Wenn ich Dich suche.


Wenn der Schmerz verebbt, kann die Trauer aufsteigen.
Sie legt sich wie ein weiches Tuch um meinen Hals und riecht nach Dir.
Ich gehe ins Gästezimmer, diesen Raum, den Du nur als Gast bewohnen wolltest, und der Dich doch gefangen hielt, in Deinen letzten Jahren.

Ich suche Dich. Hinter geöffneten Schranktüren hängen Deine letzten Lieblingskleider. Ich vergrabe mein Gesicht zwischen den paar Röcken und Pullovern. Schlüpfe in die braune Teddyjacke, finde in der Tasche ein zerknülltes Tuch.

Aber hier bist nicht Du.

An der Stirnseite des Raumes hängst das Kreuz, vor dem ich schon als Kind gebetet habe, auf den Knien: „Bitte lieber Gott, bring meine Mamma bald zurück“. Hinter mir stand mein Vater, Whiskeyglas in der Hand, mehr Angst um Dich als ich.

Und dann höre ich Dich, dort, nur dort, wo ich Dich finden kann! In mir.

Alles ist gut so, wie es ist. Halt mich nicht fest, dann kann ich um Dich sein. Jetzt beginnt Deine Zeit. Genieße sie, so, wie ich meine Zeit genossen habe. Und dann unsere. Erinnere Dich gerne, sieh mich lachen, hör mich sprechen, singen. Aber weine nicht. das entspricht nicht dem Sinn der Zeiten. Es geht mir gut, Und Du sollst kein Mitleid haben, vor allem nicht mit Dir.

Stattdessen trinke die Minuten, tanz die Tage, lebe mir denen, die Dich lieben. Halte mich im Herzen, aber nicht mit Deinen Händen.

 

 

 

Heilt Zeit Wunden?


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Die Zeit heilt keine Wunden. Mit der Zeit verschorfen sie, verheilen, vernarben. Was aber löst den Heilungsprozess aus? Was fördert ihn?

In den ersten Wochen und Monaten nach dem Tod meiner Mutter konnte ich unsere gemeinsamen Spazierwege nicht gehen, ohne dass mir nach wenigen Schritten die Tränen in die Augen schossen. Wege, Wiesen, Bäume verschwammen zum immer gleichen Bild schmerzhafter Erinnerung, und ich sah sie neben mir gehen, resolut, dann zögernd, schließlich ängstlich. Ich hörte ihre Stimme, immer fest und jugendlich. „Nur so eine kleine Runde?“, „Wie viele Kilometer noch?“, schließlich nur noch „ich habe Angst, ich will nicht gehen.“ In diesen Monaten habe ich verstanden, was es heißt, wenn dir das Herz blutet.

Ich suchte andere Wege, solche, die ich nie mit ihr gewandert war. Die Hunden dankten es mir, und wir liefen spielten rannten ohne Schattenbilder.

Doch dann kamen wir nach Hause. Wo sie auf uns wartete. Ich spürte ihre unsichtbare Nähe, hinter mir auf dem Sofa, wenn ich am Schreibtisch saß. Sah sie die Treppe hinunter huschen, lautlos. Manchmal vergrub ich meine Nase in dem Tigerpulli mit den rosa Ohren an der Kapuze, in dem sie gestorben war. Ahnte ihren leichten Duft, der lange verflogen war.

Das Weinen überkam mich immer plötzlich, schüttelte mich mit harter Hand und ließ mich nach ein paar Minuten zurück, erschöpft und atemlos. Es waren diese Momente, in denen sie mir nahe kam, irgendwann. Mit vergessenen Zitaten, so sehr sie, so, wie sie in den letzten Jahren nicht mehr war. Mit ihrer Stimme und, ja, mit einer zärtlichen Berührung. Begegnungen zwischen den Welten, Wundenbalsam.

Und dann natürlich die Landmarken. Alles zum ersten Mal ohne sie. Es lebt sich näher am Horizont, als Vollwaise. Plötzlich ist die Endlichkeit keine mathematische Tatsache mehr, sondern eine Angst, und zwischen dir und dem Treibsand der Welt steht keine Wand mehr, kein Schutz. Meine Mutter schenkte mir eine Schneekugel. Kurz nach ihrem Tod lief das Wasser aus, und der Engel darin steht nun nackt auf dem Boden. So habe ich mich gefühlt, am ersten Advent. Beim Schmücken des Christbaums. Beim Decken der Tafel am Heiligen Abend. Beim „O du Fröhliche“ in der Christmette.

Immer wieder begegnete ich meiner Mutter im Traum. Immer lebte sie – immer war sie viel pflegebedürftiger, hilfloser, unglücklicher als bis zu ihrem Tod.

Am schlimmsten waren die Rauhnächte bis zum 1. Januar. Ich halte nichts von Orakeln und 12 sich öffnenden Monatstüren, nicht von offenen Zeiten. Aber ich bin dünnhäutig genug, um zu spüren, dass die sichtbare greifbare Welt durchlässiger ist für vieles, das um uns herum existieren mag, auch, wenn wir es im Alltag nicht wahrnehmen – oder wahrnehmen wollen. Ich schlief unruhig und angstvoll, im Halbschlaf eingehüllt von düsteren Nebeln.

In einer dieser traumwachen Nächte saß meine Mutter neben mir auf der Bettkante, schaute mit intensiv an und fragte – ich weiß nicht, ob wehmütig – „Ich bin wirklich tot, oder?“. Und ich antwortete: „Ja, Mammina.“

Im neuen Jahr sind die Nebel verflogen. Frischer Mut breitet sich aus, in mir. Ich gehe die altvertrauten Wege. Allein mit den Hunden. Dort drüben auf der Bank an der Schlossmauer saß meine Mutter und wartete ungeduldig, während ich die Tiere zumindest ein paar Runden rennen ließ. Heute springen die Hunde kreuz und quer über die Wiese, graben nach Mäusen und jagen sich gegenseitig. Ich schaue nach rechts zur verwaisten Bank. Da sitzt sie, Entspannt. Und lächelt zu mir herüber.

Und statt bitterer Tränen steigt Freude in mir auf, und ich lächle zurück.

Nein, die Zeit heilt keine Wunden. Aber mit der Zeit werden die Narben ein Teil von mir, der bereichert und immer weniger brennt.

Trotzdem: „Du fehlst“.

Wo Du bist?


Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. „Ciao Mamma“ denke ich und schlucke die Worte. Statt Deiner tapsenden Schritte schleicht Stille aus dem Zimmer die Treppe hinunter und umfängt mich in einer ungewollten Umarmung.

Wo magst Du sein? Irgendwo gefangen zwischen Welten, die Deinem Verstand längst verschlossen waren, diesseits wie jenseits? Oder frei schwebend, endlich wieder alles überblickend? Wo wärest Du gerne? Auf der Bank, den Blick in den himmelhoch ragenden Tannen? Im Hundepark, klatschend und nach Deinen Lieblingen rufend? Nein, am liebsten wärst Du zuhause. Bei Dir. Fünf Jahre lang hast Du Dich danach gesehnt, in in unserem Gästebett, auf dem schmalen Stadtbalkon, Eibennadeln kehrend im Gartenwinkel. „Es ist Zeit, dass ich nach Hause fahre“, hast Du gesagt, in den ersten vier Jahren. Und dann „Ich möchte nach Hause. Ich habe doch ein Haus, oder?“ Und schließlich: „Hatte ich nicht ein eigenes Haus?“ Und ich, als liebevolle Gefängniswärterin, schüttelte den Kopf: „Nein, Mamma, das ist lange her.“ Oder ich, als ungeduldige Aufseherin: „Das Haus ist schon lange verkauft. Du hast nur ein Zuhause, und das ist hier!“ Dein Kopfschütteln, Dein fragender Blick, Dein in-Dich-versinken.

Du fehlst mir. Aber den Schmerz dieser Leere würde ich gerne verdoppeln, in dem Bewusstsein, dass Du wieder so sein kannst, wie Du warst, vor der Auflösung Deiner Gedanken. Das wünsche ich Dir, nein, ich wünsche es mir. Ich möchte Dich gerne so sehen, frei, unbeschwert, hüllen- und grenzenlos. Ich möchte Dich gerne so fühlen, als warmen Hauch in meinem Haar, als zarte Berührung von irgendwoher.

AdventsKalender MiniKrimi vom 16. Dezember 2016


Heute ist die „Kacke am Dampfen“

Kein eigentliche MiniKrimi heute. Dafür gebe ich Euch einen Einblick in meinen ganz normalen kriminellen Pflegealltag…..nichts für Zartbesaitete, die können einen deftig-heftigen Mord wahrscheinlich besser vertragen.

Meine fast 92jährige demente Mutter hat der Infekt als letzte erwischt. Aber wenn es unterm Atem „brodelt“, steigt in der Familie die Angst vor einer Lungenentzündung. Und das vor Weihnachten! Also her mit den Antibiotika, sagt der Arzt. ER muss ja hier nicht Wache halten und die Nebenwirkungen beseitigen. Nach den ersten 1000mg wird der Atem deutlich leiser. Meiner nicht. Der geht immer schneller.

Denn in den letzten 4 Stunden habe ich 5 – ausgeschrieben FÜNF – mal megavolle Durchfallwindeln gewechselt. Eine alte Frau aus dem Bett in die Dusche geschleppt und gehoben, abgebraust, zurück ins – 3 mal frisch bezogene – Bett gepackt und daneben gewartet, bis das Laken wieder braun war.

Leute, die Frage, ob und wann und wie umfassend der nächste Shitstorm wird, ist dramatischer als jeder Thriller.

Deshalb hoffe, ich, dass ich morgen wieder einen kleinen feinen MiniKrimi schreiben kann. Und Ihr ihn lest, ohne die Nase rümpfen zu müssen. Gute Nacht….:!

 

 

WeiseN


Nicht nur Kindermund tut Wahrheit kund. Auch demente Menschen sagen oft Weisheiten und sehen die Welt aphoristisch.

„Die Welt ist sehr groß“, sagte meine Mutter heute im Gespräch mit der Logopädin. Und dann, auf die Bitte um eine Erklärung: „So groß, dass wir nicht wissen, was am Rand los ist“.

 

 

Alles ist gut – die größte Lüge ihres Lebens


„Alles ist gut, Mama“. Die größte Lüge ihres Lebens. Und sie weiß es, davon bin ich überzeugt. Sie weiß vielleicht nicht – mehr – , warum es so ist, aber dass nichts mehr gut ist, bei ihr, das weiß sie genau. Spürt es, wenn sie aufwacht, mitten in der Dunkelnacht, und umherirrt auf der Suche nach der Toilette und sich selbst. Fühlt es, wenn sie aufsteht, mittags statts morgens, und versucht, aus dem Marmeladenglas zu trinken, während sie den Kaffee auf den Toast kippt. Sich mit der Zahnbürste über’s Haar fährt, mit den Beinen in die Ärmel des Pulloverst steigen will und dann, frustiert, verwirrt, ängstlich oder erschrocken das Handtuch wirft vor soviel Selbstverlust im Schwindel versinkt und im Bett.

Wie das wohl ist, wenn man sich verliert? Ich glaube nicht an die tröstlichen Beteuerungen der Neurologen, dass „die Patienten das nicht mehr mitbekommen, haha, weil sie das Vergessen vergessen“. Eine Frau, die ihren „Mann“ gestanden hat, im Krieg Eimer zu brennenden Häusern geschleppt hat, über Leichen gestiegen und, unter einem Kopftuch versteckt, als junges deutsches Ding wie eine Rückkehrerin nach Italien gereist ist, im Zug mit lauter Süditalienern. Eine Frau, die ihre Tochter allein und vielleicht mehr schlecht als recht, aber ordentlich, großgezogen, ein Haus gekauft, einen Garten bestellt und einen 26-Stunden-Tag bewältigt hat, jahrelang. Eine Großmutter, die ihren Enkel gehegt und gepflegt und verstanden hat. Ein Gerüst, dürre Knochen in Helene-Fischer-Jeans und roten Vans, wirres Weißhaar um neue Ohrringe gekämmt – bei „gut erhaltener Fassade“ eine Hülle ohne Inhalt. Oder?

„Alles ist gut“, und dann gehen die anderen, deren Uhren sich noch um den Tag herum drehen und um Tätigkeiten, die sinnhaft sein wollen, gehen die anderen wieder hinaus aus dem Raum, in dem es nach Urin riecht und Raumduft, in dem der Tod sich festgehakt hat hinter der Gardine und vielleicht selbst keine Lust hat, näher zu kommen.

Nur die Hunde besuchen sie. Schnüffeln interessiert am Chemieklo und springen dann, ohne Hintergedanken und aus einer spontanen Liebeslaune heraus, auf ihr Bett, schlecken ihr übers Gesicht, lassen sich streicheln und mit irgend einem Namen benennen, und springen wieder hinunter.

Nichts ist gut. Pflegestufen hin oder her. Nichts und für niemanden. Aber – so ist das Leben.

Ostern ichpunktnull


FreCruxiheit durch Hingabe. Die Botschaft von Ostern, sagte der Prediger im Festgottesdienst. „Halleluja“ händelte der Chor. Dann ich ging ich nach Hause. Frei. Und hingegeben. Meine Mutter wartete schon auf ihr Frühstück. Frohe Ostern wünschte ich ihr. Ostern, du weißt doch…. „Natürlich weiß ich. Ich weiß das viel länger als du!“ Sagt meine Mutter und knabbert an ihrem Toastbrot. Mäusebisse mit Mäusezähnen, die langsam schwarz werden, weil die Zahn- eine Haarbürste ist und die Zahnpaste Schuhcreme, für sie.

Stück für Stück gebe ich mich hin. Jahr für Jahr. Erst ein kleines. Morgens auf dem Tablett mit Kaffee und Toast. Dann noch eins, auf der Hunderunde. Trippeln statt laufen, mit sich wöchentlich verringerndem Radius. Schließlich am Tag, wachend über Schritte, die immer unsteter werden und schattenhafter. Und nachts, denn auch meine Träume gebe ich denkend hin.

Dabei erfahre ich täglich, dass es kein Maß gibt für die Art und Weise, wie ein Mensch sich verliert, keine Maßeinheit und keinen Rhythmus. „Geben Sie sich keinen Illusionen hin“, sagt der Neurologe. „Manchmal wird Ihre Mutter Dinge sagen, die Ihnen richtig und verständig vorkommen. Aber das sind reine Glückstreffer.“ Nein, sind es nicht. Wenn Sie durch das Autodach in den Abendhimmel schaut und mich auf die Schönheit der Wolkenfärbung hinweist, taucht sie tatsächlich auf aus dem Nebel, in dem sie wandern mag. Wenn ich ihr die Zahnbürste in die Hand gebe und sie damit ins Bad geht, Wasser laufen lässt, den Mund spült und gurgelt, dann habe ich ein Stück Erinnerung aus dem Nebel gezogen. Wenn ich „die Gedanken sind frei“ singe, im Refrain, immer wieder, und sie nach Minuten sagt: “ Gedankenfreiheit ist ein wichtiges Gut, und wir müssen darauf achten, dass wir es behalten, denn es gibt Länder, in denen das nicht so ist“, dann hat sie für einen Moment nicht nur ihre Beobachtungsgabe wieder gefunden, sondern auch ein kleines Stück ihrer Würde. So gut Pflegeheime sein mögen, diese winzigen, ganz persönlichen Dämme gegen das Vergessen können nur wir zu Hause bauen. Im Bewusstsein dessen, dass die Krankheit sie wieder einreißen wird. Dennoch.

Also ja. Freiheit durch Hingabe. Aber wie lange? Und: wann kann ich nehmen? Von wem?

Ich weiß ja nicht, wie es anderen pflegenden Angehörigen geht. Für mich ist Hingabe eine Aufgabe, hingeben jedoch bedeutet nicht aufgeben. Weshalb ich mich auch mir selbst hingeben muss, wenn ich frei sein und bleiben will.

Meine Hingabe. Meine Freiheit. Kann nur einen Inhalt haben: Schreiben. Das. Was. Wann? Immer dann.

Wenn ich zur Mutter werde für die Frau, deren Tochter ich bin. Wenn ich Entscheidungen treffe, die ein anderes Leben betreffen. Wenn ich auf Tagen balanciere zwischen Computer und Windeln, Haushalt und Terminen. An Abenden gegen Müdigkeit kämpfe wie Don Quichote. Ich kann und ich will und ich muss. Und ich werde. Um meines eigenen, kleinen, großen Ostern willen…..

Tochter keiner Mutter


Das tolle an Alzheimer, heißt ein Witz, ist die Tatsache, dass du jeden Tag neue Leute kennen lernst. Ich lerne jeden Tag eine andere Mutter kennen. Toll finde ich das nicht.

Die eine feste Größe im Leben eines Kindes ist auch heute noch die Mutter. Zumindest in einem so genannten normalen familiären Gefüge. Der Vater, selbst wenn elternzeitlich intensiv in die Kleinkindbetreuung involviert, ist, so meine Beobachtung, eher der Freund, der Kamerad, wahlweise auch der Buhmann, der für Streiche und Ungehorsam bestraft, oder der letzte Retter vor Mamas Zorn. Ich habe Kinder erlebt, die von ihren Müttern geschlagen wurden, jeden Tag, auf den Kopf. Die allein gelassen wurden, stundenlang, ohne Essen, ohne etwas zu trinken, ohne ein Spielzeug, vielleicht vor dem Fernseher. Ich habe dieselben Kinder schreien hören, ich habe in verschreckte Gesichter und vor Angst weit aufgerissene Augen geschaut, wenn sie von denselben Müttern getrennt werden sollten.

Ich hatte eine Schulfreundin, die mit Hingabe halbrohe Spaghetti mit wässriger Erdbeermarmelade am mütterlichen Küchentisch aß und die dampfenden, mit frisch geriebenem Parmesan gekrönten hausgemachten Lasagne bei mir daheim verschmähte.

Mama. Mutti. Mami. Mom. Mammina. Immer die Beste. Trösterin der Kinderseelen. Konkurrenz und Reibungsfläche vielleicht in der pubertierenden Ablösungsphase. Und dann Ratgeberin. Freundin. Vertraute. Respektsperson, jedenfalls. Liebende Großmutter, schließlich, mit einer breiten Schulter zum Abnehmen der Enkelkinder, die sie natürlich ganz anders verwöhnt als deren Eltern. Die sich darüber wiederum vielleicht ärgern, aber nur ganz kurz und an ihrer geschmeichelten Oberfläche. Und dann beginnt irgendwann der Wandel.

Im Nachhinein ist es schwierig, den Zeitpunkt genau zu bestimmen, an dem die Generationenwippe gekippt ist. Merklich unmerklich werden sie seltener, die ratsuchenden Telefonate. Weil die mütterliche Beratung ausbleibt. Und du denkst, nur vorübergehend verstört, dass du an den Randbereich ihres Lebens gerückt bist, raumzeitlich entfernt. Sie hört dir nicht mehr zu. Schaut aus dem Fenster, hmhmt nur und nimmt nicht mehr Stellung.

Wenn ihr sie besucht, ist der Kühlschrank leer und die Zimmer verstaubt. Der Apfelkuchen misslungen und der Garten verwahrlost. Du machst dir Sorgen, und das macht dich wütend. Du hast ein Recht auf deine funktionierende Mutter!

Schließlich kannst du dich der Wirklichkeit nicht mehr verschließen. Du machst die Augen auf und siehst eine Fremde. Mit fest aufeinander gekniffenen Lippen und schmal geschlitzten Augen. Die lieber ruht als Ausstellungen besucht. Die sich für Politik nicht mehr interessiert und deshalb den Namen der Bundeskanzlerin auch nicht erinnern muss. Aber nicht nur deine Augen sind offen. Auch deine Ohren, und du kannst sie nicht verschließen vor dem, was deine Mutter dir sagt. Mit blitzenden Blicken und eingespreichelten Worten, die aus dem abgestanden riechenden Mund herausspritzen, ohne ihre weißtrockenen Lippen zu benetzen. „Du bist nicht meine Tochter“.

Schon lange habe sie es geahnt. Jetzt habe sie die Gewissheit. Du bist ein illegales Geschöpf deines Vaters, Produkt einer seiner früheren Affären. Denn deine Tochter würde sich nicht so niederträchtig verhalten wie du. Würde sie nicht einsperren in diesem Gästezimmer. Sie nicht zwingen, Medikamente einzunehmen, deren Wirkung sie nicht kenne. Nicht versuchen, sie mit Mahlzeiten (Kaffee und zwei Scheiben Toast zum Frühstück, eine mit Butter, eine mit Mangomarmelade; warmes Mittagessen mit Salat, Käseund Rotwein; Kaffee und Kuchen am Nachmittag; warmes Abendessen mit Rotwein und Digestiv) zu vergiften. Sie nicht verleumden mit erfundenen Geschichten von ihren Irrläufen. Und vor allem darauf aus sein, sie in die Irrenanstalt zu bringen, aus lauter Gier nach dem Erbe. Nein. Das würde ihre leibliche Tochter nicht tun. „Geh weg, verschwinde und fass mich nicht an“, zischt sie. Und was dich am meisten trifft, wie ein Schlag, stärker als die letzte Ohrfeige damals als 14jährige Ausreißerin, ist die Angst, die du in ihren Augen liest.

Angst, wie du sie bei Kindern gesehen hast, als sie von ihren Müttern getrennt wurden. Und du fragst dich, was dir bleibt, von dir bleibt, von ihr bleibt, jetzt, als Tochter keiner Mutter. „Mama“, hat sie mich kürzlich genannt. Ja. So kehren sich die Vorzeichen um.

P.S. DANKE für die lieben, zu Herzen gehenden und von Herzen kommenden Zeilen, die ich als Antwort auf meinen Blog erhalte. Auch, wenn ich mich nicht gleich bei den Absendern rühre: Ihr habt mich mit warmer Hand berührt! DANKE!

Auge um Zahn


Ich weiß nicht, wann sie aufgehört hat, in mir, die Angst vor meiner Mutter. Ebenso wenig weiß ich, worin diese Angst bestanden hat oder wovor ich mich gefürchtet habe. Als Kind, als Jugendliche, als Erwachsene, noch. Vor ihrer Macht. Über mich. Und meiner Ohnmacht. „Deine Mutter war immer für dich da, du Glückliche“, sagte mir kürzlich ein Freund mit dem bitteren Unterton des verlassenen Kindes. Ja, meine Mutter war für mich da. Zog meine Puppen für mich an und setzte sie an den Esstisch, wo sie mich nach der Schule erwarteten. Kaufte mir schöne und praktische Kleidung. Gab mir zu essen und zu lesen, fuhr mich zum Ballet und meldete mich im Tennisclub an. Als ich sie um einen selbstgesrickten Pullover bat, immer wieder, schenkte sie mir einen handgestrickten, für sehr viel Geld bei einer Künstlerin erworbenen. Am Samstagmorgenfrühstückstisch diskutierte sie mit mir über die Probleme der großen Welt. Politik und Kunst. Sie wachte über meinen Intellekt und schärfte meine Argumentation. Ja. Ich war immer satt und sauber. Rundherum.

Wie es ihr ging, ohne den Menschen, der ihre Welt bedeutet hatte, meinen Vater. Wie sie zurechtkam, so als Witwe, in der Männerlebenswelt, unter verheirateten Freunden, außen noch jung, aber mit einem versteinerten Herzen. Darüber sprach sie nicht. Und ich glaube nicht, dass ich zu fragen wagte. Wie es mir ging, so vaterseelenallein in einem kaltfeindlichen Dorf, ausgesperrt von Parties, Cliquen, Kino. Wie ich die weißen Stunden ertrug, in einer Wohnung ohne Echo, in der kein Pullover ankam gegen meinen Frost. Darüber sprach ich nicht. Ich log mich durch unsere Tage.

Wenn ich nachmittags nach Hause komme, steht sie da, mit einem Rechen in der Hand, und hat den ganzen Tag gekehrt. Sagt sie. Ich will in die Küche gehen, einen Kaffee kochen, Toast und Joghurt, Milch, und ihr das alles auf den Esstisch stellen, oder vor den Fernseher. Will ihre Kleidung waschen und die Schuhe putzen.

Nein. Auch, wenn es nicht das ist, was ich als erstes fühle: ich werde zu ihr gehen, lächelnd und mit einem Kuss im Sinn. Und sie in ein Gespräch verwickeln. Fragen, was sie denkt und fühlt gerade. Ich werde es versuchen.

Vielleicht nicht heute. Aber morgen.

Pfirsichhaut


Giardinograzie

„Ab furorem rusticorum libera nos domine“ – lautete der Wahlspruch meines Großvaters, und das seit wer weiß wie vielen Generationen. Das Motto lässt bei aller Deutlichkeit immer noch ein paar Interpretationsvarianten. Heute kleide ich meinen aufstöhnenden Geist in folgende: „Vor den schrecklichen Mühen des bäuerlichen Lebens, vor allem während und nach der Erntezeit, verschone mich der Herr“. Ja, ich genehmige mir sogar den Luxus des Pluralis Majestatis! „Nos“. Den habe ich mir verdient. Und das ganz alleine. Denn meine Mutter – einen boshaften Moment lang argumentiere ich stammbaumtechnisch damit, dass sie aufgrund ihrer nicht eindeutig bzw. nicht beidseitig großbürgerlichen, geschweige denn aristokratischen Herkunft im Grunde viel besser für die nun allein hinter mir liegende Aufgabe geeignet gewesen wäre – meine Mutter also reagierte auf meine tagelangen, mal mehr, mal weniger verschleierten Aufforderungen, die prallen, blassrosaweißen Gartenfrüchte zu verarbeiten, mit einer irritierenden weil meiner Erfahrung nach schlicht aufgesetzten Demonstration ihrer Alzheimer-Erkrankung.

„Ich kann nicht all die Früchte in dem großen Eimer auf einmal essen.“ „Das sollst du auch nicht, Mum. Du könntest sie aber schälen, putzen und kleinschneiden.“ „Pfirsiche braucht man nicht zu schälen. Die Haut kann man mitessen.“ „Ja, Mum. Wenn man einen Pfirsich essen möchte, oder zwei, dann kann man natürlich die Haut  dranlassen. Aber nicht, wenn man 1 Kilo zu Marmelade verarbeiten will. Dann muss man die Früchte  schälen.“ „Warum willst du sie denn verarbeiten? Es ist besser, die Früchte so zu essen.“ „Ja, Mum. Aber das sind zu viele Früchte, um sie zu essen. Du hast z.B. keinen einzigen Pfirsich gegessen, seit wir sie geerntet haben, und das ist schon eine Woche her.“ „Du hast mir keinen angeboten. Ich bin hier nicht zu Hause und kann mich nicht einfach von den Pfirsichen bedienen.“ „Mum, du hast sie doch eigenhändig geerntet und weißt, dass sie verbraucht werden müssen. Das hast du doch selbst gesagt, beim Pflücken.“ „ICH habe nichts geerntet!“ „Gut. Mum, würdest du denn bitte die Pfirsiche putzen, schälen und kleinschneiden? Ich mache dann daraus Marmelade, ist doch schade, wenn die schönen Früchte verfaulen. Einige sind schon halb braun.“ „Dann iss sie doch.“ „Es sind zu viele.  Nimm dir einfach ein paar zum gleich Essen weg, und die anderen schälst du, ja?“ „Man muss sie nicht schälen. Man kann sie so essen.“ „Ja, Mum, aber es sind zu viele.“ „Das ist doch nicht meine Schuld! Immer versuchst du, mir die Schuld zu geben. Du bist unausstehlich. Was ist nur aus meiner Tochter geworden?“ „Mum, du würdest mir wirklich helfen, wenn du die Pfirsiche schälen und kleinschneiden würdest.“ Sie steht im Türrahmen, eine winzige Person, leicht und grau wie eine Feder – eine Stahlfeder. „Ich habe Kopfschmerzen. Ich muss mich hinlegen.“

Zwei Stunden, einen Berg nasser Fruchtschalen und ein paar ruinierte Hände später stehen fünf goldgelb gefüllte Einmachgläser zum Abkühlen auf dem Terrassentisch. Danke, Bruder Pfirsichbaum, denke ich, dann gehe ich zu dem kleinen, gebeugten Baum, der im Garten kauert und auf eine schamanische Weise meiner Mutter ähnelt. Ich küsse seine rissige Rinde und sage: Danke.

Diese Marmelade ist köstlich! Auch, wenn ich kaum jemals bei Dallmayr oder Käfer einen so kostspieligen Brotaufstrich finden geschweige denn kaufen würde. Allein der aus Baumpflege, Pflücken, Rezeptrecherche und Zubereitungszeit summierte Stundensatz treibt den Wert eines der kleinen Gläser ins Astronomische. Aber: mit nichts aufzuwiegen ist das Gefühl, eine Produktionskette von Anfang bis Ende begleitet und geleitet zu haben. Tröste ich mich.

„Mum, probier‘ mal diese Marmelade! Die habe ich gerade gemacht, aus UNSEREN Pfirsichen!“ „Pfirsiche? Aha.“ „Und, wie schmeckt sie?“ „Normal.“ Danke, Mum. Ab furorem rusticorum libera nos domine, denke ich und unterziehe mich der fast ebenso langwierigen Prozedur der Hand- und Fingernagelreinigung.

Aber vorher mache ich ein Foto. Und stelle es ins Netz, neben die 350 Millionen anderen Selbstbildnisse, nur, dass meine Pfirsichhaut die schönste ist.