Adventskalender MiniKrimi am 23. Dezember


Falsch verbunden

„Was ist denn das für eine Frau da neben Opa? Die sieht ja spektakulär aus!“

Marie liegt bäuchlings vor dem Kamin, auf ihrem Schoß ein altes Fotoalbum. Hinter ihr auf dem Sofa, mit einer warmen Decke über den Füßen, sitzt ihre Großmutter. Die beiden haben sich vorgenommen, in der heuer so stillen Weihnachtszeit etwas aufzuräumen und auszumisten. Und heute sind die Fotoalben dran. Dieses hier ist so verstaubt, das hat sicher in den letzten 20 Jahren niemand mehr duchgeblättert.

„Lass mal sehen. Das ist ja….. wie kommt denn das Bild da rein? Ich wusste nicht, dass Max überhaupt noch ein Foto von…. von….. dieser Frau aufgehoben hat.“

Marie spitzt die Ohren. „Das hört sich nach einer spannenden Geschichte an, Oma. Erzähl!“

„Ja, das ist nicht nur eine spannende Geschichte, das ist ein richtiger Krimi.“

Inge lehnt sich auf dem Sofa zurück, schließt kurz die Augen, wie um die Erinnerungen zu sammeln und zu sortieren.

„Das Foto ist von 1950. Damals waren dein Opa und ich noch nicht verheiratet. Er war Postbeamter in einer kleinen Stadt in Hessen. So ein Postbeamter war damals eine richtig wichtige Persönlichkeit. Max verkehrte in den besten Kreisen der Stadt, und er war zu allen Festen eingeladen. Das Foto hier ist bei solch einem Fest entstanden.“

„Und wer ist denn jetzt diese geheimnisvolle Frau?“

„Ihren wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Wir im Amt haben sie immer nur die schwarze Baronin genannt.“

„Die schwarze Baronin? Aber wenn Opa und du euch noch nicht kanntet, woher wusstest du dann von dieser Frau? Und was hatte sie mit Opa zu tun?“

Was sie mit Opa zu tun hatte, ist schnell erklärt: sie wollte ihn heiraten. Und ich kannte sie nicht persönlich – aber ich kannte ihre Telefonnummer!“

„Ach stimmt, du warst ja ‚das Fräulein vom Amt‘.“

„Genau. Und ich musste täglich mindestens zehn Anrufe an die Frau Baronin durchstellen. Und sie selbst telefonierte auch ziemlich viel. Damals war ein einfach, die Gespräche mitzuhören. Bei der schwarzen Baronin waren wir einfach neugierig, weil sie so „begehrt“ war – und von was für Typen! Da waren Stimmen dabei – richtig gruselig. Heute bin ich nicht stolz darauf, aber damals haben meine Kolleginnen und ich uns manchmal einen Spaß daraus gemacht, die Gespräche „abzuhören. Und dabei bekam ich ziemlich schnell heraus, dass die schwarze Baronin ihre Finger in ziemlich schmutzigen Geschäften drin hatte. Naja, und eines Tages rief jemand für sie an, dessen Stimme ich noch nie gehört hatte. Ich kann dir auch nicht sagen, warum, aber er war mir auf Anhieb sympathisch. Er war auch freundlich, nicht so kurz angebunden wie die meisten. Und er bedankte sich für die Verbindung – das war was ganz besonderes.

Und dann wollte er ausgerechnet die schwarze Baronen sprechen! Ich habe ihn natürlich durchgestellt. Und dann telefonierten die beiden immer öfter. Erst einmal die Woche, dann alle drei Tage und schließlich täglich. Inzwischen begrüßten wir uns auch schon wie alte Bekannte, und bevor er sich von mir verbinden ließ, fragte er immer, wie es mir ging. Ich fand ihn toll. Und ich machte mir große Sorgen wegen der schwarzen Baronin. Na gut, vielleicht war ich auch ein wenig eifersüchtig…..

Schließlich belauschte ich ei nTelefonat zwischen der Baronin und einem besonders fiesen Typen. Er hatte einen starken Berliner Akzent und hörte sich für mich wie ein echter Gangster an. Er drohte der Baronin, die wohl eine Rechnung bei ihm offen hatte, ganz unverhohlen. Sie beruhigte ihn und versprach, ihre Schulden sehr bald auszugleichen. Sie hätte da einen Mann an der Angel, der sei bodenständig und habe eine solide Barschaft. Sobald sie ihn geheiratet hätte, würde sie alles zahlen – und noch was drauflegen.

Mir wurde Angst und Bange, denn ich wusste, dass dein Opa eine Schwäche für die Baronin hatte. Es konnte sich also nur um ihn drehen. Als sparsamer Postbeamter hatte er ein bescheidenes Vermögen angespart. Das hatte ich alles über ihn rausbekommen. Wie gesagt, er interessierte mich…..

Ich wollte unbedingt verhindern, dass er der schwarzen Baronen ins Netz ging. Tagelang grübelte ich, aber dann hatte ich einen Plan.

Als der Berliner das nächste Mal bei der Baronin anrufen wollte, sagte ich ihm, die Leitung sei besetzt. Schnell wählte ich die Nummer von Max, sagte ihm, die Baronin wolle ihn sprechen, und hielt ihn so lange in der Leitung, bis die den Berliner und die Baronin verbunden hatte. Dann schaltete ich ihn dazu und hoffe, dass er als Lauscher das richtige zu hören bekommen würde. „

„Was für ein ausgebuffter Plan, Oma. Und – hat es geklappt?“

„Sonst wärst Du heute nicht hier, Marie. Ja, es hat geklappt. May müssen die Ohren geklungen haben, als die Baronin den Berliner wieder mit dem Hinweis auf den baldigen Geldsegen beschwichtigt hat. Aber damit nicht genug: Sie hat ihm auch erzählt, dass sie sich einen dämlichen Postbeamten geangelt habe, stinklangweilig, aber dafür gutgläubig – und gut situiert. Max hat sich nie wieder bei ihr gemeldet, und ich durfte ihre Anrufe an ihn nicht durchstellen.

Nach einiger Zeit lud er mich das erste Mal zum Essen ein…… naja, und der Rest ist Geschichte. Aber die Baronin muss ihn mächtig beeindruckt haben, wenn er ihr Foto die ganzen Jahre aufgehoben hat….“

„Ach, Oma. Vielleicht wollte er sich nur daran erinnern, dass du ihn damals gerettet hast. Was für eine romantische Geschichte!“

„Ja. Da hat sich die Baronin geirrt. Max war alles andere als langweilig. Er war im Gegenteil sehr romantisch. Weißt du, ich vermisse ihn“

„ich auch.“

Foto: deacademic.com

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