Adventskalender MiniKrimi am 16. Dezember


Auf vielfachen Wunsch heute eine Fantasy-Geschichte. Oder ein Märchen. Nicht Korrektur gelesen, weil die Hunde mich zur Abendrunde abholen. Morgen miste ich die Fehler aus. Versprochen!

Die Hummel

„Du darfst sie nicht so nah an dich heranlassen.“ „Ja, klar. Aber wie mache ich das?“ Er saß auf der Treppe vor dem Einkaufszentrum, das Kinn auf sein Skateboard gestützt. Schwarze Strähnen fielen in sein blasses Gesicht. Die Augen, zwei Kohlestücke, hielten den Blick der gebeugten Frau fest, die eine Stufe unter ihm steht. „Wie?“ fragte er. Die beiden bildeten eine Oase im Vorweihnachtskauflauf, links und rechts schoben sich Menschen an ihnen vorbei, Konturen, die zu einer murmelnden Masse verschmolzen.

„Das ist ganz einfach – wenn du weißt, wie es geht.“ Jenseits des kleinen Mäuerchens, das die Eingangstreppen zum Einkaufszentrum begrenzte, sammelten sich vier junge Männer. Skateboards in den Händen, schauten sie zu dem ungleichen Paar hinüber, mit einer Mischung aus Häme und Verachtung. Einer rief: „Versteckst du dich hinter dem Rock deiner Oma! Warte, wir kriegen dich“, in diesem scharfen Flüstern, das so viel lauter ist als ein leises Wort.

„Oder auch nicht“, sagte die gebeugte Frau. 

Wenig später saßen sie in ihrem Häuschen, efeuumrankt, von einem knorrigen Birnbaum beschattet. Bis zur chrom- und glasglitzernden Einkaufswelt waren es nur ein paar Hundert Meter – und doch stand das Haus auf einem anderen Kontinent. Während er den Einkaufs-Trolley durchs hohe Gras zog – sie vorneweg und immer wieder rufend: „Vorsicht, nicht auf den Löwenzahn hier vorne treten“, und „Achtung, Gänseblümchen voraus“ oder „Wollen wir reingehen oder lieber zuerst der Hummel folgen?“ – fiel jedes Gefühl von Raum und Zeit von ihm ab. Zuerst konnte er nicht verstehen, warum er sich überhaupt mit den Skatern eingelassen und auf ihre Provokationen reagiert hatte. Dann vergaß er sie ganz und gar. 

In dem kleinen Zimmer mit der Tapete aus himmelblauem Samt, auf der gemütlichen Bank rund um den grünen Kachelofen, in dem trotz des Sommers ein munteres Feuer die Luft mit Wärme und Lavendelduft füllte, atmete der Junge so klar und frei wie lange nicht mehr. Wie noch nie, eigentlich. Seine Eltern waren geschieden, seine Mutter lebte in einer anderen Stadt, seinen Vater sah er nur, wenn er ihm das Wochengeld auf die Bettdecke legte. Der Junge wusste nicht einmal genau, wo er arbeitete – oder was genau. In der oberen Etage einer Bank, mit einer Sekretärin, die keine Anrufe durchstellte. Auch nicht, als sein Sohn von einem Bus angefahren worden war und der Vater die Einwilligung zu einer OP hatte geben sollen. 

Das war lange her. Und doch hatte sich wenig geändert. Er wohnte noch zu Hause. Die Schule hatte er hinter sich gelassen. Jetzt stand er vor seinem Leben und wusste nicht, welche Weg er nehmen sollte. Also ging er mal hierhin, mal dorthin, mit dem Skateboard unterm Arm und unter den Füßen. Er ließ sich treiben, ein Tropfen im Strom. So sah er sich. Doch die Menschen, denen er begegnete, schienen in ihm etwas anderes zu erkennen. Etwas, das störte. Sie. Ihren Rhythmus. Obwohl er nichts tat, außer einfach da zu sein. Sich zu bewegen, zu stehen, zu sitzen. Als sei er ein schwarzer Block, eine undurchdringliche Materie, die sich ihnen in den Weg stellte. Sie daran hinderte, weiterzumachen mit dem, was sie gerade taten. Er spürte ihre Unsicherheit, ihren Widerwillen, ihre Abneigung wie eine Druckwelle, ohne sie anzusehen. Manchmal gelang es ihm, an ihnen vorbeizugleiten wie Wasser. Aber oft hielten sie an, oder inne, und schimpften auf ihn ein. Rempelten, schlugen und traten ihn. Er wehrte sich nicht, wusste nicht wie und auch nicht warum. So war es auch heute gewesen. Er war mit dem Skateboard die Treppen heruntergefahren, ohne die anderen zu beachten. Doch sie hörten auf, sich gegenseitig mit Kunststücken zu überbieten, und machten Front gegen ihn. Drückten ihn an das Mäuerchen, griffen nach seinem Board. Ein gutes, teures. Wenn die gebückte Frau nicht gekommen wäre, hätten sie es ihm wohl weggenommen.

Aber auch das schien nun lange her zu sein. Sie schenkte ihm die dritte Tasse Tee ein, ein blässliches Gebräu, in dem winzige Blüten wie Schneeflocken schwammen. „Siehst du, so geht das. Wenn sie auf dich zukommen, ziehst du dich einfach zurück. Immer mehr. Stülpst dich ein. Sitzt auf der Bank und trinkst Tee. Lässt den Raum hinter dir, und die Menschen, die dich ummauern. Atmest die Weite. Ganz einfach.“

Er wusste nicht, was daran einfach sein sollte. Aber er fühlte, dass es so war. Nachdem er eine kleine Weile in dem Lavendelzimmer gesessen und Tee getrunken hatte, sagte sie: „Nun geh.“

Es nahm sein Skateboard und lief durch das hohe Gras bis zu dem windschiefen Tor im verwitterten Holzzaun. Als er es hinter sich schloss und sich zur Straße drehte, war es dunkel. Die Laternen gossen gelbe Streifen auf den Gehweg. Zuhause angekommen, sah er auf die Uhr. Es war weit nach Mitternacht.

Schon bald stand er wieder da, diesmal in der Schlange vor einem Eiscafé, als die Leute hinter ihm plötzlich anfingen, mit ihm zu streiten. Er hatte nichts gesagt und auch nichts getan. Außer dazustehen. „Was drängelst du dich vor? Was glaubst du, wer du bist? Hey, fass meine Freundin nicht an.“ Und schon begann ein bedrohliches Schieben und Stoßen. „Lass sie nicht zu nah an dich ran“, murmelte die gebeugte Frau. „Ich versuche es. Kann ja nur besser werden“, dachte der Junge und begann, sich in sich selbst zurückzuziehen. Erst die linke Hand, dann die rechte, dann die Beine, schließlich stülpte er sich ganz und gar ein. Als er sich wieder entfaltete, stand er vor dem windschiefen Tor mit dem verwitterten Holzzaun. Er ging durch das hohe Gras, achtete auf den Löwenzahn und die Gänseblümchen und  – nein – ging auch diesmal nicht der Hummel hinterher. Drinnen saß er auf der Bank vor dem grünen Kachelofen, und diesmal war die Luft mit warmem Melissenduft erfüllt. Die gebeugte Frau schenkte ihm Tee ein, ein blässliches Gebräu, in dem lila Blüten wie Feenaugen schwammen. Irgendwann sagte sie wieder: „Nun geh.“ 

Draußen vor dem Café stand nur er. Der Laden war längst geschlossen, und Krähen zankten sich um die Eiswafellreste, die neben dem Mülleimer lagen.

Immer, wenn er wieder angegriffen wurde, zog der Junge sich zurück. Immer war das Holztor offen, immer blühten Löwenzahn und Gänseblümchen, auch, wenn er eben noch auf dem Eiskanal gestanden und Schlittschuh gelaufen war. Aber wenn er wieder zurückkam, war es manchmal nicht mehr Abend, sondern ein neuer Tag war bereits angebrochen. Oder schon wieder vorbei. Das machte dem Jungen nichts aus, denn was hatte er schon zu tun? Oder zu verlieren?

Eines Tages, kurz vor der Wintersonnenwende, ging er bei Anbruch der Dunkelheit in den Englischen Garten. An dem kleinen See mit der Schwaneninsel flackerten Fackeln, Menschen standen in Gruppen zusammen, tranken Glühwein und aßen Maroni. Den Jungen überkam eine tiefe traurige Einsamkeit. Wie gern würde er sich daneben stellen. Dabei sein. Dazugehören. Er ging hinunter zum Wasser. Kleine Wellen schwappten leise ans Ufergras. Die Gänse schliefen längst in den Büschen, nur Fledermäuse zogen von Baum zu Baum. Da stand plötzlich ein Mädchen neben ihm. Haare so lang wie seine, nur rot. Augen so groß wie seine, nur grün. Im Fackelschein sprühten sie Funken. „Bist du auch allein?“, fragte sie. Und er nickte. „Dann sind wir schon zwei.“ Sie lächelte und streckte die Hand nach ihm aus. So vertraut war diese Geste, dass er vergaß, sich zurückzuziehen. Und dann war es zu spät. Sie zog und zerrte an seinem Arm, riss ihn mit sich, hinein in den See, in die leisen, schwarzschwappenden Wellen. Immer tiefer und weiter. Nur mit größter Anstrengung gelang es ihm, seine Finger von den ihren zu lösen. Und er schlüpfte in sich hinein. Erst mit dem linken Arm, dann mit dem rechten. Mit den Beinen, das war schwierig, weil der nasse Stoff steif und unbeweglich war. Aber schließlich gelang es ihm.

Das Holztor klemmte, und er musste mit aller Kraft drücken, um es zu öffnen. Das Gras war kniehoch, und statt Löwenzahn und Gänseblümchen hatten sich Kletten und Giersch breit gemacht. Die Hummel suchte er vergebens. Aber drinnen war alles wie immer. Die Bank und der Kachelofen. Nur roch die Wärme diesmal nach Weihrauch. Und der Tee schmeckte rauchig. Er saß und trank, er atmete und trank. Ohne Raum. Ohne Zeit. „Willst du mich heute nicht fortschicken?“, fragte er die Frau. Auch sie war anders. Grauer. Zerstaubt. Die Stimme wie brüchiges Pergament. „Nein. Du gehst oder bleibst, heute ist es an dir, zu entscheiden.“

Als der kürzeste Tag des Jahres anbrach, fanden Spaziergänger einen leblosen Jungen am Ufer des kleinen Sees mit der Schwaneninsel. Zartrotes Sonnenlicht koste sein schwarzes Haar. Eine Hummel setze ihren Flügelschlag aus und berührte mit ihrem flaumigen Körper die kalte Stirn.

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