Adventskalender MiniKrimi vom 22. Dezember 2018

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Meine lieben Leserinnen, vor allem meine lieben Leser: diese Geschichte ist ASBOLUT frei erfunden. Sie entspringt meinem zugegen zuweilen etwas exaltierten Autorenhirn und sollte von Euch „cum grano salis“ gelesen werden.

Die etwas andere Agentur

Das ganze Jahr über waren ringsherum Hunde gestorben. Im Frühling Milka, dann über den Sommer verteilt Edi, Nero, die Chihuahuadame Chéri und im Spätherbst dann der West Highland Terrier Soda. Emily, die es schon in den Sandkastenjahren ihres Kindes vermieden hatte, auf dem Spielplatz mit anderen Müttern zu kommunizieren und alle Kindsnamen auswendig zu kennen, bekam dieses Hundesterben nur deshalb mit, weil sie auf ihren Gassigängen immer weniger Menschen begegnete.

Da sie nicht unter einem beschädigten Selbstwertgefühl litt, dachte sie keinen Moment, dass ihr alle Hundebesitzer nacheinander aus dem Weg gingen. Deshalb fragte sie ihre Nachbarin Silke. Die Antwort war ebenso plausibel wie aufschlussreich – und, wie sich herausstellen sollte, folgenschwer.

Nach ihrem Einzug in das neue Wohngebiet in der Minervastraße hatten sich viele Bewohner einen Hund zugelegt, ziemlich gleichzeitig und aus der gleichen Motivation heraus: Sie wollten raus ins Grüne, das die Minervastraße umgab, aber weil sie allein zu faul waren, musste ein Hund her. Mit der Zeit wurden die Tiere zu echten Gefährten, und Silke berichtete Emily von den verschiedenen Formen, die die Trauer um den verlorenen Vierbeiner angenommen hatte. LEIDER waren ja Tiergräber im hauseigenen Park verboten, ebenso wie Seebestattungen im Naturteich. Deshalb hatten die meisten ihren Liebling verbrennen lassen. Die Urnen in den abenteuerlichsten Farben und Formen zierten nun Kaminsimse und Nachttischchen.

Emily verbrachte ein paar begegnungsarme Wochen im nahegelegenen Wäldchen. Doch als es auf Weihnachten zu ging, traf sie am Morgen auf das Ehepaar Wagner, beide in nagelneu glänzenden Outdoor-Gummistiefeln, mit Pfeifen, Leckerli und Kotbeuteln gefüllten neuen Funktionsjacken, und einem neuen Hund, genauer gesagt einem Labradorwelpen. Labradore waren im Moment offenbar sehr angesagt, denn schon eine Woche später begegnete ihr Frau Hausmann, ebenfalls mit einem Labrador aus dem ungarischen Tierschutz. Allerdings war der sicher nicht ganz reinrassig, dachte sich Emily. Aber sie hütete sich, etwas zu sagen. Und so ging es weiter. Nach und nach kamen ihr auf ihren Morgen-, Mittags- und Abendrunden wieder die gleichen Menschen entgegen wie im letzten Jahr, vor dem großen Minervischen Hundesterben.

Emily hoffte insgeheim, dass mit dem neuen Hund und dem neuen Glück auch ein friedlicheres Miteinander bei den tierischen Begegnungen einhergehen würde. Ihre beiden Dobermänner waren zwar optisch womöglich furchteinflößend, vor allem für Chihuahua-Erstbesitzer in Slim fit Jeans auf Highheels. Diese rissen die armen Tierchen schon hektisch in die Arme, wenn Emily sich mit ihren beiden am Horizont der Minervastraße zeigte. Aber Emma und Mr. Steed gehorchten aufs Wort. Was von den meisten anderen Vierbeinern nicht gesagt werden konnte. Sie überlegte schon,  eine Welpenschule zu gründen – ihre 2-Frauen-Werbeagentur lief momentan nicht besonders, da kam ihr eine viel bessere Idee.

Denn nach den Hunden hatten in der Minervastraße im nächsten Frühling etliche Ehemänner das Zeitliche gesegnet. Auch hier das gleiche Prinzip: Die Ehepaar, die vor rund einem Jahrzehnt eingezogen waren, um hier ihren Lebensabend beschaulich zu genießen, waren in die Jahre gekommen, in denen, rein statistisch gesehen, Männer, in diesem Falle Ehemänner, versterben.

Auch wenn Emily von keiner Witwe gehört hatte, die ihren Mann im Naturteich hätte beisetzen wollen oder seine Asche in einer Urne auf dem leeren Kopfkissen lagerte („Gute Nacht, Erich, jetzt stört es dich sicher nicht mehr, dass ich noch lese“) – die Damen trauerten. Und Emily dachte darüber nach, wie sie diese Trauer lindern könnte.

Sie besuchte eine Dame nach der anderen, mit Kuchen und einem stattlichen Din A 4 Ordner. Sie kam einmal, zweimal, dreimal. Und irgendwann sah man Frau Weber den  mäandernden Weg im Park der Minervastraße an der Seite eines gut und gepflegt aussehenden Mannes entlangschreiten, der sogar viel besser zu ihr zu passen schien als der Ex. Sie wirkte um Jahre jünger,  und bald taten es ihr andere Witwen gleich.

Emily stellte eine Headhunterin ein, denn die Wünsche der Witwen waren teilweise sehr exklusiv. Die Tatsache, dass es in ihrer Alterskategorie naturgemäß weniger Männer als Frauen gab, fiel nicht ins Gewicht, denn die Damen wünschten sich ohnehin lieber etwas frischeres.

Die Nachfrage war so groß und die Warteliste so lang, dass Emily schließ einige Bewohnerinnen, von denen sie wusste, dass sie eventuell in einer nicht allzu fernen Zukunft auf sie zukommen würden, sehr dezent darauf hinwies, dass eine rechtzeitige Reservierung – ggf sogar noch zu Lebzeiten des Angetrauten – von Vorteil sein könnte.

Und dann passierte es. Ausgerechnet bei Frau Dr. Kramer -Weidenhoff! Emily mochte die elegante 80jährige besonders gern, denn sie wusste, dass das Leben mit dem exzentrischen und schon vor der einsetzenden Demenz aggressiven Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. Weidenhoff kein Zuckerschlecken gewesen war. Sie gönnte der alten Dame von Herzen einen goldenen Lebensherbst, und deshalb schauten sie sich beide die Fotos in dem beträchtlich gewachsenen Ordner ganz besonders intensiv an. Und wurden fündig. Leonardo von Medberg hatte zwar kein Vermögen mehr, dafür aber Manieren – und den innigen Wunsch, gut (aus)gehalten zu werden. Treu war inzwischen mit Sicherheit, dafür war ihm seine Zukunft zu wichtig. Alles schien perfekt.

Aber der Professor hing an seinem Dasein mit einem eisernen Willen. Gleichzeitig tyrannisierte er seine arme Ehefrau mehr denn je. Einmal sah Emily sogar blaue Flecken an ihren Armen. Leonardo wurde langsam unruhig. Da schritt Emily, die ehemalige Krankenschwester, zur Tat.

Sie hatte erwartet, dass ihr Gewissen sie plagen, dass sie bei den Damen in der Minervastraße vielleicht sogar unter Verdacht geraten würde. Aber weit gefehlt! Sie sah sich vielmehr von ihrer Kundschaft geradezu genötigt, ihre Agentur um ein „rundum-sorglos“ Angebot erweitern……

Adventskalender MiniKrimi vom 19. Dezember 2018

 

Der Tausch

Frank hatte sein ganzes Leben lang um sich gehabt. Als Kind. als Jugendlicher, und auch als Erwachsener. Bis auf ein kurzes Intermezzo an Akademie der Bildenden Künste in Wien war er immer für seine Mutter da gewesen. Nachdem der Vater gestorben war, erwartete sie von ihm ganz selbstverständlich, dass er seinen Platz einnehmen würde. Und das hatte Frank getan,  ganz selbstverständlich. Geld war genug da. Frank musste sich nur im seine Mutter kümmern, einmal am Tag kochen, jeden zweiten Tag eine Spritztour mit ihrem Sportwagen ins Blaue Land, einmal im Monat in den Zoo und am Sonntag essen gehen, mal im Bayerischen Hof, mal bei Schuhbeck. Die restliche Zeit verbrachte Frank damit, zu malen oder mit Freunden auszugehen. Aber nie nach Mitternacht, damit seine Mutter sich keine Sorgen zu machen brauchte. Sie wurde im Alter immer ängstlicher. Deshalb waren sie aus dem Haus in eine Wohnung in der Minervastraße gezogen.

Und dann starb seine Mutter. Ihr Tod kam weder plötzlich noch unerwartet, sie war weit über neunzig und inzwischen schon so dement, dass sie sich nicht mehr alleine zurechtfand. Aber Frank hatte insgeheim angenommen, dass sie ewig leben würde. Irgendwie.

Seitdem ertappte sich Frank dabei, ältere Damen zu beobachten. Im Sommer beim Spaziergang im Tierpark, in den er eigentlich nicht mehr hätte gehen müssen. 

Im Supermarkt um die Ecke, vor dem Regal mit den Keksen. Die alte Dame mit dem Kamelhaarmantel sah so aus, als könne sie genau die Sorte nicht finden, die sie am liebsten mag. Frank blieb neben ihr stehen, beobachtete sie. Sie sah ein bisschen so aus wie seine Mutter, und er wollte ihr helfen. Aber da griff sie zielsicher nach dem Shortbread und legt es in den Einkaufswagen.

Vor dem Schaufenster des großen Kaufhauses am Marienplatz. Diese alte Dame trug die Haare so kurz wie seine Mutter, die Lippen waren kräftig rot geschminkt – mit ungenauen Konturen, die Nägel rot und die Schuhe spitz. Unschlüssig tippelte sie von einem Fenster zum andern. Die Hüte oder die Röcke? Die Röcke oder die Hüte? Er näherte sich ihr, vorsichtig. „Möchten Sie einen anprobieren?“, wollte er grade fragen. Da kam unter den Arkaden ein korpulenter Herr herangeschossen. „Irmi, wo bist Du denn? Komm, die Kinder warten schon“, sagte er und zog die Dame am Ärmel weiter Richtung Marienplatz.

Als er den beiden nachsah, kam ihm auf einmal dieser Gedanke. „Warum nehme ich mir nicht einfach eine andere Mutter?“ Gleich darauf musste er lachen. Wie albern! Aber er legte den Gedanken nur beiseite, ohne ihn zu verwerfen.

Eine Woche später stand Frank an der Ampel an der Schleißheimer Straße. Da hörte er neben sich eine leicht verzitterte Stimme: „Junger Mann, würden Sie mich wohl über die Straße begleiten?“ Als die Ampel grün wurde, schritt Frank mit einer eleganten, zierlichen alten Dame im schwarzen Kostüm, mit Hut und Handschuhen, über die Straße. Drüben angekommen sahen sie sich an, und aus der Laune des Augenblicks heraus fragte er: „Kaffee?“

Abends machte er ihr pochierten Lachs, und als sie im Bett lag – er hatte die Daunendecke mit der Lieblingsbettwäsche seiner Mutter bezogen – las er ihr noch etwas aus dem Zeit-Magazin. „Morgen gehen wir in den Zoo“; sagte er, aber da war sie schon eingeschlafen. 

In den Spätnachrichten auf Antenne wurde die Meldung durchgegeben, dass Frau Mathilde Richter, 93, seit dem frühen Nachmittag vermisst wurde. Sie war im Entenbachstift zur Kurzzeitpflege untergebracht, während ihre Familie den Umzug in ein Haus mit Einliegerwohnung organisierte, wo die demente Mutter mit einer Pflegerin wohnen konnte. „Familie Richter vermisst ihre Mutter und Großmutter schmerzlich und hat eine Belohnung von 1000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgegeben“, hieß es. 

Frank brauchte kein Geld.

Adventskalender MiniKrimi vom 8. Dezember 2018

Verlorener Sohn

Der verlorene Sohn

In der Minervastraße war eine bestimmte Anzahl an Appartements behindertengerecht gestaltet, und es bestand ein Vertrag mit einem soliden, bis dato skandalfreien Pflegedienst. Damit entsprach die Siedlung dem in die Zukunft weisenden Konzepts eines Mehrgenerationen-Wohnens – wofür die Architekten einen extra Preis kassiert hatten.

In einer solchen Wohnung lebte das Ehepaar Alexander und Ursula Martini. Sie waren erst kürzlich schweren Herzens aus ihrer Villa am Nymphenburger Kanal in die Minervastraße 89 gezogen. Er konnte sich aufgrund einer ausgeprägten Arthritis kaum noch im Haus bewegen, geschweige denn Treppen steigen. Sie litt unter wiederkehrendem starken Schwindel, der sie daran hinderte, den Haushalt, das Haus und den Garten zu ihrer eigenen Zufriedenheit und der ihres Mannes in Schuss zu halten.

Auch in der Wohnung war Alexander nur noch mit dem Gehwagen unterwegs. Ursula fiel es immer schwerer, die nötigen Gänge zum Einkaufen, zum Arzt oder zur Apotheke zu erledigen. Mehr als einmal in der Woche fiel das Mittagessen aus, oft auch das Abendbrot. Den Martinis mangelte es nicht an Geld – aber sie waren zu stolz, Hilfe zu suchen. Und sie hätten auch nicht gewusst, wohin sie sich wenden sollten.

Als eines Tages das Treppenhaus von dichten Rauchschwaden und einem beißenden Geruch nach verbrannter Milch erfüllt war, ergriff die Nachbarin die Initiative. Kurz darauf trat Pfleger Boris in das Leben der Martinis, ein mittelgroßer, mittelkräftiger Mann mit längerem Haar und Vollbart. „Haben Sie denn keine Kinder?“ fragte er Ursula, während er ihr half, den Einkauf zu verstauen, und gleichzeitig die Suppe für Alexander kochte. Er hatte gemerkt, wie unangenehm es den beiden war, Fremde in ihre Privatsphäre zu lassen.

„Nein!“ war Ursulas einsilbige Antwort, nach unmerklichem Zögern. „Nein, wir haben keine Kinder.“ „Warum nicht?“ „Das hätte nicht zu unserem Lebensstil gepasst.“ Und dann „Wir sind viel bereits, wissen Sie. Beruflich. Mein Mann hatte viel im Ausland zu tun, seine Aufträge kamen immer sehr kurzfristig. Heute noch in Paris, und morgen hieß es plötzlich Koffer packen und ab in die Mongolei. Es war sehr spannend.“ Sie lächelte, für einem Moment in der Vergangenheit verloren. „Wow.Da haben Sie sicher viele Fotos,“ sagte Boris und sah sich suchend im Wohnzimmer um. Fehlanzeige.“Oh nein, Fotos gibt es nicht. Dazu waren seine Aufträge viel zu….. Egal. ich denke, Sie sollten Alexander jetzt seine Suppe bringen.“

Als Boris gegangen war, saß das Ehepaar nebeneinander auf der Couch und schwieg. Wie still es war. Die Kaminuhr tickte die Minuten herunter, unwiederbringlich verronnene Zeit. Sinnlos, ihr nachzutrauern, sie enthielt lange schon nichts als Leere. „Wenn das Telefon klingeln und ein Enkelkind seinen Besuch ankündigen würde….“, sagte Alexander. Ursula sah ihn überrascht an. „Sowas sagt DU? Wir waren uns doch beide einig, das….“ „Ja, natürlich. Ich konnte mich nicht um Jan-Joseph kümmern. Und Du..“ „Ich wollte nicht. Sprich es ruhig aus. Nein, in unserem Leben war kein Platz für ein Kind. Es wäre auch viel zu gefährlich gewesen. Kinder sind so unberechenbar . Und so fordernd.“ „Wir hätten ihn bei den Großeltern lassen können.“ „Du weißt genau, dass wir damit verwundbar geworden wären! Agenten dürfen keine Achillesferse haben. Und Jan-Joseph war eine.“

„Ob er das gespürt hat und deshalb zu nah an den Abgrund gekrochen ist?“ „Das ist doch Spekulation.Gut, dass Deine Leute den Vorfall unter den Teppich gekehrt haben. Ich hätte keine bohrenden Fragen tragen wollen.“

„Hättest Du nicht, Ursula. Nein. Aber warum nicht?“

„Gute Nacht, Alexander. Schaffst Du es allein ins Bett?“

Am nächsten Tag kam Boris wieder. Und am übernächsten. Immer wieder fragte er Ursula, ob sie keine Kinder hätten und warum nicht. Schließlich sagte sie ihm, dass sie einen anderen Pfleger haben wolle. Da saßen sie auf dem Balkon, alle drei. Es war ein lauer Frühlingsabend und Boris schlug vor, zum Abschied einen Prosecco zu trinken. Er war ihnen gar nicht böse, so schien es. Das freute Ursula. Ein Ärger weniger.

Als der Wein ihnen beiden bereits zu Kopf gestiegen war und sie sich schon nicht mehr bewegen konnten, setzte Boris sich vor sie hin und sagte: „Der Abgrund war nicht so steil. Einheimische nahmen mich auf und pflegten mich gesund. Sie konnten nicht verstehen, warum meine Mutter mich in den Tod gestürzt hatte. Mir war es lange egal. Aber dann wollte ich es wissen. Ob Du es bereust, Mutter. Jetzt weiß ich, Du tust es nicht. Siehst Du, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich bereue auch nichts.“

 

Wenn ich Dich suche.

Wenn der Schmerz verebbt, kann die Trauer aufsteigen.
Sie legt sich wie ein weiches Tuch um meinen Hals und riecht nach Dir.
Ich gehe ins Gästezimmer, diesen Raum, den Du nur als Gast bewohnen wolltest, und der Dich doch gefangen hielt, in Deinen letzten Jahren.

Ich suche Dich. Hinter geöffneten Schranktüren hängen Deine letzten Lieblingskleider. Ich vergrabe mein Gesicht zwischen den paar Röcken und Pullovern. Schlüpfe in die braune Teddyjacke, finde in der Tasche ein zerknülltes Tuch.

Aber hier bist nicht Du.

An der Stirnseite des Raumes hängst das Kreuz, vor dem ich schon als Kind gebetet habe, auf den Knien: „Bitte lieber Gott, bring meine Mamma bald zurück“. Hinter mir stand mein Vater, Whiskeyglas in der Hand, mehr Angst um Dich als ich.

Und dann höre ich Dich, dort, nur dort, wo ich Dich finden kann! In mir.

Alles ist gut so, wie es ist. Halt mich nicht fest, dann kann ich um Dich sein. Jetzt beginnt Deine Zeit. Genieße sie, so, wie ich meine Zeit genossen habe. Und dann unsere. Erinnere Dich gerne, sieh mich lachen, hör mich sprechen, singen. Aber weine nicht. das entspricht nicht dem Sinn der Zeiten. Es geht mir gut, Und Du sollst kein Mitleid haben, vor allem nicht mit Dir.

Stattdessen trinke die Minuten, tanz die Tage, lebe mir denen, die Dich lieben. Halte mich im Herzen, aber nicht mit Deinen Händen.

 

 

 

Wasser für alle.

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ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.

Jahreslosung 2018. Umsonst ist immer gut. Kaufst du für hundert Euro ein, bekommst du 20 Euro geschenkt, lockte eine Großhandelskette. Dass das „umsonst“ 80 Euro kostet, wird den Konsumenten nicht mal mehr bewusst. Was ist der Unterschied zwischen gratis und umsonst? lautet ein alter Witz. Antwort: ich bin gratis in die Schule gegangen und du umsonst.

Umsonst ist der Tod, und der kostet das Leben. Also ist umsonst gar nicht gut, oder? Die Flüchtlinge aus den Krisengebieten der Welt haben ihr Leben gleich mehrfach aufs Spiel gesetzt – umsonst. Denn einen sicheren Hafen finden sie hier nicht. Auch die Leute, die trotz mehrerer Jobs am Monatsende kaum ihre Familien ernähren können, die Alten, deren Rente grade mal zum Überleben reicht, die jungen Menschen ohne Schulabschluss und Bildungschance – sie alle haben umsonst gearbeitet, gewartet und gehofft. Natürlich ist das hier in Deutschland eine Minderheit. Die Mehrheit füllt die Supermärkte und ergeht sich, wie grade jetzt in der Zeit um Weihnachten und Neujahr, in wahren Einkaufsorgien. Klar, teuer können die wenigsten. Aber billig ist doch auch nur recht, oder? Das neue Handy, der Computer, Böller, Kleider, Reisen, Schmuck, die Delikatessen vom Discounter – kosta fast gar nix, also her damit. Ohne Rücksicht auf Ressourcen, Umwelt, Produktion. Und so ganz nebenbei wird auf diejenigen geschimpft, die mehr Geld haben. Die Reichen, die sich alles leisten können. Wenn schon die, dann auch wir! Ist doch eh alles schlecht und geht den Bach hinunter. Also beschleunigen wir die postulierte Talfahrt und konsumieren noch einmal so richtig.

Worum geht es den Nationalisten, wenn sie rufen“ wir zuerst?“ Nur um ihren ganz persönlichen Profit. Welche Kultur wollen sie erhalten? Die der Privatsender und Billigläden, die der Urlaubsflieger und der reservierten Handtücher auf Ferieninseln, deren Bewohner sie in den Ferien ausbeuten und, wenn sie ihnen hier begegnen, als Armutsmigranten anpöbeln – bestenfalls. Deutschland den Deutschen – diese Forderung ist tatsächlich umsonst. Und sie ist lächerlich, denn weder sind „die Deutschen“ heute als Spezies definierbar, noch waren sie es je. Aber das sind Spitzfindigkeiten, um die es gar nicht geht.

Ich will alles und sofort. Das ist die Kultur, die immer mehr Menschen bedroht sehen. Der einzige Stamm, unter dem „die Deutschen“, die sich um die Zukunft unseres Landes sorgen, subsumiert werden können, ist der Stamm „Nimm“. Tatsächlich finden sich in ihm Menschen verschiedenster Herkunftsländer, sei es im deutschen Osten – oder Westen, im Balkan, der Türkei oder Asien, vereint im fröhlich aggressiven Konsumismus. Der treibt vor allem zu Silvester laute Blüten.

Heute morgen lag ein toter Vogel auf meiner Terrasse. Ein sichtbares Raketenopfer. Die Sonne kämpfte sich durch dicke Rauchschwaden, die Tiere erholen sich nur mühsam, Haus- und Wildtiere. Für Flüchtlinge ist das Raketenfeuer ohnehin traumatisch, allzu sehr gleichen sich Kriegs- und Friedenszeichen. Allein mit dem in Deutschland für Silvesterböller ausgegebenen Geld könnten im Südsudan rund 2,4 Millionen Menschen ein Jahr lang gesundheitlich betreut werden. Südsudan! Da kommt ja nicht mal ein Liga-Fußballer her.

Und ganz ehrlich – wie mir die Metzereifachverkäuferin lächelnd über die Theke weg sagte, zum Thema: wenn ich auf meinen Böllerspaß verzichte, helfe ich damit niemandem, weil die anderen es ja auch nicht machen. Was kümmert uns die Dürre in Afrika? Wir können sie doch nicht lindern, also denken wir besser nicht daran.

Ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.

Umsonst? Nestlé und Monsanto sehen das anders. Sie wollen das Wasser privatisieren. Das bringt Geld. Zwar haben die Ärmsten der Armen nicht viel, aber sie sind so viele, dass selbst ein Cent von jedem viel Wasser auf die Mühlen der Konzerne ist – um das Bild zu strapazieren. Wenn die Durstigen dann in den Westen drängen, weil Konzerne ihnen das Wasser abgraben, wortwörtlich, ist uns das allerdings nicht recht.

Lebendiges Wasser. Umsonst. Das ist es, was wir brauchen. Tragfähige Lösungen für die Herausforderungen in der Welt. Nur so können wir unsere Probleme in den Griff bekommen. Die heraufbeschworenen, die tatsächlichen, die drohenden. Fremdenfeindlichkeit, Vereinsamung, immer mehr Armut und immer weniger Miteinander. Alles hängt mit allem zusammen. Wenn wir unseren Konsum nicht einschränken, wird die dritte, die vierte Welt immer ärmer. Wenn wir die Konflikte und Krisen weiter anheizen und gut daran verdienen, werden die Menschen von dort zu uns flüchten. Wenn wir unsere Umweltbelastungen nicht verringern, leiden nicht nur die weit entfernten Länder, sondern auch bei uns wird das Klima verrückt spielen. Und so weiter und so fort.

Was das alles mit lebendigem Wasser zu tun hat? Eine ganze Menge…..

AdventsKalender MiniKrimi vom 16. Dezember 2016

Heute ist die „Kacke am Dampfen“

Kein eigentliche MiniKrimi heute. Dafür gebe ich Euch einen Einblick in meinen ganz normalen kriminellen Pflegealltag…..nichts für Zartbesaitete, die können einen deftig-heftigen Mord wahrscheinlich besser vertragen.

Meine fast 92jährige demente Mutter hat der Infekt als letzte erwischt. Aber wenn es unterm Atem „brodelt“, steigt in der Familie die Angst vor einer Lungenentzündung. Und das vor Weihnachten! Also her mit den Antibiotika, sagt der Arzt. ER muss ja hier nicht Wache halten und die Nebenwirkungen beseitigen. Nach den ersten 1000mg wird der Atem deutlich leiser. Meiner nicht. Der geht immer schneller.

Denn in den letzten 4 Stunden habe ich 5 – ausgeschrieben FÜNF – mal megavolle Durchfallwindeln gewechselt. Eine alte Frau aus dem Bett in die Dusche geschleppt und gehoben, abgebraust, zurück ins – 3 mal frisch bezogene – Bett gepackt und daneben gewartet, bis das Laken wieder braun war.

Leute, die Frage, ob und wann und wie umfassend der nächste Shitstorm wird, ist dramatischer als jeder Thriller.

Deshalb hoffe, ich, dass ich morgen wieder einen kleinen feinen MiniKrimi schreiben kann. Und Ihr ihn lest, ohne die Nase rümpfen zu müssen. Gute Nacht….:!

 

 

WeiseN

Nicht nur Kindermund tut Wahrheit kund. Auch demente Menschen sagen oft Weisheiten und sehen die Welt aphoristisch.

„Die Welt ist sehr groß“, sagte meine Mutter heute im Gespräch mit der Logopädin. Und dann, auf die Bitte um eine Erklärung: „So groß, dass wir nicht wissen, was am Rand los ist“.