Abkühlung mit Spannungsfaktor


Zu heiß? Am 24.7. um 17 Uhr gibt’s eine spannende Abkühlung. Ich lese aus meinem Trüffel- Krimi Miniataurus und entführe euch dazu in die Frische des Fünf-Seen-Landes und nach San Miniato.

Und zwar auf einem Schiff, hoch über München, der „Alte Utting“. Neugierig? Ich freu mich auf Euch!

Die Lesung wird von den Mörderischen Schwestern in Bayern organisiert Im Link gibts alle Details.

Adventskalender MiniKrimi am 8. Dezember


Künstlerpech

Es sah aus, aus würde sie schweben. Die schlanken Beine lässig übereinandergeschlagen, beide Handflächen fest auf die lichtbleichen Steine gelegt, der Oberkörper ein gelber Farbtupfer im gleißenden Blau. Der Horizont nicht mehr als eine schaumige Linie. Sie saß auf einer verwitterten Mauer mit dem Rücken zur Sonne, zu ihren Füßen sattgrünes Gras. Der Kopf war nach hinten geneigt, die Augen versteckt hinter einer geschwungenen Sonnenbrille, der karmesinrote Mund im Lachen geöffnet. Eine leichte Brise spielte mit ihren schulterlangen blonden Locken.

Francois Simonds trat zurück, den Pinsel zwischen den Zähnen, sein Blick wanderte schnell zwischen Bild und Modell hin und her. Und er wusste, dass er unfassbar, unheilbar, unrettbar verliebt war. In das Modell, in die Sonne Südfrankreichs, in das Meer – aber vor allem in sein Bild und ja, in sich selbst. Sein Pinselstrich, die Art, wie er das Licht einfing, den Seidenschimmer ihrer Haut – er war einer der ganz Großen. Es war nur eine Frage der Zeit, da war er sich sicher, bis er in den besten Galerien in Paris hängen würde. Bei Polka, Perrotin oder sogar Gagosian.

„Fertig, mon amour?“, fragte Eloise, sein Modell, seine Muse, seine Geliebte. „Mir tut jeder Muskel weh, ich habe sicher schon einen Sonnenbrand auf den Schultern – und überhaupt keine Lust mehr.“

„Ganz kurz noch! Das Bild muss perfekt sein. Ja, das wird es. Perfekt! Was ist dagegen schon ein bisschen Muskelkater?“

Eloise öffnete ihren Schmollmund. „Ok, aber nur noch fünf Minuten“, stöhnte sie, warf ihm einen Luftkuss zu, reckte und streckte sich. Francois hob die Hand mit dem Pinsel, kniff die Augen zusammen, schaute auf das Bild, dann auf seine Geliebte. „Du sitzt ganz anders! Dreh dich nach links, nein, nicht so weit. Wieder zurück! Ach, merde! So geht das nicht!“, schrie er unvermittelt, schleudert Pinsel und Palette auf den Boden, riss das Bild von der Staffelei und stürmte davon, den steilen Felsenpfad von der Zitadelle hinab zum Strand. 

Am frühen Abend wollte die Polizei von Eloise wissen, wann genau sie Francois zum letzten Mal gesehen hatte. Zwei Stunden zuvor war die junge Frau barfuß, mit zerkratzen Armen und Beinen, aufgeplatzter Lippe und geschwollener Wange im vollbesetzten Standcafé aufgetaucht, weinend und zitternd. Nachdem die Wirtin ihr ihre Wolljacke um die Schultern gelegt und ein Glas Pernod in die Hand gedrückt hatte, hatte Eloise darauf bestanden, die Polizei zu verständigen. Der Maler Francois Simond habe sie gerade im Rondell auf der Zitadelle angegriffen und geschlagen. Sie habe sich losgerissen und sei den Felsenpfad hinunter zum Strand gerannt. Francois habe sie verfolgt, aber nicht eingeholt. 

Jetzt hatte sie plötzlich Angst, dass ihm etwas zugestoßen sei. Wo war er? Und wo ihr Porträt, an dem er gemalt hatte?

Die Polizei leitete eine Suchaktion ein, und schon kurze Zeit später wurde die Leiche des Malers am Fuß der Steilküste zwischen den Klippen gefunden. Von dem Bild aber fehlte jede Spur.

„Mademoiselle, Sie haben Schreckliches durchgemacht. Es tut mir unendlich leid, aber ich muss Sie bitten, mir noch einmal genau zu berichten, was heute Nachmittag vorgefallen ist.“ Commissaire Verlaine war ein runder, freundlicher Mann mit Geheimratsecken und einem zerknitterten Leinenanzug. Er erinnerte Eloise entfernt an ihren Vater, und sie vertraute ihm. Sie seien am späten Vormittag zur Zitadelle aufgebrochen, weil Francois ihr Porträt vollenden wollte. Es sei der ideale Tag dafür, das ideale Licht. Nach zwei Stunden ungefähr habe sie keine Kraft mehr gehabt – das reglose Sitzen habe sie angestrengt. Francois habe das nicht verstanden, habe einen seiner Wutausbrüche bekommen und sei davongestürmt, kurz darauf aber wiedergekommen. Er habe noch ein paar Stunden weitergemalt und dabei immer wieder Cognac getrunken – er habe stets eine Flasche dabeigehabt, zur Inspiration. Aber der Alkohol habe ihn aggressiv gemacht, und als ihr Handy geklingelt habe, sei er ausgerastet. Er sei leider sehr eifersüchtig gewesen und unsicher wegen des großen Altersunterschieds. Er habe sie geschlagen, sie habe sich gewehrt, sei ihm davongelaufen, hinunter zum Strand und den vielen Menschen, wo sie sich sicher fühlte. Danach hatte sie ihn nicht mehr gesehen. 

Commissaire Verlaine begleitete Eloise persönlich nach Hause. 

Nach der Testamentseröffnung besuchte er sie in SImonds Villa und beglückwünschte sie dazu, dass Simond sie zu seiner Haupterbin eingesetzt hatte. Sie schien über seinen Besuch ehrlich erfreut und servierte ihm Kaffee im Salon. Über dem Kamin hing ein Porträt von ihr, in leuchtend gelber Bluse vor blauem Meer. „Ist das nicht im Rondell der Zitadelle?“, fragte Verlaine. „Ja, das stimmt. Er hat das Motiv immer wieder gemalt, es war wie besessen von dem Platz,“ sagte Eloise. „Aber das Porträt, an dem er am Tag seines Todes gemalt hat, ist nie wiederaufgetaucht?“ „Nein, leider. Es war perfekt.“

Am nächsten Morgen stand Verlaine mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Villa. Er nahm das Porträt in Gewahrsam – und auch Eloise. Die gelbe Bluse hatte Francois erst am Tag vor seinem Tod für seine Geliebte gekauft. Und die Sonne stand auf dem von der Kunstwelt gefeierten Bild im Zenit. Eloise hatte gelogen. Und den eifersüchtigen Maler schon mittags von den Klippen gestoßen. 

„Die blonde Mörderin“ wurde in der Galerie Gagosian ausgestellt und zu einem Sensationspreis verkauft. Der Erlös ging an einen Verein zur Förderung verarmter Künstler*innen.

Adventskalender MiniKrimi am 5 .Dezember


Catch me if you can

(Die Texte stammen größtenteils aus einer tatsächlichen Unterhaltung, die ich mit einem Romance Scammer geführt habe. Ich recherchiere seit geraumer Zeit zu diesem Thema)

An einem Sommerabend vor 6 Monaten:

Mark Reinhart hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt.

WTF ist Mark Reinhart? Aha, aus Frankfurt. Alter Bekannter? Neuer Fan? Hm. Nettes Profilbild. Ah. Geschieden. Dann nehme ich die Freundschaft mal an. 

Keine 10 Sekunden später eine neue Nachricht:

Hallo, guten Abend. Schön, dich kennenzulernen. Wie geht es dir im Moment? 

Hallo auch. Im Moment geht’s mir ganz gut. Und selbst?

Danke der Nachfrage. Nun, ich unterhalte mich gerade mit dir und bin dabei, dich kennenzulernen. Das ist sehr schön.

Ok. Aber wie bist du auf mich gekommen?

Ich habe Ihr Profil gesehen, und Sie haben mir gefallen, weil Sie eine schöne Frau sind.

Ah. Daher weht der Wind. Was für ein Glück!

Danke für die Blumen. Ich habe mir auch dein Profil angesehen – und ich denke, du bist ein Romance Scammer. Habe ich recht?

Okay, meine Liebe. ich sage Ihnen mit so viel Selbstachtung und Höflichkeit, dass Sie viel Respektlosigkeit zeigen, wenn Sie so von mir denken. Meine ganze Absicht war nur, einen großartigen Geist wie dich zu kennen. Aber ich frage mich wirklich, woher diese Frage kommt, weil ich es als Missachtung meiner Persönlichkeit sehe. Ich bin Chirurg und leite eine Abteilung für freie Medizin in einem Krankenhaus in Aleppo. Ich arbeite dort für die UN.

Wow. So ein langer Text. Das ist vielversprechend!

Ich will dir sagen, woher meine Frage kommt. Letztes Jahr hat sich eine Freundin von mur umgebracht, nachdem ein Romance Scammer sie erst um 10 Tausend Euro betrogen und ihr dann das Herz gebrochen hat. Sie hat Selbstmord begangen. Seitdem recherchiere ich, um die Leute zu finden, die ihr das angetan haben. Ich vermute, dass eine Organisation dahintersteckt. Ich schlage dir einen Deal vor: Info gegen Cash. 

Meine Liebe, Sie sind entweder völlig unverschämt oder sehr dumm. Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich wollte dich kennenlernen, weil du eine interessante Person bist. Was ist dein Beruf und wo wohnst du? Ich lebe zurzeit in Aleppo, aber ich komme aus Frankfurt. Dort lebt meine kleine Tochter. Hast du auch Kinder?

Das geht Sie nichts an. Ich biete Ihnen Geld, wenn Sie mir etwas darüber sagen, warum Sie Romance Scammer geworden sind. Arbeiten Sie alleine? Müssen Sie das Geld, dass Sie ergaunern, abgeben? Wo leben Sie? Ich merke doch, dass Sie nicht wirklich Deutsch können. Lassen Sie uns einfach mit offenen Karten spielen. Wer sind Ihre Hintermänner? 

Okay. Ich bin ein Mann, der mit Beweisen und Fakten arbeitet. Die Art, wie Sie schreiben, scheint ein Teil der Terroristen zu sein, die wir zu vermeiden versuchen. Ich arbeite für die UN, und wir haben Methoden, Terroristen wie dich zu vernichten.

Ah ja. Jetzt kommen wir der Sache endlich näher.

Wunderbar! Und ich versuche, Kriminellen wie Ihnen das Handwerk zu legen. Letzte Chance: helfen Sie mir. Oder ich zeige Sie an. You can help me – or I will sue you.

You are a very big fool. Don’t do something that will get yourself in problem. 

Ok – what do you wanna do to me?

I will fuck you up in so many ways. Ich habe Ihre Daten gespeichert. Das ist kein Spiel. Passen Sie auf.

Ich habe keine Angst vor Ihnen.

Das sollten Sie. Hören Sie auf, nach uns zu recherchieren. Oder Sie sind tot.

An dieser Stelle bricht die Unterhaltung ab. 

Als ich am nächsten Morgen meinen Computer starte, erkennt er mein Passwort nicht. Stattdessen erscheint auf dem Bildschirm in schwarzer Schrift der Satz: Lass uns in Ruhe.

Seitdem bin ich auf der Flucht. Meine Kreditkarte wurde geknackt. Mein Email-Account auch. Meine Freund*innen haben Hate-Mails erhalten und wollen nicht mehr mit mir sprechen. Ich habe Angst. Aber ich gebe nicht auf. Ich habe ein Ziel.  Ihr lest wieder von mir. 

Adventskalender MiniKrimi am 21. Dezember


Und heute wieder ein Krimi von der wunderbaren Dagmar T.! Danke. Aber Vorsicht. Ich habe tatsächlich Gänsehaut bekommen.

Bussi von der Weihnachtsfrau

Das war nun schon die 20. Weihnachtsfeier in dieser Woche, in der sie als Weihnachtsfrau die Stimmung rockte. 

Diese Veranstaltungen hatten nichts mit beschaulicher Weihnacht zu tun und auch so gar nichts mit Friede und Freude… nun ja, nicht für Alle jedenfalls. Für sie waren sie ein mäßig bezahlter Job. Jede Feier glich der anderen. Immer die gleiche Leier, die gleiche Feier, bei der sich meist Männer die Kante gaben. Ja, es gab auch die eine oder andere Frau, die nichts anbrennen ließ; aber das war nicht ihre Abteilung. Sie befasste sich mit der holden Männlichkeit. Da wurde mal hier, mal da geflirtet, geschäkert, und es wurden Küsschen verteilt, rein geschäftlich angemutet, versteht sich.

So manchER überzog aber die unverbindliche Weihnachtsstimmungs-Beschwingtheit und setzte mit Riesenschritten zum Sprung an… zum Seitensprung.

Zuerst erzählte man(n) von einem ausgefüllten Berufsleben, von Karrierechancen, von kostspieligen Hobbys, die man sich leisten konnte, ja durchaus, dann von Frau und Kindern… und irgendwann wurde es dann vertraulicher, schließlich intimer, eine Verabredung wurde ausgemacht, eine Visitenkarte mit Handynummer eingesteckt, ein Anruf avisiert. Man(n) würde noch Überstunden schieben müssen, war ja klar, wegen der Tage zwischen den Jahren, das würde die Gemahlin schon glauben, war sie doch schon so gewohnt. Ja, man(n) freue sich auf das Treffen, mit ihr, geheim… und feierlich!

Alles in Allem hatte sie heuer 13 Verehrer-Dates. Würde wieder anstrengend sein.

Ihr kleinkalibriger „Herzensbrecher“ war bereits aus der geheimen Kiste im Gartenversteck geholt und instand gesetzt, gesäubert, geschmiert und poliert. Und bestückt. Mit den kleinen Weihnachts-Kügelchen. Für jeden eine; sie traf sicher, das war klar. Ein Schuss, eine Kugel, einer weniger. 

So wurde manche Ehefrau noch vor dem heiligen Familienfeste von ihrem untreuen Ehemann erlöst. Rechtzeitig genug, damit es diesen Frauen nicht so erginge, wie es ihr damals geschehen war. Ein feierlicher Heilig Abend, am 1. Weihnachtstag noch Friede Freude Weihnachtsplätzchen und am 2. Feiertag ein Abschied mit gemeinen Worten und mit Tränen. 

Man hätte doch, du verstehst doch, wir könnten doch und er hätte das doch nicht gewollt… aber er hätte sich halt verliebt, da auf der Weihnachtsfeier, das sei einfach Liebe, da könne man(n) nichts machen…  

13 Männer, 13 Visitenkarten beschriftet mit „Bussi von der Weihnachtsfrau“, 13 gezielte Schüsse mitten ins Herz. Den Muff passend zu ihrem roten Wintermantel  würde sie waschen müssen, einige rote Tropfen hatten diesen bekleckert, würden sonst hässliche schwarze Flecke hinterlassen. Das gestohlene Handy, mit dem sie die Verabredungen mit den Ehebrechern plante, war bereits in den Tiefen des Flusses auf Nimmerwiedersehen versenkt. Alle Jahre wieder… sang die Weihnachtsfrau nach getaner Arbeit und verstaute den roten Mantel, den frischgewaschenen Muff und die Waffe im üblichen Versteck, bis zum nächsten Jahr…alle Jahre wieder.

Adventskalender MiniKrimi am 3. Dezember


Diesmal als Gast dabei: Silvana E. Schneider, eine der Gewinnerinnen des diesjährigen Goldstaub-Wettbewerbs der Autorinnenvereinigung AV. Herzlichen Dank – und viel Freude bei der Jagd……

Jagdfieber …

Nein, wie ein Mörder sah er nicht aus. Eher die Sorte sensibler Frauenschwarm. Nicht übermäßig groß, aber gut gebaut, stimmig eben. Und schlank, sehr schlank.

Trotz seiner Jugend zeigten sich schon weiße Strähnen im glänzenden Schwarz, das machte sein Aussehen interessant. Ein leicht fragender Blick aus samtbraunen Augen – die Herzen waren erobert. 

Svenja hatte ihn rausgeholt aus diesem Heim, damals. Warum er überhaupt da rein musste, er hatte es längst vergessen. Sie konnten wohl nicht viel mit ihm anfangen, zu Hause. Sein unbändiger Freiheitsdrang hatte ihre erzieherischen Möglichkeiten überfordert. Und dann diese Träume, sie quälten ihn immer wieder. Sogar jetzt bei Svenja marterten sie sein armes Hirn, plagten ihn, erfüllten seinen Körper mit Schauern der Lust.

In diesen Träumen war er der Überlegene. Kein Gesetz, kein Zwang hinderte ihn, das zu tun, was er tun musste, wozu er bestimmt war.

Frei war er dann, vollkommen frei. Sein Herz zersprang fast vor Freude, seine Lungen füllten sich. Die Glieder angespannt zum Zerreißen, begann die Jagd. Mit den Schreien des Opfers stieg sein Pulsschlag. Im Traum tötete er schnell, präzise. Und stolz. Nein, sie durften ihn niemals erwischen, es wäre sein Ende. Noch einmal eingesperrt, er würde es nicht ertragen. Svenja war seine einzige Chance, er fühlte, dass ihre Liebe zu ihm echt war, nie durfte er sie verlieren.

Zuckend schreckte er hoch. Auf dem Sofa im Wohnzimmer musste er eingeschlafen sein, die Terrassentür stand offen. War Svenja noch einmal rausgegangen – ohne ihn? Vielleicht hatte sie ihn nur nicht wecken wollen. Er starrte hoch zum Nachthimmel. Vollmond. Warum sollte er nicht auch einen kleinen Spaziergang machen?

Wenig später stand er am kleinen Badeplatz, direkt am See. Er und Svenja kamen oft hierher. Es roch nach feuchtem Gras und Seetang, nur vereinzelt leckten kleine Wellen an den Strand. Niemand war zu sehen. Konzentriert versuchte er die Geräusche der kleinen Nachttiere aufzuspüren, die sich im Laub und unter trockenen Ästen zu schaffen machten. Dann hörte er es. Ein leises, verräterisches Plätschern. Eine junge Schönheit schwamm da vorn, ihr schmaler Kopf glänzte im Mondlicht, fast lautlos glitt sie dahin.

Reglos hielt er sich im Schatten der Uferbüsche. Seine Samtaugen folgten jeder ihrer Bewegungen. Mit einem einzigen Satz würde er sie anspringen, sie würde keine Zeit haben, zu reagieren. Das war seine Nacht, endlich. Nichts konnte ihn mehr davon abhalten, es zu tun. Einem zum Zerspringen gespannten Bogen gleich kauerte sein sehniger Körper am Seeufer. Sie hatte die Richtung geändert, schwamm direkt auf ihn zu …

„Rockyyy ..!“ Wie ein unsichtbarer Schlag riss der Schrei seinen Körper herum. Svenja kam auf ihn zugerannt.

„Was treibst du hier, verdammt noch mal. Du sollst nicht jagen, mir reicht es jetzt.“ Damit packte sie ihn am Halsband, krallte die andere Hand fest in sein dichtes Fell und zerrte ihn die Uferböschung hoch.

Über den nachtschwarzen See flog schimpfend die aufgescheuchte Ente davon.

MiniKrimi Adventskalender 2020


Schlimmer geht immer….

Was für ein Jahr! Im Februar haben wir noch den Kopf geschüttelt über Videos von wie Marsianer vermummten Menschen in China. Eigentlich komisch, dass wir dachten, in einer globalisierten Welt könnten uns Entfernungen vor diesem neuartigen Coronavirus schützen. Wir wurden schnell eines besseren – bzw. schlechteren – belehrt. Und dann kamen die bekämpfenden Einschränkungen Schlag auf Schlag. Kein Faschingsendspurt. Kein Ostern. Keine Schule. Kein Urlaub. Und jetzt – keine Weihnachtsmärkte! Keine Weihnachtsfeiern! Wie wird sich die Kontaktlosigkeit dieses Jahres auf die fernere Zukunft auswirken? Lauter Babyboomer, denen noch die rudimentärsten sozialen Fähigkeiten und Fertigkeiten fehlen, weil sie die in den langen Quarantänezeiten nicht erlernt haben? Immerhin: wir feiern die Rückkehr der Kleinfamilie. Mit all ihren Schattenseiten.

Wir Kunstschaffenden haben es in diesem Jahr besonders schwer. Keine Auftritte, keine Lesungen. Und – keine aus der Realität entnommenen Impulse für den MiniKrimi Adventskalender! Keine Beobachtungen in Bussen und U-Bahnen, keine Verarbeitung vorweihnachtlicher Benimm-Faux-Pas auf Betriebsveranstaltungen, keine kriminellen Urlaubslegenden. Aber ich will nicht über Covid 19 schreiben, Türchen rauf und Türchen runter. Obwohl es dafür schon genügend Inspirationen gäbe. Und Locations. Krankenhäuser, Altenheime, von Einbrechern vernachlässigte Wohnungen….

Ich versuche mich trotzdem dran. Denn „schlimmer geht immer“. Und ich freue mich, wenn meine Kolleg*innen und alle, die gerne kurze Krimis schreiben, mitmachen. Schickt mir einfach Euren MiniKrimi, gerne auch mit einem passenden Foto (bei dem die Rechte klar sind) per Mail, und ich veröffentliche ihn mit Eurem Namen.

Und nun…. Öffnet sich das erste Türchen des Minikrimi Adventskalenders 2020

MiniKrimi am 1. Dezember 2020

Von drauß‘ vom Walde komm ich her…

„Von drauß‘  vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr. Allüberall auf den Tannenspitzen…… Ach Schei….be. Warum soll ich das blöde Gedicht auswendig lernen? Ich werd’s ja doch niemandem aufsagen können. Dabei hatte ich ganz fest mit dem Geld gerechnet. Ich brauch‘ den Weihnachtsmannjob, sonst kann ich im Januar die Miete nicht zahlen! Ich hatte sogar schon ein Kostüm für dich mit ausgeliehen, falls du mal Lust hättest, mitzugehen. Vorbei! Sch…Corona!“

„Bist du sicher, Joe? Du kannst vielleicht nicht in die Wohnungen zur Bescherung – aber in der Fußgängerzone rumlaufen kann doch nicht verboten sein.“ „Und was soll ich da machen? Mit Mundschutz ein Weihnachtsgedicht nuscheln? Nee, wenn es keine Geschenke zu verteilen gibt, zahlt die Agentur höchsten 10 Euro für 10 Stunden.“ 

„Das ist ja unter Mindestlohn!“ „Na und? Friss oder stirb. Was meinst du, wie viele sich sogar um diesen Mickerjob reißen?“

„Und, was machen wir jetzt? Ich hab keine Lust, Neujahr unter der Brücke zu hocken. Dann zieh ich hier lieber gleich aus und geh zu Freddie.“

„Und du denkst, der steht noch auf dich, jetzt, nach seinem Lottogewinn? Haste dich die letzten Jahre mal im Spiegel angeschaut?“

„Ganz zufällig weiß ich genau, dass er das tut! Alte Liebe rostet nämlich nicht. Deshalb hat er mich angerufen und gefragt, ob ich immer noch mit dem Loser zusammen bin und ob ich nicht lieber innem großen warmen Haus bei Gänsebraten und Champagner feiern will als in so nem kalten Loch mit ner Flasche Billigwodka. Aber nicht mal dafür wird’s bei dir reichen, diesmal, oder?“

„Ach Jenny. Jenny – das würdest du tun? Ehrlich?“ „Ungern, Joe. Aber ja. Ehrlich. Das würde ich. Soll ich dir’s beweisen? Guck mal, das ist ein Schlüssel! Ich war nämlich heute schon mal da. Apolloweg 1, total edle Adresse. Freddie hat sich so mega gefreut. Er hat mir gleich den Haustürschlüssel mitgegeben.“

„Ach Jenny. Gut, Reisende soll man nicht aufhalten. Du hast ja Recht. Ich bin ein verdammter Loser. Wahre Liebe erkennt man daran, dass man loslassen kann. Ich wünsch dir alles Glück dieser Welt. Grüß Freddie von mir! Halt! Ich kann dir ja nix schenken, weißte ja. Aber wart mal kurz, ich hol dir meine letzte Flasche Wodka ausm Versteck. Trinkste mit Freddie, auf die alten Zeiten, sagste ihm.“

„Joe, du bist ein Süßer. Danke. Das werd ich machen. Und – bleib sauber!“

Diesen Wunsch konnte Joe Jenny leider nicht erfüllen. 

Ein paar Tage später fand man unter der Reichenbachbrücke zwei aneinander gelehnte Leichen in ungebrauchten Weihnachtsmannkostümen. Die Obduktion ergab eine Vergiftung durch Frostschutzmittel im Wodka. Die beiden wurden als Joe P. und seine Freundin Jenny K. identifiziert. Die Polizei teilte Joes Zwillingsbruder Freddie, der seit einem dubiosen Lottogewinn in einer Pasinger Villa lebte, mit, die beiden hätten sich wohl aus Angst vor dem Verlust ihrer Wohnung selbst umgebracht. „Sie hätten Ihrem Bruder aber auch etwas unter die Arme greifen können,“ musste Polizeiobermeister R. noch loswerden, bevor der lieblose Bruder ihm die schwere Eichentür vor der Nase zuschlug. 

„Ja, Freddie, hättste mir mal unter die Arme gegriffen. Dann würden wir jetzt hier vielleicht zu dritt sitzen. Aber egal. Jetzt liegste neben Jenny. Wolltest du ja die ganze Zeit. Ich werd deinem Namen alle Ehre machen, Bruder. Versprochen. Weißt du noch, wie wir als Kinder immer dieses Gedicht aufsagen mussten? Von drauß‘ vom Walde komm ich her…..“ 

Adventskalender Minikrimi am 20. Dezember


Foto: suju

Kinderherzen

Wie still es hier war. Auf den leeren Gängen waren die Lichter gedimmt, aus dem Schwesternzimmer tropfte Gelächter. Früher hatte sie sich ein Krankenhaus immer wie einen Bienenstock vorgestellt. Auch nachts. Prima, dachte sie. Muss ich mir keine Ausreden einfallen lassen. 

Um ganz sicher zu sein, blieb sie noch eine Viertelstunde neben Melina sitzen. Schaute auf das blasse Gesicht. Durchscheinende Haut, blaue Adern darunter. Hinter geschlossenen Lidern huschten die Augen hin und her, hin und her. Die Monitore piepsten und leuchteten. Bald war Weihnachten. Sollte eigentlich ein ganz besonderes Fest werden, dieses Jahr. Mit dem größten Geschenk, das sie sich für Melina wünschen konnten: ein neues Herz. Sie war ganz oben auf der Eurotransplant-Warteliste. 

Dann war es soweit. Ein tödlicher Unfall, ein Kinderherz. Aber Melina war erkältet. Nur ein kleiner Infekt. Das ist gleich wieder vorbei, hat sie den Ärzten zu erklären versucht. Darauf können wir nicht warten, sagten sie. Und jetzt lag ein Mädchen aus Burundi auf Zimmer 423. Mit Melinas Herz. Und Melina ging es immer schlechter. Wie ungerecht das war!

Irgendwo knallte eine Tür. Schnelle Schritte auf dem Flur. Vielleicht das Mädchen auf Zimmer 423? Sie setzte sich auf. Kerzengrade. Lauschte angestrengt. Nichts. Und dann flimmerte einer der Monitore neben Melina. Dauerpiepsen. Sie fühlte die Faust im Magen, eisige Angst im Genick. Eine Schwester kam ins Zimmer. Schaute auf den Monitor. Wieder stehengeblieben. Gab ihm einen Stoß. Alles gut. Gehen Sie nach Hause, Frau Vormberg. Schlafen Sie sich aus. 

Schlafen! Also ob sie das könnte. Wann hatten Bernd und sie das letzte Mal geschlafen? Nicht miteinander. Überhaupt. Sicher nicht, nachdem Melina das Herz nicht bekommen hatte. Seit sich ihr Zustand so verschlechtert hatte, dass sie sie ins Krankenhaus bringen mussten, wechselten sie sich nachts an ihrem Bett ab. Aber egal, ob auf Station oder zu Hause: beide dachten nur daran, dass ihre Tochter jetzt vielleicht sterben würde, während ein anderes Kind leben durfte. 

Noch dazu eines aus Afrika! Woher hatte die Familie überhaupt das Geld, um hierher zu kommen? Und Melina das Herz wegzunehmen? Ihr Herz? Wahrscheinlich hatten deutsche Gutmenschen sogar dafür gespendet. Dort unten gab es so viele kranke Kinder, Armut und Krankheit. Selbst schuld, wenn sie das nicht auf die Reihe brachten. Was kamen die hierher? Am Ende sogar noch in Booten. Flugzeugen. Eine Invasion. Abe es traute sich ja kaum einer, was dagegen zu sagen. Nur eine Handvoll ehrlicher Politiker, und gegen die wurde natürlich von allen Seiten gehetzt. Sowas nannte sich dann Demokratie. Und Melina lag in ihrem Bett und wurde immer blasser, ihr Herz immer schwächer. Und wer half ihr?

Draußen auf dem Gang war wieder Ruhe eingekehrt. Leise stand sie auf, öffnete die Tür einen Spalt weit. Schaute hinaus. Keiner da. Leere. Leere und Stille. Sie wusste genau, wo Zimmer 423 war. Hatte immer wieder davorgestanden. Wie nett, dass Sie sich um Maarifa sorgt, wo es ihrer Tochter doch so schlecht geht, sagten die Schwestern. Die hatten keine Ahnung. 

Vorsichtig drückte sie die Klinke herunter. Schloss die Tür hinter sich. Ein Zimmer wie das von Melina. Noch mehr Apparate und Monitore. Fast hätte sie das kleine Gesicht übersehen, vor lauter Kanülen und Schläuchen. Sie wusste, Maarifa lag im künstlichen Koma. Sie würde nichts mitbekommen. 

Sie holte das Kissen hervor, das sie unter ihrem Kittel versteckt hatte. Näherte sich langsam, zielstrebig, Schritt für Schritt dem Bett. Beugte sich über das Kind. Maarifa war wach. Große Augen schauten sie an. Stumm, ohne Angst. Ergeben. Zärtlich.

Sie ließ das Kissen sinken. Sie weinte. Zum ersten Mal seit Wochen. Es schüttelte sie, sie stand am Bett des kleinen Mädchens, unfähig, zu denken. Sie konnte nur fühlen. Schmerz. Ohnmacht. Eine kleine, tastende Hand auf der ihren.

Adventskalender MiniKrimi am 7. Dezember


Foto von kalhh auf pixabay

Heute präsentiere ich Euch einen Minikrimi meiner Autorinnenvereinigung-Kollegin Angelika Wessbecher. Klein aber gemein!

Mord am Reinmarplatz

Der Anfang war sehr verheißungsvoll. „Volle Fahrt voraus“ signalisierte das Liebeshoroskop von Ariane Mittermeyer, die sich vor einiger Zeit recht halbherzig in einem Singleforum angemeldet hatte. Nicht, dass sie auf Horoskope so viel gab. Nein, also wirklich nicht. Aber man konnte ja nie wissen.

Eines Tages fand sie eine Nachricht in ihrem Posteingang vor. Von einem Mann, der den Nickname „Perlentaucher“ trug. Ariane nahm dessen Profil unter die Lupe, entdeckte das Zitat aus einem Buch, das sie ebenfalls gelesen hatte und einen Songtext, der ihr gleichwohl bekannt vorkam.

Ariane war nicht darauf gefasst, welchen Gefühlssturm sie mit ihrer Antwort entfachte. Der „Perlentaucher“ schrieb, dass er glaube, in ihr eine Seelenverwandte gefunden zu haben, von blindem Vertrauen, von gemeinsamen Jahren war die Rede. Ariane stutzte. „Moment mal“. Da hatte einer die Rechnung ohne die Wirtin gemacht und überhaupt. Das ging ihr alles viel zu schnell, obwohl sie sich in seinen Worten regelrecht badete.

Daraufhin tat Ariane etwas sehr Hässliches. Eine Email (die vierte an jenem Tag) mit einem Hilferuf des liebeskranken „Perlentauchers“ war gekommen und sie lachte ihn in ihrer Rückantwort einfach aus. Der „Perlentaucher“, mit bürgerlichem Namen Peter Hitzlsberger, war außer sich vor Wut, was ja irgendwo auch verständlich war. 

Wenig später tauchte der „Perlentaucher“ (man beachte die Wortspielerei) in dem Haus am Reinmarplatz auf, das Ariane bewohnte. Es klingelte an der Tür, da stand ein ihr unbekannter Mann, hob den Arm und gab einen gezielten Schuss auf ihren Kopf ab. Ariane war auf der Stelle tot.

Dieses Ende war in ihrem Horoskop nicht vorauszusehen gewesen.

Adventskalender MiniKrimi vom 8. Dezember 2018


Verlorener Sohn

Der verlorene Sohn

In der Minervastraße war eine bestimmte Anzahl an Appartements behindertengerecht gestaltet, und es bestand ein Vertrag mit einem soliden, bis dato skandalfreien Pflegedienst. Damit entsprach die Siedlung dem in die Zukunft weisenden Konzepts eines Mehrgenerationen-Wohnens – wofür die Architekten einen extra Preis kassiert hatten.

In einer solchen Wohnung lebte das Ehepaar Alexander und Ursula Martini. Sie waren erst kürzlich schweren Herzens aus ihrer Villa am Nymphenburger Kanal in die Minervastraße 89 gezogen. Er konnte sich aufgrund einer ausgeprägten Arthritis kaum noch im Haus bewegen, geschweige denn Treppen steigen. Sie litt unter wiederkehrendem starken Schwindel, der sie daran hinderte, den Haushalt, das Haus und den Garten zu ihrer eigenen Zufriedenheit und der ihres Mannes in Schuss zu halten.

Auch in der Wohnung war Alexander nur noch mit dem Gehwagen unterwegs. Ursula fiel es immer schwerer, die nötigen Gänge zum Einkaufen, zum Arzt oder zur Apotheke zu erledigen. Mehr als einmal in der Woche fiel das Mittagessen aus, oft auch das Abendbrot. Den Martinis mangelte es nicht an Geld – aber sie waren zu stolz, Hilfe zu suchen. Und sie hätten auch nicht gewusst, wohin sie sich wenden sollten.

Als eines Tages das Treppenhaus von dichten Rauchschwaden und einem beißenden Geruch nach verbrannter Milch erfüllt war, ergriff die Nachbarin die Initiative. Kurz darauf trat Pfleger Boris in das Leben der Martinis, ein mittelgroßer, mittelkräftiger Mann mit längerem Haar und Vollbart. „Haben Sie denn keine Kinder?“ fragte er Ursula, während er ihr half, den Einkauf zu verstauen, und gleichzeitig die Suppe für Alexander kochte. Er hatte gemerkt, wie unangenehm es den beiden war, Fremde in ihre Privatsphäre zu lassen.

„Nein!“ war Ursulas einsilbige Antwort, nach unmerklichem Zögern. „Nein, wir haben keine Kinder.“ „Warum nicht?“ „Das hätte nicht zu unserem Lebensstil gepasst.“ Und dann „Wir sind viel bereits, wissen Sie. Beruflich. Mein Mann hatte viel im Ausland zu tun, seine Aufträge kamen immer sehr kurzfristig. Heute noch in Paris, und morgen hieß es plötzlich Koffer packen und ab in die Mongolei. Es war sehr spannend.“ Sie lächelte, für einem Moment in der Vergangenheit verloren. „Wow.Da haben Sie sicher viele Fotos,“ sagte Boris und sah sich suchend im Wohnzimmer um. Fehlanzeige.“Oh nein, Fotos gibt es nicht. Dazu waren seine Aufträge viel zu….. Egal. ich denke, Sie sollten Alexander jetzt seine Suppe bringen.“

Als Boris gegangen war, saß das Ehepaar nebeneinander auf der Couch und schwieg. Wie still es war. Die Kaminuhr tickte die Minuten herunter, unwiederbringlich verronnene Zeit. Sinnlos, ihr nachzutrauern, sie enthielt lange schon nichts als Leere. „Wenn das Telefon klingeln und ein Enkelkind seinen Besuch ankündigen würde….“, sagte Alexander. Ursula sah ihn überrascht an. „Sowas sagt DU? Wir waren uns doch beide einig, das….“ „Ja, natürlich. Ich konnte mich nicht um Jan-Joseph kümmern. Und Du..“ „Ich wollte nicht. Sprich es ruhig aus. Nein, in unserem Leben war kein Platz für ein Kind. Es wäre auch viel zu gefährlich gewesen. Kinder sind so unberechenbar . Und so fordernd.“ „Wir hätten ihn bei den Großeltern lassen können.“ „Du weißt genau, dass wir damit verwundbar geworden wären! Agenten dürfen keine Achillesferse haben. Und Jan-Joseph war eine.“

„Ob er das gespürt hat und deshalb zu nah an den Abgrund gekrochen ist?“ „Das ist doch Spekulation.Gut, dass Deine Leute den Vorfall unter den Teppich gekehrt haben. Ich hätte keine bohrenden Fragen tragen wollen.“

„Hättest Du nicht, Ursula. Nein. Aber warum nicht?“

„Gute Nacht, Alexander. Schaffst Du es allein ins Bett?“

Am nächsten Tag kam Boris wieder. Und am übernächsten. Immer wieder fragte er Ursula, ob sie keine Kinder hätten und warum nicht. Schließlich sagte sie ihm, dass sie einen anderen Pfleger haben wolle. Da saßen sie auf dem Balkon, alle drei. Es war ein lauer Frühlingsabend und Boris schlug vor, zum Abschied einen Prosecco zu trinken. Er war ihnen gar nicht böse, so schien es. Das freute Ursula. Ein Ärger weniger.

Als der Wein ihnen beiden bereits zu Kopf gestiegen war und sie sich schon nicht mehr bewegen konnten, setzte Boris sich vor sie hin und sagte: „Der Abgrund war nicht so steil. Einheimische nahmen mich auf und pflegten mich gesund. Sie konnten nicht verstehen, warum meine Mutter mich in den Tod gestürzt hatte. Mir war es lange egal. Aber dann wollte ich es wissen. Ob Du es bereust, Mutter. Jetzt weiß ich, Du tust es nicht. Siehst Du, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich bereue auch nichts.“

 

Wenn ich Dich suche.


Wenn der Schmerz verebbt, kann die Trauer aufsteigen.
Sie legt sich wie ein weiches Tuch um meinen Hals und riecht nach Dir.
Ich gehe ins Gästezimmer, diesen Raum, den Du nur als Gast bewohnen wolltest, und der Dich doch gefangen hielt, in Deinen letzten Jahren.

Ich suche Dich. Hinter geöffneten Schranktüren hängen Deine letzten Lieblingskleider. Ich vergrabe mein Gesicht zwischen den paar Röcken und Pullovern. Schlüpfe in die braune Teddyjacke, finde in der Tasche ein zerknülltes Tuch.

Aber hier bist nicht Du.

An der Stirnseite des Raumes hängst das Kreuz, vor dem ich schon als Kind gebetet habe, auf den Knien: „Bitte lieber Gott, bring meine Mamma bald zurück“. Hinter mir stand mein Vater, Whiskeyglas in der Hand, mehr Angst um Dich als ich.

Und dann höre ich Dich, dort, nur dort, wo ich Dich finden kann! In mir.

Alles ist gut so, wie es ist. Halt mich nicht fest, dann kann ich um Dich sein. Jetzt beginnt Deine Zeit. Genieße sie, so, wie ich meine Zeit genossen habe. Und dann unsere. Erinnere Dich gerne, sieh mich lachen, hör mich sprechen, singen. Aber weine nicht. das entspricht nicht dem Sinn der Zeiten. Es geht mir gut, Und Du sollst kein Mitleid haben, vor allem nicht mit Dir.

Stattdessen trinke die Minuten, tanz die Tage, lebe mir denen, die Dich lieben. Halte mich im Herzen, aber nicht mit Deinen Händen.

 

 

 

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