Adventskalender Minikrimi am 4. Dezember


In der Weihnachtsbäckerei

Die Wochen vor Weihnachten waren in der „Nice to meat you“-Agentur traditionell die stressigsten des gesamten Jahres. Jeder Kunde, so schien es den erschöpften Mitarbeitenden, hatte plötzlich noch eine zündende Idee für einen last-minute-Flyer, um mit phlippinischem Balut, gefülltem Meerschweinchen oder gegrillter Nutria-Ratte verwöhnten Gourmands die letzten Kröten aus der Tasche zu ziehen.

Kein Wunder, dass zumindest die weiblichen Angestellten mindestens Flexitarier waren, viele tendierten inzwischen sogar zu veganer Kost. Als Nervennahrung in dieser hochaktiven Zeit kursierten demzufolge auf den Schreibtischen des 500 qm open space Offices keine frittierten Insekten, sondern Schokoriegel in allen Variationen. Und Plätzchen, natürlich.

Eigentlich hatte niemand nach einem 15-Stunden-Tag im Büro noch die Kraft, sich in die Küche zu stellen, Teig auszurollen und Bleche mit Ausstecherlis zu belegen. Niemand – außer Frau Schmitt. Frau Schmitt arbeitete als Sekretärin für die Marketing-Abteilung, und zwar schon so lange, dass niemand sich an eine Zeit erinnern konnte, als sie noch nicht an ihrem Schreibtisch gleich hinter der Glastür, direkt neben Kopierer und Faxgerät, gesessen hatte. Immer makellos gekleidet in unfarbige Twinsets und knielange Stoffröcke. In flachdunklen Schuhen. Mit weißblondem Pagenschnitt, der im Verlauf der Jahre wohl blondweiß wurde, ohne dass ein Unterschied zu sehen gewesen wäre.

Frau Schmitt passte weder zu den schwarzen Kostümkreativen noch zu den jovial Kragenlosen. Sie schwebte zwischen den Gegensätzen von Tradition und Moderne, von allen gebraucht und von jedem belächelt.

Aber einmal im Jahr, in der hektischen Vorweihnachtszeit, wurde Frau Schmitt über Nacht zum magnetischen Mittelpunkt des Büros. Zwischen dem 30. November und dem 1. Dezember schien sie sich gleichsam zu verpuppen, um dann, pünktlich mit dem ersten Adventskalendertürchen, als vanilleduftende, zuckerbestäubte Makronenfee zu erscheinen.

Natürlich war sie immer noch Frau Schmitt, und sie sah auch so aus. Wie immer. Fast. Denn manchmal klebte ein wenig Eigelb an einer Strähne ihres Pagenschnitts. Oder sie trug Puderzucker auf der Nase, sie, die ganz sicher noch nie mit Make-Up in Berührung gekommen war.

Jeden Tag trug sie in ihrer braunen Tasche Plastikdosen voll zerbrechlicher Vanillekipferl, knuspriger Florentiner und saftiger Golatsch an ihren Arbeitsplatz. Stellte sie in die Küche – und lud alle ein, sich zu bedienen.

Warum tut sie das? hatten sich Generationen von silhouettierten Mitarbeitenden gefragt. Ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden. Die Legende besagte, dass Frau Schmitt, deren Privatleben in der Agentur völlig unbekannt war, ihr Herz an den früheren Chef verloren hatte. Dieser wiederum liebte Linzer Golatschn über alles. Und so hatte sie versucht, über seinen Magen seine Liebe zu erlangen. Alle Jahre wieder. Und immer umsonst.

Inzwischen war die Agentur an ein erfolgreiches Ehepaar verkauft worden und hatte sich auf die exklusive Fleischbranche spezialisiert. Im Oktober hatte die Chefsekretärin gekündigt – sie hatte sich einen lukrativeren Posten geangelt, als Ehefrau eines Garnelenimporteurs.

Nur war die Not groß. Wer konnte das immense Arbeitspensum der Vorweihnachtszeit erledigen, ohne zu murren, ohne zu schludern oder zusammenzubrechen und vor allem, ohne eine Gehaltserhöhung zu fordern?

Da kam nur eine in Frage. Frau Schmitt. Jeder wusste es. Auch sie. Und sie begann bereits, ihren Schreibtisch zu ordnen und sich nach Schuhen umzusehen, die für den weiten Weg vom Büro der Chefsekretärin bis zu Kopierer und Faxgerät tauglich wären.

Aber dann lernte der Chef in einer Hotelbar eine ebenso kurven- wie listenreiche Brünette kennen. Sie versicherte ihm, Überstunden seien für sie kein Problem. Und in punkto Bezahlung war sie flexibel und akzeptierte auch Gold und Silber. So hieß es.

Jedenfalls zog nicht Frau Schmitt in den verwaisten Vorraum zum Chefsessel, sondern die junge Dame aus der Hotelbar. So hieß es.

Und Frau Schmitt saß mit ihren neuen Schuhen am alten Platz. Das hätte in dem 500qm großen open space Office keinen gestört – wäre der Zeitpunkt nicht so überaus ungünstig gewesen. Denn selbstverständlich gingen alle Mitarbeitenden davon aus, dass Frau Schmitt angesichts dieser schlechten Behandlung auf Rache sinnen – und dieses Jahr keine Plätzchen backen würden. Oder vielleicht würde sie sie ja backen, aber mit Sicherheit würde sich keines davon ins Büro verirren. Wie schrecklich!

In den schlimmsten Albträumen wurden die Bäckerein und Konditoreien in der näheren und weiteren Umgebung heimgesucht. Und allesamt für unwürdig befunden. Sie hielten dem Vergleich zu Frau Schmitts Gebäck natürlich nicht stand.

Wie groß war die Verwunderung, und unmittelbar danach die Freude, als, pünktlich am 1. Dezember, Frau Schmitt mit ihrer braunen Tasche in der Hand und Puderzucker auf der Nase den Raum betrat – eingehüllt in eine Wolke süßen Vanilleduftes.

Alle stürzten sich sogleich auf die unbeschreiblich saftig glänzenden Linzer Golatschn und waren sich einig: so gut wie in diesem Jahr waren sie Frau Schmitt noch nie gelungen.

Frau Schmitt indes schaute von ihrem Arbeitsplatz gleich hinter der Glastür auf das gefräßige Treiben und lächelte. Verschmitzt.

Es war dieses Lächeln, das die Polizei auf ihre Spur brachte. In Hausmantel und Lockenwicklern öffnete sie einem grimmig dreinschauenden Kommissar samt Assistenten – denn nur in Kriminalfilmen kommen die Beamten alleine und lassen sich überwältigen.

Auf die Frage, womit sie die Golatschn gefüllt habe, antwortete Frau Schmitt zunächst gar nicht. Sie wurde sehr rot im Gesicht, blickte zu Boden und gestand schließlich, die fertigen Plätzchen und auch die Johannisbeer-Konfitüre, mit der sie die dürftige Füllung per Hand aufgepeppt hatte, in einem Discounter erstanden zu haben. „Ich bin dort so schlecht behandelt worden, ich wollte ihnen einen Denkzettel verpassen. Sie sollten am eigenen Leib erleben, wie das schmeckt. Schlechte Behandlung.“

„Und deshalb haben Sie die ganze Belegschaft vergiftet?“

„Vergiftet? Um Gottes Willen, nein! Ich habe nur billige Plätzchen und billige Konfitüre gekauft und ihnen statt meiner leckeren Golatschn dieses Industriegebäck hingestellt. Damit ihnen der Appetit vergeht.“

„Frau Schmitt – die Leute, die Ihre Plätzchen gegessen haben, liegen im Krankenhaus. Ihr Chef und seine Sekretärin werden wahrscheinlich nicht durchkommen. Gestehen Sie endlich, dass Sie das Zeug vergiftet haben.“

Frau Schmitt konnte ihre Unschuld beteuern, so oft sie wollte. Sie kam in Untersuchungshaft. Der Kommissar und sein Assistent wollten partout keinen Zusammenhang sehen zwischen ihren Linzer Golatschn und einer Charge verdorbener Konfitüre eines großen Discounters, die in verschiedenen anderen Städten zu schweren Lebensmittelvergiftungen geführt hatte.

Adventskalender MiniKrimi vom 6. Dezember 2018


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Von drauß‘ vom Walde…….

„Du weißt, was du tun musst Schließ die Tür ab und mach auf keinen Fall auf, wenn du alleine bist, kapiert?“ „Ich bin doch kein Baby. Ich bin schon fünf. Und ich bin auch nicht dumm. Ich weiß genau, was ich machen muss, wenn ich allein bin. Und wenn ein Einbrecher kommt und die Tür mit einer Bombe aufmacht, dann nehme ich mein Jedi-Schwert und mache so! Und zack ist er tot, der EInbrecher.““

„Ja. Schon klar. Du nimmst dein Jedi-Schwert. Aber trotzdem, für den Fall, dass ein Einbrecher kommt – es kommt ja vielleicht gar keiner, also ganz sicher, glaube ich. Aber für den Fall dass doch einer kommt, und wenn dann dein Jedischwert nicht funktioniert“ 

„Mein Jedischwert funktioniert immer!“

„Schon klar. Aber wenn es plötzlich doch nicht funktioniert, dann schau her, dann nimmst du das hier.“

„Aber das ist doch das Messer aus der Küche, das wir nicht nehmen dürfen. Das japanische, das vom Papa.“

“Genau. Es ist japanisch, das ist wie von Master Yoda. Ok?“

„Ela, ich will nicht, dass du weggehst. Die Mama hat gesagt, wir sollen beide daheim bleiben, bis sie von der Arbeit kommt. Du sollst mich nicht allein lassen, hat die Mama gesagt. Und später kommt der Nikolaus.“

„Ach mach kein Aufstand. Ich bin nur kurz drüben bei der Lara. Oder hast du Angst? Du bist ja doch noch ein Baby!“

„Nein bin ich nicht. Geh weg!“

„Ok. Ciao, Kleiner.“

Max setzt sich in seinem Zimmer auf den Boden. Die Kartons sind noch nicht alle ausgepackt. Er fühlt sich gar nicht zu Hause, hier in der Wohnung in der Minervastraße. Er wäre lieber in Schwabing geblieben. Aber er weiß, dass das nicht geht. Mama und Papa sind zwar noch seine Eltern, und Elas. Aber sie sind nicht mehr zusammen. Deshalb kann Mama nicht mehr in Schwabing wohnen, und er und Ela auch nicht. Mama will das so. Jetzt wohnen sie in einer ganz neuen Wohnung. Er hat ein eigenes Zimmer, nicht mehr mit Ela zusammen. Und Mama hat auch ein Zimmer. Mit Frank. Frank ist der neue Papa. Aber Max weiß nicht, was er davon halten soll. Er hat doch schon einen Papa. Vom Fenster aus kann er die Berge sehen, wenn der Himmel klar ist. Ob er den Nikolaus sehen kann, wie er durch die Wolken fliegt? Oder machst das nur der Weihnachtsmann? Es wird dunkel, und Max hat Angst. Die Wohnung ist voller Geräusche, nichts ist vertraut. Draußen kann er den Aufzug hören. Manchmal knallt eine Tür. Dann ist alles still. Wann kommt Ela? Und Mama? Und der Nikolaus?

Da klopft es an der Tür. „Ich bin der Nikolaus. Bist du der Max?“

„Ich darf die Tür nicht aufmachen, hat Ela gesagt. Geh weg und komm zurück, wenn Mama und Ela wieder da sind!“

„Aber Max, ich bin der Nikolaus. Vor mir brauchst du doch keine Angst zu haben!“

Doch, denkt Max. Und zur Sicherheit holt sein Jedischwert. Und das japanische Messer, so, wie Ela es ihm gesagt hat. Der Nikolaus kann warten, aber wenn da draußen ein Einbrecher ist, wird Max sich wehren.

Da hört er, wie sich etwas am Türschloss bewegt. Der Einbrecher, denkt Max. Jetzt bricht er die Tür auf, wie in den Filmen, die er nicht sehen darf.

Da, jetzt wird die Wohnungstür langsam geöffnet. Draußen im Flur ist es genauso dunkel wie in der Wohnung. Max sieht nur Umrisse, ein großer schwarzer Mann in einem langen Kampfumhang. Der Feind der Jediritter! Max umklammert das Messer mit beiden Händen und rammt es dem Mann in den Bauch. Max ist stark.

Frank stirbt auf dem Weg zum Krankenhaus. Er sollte Max und Ela als Nikolaus die Geschenke bringen. So war es ausgemacht. Aber Ela hatte ihr Gründe, sich nicht daran zu halten. Das Problem Frank war gelöst.

Weihnachten ausgebrannt?


Es ist nicht mehr als eine Randnotiz auf Google News, rechte Spalte: Weltmeister Kabashi tot. Weltmeister? Ich denke an Schach, aber der Name klingt eher albanisch als russisch. Gewichtdopen, ehm, -heben, eher? Nein. Thaiboxen, entnehme ich der Meldung. 35, tot in seiner Münchner Wohnung aufgefunden. Angesichts der Tatsache, dass auch Christa Wolf keine ganze Seite bekam und nur ein paar Wenigminuten in den öffentlichen TV-Nachrichten (bei den Privaten hast du ohne Doppelvorname keine Chance auf Erwähnung, gell, Gina-Lisa), hat er es doch auf einen  gewissen Zeilenwert gebracht, nach seinem Ableben. Kein Vergleicht natürlich mit anderen Größen aus Sport und Unterhaltung. Vom Torwart über diverse Sänger und Sängerinnen. Aber er war ja auch älter. Nicht so alt zwar wie Joe Frazier, aber zu alt, um ein Recht zu haben, sich melancholisch zu Tode zu dopen – und sich dadurch einen Namen in der Hall of Fame zu sichern. Früher Tod muss keine Gnade sein.

Wir sterben  – hoffentlich nicht vor Weihnachten an Überdosen. Aber wir kranken daran. Immer mehr immer öfter. Anrufe wie „Du, ich schaff den Auftrag vor Weihnachten nicht mehr, in habe Burn Out“, sind an der Tagesordnung. Ebenso wie die Absagefloskel „Sorry komme nicht zur Weihnachtsfeier, bin ausgebrannt.“ Soll ja schon bei manchen Handys als Textvorlage angeboten werden. Ja. Wir brennen mit den Adventskerzen um die Wette. Rennen hierher und dorthin. Verrennen uns. Wollen es jedem und allen recht und schön und gemütlich machen. Geld haben wir scheinbar (!) genug. Leider aber keine Zeit. Ich mache da keine Ausnahme. Oder! Doch! Jetzt gerade nämlich müsstesollte ich einen Artikel schreiben. Meine Rechnungen ausdrucken. Drei wichtige Telefonate führen. Staubsaugen. Reifenwechsel terminieren.

Stattdessen sitze ich am Mac und  – sinniere. Nehme mir die Freiheit, Zeit zu haben, ohne sie zu besitzen. Und jetzt kommt das Beste: ich verschenke sie. Euch, liebe Leser! Freut euch, ihr Christen und Nichtchristen und genießt die drei Minuten hier auf meinem Blog. Entspannt. Denkt nach, kritisiert, lacht oder ärgert euch. Egal. Für drei Minuten habe ich euer Hamsterrad angehalten. Wenn das kein Nikolausgeschenk ist!

Morgenmenschen. Anderleute.


Wecker rasselt. Dusche plätschert. Kafee duftet. Minuten hasten. Straße rast. Arbeit wartet. Nicht auf dich. Morgenmenschen ticken anders. Ihre Zeit zieht ihre Spur abseits der rinnenden Uhr.
Bist du einer von ihnen? Versteck dich unter deiner Decke. Nimm beim Ausgehen einen Tüte mit, als Alibi. Eine Zeitung verrät schon zuviel von deiner Suche.

Oder mach die Augen auf. Halt fest, was du siehst. Geh auf sie zu, bevor sie sich wegducken, in ihre Einsamlöcher, in den Arbeitsschatten, in die rastlose Ruhe des Alters. Rede mit ihnen. Und lass sie sprechen. Schreib sie auf, die Gespräche. Gedanken. Morgenmenschenwelten. Anderleuteaugen sehen, was du nicht überblickst.