Bei Anruf Schock


Heute ist wieder so ein Tag. Gestern auf FB und Twitter Hiobsbotschaften verschiedener Bekannter gelesen. Ich frage mich, womit ich verdient habe, wenn es mir gut geht? Und wie lange noch? Prompt bekomme ich Kopfschmerzen. Tumor? Metastasen? Oder doch der Heuschnupfen?

Ich nehme ein Medikament gegen die Allergie und warte darauf, dass die Wirkung einsetzt. Da klingelt das Telefon (komisch, wir sind in unserer Sprache so digitalisiert, haben wir für alle technischen Funktionen moderne Namen. Aber das Telefon klingelt nach wie vor. Auch, wenn es eigentlich singt, bellt oder ein ganzes Orchester auffährt. Das Smartphone übriges auch).

Das Telefon klingelt, und ich registriere mit Unbehagen die Meldung „Unbekannt“ auf dem Display. Ich mag keine Heimlichtuereien. In diesem Fall bestätigt sich mein Gefühl. Ein Mann meldet sich mit einem Wortschwall im Staccato-Ton, aus dem ich nur die Worte „Polizei“ und den Namen meines Mitbewohners herausfiltern kann. Ich frage nach, als Antwort nur die Gegenfrage, ob ich Herr XX sei. „Ich habe doch eine Frauenstimme“; will ich sagen. Erkläre dann aber – warum nur? – dass Herr XX nicht da sei. Darauf wieder das Staccatobellen mit den verständlichen Satzbrocken alte Dame, Überfall, nahe unserer Straße. Herr XX solle als Zeuge befragt werden. Und dann, aggressiv; „Wer sind Sie?“

Meine Liebe zur Polizei ist hinreichend bekannt. Ich werde langsam wütend. Gleichzeitig weiß ich: der Anrufer ist mitnichten ein Polizist. Als ich ihm sage, dass ich ihn kaum verstehe, brüllt er: „Sie sie schwerhörig?“ Ich bitte einmal, zweimal, dreimal, er solle mir die Nummer seiner Dienststelle geben, ich würde zurückrufen.

Als Antwort wieder nur ein Schwall unverständlicher Worte, zugleich mit einem Rauschen. Wo immer er stehen mag, er hat schlechten Empfang.

Mitten in seinem Reden lege ich auf. Frag mich: was sollte das? Bin ich jetzt in Gefahr?

Ich rufe unsere Polizeidienststelle an. Muss lange in der Leitung warten. „Sie sind ungefähr die Tausendste, die heute deshalb anruft. Die ziehen grade wieder einen üblen Rentner-Trick durch. Aber ich schicke Ihnen eine Streife vorbei, damit wir eine Strafanzeige ausfüllen können.“ Der Beamte scheint froh zu sein, in mir eine valide Zeugin zu haben. Eine, die noch gut hören und klar denken kann.

Ich bin eigentlich gar nicht zuhause. Ich muss arbeiten, und mittags dann zum Sport. Ich bin nämlich keine Rentnerin. Auch, wenn ich un halb elf noch ans Telefon gehe. Weil ich Freelaancerin bin.

Seitdem spiele ich unterschiedlichste Antwort-Szenarien mit dem unbekannten Anrufer durch. Immer mit mir als Heldin, die den Anrufer blamiert, verunsichert, erschreckt, zum Weinen bringt. Mindestens. Was mich am meisten schockt: Der hat mich offensichtlich für eine RENTNERIN gehalten.

Adventskalender Minikrimi am 23. Dezember


Unschuld

Bernadette verstand die Welt nicht mehr. Eigentlich schon seit langem. Es passierten immer wieder Dinge, die ihr  völlig unerklärlich waren. Ihre Handtasche wurde gestohlen. Später fand ihr Sohn sie zwischen den Schuhen. Oder ihr Mann war plötzlich verschwunden. Stattdessen saß ein Fremder neben ihr und wollte das Abendbrot mit ihr teilen. Später war ihr Mann wieder da und behauptete. er sei nie weg gewesen. 


Aber jetzt war alles noch viel schlimmer.Jemand hatte sich als ihr Sohn ausgegeben und sie gekidnappt. Nun saß sie in einem fremden Haus, mit Unbekannten, und sollte angeblich solange dort bleiben, bis ihr Mann aus dem Krankenhaus wiederkam. Als ob Alfons jemals krank gewesen wäre. Vielleicht war er mit einer anderen Frau in Urlaub gefahren? Na warte, dachte Bernadette, und die Eifersucht brannte in ihr. Alfons und sie waren seit ihrer Schulzeit zusammen. Er hatte immer nur Augen für sie gehabt. Und nun? Der alte Stech hatte sich wahrscheinlich ein junges Ding angelacht. Krankenhaus! Wie lächerlich.

Und damit sie ihm nicht auf die Schliche kommen konnte, hatte Alfons Leute angeheuert, die sie überwachen und einsperren sollten. Ohhhh – ohnmächtig vor Wut schlug Bernadette mit der Faust gegen die Tür. 

Eine Frau kam ins Zimmer. „Bernadette, was kann ich für dich tun? Möchtest du etwas trinken? Ein Glas Wein vielleicht? Komm doch rüber ins Wohnzimmer. und wir schauen zusammen fern.“

„Du bist nett – wer bist du`“ „Ich bin Isa, deine Schwiegertochter. Ich kümmere mich um dich (und das ist nicht lustig“ – ergänzte Isa in Gedanken. Denn die Betreuung einer Demenzkranken war alles andere als leicht. Und immens zeitaufwändig).“ Ach ja, Isa. So seltsam das Leben rund um Bernadette herum geworden war, mit der Zeit fasste sie Vertrauen zu Isa. Sie war immer freundlich, warf ihr nie vor, dies oder das vergessen zu haben. Sie half ihr beim Anziehen und wusch ihr die Haare. Isa war nett. Netter als der Mann, der sich als ihr Sohn ausgab.

Deshalb war Bernadette ehrlich betroffen, als sie ihre Schwiegertochter eines Morgens weinend am Küchentisch fand. Bernadette konnte gut zuhören. Oder so erscheinen, als höre sie zu. Tatsächlich war es ihr möglich, stundenlang still dazusitzen, den Blick in die Ferne gerichtet. Nach einer ganzen Weile brach es aus Isa heraus: ihr Mann, Bernadettes Sohn, hatte eine Geliebte.

„Er auch!“ rief Beradette, die genau verstanden hatte, was Isa gesagt hatte. „Naja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“. „Wieso?“ fragte Isa. Und Bernadette erklärte ihr, dass Alfons natürlich nicht im Krankenhaus war, sondern sich mit seiner jungen Geliebten im Urlaub befand.

Isa hörte fasziniert zu. Ihre Tränen versiegten. Statt, wie sonst, zu versuchen, Bernadette von ihrer fixen Idee abzulenken, hakte sie nach. Wie diese Geliebte denn aussähe. Wie alt sie sei. Und was Bernadette zu tun gedenke. Bernadette wusste zwar nichts über Alter und Aussehen ihrer Rivalin, aber dass sie sie mit der Walter PPK ihres Mannes, die sie zufällig in ihrer Handtasche gefunden hatte, erschießen würde, das war ihr klar. 

Am nächsten Tag erhielten Isa und ihr Mann einen Anruf aus der Klinik. Alfons sollte am nächsten Montag entlassen werden. Am Sonntag Nachmittag klingelte eine junge blonde Frau an der Tür. Sie hatte eine Mitteilung von Isa erhalten. Sie wollte sich mit ihr über Richard unterhalten, sie würde nicht sonderlich an ihm hängen, knüpfte an eine Trennung jedoch eine Bedingung. Darüber, so hatte sie geschrieben, wollte sie mit ihr sprechen.

Aber es war nicht Isa, die die Tür öffnete, sondern Bernadette. Isa war kreidebleich zu ihr ins Zimmer gestürzt und hatte gerufen: „Da steht eine junge Frau vor der Tür. Meinst Du, das ist Alfons Freundin?“ 

Bernadette war wortlos aus dem Zimmer gestürmt, mit der Handtasche am Arm. Sie ließ die junge Frau nicht zu Wort kommen, Der Schuss, den sie aus nächster Nähe abfeuerte, war natürlich tödlich.

Statt eine Haftstrafe zu verbüßen, wurde Bernadette in die beschützende Abteilung eines Bezirkskrankenhauses eingewesen. Als Demenzkranke war sie nicht schuldfähig. 

Alfons besuchte sie jeden Tag. Und kam auch jetzt nicht auf den Gedanken, eine andere Frau anzuschauen. Richard war durch die Ermordung seines Seitensprungs durch seine Mutter geläutert und betrog Isa nie wieder. 

Adventskalender Minikrimi am 19. Dezember


Foto: Polarnacht

Heute noch ein Krimi von meiner Autorenkollegin Mona Moldovan. Sie reist regelmäßig in den hohen Norden. Das Foto ist von ihr. Danke, liebe Mona.

Nordlichter

1.
Ich wache leicht verkatert auf, habe gestern den letzten Rest „Linie“ Aquavit getrunken. Die Flasche habe ich aus Deutschland mitgebracht und sie für ganz besondere Notsituationen aufbewahrt. Wie absurd: Der Inhalt wurde hier in Norwegen hergestellt, zweimal über die „Linie“ (Äquator) verschifft (das soll den besonderen Geschmack verleihen), dann exportiert, dann nach Süddeutschland geliefert, und schließlich in meinem Gepäck über Oslo nach Tromsø und mit dem Schneemobil hierher transportiert, ins Nirgendwo. So eine Flasche bewahrt man für besondere Fälle auf. Gestern war es soweit. Zum Glück ist sie heute leer, weil Alkohol nicht beim Denken hilft; zumindest mir nicht, und ich muss verdammt nochmal denken. Nicht, dass es eilt; bis es taut, wird es Mai. 

Aber gerade das ist auch mein Problem: die Erde und alle Seen, die ganze Welt um mich herum: alles weiß und hart und tiefgefroren. Die Leiche auch. Daher muss ich nachdenken: wie werde ich sie los, sodass niemand sie jemals findet. Wie werde ich ihn los. Wären wir weiter südlich, hätte ich mehr Ideen. Norwegen hat sehr tiefe Fjorde und nicht alle frieren in Winter zu, die wenigsten eigentlich. Näher am Atlantik hätte ich auch keine großen Probleme damit. Aber hier in diese weiße Wüste wird es ungleich schwieriger. Bei minus zwanzig Grad ist es einfach unmöglich, ein Loch zu graben, um einen erwachsenen Mann darin zu beerdigen. Auch, wenn er in den letzten Jahren etwas geschrumpft und abgemagert ist. Ihn in einem See zu versenken kann ich auch vergessen. Ich weiß nicht, wie dick das Eis ist, aber egal ob dreißig Zentimeter oder drei Meter. Es ist auf jeden Fall zu dick. 

2.
Diese verdammte Einsamkeit. Ich habe immer mit der Illusion gelebt, dass es mir nichts ausmacht, alleine zu bleiben. Dass die Einsamkeit sich hier genauso anfühlt wie in den letzten Jahren, wie im Rest der Welt. Aber hier ist sie noch härter, rauer und jetzt absolut endgültig. Ichdenke darüber nach, wie es dazu kam, eigentlich ist es keine komplizierte Geschichte. Die Jahre sind gekommen und gegangen. Wir hatten uns immer weniger zu sagen, und die Liebe ist versickert, das Ende nah, aber nie zum Greifen. Wir teilten eine Wohnung, aber waren irgendwie nie am selben Ort zusammen; wir teilten Erinnerungen, aber nicht mehr die Gegenwart und schon gar keine Pläne für die Zukunft. Die Stille war so laut, dass ich auf die Idee kam, uns für den Winter eine Hütte in Lappland zu mieten, um, weit abseits von Zivilisation, Internet und anderen Ablenkungen, endlich ehrlich miteinander zu sein. Das ist dann leider gründlich misslungen. Oder vielleicht ist es auch gründlich gelungen: Jedenfalls waren wir irgendwann viel zu ehrlich miteinander. Ein Wort ergab das anderen, und irgendwann habe ich mich dann vergessen. Oder gehenlassen? „Provoziere nie eine Frau, wenn sie ein Messer in der Hand hält“, habe ich früher oft gescherzt, ohne zu ahnen, dass daraus irgendwann bitterer Ernst werden würde. Es ist so leicht und ging so schnell. Ein Stich – und dann Stille. Für immer. Ich bin nicht wirklich allein. Sein Körper ist ja noch hier. Aber irgendwie fühle ich mich plötzlich verlassen. Einsam.

3.
Der Wintersturm hat viele Stunden heftig gewütet, aber nun ist es ruhig geworden. Am Vormittag versucht die Sonne, hinter dem Horizont aufzusteigen. Sie schafft es nicht, es ist Polarnacht. Die wenigen Stunden, bis sie aufgibt, sieht der Himmel in allen Nuancen von Pink und Orange wie gemalt aus. Auf einmal weiß ich, was ich tun werde. Es ist ziemlich schwer, aber irgendwie schaffe ich, die Leiche auf dem Schneemobil festzubinden. Ich habe vor, ganz weit zu fahren und ihn irgendwo abzulegen, wo es schön ist und weiß und wo niemand je hinkommen wird. Vielleicht. Hoffentlich. 

Als ich losfahre, ist es schon wieder dunkel. Ich bin bereits lange unterwegs und beginne zu frieren, als ich merke, dass mein GPS nicht mehr funktioniert. Der Akku ist leer oder einfach eingefroren. Der Sturm hat die Wege verschüttet. Die Spuren meines Schneemobils verschwinden in der glänzenden Wüste und ich weiß nun, dass ich die Orientierung endgültig verloren habe. Aber das macht mir keine Angst. Ich fahre lange, ohne Ziel und ohne die Zeit zu beachten, bis mein Sprit fast alle ist, dann halte auf einer Lichtung, oder vielleicht auf einem gefrorenen See, wer weiß das schon. Die Nacht glänzt und funkelt magisch im Sternenlicht. 

Und dann sehe ich die ersten grünen Strahlen am Himmel. Zunächst schwach, wie die Finger einer Zauberfee. Dann eine hellere Flamme, die schnell verschwindet, bevor die nächste erscheint. Bald brennt der gesamte Himmel: tanzende, kalte, atemberaubende Nordlichter überall. Die Luft fühlt sich klar an und hart. Ich bin so müde. 

Es ist so wunderschön.

4.
Als eine raue Hundezunge über mein Gesicht leckt, wehre ich mich fast gegen die Stimmen, die mich ins Leben zurückrufen. In die Verantwortung. 

Adventskalender Minikrimi am 17. Dezember


Foto: Bessi

Da ich momentan fast jeden Abend beruflich unterwegs bin, bin ich Birgit Schiche SEHR dankbar dafür, dass sie ihre minikriminalistische Ader entdeckt hat! Obwohl ich mit dem Mord an der süßen Katze nicht einverstanden bin….

Nachts sind alle Katzen grau

Die Nacht war vorbei, aber die Dunkelheit klebte noch am Morgen und wollte nicht weichen. Wie es eben so ist in den längsten Nächten des Jahres. Sie ließ sich davon nicht beirren und schlich vorsichtig, ganz vorsichtig durch das tote Laub, damit kein Rascheln sie verriet. Ihr Opfer ließ sie dabei nicht aus den Augen. Still verharrte sie und wartete auf den richtigen Moment. Ihr Opfer war völlig ahnungslos, doch Mitgefühl kannte sie nicht. Ein schneller Sprung, ein Biss, der Tod. 

Millie war eine gute Jägerin. Die getigerte Samtpfote brachte ihrem Herrchen immer wieder Beutetiere als Geschenk mit und legte sie ihm auf die Fußmatte vor der Terrassentür. Auch heute lief sie zufrieden mit der erbeuteten Kohlmeise zurück zu ihrem Zuhause.

„Verdammtes Katzenvieh!“, dachte Cora, die die Szene beobachtet hatte – nicht zum ersten Mal. Sie liebte die Natur und die kleinen Vögel und Eichhörnchen, die sie ganzjährig im hinteren Bereich ihres kleinen Gartens fütterte. Aber so sehr sie die Wildtiere liebte, so sehr hasste sie die Katze ihres Nachbarn, die eine ständige Bedrohung für die Kleintiere war. „Warum kann der Idiot seine Katze nicht einfach im Haus behalten“, schimpfte Cora, „Oder ganz abschaffen – das wäre das Beste!“ 

In ihr reifte eine Idee und für einen Moment lang sah ihre Mimik genauso aus wie vorher die der Katze nach einer erfolgreichen Jagd.

Robert liebte seine Millie, nur auf ihre Liebesgaben in Form toter Tiere hätte er gern verzichtet. Doch das gehört zur Natur der Katzen nun mal dazu, und die Samtpfoten trugen durch ihre Jagderfolge schließlich dazu bei, ein gesundes Gleichgewicht in der Natur zu erhalten, erbeuteten sie doch meistens schwache oder kranke Tiere. Und Millie war die liebste, klügste Katze überhaupt, man musste sie einfach gern haben. Robert dachte so wie jeder Haustierbesitzer und wie jedes Haustier es von seinem Herrchen bzw. Frauchen verdient hat.

Am nächsten Morgen lag keine Liebesgabe vor Roberts Terrassentür, und bis zum Mittag war auch Millie nicht aufgetaucht. Robert machte sich Sorgen. Am Abend fragte er überall in der Nachbarschaft herum, vergeblich. Am nächsten Tag lag seine Katze dann auf der Fußmatte. Tot, ganz steif, und mit Milchspuren rund um das Mäulchen. „Millie, nein!“, ihr Tod traf ihn tief und er weinte lange, bevor er sie in ein schönes Tuch wickelte und hinten im Garten begrub. Jemand hatte Millie vergiftet, das war klar. Und dafür kam auch nur eine in Frage, die immer schon gegen Katzen geschimpft, ja geradezu intrigiert hatte. Die Wut weckte seine Lebensgeister wieder. Damit würde er sie nicht durchkommen lassen.

Die Nacht war vorbei, aber die Dunkelheit klebte noch am Morgen und wollte nicht weichen. Trotzdem war Cora schon wach und ging, nur mit einem altmodischen Plüschbademantel und Pantoffeln bekleidet, nach hinten in ihren Garen, um die verschiedenen Vogelhäuschen mit Futter und Nüssen zu bestücken wie jeden Tag. 

Er ließ sich davon nicht beirren und schlich vorsichtig, ganz vorsichtig durch das tote Laub, damit kein Rascheln ihn verriet. Sein Opfer ließ er dabei nicht aus den Augen. Still verharrte er und wartete auf den richtigen Moment. Jetzt! Cora war abgelenkt und stand mit dem Rücken zu ihm. Er schlich leise wie auf Samtpfoten durch ihre Terrassentür hinein. Der Grundriss glich dem seines Hauses wie ein Ei dem anderen – sie lebten in einer Reihenhaussiedlung. Im Erdgeschoss gab es nur Wohnzimmer und Küche. Cora liebte es, auf ihrem Gasherd zu kochen. Und im Wohnzimmer hatte sie einen künstlichen Kamin, der über eine kleine Gasleitung entzündet wurde, daran konnte sich Robert von seinem ersten und einzigen Besuch noch erinnern. Damals war Cora gerade eingezogen, das musste wohl etwa ein Jahr her sein. Schnell drehte er sämtliche Gashebel auf. Cora würde gleich vor dem Kamin frühstücken, es war schon alles eingedeckt, perfekt. So unsichtbar wie Robert hereingeschlichen war, verschwand er auch wieder. Er würde heute ins Tierheim fahren und einer neuen Katze ein Zuhause schenken.

Blaulichtkegel kreisten und warfen flackernde Lichter an die Wände der Reihenhäuser, als er drei Stunden später zurückkam. Rettungssanitäter und Notarzt kamen gerade aus dem Haus. Der Körper auf der Trage war vollständig bedeckt. Ein Streifenwagen der Polizei traf gerade ein, um mit der Reinigungshilfe zu sprechen, die Cora tot aufgefunden hatte.

Am nächsten Morgen las Robert im Tageblatt, dass sich wieder einmal eine alleinstehende Person in der Adventszeit das Leben genommen hätte. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung nehmen sich tatsächlich relativ wenige Menschen in dieser Zeit das Leben, die meisten Suizide geschehen in der hellen, warmen Saison. Doch die arme Cora starb im Dezember.

„Cora!“, rief Robert einige Wochen später in seinen Garten hinein. Die kleine, dreifarbige Katze kam flink herbeigelaufen. Eine Glückskatze namens Cora, die hoffentlich lange leben würde.

Nebenan zog gerade eine neue Nachbarin in das frei gewordene Reihenhaus ein, die dritte alleinstehende Frau nach Millie Weber und Cora Neuhaus, seit Robert hier wohnte. Ob sie Katzen mochte?

Adventskalender Minikrimi vom 15. Dezember


Foto: Kirahoffmann

Ein Hauch von Marilyn

Ihr Bruder war schon immer ein großer Marilyn Monroe Fan gewesen. 1962 hatte er als 12jähriger in der Wochenschau gesehen, wie die amerikanische Skandalschönheit „Happy birthday, Mr. President“ ins Mikrophon gehaucht hatte. Seither bevölkerte Marilyn alle Träume des Teenagers, und auch als Erwachsener war es Bernhard nie gelungen, sich ganz von seinem Idol zu lösen. Er besaß unzählige Bildbände über sie, sammelte Artikel und TV-Beiträge. Selbstverständlich standen in seiner Bibliothek auch all ihre Filme. Als Fotograf hatte er immer wieder Models in die Verzweiflung getrieben, weil er sie als Marilyn-Double in erotischen Posen porträtiert hatte.  Drei Ehen waren an seiner „Marilynitis“, wie seine Schwester Dorothea die Verehrung nannte, gescheitert. 

Aber dann war Rosi gekommen. Eine dralle Brünette ohne ausgeprägte Persönlichkeit, aber mit viel Geld und der Fähigkeit leidenschaftlicher Hingabe. Sie hatten sich an der Rennbahn kennengelernt, wo Bernhard, schon ziemlich abgebrannt, darauf lauerte, ein paar Paparazzi-Fotos von zufällig auftauchenden Promis zu machen. Rosi hatte ihren Vater begleitet, um das erste Rennen seines neuesten Pferdes 007 zu sehen.  Es waren die „wilden Siebziger“. Rosi verliebte sich auf den ersten Blick in Bernhard, zog ihn in das nächste Gebüsch hinter den Stallungen – und damit war seine Zukunft besiegelt. 

Rosis Vater knüpfte nur zwei Bedingungen daran, seine minderjährige Tochter in die Hände oder besser die Arme des guten, aber nicht sonderlich erfolgreichen Fotografen zu geben: erstens musste Bernhard fortan alle anfallenden Fotoarbeiten für die Baufirma Herbert Huber übernehmen – kostenfrei! Zweitens durfte er Rosi nie betrügen. 

Die zweite Bedingung bereitete Bernhard anfangs Kopfzerbrechen. Denn einem Künstler wie ihm wurde auf Dauer sogar ein Leben im Luxus zu langweilig. Aber Rosi liebte ihn heiß und innig, und da sie keinen anderen Lebensinhalt hatte, tat sie alles, um ihrem Bernhard zu gefallen. Er ließ ihr Haar wasserstoffblond färben, züchtete ihr soweit es ging eine Marilyn-Figur an und ersteigerte sogar ein paar Original Monroe-Kleider. Hier gebot der Schwiegervater, der immer noch die Hand auf dem Vermögen der Tochter hatte. allerdings schnell Einhalt.

So lebten Bernhard und Rosi ein trautes Leben zu zweit, oder eigentlich zu dritt. Sie gab für ihn die Marilyn, und er für sie den Ehemann. Eigentlich, dachte Dorothea, hatten die beiden sich redlich verdient.

Leider starb Rosi unvermittelt und unerwartet, nachdem sie um 1 Uhr nachts, mit einer Flasche Champagner in der Hand, in 10 cm High-Heels auf dem Garagendach balanciert war. Nicht aus Übermut, sondern für Bernhards neuestes Fotoprojekt. Mit 55 und Arthrose in den Beinen hatte sie sich nicht gut genug aufrecht halten können.

Sicher hätte Herbert Huber Bernhard daraufhin stante pede enterbt. Er war jedoch kurz vor seiner Tochter gestorben, und so war Bernhard mit 65 Alleinerbe eines zwar nicht atemberaubenden, jedoch so umfangreichen Vermögens, dass er einem genussvollen Lebensabend entgegenträumen konnte. Und auch für Dorothea waren himmlische Zeiten angebrochen. Ihr Bruder lud sie ein, zu ihm in die geräumige Villa am Starnberger See zu ziehen. Aus Dankbarkeit kümmerte sie sich um den Haushalt, das heißt sie achtete darauf, dass die Angestellte alle Arbeiten zu ihrer Zufriedenheit erledigt, und fuhr einmal die Woche nach München, um bei Dallmayr und Käfer das Nötige einzukaufen. Natürlich wären Filet Wellington, Kaviar, Champagner & Co. auch angeliefert worden. Aber Dorothea genoss die Fahrten in Rosis Jaguar XJ 220, einer Sonderanfertigung in metallic-beige. Und sie fuhr bei solchen Gelegenheiten auch gerne bei ihren Freundinnen vor, um mit ihnen ein Käfer-Törtchen und eine Tasse Dallmayr Kaffee zu teilen. Dorothea, die nach einem Leben als Arbeitsvermittlerin für Künstler keine üppige Rente erhalten hatte, war überglücklich. Die Marilyn-Leidenschaft ihres Bruders störte sie nicht, im Gegenteil. Sie genoss die ruhigen Stunden, während er sich im Atelier Filme, Fotos oder was auch immer ansah.

Doch dann kam die Wende. Danica, die treue Haushaltsperle, brach sich den Arm. Pflichtbewusst, wie sie war, schickte sie ihre Nichte Dajana als Ersatz. Dajana war 20, hatte hellblond gefärbte Haare und eine nostalgische 90-60-90 Figur. Nach ihrem ersten Arbeitstag brannte Bernhard bereits lichterloh. Nach einem Monat eröffnete er Dorothea, dass er Dajana heiraten wollte. Die Verlobung sollte an seinem 67.Geburstag stattfinden. Denn Dajana, so erklärte er seiner Schwester, sei streng katholisch, und ein gemeinsames Leben müsse mit dem Heiligen Bund der Ehe besiegelt werden. Ohne Gütertrennung, ergänzte Dorothea bitter, denn sie hatte Dajanas Zielstrebigkeit schnell erkannt. Auch hegte sie keinen Zweifel daran, dass das „junge Glück“ seine Liebe ungestört genießen wollte. Für sie wäre da kein noch so kleines Plätzchen geblieben.

Dorothea überlegte, plante und verwarft. Mit dem Jaguar in den Starberger See fahren? Einen wunderschönen jungen Gärtner einstellen und sich mit der Kamera auf die Lauer legen? Schließlich entschied sie sich dafür, Bernhard zum Geburtstag mit einer echten „Marilyn-Torte“ zu überraschen.

Sie kannte eine Tortenmacherin, die in der Lage war, ein wunderbares, riesengroßes und dabei äußerst schmackhaftes Gebäck herzustellen, das zudem noch Dorotheas besonderen Anforderung entsprach. Drei Etagen, feinster Biskuit, Sahnefüllungen mit exotischen Früchten, weiße Schokolade, Nougat, Baiser – nur das Beste vom Besten. Einfach unwiderstehlich.

Ein etwas tieferer Griff in Rosis Portokasse, und die Torte war verbindlich bestellt. Pünktlich am Morgen von Bernhards Geburtstag brachte die Tortenmacherin das Kunstwerk wie besprochen zum Hintereingang der Villa. Das Geburtstagskind schlummerte noch tief – wahrscheinlich träumte ihr Bruder von seiner rosigen Zukunft mit Dajana, dachte Dorothea und schmunzelte über ihre Wortwahl.

Ab 20 Uhr kamen die Gäste, und kurz vor Mitternacht endlich die Torte. Dorothea hatte alle Sicherungen persönlich ausgeschaltet. Der offene Wohnbereich wurde ausschließlich von unzähligen Wunderkerzen erleuchtet, die um die Torte herum flimmerten. „Ah“s und Oh“s von allen Seiten. Dajana, festlich glitzernd in einer von Rosis Brillantketten, dachte, die Torte sei Teil von Bernhards Verlobungsüberraschung. Aber nein. „Happy Birthday, Mr. President“ hauchte es plötzlich aus dem Innern des Gebäcks. Und aus der Torte stieg Marilyn höchstselbst, eingehüllt in ein hautfarbenes Nichts, übersäht mit 2500 Glassteinen. Natürlich war es nicht die echte Monroe, aber sie sah ihr so verblüffend ähnlich, dass alle Gäste berauscht, begeistert, betäubt den Atem anhielten. Am längsten Bernhard. Er hatte den ganzen Abend getrunken, und als er die Vision seiner Kindertage leibhaftig auf sich zugerollt kommen sah, war die Euphorie grenzenlos. So groß, dass sein Herz stehenblieb.

Der eilends herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod durch Herzversagen feststellen. Und das, bevor Bernhard die Möglichkeit gehabt hatte, seine letzte Marilyn zu heiraten oder sie auch nur zur Alleinerbin einzusetzen. Selbst wenn Dajana auf einer Obduktion bestehen und man Barbiturate in Bernhards Blut finden sollte – bis tatsächlich über Mord spekuliert wurde, würden ganz sich, wie bei der echten Monroe, viele Jahrzehnte vergehen. 

Dorothea als seine einzige lebende Verwandte hatte vor, diese so ausgiebig wie möglich zu nutzen. 

Adventskalender Minikrimi am 10. Dezember


Foto: Tama66

Die Kreuzfahrer

Während der Zugfahrt versucht Matthieu, sich einzustimmen auf das, was ihn erwartet. Er ist katholisch erzogen worden. Gebetsbildchen mit einer fromm blickenden Muttergottes und dem Heiligsten Herzen Jesu, Weihrauch satt und warmes Holz atmende Beichtstühle. Unter einem Predigerseminar kann er sich auch nach einer ausgedehnten Internetrecherche kaum etwas vorstellen. Hartnäckig halten sich Visionen von gotischen Hallen, von flackernden Kerzen und düsteren Heiligenbildern, von strengen Rektoren und blassen Dozenten. Wie Jana, die bunte, quirlige Exzentrikerin, dort hinein passt, übersteigt seine Vorstellungskraft.

Und dann ist er da, Jana steht am Bahnsteig, nur Hände, Wuschelkopf und Beine schauen aus dem warmen Plüschmantel hervor. Als sie spricht, formen sich die Worte zu Atemwolken, so kalt ist es. „Schön, dass du da bist.“ Sie begrüßt Matthieu mit zwei Küsschen und einer Umarmung, so fest, dass er spürt, wie wichtig es ist, dass er ihrer Einladung gefolgt ist. Eigentlich war es mehr ein Hilfeschrei, untypisch für seine pragmatische Freundin aus der Kinderzeit. „Matthieu, hier im Predigerseminar passieren ganz  merkwürdige, schreckliche Dinge. Ich habe Angst. Kannst Du kommen?“

Matthieu ist Privatdetektiv, schreckliche Dinge sind sein Beruf. Seltsam, denkt er, wie sich die Rollen im Verlauf eines Lebens verändern. Früher war er es gewesen, der Jana um Hilfe gebeten hatte. Wenn sich eine Spinne in seinen Haaren verfangen hatte. Wenn er die Hausaufgaben nicht gemacht oder die Unterschrift der Eltern unter einer 5 vergessen hatte. Und jetzt wird ausgerechnet Jana Pfarrerin, und er löst die handfesten Probleme anderer Menschen.

„Eigentlich geht das schon länger so. Aber anfangs haben wir uns nichts dabei gedacht. Seit  zwei Wochen ist es richtig schlimm geworden. Ich bin nicht die einzige, die Angst hat, dass bald was Furchtbares passiert.“ Sie gehen durch die kalte Nacht zu dem Zimmer, das sie während der Wochen im Predigerseminar bewohnt.

Am ersten Tag nach ihrer Ankunft, erzählt sie, hatte jemand die gestaltete Mitte im Seminarraum des Hermeneutik-Dozenten auf verstörende Weise verändert: die liebevoll ausgebreiteten Herbstblätter waren mit roter Farbe übergossen und in Fetzen gerissen, so dass das blaue Seidentuch darunter aussah wie ein Schlachtfeld. Am nächsten Tag zur Andacht hing das Kreuz in der Kapelle verkehrt herum hinter dem Altar. Pfarrerin P. hatte fast der Schlag getroffen, und zwar wortwörtlich, denn gerade als sie die Untat näher besehen wollte, war das Kruzifix zu Boden gekracht. Es hatte sie nur um Millimeter verfehlt.

„Das ist mehr als ein dummer-Jungen-Streich“, muss Matthieu zugeben. Kein noch so frustrierter Vikar würde seinem Ärger auf diese beinahe mörderische Weise Luft verschaffen. Oder? „Es wird noch schlimmer, warnt Jana. Sie sitzen nebeneinander auf ihrem Bett, jeder mit einer Bierflasche in der Hand. Es ist warm, und bei Kerzenlicht sieht der kleine Raum beinahe gemütlich aus. „Beim Praxisbeispiel Gemeindearbeit sollte das Video von einem Gemeindefest laufen. Stattdessen sahen wir unseren Studienleiter sehr privat in einem Swingerclub.“ „Das ist natürlich peinlich, aber..“ „Er wurde dabei gefilmt, wie er eine Frau..also… wie er sie erwürgte. Er versicherte uns immer wieder, dass das ein Fake sei und er nichts damit zu tun habe, rein gar nichts.“ „Und, habt Ihr ihm geglaubt?“ „Du weißt ja, wie das ist. Selbst wenn nix dran ist, irgendwas bleibt immer haften.“ 

„Aber wer könnte denn ein Interesse daran haben, Eure Dozenten zu „dezimieren“? Matthieu kann sich ein Predigerseminar beim besten Willen nicht als Tatort vorstellen, ebenso wenig wie als Hort eines mordlüsternen Geistes. „Ich würde jetzt gerne diese Nacht darüber schlafen. Und morgen schaue ich mir dann alles an, vielleicht finde ich tatsächlich etwas heraus.“ 

Sie schlafen wie in ihren Kindertagen, eng aneinander geschmiegt, tief und entspannt. Sie haben sich schon immer gegenseitig Kraft gegeben.

Am nächsten Morgen begleitet Matthieu Jana zur Andacht. Sie sind die ersten und haben bereits einen Spaziergang durch den raureifweißen Seminargarten gemacht. Ein blasser Himmel wölbt sich über Dächer und Bäume, er verspricht Schnee und noch mehr Frost. Vor der Kirchentür trifft Jana die Frau des Rektors.

Inzwischen stößt Matthieu das schwere Holzportal nur mit Mühe auf. Etwas blockiert den Flügel von innen. Der Dozent für Gemeindearbeit. Er ist noch warm und liegt mit zertrümmertem Schädel in seinem Blut, neben dem Kopf auf dem Kirchenboden ein silberner Leuchter.

Während die Polizei ermittelt, sitzt Matthieu im Kreis der erschütterten Theologen. „Wer könnte ein Motiv gehabt haben, den Mann zu ermorden?“, fragt er in die Runde. „Er selbst – nachdem das Video schon auf Youtube zu sehen ist. Aber sonst?“ Sie sind alle ratlos. Eines ist klar, jetzt werden im Priesterseminar Köpfe rollen. Bildlich gesprochen! „Und das, nachdem der Rektor sich grade entschlossen hatte, seinen Ruhestand noch um zwei Jahre nach hintern zu schieben“, bemerkt Jana. „Naja, seine Frau wird sich freuen. Sie hat mir eben erzählt, dass sie ihm zu Weihnachten Tickets für eine Kreuzfahrt geschenkt hat. Die hätte sie in die Tonne werfen können, wenn er geblieben wäre. Des einen Freud….“

… ist des anderen Leid. Trotzdem. Matthieu kann es zunächst nicht glauben. Er betritt das Gebäude – und irgendwie ist alles so, wie er es sich ausgemalt hatte. Und doch auch ganz anders. Lange Flure, dunkle Türen, poliertes Parkett. Nischen mit Bildern, schweren Sesseln und Topfpflanzen. Er trifft den Rektor in der Bibliothek. „Ich fasse es nicht. Erst diese unsinnigen „Anschläge“, und jetzt auch noch ein Mord! Wer tut so etwas? Ausgerechnet hier?“

Matthieu erfährt, dass der Rektor tatsächlich geplant hatte, im Sommer in den Ruhestand zu gehen. Aber dann hatte sich die Suche nach einem Nachfolger schwierig gestaltet, er hat das Seminar „gut im Griff“, wie er sich ausdrückt. Und so war er von der Kirchenleitung gefragt worden, ob er sich eine Verlängerung seines Amtes vorstellen könne.  Er hatte zugestimmt. Erleichtert, denn die Aussicht, sein Büro, die Bibliothek und die langen Flure gegen noch längere Urlaubsreisen mit wildfremden Menschen, ausgedehnte Spaziergänge und vielfältige Arbeiten in Haus und Garten einzutauschen, war ihm wie eine düstere Drohung erschienen. Seine Frau hatte er nur im Nebensatz über die Planänderung in Kenntnis gesetzt. „jetzt muss ich natürlich umgehend meinen Sessel räumen. Nach allem, was passiert ist. Schade.“

Matthieu findet die Frau auf einer Bank vor der Kapelle. Schweigend sitzen sie nebeneinander. Das ist die Art, wie Matthieu seine Fälle löst. Dem Täter ganz zugewandt. „Ich bin am Ende doch etwas zu weit gegangen, mit dem Mord“; sagt die Rektorengattin schließlich. „Aber vielleicht geht er ja ohne mich auf Kreuzfahrt.“

„Du hättest auch Pfarrer werden können“, sagt Jana später. „Und du Detektivin. Du hast mich auf die Spur gebracht.“ Bevor er in den Zug einsteigt, küssen sie sich. Pfarrerin und Detektiv – vielleicht gar keine schlecht Kombination? 

Adventskalender Minikrimi am 9. Dezember


Foto: 8Moments

Dieser Minikrimi wurde von Mona Moldovan geschrieben. Er ist eine Variation zum gestrigen Thema – Last Christmas und die Männer. Und Frauen… Danke, liebe Mona!

Die Weihnachtsfeier

Die Einladung liegt ganz unten in dem Stapel mit Weihnachtskarten, die sie aus dem Postkasten geholt hat. Christine will sie schon achtlos wegwerfen, als ihr Blick auf den Absender fällt. Den Namen der Steuerkanzlei in Grünwald kennt sie gut. Es ist der Name, den sie einmal zu tragen gehofft hatte. Wenn sie daran denkt, wie es dazu kam, dass es dann doch nicht dazu kam, versetzt ihr das immer noch einen Stich ins Herz. Sie erinnert sich an diesen Dezembernachmittag vor zwei Jahren, als sei es gestern gewesen.

Sie kam früher nach Hause, vollgepackt mit Geschenken. Leise schlich sie hinein, um die Geschenke zu verstecken, so dass Matthias sie nicht vor der Bescherung finden würde. Aber dann entdeckte SIE etwas, was sie nicht hätte finden sollen, und zwar ihn. Im Bett mit dieser Blondine, einer Kollegin… wie hieß sie nochmal?

„Das ist doch nun sowas von egal“, denkt sie. Aber das ist nur so dahin gedacht, egal ist es ihr immer noch nicht. Matthias zog unmittelbar danach aus, und sie verbrachte sehr traurige Weihnachten. Die Monate danach waren auch nicht leichter. Die Trennung, der finanzielle und gesellschaftliche Abstieg. Er war nun fest mit dieser Frau zusammen, der Kollegin und Steueranwältin. „Schwamm drüber“, versucht sie sich einzureden. Es klappt nicht.  

Wenige Tage später hat sie die Münchner Innenstadt kreuz und quer auf der Suche nach dem passenden Kleid für die Feier abgesucht. Am Ende findet sie es in einem großen, luxuriösen Kaufhaus. Rot, lang, sexy. Sie hat noch nie so viel Geld für ein Kleidungsstück ausgegeben, fast eine Münchner Monatsmiete. Leisten kann sie sich das eigentlich nicht, mit ihrem kleinen Gehalt als Angestellte im sozialen Bereich. Aber sie will Matthias zeigen, was er verloren hat. Aus Liebeskummer hat sie damals etliche Kilos abgenommen, die nur zum Teil wieder drauf sind. Ihre Haare sind jetzt auch blond. Und das Kleid steht ihr wirklich ausnehmend gut.

In den Tagen vor der Weihnachtsfeier hat es geschneit, und die großen Villen in Grünwald sehen aus wie auf einer Weihnachtspostkarte. Die Adresse findet sie schnell, Google Maps sei Dank, und zum Glück ist sie auch nicht weit von der Tram entfernt, sonst würde sie womöglich mit den geliehenen High Heels im Schnee steckenbleiben. Ein blutroter Teppich führt durch den verschneiten Garten zum Haus, links und rechts davon brennen Fackeln. Am Eingang zeigt sie die Einladungskarte mit dem goldenen Rahmen und dem mit Füller geschwungenen „M“ als Unterschrift. Der Portier verbeugt sich, nimmt ihr den Mantel ab und zeigt ihr den Bereich, wo Glühwein und Caipirinhas stehen. Der Caipirinha ist heiß und sehr stark. Und drinnen erst… überall laufen Kellner mit Tabletts voller Cocktails und Leckereien herum. Das ist schon ein Unterschied zu ihrem Büro, wo die Kolleginnen sich mit selbst gebackenen Plätzchen und Glühwein von Aldi eine kleine Feier nach der Arbeit organisieren müssen.

Sie weiß, dass sie nicht zu viel trinken sollte. Alkohol macht sie immer leicht aggressiv, sie bekommt Lust, sich zu streiten und etwas kaputt zu machen… Aber wie sollte sie den Abend sonst überstehen? Sie kennt niemanden und niemand ist daran interessiert, sich mit ihr zu unterhalten. Das teure Kleid ist hier eines von vielen, und die Männer scheinen nur Frauen interessant zu finden, die gerade der Pubertät entwachsen sind. An einer Mittvierzigerin hat offenbar niemand Interesse. Auch Matthias scheint sie nicht zu beachten. Sie hat ihn nur flüchtig gesehen, aber er hat sie offensichtlich nicht wahrgenommen. Und nun ist er ganz verschwunden. Die Blondine hat sie den ganzen Abend nicht zu Gesicht bekommen (und wie sie heißt, daran erinnert sie sich immer noch nicht). Vielleicht ist es besser so. Sie könnte sie immer noch umbringen, auch wenn das alles jetzt schon zwei Jahre her ist.

Nach dem dritten Cocktail (oder vielleicht nach dem vierten?) sucht sie eine Toilette, aber alle sind besetzt. „Vielleicht müssen sich die jungen Frauen ihre Cocktails nochmal durch den Kopf gehen lassen. Zu viel Alkohol ist schließlich nicht gut für die Figur“, denkt sie garstig. Und geht die Treppe hinauf. Im oberen Stockwerk ist es dunkel und merkwürdig still. Sie versucht, eine Tür zu öffnen. Abgeschlossen. Auch die nächste. Und die übernächste. Dann kommt sie zu einer, die einen Spalt offen steht. Dahinter hört sie unmissverständliche Geräusche. Sie erstarrt, als eine junge Frau mit langen roten Locken heraus kommt, aber die Frau sieht Christine nicht. 

Die Tür steht nun weit offen, und sie erkennt den Mann dort im Zimmer sofort.

Und er sie. 

„Matthias…“ flüstert sie. „Christine?…“ lallt Matthias. „Was zum Teufel machst du hier? Wer hat dich eingeladen? Willst du wieder eine Szene machen? Ich hab‘ echt keine Lust auf euch alte Schachteln, die letzte habe ich gerade letzte Woche abserviert…“  Er versucht, seine Hose zu schließen, hat aber sichtlich Schwierigkeiten. Und nun weiß Christine, dass sie die ganze Zeit falsch lag. Nicht die andere Frau ist an ihrer Misere schuld. Sie macht einen Schritt ins Zimmer, und noch einen, plötzlich steht sie vor diesem Schreibtisch. Sie streckt ihre Hand aus – und dann sieht Matthias den Brieföffner in ihrer Hand. „Nein! Christine! Ich hab’s doch nicht so gemeint…!“

Er schreit nur einmal, ganz kurz und zu leise. Unten hat der DJ grade Helene Fischer aufgelegt, und die Menge gröhlt: „Atemlos…!“

Als Christine durch die glänzende Winternacht in Richtung Tram spaziert, geht es ihr auf einmal sehr gut. Ein Arschloch weniger auf der Welt. Jetzt soll ihr erst mal jemand etwas nachweisen. Sie hat sich ja mit niemandem unterhalten, und niemand hat sie beachtet. Ab vierzig werden Frauen irgendwie unsichtbar. Manchmal ist das gut so. 

Aber eine Frage lässt ihr keine Ruhe: wer hat sie zur Party eingeladen? Dann erinnert sie sich auf einmal. Die blonde Frau, mit der sie Matthias damals erwischt hat, heißt Marlena. Ein geschwungenes M als Unterschrift auf der Einladung. 

Als sie in die Trambahn Nummer 25 steigt, summt sie leise „Last Christmas“.