Adventskalender MiniKrimi vom 16. Dezember 2018

 

 

 

 

 

 

 

Letzte Ausfahrt Chemnitz (II)

Kurz vor München werden die Reisenden von einem sintflutartigen Gewitter überrascht. Binnen Minuten ist die Autobahn mit Hagelkörnern übersät, die Scheibenwischer kommen gegen den prasselnden Regen nicht an. Aber die beiden Frauen wollen nicht anhalten, sie haben es plötzlich eilig, weiterzukommen. Und dann müssen sie ja auch noch Alina absetzen. „Bist Du sicher, dass Du nicht mit zu uns kommen magst?“, fragt eine der Frauen aus weiblicher Solidarität heraus. Dabei wirft sie ihrer Freundin verstohlen einen gequälten Blick zu, der Alina dennoch nicht entgeht. „Nein, nein. Passt schon,“ sagt sie betont forsch. Und begeht damit den zweiten Fehler.

Das Auto ist alt und hat kein Navi, geschweige denn die Möglichkeit, ein Smartphone aufzuladen. Die Gegend des Treffpunkts ist allen drei Frauen gänzlich unbekannt. Irgendwo im Münchner Norden, halt. Der unaufhörlich niederprasselnde Regen tut ein übriges – sie irren umher, alle drei todmüde und angespannt. Schließlich hält es Alina nicht mehr aus. „Wenn wir die Straße in fünf Minuten noch nicht gefunden haben, lasst Ihr mich am besten raus. Weit kann es nicht mehr sein.“ „Kommt gar nicht in Frage,“ sagt die Fahrerin, Hoffnung in ihrer Stimme. „Wir müssen gleich da sein.“ Und richtig sehen sie durch den Regenschleier weiter vorne am Straßenrand undeutlich Leute stehen, die ganz offensichtlich warten. Ein Wagen fährt an ihnen vorbei, hält vorne an, ein Mensch beugt sich zum Beifahrerfenster, öffnet dann die Tür, steigt ein, und der Wagen fährt weiter. „Gottseidank“, murmelt die Freundin der Fahrerin.  Und sagt dann, schuldbewusst, „warte, ich helfe Dir noch mit dem Gepäck.“ Aber da ist Alina schon draußen, hat ihren Rucksack geschultert, ruft den beiden ein „Danke für alles!“ zu und ist schon nach wenigen Schritten im Regen verschwunden.

Langsam fahren die beiden weiter, vorbei an wartenden Frauen und Männern. Einige winken ihnen zu, eine springt ihnen sogar fast vor’s Auto, starrt sie an, ruft „Mensch Alte, verpisst euch“ und macht dazu eine eindeutige Handbewegung. „ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Treffpunkt ist,“ sagt die Fahrerin und: „meinst Du, wir sollen umdrehen?“ Aber da springt ein junger Mann auf sie zu und schlägt mit der Faust kräftig auf*s Autodach. Die beiden erschrecken und fahren davon.

Inzwischen ist Alina an den Reihen der Wartenden entlanggelaufen, begleitet von mürrischen Blicken und bösen Zurufen. Endlich fragt sie eine Frau in einem orangefarbenen Lackmantel: „Wo kann ich am besten auf die Mitfahrgelegenheit nach Chemnitz warten?“ Die Frau starrt sie kurz an, dann bellt sie statt eines Lachens und zeigt mit der brennenden Zigarette nach vorne. „Da an der Kurve. Wenn da einer anhält, kannste fragen, ob der dich nach Chemnitz fährt.“ „Jetzt, um diese Zeit?“ „Klar, jede Zeit ist gleich gut, hier, Kleine.“

Tatsächlich steht Alina noch gar nicht so lange, sie ist allerdings schon völlig durchnässt, als ein Wagen langsam auf sie zufährt. Eine dunkle, komfortabel aussehende Limousine. Sogar die Scheiben sind schwarz. Der Fahrer kurbelt das Fenster herunter und Alina fragt zögernd: „Entschuldigung, fahren Sie vielleicht nach Chemnitz? Eigentlich sollte ich erst um sechs abgeholt werden, aber wenn Sie den gleichen Weg haben?“ Der Fahrer mustert sie ausgiebig von oben bis unten. Dann sagt er bedächtig: „Nach Chemnitz? Na klar. Warum willst Du noch warten? Mit mir ist es bestimmt tausendmal besser.“ 

Alina steigt ein. 

Erst einen Monat später wird in einem kleinen Wäldchen unweit des Straßenstrichs an der Ingolstädter Straße eine weibliche Leiche gefunden. Den Verletzungen nach zu urteilen stammt der Mörder aus dem SM-Milieu. „Wir warnen die Prostituierten davor, sich in der SM-Kurve aufzustellen, aber leider werden unsere Warnungen offensichtlich immer wieder missachtet,“ so der Polizeisprecher auf Anfrage. 

Adventskalender MiniKrimi vom 15. Dezember 2018

 

 

 

 

 

 

 

Ein Großstadt-Krimi von/mit meiner Autorenkollegin Lydia Heck.

Alles Bio, oder was?

Das Haus in der Minervastraße 89a ist die von einem hochdekorierten und entsprechend gut bezahlen Architekten entworfene Antwort auf das Problem der Flächenversiegelung in München.  Der dringend benötigte Wohnraum muss in die Höhe gebaut werden! 6 Stockwerke mindestens! Allerdings kollidierte dieser Plan mit dem in der Stadt ebenfalls existierenden Hochhausverbot im Innenstadtbereich.

Genau diese Lage aber sollte das Projekt Minervastraße 89 für eine exklusive Käufer-Klientel attraktiv machen.  Die Lösung des Dilemmas:  eine Wohnlage nicht ganz in der Innenstadt, dafür aber eingebettet in einen parkähnlichen Garten, umfriedet mit einer mannshohen Mauer und ausschließlich den Bewohnerinnen und Bewohnern zugänglich.  Als I-Tüpfelchen war im letzten Jahr noch ein großer Naturschwimmteich hinzugekommen, in und an dem die Bewohner der Hausnummer 89a den Jahrhundertsommer gerne und ausgiebig  gefeiert hatten.

Dies alles musste natürlich den Neid der Anwohner hervorrufen. Sie wandten sich an die Stadt, sie wandten sich an das Land. Und fanden, kurz vor der Landtagswahl, schließlich Gehör.  Und so flatterte den Eigentümern in der Minervastraße eines Tages ein hoch offizielles Schreiben in den Briefkasten mit der Mitteilung, sie hätten einen Großteil ihres schönen Gartens gegen eine Entschädigung  an die Stadt abzutreten.  Auf diesem Grund sollte, sozusagen als Gegenmaßnahme zur in vielen Stadtvierteln erfolgten Gentrifizierung,  eine Siedlung mit Sozialwohnungen entstehen.

Die Minervastraße stand Kopf. Natürlich hatte niemand etwas gegen  gegen soziale Randgruppen.  Im Gegenteil,  jetzt kurz vor Weihnachten spendete man großzügig.  Aber die Vorstellung,  diese Menschen bald direkt vor der eigenen Haustür, im eigenen Garten zu haben – nein, das ging dann doch zu weit.

Auf einer kurzfristig einberufenen Eigentümerversammlung entstand der rettende Plan: Naturschutzgebiet.  Der Garten musste zum Naturschutzgebiet erklärt werden.  Das hatte schon des öfteren in München funktioniert. Man einigte sich auf eine vom Aussterben bedrohte Tierart, den Feuersalamander.  Er sollte in einer mondlosen Nacht in der Minervastraße ausgesetzt werden.

Zur Umsetzung des Planes kam es jedoch nicht.  Am darauffolgenden Mittag durchschnitt ein gellender Schrei die Ruhe des Münchener Vorortes. Katharina,  die Mutter der fünfjährigen Leni, sah fassungslos aus dem vierten Stock hinunter zum Badeteich, wo der leblose Körper ihrer einzigen Tochter leise auf dem vom Dezemberwind gekräuselten Wasser schaukelte.

Die Obduktion des Kindes ergab Atemstillstand nach Kontakt mit dem Gift einer Gelbbauchunke. Das giftige Hautsekret ruft in der Regel keine größeren Schäden hervor. Empfindliche Personen oder kleine Kinder können allerdings stärker reagieren. Das geschwächte Immunsystem der kleinen Leni, die gerade von einer Grippe genesen war,  hatte der Unke nichts entgegenzusetzen gehabt. Wie der Feuersalamander auch, ist die Gelbbauchunke ein Lurch, der in Deutschland vom Aussterben bedroht ist. Sie bevorzugt Lebensräume mit Teichen und Tümpeln. Damit war das Problem gelöst. Aus dem Badeteich wurde auf sofortigen Beschluss der unteren Naturschutzbehörde ein Biotop.  Die drei Gelbbauchunken im Garten sorgten dafür,  dass alles so blieb,  wie es war.

Dafür spendeten die Hausbewohner in diesem Advent deutlich mehr als in den vergangenen Jahren.

Adventskalender MiniKrimi vom 13. Dezember 2018

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Drum prüfe, wer sich ewig bindet….

Es gibt wohl kaum ein Paar in der Minervastraße 89, über das so viel geredet wird wie über Salomé und Freddi Schlicht. Das liegt natürlich zum Teil daran, dass sie die mit Abstand teuerste Wohnung im Haus gekauft haben – sie erstreckt sich über 2 komplette Etagen mit vier über Treppen verbundenen Terrassen. Das heißt, Salomé hat sie gekauft und, so will es die Hauslegende, auch noch bar bezahlt. Das allein ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Gerüchteküche, und die brodelt, glauben Sie mir, in noblen Quartieren genauso wie in  sozialen Brennpunkt. 

Es ist aber noch ein anderer Umstand, der Salomé und Freddie zu begehrten Klatschobjekten macht, und das ist ihr beträchtlicher Altersunterschied. Salomé sieht aus wie eine gut erhaltene Fünfzigjährige, aber tatsächlich ist sie weit über 60. Freddie hingegen ist grade mal Ende zwanzig. Muskulös, durchtrainiert, knackig. Wenn man bedenkt dass die beiden schon 2 Jahre verheiratet sind, fragt man sich natürlich unwillkürlich…… warum?

Dazu müssen Sie wissen – und dieses Geheimnis kennt in der Minvervastraße 89 niemand – , dass Salomé ihren durchaus beträchtlichen Reichtum mit einer Reihe von Bordellen erworben hat. Sie hat mit knapp 17 selbst als Bordsteinschwalbe angefangen und sich dann zielstrebig nach oben gearbeitet, gespart, gekauft, gemanagt, protegiert. Junge Mädchen, junge Männer. Und hat immer mal wieder einen jungen Menschen gerettet, vor dem Absturz in die Drogen oder in die Kriminalität. In ihren Etablissements waren alle Angestellten clean.

Freddie wäre heute ohne Salomé entweder tot oder im Gefängnis. Aber es gibt Tage, da ist er nicht sicher, worin sich der goldene Käfig, in dem er hier lebt, vom einem Strafgefängnis unterscheidet. Denn Salomé lässt ihn jeden Tag spüren, dass sie für seine Rettung Dankbarkeit erwartet – und unbedingten Gehorsam. Tag und Nacht…….

Vom Frühstück am Morgen über ausgiebige Massagen am Nachmittag bis zum frisch zubereiteten Abendessen reichen Freddies Pflichten. Tagein tagaus. Zu seinem Glück ist er ein kreativer und passionierter Koch, so dass ihm zumindest diese Pflicht auch Vergnügen bereitet.  Was Salomé dazu bewogen hat, ihm in einem großzügigen Moment einen Kurs „Kundalini kochen“ bei dem Sternekoch und Shootingstar der exotischen Küche, An Lee, zu schenken. Seitdem lodert in Freddie die Leidenschaft. Wofür auch immer….

Heute  soll es endlich soweit sein. Freddie wagt sich an An Lees kunstvollste Kreation. Er hat den Esstisch besonders liebevoll dekoriert, Lotusblüten, schwimmende Kerzen und Räucherstäbchen verzaubern die Wohnung. Er zelebriert das Essen wie einen Tanz und reicht Salomé jede Schale mit einer tiefen Verbeugung. Sie lächelt aus kohlschwarzen Augen. Er lächelt zurück. Sie essen. „Die Erdnüsse hast Du aber weggelassen, mein Liebling?“ „Natürlich, Salomé, ich will Dich doch nicht vergiften!“ Er folgt jeder Bewegung, mit der sie den Löffel zum Munde führt. Folgt ihr so lange, bis sich sein Magen verkrampft, bis er sich am Boden krümmt und schließlich reglos liegen bleibt.

Arsenvergiftung, stellt der Pathologe fest. Salomé scheidet als Täterin aus, denn beide haben genau das gleiche gegessen, wie die Überwachungskamera („Die läuft eigentlich nur nachts, Freddie muss vergessen haben, sie auszuschalten“)  eindeutig beweist. Und ihr geht es gut, abgesehen von ein paar unangenehmen Auswirkungen einer leichten Erdnussintoleranz (Seit Freddie seine Liebe für’s Exotische entdeckt hat, hat sich Salomé in aller Stille einer intensiven Desensibilisierung unterzogen. Sicher ist sicher).

Als die Polizei der Gründlichkeit halber die Wohnung durchsucht, fehlt in Salomés Bibliothek Dorothy Sayers Beststeller „Strong Poison“. Sicher ist eben sicher.

Adventskalender Minikrimi vom 10. Dezember 2018

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Heute wieder ein Schmankerl der besonderen Art: Ein Kurzkrimi meiner Autoren-Kollegin Heide-Marie Lauterer! Nicht nur für Vegetarier……Wohl bekomm’s. P.S. Ihr neuer Roman Das blaue Album ist jetzt erschienen und
beim Rungholt Verlag oder als E-Book erhältlich.
 

Wenn der Gang zum Metzger zum Survivaltraining wird

Der Metzger mit seinem wilden Blick und seinen wirren Haaren und den hochgekrempelten Ärmeln seiner blauweiß gestreiften Metzgerjacke – wenn es kalt ist, wird geschlachtet. Wir nehmen vom Schwein zwei Bratwürste und natürlich Senf aus Dijon. Die Würste gleichen seinen Fingern, lang, fest und grobgehackt.

Es sind die Finger, die den Bolzenschuss gelöst und das Messer an die Halsschlagader gesetzt haben. Der Metzger kennt hier jedes Schwein, er macht alles selbst, von Anfang an.

Er weiß wovon er spricht, wenn er uns einen schönen Nachmittag wünscht.

Der MiniKrimi Adventskalender 2018

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Hattet Ihr gedacht, heuer gäbe es keinen? Falsch! Heute Abend geht’s los! Und zwar erlebt Ihr diesmal auf mariebastide.de ein „Mords Haus“ – 24 Blicke hinter ganz normale Türen….

Ihr dürft gespannt sein, was sich einem Mietshaus mitten in München so alles abspielt…..

 

Adventskalender-MiniKrimi am 9. Dezember

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Blut ist ein ganz besonderer Saft

„Ein Mord. Ein Mord. Ich brauche einen MORD!“ Agathe stand von ihrem Schreibtisch auf und begann, mit ungeduldigen Schritten die Länge des Raumes zu durchschreiten. Von wegen heiter, dachte sie. Hesse hatte gut reden. Jeden Tag ein Mord. Wie soll das gehen? „Hermann? HERRMANN!“ rief sie, und dann gleich noch einmal: „HERRMANN!“

„Agathe Schatz, was ist denn? Ich war grade dabei…“

„Ist mir egal. Ich brauche dich jetzt. Hier. Sofort!“

„Bin gleich da, mein Schatz.“ Und dann stand er auch schon in der Tür, hemdsärmelig, mit blutroten Händen, das Bunka Hocho in der rechten, eine tropfende rote Beete in der linken Hand. „Das war jetzt sehr ungünstig.“

„Was wird das, wenn’s fertig ist?“, fragte Agathe in barschem Ton.

„Barszcz. Hattest du dir doch gewünscht, gestern.“

„Gestern! Was weiß ich, was ich mir gestern gewünscht habe! Jetzt brauche ich deine Hilfe. Ich habe nur noch zwei Stunden Zeit, und mir fällt kein gescheiter Mord ein!“

„Agathe,Schatz. Dann setzt du heute eben mal aus! Das ist doch nur ein alberner Wettstreit. Was passiert, wenn du heute bis 20 Uhr keinen Mord ablieferst? Die Welt geht davon bestimmt nicht unter!“

„Aber natürlich! MEINE Welt! Meine Reputation! Soll ich mich etwa von Rupert Rosen besiegen lassen? Ausgerechnet von DEM? Niemals. Ich habe eine Idee. Stell dich mal hier auf den Stuhl. Und dann legst du dir die Gardinenschnur um den Hals, und ich nehme das Ende in die Hand und gehe Richtung Tür, und dann…“

„Agathe, es reicht. Seit einer Woche probierst du an mir die verschiedensten Tötungsarten aus. Hier“, er zeigt auf den blauen Fleck an seiner Stirn, „hast du dich in den Apfelbaum gesetzt und versucht, mich  mit einem Ast zu erschlagen, während ich darunter vorbeilief. Zehn Mal hast du es versucht! Und hier,“ er streckt ihr anklagend den linken Arm entgegen, um sein Handgelenk windet sich ein Band aus roten Striemen. „Hier wolltest du ausprobieren, ob es dir gelingt, mir mit einem Frühstücksmesserchen die Pulsader aufzusägen.“

„Ja, das war leider ein sehr kläglicher Mordversuch.  Meiner absolut unwürdig. Aber heute versuchen wir es mit einer Kombination aus….“

„Heute versuchen wir gar nichts mehr. Ich gehe jetzt zurück in meine Küche und koche Barszcz.“ Damit dreht Herrmann sich um und geht zur Tür. Aber Agathe ist schneller. „Halt, hiergblieben!“, ruft sie und zerrt an seinem Ärmel. So heftig, dass sein Arm ihr entgegenschnellt. Das Bunka Hocho in seiner Hand zerteilt Agathes Brust so leicht wie die Rote Beete. Blut und Saft vermischen sich. Ungläubig starrt sie ihn an, sinkt in Zeitlupe zu Boden und flüstert: „Genial! Das ich darauf nicht selbst gekommen bin! Wenn Rupert das mitkriegt! Jetzt….habe…………..ich…………… ge…….won…ge…..wonnen“, gurgelt sie noch.

„Gratuliere, Schatz“, sagt Herrmann mechanisch. Dann widmet er sich wieder seiner Suppe. Ungestört.

 

Der Adventskalender-MiniKrimi am 4. Dezember

Immer die Falsche. Oder: Wann treffen wir zwei wieder zusamm? 

Er ist nicht für’s Alleinsein geschaffen. Dass er es immer wieder ist, liegt nicht an ihm. Er fliegt einfach immer auf die falschen Frauen. Die erste große Liebe – er hätte ihr die Sterne vom Himmel geholt, aber sie begnügte sich mit ein paar gehäufelten Isarkieseln, die ihr ein windiger Künstler am Flussufer aufstapelte. Seine Ehefrau – auf Händen hatte er sie getragen. Ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Das Parfum aus dem Youtube-Channel. Die Designer-Kollektion von Lidl. Die Pauschalreise nach Malle. Und dann sogar die 2 Wochen Cuba all inclusive. Es hat alles nichts genützt. Als ihr ein Kunde mit dem Geld für Latte Macchiato und Croissant ein Flugticket nach Dubai auf den Tresen gelegt hat, ist sie einfach ausgezogen. Hat ihn sitzenlassen. Im Einfamilienreihenhaus mit der Ikeacouch, der Cewe-Fotobuchsammlung. Und nicht nur ihn, auch die Mädchen. Einfach sitzengelassen mit ihren pinkfarbenen Barbieschlössern, den Plastikeinhörnern und einem Schrank voller T-Shirts und Leggins.

Es ist nicht leicht gewesen. Er hat viel arbeiten müssen, um seinen Töchtern jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Die Holzofen-Salamipizza, das von den GNTM-Stars empfohlene Shampoo, die kussfeste Wimperntusche und der wasserfeste Lippenstift. Oder so. Am schlimmsten war ihr Undank. Er reißt sich den A…. auf, um ihnen alles zu kaufen, und sie beschweren sich, dass er erst um 18 Uhr nach Hause kommt und zum Abendessen Wurstbrote hinstellt.

Aber jetzt wird alles anders. Mit Chantal hat er die Richtige gefunden. Endlich! Wie sie sich gefreut hat, als er ihr den Gebrauchtwagen vor die Tür gestellt hat. Einfach so. Wie sie sich für ihn zurechtmacht, jeden Abend. Liebevoll Käse und Brot auf den Küchentisch stellt, für ihn. Gut. die Mädchen kommen mit ihr noch nicht klar. Und sie nicht mit ihnen. Sie will ihn am liebsten ganz für sich allein. Das gefällt ihm! Wie lange hat er dieses Gefühl vermisst, begehrt zu werden, nicht einfach nur gebraucht.

Deshalb kann und will er jetzt keine Kompromisse machen. Will sich ganz auf Chantal einstellen und ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen, bevor er noch darin zu sehen ist!

„Die ist voll oberflächlich“, sagt Jule. „Und wir sind ihr komplett egal.“ „Was erwartest Du? Papa ist auch komplett oberflächlich. Und wir sind ihm mehr als egal. Wann hat er das letzte Mal richtig für uns gekocht? Oder abends ein Spiel gespielt?“ „Ne, aber er hat uns immer das Shampoo gekauft, das grade in der Fernsehwerbung lief.“

„Genau. Wenn’s nach mir ginge, könnte er das dämliche Shampoo zum Kloputzen nehmen.“ „Oder umgekehrt.“

Und die Freundin, die das Bad betritt um die siebente Stund? Ei, die litt mit.

Chantal verließ ihn ohne Haare. Die waren dem mit WC-Reiniger versetzten Shampoo zum Opfer gefallen. Ansonsten nahm sie alles mit. Den Wagen, die Couch und die Barbieschlösser. Dafür verzichtete sie auf eine Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gegen die Mädchen. Die kriegen zur Strafe kein Shampoo mehr gekauft. Und müssen abends für den Vater kochen, bevor er am Küchentisch mit ihnen die Hausaufgaben durchgeht.

Er nennt es eine Mordsstrafe. Sie finden es cool. Eingentlich.