Wie versprochen, hier die einzelnen „Miniaturen“ meiner Lesung. Ich bin gespannt, welche euch am besten gefällt. Pssst: „Karl-Heinz“ war offenbar der Publikumsliebling, armer Mann 🙂
Prolog
„Schreiben Sie was über Frieden, Moser. Die Leute wollen im Sommer nichts über Krisen lesen.” Hohlmeier, seines Zeichens Chefradakteur des Irsinger Anzeigers, schiebt den breiten, in der engen schwarzen Jeans nur notdürftig bedeckten Hintern von Nadjas Schreibtisch.
Hohlmeier. Nomen es Omen, denkt Nadja. Und dann: typisch Boomer. Glaubt, schwarze Klamotten wären die Brutstätten von Kunst und Kreativität. Fehlanzeige.
Nadja, in weiten Hosen, Birkenstocks und bunten Motto-T-Shirts so ziemlich das genaue Gegenteil von Hohlmeier, ist „die Neue“ im kleinen Redaktionsteam des Lokalblättchens, das sich seit Jahren heldenhaft dagegen wehrt, vom großen Doppel M geschluckt zu werden. Entsprechend niedrig liegt die Latte für ihre redaktionellen Aufträge. Wenn der Chef will, dass sie „was über Frieden“ schreiben sollte, dann muss das so sein.
Obwohl Nadja das Thema furchtbar findet. Abgedroschen, in einem See rührseliger Klischees ersoffen – und absolut unpassend für Irsing.
Frieden? Echt jetzt? In dem Marktflecken streitet die Hälfte der knapp 5000 Einwohner seit zwanzig Jahren über einen Thujazaun am Gemeindezentrum, während die andere die Pläne für den neuen Maibaum jedes Jahr so lange diskutiert, bis es zu spät ist, weshalb sie immer noch um den alten, verwitterten tanzen, am 1. Mai. Der Gemeinderat zerlegt sich bei jeder Sitzung selbst, das weiß Nadja aus erster Hand, weil sie schon so manchen endlosen Abend lang als Lokalreporterin dabeisitzen und viel Kaffee trinken musste, um nicht einzuschlafen. Sogar auf dem Friedhof gibt es keine Frieden, denn immer wieder werden dort Plastikblumen geklaut. Eine echte Idylle.
Andererseits… Der Friedhof! Ein Hof des Friedens. Und vielleicht ja ein ganz interessanter, weil unerwarteter Aufhänger für diese alberne Sommer-Friedens-Geschichte. „Alles klar. Da fange ich an“, denkt Nadja. Am Ende gibt es da ja wirklich allerhand friedliches zu entdecken. Und im besten Fall auch noch das eine oder andere skurrile Detail, um der Story Würze zu verleihen. Nadja liebt unerwartete Wendungen in ihren Artikeln. Und die Leserinnen und Leser auch. Das haben die in der Redaktion schon bemerkt. Sonst wäre es Hohlmeier gar nicht erst eingefallen, sie auf den Saure-Gurken-Quotenretter anzusetzen.
Gesagt, getan. Oder, wie die Gen Z, zu der Nadja gehört, sagen würde: „Bet“.
Es ist ein warmer Montagmorgen wie aus dem Bilderbuch – oder einem bayerischen Hochglanzprospekt. Irsing ist stolz darauf, eine Touristenattraktion zu sein. Jetzt keine spektakuläre wie Schloss Neuschwanstein, Starnberg oder Oberammergau. Aber geh – wer will da heute noch hin, also außer Chinesen, Millionären in Ausbildung und Wallfahrern. Irsing hat eine schöne Bergkulisse, eingebettet in einen oft blauen Himmel mit Obers-Tupfen, es hat verschlungene Gassen und Häuschen mit Lüftlmalerei und zugigen Fensterläden. Es hat einen Konsum, einen Brunnen, ein Herrenhaus und eine Kirche. Letztere liegt auf einem Hügel inmitten eines Friedhofs, wie geschaffen als Kulisse für einen Regiokrimi à la Leberkäs-Schmarrn. Oder so.
Am Ortsrand ist vor 40 Jahren eine Neubausiedlung entstanden, und direkt an der Ausfallstraße inzwischen auch ein Industriegebiet, komplett mit Sägewerk, Discountern und einem Hobbymarkt. Ja, dort hat sich sogar ein modernes Bestattungsinstitut niedergelassen, mit den irrwitzigsten Mod Cons für eine hippe Beerdigung und die standesgemäße Trauer danach. Das Institut bietet sogar Tierbestattungen an!
Wie? Ich schweife ab? Nein, nein. Ihr werdet schon sehen.
Mit einem echten Fotoapparat um den Hals und ihrem Notizbuch in der Tasche betritt Nadja den Kirchhof. Wie ein grüner Ring mit großen grauen Tupfen schmiegt er sich um die Kirche. Aus der Vogelperspektive sieht das ganz besonders malerisch aus. Nicht, dass Nadja schon mal einen Ballon-, Paraglider- oder Segelflug über Irsing gemacht hätte. Aber die Redaktion hat – natürlich aus Recherchegründen – eine Drohne gekauft. Ein sehr nützliches Gerät, wie ihr sehen werdet.
Das Eisentor ist an einigen Stellen verrostet, der Hebel widersetzt sich beim Runterdrücken, und das Tor schwingt nicht ins Schloss zurück, sondern bleibt einen Spaltbreit offen. Groß genug für eine Maus, eine Katze im Jagdfieber oder eine fluchtbereite Seele. „So ein Schmarrn“, schimpft Nadja sich selbst. „Noch kaum richtig drinnen, und schon fängt deine Fantasie an zu spinnen.“
Sie schlendert den schmalen Kiesweg entlang, jetzt wieder ganz im Reportermodus. Die Grabsteine hier am Anfang sind alt, viele moosbewachsen und verwittert, die Gräber verwildert. Von den Menschen, die vor über hundert Jahren beerdigt wurden, ist sicher nichts mehr übrig als die Inschrift.
Annas verlorene Seele
An einem Grab bleibt Nadja stehen. Es ist verwahrlost wie die meisten Gräber, aber am Grabstein schmiegt sich eine Kletterrose empor. Ihr knorriger Stamm hat nur eine Blüte hervorgebracht, ein dunkler Blutstropfen am grauen Stein. Nadja bückt sich, um die goldenen Zeilen zu lesen, die ihr entgegen leuchten. Fast so, als ob jemand sie liebevoll gereinigt hätte, damit die Tote nicht vergessen wird.
Hier ruht Anna S.
geb. 1898 in Ostpreußen – gest. 1923 in Irsing
Ein stilles Leben, in fremden Häusern verbracht,
ein junges Herz, im Schmerz der Stunde gebrochen.
Hier ruht sie, namenlos im Urteil der Zeit,
doch nicht vergessen vor Gott.
…Und von jemand anderem, denkt Nadja. Jemandem, der die Buchstaben vom Schmutz befreit, damit die Erinnerung an sie und an ihr Schicksal lebendig bleibt. Auch nach über 100 Jahren. „Im Schmerz der Stunde gebrochen“. Was konnte das Herz einer jungen Frau damals brechen? Im Schmerz. In einer Stunde?
Sie ist bestimmt bei der Geburt gestorben. Die Muttersterblichkeit war, Semmelweis zum Trotz, damals noch ziemlich häufig, vor allem bei Hausgeburten. Anna war sicher arm – und wahrscheinlich sogar vom ihrem Arbeitgeber entlassen. Wohl eher verstoßen, denkt Nadja. Ihre Fantasie arbeitet jetzt wieder auf Hochtouren.
Wo hat Anna wohl gearbeitet? Wahrscheinlich auf dem Gutshof. Der gehörte damals schon seit Generationen der Familie von Weiden. Weidenhof hieß das Gut wohl, aber heute sagen die Leute hier meistens einfach Gut Irsing. So steht es auch auf den Hinweisschildern. Aber die sind schon alt und genauso verwittert wie die Grabsteine im alten Teil des Friedhofs und ein weiterer Streitpunkt im Gemeinderat. Die einen, die Jungen, meinen, die müssten weg, weil sie fälschlicherweise „suggerieren“, dass der Gutshof noch aktiv und zu besichtigen sei, vielleicht sogar mit einem Hofladen voll erlesener Marmeladen und selbstgebrannten Schnäpsen. Wobei das Gut nur noch aus dem Herrenhaus und ein paar baufälligen Schuppen besteht, und beides könnte nicht einmal mehr als Kulissen für Inspector Barnaby’s Midsomer Murders herhalten.
Das Land, das Edmont von Weiden bis zu seinem Tod Anfang des Jahrtausends noch nicht verkauft hat, ist heute komplett verpachtet und sichert seiner einzigen Tochter Amelie ein sehr bescheidenes Einkommen. So bescheiden, dass Amelie für ihr Auskommen in einem der Schuppen einen wackeligen Rokokoschrank aufgestellt und mit allerlei Marmeladengläsern befüllt hat. Die verkauft sie an die paar Leute, die sich dank Hinweisschildern und Google Maps bis zu ihr verirren.
Und solange Amelie ihre Marmeladen verkauft, haben ebendiese Schilder einen Sinn, behauptet die andere Hälfte des Gemeinderates. Die besteht übrigens vor allem aus älteren Herren, die Amelie schon in ihrer Jugend kannten, als sie eine bis nach München bekannte Schönheit war. Schön ist sie immer noch, und die Jungen im Gemeinderat glauben, dass sie ihre treugebliebenen Verehrer regelmäßig nicht nur mit Marmelade, sondern auch mit Schwarzgebranntem versorgt.
Natürlich wissen diese jungen Leute nicht, dass sie falscher nicht liegen könnten, mit ihrer Vermutung. Amelie war noch nie gastronomisch begabt und ist völlig unfähig, etwas Genießbares herzustellen, weder in fester noch in flüssiger Form. Aber sie ist kreativ und eine Künstlerin. Wo im Herrenhaus die Tapete abgeblättert ist, hat sie sie z.B: mit eigenhändigen Wandbildern dekoriert. Große tropische Landschaften mit Fabelwesen. Sehr eindrücklich.
Und was die Marmelade betrifft – die kauft Amelie beim Discounter, am liebsten herabgesetzt wegen des Verfallsdatums. In ihrer Küche, in der sich seit den 1970er Jahren nichts verändert hat, entfernt sie sorgfältig die Etiketten und beklebt Gläser und Deckel mit kunstvollen selbstgestalteten Wapperln. „Gut Weiden’s echte Erdbeermarmelade. Aus Tradition lecker.“
Ja, die von Weidens waren schon immer eine ganz besondere Spezies. Amelies Großvater, Max von Weiden, soll ein rechter Hallodri gewesen sein, ein Frauenheld, der nichts anbrennen ließ. Das hat Nadja in einer Chronik über Irsing im letzten Jahrhundert gelesen, als sie etwas Lokalkolorit für einen Beitrag „Irsing gestern und heute“ in der Festschrift zum 150-jährigen Bestehen gebraucht hat.
Amelie ist heute 82, also ist sie 1944 geboren. Ihr Großvater Max von Weiden muss in den 1920er Jahren in der Blüte seiner Männlichkeit gestanden haben. Und auf dem Gipfel seines Treibens. Was, wenn die arme Anna aus Ostpreußen dem schicken Gutsherrn verfallen war, mehr oder weniger freiwillig, und dann, als ihre Verfehlung – die natürlich nur ihr und nicht Max angelastet worden war – offensichtlich wurde, vom Hof gejagt worden war?
Die Arme. Ganz allein in der Fremde. Wie hat sie das Kind zur Welt gebracht? Und wo? Vor allem: was ist mit dem Kind passiert? Irgend jemand pflegt Annas Grab bis heute. Soviel steht fest. Von wegen „Frieden“. Nadja wird der Sache auf jeden Fall auf den Grund gehen. Auf eigene Faust, wenn’s sein muss. Und nach dem verdammten Friedens-Artikel.
Frieden hat viele Gesichter. Nadja holt ihr Notizbuch aus der Tasche und schreibt: „Vielleicht bedeutet Frieden manchmal, Abbitte zu leisten für Fehler, die man selbst nicht begangen hat, die einen aber trotzdem belasten.“
Moped-Markus
„Ruhe in Frieden, liebe Anna“, flüstert Nadja und streichelt mit sanften Fingern die blutrote Rose. Plötzlich hat sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie dreht sich um. Aus den Augenwinkeln sieht sie etwas Schwarzes weiter vorn zwischen den Gräbern umher huschen. Suchend? Oder bloß ein Schatten? Ein sich im Wind bewegender Lindenast, schwer von Blättern und Blüten?
Der Duft weht ihr entgegen, und Nadja verlässt den alten Teil des Friedhofs. Ihre Schritte knirschen auf dem Kies. Es muss ein Schatten gewesen sein, denkt sie. Ich habe ja nichts gehört. Der neuere Friedhofsteil wird von Linden gesäumt. „Am Brunnen vor dem Tore“, summt sie. Das Lied hat ihre Großmutter ihr vorgesungen, zum Einschlafen.
Mit der Vorstellung, unter einer üppigen Linde zu liegen und den herrlichen Blütenduft einzuatmen, schlief die kleine Nadja immer schnell und glücklich ein. Dabei ist das alles andere ein friedliches Schlaflied. Der Text entstand in der Zeit der Befreiungskriege im 18.-19. Jahrhundert und erzählt von der Sehnsucht eines Wanderers, der in den Kämpfen gegen Napoleon alles verloren hat.
Frieden, denkt Nadja, kann auch eine unstillbare Sehnsucht sein.
Da – wieder dieser Schatten. Vorne, neben dem weißen Marmorstein, vor dem so viele Gegenstände stehen, sogar ein Miniatur-Motorrad. Neugierig nähert sich Nadja dem Grab.
„Moped“-Markus Kerber
1998-2020
Deine Liebe war die Straße.
Dein Leben war ein Rennen bis zur letzten Kurve.
In unseren Herzen fährst du weiter.
Moped-Markus. Nadja hatte keine Ahnung, dass der hier liegt. Markus war so alt wie sie. Wenn sie bei ihrer Oma in Irsing zu Besuch war, hat sie mit ihm gespielt. Am Bach Dämme gebaut. Auf dem Schulhof geskatet. Später, als Naja nicht mehr so oft kam, sah sie Markus und seine Clique bei der Kirchweih. Einmal hatte er den Maibaum bewacht. Sie findet, das Bild auf dem Grabstein zeigt ihn genau so, wie er war. Schwarze Lederjacke mit langen Fransen, schwarzes Halstuch und vom Helm zerdrückte Haare. Ja, Motorradfahren war seine einzige Leidenschaft.
Obwohl – Nadja muss plötzlich daran denken, als sie Markus zum letzten Mal gesehen hat. Auf der Kirchweih 2020. Das muss kurz vor seinem Tod gewesen sein. Da saß er nicht auf seinem Moped – einer KTM 125, auf den ersten Blick harmlos, wegen ihrer technischen und optischen Anpassung aber eine wahre Rennmaschine. Schnell unterwegs und kaum zu stoppen.
An jenem Abend aber saß Moped-Markus auf einer Bank hinter dem Festzelt und war intensiv mit Kathi beschäftigt. Kathi Unterhuber. Zwei Jahre jünger, blond, absolut fesch, Azubine im Betrieb von Alfons Brunner und die Verlobte von Brunners Sohn Fabian. Kathi nahm den Mund manchmal recht voll. An diesem Abend wahrscheinlich mit Markus‘ Zunge. So sah es zumindest aus. Oh, oh, hat Najda damals gedacht, wenn das mal nicht böse endet. Schließlich weiß jeder, dass bei so einer Kirchweih selbst das Zelt Augen und Ohren hat.
Najda bezweifelte damals stark, dass das Geknutsche von Markus und Kathi unbeobachtet geblieben war. Genaues hat sie aber nie erfahren. Kein Wort hat sie gehört, denn niemand hat darüber gesprochen, selbst die schlimmsten Tratschweiber nicht (das sind übrigens ein paar alte Männer im Ort), bis heute nicht.
Am wenigsten hat die Kathi gesagt. Dafür hat sie schon ein Jahr nach Markus Tod den Flo geheiratet.
Sehr zu Nadjas Verwunderung. Denn immerhin war es der Flo mit seinem Traktor gewesen, der ganz plötzlich aus dem Feldweg hinter der Kurve aufgetaucht war. Markus hatte keine Möglichkeit gehabt, auszuweichen, beim Bremsen war die Maschine ausgebrochen und Markus gegen einen Baum geprallt. Ende Gelände.
Nadja hat sich immer gefragt, was Flo damals eigentlich am Unfallort zu suchen hatte. Auf einem fremden Feld mit einem geliehenen Traktor.
Vielleicht sollte ich doch mal wieder die Kathi besuchen, denkt Nadja.
„Frieden kann auch bedeuten, dass ich mich mit dem Unausweichlichen abfinde“, schreibt sie in ihr Notizbuch.
Friede sei nach dir
Und wieder hat Nadja das Gefühl, nicht alleine zu sein, auf dem Friedhof. Um diese Zeit sind nur wenige Besucher hier. Vielleicht fällt sie auf, weil sie ziellos umherschlendert?
Ein großer Granitblock thront über einem Doppelgrab.
„Ruhe in Frieden, Karl-Heinz”, steht auf dem Stein. Und darunter
Karl-Heinz Müller, OStR
1951-2025
Das Grab ist mit farbenfrohen Geranien bepflanzt. Rot, rosa, weiß. Eine Dame kommt mit einer Gießkanne den Weg herunter. Sie setzt sie vor dem Grab ab und fängt an, welke Blüten zu zupfen. Dabei summt sie fröhlich vor sich hin. Nadja traut ihren Ohren nicht. „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liehiebe nicht“.
Unwillkürlich bleibt sie stehen und schaut sich die Dame genauer an. Sie muss so um die 70 sein, sportlich in einem hellblauen Hemdblusenkleid, pinken Birkenstocks und tiefrotem Nagellack an Händen und Füßen. Die Haare ein frecher blonder Bob, die Lippen kirschrot.
„Alles, alles, alles geht vorbei, doch wir sind uns treu“.
„War das Ihr gemeinsames Lieblingslied?“ Nadja lächelt mitfühlend. Der Mann ist noch nicht allzu lange tot. Wahrscheinlich spürt die Witwe seine Nähe und bringt ihm ein Ständchen, sozusagen.
„Was? Dieses Lied? Nö. Karl-Heinz hat es gehasst. So eine Schnulze. Nein, für ihn gab es nur Wagner. Am liebsten den Ring des Nibelungen. Dadadàdaaa da, dadadàdaaa da, dadadadaaaaaaa. Schrecklich. Jedes Jahr waren wir auf dem grünen Hügel. Mit dem Geld, das er für die Karten und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth ausgegeben hat, hätten wir uns ein Häuschen auf Malle kaufen können. Aber da wäre er natürlich nie hingefahren. Ins „Putzfrauenparadies“.
„Sie vermissen ihn aber schon, oder?“ Nadja ist sich nicht sicher, was sie von der Dame halten soll. Und von ihren Äußerungen über Karl-Heinz. So liebevoll, wie sie das Grab pflegt, muss sie ihn doch gemocht haben.
Die Witwe überlegt. „Naja. Sagen wir so: Ich bin ihm sehr dankbar.“
„Weil?“ Jetzt ist Nadja wirklich neugierig.
„Ach ja“, seufzt die Witwe. Sie setzt sich auf die Bank unter der Linde am Grab und tätschelt mit der Hand auf den freien Platz neben sich.
„Karl-Heinz war kein einfacher Mensch. Wer ist das schon? Aber er war wirklich besonders. Er war Oberstudienrat, wissen Sie. Das Leben in der Schule und das Leben daheim gingen für ihn nahtlos ineinander über. Wir haben uns in der Sparkasse kennengelernt, als ich da in der Ausbildung war. Die habe ich dann nicht beendet. Meine Frau muss nicht arbeiten, hat Karl-Heinz immer gesagt. Dabei habe ich zu Hause rund um die Uhr gearbeitet. Putzen, waschen, bügeln, kochen. Und dazu noch den Garten. Karl-Heinz liebte die Ordnung. Seine Ordnung. Er wusste und er konnte alles, und das am besten. Das Essen zu kalt, zu warm, zu salzig, zu lasch. Die Hemden zu steif oder zu verkrumpelt.“
Nadja nickt verständnisvoll. Ja, solche Menschen gibt es. Ihr Chefredakteur, zum Beispiel.
„Aber er hat ja nicht nur an mir rumgemeckert. Er hat mit allen gestritten. Mit den Nachbarn wegen der Hecken, oder weil der Bub mal um fünf vor drei schon Klavier geübt hat. Mit dem Briefträger, weil er die Post nicht ordentlich in den Briefkasten gelegt hat. Wegen der Kirchenglocken hat er sogar den Kardinal angeschrieben, weil die zu laut waren. Seiner Meinung nach.“
Ja, daran erinnert sich Nadja. Er hatte nicht nur dem Kardinal geschrieben, sondern sich auch in Leserbriefen bei der Zeitung über den Glockenlärm beschwert. Karl-Heinz war wirklich ein Querulant, wie er im Buche steht.
„Hm. Da haben Sie ja kein leichtes Leben gehabt,“ sagt sie. „Und trotzdem sind Sie ihm dankbar? Das finde ich richtig toll.“
„Toll? Keine Ahnung. Aber ja, ich bin ihm dankbar. Endlich bin ich frei. Ich hatte vor 2 Jahren ein ganz schlimmes Magenproblem, wissen Sie. Mein Mann hat damals behauptet, ich hätte die falschen Pilze gesammelt. Ausgerechnet. Ich geh in die Pilze, seit ich ein Kind war. Ich kenne sie alle. Danach haben wir eine Lebensversicherung abgeschlossen. Also er. Für uns beide. Tja, und jetzt ist er tot. Und mir geht’s richtig gut.“
„Das freut mich. Also, dass es Ihnen gut geht und Sie nicht mehr krank geworden sind. Nicht, dass er tot ist. Woran ist er denn gestorben?“
Die Dame schaut Nadja an. Ohne zu blinzeln, ohne mit der Wimper zu zucken, sagt sie: „An einer Magenvergiftung. Nach einer Pilzsuppe. Wie das Leben so spielt. Wissen Sie, manche Menschen bringen Frieden ins Haus, wenn sie eintreten. Andere, wenn sie es verlassen.”
Nadja starrt die Dame an. Die lächelt und fragt: „Übrigens, kennen Sie den? Eine Frau steht am Grab ihres Mannes und gießt die Blumen. Kommt eine Freundin vorbei und sagt: Hast du’s gut. Du gießt schon. Ich muss noch kochen.“
Damit steht sie auf, nimmt die Kanne in die Hand und fängt an, die Geranien zu wässern. Liebevoll, Pflanze um Pflanze. Dabei summt sie: „Marmor, Stein und Eisen bricht…“
Nadja klappt ihr Notizbuch auf und notiert:
Vielleicht ist Frieden manchmal die Entscheidung, sich selbst zu befreien.
Der letzte Schliff
Nadja steht auf. Die Linde duftet. Ein Rotkehlchen zwitschert. Eine Amsel singt mit. Wie friedlich! Und dann… kaum schaust du hinter die schön geputzten Grabsteine: Mord und Totschlag. Sogar im wahrsten Sinn des Wortes. Ganz wie im richtigen Leben. Nadja grinst. Sie ist sich nicht sicher, ob ihr Artikel den Vorstellungen des Chefredakteurs entsprechen wird. Bzw. ist sie sich sehr sicher, dass er etwas ganz anderes erwartet. Aber so ist das eben. Krieg und Frieden. Ein Kreislauf.
Hinter einem Grab in der nächsten Reihe Richtung Mauer, knackt ein Ast. Laut. Nadja schaut schnell in die Richtung des Geräuschs. Etwas Schwarzes bückt sich hinter einen monumentalen Grabstein und untersucht die Buchsbaumumrandung. Als er aufsteht, sieht Nadja, dass es sich um einen Mann handeln muss. Eher jung, mutmaßt sie anhand der schnellen Bewegungen. Und trotz des sonnigen Wetters ganz in Schwarz gekleidet: Jeans, Kapuzenshirt und sogar die Turnschuhe.
Was sucht der hier?, fragt sich Nadja. Einen Angehörigen? Sie kann sich nicht erinnern, den Typen schon mal in Irsing gesehen zu haben. Obwohl – bei der Verkleidung könnte es praktisch jeder Jugendliche aus dem Ort sein. Aber nein, der würde nicht so heimlichtuerisch auf dem Friedhof herumschleichen, sondern wüsste genau, wo der Opa liegt. Außerdem hat der Mann ganz offensichtlich keine Blumen dabei..
Ob einheimisch oder nicht – das Ganze wirkt irgendwie unheimlich. Das mag an den gruseligen Geschichten liegen, die sie sich ausgedacht und angehört hat. Aber nein. Nadja ist sich sicher: da stimmt was nicht. Betont unauffällig schlendert sie dem Mann hinterher, Notizbuch in der Hand, und tut immer wieder so, als würde sie sich zu dem einen oder anderen Grab etwas aufschreiben.
So durchqueren die beiden – Verfolgter und Verfolgerin – fast den ganzen Friedhof. Jetzt geht er die letzte Grabreihe an der Friedhofsmauer entlang. Die lichten Linden sind dunklen Tannen mit tief herabhängenden Ästen gewichen, und obwohl die Sonne vom strahlendblauen Himmel scheint, ist es hier dunkel und kühl. Die Luft riecht modrig, kein Vogel singt in den Bäumen, und um die Grabmale herum schwirren Miriaden von kleinen Fliegen.
In diesem Teil des Friedhofs liegen keine einfachen Leute begraben. Hier fanden in vergangenen, glorreicheren Zeiten die Honoratioren des Ortes ihre letzte Ruhe. Statt mehr oder weniger schlichten Kreuzen aus Holz oder Schmiedeeisen an heckenumwachsenen Beeten thronen hier richtige Mausoleen – oder das, was ihre Erbauer dafür hielten. Miniaturschlösschen aus Stein mit eingelegtem Marmor, einem überdimensionalen Engel, der eher das Tor zum Hades als einen Himmelspfad zu bewachen scheint, manche mit Stufen, auf denen eine steinerne Bibel liegt. Pfarrer, Bürgermeister, ein Komponist (Kirchenmusik, keine Schlager, wo denkt ihr hin), sogar ein Bischof, wie Nadja aus den Inschriften abliest.
Und schließlich das Mausoleum der Familie von Weiden. Ganz aus Marmor, glänzend, nicht vom Efeu überwuchert. Auf der obersten Stufe stehen zwei Vasen aus Carrara Marmor mit üppigen Sträußen weißer Lilien. Sie verströmen einen betörenden, süßlichen Duft. Totenblumen. Nadja mag sie nicht. Aber jemand muss dieses Grab pflegen und die Blumen wässern. Täglich, bei diesen Temperaturen. Gerade will Nadja sich dem Mausoleum nähern, um zu lesen, wie viele Generationen von Weiden hier gelagert werden – gestapelt, vielleicht sogar, denn so viel Platz ist im Innenraum nicht, da sieht sie den schwarzen Mann heranhuschen. Schnell versteckt sie sich hinter einem massiven Granitblock, der aussieht, als sei er der Lorelei nachempfunden, samt Sirene.
Die Reporterin zoomt die Szene mit ihrem Fotoapparat heran und sieht, dass der Mann sich an der gusseisernen Gießkanne zu schaffen macht, die, von großen Farnen getarnt, an der Rückwand des Mausoleums steht.
„Was zum T…?“ Es knackt auf dem trockenen Boden unter den Tannen. Im Zoom sieht Nadja eine zweite Gestalt heranschleichen. „Kann denn hier niemand ganz normal gehen?“, fragt sie sich. Die Gestalt ist ebenfalls schwarz gekleidet. Weite Hosen, weites Shirt und breiter Hut. Dunkle Sonnenbrille. Spitzer Schirm. Schirm? Es ist eine Frau, ganz sicher. Hier im Schatten wird die kaum was sehen, denkt Nadja. Und richtig, die Frau stolpert über eine Wurzel. „Sch…“, entfährt es ihr.
Der junge Mann dreht sich um. Sieht die Frau, zögert nur kurz und geht dann langsam und drohend auf sie zu, die Gießkanne in der Hand. „So hast du dir das gedacht, was? Mich von hinten überfallen, mit dem Schirm erstechen und mit dem Klunker abhauen, ohne mich zu bezahlen. Das könnte dir so passen.“ Er hebt die Kanne und holt zum Schlag aus.
„Hey, stopp. Sofort! Polizei!“, schreit Nadja und kommt aus ihrer Deckung hinter dem Granitblock hervor. Amtsanmaßung ist zwar eine Straftat, in einer Notsituation wie dieser würde sie aber straffrei ausgehen, weiß die Redakteurin. Vorausgesetzt, Nadja käme in Erklärungsnot, weil die richtige Polizei just in diesem Augenblick auftauchen würde. Was sie nicht tut. Immerhin ist das hier ein Friedhof am hellichten Tag und keine Demo.
Wenn sie allerdings gedacht hat, dass die beiden nun einfach stehenbleiben und die Sache – vielleicht ja nur ein Missverständnis – in Ruhe klären, hat Nadja sich verschätzt.
Der junge Mann schaut Nadja entsetzt an, ruft „Die Bullen! Scheißdreck, verdammter!“ und rennt Hals über Kopf davon, Haken schlagend wie ein Feldhase auf Flucht vor dem Jäger. Dabei kommt er Nadja so nah, dass sie ihn am Ärmel packt. Er reißt sich los und stürmt weiter – ohne zu merken, dass ihm eine kleine Schachtel aus der Kängurutasche seines Hoodies gefallen ist.
Nadja bückt sich, hebt das Schächtelchen auf und sieht sich nach der Frau um. Aber auch die ist nicht etwa stehengeblieben, sondern wurde offenbar bei dem Wort Polizei von dem gleichen Fluchtinstinkt erfasst wie der junge Mann.
Statt quer über den Friedhof zu rennen, hält sie sich dich an der Mauer. Offenbar kennt sie das alte, verrostete Türchen, das heute zwar verschlossen ist, aber von einer halbwegs sportlichen Person mühelos übersprungen werden kann. Genau das tut die Frau, als Nadja sie entdeckt.
„Zu spät,“ flüstert die Reporterin enttäuscht. Sie setzt sich auf die unterste Stufe des jetzt wieder verwaisten Mausoleums und denkt nach. Was war das eben? Ein weiblicher Stalker auf Beutezug? Ein diebischer Gärtner? Dann fällt ihr das Schächtelchen ein. Es ist eine kleine Schmuckschatulle. Darin liegt ein blau schimmernder Diamant, in ein Platinband gefasst. „Oha, dann war das wohl sowas wie eine Lösegeldübergabe bzw. ein Tauschgeschäft. Deshalb keine Polizei. Und ich hab’s vereitelt.“
Aber was jetzt? In der Schatulle steht kein Hinweis auf den Besitzer oder den Juwelier. Lediglich eine Inschrift auf dem Platin: „Auf ewig dein.“
Was mache ich jetzt? Nadja ist ratlos. Ich kann ja schlecht in ganz Irsing rumlaufen und fragen, ob jemandem ein Diamant gestohlen wurde. Ich könnte das natürlich in die Zeitung setzen. Aber dann meldet sich womöglich der halbe Ort. Oder niemand, warum auch immer.
Auf dem Weg vom Friedhof in die Redaktion hat sie eine Idee. Verwegen vielleicht, aber ungewöhnliche Umstände erfordern manchmal auch ungewöhnliche Mittel. Wozu ist sie Redakteurin und in Punkto Recherche super fit?
„Na, fertig mit dem Artikel?“, fragt Hohlmeier und schickt sich an, sich wieder auf die Kante von Nadjas Schreibtisch niederzulassen. Zumindest halb.
„Noch nicht ganz“, antwortet sie und schiebt das Bein ihres Chefs beiseite, um die Schublade zu öffnen und die Drohne rauszuholen. „Ich will noch ein paar Flugaufnahmen von Irsing machen, unter der Überschrift: „Unser friedliches Irsing. Ok?“
„Naja, ist ja nicht gerade der Brüller“, brummt Hohlmeier. „Aber passt zu Ihnen. Machen‘s weiter, Moser. Zum Wochenende steht der Artikel in der Zeitung.“
„Alles klar, Chef“, murmelt Nadja, schnappt sich die Drohne samt Zubehör und geht zurück zum Friedhof.
Das Schwierigste ist, einen geeigneten Beobachtungsposten zu finden, von wo aus sie die Drohne starten lassen kann. Der Platz ist zwar nicht gerade überlaufen, aber es sind schon ein paar Besucher da, vor allem ältere Damen, die die Gräber ihrer Liebsten pflegen. Nadja entscheidet sich für ein verfallenes Grabmal hinter der Kirche, direkt an der Mauer. Da ist am wenigsten los, und sie kann in Ruhe den Flug der Drohne und die Bilder auf ihrem Laptop verfolgen. Bis auf die große Dogge, die plötzlich mit den Vorderpfoten auf der Mauer steht und neugierig an ihrer Tasche schnüffelt, begegnet Nadja in den nächsten 3 Stunden niemandem. Aber sie sieht auch nichts Interessantes. Na klar, denkt sie, solange noch jemand auf dem Friedhof ist, wird wohl keine meiner beiden Gestalten hier auftauchen und nach dem Diamanten suchen. Sie will gerade die Drohne zum Startpunkt zurücksteuern, als auf ihrem Laptop die Frau von heute Morgen erscheint. Wieder ganz in Schwarz mit Hut und Sonnenbrille, nur ohne Schirm.
Sie geht zielstrebig auf das von Weiden‘sche Mausoleum zu und beginnt, die Umgebung systematisch abzusuchen.
Nadja verfolgt jeder Bewegung der Frau und fragt sich gerade, wie schnell sie hier alles zusammenpacken kann, falls sie ihre Suche in Nadjas Richtung ausweitet, da zuckt die schwarze Frau resigniert mit den Schultern, dreht sich um und geht. Ruhig, umsichtig aber gezielt bewegt sie sich Richtung Ausgang.
Das ist ihre Chance, denkt Nadja und nimmt mit der Drohne die Verfolgung auf. Zum Glück hat der sonst eher knauserige Chefredakteur nicht an den Kosten gespart und für die Redaktion eine Enterprise-Drohne angeschafft. Damit ist die Verfolgung auch über einen größeren Bereich gesichert, und die Übertragung bleibt klar.
Fasziniert schaut Nadja der Frau zu, wie sie den Kirchhügel hinuntergeht, federnd und zielstrebig. An der Bushaltestelle an der Hauptstraße setzt sie den großen Hut ab. Darunter fließen rotblonde Locken auf den Rücken. Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen, aber sie muss noch jung sein. Neben der Bushaltestelle im Schatten einer Kastanie steht ein E-Bike. Die junge Frau steigt auf und fährt los, durch den ganzen Ort und am Ortsschild vorbei. Kurz hinter Irsing biegt sie in einen staubigen Feldweg ab. Ein halb verfallendes Schild sagt: Gut Irsing 500m. Die Drohne folgt in sicherer Entfernung über ihr. Als die junge Frau schließlich stehenbleibt und das E-Bike vor dem Schuppen neben dem Gutshaus abstellt, lässt Nadja die Drohne abdrehen. Sie weiß genug.
Doch was fängt sie an, mit ihrem Wissen? Nach einer unruhigen Nacht sitzt Nadja an ihrem Schreibtisch in der Redaktion vor einem großen Matcha Latte und einem leeren Bildschirm. Zum Glück ist Hohlmeier außer Haus.
Der Diamant in ihrer Hosentasche hat das Gewicht eines Pflastersteins. Sie muss ihn abgeben. Aber wem? Amelie von Weiden? Sie ist die wahrscheinlichste Eigentümerin. Warum sonst wäre die schwarze Frau nach ihrer vergeblichen Suche auf dem Friedhof zum Gutshaus gefahren? Oder vielleicht doch lieber der Polizei? Das wäre logisch und wohl auch ihre Bürgerpflicht. Genau genommen ist der Diamant eine Fundsache. Sie hat ihn auf dem Friedhof… gefunden. Die Umstände kann sie ja verschweigen, um nicht als Denunziantin dazustehen. Ja, die Polizei. Dort ist auch das Fundbüro. Also… Aber Nadja zögert. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, denkt sie. Wenn sie den Klunker jetzt zur Polizei bringt, war die ganze Aktion mit der Drohne komplett umsonst. Ja, sie ist Redakteurin eines Lokalblättchens. Aber ihre Zukunft sieht sie im investigativen Journalismus. Das Aufdecken von Skandalen. Verbrechen. In Konkurrenz mit der Polizei und immer einen Schritt voraus.
Plötzlich weiß Nadja, was sie machen wird. Alexander, ihr Kinderfreund in glücklichen Ferientagen bei der Oma, ist heute Polizeiobermeister in Irsing. Auch so einer von denen, die ihren Lebensradius nicht über die Ortsgrenzen hinaus erweitert haben. In diesem Fall ist das allerdings ein Glück.
„Hi Alex“, grüßt Nadja den großen, rotblonden Polizisten mit dem trendigen Haarschnitt und gepflegten drei-Tage-Bart. Schaut eigentlich nach ner glatten Zehn aus, denkt Nadja, der überzeugte Single, und schenkt Alex ihr süßestes Lächeln. „Hohlmeier zwingt mich, einen Artikel über „Frieden in Irsing“ zu schreiben. Aboluter Brain-rot. Aber ich muss! Sag mal, gab’s in letzter Zeit vielleicht sowas wie ne spannende Vermisstenmeldung? Oder ne richtig krasse Verlustanzeige?“ Hat sie beiläufig genug geklungen? Offenbar. Denn Alex schaut sie mitleidig an, kratzt sich am Bart – was ihn direkt auf eine 7 runterstuft – und sagt: „Vermisst wird in Irsing niemand. Also außer n bisschen Action.“ Er grinst. „Aber warte mal, vor ein paar Tagen war der Schulze-Breitberger da – Du weißt schon, der hippe Bestatter im Industriegebiet – mit ner total abgefahrenen Story. Angeblich hätte die von Weiden, wer sonst?, bei ihm einen Diamanten aus der Asche ihres Liebsten bestellt. Bei der Abholung ist sie dann vor Rührung in Ohnmacht gefallen. Schulze Dingsda war total geschockt. Stell dir mal vor, wenn die direkt beim Bestatter der Löffel abgegeben hätte. Nicht gut für sein Karma, irgendwie. Also haben sich alle um die Alte gekümmert. Und in dem allgemeinen Chaos –– also während alle versucht haben, die Alte wiederzubeleben, ist der Diamant verschwunden. Angeblich. Also laut Schulze Soundso.“
„Und, hat er Anzeige erstattet?“
„Ja klar. Und den Fall der Versicherung gemeldet. Aber ich fürchte, da kommt nix bei raus. Der Schaden war ja überschaubar. 3000 Euro. Zufrieden? Sag mal, hast du schon mal was über die neue Bar unten am Markt geschrieben? Die soll so cool sein. Wir könnten die doch mal auschecken, oder?“
„Ja klar. Nein, ich war noch nie da. Steile Idee. Du, ich muss. Ich meld‘ mich bei dir. Safe.“ Wenn Alex wüsste, dass ich die 3000 Euro in meiner Hosentasche habe… Nadja grinst. So langsam nimmt die Sache Formen an. Aber was sich genau abgespielt hat, das kann ihr nur eine Person erklären. Und zu der fährt Nadja jetzt auf ihrem Mountainbike. Ganz ohne E.
Später weiß Nadja nicht mehr so genau, was sie sich vorgestellt hat. Die investigative Journalistin in ihr hatte den Riesen Coup erwartet. Die Reporterin eine schlüssige Story, die den Spagat zwischen ihren Ansprüchen, Hohlmeiers Erwartungen und der Gunst der Leserinnen und Leser schafft. Die Romantikerin wünschte sich tief im Herzen ein Happy End. Wie auch immer geartet.
Und jetzt? Das Geheimnis ist aufgeklärt. Lückenlos. Es ist eine perfekte Geschichte, ein Cosy Crime made in Irsing. Doch sie wird ihn nicht schreiben können. Oder nicht so ganz. Bei feinem Tee aus durchsichtigen Porzellantässchen in dem elegant verwohnten Salon mit den verblassten Tapeten, Ahnenbildern und Erinnerungen an andere Zeiten haben Amelie von Weiden und ihre Großnichte Verena – die mysteriöse Dame in Schwarz – ihr alles erzählt. Gebeichtet würde Najda besser gefallen. Aber so war es nicht. Die beiden hatten keinerlei Schuldgefühle, kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Sie waren womöglich sogar ein bisschen stolz auf ihren Plan. Vielleicht liegt das in den Genen, bei solchen Menschen.
Alles begann mit einem Ende, nämlich dem von Siegfried. Schön und stattlich, mit weißen Locken. Nadja konnte sich nicht erinnern, ihn jemals in Irsing gesehen zu haben. Aber das will nichts heißen. Wann ist sie schon im Ort unterwegs? Morgens in die Redaktion, abends nach Hause und am Wochenende nach München zu ihren Freundinnen. Das Los der Provinzreporterin am Anfang einer steilen Karriere.
Siegfried war Amelies letzte große Liebe. Nach seinem Tod wollte sie ihn nicht nur in, sondern am liebsten auch an ihrem Herzen tragen. Deshalb hat sie beim Bestatter einen Diamanten aus seiner Asche bestellt. So weit, so gut. Allerdings hatte die Sache von Anfang an einen kleinen Haken. Amelie ist abgebrannt und konnte das Erinnerungsstück nicht zahlen. Andere wären traurig gewesen, verzweifelt – oder sie hätten versucht, eines der Gemälde zu verkaufen. Aber Amelie tickt anders. Mit Verena hatte sie einen perfekten Plan ausgeheckt, um den Diamanten zu bekommen, ohne einen Cent dafür zu bezahlen. Am Tag der Abholung sollte Verena sie zum Bestatter begleiten. In dem Moment, in dem Amelie den Stein in Händen hielt, wollte sie eine Ohnmacht vortäuschen und den Diamanten fallenlassen. Ihr war klar, dass sich alle um sie kümmern würden. Das war der Bestatter seinem Ansehen schuldig. „Wie heißt er noch gleich? Schulze-Dingsda, ich kann mir den Namen nicht merken. Warum heißt er nicht einfach Friedwald oder so?“ Amelies Stimme klang vorwurfsvoll. Er und seine Angestellten würden jedenfalls alles versuchen, um der gebrechlichen alten Dame zu helfen. In diesem Chaos sollte Verena den Stein an sich nehmen.
Schulze-Sowieso würde kein Schaden entstehen. Er war ja für solche Fälle versichert. Natürlich hätte Amelie Siegfried dann nur heimlich tragen können, aber das war es ihr wert. Nur hatte sie nicht damit gerechnet, dass die Sache ihr tatsächlich so zu Herzen gehen würde, dass sie die Ohnmacht nicht vorzutäuschen brauchte. Ihr wurde wirklich schwarz vor Augen. Als sie später im Krankenwagen wieder zu sich kam, musste Verena ihr gestehen, dass sie den Stein nicht hatte. Er war einfach verschwunden.
„Ja, und dann rief doch so ein junger Bengel an und sagte, er hätte den Diamanten „gefunden“, mitsamt der Rechnung und meiner Adresse. Für 2000 Euro würde ich ihn wiederbekommen. Er käme mir damit sogar preislich entgegen. Wir haben herausgefunden, dass der Bengel eine Gelegenheitsaushilfe von Schulze-Schlagmichtot sein muss. Er war dabei, als ich umgekippt bin, hat das Kästchen im Gewusel eingesteckt und beschlossen, mit dem Stein sein Gehalt aufzubessern.“
Den Rest hatte Nadja sich ganz richtig zusammengereimt. Die Übergabe sollte am Mausoleum der Familie über die Bühne gehen. Amelie – bzw. Verena – würde das Geld in kleinen Scheinen in der Gießkanne verstecken, und der „Bengel“ würde es gegen den Diamanten austauschen.
„Woher hatten Sie denn plötzlich soviel Geld?“ wollte Nadja dann aber doch wissen.
„Ach, ich bin künstlerisch nicht ganz unbegabt. Ich fälsche seit Jahren die Etiketten auf meinen Marmeladen. Da waren ein paar Scheine wirklich keine große Herausforderung“, hatte Amelie lächelnd gesagt. Einfach so.
Aber Verena wollte natürlich auf Nummer Sicher gehen. Sie wollte dem jungen Dieb eins überziehen, wenn er sich zur Gießkanne bückte, und schnell mit dem Stein verschwinden. Am Ende hätte er die Fälschung bemerkt, und dann wäre Plan B auch im Eimer gewesen. Ihr E-Bike hatte sie hinter der Friedhofsmauer abgestellt.
Doch dann war Nadja erschienen und hatte alles vereitelt. Den Rest der Geschichte kannte sie.
„Sie werden mich doch nicht verraten, oder? Bitte! Siegfried ist mein Ein und Alles.“ Amelie hatte sie flehend angeschaut.
„Sie sagen, dass er Ihre große Liebe war, aber sie haben hier kein einziges Bild von ihm. Und im Ort hat man sie auch nie mit ihm gesehen“, hakt die Reporterin nach.
„Aber meine Liebe, das stimmt doch nicht. Schauen Sie, überall stehen Fotos von ihm. In Irsing war er bekannt wie ein bunter Hund, obwohl er doch ganz weiß war.“
„Wie bitte?“ Nadja ist verwirrt.
„Ja, hier! Ich habe ihn sogar gemalt. In Öl. Natürlich von einem Foto. Er hätte ja nie so lange stillgehalten. Ich finde, es ist sogar gelungener als das Merkel-Porträt.“ Amelie zeigt auf ein großes Gemälde über dem Kamin.
„Das ist Siegfried. Mein weißer Königspudel.“ Tatsächlich schaut ein großer lockiger Hund von einem roten Sofa auf sie herab. Majestätisch. Wissend. Und nachsichtig.
Auszug aus dem Leitartikel im Irsinger Boten vom Wochenende
Frieden ist, wenn man die Liebe immer im Herzen trägt
Von Nadja Moser
In Irsing geht es nicht friedlicher zu als an anderen Orten in der Welt, in denen es gerade keine echten Krisen gibt. Aber trotzdem möchte ich behaupten, dass in unserem schönen Städtchen die Liebe einen etwas größeren Platz im Herzen hat als woanders. Und vor allem – dass sie auf ewig darin leuchtet, wie das Licht in einem Diamanten. Woher ich das weiß? Ich habe es selbst erlebt, und ich verrate Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, auch wo. Alles begann, als eine Dame aus Irsing einen Königspudel aus dem Tierschutz nach Hause holte……







