Adventskalender MiniKrimi am 19. Dezember


Meine Allerlieblingsgeschichte. Ich könnte sie jedes Jahr wieder schreiben. Und danach lesen. Und Ihr?

Warum Krampus eine Windel trug

Artemis und Isidora waren Geschwister. Sie lebten in einem Altbau mitten im Münchner Stadtteil Schwabing, ganz in der Nähe des Englischen Gartens. Bis vor einem halben Jahr wohnten sie noch in Hamburg. Doch dann war ihre Mutter, die bei einer großen Werbeagentur arbeitete, nach München versetzt worden. Meistens wollen Kinder ihr gewohntes Umfeld nur ungern verlassen – ungezählte „Herzkino“-Filme handeln davon, wie sie sich zunächst sträuben, dann durch irgend einen meist dramatischen Umstand neue Freunde finden, Teenager verlieben sich auch oft – und am Ende weinen sie dem Meeresrauschen im hohen Norden und den Szenecafés von Blankenese keine Träne mehr nach und sind stattdessen ganz versessen auf Floßfahrten und Zelten entlang der Isar.

Artemis und Isidora hingegen waren gerne nach München gezogen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Artemis war mit seinen 15 Jahren ein in einschlägigen Kreisen anerkannter Hacker, und einige seiner virtuellen Kollegen lebten in und um München. Die WizKidz von heute gehen viel gelassener mit ihrer Anonymität um, bzw. haben sie längst verstanden, dass nur der keine digitalen Spuren hinterlässt, der so wenige wie möglich macht. Briefe, Telefon und persönliche Treffen sind ihrer Meinung nach bedeutend sicherer als Konferenzen im Netz, ob hell oder „dark“. Für Artemis bedeutete die Veränderung also größere Nähe und kürzere Wege.

Isidora hingegen war von einer Zickengang an ihrer Mädchenschule gemobbt worden, und zwar ziemlich übel. Einmal hatten sie einen Tankini in ihrem Mathe-Hausaufgabenheft versteckt. Ihr Lehrer, ein junger Typ mit blonden Locken, auf den sie tatsächlich total stand, hatte das Teil mit seinem Kuli aus dem Heft gefischt, sie angegrinst und erklärt: „Meine Freundin trägt nur Badeanzüge.“ Danach war Isidora so lang nicht zur Schule gegangen, so lange, bis das Fieberthermometer beim Aufheizen auf dem Induktionsherd zersprungen war. Kurz vor den Sommerferien hatten die Zicken ihr die Reifen ihres Fahrrads zerstochen. Nein, Isidora war glücklich, Hamburg den Rücken zuzukehren.

Es gab aber noch einen anderen Grund, weshalb die Geschwister dem Umzug beinahe entgegengefiebert hatten: sie wünschten sich schon seit langem einen Hund. In Hamburg hatten die Eltern immer ein Argument gefunden, um diesen Wunsch abzulehnen: Der Vermieter erlaubte keine Haustiere, weit und breit war kein Park in der Nähe, das Tier wäre den halben Tag alleine gewesen. Hier in München aber waren die Bedingungen perfekt. Der Altbau mit seinen knarzenden Holztreppen, dem Geruch nach Grünkohl aus der Hausmeisterwohnung und vor allem mit dem Englischen Garten direkt vor Tür war wie geschaffen für eine Fellnase. Tatsächlich lebten dort auch schon eine Dogge und eine Katze. Hinzu kam, dass ihr Vater als freier Journalist für den Deutschen Tierschutzbund arbeitete – und das meist von zu Hause aus. Und wenn er mal reisen musste: sein Arbeitgeber konnte schlecht was gegen einen Hund im Gepäck haben! Aus unerfindlichen Gründen schienen die Eltern jedoch immer noch nicht mitzuziehen. „Lasst uns erstmal ankommen.“ „Vielleicht zu Weihnachten.“ „Seid Ihr sicher, dass Ihr nicht allergisch seid? Wir lassen Euch lieber erstmal testen.“

Da beschlossen die Geschwister, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und so saßen Artemis und Isidora, Art und Isi, wie sie von ihren Freundinnen und Freunden genannt wurden, am Esstisch, vor sich eine Zeitung, die sie in ihrem Briefkasten gefunden hatten. „Hallo München“, ein Werbeblatt voller Anzeigen. Vom Bügelbrett über Häuser, Autos, Briefmarken bis zu erotischen Diensten wurde dort alles angeboten. Auch Hunde. „Schau mal, Arti, der sieht doch voll süß aus!“ Isi zeigte auf das Foto eines kleinen schwarzen Hundes mit einem weißen Fleck über dem rechten Auge. „Australian Shepherd Welpen, reinrassig. 3 Monate, 250 Euro.“ Genau soviel hatten die beiden bereits zusammengespart!

Art fand es schon seltsam, dass in der Anzeige kein Name stand, sondern nur eine Handynummer. Als er dort anrief, meldete sich eine Frau in gebrochenem Deutsch. Ja, genau dieser Welpe sei noch zu haben. Natürlich sei mit ihm alles in Ordnung. Er sei ein ganz besonders schöner Hund. Sie verlangte Arts Telefonnummer und sagte, sie würde anrufen, um den Übergabetermin festzumachen. „Ich weiß nicht, mir kommt das komisch vor,“ zweifelt der Junge nach dem Telefonat. „Wir sollten vielleicht doch liebe erst mit Papi…“ „Nein! Wir ziehen das jetzt durch!“ Isidora konnte für eine Dreizehnjährige sehr bestimmend sein. Und im Grunde wollte Artemis den Hund ja genauso gerne wie sie.

Die Tage vergingen, die Frau rief nicht an. Ihr Handy war ausgeschaltet. Endlich, am fünften Dezember – ein Anruf. „Hallo? Sind Sie noch interessiert? Dann kommen Sie morgen um 17 Uhr zum Busbahnhof Fröttmaning. Bringen Sie das Geld mit. Dann kriegen Sie den Hund!“

Vor Aufregung konnten Art und Isi in der darauffolgenden Nacht kaum schlafen. Beide halten im Grunde kein gutes Gefühl bei der Sache. Art hatte versucht, herauszufinden, wem die Nummer gehörte. Aber es war natürlich ein Prepaid-Handy gewesen. „Wir ziehen das jetzt durch,“ wiederholte Isi ihr Mantra, während sie am 6. Dezember zum Busbahnhof Fröttmaning fuhren. „Was kann uns schon passieren? Das ist ein riesen Busbahnhof mit vielen Leuten. Wenn sie uns überfallen, schreien wir einfach und laufen weg.“

Punkt 17 Uhr standen sie am Busbahnsteig. Überall fuhren Autos an und ab – der Busbahnhof ist ein zentraler Treffpunkt für Mitfahrgelegenheiten. Ein schwarzer Mercedes mit getönten Scheiben fuhr langsam die Reihe der Wartenden ab. Das Beifarerfenster wurde heruntergelassen, und eine Frau schaute zu Art und Isi herüber. „Haben Sie unseren Hund dabei?“ fragte Art schnell. Die Frau runzelte die Stirn, sagte etwas zum Fahrer des Wagens und dann: „Hund, jaja Hund. Kommen. Da vorne.“ Der Wagen fuhr weiter, bis ans Ende des Bahnsteiges, dort, wo keine Menschen mehr warteten. Art und Isi rannten hinterher. Atemlos standen sie dann neben dem Wagen. Der Fahrer stieg aus uns öffnete den Kofferraum. In einem mit falschem Leopardenfell ausgekleideten Karton purzelten fünf kleine Hunde durcheinander und fiepsten ängstlich. „Da, das ist er!“, rief Isi und wollte in den Karton greifen. „Halt! Zurück!“ befahl der Fahrer. „Gib Geld!“ Art holte die 250 Euro zwischen den Seiten seines Gesangbuches hervor („Wir haben noch Chor, Mami, sind in 2 Stunden zurück“, hatte er beim aus-dem-Haus-Gehen gelogen) und hielt sie in die Höhe. „Zuerst den Hund!“ Der Mann schnappte sich einen der Welpen und wollte ihn Isi in die Hand drücken. „Nein, das ist nicht unserer. Wir wollen den mit dem weißen Fleck.“ „Geht nicht. Der schon verkauft. Du nehmen diesen!“ Der Mann wurde ungeduldig. Aber er hatte nicht mit Isis Sturheit gerechnet. „Nein, wir wollen den anderen. Das war so abgemacht,“ rief sie, immer lauter. „Hallo, braucht Ihr Hilfe?“ rief jemand vom Bahnsteig, und jetzt schauten schon mehrere Leute in ihre Richtung. „Dann nix“, murmelte der Fahrer und wollte den Kofferraum zuklappen. Aber Arti griff blitzschnell hinein, nahm das kleine Fellündel in den Arm und rannte los, Isi hinterher. Sie hörten den Fahrer fluchen, denn inzwischen waren ein paar Personen in ihre Richtung gelaufen, um zu helfen, vielleicht auch aus Neugier, egal. Der Mercedes startete mit heulendem Motor und raste davon, aber Art hatte sich längst Autokennzeichen und Gesicht des Fahrers eingeprägt.

In der U-Bahn nach Schwabing besahen sich Art und Isi ihren Hund. Schwarz, zerzaust, mit verklebtem Fell und triefenden Augen. „Wir nennen dich Krampus,“ sagte Art. „Du schaust wirklich aus wie der Gehilfe vom Nikolaus, so finster und zerlumpt.“ Daheim schlichen sie gleich auf ihre Zimmer. Die Eltern waren zu einem Nikolausdinner eingeladen, und als sie nachts nach ihren schlafenden Kindern schauten, bemerkten sie den kleinen Krampus nicht, der unter Isis Bettdecke lag. Damit er nicht ins Bett machte, hatten die beiden ihm eine Windel angezogen, die sie sich von Jasmin aus dem dritten Stock geliehen hatten. Beziehungsweise von ihrer kleinen Schwester.

Als Isi am nächsten Morgen aufwachte, dache sie, Krampus sei tot. Stocksteif und still lag der kleine Hund im Bett. Auch Art sah sofort: das Tier war ernsthaft krank. Es wimmerte leise, und sein Bauch war ganz hart und geschwollen. „Wir müssen ihn zum Tierarzt bringen, und zwar, bevor Mami und Papi aufwachen.“ „Ich glaube, der muss ganz dringend und kann nicht. Wir machen ihm erst mal einen Einlauf.“ Das hatte Mami bei Isi gemacht, als sie mal zuviel Schokolade gegessen hatte. Da sie ohnehin Tierärztin werden wollte, dachte sie, sie könne genauso gut gleich mit einer Behandlung beginnen. Und tatsächlich: der Einlauf zeigte seine Wirkung. Bald war die Windel voll. Und mitten in dem weichen Haufen war eine kleine Tüte. Und darin glitzerte es verdächtig.

„Na, was wird denn das? Übt Ihr für die Weihnachtsgans? Das stinkt ja bestialisch.“ Ihr Vater stand in der Tür, angeekelt und fasziniert von dem, was da auf dem Parkettboden lag. Ein kleiner, völlig verwahrloster Welpe, ein Haufen Hundekot – und ein Säckchen mit Diamanten. Das stellte sich natürlich erst später heraus, nachdem Krampus in der Hundeklinik behandelt und die Windel samt Inhalt – ohne Tüte – entsorgt worden war.

Der Tierschutz-Journalist konnte zunächst nicht fassen, dass ausgerechnet seine Kinder mit illegalen Welpenhändlern ins Geschäft gekommen waren. Während er ihnen wieder und wieder erklärte, dass solche Leute die Tiere unter schlimmsten Bedingungen züchten, die meisten Welpen beim Verkauf todkrank sind und das Ganze nicht nur eine furchtbare Tierquälerei, sondern auch noch Geldverschwendung ist, saß Art schweigend an seinem Laptop.

Schließlich bat er den erstaunten Vater, ihn zur Polizei zu begleiten. Er habe sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Täter in einer Serie von Juwelendiebstählen im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet führen würden, und der Vater könne gleich in Sachen Tierschutz aktiv werden. Dann fragte er die Mutter nach ihrer Kontonummer, auf die die Belohnung später überwiesen werden sollte. „Damit haben wir dann Kost und Logis für Krampus für die nächsten Jahre gesichert. Hundeschule und -sitter inbegriffen“, grinste Art.. Die Eltern sahen sich an. Wer konnte solch genialen Kindern schon widerstehen?

Nachtrag: Seither sieht man abends einen Mann und eine Frau Arm in Arm – oder auch Hand in Hand – aus dem Altbau in Schwabing kommen und die Straße in Richtung Englischer Garten entlang bummeln, neben sich an der Leine einen immer größer werdenden, munteren Australian Shepherd. An jedem Baum bleibt er stehen, markiert, dreht sich zu dem Pärchen um, bellt einmal freudig und tänzelt weiter.

Adventskalender MiniKrimi am 18. Dezember


Musikus(s)

Herzlichen Dank, liebe Laura, für den Impuls. Ich freue mich schon auf unsere nächste musikalisch-literarische KrimiPerformance….

Der Konzertsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Strawinskys Psalmen-Sinfonie war selten genug, um großes Interesse bei den Liebhaber*innen von Bläsermusik zu wecken. Tatsächlich spielen die Holz- und Blechblasinstrumente in dieser Sinfonie die Hauptrolle: Flöten, Oboen, Englischhorn, Fagotte und Kontrafagott, Hörner, Posaunen und Tuba sind vertreten. Und so gab sich an diesem Abend die Créme de la créme der Nachwuchs-Bläser-Elite ein illustres Stelldichein.  

Nach Tschaikowsky, Szymanowski und einer ausgedehnten Pause strömte das Publikum, klangbeseelt und weingestärkt, zurück in den Saal – in erwartungsvoller Vorfreude auf den Höhepunkt des Konzerts. Der erste und zweite Satz waren an Brillanz nicht zu überbieten, wie die Kritiker am nächsten Tag schreiben würden. Doch dann geschah es. Mitten im dritten Satz fing die Tuba unvermittelt an zu stottern. Die Musikerin bewegte ihren Oberkörper ganz und gar unrhythmisch vor und zurück, hin und her – und fiel schließlich mitsamt ihrem Instrument vom Stuhl. Der herbeigeilte Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. 

In den Fluren und im Säulengang vor dem Konzertsaal standen die Gäste in glitzernden Trauben und kultivierten wohliges Entsetzen in Abendgarderobe. Natürlich waren alle untröstlich, dass sie den längsten Satz der Sinfonie nur halb hatten genießen können. Doch ein solch tragisches Geschehen machte diesen Verlust beinahe wett, sorgte er doch auch unter den musikalisch nicht so fachbewanderten Besuchern für farbenreichen Gesprächsstoff. 

Drinnen in den Gängen und Garderoben herrschte eine bedrückende Mischung aus geschäftigem Treiben und kontrollierter Panik: Polizei, Erkennungsdienst und aufgeregte Mitarbeitende des Konzertveranstalters auf der einen und betroffene, verängstigte Musiker und Musikerinnen auf der anderen Seite. Nach zwei Stunden gab die herbeigerufene Rechtsmedizinerin die Leiche der jungen Frau frei. Sie hatte am makellosen, marmorblassen Körper keinerlei Spuren von Fremdeinwirkung gefunden, allerdings auch nichts, was eindeutig auf einen Unfall oder Selbstmord hingewiesen hätte. Also wurde Franziska bzw. das, was von dem aufsteigenden Stern am Bläserhimmel übrig war, nämlich eine reglose, zu keiner musikalischen Euphorie mehr fähige Hülle, zur Obduktion in die Rechtsmedizin gebracht.

Die Zeitungen berichteten noch ein paar Tage lang, wobei die Artikel vom Titel immer weiter in die Innenseiten rückten und gleichzeitig von Mal zu Mal kleiner wurden. Als das Ergebnis der Autopsie veröffentlicht und als Todesursache multiples Organversagen ohne erkennbare Causa angegeben wurde, erlosch das Interesse der Öffentlichkeit.

Am Tag der Beerdigung trafen sich die jungen Musikerinnen und Musiker nach Trauerfeier und Beisetzung im Haus ihrer Mäzenin, Friederike von Elms. Eine Trompete und das Kontrafagott tranken starken Earl Grey. Alle anderen hatten das Bedürfnis, Kummer und Ratlosigkeit in Gin, Vodka und Whiskey zu ertränken. „Ich kann mir das einfach nicht erklären“, sagte eine der Flöten. „Ich auch nicht. Sie war immer total auf ihre Gesundheit bedacht. Morgens Yoga und Atemübungen, dann Müsli und Obst, mittags Salat, zwischen dem Üben nur grünen Tee. Kein Alkohol, keine Zigaretten. Nicht mal ein paar Benzos ab und an!“, stimmte eine Oboe zu. „Organversagen, da hätte sie doch vorher krank sein müssen, oder?“, fragte der Fagottist. „In den letzten Tagen vor dem Konzert hat sie schon manchmal über Muskelschmerzen und Kopfweh geklagt,“ erinnerte sich sein Kollege. „Aber sie dachte, sie hätte sich im Zug hierher erkältet.“

„Wie dem auch sei. Franziska ist tot. Das ist furchtbar, und glaubt mir, ich weiß genau, wie Ihr Euch fühlt. Aber wir müssen nach vorne schauen. Ist denn schon entschieden worden, wer ihren Platz einnimmt? Der nächste Konzerttermin ist doch schon in 14 Tagen…“

Die Flöte nickte leise, die Oboe fixierte einen blauen Vogel auf dem Perserteppich zu ihren Füßen. Die anderen schauten betreten überall hin, nur nicht auf Frau von Elms. Natürlich verstand sie, wie es den jungen Musiker*innen ging. Egal, wie sehr diese der Tod ihrer Kollegin getroffen hatte. Sie war keine Schwester, keine Tochter. Nicht wie Antonia, Franziskas Vorgängerin. Sie hatte sich vor einem Jahr bei einem unglücklichen Sturz in den Orchestergraben das Genick gebrochen. War auf einer Wasserlache ausgerutscht. Genau deswegen war es verboten, Flaschen oder offene Gläser mit zur Probe zu nehmen. Damals hatten alle versichert, keiner von ihnen habe dieses Gebot missachtet. Es musste jemand vom Putzpersonal gewesen sein. Antonia war eine der talentiertesten Nachwuchsbläserinnen gewesen. Und Friederike von Elms einzige Tochter. 

Trotzdem hatte sie das junge Orchester weiter gefördert, es sogar zu den bedeutendsten Auftritten begleitet. Es hatte lange gedauert, bis Franziska soweit war, Antonias Platz einzunehmen. Und dann, beim allerersten Konzert – dieses Unglück! „Es ist, als sei das Instrument verflucht“, murmelte die Flöte jetzt.

Die Tage vergingen, der Dirigent überredete eine junge Musikerin aus Frankreich, kurzfristig einzuspringen. Sie hatte vor kurzem den Aeolus Wettbewerb gewonnen und war eine absolute Bereicherung des jungen Orchesters. Knapp eine Woche vor dem Konzert trafen sich alle noch einmal bei Friederike von Elms. Es gab viel zu essen – feine Sandwiches, Hühnerbrüstchen, Salate, die seltensten Obstsorten. Und natürlich Wein und Champagner in Hülle und Fülle. Céline hatte wohl etwas zuviel von allem. Doch als ihr nach dem letzten Glas übel wurde, nahm Frau von Elms sie fürsorglich mit ins Bad und gab ihr eine homöopathische Spritze. 

Am Konzertabend übertraf das Orchester sich selbst. Céline spielte wie eine junge Göttin. Bis zur Mitte des zweiten Aktes. Da brach sie plötzlich zusammen. Als Todesursache wurde wiederum multiples Organversagen diagnostiziert. Erst Tage später erinnerte sich Posaunist Arno, Franziskas heimlicher Verehrer, dass auch seiner Angebetete ein paar Tage vor dem verhängnisvollen Auftritt bei Friederike nach dem Essen schlecht geworden war, worauf diese ihr im Bad eine heilende Substanz injiziert hatte.

Arno packte seine Sachen, nahm den nächsten Flieger nach Amerika und trat dort in das Chicago Symphony Ochestra ein, bei dem er sich schon vor Monaten beworben hatte. Er kaufte sich eine Wohnung im Pullman Historic District und lebte dort stilvoll zurückgezogen. Zuvor hatte er in einem langen Telefonat mit Frau von Elms seine Kenntnisse über die Wirkung von Rizin erläutert und eine Vereinbarung getroffen, die ihm moderaten Luxus und den Mitgliedern des jungen Blasorchesters, besonders denen an der Tuba, ein unfallfreies Leben sicherte. 

Adventskalender MiniKrimi am 15. Dezember


Nein, ich bin kein TV-Sender. Dennoch gibt es bei mir heute eine Wiederholung. Weil ich die Story wirklich sehr gerne mag!

Verlorener Sohn

Seit Nicolas nicht mehr bei ihr wohnt, bleibt der Briefkasten meistens leer. Kein Grund mehr, mit klopfendem Herzen in Hausschuhen und Bademantel zum Gartentor zu hasten und die Briefe einzuholen wie ein Fischer sein Netz, immer in der Furcht vor gelben Briefumschlägen, Vorladungen, Einschreiben.

Nicolas ist fort und sie allein. Die Erleichterung ist der Leere gewichen. Und zuweilen – ganz besonders jetzt, in der Adventszeit – sehnt sie sich nach sogar nach seinen schwankenden Schritten mitten in der Nacht, seinem lauten Schnarchen mitten am Tag, seinen kurzen Beleidigungen im Vorbeigehen – und dann immer wieder doch noch einem  flüchtigen unerwarteten Kuss auf ihren Scheitel. „Tschö Mom, bist meine Beste.“

Das war einmal. Nach der letzten Zwangseinweisung in die Psychiatrie hat sie Nicolas in einem Brief die Mutterschaft gekündigt. Du hast bei mir kein Zuhause mehr, hat sie geschrieben. Und es schon Stunden später bitterlich bereut. Hat diese Reue lange mit sich herumgetragen. Sie wachsen lassen, bis sie so schwer wurde, dass sie sie ablegen musste. In einem Brief an ihren Sohn. Einer Einladung.

Hat da nicht grade der Briefkasten geklappert? Obwohl sie keine Post erwartet, geht sie raus, in Hausschuhen und Bademantel. Und tatsächlich. Im Kasten liegt ein Umschlag. Grau und faltig. Sie reißt ihn auf, mit zitternden Fingern. Findet ein Foto. Ein Seeufer. Auf grauem Kies die Überreste eines großen Feuers. Deutlich erkennt sie trotz der Brandnarben den nagelneuen blauen Schuh. Kontoauszüge mit dem Namen ihres Sohnes. Verbrannte Medikamentenblister. Und vorne im Bild ein von den Flammen nur halb zerfressenes Blatt Papier. Sie kennt den Brief, erinnert jedes Wort. „Lieber Nic, wie geht es dir? Ich hoffe, du kannst deinen Lebensweg gesund und stark weiter gehen. Du hast bestimmt viel vor. Diese neuen Schuhe sollen dich weit tragen. Lass uns Vergangenes vergessen und neu anfangen. Warum kommst du Heiligabend nicht zu mir? Nach Hause?“ Sie hat oben auf den Briefbogen ihre Adresse geschrieben, zur Sicherheit.

Und nun dieses Foto. Als sie es umdreht, auf der Suche nach Halt, liest sie: Tausend Euro in kleinen Scheinen bis 18 Uhr. In einer Nettotüte im Papierkorb am Hundesee. Sonst geht Ihr Nic nirgendwo mehr hin.

Sie kämpft mit sich. Bank oder Polizei? Oder beides? Die Handschrift ist ihr fremd. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Nic sich in Schwierigkeiten bringt. Bis vier Uhr sitzt sie am Küchentisch vor dem Adventskranz und der xten Tasse Kaffee. Ringt mit sich und geht um halb fünf zur Bank. Am vorletzten Arbeitstag vor Weihnachten sind die Ausfallstraßen so verstopft, dass sie um 17.58 Uhr am Hundesee die Tüte in den Abfall wirft. Und dann erst merkt, dass sie nicht auf die Plastiktütenmarke geachtet hat.

Dann geht sie zurück zum Auto. Wartet im Schutz der Dunkelheit, doch nichts passiert. Um acht Uhr gibt sie auf. Und halb neun ist sie wieder daheim. Um zehn klingelt es an der Tür. Sie ist inzwischen so erschöpft, dass sie keine Angst mehr spürt.

„Sollte das nicht eine Netto-Tüte sein? Das ist so typisch du. Gibst 1000 Euro für deinen verlorenen Sohn her, aber bei Netto einkaufen, um die richtige Tüte zu haben, das geht dir zu weit. Darf ich reinkommen, Mom? Hier ist dein Geld. War nur ein Test, diesmal. Mir geht es gut. Aber ich brauche ein neues Paar Schuhe.“

Adventskalender MiniKrimi am 14. Dezember


Weihnachtsmann verhaftet

Am 13.12.2021 trendete auf Twitter der #Weihnachtsmann. Darunter jammerte die Timeline, dass die Polizei in einer ostdeutschen Stadt den Weihnachtsmann verhaftet habe, weil er den Weihnachtsmarkt ohne Maske überquert habe. Die Reaktionen waren heiter bis heftig. Während etliche beklagten, im Zuge der Pandemie-Maßnahmen würde jetzt sogar ein Wahrzeichen unserer abendländischen Kultur demontiert -es kursierte sogar die Prognose, am 24. gäbe es keine Bescherung, weil der Weihnachtsmann auch im Falle seiner Freilassung seiner Wut über die Behörden dadurch Ausdruck verleihen würde, dass er die Stadt auf seiner himmlischen Schlittenrunde links (eigentlich eher rechts) liegen lassen und die Päckchen einfach woanders abwerfen würde. Andere wiederum meinten, die Aktion sei von Impfgegnern inszeniert worden, um die Unterwanderung der Staatsgewalt durch antidemokratische und nun auch noch kinderfeindliche Kräfte zu beweisen. 

Was aber steckt wirklich hinter der Aktion? Drei Erklärungsversuche.

1. Der Romantiker

Als er sie zum ersten Mal sah, war es sofort um ihn geschehen. Sie standen sich gegenüber, getrennt durch mehr als nur eine Absperrung. Er demonstrierte für die Freiheit und gegen die Impfdiktatur. Sie stand auf der anderen Seite und versuchte, die Ordnung zu verteidigen. Er war ungeimpft und stolz darauf. Sie war geimpft und geboostert. Aber seine Liebe zu ihr war so plötzlich und so stark, dass sie die Trennung ihrer Welten überwinden wollte. Musste. Am besten, ohne dass er vor seinen Mitstreitern das Gesicht verlor. Also verkleidete er sich an einem Spätnachmittag als Weihnachtsmann, begab sich auf den Marktplatz der Stadt und schrie so lange nach Frieden, Freiheit und Widerstand – maskenlos, versteht sich, bis die Polizei nicht anders konnte, als ihn festzunehmen. Er hatte vorher ausgekundschaftet, dass sie Dienst haben würde. Welche Wonne, sich von ihr abführen zu lassen. Weil er sich weigerte, seine Personalien feststellen zu lassen, brachte sie ihn aufs Revier. Allein die Aussicht auf mehrere Stunden in ihrer unmittelbaren Gegenwart genügte, um ihn in höchste Verzückung zu versetzen. 

2. Der Querulant

Seine Eltern schwärmten während seiner Kindheit oft von der guten alten Zeit, in der sie jeden Montag zur Demo aufbrachen. Viele Menschen, Fremde, die für kurze Zeit zu Freunden wurden, auf einem Platz, mit einer Stimme, einem Ziel – wenn auch unterschiedlich moduliert, skandiert und interpretiert. Ach, war das schön. Er hatte das alles nicht miterlebt, litt unter dem Pech des Spätgeborenen. Er kannte nur die Trostlosigkeit der verfallenden Hochhaussiedlung, die Lethargie der Eltern, die nun im Fernsehen ganz legal täglich all das sehen konnten, was sie sich nach 30 Jahren freier Marktwirtschaft immer noch nicht leisten konnten. Und seine eigene Unzufriedenheit mit dem System, das ihn nach der Hauptschule ohne Abschluss auf die Straße gekippt, ihm keinen anständigen Job angeboten und ihn stattdessen gezwungen hatte, als Kurierdienstfahrer auf dem Rad zu frieren, knapp über Mindestlohn. Doch dann kam die Pandemie. Die Staatsdiktatur – die er bislang nur aus Erzählungen kannte – nahm ihm die Freiheit, ungeimpft dorthin zu gehen, wo er vorher nie hingegangen war, und das Monopol der Pharmaindustrie wollte ihn mit Genveränderungen durch Vakzine gefügig machen. Wozu? Egal. Und so stand er endlich mit vielen Menschen, Fremden, die für kurze Zeit zu Freunden wurden, auf einem Platz, mit einer Stimme, einem Ziel. Und weil ihm das nicht genügte, weil er nicht wie seine Eltern nur Mitläufer bleiben sondern selbst etwas verändern wollte, für alle und für sich, verkleidete er sich eines Spätnachmittags als Weihnachtsmann, begab sich auf den Marktplatz der Stadt und schrie so lange nach Frieden, Freiheit und Widerstand – maskenlos, versteht sich, bis die Polizei nicht anders konnte, als ihn festzunehmen. DAS hatten seine Eltern nie geschafft. 

3. Die Pragmatikerin

Nur noch 11 Tage bis Heiligabend. Aber von der Erfüllung all der Wünsche auf der Liste ihrer Kinder war sie viele Meilen weit entfernt. Und viel zu viele Euro. Mit dem bisschen, was sie an der Supermarktkasse verdiente, konnte sie gerade so ein kleines Festessen ausrichten, nichts Großes, einen Gemüseauflauf, davor einen Salat und als Nachspeise Vanilleeis mit heißen Himbeeren. Den Weihnachtsbaum hatte sie aus einem Erdgeschoss-Garten geklaut, komplett mit Ständer. War ganz schön schwer gewesen, ihn bis zum dritten Stock hinauf zu schleppen. Nun stand er da, komplett mit Kugeln, Kerzen und Lametta. Aber sie hatte nichts zum Drunterlegen. Weder das Lego Batmobile Tumbler noch das Disney Schloss von Arandelle. Und nicht einmal das Wobbel Board für Nesthäkchen Ben konnte sie kaufen. Der Kindsvater hatte, wie jedes Jahr, im Dezember keinen Unterhalt überwiesen. Natürlich konnte sie den einklagen, aber bis dahin war Weihnachten vorbei. 

Was tun? Natalie war eine kluge Frau. Voller Fantasie und Mut. Sie sprang bei einem Kostümverleih als Aushilfe ein und verließ den Laden abends mit zwanzig Euro extra und einem Weihnachtsmannkostüm. Das stopfte sie am nächsten Tag rundum aus und marschierte zu einem Pfandleiher am anderen Ende der Stadt. Dort ließ sie sich mit vorgehaltener Spielzeug-Pistole den Inhalt der gut gefüllten Kasse geben (bevor Ihr Euch wundert: vor Weihnachten kommen besonders viele Menschen, um lieben Besitz gegen Bargeld einzutauschen. Deshalb ist die Kasse in dieser Zeit vor allem morgens gut gefüllt). Dann verstecke Natalie sich ein paar Stunden hinter Mülltonnen im Hinterhof, um am späten Nachmittag – ohne Sack und ohne all die Polster, dreist auf den Marktplatz zu spazieren. Mehr noch, sie erregte ganz bewusst Aufmerksamkeit, schrie und prahlte damit, ungeimpft keine Maske zu tragen. Schließlich ließ sie sich von der Polizei festnehmen. Diese wusste natürlich inzwischen von dem Überfall auf den Pfandleiher. Der allerdings erkannte bei einer Gegenüberstellung in dem schmächtigen, bartlosen Weihnachtsmädchen nicht den dicken Mann mit der Fistelstimme, der ihn Stunden zuvor ausgeraubt hatte. 

Natalie wurde freigelassen. Hinter den Mülltonnen holte sie den Sack hervor – und ging am nächten Tag los, um ihren Kindern alle Wünsche zu erfüllen. Und für ihren eigenen Herzenswunsch blieb auch noch etwas übrig.

Nachtrag: Was sich in der ostdeutschen Stadt wirklich zugetragen hat, findet Ihr hier.

Adventskalender MiniKrimi am 13. Dezember


Es ist angerichtet!

Liebe Mädels, meine Damen, gleich welchen Geschlechts. Diesen MiniKrimi habe ich für Euch geschrieben. Weil wir alle wissen, wie es sich anfühlt, wenn man erlebt, wovon ich hier erzähle. Aber bitte, versprecht mir eines: wenn Ihr das hier gelesen habt, ganz und gar und bis zum Schluss, dann knüllt die Wörter zusammen, alle, jeden Buchstaben, jedes Satzzeichen, und werft sie weg, weit hinter Euch, dorthin, wo keiner sie je findet. Und versucht um Himmels Willen nicht, es mir nachzumachen. Oder wenn – vergesst, woher Ihr die Idee dazu hattet. 

Es fing schon gut an. Also nicht. „Wollen wir heute Pizza essen?“, fragte ich. Und er: „Oh ja! Soll ich dir helfen?“ Und ich wider besseres Wissen so: „Ok.“ Wir gingen also in die Küche, erst ich und 10 Minuten später er. 

Er: „Was wollen wir als Belag nehmen? Kürbis? Ich schneide ihn.“  Und geht in den Weinkeller. Ruft von unten: „was willst du trinken? Rot oder weiß?“ Ich: „weiß.“ 

Dann warte ich. Um die Zeit totzuschlagen, schneide ich den Kürbis in Scheiben. Er kommt mit einer Flasche Rotwein zurück. Gießt sich ein Glas ein. Fragt: „Was sind denn das für dicke Scheiben? Ich wollte Würfel haben!“ Ich: „Kannst du ja jetzt draus machen. Und mein Wein?“ Er: „Wolltest du auch einen?“ Hält mir sein Glas hin und lehnt sich an den Kühlschrank. 

Ich, mit dem Messer in der Hand (nein, das ist noch nicht der Klimax der Geschichte!): „Ich wollte Weißwein. Rotwein bekommt mir nicht.“ Er: „Bist du kompliziert!“ Nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas und schaut zu, wie ich die Scheiben in Würfel schneide. Als ich fertig bin und Kürbiswürfel und Zwiebelscheiben – ebenfalls von mir geschnitten, noch bevor er in die Küche kam – zusammen mit Chiliöl und Rosmarin in die Pfanne gebe, stellt er sich dicht hinter mich und schaut mir über die Schulter. „Soviel Öl? Und vergiss den Pfeffer nicht. Ich verstehe nicht, warum du immer alles alleine machen willst. Nie darf ich kochen!“

Ich: „Warum rollst du nicht den Pizzateig aus?“ Er: „Wo?“ Ich: „Auf dem Blech.“ Er: Welches Blech?“ Ich greife einen Meter nach rechts und gebe ihm das Blech. Er nimmt die Teigkugel, drückt sie auf die Unterlage und schlägt mit der Faust darauf. Die Kugel bekommt eine Delle. Wenn er die Faust hochhebt, zieht sich der Teig wieder zusammen. Das wiederholt er ein paar Minuten lang. Schließlich greife ich ein. „Du musst den Teig ziehen. Schau mal, so. Das machst du doch nicht zum ersten Mal!“ Er: „Alles was ich mache, ist in deinen Augen falsch. Nur du machst alles richtig“ „Na ja……“ Wohlgemerkt, ich sage nicht, was mir auf der Zunge liegt. Ich schreibe es auch nicht, denn Ihr wisst es eh.

Und so geht es weiter. „Holst du den Käse aus dem Kühlschank?“ „Welcher Kühl– äh, welcher Käse?“ „Legst du die Coppa auf die Füllung? Oh, doch nicht am Stück!“ Dann, während ich Käse auf der Pizza verteile: „Magst du den Tisch decken?“ Er: „Ungern. Ich nehme doch nur die unpassenden Teller und das falsche Besteck, wie letztes Mal (stimmt, da wollte er den Risotto von Dessertschälchen essen, mit Stäbchen). Ich kann dir eben nichts recht machen. Jetzt kommen Nachrichten. Ich bin drüben. Ruf mich, wenn das Essen fertig ist.“ 

Ich hole die Pizza aus dem Ofen, belege sie mit dem Rucola, den er vorher nicht geputzt und gewaschen hat, drapiere sie auf einem Holzbrett und balanciere das Ensemble in der linken Hand ins Esszimmer – in der Rechten halte ich Teller und Besteck. Er steht auf, holt sein Weinglas und fragt: „Willst du noch einen Schluck?“ Ich setze mich an den Tisch und fange an, zu essen.

Er lässt sich Zeit, schaut in sein Handy, trinkt den Wein. Als ich mit meinem Stück beinahe fertig bin, bedient er sich. „Die ist ja fast kalt.“ Er kaut. Betrachtet nachdenklich den Teller. „Ich frage mich, was fehlt. Da hätte noch irgendwas drauf gehört. Wenn du mich hättest machen lassen – ich hätte es gewusst. Aber du lässt mich ja nicht ran, in der Küche. Wenn du nicht alles kontrollieren kannst, bist du nicht zufrieden. Krank ist das, einfach krank! Und dann kommt SOWAS raus!“ Er hebt den Teller hoch und lässt ihn auf den Tisch knallen. So fest, dass ein Stück Keramik vom Rand abplatzt. Der Teller, wohlgemerkt, gehört zu einem Steingut-Service seiner Eltern. „Siehst du, du machst alles kaputt!“, ruft er. Ich stehe auf, gehe in die Küche, hole den Sekundenkleber aus dem Kühlschrank. 

„Alles machst du kaputt! Und dann muss ich es reparieren. Aber ich habe keine Lust mehr dazu. Ich lasse es jetzt einfach bleiben. Du hast mir mal wieder nicht nur das Essen, sondern den ganzen Abend verdorben. An allem bist du schuld. Krank, du bist krank!“

Ich schraube den Deckel des Sekundenklebers ab. „Krank!“ ruft er, und bevor er den Mund wieder schließen kann, drücke ich ihm einen satten Klebstoffstrang auf die Unterlippe. Im Reflex presst er die Lippen aufeinander. 

Ich genieße die Ruhe. 

Natürlich ist diese Geschichte völlig frei erfunden, Ähnlichkeit mit existierenden Personen sind rein zufälliger Natur. Und, wie bereits oben geschrieben: diese Aktion wird auf keinen Fall zur Nachahmung empfohlen. Es sei denn, ihr habt keine Gütertrennung und könnt nach der Scheidung mit einem netten Sümmchen neu durchstarten. Ohne Küche am besten.  

Adventskalender MiniKrimi am 11. Dezember


Bares für Wahres

Als der Bewerbungsbrief – handgeschrieben, blaue Tinte auf wildgeripptem Büttenpapier – bei der Produktionsfirma der besonders beim reiferen Publikum beliebten Trödelshow eintraf, dachte die Chefredakteurin zunächst an einen Scherz. Wer seine Schätze – oder was er dafür hielt – einem Millionenpublikum und einer Handvoll Händler*innen vorführen wollte, schickte eine E-Mail mit maximal 5 hochgeladenen Fotos. Darin bestand schon die erste Hürde, denn wenn die Bildqualität nicht ausreichte, um einen ersten zuverlässigen Eindruck von der angepriesenen Rarität zu vermitteln, erhielten die Bewerber irgendwann eine lapidare Absage. 

Diesem Brief jedoch lagen sehr gute Fotografien bei, anhand derer sogar ein ungeübter Betrachter den ganz außergewöhnlichen Wert des angebotenen Schmuckstückes erkennen konnte. Es handelte sich um einen Platinring mit einem einzelnen Diamanten, leicht getönt und in erstklassiger Reinheit, ohne mit bloßem Auge erkennbare Einschlüsse.

Die Briefeschreiberin gab vor, den Ring in den 1960er Jahren von ihrem Vater als Verlobungsgeschenk erhalten zu haben. Inzwischen sei sie fast 90 Jahre alt, seit langem verwitwet, kinderlos – und wolle den Ring noch zu Lebzeiten verkaufen, um die Freude, die sie mit dem Erlös bereiten würde, erleben und genießen zu können.

Der Ring wäre eine für die Trödelshow einmalige Gelegenheit, deshalb beschloss die Redaktion, zu antworten und einen Besuchstermin auszumachen. „Wenn sich die Dame nicht meldet, ok, dann wissen wir, dass es ein Fake war. Aber wenn doch – dann wird das das Highlight des nächsten Sendejahres“, erklärte die Chefin. Denn so lange würde es dauern, bis die Dame in live in der Show zu sehen wäre und die Händler*innen ihren Schmuck ersteigern würden. „Hoffentlich stirbt sie nicht vor der Sendung“, witzelte der Assistent. Und alle lachten. 

Der Brief war echt, und die Verfasserin begrüßte das Team drei Monate später in ihrem eleganten aber überschaubaren Haus am Rande einer Kleinstadt. Die Chefredakteurin hatte den Händler mit der größten Expertise bezüglich Diamanten mitgebracht. Sie saßen, Kaffee nippend und Möhrentorte kauend, auf dem gestreiften Chintzsofa wie auf heißen Kohlen. Die Dame des Hauses ließ sich Zeit. Vielleicht, dachte der Händler, lebt sie alleine und möchte den Besuch so lange und intensiv wie möglich auskosten. „Gnädige Frau“, sagte er schließlich und tränkte seine Stimme mit einem kleinen Extraschuss Öl, „bei Ihnen ist es wie in einer Oase, so ruhig und entspannt. Aber wir haben einen weiten Rückweg vor uns…“.

„Aber ja, entschuldigen Sie. Einen Moment, bitte.“ Sie erhob sich, eine große, schlanke und immer noch aufrechte Frau in blassblauem Tweed mit sorgfältig frisiertem weißem Pagenkopf. „Ich habe meiner Haushälterin heute frei gegeben, damit wir ungestört sind.“ Sie ging in den Nebenraum und kam kurze Zeit später mit einem schlichten schwarzen Kästchen zurück. Sie öffnete den Deckel, und, eingebettet in dunklem Samt, lag der kostbarste und schönste Ring, den der Händler jemals gesehen hatte. Sprachlos beugte er sich darüber, nahm auf ein freundliches Nicken der Dame hin das Schmuckstück in die Hand, betrachtete es lange und seufzte dann leise: „Ahhh!“

Er war sich der Qualität des Ringes sicher. Dennoch machte er mit der Besitzerin einen weiteren Termin aus, zu dem er einen Amsterdamer Kollegen hinzuziehen wollte. Aber als sie das Kästchen wieder verschloss, ins Nebenzimmer brachte und die Gäste zur Tür begleitete, war der Händler bereits fest entschlossen: diesen Ring musste er haben.

Wie es bei der Trödelshow nun einmal ist, gingen danach mehrere Monate ins Land. Es folgten noch ein paar weitere Besuche bei der Dame, die sich immer sehr zu freuen schien. Der Händler und das Team erfuhren, dass ihr Vater während des zweiten Weltkriegs als Offizier in Afrika gewesen sein. Dort habe er einem Stammesfürsten das Leben gerettet und dafür als Dank den Rohdiamanten bekommen. Als seine Tochter sich mit einem Studienfreund verlobt habe, habe er den Ring als Geschenk in Auftrag gegeben. Sie hatte ihn von da an oft und gerne getragen. Aber nun sei ihr Mann schon lange tot, ihre einzige Tochter sei vor zwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und sie fange nun, mit weit über 80 Jahren, an, „ihr Haus zu bestellen“, wie sie sich ausdrückte. 

Natürlich hatte sie den Ring schätzen lassen, mehr als einmal. Er sei wohl an die 90 Tausend Euro wert. „Aber ich will das Risiko nicht eingehen und ihn selbst verkaufen. Lieber gebe ich ihn etwas günstiger ab – und muss mich um nichts persönlich kümmern.“

Wie alle Bewerber*innen wurde sie vor laufender Kamera gefragt, was sie mit dem Geld machen wolle. „Ich werde den Erlöst aufteilen. Zwei Drittel gehen an ein Schulprojekt für Mädchen in Afrika, der Heimat des Diamanten. Ein Drittel erhält meine Haushälterin.“ „Weiß sie von ihrem Glück?“ „Natürlich. Sie wird mich ja in die Sendung begleiten.“

Wieder gingen zwei Monate ins Land. Chefredakteurin und Händler telefonierten täglich mit der Dame – und waren jedes Mal erleichtert, wenn sie ihnen versicherte, es gehe ihr gut und sie habe keineswegs die Absicht, vor der Sendung das Zeitliche zu segnen.

Und dann war es soweit. Um ganz sicher zu gehen, holte das Produktionsteam gemeinsam mit dem Händler Dame und Schmuck ab. Pünktlich um zehn standen sie vor der Tür. Doch auf ihr Klingeln regte sich drinnen nichts. Absolut nichts. „Das gefällt mir nicht“, brummte der Händler und ging um das kleine Haus herum. Durch die Terassentür sah er die Dame am Boden liegen, verkrümmt und reglos. Mit einem Stein schlug er die Scheibe ein. Aber es war nichts mehr zu machen. Sie war tot. „Der Ring“, dachte der Händler und sah sich suchend um. Ihre linke Hand lag unter ihrem Kinn, fast so, als würde sie schlafen. Ein Sonnenstrahl kletterte über die Lorbeerhecke und ergoss sich auf das Wohnzimmerparkett. In seinem Schein funkelte der Diamant ganz kurz am Finger der Toten.

„Was machen wir jetzt?“, fragte der Fahrer. „Na, wir rufen die Polizei – oder?“, antwortete sein Kollege. „Dann platzt die Show,“ sagte der Händler. Und wer weiß, ob ich den Ring jemals kriege, setze er in Gedanken hinzu. Und hatte eine Idee.

In diesem Moment kam die Haushälterin vom Bäcker zurück. Nachdem er die völlig verstörte Frau beruhigt hatte, erläuterte er ihr seinen Plan. „Sie ist tot. Auf ein paar Stunden kommt es jetzt nicht mehr an. Fahren Sie mit uns ins Studio, und wir ziehen den Deal wie geplant durch. Wer weiß, ob Sie ansonsten jemals Ihren Anteil kriegen,“ wiederholte er seinen leicht abgeänderten Gedanken. 

Die Haushälterin stimmte zu. Alles klappte perfekt. Die Dame habe einen Schwächeanfall erlitten, sie sitze in der Garderohe, sagte die Stimme aus dem Off. Und dank des Einspielers, in dem sie die Verwendung des Erlöses erklärte, war das auch vollkommen glaubhaft.

Die anonyme Stimme pries den Stein. „Der hier vorliegende Ring hält in seinem Zentrum einen ungewöhnlichen Diamanten von imposanten 8,64 Karat im Kissenschliff. Seine Farbe ist leicht getönt und wirkt warm weiß. Seine Reinheit ist erstklassig und entspricht der Reinheitsstufe „vsi“. Er hat auch mit der Lupe nur schwer erkennbare Einschlüsse. Durch seine gute Symmetrie hat er ein ausgezeichnetes Feuer.“

Dann kam die Haushälterin in den Verkaufsraum, legte den Ring auf die Theke und ging eine paar Meter zurück. Nacheinander nahmen die Händler*innen das kostbare Stück in die Hand. Der Händler mit der Kaufabsicht – natürlich waren Deal und Kaufpreis vorab abgesprochen worden – wartete, bis er an die Reihe kam. Doch plötzlich runzelte die Juwelierin die Stirn. „Richard“, sagte sie und hielt dem Händler den Ring entgegen. „Richard, schau doch bitte nochmal genau hin. “ Tatsächlich: bei näherer Betrachtung mit der Lupe erkannte er sofort, dass es sich bei diesem Stein nicht um einen Diamanten handelte, sondern höchstens um ein Stück Glas. „Ich muss nur kurz mit meinem Kunden telefonieren“, sagte er. Als das Gespräch beendet war, nannte er der verdutzen Haushälterin einen Preis, den diese nicht akzeptieren konnte. „Gut, dann gehe ich wieder“, sagte sie und wollte den Verkaufsraum schnell verlassen.

Doch an der Tür warteten schon zwei Polizeibeamt*innen und nahmen die Frau fest. „Mord aus Habgier“ lautete der dringende Tatverdacht.

Adventskalender MiniKrimi am 8. Dezember


Künstlerpech

Es sah aus, aus würde sie schweben. Die schlanken Beine lässig übereinandergeschlagen, beide Handflächen fest auf die lichtbleichen Steine gelegt, der Oberkörper ein gelber Farbtupfer im gleißenden Blau. Der Horizont nicht mehr als eine schaumige Linie. Sie saß auf einer verwitterten Mauer mit dem Rücken zur Sonne, zu ihren Füßen sattgrünes Gras. Der Kopf war nach hinten geneigt, die Augen versteckt hinter einer geschwungenen Sonnenbrille, der karmesinrote Mund im Lachen geöffnet. Eine leichte Brise spielte mit ihren schulterlangen blonden Locken.

Francois Simonds trat zurück, den Pinsel zwischen den Zähnen, sein Blick wanderte schnell zwischen Bild und Modell hin und her. Und er wusste, dass er unfassbar, unheilbar, unrettbar verliebt war. In das Modell, in die Sonne Südfrankreichs, in das Meer – aber vor allem in sein Bild und ja, in sich selbst. Sein Pinselstrich, die Art, wie er das Licht einfing, den Seidenschimmer ihrer Haut – er war einer der ganz Großen. Es war nur eine Frage der Zeit, da war er sich sicher, bis er in den besten Galerien in Paris hängen würde. Bei Polka, Perrotin oder sogar Gagosian.

„Fertig, mon amour?“, fragte Eloise, sein Modell, seine Muse, seine Geliebte. „Mir tut jeder Muskel weh, ich habe sicher schon einen Sonnenbrand auf den Schultern – und überhaupt keine Lust mehr.“

„Ganz kurz noch! Das Bild muss perfekt sein. Ja, das wird es. Perfekt! Was ist dagegen schon ein bisschen Muskelkater?“

Eloise öffnete ihren Schmollmund. „Ok, aber nur noch fünf Minuten“, stöhnte sie, warf ihm einen Luftkuss zu, reckte und streckte sich. Francois hob die Hand mit dem Pinsel, kniff die Augen zusammen, schaute auf das Bild, dann auf seine Geliebte. „Du sitzt ganz anders! Dreh dich nach links, nein, nicht so weit. Wieder zurück! Ach, merde! So geht das nicht!“, schrie er unvermittelt, schleudert Pinsel und Palette auf den Boden, riss das Bild von der Staffelei und stürmte davon, den steilen Felsenpfad von der Zitadelle hinab zum Strand. 

Am frühen Abend wollte die Polizei von Eloise wissen, wann genau sie Francois zum letzten Mal gesehen hatte. Zwei Stunden zuvor war die junge Frau barfuß, mit zerkratzen Armen und Beinen, aufgeplatzter Lippe und geschwollener Wange im vollbesetzten Standcafé aufgetaucht, weinend und zitternd. Nachdem die Wirtin ihr ihre Wolljacke um die Schultern gelegt und ein Glas Pernod in die Hand gedrückt hatte, hatte Eloise darauf bestanden, die Polizei zu verständigen. Der Maler Francois Simond habe sie gerade im Rondell auf der Zitadelle angegriffen und geschlagen. Sie habe sich losgerissen und sei den Felsenpfad hinunter zum Strand gerannt. Francois habe sie verfolgt, aber nicht eingeholt. 

Jetzt hatte sie plötzlich Angst, dass ihm etwas zugestoßen sei. Wo war er? Und wo ihr Porträt, an dem er gemalt hatte?

Die Polizei leitete eine Suchaktion ein, und schon kurze Zeit später wurde die Leiche des Malers am Fuß der Steilküste zwischen den Klippen gefunden. Von dem Bild aber fehlte jede Spur.

„Mademoiselle, Sie haben Schreckliches durchgemacht. Es tut mir unendlich leid, aber ich muss Sie bitten, mir noch einmal genau zu berichten, was heute Nachmittag vorgefallen ist.“ Commissaire Verlaine war ein runder, freundlicher Mann mit Geheimratsecken und einem zerknitterten Leinenanzug. Er erinnerte Eloise entfernt an ihren Vater, und sie vertraute ihm. Sie seien am späten Vormittag zur Zitadelle aufgebrochen, weil Francois ihr Porträt vollenden wollte. Es sei der ideale Tag dafür, das ideale Licht. Nach zwei Stunden ungefähr habe sie keine Kraft mehr gehabt – das reglose Sitzen habe sie angestrengt. Francois habe das nicht verstanden, habe einen seiner Wutausbrüche bekommen und sei davongestürmt, kurz darauf aber wiedergekommen. Er habe noch ein paar Stunden weitergemalt und dabei immer wieder Cognac getrunken – er habe stets eine Flasche dabeigehabt, zur Inspiration. Aber der Alkohol habe ihn aggressiv gemacht, und als ihr Handy geklingelt habe, sei er ausgerastet. Er sei leider sehr eifersüchtig gewesen und unsicher wegen des großen Altersunterschieds. Er habe sie geschlagen, sie habe sich gewehrt, sei ihm davongelaufen, hinunter zum Strand und den vielen Menschen, wo sie sich sicher fühlte. Danach hatte sie ihn nicht mehr gesehen. 

Commissaire Verlaine begleitete Eloise persönlich nach Hause. 

Nach der Testamentseröffnung besuchte er sie in SImonds Villa und beglückwünschte sie dazu, dass Simond sie zu seiner Haupterbin eingesetzt hatte. Sie schien über seinen Besuch ehrlich erfreut und servierte ihm Kaffee im Salon. Über dem Kamin hing ein Porträt von ihr, in leuchtend gelber Bluse vor blauem Meer. „Ist das nicht im Rondell der Zitadelle?“, fragte Verlaine. „Ja, das stimmt. Er hat das Motiv immer wieder gemalt, es war wie besessen von dem Platz,“ sagte Eloise. „Aber das Porträt, an dem er am Tag seines Todes gemalt hat, ist nie wiederaufgetaucht?“ „Nein, leider. Es war perfekt.“

Am nächsten Morgen stand Verlaine mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Villa. Er nahm das Porträt in Gewahrsam – und auch Eloise. Die gelbe Bluse hatte Francois erst am Tag vor seinem Tod für seine Geliebte gekauft. Und die Sonne stand auf dem von der Kunstwelt gefeierten Bild im Zenit. Eloise hatte gelogen. Und den eifersüchtigen Maler schon mittags von den Klippen gestoßen. 

„Die blonde Mörderin“ wurde in der Galerie Gagosian ausgestellt und zu einem Sensationspreis verkauft. Der Erlös ging an einen Verein zur Förderung verarmter Künstler*innen.

Adventskalender MiniKrimi am 7. Dezember


Eine schöne Bescherung 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am schlimmsten. Wenn draußen die Lichtgirlanden, in den Fenstern die Jakobsleitern und am Adventskranz die Kerzen leuchten, wenn die Luft nach Glühwein duftet und gebrannten Mandeln, wenn sich im Keller die Dosen mit frisch gebackenen Plätzchen stapeln und das Radio „Last Christmas“ in Dauerschleife dudelt, packen die Erinnerungen Erika jedes Mal mit aller Macht. Denn genau in dieser magischen, wunschprallen, nach Vergebung und Liebe suchenden Zeit ist Erika die schlimmste Kränkung ihres Lebens widerfahren. 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am besten. Wenn draußen ein eisiger Ostwind den Schnee vor sich hertreibt und drinnen vor dem munter flackernden Kaminfeuer Whiskey und Pfeife auf ihn warten, genießt Eduard die Erinnerungen am meisten. Und während das Holz in den Flammen knistert, ergreift die Genugtuung wieder Besitz von jeder Faser seines Körpers, prickelnd und über die Maßen erregend.

Erika hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. Die Erstgeborene, ein Mädchen statt des ersehnten Stammhalters, schmal und schmächtig. Aus der konnte nichts „Gescheites“ werden, das hatte die Mutter gleich beim Anblick der Neugeborenen prophezeit. Im Laufe ihres Lebens hat Erika diese Erwartungen voll und ganz erfüllt. Von einer scheuen Schülerin, die sich statt in Freizeitaktivitäten lieber in Bücherwelten stürzte, entwickelte sie sich zur einer musikbesessenen Medizinstudentin. Natürlich gaben ihr die Eltern keinen Pfennig dazu, und Erika verdiente sich Studium, Bücher, Unterkunft und Essen durch Klavierunterricht. Dass sie ihr überhaupt erlaubten, die Universität zu besuchen, lag ganz einfach daran, dass sie dadurch früh „aus dem Haus, dem Auge und dem Sinn“ der Mutter verschwand.

Eduard interessierte sich schon im Kinderwagenalter für Geschwindigkeit: er stellte sich kerzengerade in seinem Buggy auf und hieb mit einem langen Schnürsenkel auf die Schwester ein, die ihn, wie ein eingespanntes Pferd, in Windeseile über den Hof ziehen musste. Mit fünf zerschnitt er die Bremsen ihres Fahrrads, woraufhin sie wie ein Pfeil die Straße bergab und gegen den Baum an der ersten Kreuzung sauste. Selbstverständlich trat er nach dem Realschulabschluss in das elterliche Autohaus ein und verdrängte den Vater, so schnell es ging, aus dem Geschäft. Sein rasanter Lebensstil kostete im Laufe der Zeit allerdings mehr, als ihm seine diesbezügliche Expertise einbrachte. Schließlich stand das Autohaus – das Lebenswerk des Vaters – kurz vor dem Konkurs. Dann starb die Mutter, und nur mit ihrem Geld konnte er die geschäftliche „Kurve kriegen“. Allerdings war dazu mehr als sein eigener Erbanteil nötig...

Erika, inzwischen längst Landärztin mit eigener Praxis, Ehemann und zwei Kindern, saß bei der Testamentseröffnung kerzengerade auf dem Ledersofa. Sie musste gegen die ungehindert durch die großen Fenster in den Raum hineinstürzende Sonne blinzeln und nahm den Anwalt, den die Mutter offenbar kurz vor ihrem Tod mit ihren Angelegenheiten betraut hatte, – übrigens ein Kunde und Duzfreund ihres Bruders – nur als Scherenschnitt war.  Im Nachhinein hat sie versucht, das Testament anzufechten, um zumindest einen Pflichttei des Erbes zu erhalten. Vergeblich. Nachdem sie alle Instanzen durchlaufen hatte, nahm der Richter, der ihr in der letzten Verhandlung die allerletzte Hoffnung genommen hatte, sie beiseite. Ob ihr bewusst sei, dass ihr Anwalt zur Clique von Eduard gehöre? Er habe es wirklich geschickt angestellt, so dass ihm, dem Richter, bei dieser lückenlosen Vorgehensweise tatsächlich die Hände gebunden gewesen seien.

Eduard sitzt vor seinem Kamin. Verträumt betrachtet er die Glut. Um ihn herum nur die Stille einer sternenklaren Nacht. Er hat den Brief zweimal gelesen. Wort für Wort. Aber er kann keinen Fallstrick erkennen. Nur eine tiefe Traurigkeit. Erika war schon immer melancholisch veranlagt. Sie schreibt, dass ihr Mann gestorben sei. Ein Unfall, der die gesamte Familie in arge Bedrängnis gebracht habe. Sie könne die Praxis nicht mehr halten und werde wohl auch aus dem Haus ausziehen müssen. Das wenige Geld, das ihr bleibe, sei für die letzten Studienjahre ihre Kinder bestimmt. Nach so viel Leid habe sie das dringende Bedürfnis, in ihrem Leben Ordnung zu schaffen. Sie wolle den Zwist mit ihrem Bruder beilegen. „Lassen wir den Schnee von gestern doch einfach tauen“, schrieb sie. „Und endlich wieder wie Geschwister zueinander sein.“

Der dem Brief beigelegte Versöhnungstropfen muss noch aus dem Weinkeller seines Schwagers stammen. Ein vorzüglicher Chateau Lafitte. „Santé, Schwester“, sagt Eduard und hebt das Glas.

Dank seiner Selbstgerechtigkeit ist er kaum überrascht, als sie trotz vorgerückter Stunde vor seiner Tür steht, und es gelingt ihm gerade noch, ihr das Glas in die Hand zu drücken, als die Welt um ihn herum sich zu drehen beginnt. Sekunden später liegt er leblos auf dem Terracottaboden.

Frau Dr. Erika Monhaupt ist untröstlich, den Bruder so unmittelbar nach ihrem Wiedersehen verloren zu haben. Dabei verschweigt die Ärztin natürlich sowohl ihren Brief samt Versöhnungsgeschenk als auch ihre Kenntnis bezüglich der Ursache für den plötzlichen Tod ihres Bruders. 

Die Vorweihnachtszeit, denkt sie, während draußen dichte Schneeflocken tanzen und im Kamin ein lustiges Feuer prasselt, ist doch gar nicht so übel. Morgen kommen die Kinder. Ist das nicht eine schöne Bescherung?

Adventskalender MiniKrimi am 6. Dezember


(danke, liebe Petra 🙂 )

Der eilige Nikolaus

In der Pandemie haben es Nikoläuse besonders schwer. Ich rede nicht von denen aus Schokolade, sondern ich meine die, die durch Kindergärten, Wohnungen oder Schulen ziehen, mit Mitra und goldenem Buch, um die Kinder mit einer Geschichte und ein paar Kleinigkeiten zu beschenken. So, wie es ihr Vorgänger vor rund 1700 Jahren in Myra gemacht hat. Dabei hat der historische Nikolaus durchaus eine Affinität zu pandemischen Zeiten, denn er erbte das Vermögen, das er an die Armen und Kleinen verteilte, von seinen Eltern. Und die waren an der Pest gestorben. Düstere Zeiten also, damals wie heute. Und wie immer, wenn es den Menschen schlecht geht, freuen sie sich ganz besonders auf schöne, herzwärmende Momente. Wie eine halbe Stunde mit Sankt Nikolaus, seinen Geschichten und kleinen Geschenken. 

Nun ist der Nikolausbesuch nicht nur für die lieben Kleinen – die bösen sehen ihm meist eher mit gemischten Gefühlen entgegen – und ihre Eltern eine Freude. Auch für die vielen Menschen, die am 6. Dezember in Kostüm und Rolle schlüpfen, ist dieser Tag wichtig, nämlich als fest einkalkulierter Verdienst. 

„Nikolausbesuch trotz Corona“ titeln daher Tageszeitungen und Webseiten schon seit Tagen und Wochen. Und tatsächlich ist die Vermummung bei diesem „Heiligen“ ja ohnehin praktisch Teil des Kostüms, so dass die ihn selbst und die Anderen schützende FFP2-Maske gut unter einem entsprechenden Rauschebart verborgen werden kann.

 Und trotzdem ist das Geschäft auch heuer, im zweiten Jahr in Folge, für die berufsmäßigen Nikoläuse mau. Studenten, Gelegenheitsarbeiter und Minijobber hocken frustriert auf der Couch und starren nostalgisch auf Handyvideos vergangener Performances, während draußen zarte Flocken aus dem Himmel rieseln. Kinder sitzen vor dem Fernseher und müssen mit einem Zeichentrick-Surrogat vorliebnehmen, oder mit Fantasy-Gebilden aus der Disneyschen Traumfabrik.

Aber halt! Wer stapft denn da durch den frisch gefallenen Schnee auf dem Kirchplatz? Das gelbe Laternenlicht malt bizarre Schatten auf die lichtglitzernden Tannen, und dazwischen bewegt sich eine große Gestalt in langem Mantel. In einer Hand hält sie einen Stab, in der anderen einen großen Sack. Sankt Nikolaus – denn wer sollte das sonst sein? – bleibt immer wieder stehen und schaut sich nach allen Seiten um. „Er sucht die Kinder, er sucht uns“, flüstert Lisa und versucht, den zwei Jahre älteren Bruder beiseite zu schieben, um einen besseren Blick durch das beschlagene Fensterglas auf den Menschen zu werfen. 

Finn ist sieben und stolz darauf, nicht mehr an Nikolaus, Christkind & Co. zu glauben. Aber die Gestalt, die dort unten ganz offensichtlich über den verlassenen Park Richtung Kirche huscht, hat schon verdammt viel Ähnlichkeit mit dem Mann, den es eigentlich nicht gibt. 

„Schau mal, jetzt ist er an der Tür zur Sakristei. Er denkt bestimmt, die Kinder warten wegen der Kälte heute drinnen auf ihn. Komm, Finn, wir müssen runter! Stell dir mal vor, wie enttäuscht Sankt Nikolaus ist, wenn er drinnen gar niemanden findet.“ Und als sie sieht, dass ihr Bruder noch zögert, fügt sie verschmitzt hinzu: „Der Sack sieht so aus, als wären da viele Überraschungen drin. Und wenn wir die einzigen Kinder sind…..“

„Ok. Komm.“ Finn geht vorsichtig zur Zimmertür, schaut nach, ob die Luft rein ist, winkt seiner Schwester, und dann schleichen beide auf Zehenspitzen, Winterjacken in der Hand, aus der Wohnung. Eltern sind solche Spielverderber. Wahrscheinlich hätten sie ihnen „wegen Corona“ verboten, dem Nikolaus hinterherzulaufen.

Draußen ist es eiskalt und stockdunkel. Im Park springen sie von Lichtpfütze zu Lichtpfütze, gehen zwischen den Tannen in Deckung und suchen den Heiligen Mann. Schwer ist das nicht, denn seine Stiefel haben im Schnee deutliche Spuren hinterlassen, bis hin zur Sakristei. Die Tür steht einen Spalt offen. „Alles dunkel. Wahrscheinlich ist er schon wieder weg“, flüstert Finn. „Der Arme, er war sicher total enttäuscht“, antwortet Lisa. Aber da sehen sie einen Lichtstrahl im Kirchenraum umherirren. „Komm“, sagt Finn wieder. Und die Geschwister schieben sich vorsichtig in die Sakristei. Auch im Dunkeln erkennen sie sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Tisch ist umgeworfen, die Türen der Schränke mit den Messgewändern, Kerzenhaltern, Kelchen und allem, was in einer Sakristei an Kostbarkeiten aufbewahrt wird, hängen schief in den Angeln. Aus dem Kirchenraum dringen Geräusche, ein Klirren, ein dumpfer Knall, ein Fluch. Lisa starrt ihren Bruder an. „Der Nikolaus flucht doch nicht… oder?“ „Nein. Er kommt zurück. Schnell in den Schrank!“ 

Hinter Messgewändern versteckt beobachten die Kinder, wie Sankt Nikolaus hastig die Sakristei durchquert, mit dem prallen Sack in der Tür hängenbleibt, ihn losreißt und in der Dunkelheit verschwindet.

„Halt, halt, unsere Geschenke,“ flüstert Lisa erschrocken. „Pssst“, faucht ihr Bruder. „Schnell.“ Er zieht die Schwester hinter sich her zum Pfarrhaus. Dort läutet er Sturm. 

„Der Nikolaus ist aus der Kirche gelaufen und hat vergessen, uns unsere Geschenke zu geben“, erklärt Lisa dem verblüfften Pfarrer und den Gästen, mit denen er gerade gemütlich zu Tisch saß. „Nein, er hat alles gestohlen“, ruft Finn. „Da läuft er!“

Tatsächlich kommt der unheilige Mensch mit dem schweren Sack im Schnee nur langsam voran. Der Pfarrer und seine Gäste rennen ihm nach – immer den Spuren im frischen Schnee hinterher.

Lisa und Finn haben es nicht eilig, nach Hause zu kommen – sie gehen ganz sicher einer saftigen Standpauke entgegen. „Ob sie ihn fangen, den Nikolaus?“, fragt Lisa. „Bestimmt. Wenn er nicht um die Ecke einen schnellen Schlitten geparkt hat“, antwortet Finn.

Adventskalender MiniKrimi am 5 .Dezember


Catch me if you can

(Die Texte stammen größtenteils aus einer tatsächlichen Unterhaltung, die ich mit einem Romance Scammer geführt habe. Ich recherchiere seit geraumer Zeit zu diesem Thema)

An einem Sommerabend vor 6 Monaten:

Mark Reinhart hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt.

WTF ist Mark Reinhart? Aha, aus Frankfurt. Alter Bekannter? Neuer Fan? Hm. Nettes Profilbild. Ah. Geschieden. Dann nehme ich die Freundschaft mal an. 

Keine 10 Sekunden später eine neue Nachricht:

Hallo, guten Abend. Schön, dich kennenzulernen. Wie geht es dir im Moment? 

Hallo auch. Im Moment geht’s mir ganz gut. Und selbst?

Danke der Nachfrage. Nun, ich unterhalte mich gerade mit dir und bin dabei, dich kennenzulernen. Das ist sehr schön.

Ok. Aber wie bist du auf mich gekommen?

Ich habe Ihr Profil gesehen, und Sie haben mir gefallen, weil Sie eine schöne Frau sind.

Ah. Daher weht der Wind. Was für ein Glück!

Danke für die Blumen. Ich habe mir auch dein Profil angesehen – und ich denke, du bist ein Romance Scammer. Habe ich recht?

Okay, meine Liebe. ich sage Ihnen mit so viel Selbstachtung und Höflichkeit, dass Sie viel Respektlosigkeit zeigen, wenn Sie so von mir denken. Meine ganze Absicht war nur, einen großartigen Geist wie dich zu kennen. Aber ich frage mich wirklich, woher diese Frage kommt, weil ich es als Missachtung meiner Persönlichkeit sehe. Ich bin Chirurg und leite eine Abteilung für freie Medizin in einem Krankenhaus in Aleppo. Ich arbeite dort für die UN.

Wow. So ein langer Text. Das ist vielversprechend!

Ich will dir sagen, woher meine Frage kommt. Letztes Jahr hat sich eine Freundin von mur umgebracht, nachdem ein Romance Scammer sie erst um 10 Tausend Euro betrogen und ihr dann das Herz gebrochen hat. Sie hat Selbstmord begangen. Seitdem recherchiere ich, um die Leute zu finden, die ihr das angetan haben. Ich vermute, dass eine Organisation dahintersteckt. Ich schlage dir einen Deal vor: Info gegen Cash. 

Meine Liebe, Sie sind entweder völlig unverschämt oder sehr dumm. Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich wollte dich kennenlernen, weil du eine interessante Person bist. Was ist dein Beruf und wo wohnst du? Ich lebe zurzeit in Aleppo, aber ich komme aus Frankfurt. Dort lebt meine kleine Tochter. Hast du auch Kinder?

Das geht Sie nichts an. Ich biete Ihnen Geld, wenn Sie mir etwas darüber sagen, warum Sie Romance Scammer geworden sind. Arbeiten Sie alleine? Müssen Sie das Geld, dass Sie ergaunern, abgeben? Wo leben Sie? Ich merke doch, dass Sie nicht wirklich Deutsch können. Lassen Sie uns einfach mit offenen Karten spielen. Wer sind Ihre Hintermänner? 

Okay. Ich bin ein Mann, der mit Beweisen und Fakten arbeitet. Die Art, wie Sie schreiben, scheint ein Teil der Terroristen zu sein, die wir zu vermeiden versuchen. Ich arbeite für die UN, und wir haben Methoden, Terroristen wie dich zu vernichten.

Ah ja. Jetzt kommen wir der Sache endlich näher.

Wunderbar! Und ich versuche, Kriminellen wie Ihnen das Handwerk zu legen. Letzte Chance: helfen Sie mir. Oder ich zeige Sie an. You can help me – or I will sue you.

You are a very big fool. Don’t do something that will get yourself in problem. 

Ok – what do you wanna do to me?

I will fuck you up in so many ways. Ich habe Ihre Daten gespeichert. Das ist kein Spiel. Passen Sie auf.

Ich habe keine Angst vor Ihnen.

Das sollten Sie. Hören Sie auf, nach uns zu recherchieren. Oder Sie sind tot.

An dieser Stelle bricht die Unterhaltung ab. 

Als ich am nächsten Morgen meinen Computer starte, erkennt er mein Passwort nicht. Stattdessen erscheint auf dem Bildschirm in schwarzer Schrift der Satz: Lass uns in Ruhe.

Seitdem bin ich auf der Flucht. Meine Kreditkarte wurde geknackt. Mein Email-Account auch. Meine Freund*innen haben Hate-Mails erhalten und wollen nicht mehr mit mir sprechen. Ich habe Angst. Aber ich gebe nicht auf. Ich habe ein Ziel.  Ihr lest wieder von mir. 

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