruck von mir.“

Annabel schüttelt instinktiv mit einem kleinen Lächeln den Kopf. Sie denkt sich, die Frau muss sich aber sehr gut im Griff haben, Respekt. Was will Frau Mitsui bloß von ihr, sie hat nicht den leisesten Hauch einer Ahnung. Halte dich an Hisako, die sie gerade hypnotisch anstarrt, sie fühlt ihren Blick regelrecht, sag vorerst kein Wort. Annabel reißt sich zusammen, irgendwie muss sie versuchen, an den Finger zu kommen, um zu testen, ob er echt ist oder ein Fake. Sonst hat sie keine Ruhe. Sie versucht langsam ein und auszuatmen. So tief war sie auch nicht in die japanischen Sitten und Kulturen eingetaucht, als dass sie sich mit einem leichten Schwips aus der Schlinge ziehen könnte. Plötzlich fällt ihr der Film mit den betrunkenen Karatekämpfern ein, wie hieß der noch, ach ja, „Drunken Master“. Sie muss leise kichern. Ich werde jetzt nicht albern. Beherrsche Dich und nimm Dir ein Beispiel an Frau Mitsui. Schnell verstummt Annabel und hält sich die Hand vor den Mund. Sie hat sich wieder im Griff und sieht Frau Mitsui gefasst an. Dieser verflixte warme Sake haut aber auch rein. Annabel ist sonst nur Wein oder europäische Spirituosen gewohnt. Sie bemüht sich um Haltung und versucht ihren Rücken gerade zu machen. Die Pause dauert schön lange, aber Japaner sind ja höflich und warten, bis sich ihr Gegenüber wieder im Griff hat. Dann spricht Frau Mitsui äußerst freundlich weiter:

„Gomen nasai, Entschuldigen Sie, aber Sie sind keine von uns. Ich möchte Sie anschließend gerne unter vier Augen sprechen. Bitte trinken Sie ab sofort Mineralwasser, bitte. Domo arigato.“

Annabel wird schlagartig nüchtern, errötet leicht und nickt, daran hat sie auch schon selbst gedacht, denn dieser Sake ist echt heimtückisch. Sie schaut kurz zu Hisako hinüber, kann aber keinen Blick mehr von ihr erhaschen. Alle haben den Kopf leicht gesenkt vor Respekt. Als der Sake und das Wasser da sind und die Papierwand wieder geschlossen, wartet Frau Mitsui, bis sie sicher ist, dass niemand von draußen lauschen würde. Zuerst stellt Frau Mitsui Annabel lächelnd ein Mineralwasser hin.

„Vergesst das Geschehene, meine Familie wird das Regeln! Lasst uns in Ruhe den netten Nachmittag beenden und ohne Angst und mit einem gefüllten Bauch nach Hause gehen. Genki desu, mir geht es gut. Das Kästchen bedeutet nichts, meine Lieben. Lasst uns den Rest der Feier genießen. Alles ist gut!“

Der weitere Nachmittag verläuft, als wäre nichts passiert. Die anderen Frauen haben sich einfach frisch gemacht und unter dem strengen Blick von Frau Mitsui wieder an ihren Platz gesetzt. Obwohl, das Kästchen ist noch immer da. Es steht geschlossen vor Frau Mitsui inmitten der anderen Geschenke. Es fällt kaum auf zwischen den vielen Gaben, wenn nicht alle wüssten, was es beinhaltet. Während sie alle erst zögerlich, dann aber fröhlich weiter essen und trinken. Annabel wird fast übel vor so viel Beherrschung. Ihrer aller Blicke meiden den Kontakt zum Objekt, aber aus den Augenwinkeln haben Frau Mitsui und Annabel ihn immer fest im Auge. Ihr graust ein bisschen davor, nachher mit Frau Mitsui allein zu sein, lässt sich aber nichts anmerken. Bis dahin würde sie sich schon etwas überlegt haben, um den Finger zu überprüfen, zu können. Sie will Frau Mitsui dann unbedingt davon überzeugen, zur Polizei zu gehen. Sie trinkt jetzt nur Mineralwasser, von etwas anderem wäre ihr auch nur schlecht geworden. Es wird langsam Abend und zum Abschluss wird noch eine landestypische Haifischflossensuppe gereicht. Danach verabschiedet Frau Mitsui eine Frau nach der anderen. Als letzte geht Hisako, mit einem letzten aufmunternden Blick auf Annabel, die nun mit Frau Mitsui allein ist. Sie nickt Hisako zum Abschied beruhigend zu und wartet ab. Annabel ist Hisako unendlich dankbar, ihr so einiges an japanischer Sitte und Gebräuche gezeigt zu haben. Sie ist nicht mehr allzu unsicher, wie sie sich verhalten soll.

Annabel wartet geduldig darauf, dass Frau Mitsui sie anspricht. Sie ist etwas überrascht, als diese noch einmal Sake für beide bestellt. Als der Sake auf dem Tisch steht, nimmt Frau Mitsui ausdruckslos ihr kleines Glas und gibt Annabel das andere. Dann schaut sie ihr in die Augen, was für japanische Verhältnisse eher ungewöhnlich ist: „Auf ihre Verschwiegenheit!“ Sie setzen die leeren Gläser ab und Frau Mitsui bedeutet ihr, gegenüber Platz zu nehmen. Was soll das jetzt mit Verschwiegenheit, sie muss das doch der Polizei melden. Annabel setzt an, um zu fragen, doch Frau Mitsui bedeutet ihr zu schweigen. Annabel fängt an, sich unwohl zu fühlen, was will diese Frau jetzt bloß von ihr.

Dann erklärt ihr Frau Mitsui ihr Anliegen: „Sie werden sich wohl wundern, warum ich Sie, eine Doitsu-jin, allein sprechen will. Aber Ihre Freundin und meine Cousine vierten Grades, Hisako, hat mir beiläufig von ihrem Beruf erzählt.“ Sie seufzte und holte tief Luft. Es schien ihr unangenehm, eine Fremde um etwas zu bitten.

„Nun denn, ich möchte Sie engagieren meinen Gatten zu suchen. Der abgeschnittene Ringfinger in dem Kästchen ist von ihm, ich habe den Ehering erkannt und es bedeutet eigentlich seinen Tod. Doch ich bin von Natur aus misstrauisch, vor allem in einem fremden Land. Es könnte auch eine Entführung sein, mein Vater besitzt eine gut situierte Traditionsfirma in Japan mit großem Einfluss. Bitte verstehen Sie! Ich muss es ganz genau wissen, bevor ich meinen Vater kontaktiere. Er ist bereits sehr alt und krank. Er verträgt keine Aufregungen. Nur sie können mir dabei helfen. Kudasai, bitte!“

Frau Mitsui schaut sie bittend an, eine kleine Träne rollt ihre Wange herunter. Sie senkt verschämt die Augen, die Hände wie betend zusammengefaltet und verbeugt sich kurz vor ihr. Annabel bekommt Mitleid mit dieser eigentlich so selbstbewussten, starken Frau und fühlt sich mulmig bei diesem kleinen Gefühlsausbruch. Was kann schon passieren, Annabel ist zwar nur die Sekretärin, doch ihr Freund Tom ist der Detektiv mit Lizenz und die Detektei „Albatros“ war dem Mann doch schon wegen Unterschlagung auf der Spur. Sie soll doch Frau Mitsui nur seinen Aufenthaltsort liefern. Den Rest würde sowieso dann die Polizei erledigen. Dafür brauchen sie sicher auch diesen Finger. Der Auftrag dürfte doch einfach werden und Tom wird ihr bestimmt helfen. Der letzte Sake macht sie wieder mutiger, trotz des reichlichen Mineralwassers. Sie verbeugt sich respektvoll bis auf Schulterhöhe ihrem Gegenüber, eine Würdigung an die Gastgeberin, das hatte sie von Hisako gehört, etwa drei Sekunden lang und gibt Frau Mitsui eine formelle Zusage.

„Sehr verehrte Frau Mitsui, ich werde mein Möglichstes tun, um Ihnen zu helfen. Bitte seien Sie versichert, dass ich Ihnen den Beweis, oder Hinweis, auf den Verbleib ihres Gatten liefern werde. Um eines muss ich sie noch bitten, geben sie mir das Kästchen für die Polizei mit. Oder, noch besser, bringen sie es selbst zur Wache. Bitte! Eine Untersuchung des Fingers ist dringend notwendig. Schließlich müssen wir wissen, ob er wirklich von ihrem Mann ist oder nicht! Vielleicht dürfte ich mir den Inhalt schon einmal genau ansehen?“

Frau Mitsui gibt ihr zögernd das Kästchen in die Hand und will sie dabei beobachten. In diesem Augenblick öffnet die neue Kellnerin die Türe, um nach dem abschließenden Service zu fragen und sie dreht sich in Richtung der Schiebetüre. Mit einem kurzen Blick auf Annabel redet sie einige Minuten mit ihr. Das ist die richtige Ablenkung, denn anscheinend muss sie einiges klären. Annabel lächelt und nutzt den unbeobachteten Moment instinktiv. Das Kästchen steht geöffnet vor ihr auf dem Tisch, ihre Handtasche liegt auf dem Stuhl neben ihr. Sie stellt sich zwischen Tisch und Tür, sodass Frau Mitsui das Kästchen nicht mehr im Blick hat. Schnell zupft sie mit einer Pinzette aus ihrer Tasche etwas Hautfetzen von dem Fingerstumpf und lässt die Probe in ein Taschentuch gleiten. Dann dreht sie sich wieder um. Gerade rechtzeitig, denn Frau Mitsui unterschreibt die Rechnung und wendet sich wieder ihr zu. Annabel tritt schnell zur Seite, tut so, als ob sie sich die Nase putzt und steckt das Taschentuch wieder in ihre Tasche. Sofort streckt Frau Mitsui ihre Hand nach dem Kästchen aus und legt wieder den Deckel darauf. Sie wickelt eine der weißen Stoffservietten herum und steckt es vorsichtig in ihre Handtasche.

„So, die Feier ist beendet und ich werde mich jetzt auf den Weg zur Polizei machen, wie sie es mir geraten haben. Nochmals, vielen Dank für ihre Hilfe und melden sie sich möglichst bald bei mir, Bachmann-san.“ Damit übergibt sie Annabel ihre Visitenkarte und verbeugt sich leicht mit einem kleinen Lächeln: „Domo arigato, danke schön!“

Frau Mitsui lässt ein Taxi für sich und eins für Annabel bestellen. Damit ist die Sache beschlossen. Sie fahren in entgegengesetzter Richtung fort.

Kapitel 1

Bella war froh, als sie zu Hause in ihren eigenen vier Wänden, der kleinen Dachgeschosswohnung, in der Altstadt ankam. Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich kurz mit dem Rücken an die Tür, in ihrem Kopf drehte sich alles. Was hatte sie sich dabei gedacht, diesen Auftrag anzunehmen! Sie war doch nur die Schreibkraft, aber der Gedanke an ihre Freundin hatte sie vorschnell handeln lassen. Nun konnte sie nicht mehr zurück. Sie fühlte sich erschöpft. Sie warf den Schlüssel mitsamt der Visitenkarte auf die Kommode im Flur, streifte ihre Schuhe nacheinander ab und ließ die Handtasche fallen. Die lag jetzt offen vor ihr und mit zwei Fingern nahm sie das Taschentuch mit der Probe heraus, ging in ihre kleine Küche und steckte es in eine Frischhaltetüte. Sie öffnete ihren Kühlschrank, da war sowieso nicht viel drin und legte die Tüte ins oberste Fach. Sie schlug die Tür mit einem Ruck zu und atmete tief durch. Morgen früh würde sie dieses widerliche Teil als erstes, nach einem kleinen Frühstück, bei ihrem befreundeten Techniker im Kriminallabor vorbeibringen. Sicher ist sicher. Hoffentlich ging Frau Mitsui mit dem Finger auch zur Polizei.

Worauf hat sie sich da bloß eingelassen!

Mit einem tiefen Seufzer ging Bella in ihr Schlafzimmer und sank in ihren Klamotten auf ihr Bett. Verzweifelt versuchte sie noch ihren Kollegen Tom anzurufen, sie brauchte ihn jetzt zum Reden, aber sein Handy war aus. Keine Antwort. Sie ließ ihr Handy auf den Nachttisch fallen und starrte an die Decke. Ihre Augen wollten nicht zufallen. Was würde Tom wohl dazu sagen, oder ihr Chef, oder gar Hisako. Hoffentlich hatte sie nichts Verkehrtes gesagt oder getan. Himmel, war das ein anstrengender Nachmittag. Alles drehte sich. Sie rannte zum Klo und übergab sich. Mühsam schlich sie zurück ins Bett.

Annabel Bachmann, genannt Bella, mittelgroß, grüne Augen, sportlich, dunkelblonde Haare, wälzte sich unruhig in ihrem breiten Bett hin und her. Nachdem sie sich im Bad erleichtert und wieder ins Bett gekrochen war, hatte sie mit zitternden Händen nach den Schlaftabletten im Nachtschrank gesucht. Die Ärztin in Hamburg hatte ihr das Valium für den Notfall mitgegeben, weil sie sich geweigert hatte auf Dauer Psychopharmaka zu nehmen. Bella hatte eine Aversion gegen Tabletten jeglicher Art. Bisher hatte sie ihre Angstdepression auch so im Griff gehabt und war lange stabil gewesen. Doch jetzt hatte dieser Vorfall sie überrollt. Sie hörte noch die eindringlichen Worte ihrer Ärztin, möglichst nur eine halbe Tablette zu nehmen und niemals mit Alkohol. Doch ihr Zittern hörte nicht auf und kalter Schweiß brach ihr aus, als sie sich wieder hinlegen und die Augen schließen wollte. Die gruseligen Bilder dieser Tee Party ließen sie nicht los. Das grausige Kästchen, die kalten, blauen Augen der Gastgeberin und die blassen, ängstlichen Gesichter der Japanerinnen schwebten auf dunklen Wolken durch ihren Kopf. Oh Himmel, geht doch einfach weg! Da würde eine halbe Tablette ihr wenigstens durchgehenden, hoffentlich traumlosen, Schlaf geben. Das Röhrchen lag in der hintersten Ecke ihres Nachttisches und beinahe wäre ihr der ganze Inhalt auf den Boden gefallen. Bella kniete vor ihrem Bett und versuchte sich zusammen zu reißen. Sie nahm mit zittriger Hand eine halbe Tablette mit viel Wasser und füllte die restlichen Tabletten wieder vorsichtig ein. Dann verschwand das Röhrchen wieder da, wo sie es versteckt hatte. Erleichtert legte sie sich auf ihr Bett und starrte wieder an die Decke. Aufregende Träume würden zwar dennoch kommen, aber sie hatte einen Trick im Schlaf, um sie abzumildern. Ihr Traumfahrstuhl, der sie in ein ruhigeres Level brachte. Die Tablette half ihr, nicht in Panik zu verfallen und verfrüht aufzuwachen. Endlich fielen ihr die müden Augen zu und sie hoffte, der nächste Tag würde ihr wieder Mut und Elan bringen. Dann hatte sie auch ihre Freunde, die ihr helfen würden, den Vorfall irgendwie zu verarbeiten. Endlich schlief sie erschöpft ein, wilde Träume von Samurai und Ninjas, denen ein Finger fehlte, verfolgten sie fast bis zum Morgengrauen, als sie endlich in ihren Fahrstuhl flüchten konnte. Danach atmete sie ruhiger, schlief tief und fest ein. Endlich.

In ihrem kleinen Appartement unterm Dach in der Düsseldorfer Altstadt wurde es langsam hell. Erste Sonnenstrahlen schienen durch das kleine Dachfenster in ihr Schlafzimmer, direkt auf ihr Gesicht. Sie hatte vergessen das Rollo zu schließen. Es war morgens früh um sieben. Die ersten Schwalben begrüßten den sommerlichen Tag. Abrupt waren auch ihre Alpträume vorbei, zuletzt von einem Ehemann, der merkwürdigerweise wie Tom aussah, und zwei kleine, schreiende Kinder in einem kleinen Reihenhaus. Na ja, wenigstens waren dadurch die Ninjas verschwunden, die versucht hatten, ihr die Finger mit ihren scharfen Schwertern abzuschneiden. Da war sie schnell in ihren imaginären Aufzug gestiegen und ihnen nur knapp entkommen. Die letzten paar Stunden hatte sie wenigstens erholsam schlafen können. Sie fühlte die Sonnenstrahlen wärmend auf ihren geschlossenen Augen und dämmerte noch etwas vor sich hin. Da klingelte der Wecker plötzlich penetrant. Sie rollte sich grummelnd auf die Seite und hieb mit ausgestrecktem Arm ihre Hand darauf, sodass er auf den Boden fiel. Gähnend rieb sie sich den Schlaf aus ihren Augen und richtete sich langsam auf. Alles war wieder gut, wenigstens hatte sie noch ein paar Stunden durchgeschlafen. Trotzdem fühlte sie sich gerädert, wie nach einem Marathon. Sie brauchte jetzt unbedingt einen starken Kaffee, eine Dusche und andere Kleidung. Merkwürdig, sie hatte gar keine Kopfschmerzen, nach diesem japanischen Reiswein. Das jährliche Familientreffen am vorherigen Wochenende in Hamburg, auf dem sie nie fehlen durfte und jetzt noch dieses japanische Frauentreffen, beides hatte sie doch sehr mitgenommen. Dann war da noch der kurze, besorgte Anruf ihrer Mutter am späten Abend, oder mitten in der Nacht, an den sie sich fast nicht mehr erinnern konnte. Bella stöhnte auf, das alles hatte sie innerlich ziemlich erschöpft. Sie erinnerte sich nur verschwommen, dass sie ihre Mutter auf einen Rückruf vertröstet hatte, weil sie todmüde und bereits im Halbschlaf gewesen war. Dabei war sie die Einzige der Familie, zu der sie noch regelmäßig Kontakt pflegte.

Nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester hatte sie den Geburtsnamen ihrer Mutter angenommen, um nicht mehr mit der Reederei ihres Vaters in Verbindung gebracht zu werden. Sehr zur Freude ihres Bruders, der nun die Geschäfte leitete. Ihre Eltern verbrachten ihren Lebensabend in ihrer herrlichen Villa an der Außenalster, mit einer Haushälterin und einer examinierten Pflegerin. Der Vater saß seit einem Schlaganfall im Rollstuhl und war stolz auf seinen Sohn. Für ihn waren beide Töchter gestorben und niemand konnte ihn vom Gegenteil überzeugen, auch Annabel selbst nicht. Er erkannte sie nicht einmal, wenn sie zu Besuch da war, für ihn war sie eine Fremde. Bella hatte damit abgeschlossen und wollte wieder mehr vom Leben als nur die Tochter aus reichem Haus sein. Ihr waren diese gesellschaftlichen Intrigen zuwider und die affektierten Partys, auf denen sie kaum ehrliche Gespräche führen konnte. Ihre Schwester hatte es genossen und sich gerne über die Leute lustig gemacht, wenn sie beide abends noch zusammen in der Gartenlaube die Sterne betrachteten. Bella konnte dann wenigstens mit ihr darüber lachen. Jetzt gab es sie nicht mehr und Bella hatte festgestellt, dass der Tod schneller kommen konnte, als man dachte. Sie hatte Angst davor, das Schicksal ihrer verunglückten Schwester zu teilen, wenn sie nicht weit weg von zu Hause bliebe. Deshalb war sie auch sechs Monate in Therapie in einer Privatklinik gewesen. Ihre Ängste hatten sie zu stark blockiert und zerrten an ihrer Seele. Nur ihre Mutter hatte Verständnis für ihre Befindlichkeiten. Zu ihr hielt sie weiter heimlich Kontakt, die anderen Familienmitglieder ignorierte sie, um ihren Seelenfrieden und ihre Nerven zu schützen. Ihrem Bruder und seiner Frau war das nur Recht.

Hier in Düsseldorf hatte Bella ihr eigenes, unabhängiges Leben und liebe Freunde gefunden.

Bellas Glieder fühlten sich ein bisschen an wie Blei und ihre Muskeln ächzten nach Erholung. Bloß nicht hängen lassen, ihr Körper brauchte nur wieder Koffein. Wenigstens hatte sie ihre neugewonnene Selbstsicherheit zurück. Sie konnte alles schaffen, wenn sie aufmerksam war und sie hatte ihre Freunde, die sie unterstützen würden.

Seit einiger Zeit verlief ihre Woche doch recht anstrengend. An drei Tagen intensive Schreibarbeiten in der Detektei Albatros, die dann sogar oft bis kurz vor Mitternacht dauerten. Sonst war es nicht so zeitaufwendig, Berichte für das Büro nach Band zu schreiben und sie hatte öfters mal frei. Aber Erich Rothbaum, Chef der Detektei Albatros, war bei dem jetzigen Fall mit den Japanern recht penibel. Herrje, und ins Englische übersetzten sollte sie das auch noch. Dafür bekam sie allerdings extra Honorar. Obwohl sie einen Fond von ihrer Familie besaß, wollte sie finanziell so weit wie möglich unabhängig bleiben. Niemand wusste hier in Düsseldorf, wer sie in Wirklichkeit war und das sollte auch so bleiben. Nur ihr Chef Erich Rothbaum war im Bilde, ihr polizeiliches Führungszeugnis kam ja aus Hamburg und er schwieg eisern. Ihm konnte sie vertrauen. Ihr jetziges Leben gefiel ihr, so wie es war, unbeschwert, abwechslungsreich und unabhängig. Na ja, bis auf den vergangenen, gruseligen Zwischenfall.

In ihrer gemütlichen Wohnung stolperte Bella vom kleinen Schlafzimmer durch den Flur in die Wohnküche. Verflixt, dabei hatte sie sich ihren kleinen Zeh am Türpfosten gestoßen, sie biss die Zähne zusammen und humpelte bis der Schmerz langsam nachließ. Rasch räumte sie ein paar Sachen zur Seite und wollte die Tür zu ihrer kleinen Dachterrasse schließen. Sie hielt inne und lauschte. Die Terrasse hatte mal gerade Platz für einen Liegestuhl, zwei Klappstühle, einen kleinen Tisch und eine halb vertrocknete Palme. Hier ruhte sie gern abends aus, um vom Tag herunterzukommen und ihren Blick über den nächtlichen Rhein schweifen zu lassen. Nachts lullten sie dann die Geräusche bei offener Tür ein. Das Hupen der Berufsschiffer und das Schlagen der Wellen an die Uferböschung wirkten beruhigend nach einem ereignisreichen Tag. Die Geräusche erinnerten sie an zu Hause und nahmen ihr das Heimweh, das sie doch manchmal heimlich überfiel. Frühmorgens machte sie schon mal ein paar Dehnübungen, wenn es nicht regnete. Jetzt roch sie mit geschlossenen Augen die feuchte Luft, die vom morgendlichen Rheinnebel herüber wehte und atmete tief ein. Sie hatte heute keine große Lust auf sportliche Tätigkeiten, nach den Atemübungen fühlte sie sich bereits besser. Sie war versucht sich niederzulassen und die frische Luft noch länger zu genießen. Nichts da, wach bleiben und beeilen, sie wurde gegen Mittag im Büro erwartet und sie hatte doch vorher noch was Wichtiges zu erledigen. Entschlossen schloss sie mit einem lauten Ruck die Terrassentüre, ging zurück ins Bad und roch an ihren alten Klamotten. Pfui, sie rochen nach Schweiß, bestimmt Angstschweiß von gestern. Sie schaute in den Spiegel und erschrak über das graue Gesicht, dass ihr dort entgegenblickte. Dieser warme Sake hatte ordentlich Spuren hinterlassen, verflixt. Schnell unter die heiße Dusche. Sie ließ das heiße Wasser über ihren Kopf den Körper hinunterfließen und nahm ihr duftendes Shampoo zur Hand. Ach, herrlich, als ob sie sich alle Sorgen herunter wusch. Nach dem Abduschen schnell abtrocknen und dann fertig machen. Noch etwas Make-up half da sicher auch, etwas Tusche und Lippenstift, dann relativ frische Sachen an und wieder raus hier. Im Wohnraum stand der leere Kleiderständer, daneben der Wäschekorb, Mist. Bella wühlte darin und schlüpfte in eine dunkelblaue Jeans, schnüffelte an einem roten T-Shirt, sie sollte ein Neues anziehen, aber die Waschmaschine war noch immer nicht ausgeräumt. Heute Abend musste sie die Sachen unbedingt auf ihrer Terrasse zum Trocknen aufhängen, sonst hatte sie bald nichts mehr anzuziehen. Sie seufzte ärgerlich auf. Das rote Shirt roch jedenfalls nicht nach Angstschweiß, nur etwas muffig. Sie verzog trotzdem angewidert ihr Gesicht. Bella zog dann doch lieber das dunkelgrüne Shirt von vorgestern an, dass sie noch im Bad hatte, hängen sehen. Das roch jetzt wenigstens nach ihrem großartigen Duschgel. Sie sollte sich mal wieder etwas Schickes gönnen.

Ihr fiel plötzlich der jadegrüne Seidenanzug ein, den Frau Mitsui bei der Teegesellschaft getragen hatte. Der war bestimmt sündhaft teuer gewesen und sie hatte nicht einen Fleck nach dem aufregenden Ereignis darauf gesehen. Kein Soßenfleck oder so. Dabei hatte die Frau ihren Trinkbecher fast fallen lassen. Bella schüttelte ihren Kopf. Den Anzug hatte sie mal in rubinrot im japanischen Kaufhaus gesehen, wo die Japanerinnen meistens einkauften. Herrje, sowas gab es sicher auch in einer der kleinen Boutiquen, in Saphir-blau würde der ihr auch stehen. Bella nahm sich vor, gleich übermorgen einmal danach zu suchen. Doch jetzt musste sie sich sputen, Bella seufzte und lächelte zaghaft. Positive Gedanken würden ihr wieder Mut geben und die Vorfreude auf ein neues Kleidungsstück war doch positiv, oder?

Sie ging in die Küche. Der Kühlschrank könnte auch wieder mal Nachschub gebrauchen. Igitt, da lag ja die Tüte mit der Hautprobe. Eigentlich hatte sie sich gewünscht, das mit dem Kästchen hätte sie nur geträumt. Aber nun erschreckte es sie zum Glück nicht mehr so sehr. Verflixt, sie blickte auf ihre Uhr, sie musste sich wirklich beeilen und sofort damit ins Labor fahren, bevor sich da zu viele Leute tummelten. Es sollte doch niemand davon erfahren und Sebastian war eigentlich sehr verschwiegen, wenn ihn niemand bei einem Gefallen für die Detektei erwischte. Die Sache mit dem halben Finger machte sie wieder vollkommen nervös und ihr wurde leicht übel. Sie hatte einen bitteren, galligen Geschmack im Mund und spülte ihn schnell mit Mundspülung im Bad aus. Bella war froh, wenn sie die Tüte abgegeben hatte und nie mehr sehen musste. Sie blickte noch schnell in den Spiegel und war zufrieden.

Wieder in der Küche griff sie nach einer Schale, holte einen Esslöffel und öffnete den Schrank. Nach einem mageren Frühstück mit Haferflocken und Milch, Mist, die war schon wieder sauer, also mit Kranwasser, packte sie rasch ihre Sachen zusammen. Ihr Magen hatte wenigstens etwas zu verdauen und war beruhigt. Schon fühlte Bella sich fit genug, um loszustürmen. Na ja, ein starker Kaffee täte jetzt wirklich gut, aber sie hatte wie immer keinen im Haus. Gut, dass es unten Pedros Coffeeshop gab, bei dem holte sie sich, wie fast jeden Morgen, ihren Aufwachkick, Milchkaffee mit einem Schuss Karamell zum Mitnehmen. Pedro sorgte für sie, wie ein Vater und sie mochte seine große Familie. Seine Frau Maria achtete darauf, dass Bella mindestens abends eine warme Mahlzeit hatte. Bella packte jetzt die eklige Tüte mit der Gewebeprobe vorsichtig an, griff sich ihre Schlüssel von der Kommode und hob ihre braune Umhängetasche aus speckigem Leder auf, in der sie ihre lebensnotwendigen Utensilien, wie Deo, Handy, Pinzette und Pfefferminz-Bonbons befanden. Eine weitere Auflistung wäre zu umfangreich und sie kannte den Inhalt schon selbst nicht mehr genau. Bald brauchte sie eine Taschenlampe, um irgendetwas darin zu finden. Schnell ließ sie die eklige Tüte hineinfallen und warf sich die Tasche über die Schulter. Bella hoffte noch, dass alles ein makabrer Scherz war und das Ganze nur eine Prüfung ihrer Integrität oder die Abschreckung einer Gaijin war. Damit käme sie klar, aber sollte das Gewebe echt sein, fürchtete sie, dem nicht ohne Hilfe gewachsen zu sein. Ihr Chef wäre nicht besonders begeistert über ihren eigenwilligen Einsatz. Rasant hüpfte sie die Treppen der fünf Etagen runter, schon 8.30 Uhr. Warum gab es hier bloß keinen Aufzug? Wahrscheinlich würde der auch noch steckenbleiben bei ihrem Glück. Aber nachdenken sollte sie darüber, die alte Dame im vierten Stock kam kaum noch vor die Türe. Bisher hatte die Familie aus dem dritten Stock ihr immer geholfen und für sie eingekauft. Gelegentlich hatte auch Bella Besorgungen für sie erledigt. Jetzt ließ Frau Jovanovic sich oft die Sachen liefern. Das mit dem Aufzug würde sie später mal mit Pedro besprechen, denn insgeheim war sie zwar die Eigentümerin des Hauses, aber er kümmerte sich um alles Technische hier. Sie erreichte die letzten Stufen und wäre beinahe gestolpert, konnte sich aber gerade noch fangen. Bella hielt für einen Moment an und atmete tief durch. K a f f e e, ich brauche dringend Kaffee!

Gott sei Dank haben sie gestern Mittag vor ihrem japanischen Frauentreffen einen Parkplatz fast direkt vorm Haus gefunden. Ihre Freundin Hisako hatte sie mit dem Taxi abgeholt. Es hatte Bindfäden geregnet und sie war knapp zwischen den Regentropfen durchgeschlüpft, weil sie keinen Regenschirm besaß. Der warme Mai Regen wollte an dem Tag gar nicht aufhören. Sie hatte angemessene Kleidung anziehen müssen. Eine dunkle Hose und eine weiße Bluse, die sie sonst nur für Feiertage im Schrank hatte, mit einem schwarzen Jackett darüber. Jetzt wieder in ihren Alltagsklamotten, Jeans, T-Shirt und Turnschuhe, fühlte sie sich viel wohler.

Bella war unten angekommen, jetzt aber schnell in den Coffeeshop. Pedro hielt ihr den fertigen Kaffee schon grinsend entgegen. Er hörte sie immer die Treppe herunterrennen, weil sie es meistens eilig hatte. Sie nahm dankbar den Kaffee entgegen, aber beim Umdrehen rempelte sie mit einem jungen Mann zusammen, der eine Tüte mit frischen Brötchen in der Hand hielt und aus der Küche kam. Die Tüte riss und die Brötchen kullerten auf den Boden.

„Oh, entschuldigen sie, ich habe sie nicht gesehen!“

Blaue Augen schauten sie erst vorwurfsvoll an, doch dann lächelte der Typ wieder. „Kein Problem, Maria gibt mir neue Brötchen mit. Meine Tante ist da sehr penibel!“

Bella schaute ihn fragend an. „Ähem, ich bin Kai-Uwe und wohne in den Semesterferien bei meiner Tante, Frau Jovanovic, vierter Stock!“ Sie lächelte zurück und zwinkerte ihm zu: „Schön, ich bin Bella aus dem fünften Stock, dann sehen wir uns bestimmt noch ein paar Mal! Liebe Grüße an ihre Tante, ich muss jetzt aber los!“

Bella warf Pedro noch einen Handkuss zu und eilte mit dem Kaffee in der Hand zu ihrem Auto. Wenn sie so weiter machte, war sie bald am Coffeeshop beteiligt. Heute schien auch wieder die Sonne hinter den abziehenden Wolken und ließ die letzten Pfützen trocknen. An der Straße pustete Bella auf ihren Becher und nahm erst einmal einen großen Schluck Kaffee. Ihr Kreislauf begann wieder auf normal zu schalten. Sie atmete auf, erblickte erleichtert ihr Auto und lief langsam darauf zu. Sie schloss die Fahrertür auf und warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz. Das Labor müsste jetzt bereits besetzt sein, hoffentlich war Sebastian Dragovic noch allein da. Er war mit ihrem Chef Erich Rothbaum aus der Detektei gut bekannt und hatte schon öfters versucht Bella zum Essen einzuladen. Bisher ohne Erfolg. Sie stand nicht so auf blonde Jungs. Aber für so einen Gefallen, würde sie es schon machen, war ja nichts dabei.

Mehr über die Autorin erfahrt ihr hier: www.uschilangesbuecherkrimis.jimdo.com