Was, wenn Maria heute leben würde?


Natürlich gibt es viele Mariae. Ist nach wie vor ein beliebter Name, aktuell in seiner Kurzform „Marie“. Gestern habe ich in der Christmette darüber nachgedacht, wie und wer Maria heute sein könnte. Nicht 1.0, nicht 2.0, sondern Maria 1-4, aber immer eine von uns.

Maria, die Mutter Jesu, hat vor vielen tausend Jahren gelebt. Aber nicht nur dann.

Sie war nicht die erste und nicht die letzte in einer langen Folge von „Mariae“.

Die einen auf Händen getragen, minnebesungen, kleingehalten. Die anderen als Herrscherinnen verehrt und getötet. In diesem Spannungsfeld lebt Maria bis heute.

In dieser Christmette lade ich euch ein, vier Mal Maria heute kennenzulernen.

Maria 1: die Hausfrau

Die kennt ihr vielleicht sogar? Oder erkennt euch in ihr wieder, teilweise?

Von der staden Zeit im Advent hat sie nicht viel mitbekommen. Alles dekoriert. Plätzchen gebacken, mindestens 10 Sorten. Geschenke ausgedacht, gekauft und eingepackt. Das Haus geputzt.

Mann und Kinder zu Weihnachtfeiern gebracht und abgeholt. Zwischendrin die kranke Nachbarin zum Arzt begleitet. Oder so.

Den Baum geschmückt. Weihnachtsessen geplant, gekauft, gekocht.

Jetzt ist es 22 Uhr. Irgendwo läuten Glocken.
Jetzt einen Moment die Stille genießen. Wäre schön.

Maria 1 schaut aus dem Fenster. Sieht oben am Himmel ein helles Licht.
Was ist das?

Maria heute: die schwangere Geflüchtete

Maria 2 kennt ihr bestimmt. Persönlich oder aus den Medien. Den Nachrichten., den Sozialen Netzwerken. Je nach Medium neutral, positiv oder als Hasssymbol dargestellt.

Sie ist vor drei Monaten hier angekommen. Nach einer endlosen, lebensgefährlichen Flucht aus ihrer Heimat. Nicht, weil sie es dort nicht mehr lebenswert fand, cool oder hip. Nicht, weil sie sich in Deutschland die Zähne richten lassen wollte, oder ohne Arbeit im Geld schwelgen.

Nein, in ihrer Heimat wurde ihr Leben bedroht. Weil den Frauen dort alle Rechte genommen wurden: Das Recht auf Bildung. Das Recht, sich frei zu bewegen – ohne Mann an ihrer Seite. Das Recht, zu sprechen. Das Recht, sich zu kleiden. Das Recht, zu arbeiten.

Weil sie in ihrem Land von Männern immer und ungestraft misshandelt werden konnte. Maria 2 war Lehrerin. Vor dem Berufsverbot. Mit ihrem letztem Geld hat sie die Flucht bezahlt.

Während dieser Flucht wurde sie vergewaltigt. Mehrfach. Übrigens wie alle alleinreisenden Geflüchteten, sagten die Ärztinnen in den  Erstaufnahmeeinrichtungen.

Als Maria 2 hier ankommt, ist sie schwanger. Alleine. Fremd. Schutzlos, sogar in dem Haus, in dem sie leben muss, bis die Behörden über sie entscheiden.

Irgendwo läuten Glocken.

Jetzt tief Luft holen. Unbeschwert. Wäre schön.

Maria 2 schaut aus dem Fenster. Sieht oben am Himmel ein helles Licht.

Ist das für mich?

Maria heute: Die Klimaaktivistin

Maria 3 habt ihr vielleicht in eurer Familie?

Sie ist jung, intelligent. Unangepasst. Unangenehm.

Sie macht nicht, was von ihr erwartet wird: Schule, Ausbildung, Beruf, Arbeiten, Auto, Urlaub, Heirat, Kinder, Eigenheim.

Maria 3 macht sich Sorgen. Um die Welt, in der sie lebt. Sie fürchtet, dass bald niemand mehr hier wird leben können. Dass sie keine Zukunft hat. Dass Kinder morgen keine Zukunft haben.

Maria 3 erkennt die Zeichen des Klimawandels. Sieht, was alle sehen, aber sucht nicht nach Entschuldigungen. Sie glaubt, dass die Welt gerettet werden muss. Und wer, wenn nicht sie, kann das tun? Sie, zusammen mit immer mehr anderen, die auch so sehen, denken und handeln.

Maria 3 fühlt sich unverstanden. Von der Familie gemieden. Beschimpft. Heute, am Heiligen Abend, ganz besonders. Diese Berge von Geschenken, Essen, Konsum. Am Ende alles Müll.

Irgendwo läuten Glocken.

Nur einen Menschen finden, der versteht. Das wäre schön!

Maria 3 schaut aus dem Fenster. Da ist ein Licht oben am Himmel.

Der Anfang vom Ende?

Maria heute: alt und einsam

Maria 4 kennen wir alle, und keiner will so werden. Und doch…

Sie war eine wunderschöne Frau. Geliebt. Sie hatte ein tolles Leben. Kein einfaches, kein besonderes. Sie und ihr Mann haben alles gmeinsam gemacht und gemeistert. Sind zusammen Rad gefahren. Gewandert.

Sie war immer da für alle. Ihre Eltern, ihren Mann, die Kinder. Die Kinder sind weggezogen. Der Mann ist gestorben. Die Freundinnen und Freunde auch.

Irgendwann war das Alleineleben zu beschwerlich. Den Einkauf schleppen, den Blutdruck messen, die Wohnung putzen.

Die Kinder haben ein Heim für sie gefunden. Da sind alle so wie du, da passt du super rein, haben sie gesagt. Aber als alte Frau ist es nicht leicht, sich irgendwo neu einzufinden. Sie läuft schlecht, hört schlecht, und sehen tut sie auch nicht mehr gut.

Die Kinder kommen schon lange nicht mehr. Auch heute nicht, am Heiligen Abend. Sie haben ein Paket geschickt. Mit 4711. Dass es das noch gibt?

Irgendwo läuten Glocken.

Immer allein, da kann sie auch ganz verschwinden.

Maria 4 schaut aus dem Fenster ihres kleinen Zimmers. Da ist ein Licht obe am Himmel!

Holt mich das Christkind zu sich?

Das Wunder

Maria 1, 2, 3 und 4 treffen sich auf dem kleinen Platz, um den herum sie zufällig alle wohnen. Sie schauen auf das helle Licht am Himmel. Ein Stern? Ein Strahler? Eine Drohne? Was auch immer.

Sie schauen sich um.

Sie schauen sich an.

Sie lächeln.

Verbunden durch diesen Moment des Lichts. Das ist ein Wunder, denkt jede für sich.

„Wunder gibt es immer wieder“ singt Katja Ebstein. „Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.“

„Wir sehen nur mit dem Herzen gut“, sagt der kleine Prinz.

Ich wünsche euch und uns, dass wir in diesem göttlichen Licht, das heute Nacht geboren ist, die Wunder sehen, die uns begegnen. Und dass wir für andere zu solchen Wundern werden.

MiniKrimi Adventskalender am 24. Dezember


Meine Lieben, heute geht das vor-letzte Türchen meines MiniKrimi Adventskalenders 2025 auf! Ja, morgen kommt noch mal etwas. Traditionell wird das meine Christmetten-Predigt sein.

Doch jetzt freut euch auf die Story meiner Mörderischen Schwester Sandra Halbe: die Kapitel 2 und 3 aus ihrem Kriminalroman:

Verlorene Träume

Stünzel ist der kleinste Ort, der zu Bad Berleburg gehört. Jedes Jahr im Juni findet hier auf dem Festplatz die Kreistierschau, das Stünzelfest, statt. Dass hier an jenem Wochenende 25.000 Besucher feiern, ist jetzt, im November, nicht zu sehen, und so haben wir kein Problem, einen Parkplatz zu bekommen. Krankenwagen und Notarzt sind bereits eingetroffen. Ich notiere mir schnell die Nummernschilder der beiden übrigen Autos, die hier geparkt sind, und stolpere dann hinter Alex her, der zügig in Richtung Wald vorangeht. In den letzten Tagen hat es viel geregnet, sodass der Boden stellenweise matschig ist. Auch geschneit hat es vor ein paar Wochen schon einmal, hier und da sind noch Reste von Schnee zu sehen. Immer wieder sinken meine Füße ein, und so komme ich nur langsam voran. Ein paar Meter vor mir höre ich Alex leise fluchen. Ihm geht es offenbar nicht anders. Endlich kommen wir auf der Lichtung an. Mein Blick fällt auf ein winziges Gebäude, das in den Wald hineingebaut ist. Die Tür steht sperrangelweit offen, auf dem Dach ist ein kleiner Holzzaun angebracht. Ein alter Rübenkeller, schießt es mir durch den Kopf. Davor stehen der Notarzt und zwei Sanitäter und winken uns zu. Ein paar Meter entfernt kniet eine Frau über etwas im Gras, das ich von hier aus nicht erkenne. Eine weitere Frau steht neben ihr, einen Terrier angeleint zu ihren Füßen. Alex geht auf den Rübenkeller zu, ich steuere die beiden Frauen an. 

 »Caroline König von der Polizei«, weise ich mich aus. »Können Sie mir sagen, was hier passiert ist?« 

 »Wiebke Schneider«, stellt die Frau mit dem Hund sich vor. »Ich bin hier mit meinem Rocky spazieren gegangen, wie jeden Sonntag. Da hinten hab ich die Frau liegen sehen. Sie hat nicht auf meine Rufe reagiert, nur leise gestöhnt. Ich wollte ihr helfen, aber ihr dummer Hund hat mich nicht zu ihr gelassen, also hab ich einen Krankenwagen gerufen.« 

 »Ihr Hund hätte vermutlich nicht anders reagiert«, mischt sich die Frau ein, die vorher auf dem Boden gekniet hat. Vor ihren Füßen steht eine Transportbox, in der ein zweiter Hund leise knurrt. 

 »Was ist mit ihm?«, frage ich. »Ich habe ihn da hinein verfrachtet, so beruhigt er sich. Ich bin Andrea Klein vom Ordnungsamt. Die Kollegen vom Rettungsdienst haben mich gerufen, damit ich ihnen einen Weg zu der Frau verschaffe.« 

 »Hätte man da nicht einen Tierarzt rufen müssen, um ihm ein Beruhigungsmittel zu spritzen?«, wundert sich Wiebke Schneider. 

 »Nein, in solchen Fällen ist das Ordnungsamt zuständig. Ein Tierarzt kennt den Hund auch nicht zwingend und weiß nicht, auf welche Mittel er allergisch reagiert. Deswegen kommen wir mit einem langen Stock, an dem eine Schlinge befestigt ist, und verfrachten den Hund in eine Transportbox.« Sie zeigt auf die Box, aus der mittlerweile nur noch ein leises Winseln kommt. »So ist kein Medikament nötig. Hunde sind für ihren stark ausgeprägten Beschützerinstinkt bekannt. Wenn das Frauchen wehrlos am Boden liegt, kommt dieser zum Vorschein. Das ist leider nicht immer ideal, weil so auch Helfer vom Opfer ferngehalten werden.« Sie zuckt mit den Schultern. »Ich hab mir mal das Sprunggelenk gebrochen, mitten im Wald. Als ich da lag, haben Spaziergänger versucht, mir zu helfen. Keine Chance. Mein Hund hat sie nicht gelassen, obwohl ich bei Bewusstsein war und ihm immer wieder versichert habe, dass es okay ist, wenn diese Leute mir nahekommen. Erst als mein Lebensgefährte auftauchte, hat Joy sich beruhigen lassen und man kam an mich heran, um mir zu helfen. Diese Frau konnte sich nicht verständigen, sodass die Reaktion ihres Hundes nach vollziehbar ist. Ihr Hund hätte nicht anders reagiert.« 

 Hat die Frau während ihrer Ausführungen nur einmal Luft geholt? Ich staune. »Was passiert jetzt mit dem Hund?«, frage ich und wappne mich für den nächsten Redeschwall. 

 »Ich bringe ihn zum Hof Birkefehl und hinterlege den Standort bei Tasso. Das ist eine zentrale Datenbank, in der Besitzer nach vermissten Tieren suchen können. Vielleicht kommt die Frau ja wieder auf die Beine. Dann weiß sie, wo sie ihren Liebling abholen kann.« 

 Ich sehe in Richtung Rübenkeller. Die beiden Sanitäter und der Notarzt stehen ein paar Meter abseits, während Alex wild gestikulierend mit seinem Handy Verstärkung anfordert. »Davon sollten wir wohl nicht ausgehen«, murmele ich. 

Ich wate durch den Schlamm hinüber zu Alex. Die Tote, die zu seinen Füßen auf dem Rücken liegt, ist meiner Schätzung nach Anfang 20. Sie trägt wetterfeste Kleidung, die langen, dunklen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Die blaue Windjacke ist am Bauch dunkelrot verfärbt. 

 »Der Notarzt hat den Tod der Frau festgestellt. Vermutlich ein Messerstich. Ingrid ist auf dem Weg, um die Spuren zu sichern«, sagt Alex. Auch wenn eindeutig zu erkennen ist, dass die Frau nicht mehr lebt, müssen wir auf einen Arzt warten, der den Tod offiziell feststellt. Erst dann können wir unsere Ermittlungen aufnehmen und einen Rechtsmediziner rufen, der weitere Untersuchungen an der Toten durchführt. Ich werfe einen Blick auf die Flut von Fußabdrücken rund um den Rübenkeller, die allein die Sanitäter und der Notarzt hinterlassen haben. Hinzu kommen unsere. Unwahrscheinlich, hier eine Spur zu finden, die uns weiterbringen wird. 

 »Ingrid wird begeistert sein.« Ich bringe Alex auf den neusten Stand: »Als die Frau gefunden wurde, hat sie laut der Zeugin leise gestöhnt. Sie ist also noch nicht lange tot.« 

 Alex nickt. »Der Rechtsmediziner kommt aus Siegen, braucht einen Moment länger.« 

 »Lag die Frau im Keller oder davor?« 

 »Davor. Möglicherweise hat sie sich an die Tür gelehnt und ist daran zu Boden geglitten.« 

 »Das ist doch Frauke!« Eine Sanitäterin kommt auf uns zu. »Die wollte hier bestimmt ein Video für ihren Kanal drehen!« 

 »Wer ist Frauke?«, will Alex wissen. »Und was für ein Kanal?« 

Die Sanitäterin schnalzt mit der Zunge und wirft mir einen verschwörungsvollen Blick zu. »Männer! War ja klar, dass der Frauke Blöcher nicht kennt.« 

 »Ich kenne sie auch nicht«, antworte ich zu ihrer Enttäuschung. »Helfen Sie uns bitte auf die Sprünge, Frau …?« 

 »Bender. Janine Bender. Frauke ist Physiotherapeutin und betreibt den Kanal ›Fit mit Frauke‹ in den sozialen Medien. Sie veröffentlicht dort regelmäßig Fitnessvideos. Seitdem ich immer wieder mit ihr Sport mache, habe ich schon fünf Kilo abgenommen.« Sie wirft einen stolzen Blick auf ihren schlanken Bauch. 

Ich krame nach meinem Notizbuch und notiere mir schnell den Namen des Opfers. »Und Sie denken, hier wäre ein geeigneter Platz für ein Fitnessvideo?«

»Das war ja das Besondere an Fraukes Videos! Sie hat da für oft Orte hier in der Gegend und unter freiem Himmel aus gesucht. Letztens war sie auf dem alten Sportplatz in Laasphe. Da verdeckte das Gras ihre Beine fast komplett. Deswegen hat sie nur Übungen für den Oberkörper gefilmt, um zu zeigen, dass man immer etwas für seinen Körper tun kann. Hier wäre es wahrscheinlich ein Video nach dem Motto ›Platz ist in der kleinsten Hütte‹ geworden. Man sollte nie eine Ausrede haben, keinen Sport zu treiben. Das hat Frauke mit ihren Videos humorvoll vermittelt.« Janine Bender sieht bedauernd auf die Frau zu ihren Füßen. »Schade, dass es keine Videos mehr von ihr geben wird. Jetzt muss ich mir wohl einen anderen Sportkanal suchen.« 

Das Foto von Sandra Halbe hat Tina Laser gemacht.

Mehr über die Autorin findet ihr hier:

Webseite: www.sandra-halbe.de

Instagram: Sandra_Halbe

MiniKrimi Adventskalender am 23. Dezember


Bevor ihr in andächtig gemütliche Weihnachtsstimmung verfallt, lest erst einmal den Krimi von Lydia H. Und dann bleibt wachsam!

Oh Tannenbaum

Da die schöne Dachgeschosswohnung nach dem Ableben des Ehepaares Hochmut leider – oder glücklicherweise – verwaist war, begab es sich, es war kurz vor Heiligabend, dass eine neue Familie in die tief verschneite Minervastraße zog. Diese Gelegenheit konnten sich Marie und Joschka, beide 35, einfach nicht entgehen lassen. Vor einem Jahr noch hätten sie von einer so teuren Wohnung in einem so noblen Ambiente nicht einmal zu träumen gewagt. Als selbständiger Schreiner verdiente Joschka nicht wirklich viel, und Marie war seit der Geburt der Zwillinge Hausfrau. Eine unerwartete Erbschaft war ihr Weg aus der Armut und der Mietskaserne in einem sogenannten Münchner Glasscherbenviertel gewesen.

Der Umzug kam genau zum richtigen Zeitpunkt, denn Marie stand kurz vor der Niederkunft mit ihrem dritten Kind. Der ausgezählte Termin war Heiligabend. Ein Junge sollte es werden, und Christian sollte er heißen, sehnsüchtig erwartet nach den Zwillingen Clara und Mara, 6 Jahre alt. Die schäbige 3 Zimmer Wohnung war schon mit 2 Kindern eine Herausforderung gewesen. Nun würden die Mädchen ihr eigenes Reich bekommen, und Christian auch. Joschka würde die Kinderzimmer liebevoll mit fantasievollen Holzmöbeln einrichten, und Marie nähte Gardinen mit Sonne, Mond und Sternen.

Flashback

Genau an Heiligabend, ein Jahr zuvor, hatte ein großes Unglück seinen Lauf genommen. Petra, Maries 20 Monate jüngere Schwester, hatte sich kurzfristig selbst bei der Familie zur Weihnachtsfeier eingeladen. Nach der plötzlichen Trennung von ihrem damaligen Freund stand sie an Heiligabend alleine da. Die Eltern der Schwestern waren schon lange tot, und weitere Verwandte gab es nicht. Petra war in allem das genaue Gegenteil von Marie. Sie lebte auf großem Fuß, was sie ihren wechselnden, aber immer sehr wohlhabenden Lovern zu verdanken hatte. Petra war nicht nur sehr schön, sie hatte auch etwas Verführerische an sich, dem ihre meist deutlich älteren Männer nicht widerstehen konnten. Natürlich hatte Petra auch etwas nachgeholfen, was sie aber niemals zugegeben hätte. Neue große Brüste, eine aufwändige vergrößernde Neugestaltung der gesamten Augenpartie, aufgespritzte Lippen, Extensions in den pechschwarz gefärbten Haaren. Das Ganze komplettiert durch schwindelerregend hohe Louboutins und enganliegende, sündhaft teure Kleidung. Von ihrem Makeup ganz zu schweigen.

Volle 2 Stunden verbrachte Maries Schwester täglich damit, sich herzurichten. Eine gute Investition, fand Petra. Und ihr Kontostand gab ihr Recht. Nur der letzte Coup war ihr bislang misslungen. Ihr letzter Ex – ihre Reihe an lukrativen Exfreunden war länger als die Maximilianstraße – hatte bei Petras Verlangen nach einem sündhaft teuren Penthaus in Bogenhausen dann doch kalte Füße bekommen. Bei 3 Millionen Euro und Petras zuckersüß unterbreitetem Vorschlag, sie doch als alleinige Besitzerin einzutragen, weil sie ihn ja sowieso nach der Hochzeit (möglichst zügig, aber das sagte sie nicht) beerben würde, war dann wohl sogar für den 75-jährigen Edward zu viel gewesen. Offenbar hatte seine Liebesblindheit materielle Grenzen. Ein blöder Fehler, aber nach einem Jahr Hinarbeiten an den „alten Sack“, wie sie ihn Freunden gegenüber nannte, war Petra ungeduldig geworden. Bei ihren bisherigen Männern war sie schließlich immer deutlich schneller ans Ziel gekommen und musste auch nur 2 Mal etwas nachhelfen. Unauffällig, diskret und elegant natürlich, was angesichts des fortgeschrittenen Alters ihrer Zielgruppe nicht schwer gewesen war.

Und nun sah Petra sich gezwungen, Heiligabend mit ihrer armen Familie zu verbringen. Mit Grausen sah sie die alte und immer frisch gebohnerte Treppe vor sich, die ihr wegen der hohen Schuhe schon beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Einen Aufzug gab es in der Mietkaserne aus Vorkriegszeiten natürlich nicht. Selbstverständlich brachte sie das Abendmahl mit – wer weiß, was ihre Schwester ihr sonst zu essen angeboten hätte. Am Ende sogar Wiener Würstchen vom Discounter mit Kartoffelsalat! Also holte Petra aus einem üppigen Picknickkorb Gänsestopfleber, warme Brioches. Dazu natürlich eine Kiste Dom Perignon, um Petra in die Lage zu versetzen, diesen Abend mit Anstand durchzustehen. Nur ein einsamer Abend zuhause wäre noch unerträglicher gewesen.

Auch für angemessene Weihnachtsschmuck würde Petra sorgen.  Schließlich hatte sie im letzten Jahr von Edward eine Kollektion kostbaren antiken Weihnachtsschmuck geschenkt bekommen, dessen Krönung ein wunderschöner silberner Stern war. Nur die Besorgung des Tannenbaumes hatte sie ihrem Schwager überlassen. Nicht ohne genaue Instruktionen natürlich. Darum machte Petra sich schwankend – sie hatte den Champagner doch kosten müssen – auch schon um 17:00 Uhr auf den Weg zu ihrer Familie. Die zur Feier des Tages besonders hohen Stilettos verliehen Petra schon im nüchternen Zustand, was allerdings nicht oft vorkam, den Gang eines Matrosen auf hoher stürmischer See.

Der Heilige Abend verlief unspektakulär und soweit nach Plan. Jedenfalls bis Petra die zweite Flasche Champagner intus hatte. Die Kinder waren im Bett, und die Erwachsenen ließen den Abend ausklingen. Da begann Petra, eigentlich mehr aus Gewohnheit denn aus echtem Interesse, ihrem Schwager schöne Augen zu machen, und dieser, unter dem Einfluss einer beträchtlichen Menge Alkohol, schien nicht abgeneigt zu sein. Schließlich hatte seine Schwägerin bis dahin nur Häme für ihn, den Versager, übriggehabt. Nach einer weiteren Flasche Dom Perignon platzte Marie schließlich der Kragen. Schon in ihrer Kindheit hatte Petra ihr mehrmals den Mann ausgespannt. Sie schmiss Petra regelrecht raus. Diese wiederum forderte lautstark ihren exklusiven Weihnachtsschmuck zurück, was Marie und Joschka sofort in die Tat umsetzten. Zuoberst in dem schweren Karton kam der Weihnachtsstern zu liegen. Eine Absicht konnte den beiden später nicht nachgewiesen werden.  Immerhin erreichte Petra noch die 2. Etage, bevor sie auf der spiegelglatten Treppe ausrutschte und unter Gepolter im ersten Stock zu liegen kam. In einer großen Blutlache. Der Weihnachtsstern hatte ihr das Herz durchbohrt.

1 Jahr später

Christian kam tatsächlich an Heiligabend zur Welt, und machte das Glück von Marie und Joschka perfekt. Es war die erste Hausgeburt in der Minervastraße, und alle anderen Hausbewohner ließen es sich nicht nehmen, den kleinen Christian auf dieser Welt zu begrüßen. Die ganze heilige Szenerie wurde erleuchtet von dem funkelnden Weihnachtsschmuck, der, neben 2 Millionen Euro, Teil des Erbes von Petra gewesen war. Und über allem aber strahlte der silberne Stern.

In diesem Sinne wünscht Euch die gesamte Minervastraße gesegnete, unfall- und natürlich mordfreie Weihnachten. Seid wachsam!

MiniKrimi Adventskalender am 22. Dezember


Heute lest ihr hier einen – längeren – Ausschnitt aus einem Krimi meiner Mörderischen Schwester Uschi Lange: Bella und das geheimnisvolle Kästchen.

Bella und das geheimnisvolle Kästchen

Prolog

Nur das seidene Geschenkpapier knistert noch. Stille.

Die fünf Frauen hocken wie vom Blitz getroffen um einen niedrigen, mit Resten von Köstlichkeiten der asiatischen Küche bedeckten Tisch. Annabel schluckt krampfhaft, der letzte Bissen will wieder nach oben kommen. Sie sitzt neben der Gastgeberin, Frau Akiko Mitsui, und kann den Inhalt des Kästchens ganz genau in Augenschein nehmen. Sie blickt kurz zu ihrer Freundin Hisako Bergius, die ihr direkt gegenüber hockt in die Augen und sieht deren Entsetzen. Auch die beiden anderen Japanerinnen, Freundinnen der Gastgeberin, sitzen mit starrem Blick und bleichen Gesichtern da, wie eingefroren. Annabel schaut wieder zu Frau Mitsui, die versucht vorsichtig den Inhalt des Kästchens zu berühren.

In dem offenen Kästchen aus Holz, lackiert in Grün und goldfarben liegt auf einem schwarzen kleinen Kissen, aufgespießt mit einer gelben Nadel, mit der man eigentlich Schmetterlinge oder Käfer befestigte, ein gelblich, bläulicher Stummel eines Fingers. Genauer gesagt, ein zwischen dem zweiten und dritten Glied abgeschnittener Ringfinger, an dem noch ein Ehering festsitzt. Annabel kann es jetzt ganz genau sehen.

Frau Mitsuis Finger schwebt vorsichtig darüber. Noch ein kleines Stück. Aber bevor sie ihn berührt, zuckt sie erschrocken mit ihrem Finger wieder zurück. Da holt eine der japanischen Frauen plötzlich tief Luft und fängt an jämmerlich zu kreischen. Erst leise, dann immer lauter, bis sie erschrocken wieder verstummt. Das Entsetzen bricht sich jetzt fast lautlos seine Bahn. Die zweite von ihnen läuft grünlich an, will sich zitternd aufraffen und fällt auf der Stelle ohnmächtig zur Seite. Da erbricht sich die erblasste Hisako still auf ihren Teller. Sie legt diskret eine Serviette darüber. Annabel ist abgelenkt von den Reaktionen und weiß nicht, ob dieser Finger jetzt echt ist oder nur ein fieser Scherz sein soll. Sie und Frau Mitsui schauen erstaunt, aber gefasst, um sich. Die beiden Japanerinnen, wieder bei Sinnen, versuchen aufzustehen, können es aber nicht, oder trauen sich nicht. Annabel kann es nicht zuordnen. Zur Bewegungslosigkeit verdammt, heulen und jammern sie leise vor sich hin. Annabel und Frau Mitsui starren wieder fassungslos auf den Finger. Stummes Entsetzen.

Abrupt richtet sich Annabel auf, greift nach dem hellblauen Töpfchen vor sich und kippt sich den, noch warmen, Sake durch ihre Kehle. Frau Mitsui tut es gleichfalls, wie synchron und wird sofort vollkommen ernst. Niemand kommt, um nach ihnen zusehen. Plötzlich blickt Frau Mitsui jede der Frauen mit einem durchdringenden Blick an, hebt ihre Hand und augenblicklich verstummen sie alle. Sie hat sich wieder absolut im Griff und übernimmt das Kommando. Annabel wartet auf ihre Ansprache. Schnell hat Frau Mitsui das Kästchen wieder geschlossen und lächelt beruhigend in die Runde. Jetzt sieht das gruselige Geschenk recht harmlos aus. Annabel ist erstaunt über so viel Selbstbeherrschung. Hoffentlich ist es nur ein Scherz gewesen. Sie hört ihr Herz klopfen, so eine Überraschung hatte sie beim japanischen Treffen der Frauen ganz sicher nicht erwartet. Frau Mitsui will sprechen, doch da öffnet sich die mit Papier bespannte Türe des Raumes und der Geschäftsführer der exquisiten Sushi-Bar Herr Matsumoto steht in derselben, um nach ihrem Unbehagen zu fragen. Frau Mitsuis Gäste sind plötzlich ganz verstummt und haben den Blick gesenkt. Annabel hat ihre Hände unter dem Tisch verkrampft. Sie warten alle auf das, was Frau Mitsui, ihre Gastgeberin, sagen wird. Höflich hält er den Kopf gesenkt und wartet. Nur Annabel blinzelt gelegentlich nach oben, um zu sehen, was weiter passiert.

Akiko Mitsui ist ruhig und wählt ihre Worte sorgfältig und mit Bedacht.

„Keine Sorge, es ist alles in Ordnung, wir haben uns nur alle über das Geschenk so gefreut. Wir möchten noch etwas Sake nachbestellen, bitte.“ Niemand der anderen Frauen wagt etwas anderes zu behaupten.

Der Kopf von Herrn Matsumoto wippt nur leicht und er bestätigt: „Aber gerne, ehrenwerte Mitsui-san und verzeihen sie mein Eindringen. Die ängstliche Kellnerin für ihren Raum werde ich auswechseln lassen. Bitte verzeihen Sie. Der Sake ist selbstverständlich ein Geschenk des Hauses. Gomen nasai, ich bitte sie die Unterbrechung zu entschuldigen.“

Frau Mitsui wedelt nur fächerartig mit ihrer Hand und der Geschäftsführer verschwindet sofort. Annabel ist vollkommen überrascht von dem Geschehen, doch die japanischen Sitten gebieten ihr als Fremde, sich nicht zu äußern und abzuwarten. Schließlich war die Einladung hierher für sie ein Privileg. Hisako, ihre Freundin, hatte sie darauf vorbereitet, keinen Ton von sich zu geben, sofern sie nicht aufgefordert wurde, etwas zu sagen. Was ihr sehr schwer fällt. Sie hat sich bereits am Anfang der Zusammenkunft schon zweimal auf die Zunge gebissen, sodass sie jetzt mindestens doppelt so dick sein muss. Sie schmeckt bereits Blut, doch der warme Sake hat es mit seiner Schärfe überdeckt. Vielleicht fällt es ihr deshalb leichter nichts zu sagen, man hätte sonst gemerkt, dass sie bereits leicht beschwipst ist. Denn sie hat vergessen nach dem zweiten Glas, es umzudrehen und so füllt ihr ihre andere Tischnachbarin, eine der Japanerinnen, höflich immer wieder nach. Trotzdem arbeitet es in ihrem Kopf und sie fragt sich, was noch kommt. Eigentlich sollte sie die Polizei rufen, aber keine der anderen Frauen reagiert. Frau Mitsui umschließt das Kästchen mit ihren Händen und wartet, bis die neue Kellnerin den Sake bringt. Sie beginnt wieder zu sprechen:

„Ich bitte Euch kein Wort darüber zu verlieren. Meine Familie ist euch dafür sehr dankbar und ihr kennt meine Familie. Ihr seid meine Freundinnen und ich kann mich auf euch verlassen. Nun zu Ihnen, Annabel-san. Ich hoffe, Sie bekommen keinen falschen Eindruck von mir.“

Annabel schüttelt instinktiv mit einem kleinen Lächeln den Kopf. Sie denkt sich, die Frau muss sich aber sehr gut im Griff haben, Respekt. Was will Frau Mitsui bloß von ihr, sie hat nicht den leisesten Hauch einer Ahnung. Halte dich an Hisako, die sie gerade hypnotisch anstarrt, sie fühlt ihren Blick regelrecht, sag vorerst kein Wort. Annabel reißt sich zusammen, irgendwie muss sie versuchen, an den Finger zu kommen, um zu testen, ob er echt ist oder ein Fake. Sonst hat sie keine Ruhe. Sie versucht langsam ein und auszuatmen. So tief war sie auch nicht in die japanischen Sitten und Kulturen eingetaucht, als dass sie sich mit einem leichten Schwips aus der Schlinge ziehen könnte. Plötzlich fällt ihr der Film mit den betrunkenen Karatekämpfern ein, wie hieß der noch, ach ja, „Drunken Master“. Sie muss leise kichern. Ich werde jetzt nicht albern. Beherrsche Dich und nimm Dir ein Beispiel an Frau Mitsui. Schnell verstummt Annabel und hält sich die Hand vor den Mund. Sie hat sich wieder im Griff und sieht Frau Mitsui gefasst an. Dieser verflixte warme Sake haut aber auch rein. Annabel ist sonst nur Wein oder europäische Spirituosen gewohnt. Sie bemüht sich um Haltung und versucht ihren Rücken gerade zu machen. Die Pause dauert schön lange, aber Japaner sind ja höflich und warten, bis sich ihr Gegenüber wieder im Griff hat. Dann spricht Frau Mitsui äußerst freundlich weiter:

„Gomen nasai, Entschuldigen Sie, aber Sie sind keine von uns. Ich möchte Sie anschließend gerne unter vier Augen sprechen. Bitte trinken Sie ab sofort Mineralwasser, bitte. Domo arigato.“

Annabel wird schlagartig nüchtern, errötet leicht und nickt, daran hat sie auch schon selbst gedacht, denn dieser Sake ist echt heimtückisch. Sie schaut kurz zu Hisako hinüber, kann aber keinen Blick mehr von ihr erhaschen. Alle haben den Kopf leicht gesenkt vor Respekt. Als der Sake und das Wasser da sind und die Papierwand wieder geschlossen, wartet Frau Mitsui, bis sie sicher ist, dass niemand von draußen lauschen würde. Zuerst stellt Frau Mitsui Annabel lächelnd ein Mineralwasser hin.

„Vergesst das Geschehene, meine Familie wird das Regeln! Lasst uns in Ruhe den netten Nachmittag beenden und ohne Angst und mit einem gefüllten Bauch nach Hause gehen. Genki desu, mir geht es gut. Das Kästchen bedeutet nichts, meine Lieben. Lasst uns den Rest der Feier genießen. Alles ist gut!“

Der weitere Nachmittag verläuft, als wäre nichts passiert. Die anderen Frauen haben sich einfach frisch gemacht und unter dem strengen Blick von Frau Mitsui wieder an ihren Platz gesetzt. Obwohl, das Kästchen ist noch immer da. Es steht geschlossen vor Frau Mitsui inmitten der anderen Geschenke. Es fällt kaum auf zwischen den vielen Gaben, wenn nicht alle wüssten, was es beinhaltet. Während sie alle erst zögerlich, dann aber fröhlich weiter essen und trinken. Annabel wird fast übel vor so viel Beherrschung. Ihrer aller Blicke meiden den Kontakt zum Objekt, aber aus den Augenwinkeln haben Frau Mitsui und Annabel ihn immer fest im Auge. Ihr graust ein bisschen davor, nachher mit Frau Mitsui allein zu sein, lässt sich aber nichts anmerken. Bis dahin würde sie sich schon etwas überlegt haben, um den Finger zu überprüfen, zu können. Sie will Frau Mitsui dann unbedingt davon überzeugen, zur Polizei zu gehen. Sie trinkt jetzt nur Mineralwasser, von etwas anderem wäre ihr auch nur schlecht geworden. Es wird langsam Abend und zum Abschluss wird noch eine landestypische Haifischflossensuppe gereicht. Danach verabschiedet Frau Mitsui eine Frau nach der anderen. Als letzte geht Hisako, mit einem letzten aufmunternden Blick auf Annabel, die nun mit Frau Mitsui allein ist. Sie nickt Hisako zum Abschied beruhigend zu und wartet ab. Annabel ist Hisako unendlich dankbar, ihr so einiges an japanischer Sitte und Gebräuche gezeigt zu haben. Sie ist nicht mehr allzu unsicher, wie sie sich verhalten soll.

Annabel wartet geduldig darauf, dass Frau Mitsui sie anspricht. Sie ist etwas überrascht, als diese noch einmal Sake für beide bestellt. Als der Sake auf dem Tisch steht, nimmt Frau Mitsui ausdruckslos ihr kleines Glas und gibt Annabel das andere. Dann schaut sie ihr in die Augen, was für japanische Verhältnisse eher ungewöhnlich ist: „Auf ihre Verschwiegenheit!“ Sie setzen die leeren Gläser ab und Frau Mitsui bedeutet ihr, gegenüber Platz zu nehmen. Was soll das jetzt mit Verschwiegenheit, sie muss das doch der Polizei melden. Annabel setzt an, um zu fragen, doch Frau Mitsui bedeutet ihr zu schweigen. Annabel fängt an, sich unwohl zu fühlen, was will diese Frau jetzt bloß von ihr.

Dann erklärt ihr Frau Mitsui ihr Anliegen: „Sie werden sich wohl wundern, warum ich Sie, eine Doitsu-jin, allein sprechen will. Aber Ihre Freundin und meine Cousine vierten Grades, Hisako, hat mir beiläufig von ihrem Beruf erzählt.“ Sie seufzte und holte tief Luft. Es schien ihr unangenehm, eine Fremde um etwas zu bitten.

„Nun denn, ich möchte Sie engagieren meinen Gatten zu suchen. Der abgeschnittene Ringfinger in dem Kästchen ist von ihm, ich habe den Ehering erkannt und es bedeutet eigentlich seinen Tod. Doch ich bin von Natur aus misstrauisch, vor allem in einem fremden Land. Es könnte auch eine Entführung sein, mein Vater besitzt eine gut situierte Traditionsfirma in Japan mit großem Einfluss. Bitte verstehen Sie! Ich muss es ganz genau wissen, bevor ich meinen Vater kontaktiere. Er ist bereits sehr alt und krank. Er verträgt keine Aufregungen. Nur sie können mir dabei helfen. Kudasai, bitte!“

Frau Mitsui schaut sie bittend an, eine kleine Träne rollt ihre Wange herunter. Sie senkt verschämt die Augen, die Hände wie betend zusammengefaltet und verbeugt sich kurz vor ihr. Annabel bekommt Mitleid mit dieser eigentlich so selbstbewussten, starken Frau und fühlt sich mulmig bei diesem kleinen Gefühlsausbruch. Was kann schon passieren, Annabel ist zwar nur die Sekretärin, doch ihr Freund Tom ist der Detektiv mit Lizenz und die Detektei „Albatros“ war dem Mann doch schon wegen Unterschlagung auf der Spur. Sie soll doch Frau Mitsui nur seinen Aufenthaltsort liefern. Den Rest würde sowieso dann die Polizei erledigen. Dafür brauchen sie sicher auch diesen Finger. Der Auftrag dürfte doch einfach werden und Tom wird ihr bestimmt helfen. Der letzte Sake macht sie wieder mutiger, trotz des reichlichen Mineralwassers. Sie verbeugt sich respektvoll bis auf Schulterhöhe ihrem Gegenüber, eine Würdigung an die Gastgeberin, das hatte sie von Hisako gehört, etwa drei Sekunden lang und gibt Frau Mitsui eine formelle Zusage.

„Sehr verehrte Frau Mitsui, ich werde mein Möglichstes tun, um Ihnen zu helfen. Bitte seien Sie versichert, dass ich Ihnen den Beweis, oder Hinweis, auf den Verbleib ihres Gatten liefern werde. Um eines muss ich sie noch bitten, geben sie mir das Kästchen für die Polizei mit. Oder, noch besser, bringen sie es selbst zur Wache. Bitte! Eine Untersuchung des Fingers ist dringend notwendig. Schließlich müssen wir wissen, ob er wirklich von ihrem Mann ist oder nicht! Vielleicht dürfte ich mir den Inhalt schon einmal genau ansehen?“

Frau Mitsui gibt ihr zögernd das Kästchen in die Hand und will sie dabei beobachten. In diesem Augenblick öffnet die neue Kellnerin die Türe, um nach dem abschließenden Service zu fragen und sie dreht sich in Richtung der Schiebetüre. Mit einem kurzen Blick auf Annabel redet sie einige Minuten mit ihr. Das ist die richtige Ablenkung, denn anscheinend muss sie einiges klären. Annabel lächelt und nutzt den unbeobachteten Moment instinktiv. Das Kästchen steht geöffnet vor ihr auf dem Tisch, ihre Handtasche liegt auf dem Stuhl neben ihr. Sie stellt sich zwischen Tisch und Tür, sodass Frau Mitsui das Kästchen nicht mehr im Blick hat. Schnell zupft sie mit einer Pinzette aus ihrer Tasche etwas Hautfetzen von dem Fingerstumpf und lässt die Probe in ein Taschentuch gleiten. Dann dreht sie sich wieder um. Gerade rechtzeitig, denn Frau Mitsui unterschreibt die Rechnung und wendet sich wieder ihr zu. Annabel tritt schnell zur Seite, tut so, als ob sie sich die Nase putzt und steckt das Taschentuch wieder in ihre Tasche. Sofort streckt Frau Mitsui ihre Hand nach dem Kästchen aus und legt wieder den Deckel darauf. Sie wickelt eine der weißen Stoffservietten herum und steckt es vorsichtig in ihre Handtasche.

„So, die Feier ist beendet und ich werde mich jetzt auf den Weg zur Polizei machen, wie sie es mir geraten haben. Nochmals, vielen Dank für ihre Hilfe und melden sie sich möglichst bald bei mir, Bachmann-san.“ Damit übergibt sie Annabel ihre Visitenkarte und verbeugt sich leicht mit einem kleinen Lächeln: „Domo arigato, danke schön!“

Frau Mitsui lässt ein Taxi für sich und eins für Annabel bestellen. Damit ist die Sache beschlossen. Sie fahren in entgegengesetzter Richtung fort.

Kapitel 1

Bella war froh, als sie zu Hause in ihren eigenen vier Wänden, der kleinen Dachgeschosswohnung, in der Altstadt ankam. Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich kurz mit dem Rücken an die Tür, in ihrem Kopf drehte sich alles. Was hatte sie sich dabei gedacht, diesen Auftrag anzunehmen! Sie war doch nur die Schreibkraft, aber der Gedanke an ihre Freundin hatte sie vorschnell handeln lassen. Nun konnte sie nicht mehr zurück. Sie fühlte sich erschöpft. Sie warf den Schlüssel mitsamt der Visitenkarte auf die Kommode im Flur, streifte ihre Schuhe nacheinander ab und ließ die Handtasche fallen. Die lag jetzt offen vor ihr und mit zwei Fingern nahm sie das Taschentuch mit der Probe heraus, ging in ihre kleine Küche und steckte es in eine Frischhaltetüte. Sie öffnete ihren Kühlschrank, da war sowieso nicht viel drin und legte die Tüte ins oberste Fach. Sie schlug die Tür mit einem Ruck zu und atmete tief durch. Morgen früh würde sie dieses widerliche Teil als erstes, nach einem kleinen Frühstück, bei ihrem befreundeten Techniker im Kriminallabor vorbeibringen. Sicher ist sicher. Hoffentlich ging Frau Mitsui mit dem Finger auch zur Polizei.

Worauf hat sie sich da bloß eingelassen!

Mit einem tiefen Seufzer ging Bella in ihr Schlafzimmer und sank in ihren Klamotten auf ihr Bett. Verzweifelt versuchte sie noch ihren Kollegen Tom anzurufen, sie brauchte ihn jetzt zum Reden, aber sein Handy war aus. Keine Antwort. Sie ließ ihr Handy auf den Nachttisch fallen und starrte an die Decke. Ihre Augen wollten nicht zufallen. Was würde Tom wohl dazu sagen, oder ihr Chef, oder gar Hisako. Hoffentlich hatte sie nichts Verkehrtes gesagt oder getan. Himmel, war das ein anstrengender Nachmittag. Alles drehte sich. Sie rannte zum Klo und übergab sich. Mühsam schlich sie zurück ins Bett.

Annabel Bachmann, genannt Bella, mittelgroß, grüne Augen, sportlich, dunkelblonde Haare, wälzte sich unruhig in ihrem breiten Bett hin und her. Nachdem sie sich im Bad erleichtert und wieder ins Bett gekrochen war, hatte sie mit zitternden Händen nach den Schlaftabletten im Nachtschrank gesucht. Die Ärztin in Hamburg hatte ihr das Valium für den Notfall mitgegeben, weil sie sich geweigert hatte auf Dauer Psychopharmaka zu nehmen. Bella hatte eine Aversion gegen Tabletten jeglicher Art. Bisher hatte sie ihre Angstdepression auch so im Griff gehabt und war lange stabil gewesen. Doch jetzt hatte dieser Vorfall sie überrollt. Sie hörte noch die eindringlichen Worte ihrer Ärztin, möglichst nur eine halbe Tablette zu nehmen und niemals mit Alkohol. Doch ihr Zittern hörte nicht auf und kalter Schweiß brach ihr aus, als sie sich wieder hinlegen und die Augen schließen wollte. Die gruseligen Bilder dieser Tee Party ließen sie nicht los. Das grausige Kästchen, die kalten, blauen Augen der Gastgeberin und die blassen, ängstlichen Gesichter der Japanerinnen schwebten auf dunklen Wolken durch ihren Kopf. Oh Himmel, geht doch einfach weg! Da würde eine halbe Tablette ihr wenigstens durchgehenden, hoffentlich traumlosen, Schlaf geben. Das Röhrchen lag in der hintersten Ecke ihres Nachttisches und beinahe wäre ihr der ganze Inhalt auf den Boden gefallen. Bella kniete vor ihrem Bett und versuchte sich zusammen zu reißen. Sie nahm mit zittriger Hand eine halbe Tablette mit viel Wasser und füllte die restlichen Tabletten wieder vorsichtig ein. Dann verschwand das Röhrchen wieder da, wo sie es versteckt hatte. Erleichtert legte sie sich auf ihr Bett und starrte wieder an die Decke. Aufregende Träume würden zwar dennoch kommen, aber sie hatte einen Trick im Schlaf, um sie abzumildern. Ihr Traumfahrstuhl, der sie in ein ruhigeres Level brachte. Die Tablette half ihr, nicht in Panik zu verfallen und verfrüht aufzuwachen. Endlich fielen ihr die müden Augen zu und sie hoffte, der nächste Tag würde ihr wieder Mut und Elan bringen. Dann hatte sie auch ihre Freunde, die ihr helfen würden, den Vorfall irgendwie zu verarbeiten. Endlich schlief sie erschöpft ein, wilde Träume von Samurai und Ninjas, denen ein Finger fehlte, verfolgten sie fast bis zum Morgengrauen, als sie endlich in ihren Fahrstuhl flüchten konnte. Danach atmete sie ruhiger, schlief tief und fest ein. Endlich.

In ihrem kleinen Appartement unterm Dach in der Düsseldorfer Altstadt wurde es langsam hell. Erste Sonnenstrahlen schienen durch das kleine Dachfenster in ihr Schlafzimmer, direkt auf ihr Gesicht. Sie hatte vergessen das Rollo zu schließen. Es war morgens früh um sieben. Die ersten Schwalben begrüßten den sommerlichen Tag. Abrupt waren auch ihre Alpträume vorbei, zuletzt von einem Ehemann, der merkwürdigerweise wie Tom aussah, und zwei kleine, schreiende Kinder in einem kleinen Reihenhaus. Na ja, wenigstens waren dadurch die Ninjas verschwunden, die versucht hatten, ihr die Finger mit ihren scharfen Schwertern abzuschneiden. Da war sie schnell in ihren imaginären Aufzug gestiegen und ihnen nur knapp entkommen. Die letzten paar Stunden hatte sie wenigstens erholsam schlafen können. Sie fühlte die Sonnenstrahlen wärmend auf ihren geschlossenen Augen und dämmerte noch etwas vor sich hin. Da klingelte der Wecker plötzlich penetrant. Sie rollte sich grummelnd auf die Seite und hieb mit ausgestrecktem Arm ihre Hand darauf, sodass er auf den Boden fiel. Gähnend rieb sie sich den Schlaf aus ihren Augen und richtete sich langsam auf. Alles war wieder gut, wenigstens hatte sie noch ein paar Stunden durchgeschlafen. Trotzdem fühlte sie sich gerädert, wie nach einem Marathon. Sie brauchte jetzt unbedingt einen starken Kaffee, eine Dusche und andere Kleidung. Merkwürdig, sie hatte gar keine Kopfschmerzen, nach diesem japanischen Reiswein. Das jährliche Familientreffen am vorherigen Wochenende in Hamburg, auf dem sie nie fehlen durfte und jetzt noch dieses japanische Frauentreffen, beides hatte sie doch sehr mitgenommen. Dann war da noch der kurze, besorgte Anruf ihrer Mutter am späten Abend, oder mitten in der Nacht, an den sie sich fast nicht mehr erinnern konnte. Bella stöhnte auf, das alles hatte sie innerlich ziemlich erschöpft. Sie erinnerte sich nur verschwommen, dass sie ihre Mutter auf einen Rückruf vertröstet hatte, weil sie todmüde und bereits im Halbschlaf gewesen war. Dabei war sie die Einzige der Familie, zu der sie noch regelmäßig Kontakt pflegte.

Nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester hatte sie den Geburtsnamen ihrer Mutter angenommen, um nicht mehr mit der Reederei ihres Vaters in Verbindung gebracht zu werden. Sehr zur Freude ihres Bruders, der nun die Geschäfte leitete. Ihre Eltern verbrachten ihren Lebensabend in ihrer herrlichen Villa an der Außenalster, mit einer Haushälterin und einer examinierten Pflegerin. Der Vater saß seit einem Schlaganfall im Rollstuhl und war stolz auf seinen Sohn. Für ihn waren beide Töchter gestorben und niemand konnte ihn vom Gegenteil überzeugen, auch Annabel selbst nicht. Er erkannte sie nicht einmal, wenn sie zu Besuch da war, für ihn war sie eine Fremde. Bella hatte damit abgeschlossen und wollte wieder mehr vom Leben als nur die Tochter aus reichem Haus sein. Ihr waren diese gesellschaftlichen Intrigen zuwider und die affektierten Partys, auf denen sie kaum ehrliche Gespräche führen konnte. Ihre Schwester hatte es genossen und sich gerne über die Leute lustig gemacht, wenn sie beide abends noch zusammen in der Gartenlaube die Sterne betrachteten. Bella konnte dann wenigstens mit ihr darüber lachen. Jetzt gab es sie nicht mehr und Bella hatte festgestellt, dass der Tod schneller kommen konnte, als man dachte. Sie hatte Angst davor, das Schicksal ihrer verunglückten Schwester zu teilen, wenn sie nicht weit weg von zu Hause bliebe. Deshalb war sie auch sechs Monate in Therapie in einer Privatklinik gewesen. Ihre Ängste hatten sie zu stark blockiert und zerrten an ihrer Seele. Nur ihre Mutter hatte Verständnis für ihre Befindlichkeiten. Zu ihr hielt sie weiter heimlich Kontakt, die anderen Familienmitglieder ignorierte sie, um ihren Seelenfrieden und ihre Nerven zu schützen. Ihrem Bruder und seiner Frau war das nur Recht.

Hier in Düsseldorf hatte Bella ihr eigenes, unabhängiges Leben und liebe Freunde gefunden.

Bellas Glieder fühlten sich ein bisschen an wie Blei und ihre Muskeln ächzten nach Erholung. Bloß nicht hängen lassen, ihr Körper brauchte nur wieder Koffein. Wenigstens hatte sie ihre neugewonnene Selbstsicherheit zurück. Sie konnte alles schaffen, wenn sie aufmerksam war und sie hatte ihre Freunde, die sie unterstützen würden.

Seit einiger Zeit verlief ihre Woche doch recht anstrengend. An drei Tagen intensive Schreibarbeiten in der Detektei Albatros, die dann sogar oft bis kurz vor Mitternacht dauerten. Sonst war es nicht so zeitaufwendig, Berichte für das Büro nach Band zu schreiben und sie hatte öfters mal frei. Aber Erich Rothbaum, Chef der Detektei Albatros, war bei dem jetzigen Fall mit den Japanern recht penibel. Herrje, und ins Englische übersetzten sollte sie das auch noch. Dafür bekam sie allerdings extra Honorar. Obwohl sie einen Fond von ihrer Familie besaß, wollte sie finanziell so weit wie möglich unabhängig bleiben. Niemand wusste hier in Düsseldorf, wer sie in Wirklichkeit war und das sollte auch so bleiben. Nur ihr Chef Erich Rothbaum war im Bilde, ihr polizeiliches Führungszeugnis kam ja aus Hamburg und er schwieg eisern. Ihm konnte sie vertrauen. Ihr jetziges Leben gefiel ihr, so wie es war, unbeschwert, abwechslungsreich und unabhängig. Na ja, bis auf den vergangenen, gruseligen Zwischenfall.

In ihrer gemütlichen Wohnung stolperte Bella vom kleinen Schlafzimmer durch den Flur in die Wohnküche. Verflixt, dabei hatte sie sich ihren kleinen Zeh am Türpfosten gestoßen, sie biss die Zähne zusammen und humpelte bis der Schmerz langsam nachließ. Rasch räumte sie ein paar Sachen zur Seite und wollte die Tür zu ihrer kleinen Dachterrasse schließen. Sie hielt inne und lauschte. Die Terrasse hatte mal gerade Platz für einen Liegestuhl, zwei Klappstühle, einen kleinen Tisch und eine halb vertrocknete Palme. Hier ruhte sie gern abends aus, um vom Tag herunterzukommen und ihren Blick über den nächtlichen Rhein schweifen zu lassen. Nachts lullten sie dann die Geräusche bei offener Tür ein. Das Hupen der Berufsschiffer und das Schlagen der Wellen an die Uferböschung wirkten beruhigend nach einem ereignisreichen Tag. Die Geräusche erinnerten sie an zu Hause und nahmen ihr das Heimweh, das sie doch manchmal heimlich überfiel. Frühmorgens machte sie schon mal ein paar Dehnübungen, wenn es nicht regnete. Jetzt roch sie mit geschlossenen Augen die feuchte Luft, die vom morgendlichen Rheinnebel herüber wehte und atmete tief ein. Sie hatte heute keine große Lust auf sportliche Tätigkeiten, nach den Atemübungen fühlte sie sich bereits besser. Sie war versucht sich niederzulassen und die frische Luft noch länger zu genießen. Nichts da, wach bleiben und beeilen, sie wurde gegen Mittag im Büro erwartet und sie hatte doch vorher noch was Wichtiges zu erledigen. Entschlossen schloss sie mit einem lauten Ruck die Terrassentüre, ging zurück ins Bad und roch an ihren alten Klamotten. Pfui, sie rochen nach Schweiß, bestimmt Angstschweiß von gestern. Sie schaute in den Spiegel und erschrak über das graue Gesicht, dass ihr dort entgegenblickte. Dieser warme Sake hatte ordentlich Spuren hinterlassen, verflixt. Schnell unter die heiße Dusche. Sie ließ das heiße Wasser über ihren Kopf den Körper hinunterfließen und nahm ihr duftendes Shampoo zur Hand. Ach, herrlich, als ob sie sich alle Sorgen herunter wusch. Nach dem Abduschen schnell abtrocknen und dann fertig machen. Noch etwas Make-up half da sicher auch, etwas Tusche und Lippenstift, dann relativ frische Sachen an und wieder raus hier. Im Wohnraum stand der leere Kleiderständer, daneben der Wäschekorb, Mist. Bella wühlte darin und schlüpfte in eine dunkelblaue Jeans, schnüffelte an einem roten T-Shirt, sie sollte ein Neues anziehen, aber die Waschmaschine war noch immer nicht ausgeräumt. Heute Abend musste sie die Sachen unbedingt auf ihrer Terrasse zum Trocknen aufhängen, sonst hatte sie bald nichts mehr anzuziehen. Sie seufzte ärgerlich auf. Das rote Shirt roch jedenfalls nicht nach Angstschweiß, nur etwas muffig. Sie verzog trotzdem angewidert ihr Gesicht. Bella zog dann doch lieber das dunkelgrüne Shirt von vorgestern an, dass sie noch im Bad hatte, hängen sehen. Das roch jetzt wenigstens nach ihrem großartigen Duschgel. Sie sollte sich mal wieder etwas Schickes gönnen.

Ihr fiel plötzlich der jadegrüne Seidenanzug ein, den Frau Mitsui bei der Teegesellschaft getragen hatte. Der war bestimmt sündhaft teuer gewesen und sie hatte nicht einen Fleck nach dem aufregenden Ereignis darauf gesehen. Kein Soßenfleck oder so. Dabei hatte die Frau ihren Trinkbecher fast fallen lassen. Bella schüttelte ihren Kopf. Den Anzug hatte sie mal in rubinrot im japanischen Kaufhaus gesehen, wo die Japanerinnen meistens einkauften. Herrje, sowas gab es sicher auch in einer der kleinen Boutiquen, in Saphir-blau würde der ihr auch stehen. Bella nahm sich vor, gleich übermorgen einmal danach zu suchen. Doch jetzt musste sie sich sputen, Bella seufzte und lächelte zaghaft. Positive Gedanken würden ihr wieder Mut geben und die Vorfreude auf ein neues Kleidungsstück war doch positiv, oder?

Sie ging in die Küche. Der Kühlschrank könnte auch wieder mal Nachschub gebrauchen. Igitt, da lag ja die Tüte mit der Hautprobe. Eigentlich hatte sie sich gewünscht, das mit dem Kästchen hätte sie nur geträumt. Aber nun erschreckte es sie zum Glück nicht mehr so sehr. Verflixt, sie blickte auf ihre Uhr, sie musste sich wirklich beeilen und sofort damit ins Labor fahren, bevor sich da zu viele Leute tummelten. Es sollte doch niemand davon erfahren und Sebastian war eigentlich sehr verschwiegen, wenn ihn niemand bei einem Gefallen für die Detektei erwischte. Die Sache mit dem halben Finger machte sie wieder vollkommen nervös und ihr wurde leicht übel. Sie hatte einen bitteren, galligen Geschmack im Mund und spülte ihn schnell mit Mundspülung im Bad aus. Bella war froh, wenn sie die Tüte abgegeben hatte und nie mehr sehen musste. Sie blickte noch schnell in den Spiegel und war zufrieden.

Wieder in der Küche griff sie nach einer Schale, holte einen Esslöffel und öffnete den Schrank. Nach einem mageren Frühstück mit Haferflocken und Milch, Mist, die war schon wieder sauer, also mit Kranwasser, packte sie rasch ihre Sachen zusammen. Ihr Magen hatte wenigstens etwas zu verdauen und war beruhigt. Schon fühlte Bella sich fit genug, um loszustürmen. Na ja, ein starker Kaffee täte jetzt wirklich gut, aber sie hatte wie immer keinen im Haus. Gut, dass es unten Pedros Coffeeshop gab, bei dem holte sie sich, wie fast jeden Morgen, ihren Aufwachkick, Milchkaffee mit einem Schuss Karamell zum Mitnehmen. Pedro sorgte für sie, wie ein Vater und sie mochte seine große Familie. Seine Frau Maria achtete darauf, dass Bella mindestens abends eine warme Mahlzeit hatte. Bella packte jetzt die eklige Tüte mit der Gewebeprobe vorsichtig an, griff sich ihre Schlüssel von der Kommode und hob ihre braune Umhängetasche aus speckigem Leder auf, in der sie ihre lebensnotwendigen Utensilien, wie Deo, Handy, Pinzette und Pfefferminz-Bonbons befanden. Eine weitere Auflistung wäre zu umfangreich und sie kannte den Inhalt schon selbst nicht mehr genau. Bald brauchte sie eine Taschenlampe, um irgendetwas darin zu finden. Schnell ließ sie die eklige Tüte hineinfallen und warf sich die Tasche über die Schulter. Bella hoffte noch, dass alles ein makabrer Scherz war und das Ganze nur eine Prüfung ihrer Integrität oder die Abschreckung einer Gaijin war. Damit käme sie klar, aber sollte das Gewebe echt sein, fürchtete sie, dem nicht ohne Hilfe gewachsen zu sein. Ihr Chef wäre nicht besonders begeistert über ihren eigenwilligen Einsatz. Rasant hüpfte sie die Treppen der fünf Etagen runter, schon 8.30 Uhr. Warum gab es hier bloß keinen Aufzug? Wahrscheinlich würde der auch noch steckenbleiben bei ihrem Glück. Aber nachdenken sollte sie darüber, die alte Dame im vierten Stock kam kaum noch vor die Türe. Bisher hatte die Familie aus dem dritten Stock ihr immer geholfen und für sie eingekauft. Gelegentlich hatte auch Bella Besorgungen für sie erledigt. Jetzt ließ Frau Jovanovic sich oft die Sachen liefern. Das mit dem Aufzug würde sie später mal mit Pedro besprechen, denn insgeheim war sie zwar die Eigentümerin des Hauses, aber er kümmerte sich um alles Technische hier. Sie erreichte die letzten Stufen und wäre beinahe gestolpert, konnte sich aber gerade noch fangen. Bella hielt für einen Moment an und atmete tief durch. K a f f e e, ich brauche dringend Kaffee!

Gott sei Dank haben sie gestern Mittag vor ihrem japanischen Frauentreffen einen Parkplatz fast direkt vorm Haus gefunden. Ihre Freundin Hisako hatte sie mit dem Taxi abgeholt. Es hatte Bindfäden geregnet und sie war knapp zwischen den Regentropfen durchgeschlüpft, weil sie keinen Regenschirm besaß. Der warme Mai Regen wollte an dem Tag gar nicht aufhören. Sie hatte angemessene Kleidung anziehen müssen. Eine dunkle Hose und eine weiße Bluse, die sie sonst nur für Feiertage im Schrank hatte, mit einem schwarzen Jackett darüber. Jetzt wieder in ihren Alltagsklamotten, Jeans, T-Shirt und Turnschuhe, fühlte sie sich viel wohler.

Bella war unten angekommen, jetzt aber schnell in den Coffeeshop. Pedro hielt ihr den fertigen Kaffee schon grinsend entgegen. Er hörte sie immer die Treppe herunterrennen, weil sie es meistens eilig hatte. Sie nahm dankbar den Kaffee entgegen, aber beim Umdrehen rempelte sie mit einem jungen Mann zusammen, der eine Tüte mit frischen Brötchen in der Hand hielt und aus der Küche kam. Die Tüte riss und die Brötchen kullerten auf den Boden.

„Oh, entschuldigen sie, ich habe sie nicht gesehen!“

Blaue Augen schauten sie erst vorwurfsvoll an, doch dann lächelte der Typ wieder. „Kein Problem, Maria gibt mir neue Brötchen mit. Meine Tante ist da sehr penibel!“

Bella schaute ihn fragend an. „Ähem, ich bin Kai-Uwe und wohne in den Semesterferien bei meiner Tante, Frau Jovanovic, vierter Stock!“ Sie lächelte zurück und zwinkerte ihm zu: „Schön, ich bin Bella aus dem fünften Stock, dann sehen wir uns bestimmt noch ein paar Mal! Liebe Grüße an ihre Tante, ich muss jetzt aber los!“

Bella warf Pedro noch einen Handkuss zu und eilte mit dem Kaffee in der Hand zu ihrem Auto. Wenn sie so weiter machte, war sie bald am Coffeeshop beteiligt. Heute schien auch wieder die Sonne hinter den abziehenden Wolken und ließ die letzten Pfützen trocknen. An der Straße pustete Bella auf ihren Becher und nahm erst einmal einen großen Schluck Kaffee. Ihr Kreislauf begann wieder auf normal zu schalten. Sie atmete auf, erblickte erleichtert ihr Auto und lief langsam darauf zu. Sie schloss die Fahrertür auf und warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz. Das Labor müsste jetzt bereits besetzt sein, hoffentlich war Sebastian Dragovic noch allein da. Er war mit ihrem Chef Erich Rothbaum aus der Detektei gut bekannt und hatte schon öfters versucht Bella zum Essen einzuladen. Bisher ohne Erfolg. Sie stand nicht so auf blonde Jungs. Aber für so einen Gefallen, würde sie es schon machen, war ja nichts dabei.

Mehr über die Autorin erfahrt ihr hier: www.uschilangesbuecherkrimis.jimdo.com

MiniKrimi Adventskalender am 21. Dezember


Heute gibt’s hier wieder einen Krimi aus meiner Feder. Mit Anklängen an meine väterlichen Wurzeln. Die liegen nämlich zum Teil in Süditalien… Viel Spaß beim Lesen und danke fürs Teilen und für eure Kommentare!

Engel mit schwarzen Locken

„Hallo, Kleine! Wie heißt du eigentlich?“

„Gemima.“

„Dsche… Aaaha. Und weiter?“

„Hagenrath“

„Und deine Mama?“

„Meine Mama und meine Mami heißen so wie ich. Hagenrath.“

„Und dein Papa?“

Stille. Dann: „Das weiß ich nicht.“

„Warum wollen Sie das wissen?“ Marlene Hagenrath steht an der Haustür, beladen mit Tüten und einem Kasten leerer Saftflaschen. Sie klingt barsch, und das liegt daran, dass sie diese Situation so oder ähnlich schon öfter erlebt hat, seit sie mit ihrer Frau Claudia und der gemeinsamen Tochter Gemima in die Minervastraße eingezogen ist. Zu oft, als dass sie dafür noch Toleranz aufbringen könnte.

„Man wird doch wohl noch fragen dürfen, oder? Schließlich hat jedes Kind eine Mutter und einen Vater. Das ist ein Naturgesetz.“ Frau Degenfeld ist pikiert. Erst gestern haben sie und ihre Freundinnen beim Mahjong-Nachmittag gerätselt, warum der Vater des süßen Mädchens mit den schwarzen Locken und den grünen Augen noch nie in der Siedlung aufgetaucht ist.

„Ich habe eine Mama und eine Mami. Mehr brauche ich nicht. Oder?“, fragt Gemima und schaut der älteren Dame mitten ins Gesicht. Unangenehm, dieser bohrende Blick. Der ist bestimmt antrainiert. Von einer der beiden Frauen, die sie Mama und Mami nennt.

„Zu meiner Zeit war das undenkbar. Zwei Mütter. Aber heute – vollkommen zerrüttet, die Moral bei den Jüngeren.“ Kopfschüttelnd geht Frau Degenfeld weiter Richtung Tiefgarage.

Es ist der 21. Dezember. In 3 Tagen beginnt die Weihnachtszeit. Überall in der Minervastraße leuchten Sterne und Jakobsleitern in den Fenstern, die Balkone sind mit Girlanden behängt, die meisten leuchten golden. Die einzige grellbunte auf der Terrasse gegenüber der Tarotlegerin Lenor wurde nach einem tragischen Tod entfernt.

Gemima sitzt am Küchentisch, lässt die Beine baumeln und sticht andächtig Plätzchen aus. Dabei schiebt sie voller Konzentration die gerollte Zungenspitze zwischen die Lippen.

„Woher hat sie das nur?“, fragt ihre Mutter Marlene sich zum x-sten Mal. Sie hat das Zungenroller-Gen nämlich nicht. „Muss der Spender sein“. Obwohl – der hatte es angeblich auch nicht. Unglaublich, was man bei angeblich anonymen Samenspenden heute für Informationen finden oder erfragen kann.

Da klingelt es an der Haustür. „Hallo?“, ruft Marlene in die Sprechanlage.

„Paket für Sie“, antwortet eine Männerstimme. „Ich lege es auf die Treppe.“

„Könnten Sie es mir nicht schnell raufbringen, bitte? Dritter Stock?“

„Sorry, zu viel Arbeit. Geht nicht. Schöne Weihnachten.“

Marlene seufzt, schlüpft in ihre Mules und springt die Treppe runter. Wo ist das Paket? Auf der untersten Treppenstufe liegt keines. Nur ein roter Umschlag mit einem bedruckten Weihnachtsmann und darauf ein in Cellophan verpackter Keks.

„Hahaha“, murmelt Marlene. Sie ist allerlei „Schabernack“ von den Nachbarn gewöhnt. Viele haben sich immer noch nicht damit abgefunden, dass ein weibliches Ehepaar mit Kind bei ihnen wohnt.

„Falscher Alarm. Aber leckerer Keks. Magst du ihn?“, ruft sie und schließt die Wohnungstür. „Gemima?“

Keine Antwort.

„Gemmi?“ Nichts. Sie schaut ins Kinderzimmer. Leer. Auch das Wohnzimmer. Der Küchenstuhl, auf dem das Mädchen gerade noch gesessen hat, ist umgekippt. Der Vorhang vor dem Küchenbalkon bauscht sich im Wind, und eine Handvoll Schneeflocken fliegt herein.

„Gemima, was machst du da draußen? Du wirst dich erkälten.“

Aber auch auf dem Balkon: keine Spur ihrer Tochter. Panik steigt in Marlene hoch. Als hätte sich die Kleine in Luft aufgelöst. Das geht entschieden zu weit. Das ist kein Scherz mehr. Wenn sie den findet, der dafür verantwortlich ist….

„Marlene, Gemmi, bin wieder daaa!“

„Claudia! Stell dir vor, Gemima ist verschwunden!“

Die beiden Mütter suchen die ganze Nacht hindurch nach dem Kind. In der Wohnung, im Haus, im Keller, auf dem Dachboden. Schließlich in der ganzen Siedlung. Und sie sind nicht allein. Zu Claudias und Marlenes Erstaunen helfen ihnen viele Nachbarinnen und Nachbarn. Sogar Frau Degenfeld und ihr Mann. Schließlich sollte das Mädchen bei der lebendigen Krippe, die die Bewohner der Minervastraße am ersten Weihnachtstag geplant haben, einen Engel spielen. „Sie wird ganz entzückend aussehen, mit diesen schwarzen Locken. Von wem sie die wohl hat?“

Am nächsten Morgen wird die Polizei eingeschaltet, doch auch sie findet Gemima nicht. Einzig ein Fußabdruck im Blumenbeet unter dem Küchenfenster – Größe 43 – und Sprossen einer offenbar zersägten Metalleiter im See weisen darauf hin, dass das Kind entführt worden ist.

Wer denkt in einer solchen Situation schon an einen ungeöffneten Brief? Als Claudia den roten Umschlag auf der Kommode im Flur sieht, nimmt sie ihn automatisch mit ins Wohnzimmer. Geistesabwesend reißt sie den Umschlag auf.

„Marlene! Woher kommt dieser Brief? Wer hat ihn dir gegeben? Seit wann hast du ihn? Warum hast du denn nichts gesagt?“

Marlene ist verwirrt. Todmüde, verängstigt und zermürbt von der erfolglosen Suche.

„Den? Ach, das ist doch bloß wieder so ein blöder Scherz von den Nachbarn. Ich wollte Ivan gestern noch danach fragen, aber…

„Nein! Das ist kein Scherz. Lies!“ Claudia hält Marlene den eng bedruckten Zettel unter die Nase.

Sie haben mich bestohlen. Jetzt hole ich mir mein Eigentum zurück. Versuchen Sie nicht, mich oder meine Tochter zu finden! Sonst wird das Kind einen tödlichen Unfall erleiden.

„Siehst du, das ist doch einer von diesen Scherzen. Nur viel gemeiner als sonst. Na warte, Ivan.“ Marlene greift zum Telefon, um ihren Nachbarn zur Rede zu stellen.

„Nein, Marlene. Ivan hat absolut nichts damit zu tun. Verstehst du denn nicht? Das ist ein Bekennerbrief von dem Menschen, der Gemima entführt hat.“

„Was? Du spinnst ja, Claudia! Ich habe den anonymen Spender aus der Datenbank von Neovita Labs. War teuer genug. Und absolut seriös. Das hat uns Dr. Wonnegrat ja schriftlich gegeben.“

„Dr. Wonnegrat. Nomen es Omen. Die Frau ist mir gleich suspekt gewesen. Einfach einen Tick zu seriös, wenn du weißt, was ich meine.“

„Nein, das weiß ich nicht. Und ich finde, du greifst nach Strohhalmen. Aber egal. Uns bleibt ja nichts anderes übrig. Die Polizei kommt nicht weiter. Wir fahren jetzt zu Neovita Labs.“

Ein kühles Ambiente in Pastelltönen. Gedämpfte Musik. Klassik, nichts Weihnachtliches. Dr. Wonnegrat empfängt Marlene und Claudia in ihrem Büro. Sie ist sichtlich nervös. Marlene, bleich, mit rotgeränderten Augen, kommt gleich zur Sache: „Unsere Tochter ist entführt worden. Von jemandem, der behauptet, ihr genetischer Vater zu sein. Wie ist das möglich? Sie haben mir versichert, die Spende sei anonym und man könne sie nicht auf den Samengeber zurückführen? Sie haben sie doch allein aus diesem Grund aus Zypern kommen lassen.“

„Haben Sie uns zumindest gesagt“, wirft Claudia ein. „Und uns für Ihre Bemühungen eine astronomische Summe abverlangt. Und das, obwohl das Gesetz, nach dem Samenspenden im zentralen Register dokumentiert werden müssen, in Deutschland erst 2018 in Kraft getreten ist.“

Dr. Wonnegrat lächelt gequält. “Ja, das stimmt.“

„Und? Sie kennen den Spender!“ Marlene ist außer sich vor Wut. „Geben Sie’s zu!“

„Ja. Ich kenne ihn. Also, ich kannte ihn. Er musste sich einer Vasektomie unterziehen und wollte sicherstellen, dass er dennoch eine Erbin oder einen Erben hat.“


Die Frauen sind fassungslos. Wonnegrat erklärt, der Mann, ein italienischer Mafiaboss, habe sie unter Druck gesetzt. In der Hand gehabt. Um Leben und Tod sei es damals gegangen. Um ihr Leben oder ihren Tod. Die beiden seien für ihn das ideale Paar gewesen: rechtlich „angreifbar“, ohne einen großen Unterstützerkreis, in einem Umfeld, das juristisch und gesellschaftlich immer noch als „weich“ wahrgenommen wird.

„Finden Sie sich damit ab. Gemima ist längst in Süditalien, und die Adoption war schon in wenigen Stunden unter Dach und Fach. Sie haben keinerlei Rechte mehr an Ihrem Kind. Aber ich verstehe natürlich Ihren Unmut. Ich könnte Ihnen mit einer kostenfreien Samenspende entgegenkommen? Sie sind noch so jung…“

Geistesgegenwärtig verhindert Claudia, dass Marlene der Ärztin den Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch ins Gesicht schleudert.

„Entweder Sie bringen uns Gemima zurück, oder Ihr Laden hier fliegt auf. München ist nicht Süditalien. Wenn wir auspacken, sind Sie geliefert. Sie verlieren nicht einfach Ihr Labor und ihre Approbation. Sie landen im Gefängnis. Und zwar für sehr, sehr lange.“

Stille. Schließlich sagt Wonnegrat: „Gut. Ich kann nichts versprechen. Aber ich tue mein Möglichstes.“

„Sie haben 24 Stunden Zeit. Dann gehen wir zur Polizei. Und an die Presse.“

Es ist der 23. Dezember. Ein Tag vor Heiligabend. Marlene und Claudia kauern auf der Wohnzimmercouch. Vor ihnen steht der Weihnachtsbaum. Ungeschmückt. „Unser Ultimatum läuft ab. Ich habe wirklich geglaubt, sie meint es ernst und gibt uns Gemima zurück. Anzeige, Verfahren, schlechte Medienberichte – das ist mir doch alles egal. Ich will nur meine Tochter.“

Es klingelt an der Tür. „Ein Paket für Sie.“ Wie in einem Déjà-vu rennt Marlene die Treppen hinunter, Claudia direkt hinter ihr. Nichts. Auf der untersten Stufe liegt ein roter Umschlag. Claudia reißt ihn auf. Ein Foto, mehr nicht. Eine Frau liegt mit dem Oberkörper auf einem Schreibtisch in einem pastellenen Büro. Überall Blut. Darunter der Aufdruck: Schweigt, oder es geht euch genauso.

Entsetzt gehen die beiden zurück in ihre Wohnung. Es zieht. Der Vorhang des Küchenbalkons flattert im Wind. Auf der Wohnzimmercouch liegt ihre Tochter. Sie schläft.

Am nächsten Morgen wird Gemima sich an nichts erinnern. Und ihre Mütter werden sie nichts fragen.

Und Marlene löscht die Mail, die in ihrem Posteingang war, als sie mit dem Foto in der Hand wieder in die Wohnung kam.

Ich habe Wort gehalten. Ein Neffe unseres gemeinsamen Bekannten schuldete mir noch einen Gefallen. Den habe ich eingelöst. Ich habe mich damit in seine Hände begeben. Ich hoffe, Sie wissen das zu schätzen. Er wird ihre Tochter zurückbringen lassen. Der Verlust des gerade erst wiedergefundenen Kindes wird für den todkranken Onkel so schmerzhaft sein, dass er sich das Leben nimmt. Das ist die Version des Neffen für die Medien. Mehr müssen Sie nicht wissen. So haben alle etwas davon, der Neffe die freie Bahn zur Spitze des Imperiums und Sie ihr Kind. Leben Sie wohl.
Dr. A. Wonnegrat

Nun, der Neffe ist der großen Aufgabe ganz offensichtlich gewachsen. Er geht keine unnötigen Risiken ein. Und er kann ganz sicher sein, dass alle Beteiligten schweigen. Für immer.

MiniKrimi Adventskalender am 20. Dezember


Heute lest ihr einen Auszug aus „Das verschwundene Gemälde“ von meiner Mörderischen Schwester Petra Haghjou. Das ist der zweite Band 2 der Krimi-Reihe „Eine mörderische Reportage“.

Das verschwundene Gemälde


Kurz vor ihrem Ziel zog ein winterliches Gewitter mit Schneegestöber über die Stadt. Fast fegte ein besonders heftiger Windstoß Charlotte von den Beinen, als sie mit Watsamon zur Haustür eilte. Sie ging schneller und stellte sich unter die Überdachung. Der Schlüssel entglitt Watsamons Fingern, die in schlüpfrigen Wollhandschuhen steckten, und fiel klirrend zu Boden. Eilends bückte sie sich und steckte den Schlüssel ins Schloss. Die Tür glitt nach einem kräftigen Stoß auf. Charlotte lief voran in das Hochparterre, den Gang entlang zu Sabrinas Wohnungstür und drückte auf die Klingel. Nichts tat sich. Verdammte Sabrina! Womöglich hatte sie es sich anders überlegt.

»Ich rufe sie an.« Charlotte wählte Sabrinas eingespeicherte Nummer. 
»Pscht!«, zischte Watsamon. »Ich glaube, es läutet unten im Keller.« 

Gedämpft hallte ein fetziger Klingelton durch das Treppenhaus. Sabrina, oder zumindest ihr Telefon, war im Keller. Charlotte hastete den Flur zurück und die Treppen hinunter. Im Halbdunkel erkannte sie eine schwere Tür. Watsamon öffnete sie mit ihrem Schlüssel und betätigte den Lichtschalter. Verstaubte Neonröhren schalteten sich ein, unter denen sich die Überreste von Insekten abhoben. Sie flimmerten altersschwach und spendeten trübes Licht.

»Hier links geht es zu unseren Kellerabteilen und auf der anderen Seite zum Heizungsraum.« Watsamon deutete auf eine zerkratzte Stahltür, die einen Spalt offenstand. 

»Sehen wir zuerst dort nach.« Charlotte drückte mit der Schulter die Tür auf und schlüpfte hindurch. 

Im Heizungsraum war einiges los. Das Gebrodel, das Blinken, die unzähligen Rohre und Lichter erinnerten Charlotte an Versuchslabore durchgeknallter Erfinder in alten Frankenstein-Filmen. Durchgeknallt musste auch derjenige sein, der für das verantwortlich war, was sich ihren Augen bot. Sabrina befand sich in einer halb knienden, halb gebeugten Haltung auf dem Boden neben einem verspinnwebten Hauptrohr. Das Gesicht steckte bis über die Ohren in einem Eimer mit der Aufschrift Gestalten Sie Ihr Zuhause schöner mit Color – Deutschlands beliebter Innenfarbe. Darunter klebte ein Etikett mit Apfelgrün.

»Das ist der Behälter mit meiner neuen Wohnungsfarbe«, rief Watsamon. »Was tut sie bloß darin?«

Charlotte zog scharf die Luft ein. »Sie steckt sicher nicht freiwillig im Farbeimer fest.«

Selbst in dieser unwürdigen Position wirkte Sabrina immer noch äußerst attraktiv – zumindest der sichtbare Teil. Die apfelgrüne Wandfarbe klebte dick und zäh am Hinterkopf, aber die rotgoldenen Locken breiteten sich in ihrer ganzen Pracht über den Rücken aus. Dazu trug Sabrina einen hautengen Minilederrock. Ihr Popo ragte dem Betrachter regelrecht entgegen. Charlotte kniete nieder und hob die lasch herabhängende Hand hoch. Sie klatschte auf den Boden zurück, sobald sie sie losließ. Es half alles nichts. Sie musste sich vergewissern, ob wirklich Sabrina in dem Farbeimer steckte. Beherzt griff Charlotte mit beiden Händen in den Topf, umfasste den Kopf und hob ihn hoch. Die apfelgrüne Farbe floss träge in Rinnsalen das Gesicht herab. Charlotte begann die zähflüssigen Masse wegzukratzen. Vorsichtig zog sie ein freigelegtes Lid hoch und entblößte ein starres lebloses Auge.

Foto (c) Tiziana Viviano

Mehr über die Autorin erfahrt ihr hier: Petra Haghjou – Die Mörderischen Schwestern Bayern

Und auf: 

https://www.instagram.com/petrahaghjou

Petra Haghjou

„Das verschwundene Gemälde“ ist erhältlich bei:…

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Thalia.de
Hugendubel.de
bookbeat.de 
skoobe.de

u.v.m.

MiniKrimi Adventskalender am 19. Dezember


Amigos gibt es nicht nur in Spanien. Auch Bayern hat da so einige zu bieten. Und sehr selten bekommen sie die Konsequenzen ihres Handelns zu spüren. Autorin Lycia H. weist ausdrücklich darauf hin, dass Personen und Handlung völlig frei erfunden und etwaige Ähnlichkeiten rein zufällig und nicht beabsichtigt sind.

Maskerade

Die Tat

Ein lauter Knall zerriss die gepflegte vorweihnachtliche Stille in der Minervastraße. Die von den Anwohnern sofort alarmierte Polizei stand wenig später vor dem offenbar durch einen illegalen Böller demolierten Briefkasten eines Markus Hahn. Daneben, in seinem Blut, besagter Herr. Der illegale Böller hatte ihm beide Arme abgerissen, der starke Blutverlust hatte in Minuten zum Tod geführt. Ein ebenso sinnloser wie zu verurteilender Tod, wie es in der Stellungnahme seiner Partei, der Bayerisch Christlichen Vereinigung (BCV), wenig später hieß.

Der Vorfall, der den aufstrebenden Politiker das Leben gekostet hatte, blieb im sozialen wie medialen München natürlich nicht unkommentiert. Einige Medien befürchteten, die furchtbare Tat hätte ihre Ursache im Schwulenhass der weniger erfolgreichen Konkurrenten in der BCV. Andere mutmaßten, der luxuriöse Lebenswandel von Hahn und seinem Ehemann Andreas könnte angesichts des sogenannten Maskenskandals, in den er verwickelt war, zu der furchtbaren Bluttat geführt haben.

Dabei hatte doch gerade der Umzug von Berlin zurück in die bayerische Heimat die Wogen glätten sollen, die bei der Aufarbeitung besagten Skandals sehr hochgeschlagen waren. Nicht sofort natürlich. Solange Markus Hahn noch Gesundheitsminister in der vorangegangenen Regierung war, beließ man es in Berlin bei dem dort üblichen Gemunkel über Insidergeschäfte, illegale Bereicherung auf Kosten des steuerfinanzierten Staatshaushaltes und so weiter. Wie immer eben. Erst nach dem Ende der Regierungszeit fühlte sich der Staatsapparat dazu berufen, dem Skandal auf den Grund zu gehen. 

Doch das erwies sich im Verlauf der Ermittlungen als gar nicht so einfach. Nicht nur, dass Herr Hahn, mit der Begründung, es gäbe auf dem gesamten Weltmarkt nach Ausbruch der Corona Pandemie keine Masken mehr, seinen bevorzugten Münchener Herrenausstatter mit der Anfertigung entsprechender Stoffmasken beauftragt hatte, Er setzte den Preis für die bestellten Masken auch noch willkürlich in schwindelerregenden Höhen an. In Bayern heißt so ein Verhalten spätestens seit Streibl Amigo-Affäre und wird dort auch nach wie vor gerne, wenn auch mit größerer Zurückhaltung, praktiziert. In Berlin stieß der bayerische Stil-Import übel auf. So übel, dass dem nunmehr entlassenen Gesundheitsminister dringend nahegelegt wurde, seinen Lebensmittelpunkt bitte wieder in die bayerische Landeshauptstadt zu verlegen. Niemand hatte damit gerechnet, dass gerade in München eine Amigo-Affäre zu einem brutalen Mord eskalieren würde.

Darum favorisierte die BCV strikt ein schwulenfeindliches Tatmotiv und verwahrte sich entschieden gegen anderslautende Vermutungen. Schließlich war diese Erklärung sowohl der Bevölkerung als auch den Parteigenossen deutlich besser zu vermitteln als das Bild eines arroganten Machtpolitikers, dessen korruptes und unverbesserliches Verhalten derart extreme Rachereaktionen hervorrufen konnte. Das hätte womöglich noch Nachahmer auf den Plan gerufen. Im herrschaftlichen Freistaat. Also beklagte die BCV laut die schwulenfeindlich rückschrittliche Athmosphäre in der Landeshauptstadt – und nutzte dies gleich zu einem geschickten Seitenhieb auf die angeblich so queerfreundliche Kommunalpolitik.

Der Blick zurück

 Zu Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 befand sich der damalige Gesundheitsminister Markus Hahn, unbestrittener Hoffnungsträger der BCV, auf Stippvisite in seiner Heimatstadt München. Wohlgefällig drehte er sich vor dem großen Spiegel seines exklusiven Herrenausstatters Meyer in der Maximilianstraße. Je nach Lichteinfall changierte der Kaschmirstoff seines neuen Anzugs zwischen blau und grau. Gerade wollte Herr Meyer die Ärmel des Maßanzuges an die beeindruckend muskulösen Oberarme des Gesundheitsministers anpassen, also weiten, als dieser energisch einschritt. „Das soll genau so bleiben“, blaffte er den Herrenausstatter an. Schließlich waren Jacketts, deren Ärmel leicht spannten, sein Markenzeichen. Bei seinen politischen Feinden, und davon hatte er auch in der eigenen Partei eine ganze Menge, hatte er den Spitznamen Eitler Gockel weg. Was Markus Hahn allerdings nicht störte. Im Gegenteil. Er wertete es als Neid der weniger erfolgreichen und charismatischen Kollegen in der Fraktion.

Während er sich so im Spiegel des Herrenausstatters betrachtete, fiel sein Blick auf den Ballen Stoff am Eingang des Geschäftes. Feinster Hemdenstoff aus ägyptischer Baumwolle, wie Herr Meyer ihm auf seine Nachfrage erklärte. Und somit hervorragend geeignet zur Herstellung von provisorischen Masken, dachte Hahn. Die Idee war geboren. Nach einigen vertraulichen Beratungen waren sich der Gesundheitsminister und Herr Meyer einig. Markus Hahn bestellte für den Anfang kurzerhand 500.000 Stoffmasken bei dem Herrenausstatter seines Vertrauens. Schließlich war gewissermaßen Gefahr in Verzug für die Bevölkerung. Natürlich sollte auch ein nicht unerheblicher Teil des zu erwartenden enormen Gewinnes Herrn Hahn selbst zufließen. Schließlich war er gerade dabei, im Alleingang das deutsche Volk zu retten. Da war so ein heimlicher Bonus durchaus angemessen. Die genauen Modalitäten wurden schriftlich fixiert und Stillschweigen darüber vereinbart.

Leider kam es im Verlauf der folgenden Jahre anders. Wie viele andere Maskenlieferanten, so ging auch Herr Meyer leer aus, und das bis heute. Von Wuchermasken war jetzt die Rede, von unberechtigten Ansprüchen der geldgierigen Maskenhersteller. Auch Meyer blieb somit nicht nur auf den gesamten Kosten der Produktion sitzen, sondern erlebte dazu auch die Schadenfreude seiner Kollegen. Schließlich musste der Herrenausstatter sogar sein alteingesessenes Unternehmen in der Maximilianstraße schließen, sehr zum Leidwesen der Mitglieder der BCV, deren bevorzugter Maßschneider er war. Herr Meyer war zu einem Kollateralschaden im Bereicherungsplan eines eitlen Gesundheitsministers geworden. Und er begann, auf Rache zu sinnen. Der Rest war ein Kinderspiel.

Conclusio

Polizei und Staatsanwaltschaft blieben – wen wundert’s – bei der anfänglichen Vermutung eines schwulenfeindlichen Mordanschlags und verzichtete im Sinne der Einsparung von Steuergeldern auf anderweitige Ermittlungen. Leider, so hieß es in Legislative, Judikative und Exekutive unisono, sei Bayern – natürlich mit Ausnahme der sehr toleranten BCV – doch nach wie vor als extrem konservativ und in jeder Hinsicht genderresistent einzuordnen. Eine Interpretation, der sich schließlich auch die Medien widerwillig beugen mussten. Die guten Kontakte der Partei beschränkten sich ja nicht auf exklusive Herrenausstatter. Auch die gesamte bayerische Medienlandschaft inklusive namhafter, auch überregional agierender Verlage und TV-Imperien, profitierte regelmäßig von ebendiesen guten Kontakten.  Ein Täter wurde folgerichtig nie ermittelt und Herr Meyer konnte, dank der innigen Beziehung zur BCV, nach kurzer Zeit wieder ein Geschäft eröffnen. Vamos, Amigos!

MiniKrimi Adventskalender am 18. Dezember


Heute zeigt euch meine Mörderische Schwester Monika Buttler, was es mit der feinen englischen Art auf sich hat… Viel Spaß beim Lesen!

Auf die feine englische Art (Auszug Kurzkrimi)

von Monika Buttler

Als es passierte, an einem dieser englischen Tee-Nachmittage im Hotel „Vier Jahreszeiten“, da war ich ja nur Publikum. Was heißt ‚nur’ – geborgen im braunen Rund eines Chippendale-Chairs, hatte ich den besten Logenplatz meines nun 70-jährigen Lebens inne. Es war Adventszeit. Draußen, hinter den Scheiben, lag das Nachtgemälde der Alster, leuchtend im Schein einer Riesentanne, im schwarzen Himmel glühten Reklame-Sterne. 

Drinnen, in der Heimeligkeit roten Plüschs, dunklen Leders und dämpfender Teppiche beugte ich mich über das viktorianische Service und schenkte mir meinen „Classic English Tea“ ein. Kräftig aromatisch, aus Assam, Ceylon und Kenia, dazu ein wenig Sahne aus dem Kännchen, so wie es beim Afternoon-Tea nun mal dazugehört. Wohlig wälzte ich den Schluck im Mund und wartete. Worauf? Darauf, dass sich der Vorhang hob. Der unsichtbare Vorhang für eine Salonkomödie. Noch besser wäre natürlich eine Tragödie, denn meine reizarme Solo-Existenz brauchte dringend eine Auffrischung. Warum gönnte ich mir denn so oft diese kostspielige Tea-time mit Sandwiches, Scones, Clotted Cream and so on? Eben. Bestimmt nicht nur, weil ich mal Oberstudienrätin für Englisch war.Ich durchwitterte die Atmosphäre. Nein, das Licht des Kronleuchters flackerte nicht; der hanseatische Ratsherr im Goldrahmen blickte nicht düsterer als sonst, am Piano perlte wie immer Gershwin. So schaute ich wieder zu der silbernen Etagere auf meinem Tisch, von der mich Pikantes und Süßes verlockend anlachte. Gerade hatte ich mir ein Gurken-Sandwich auf den Teller bugsiert, als es im Tee-Salon plötzlich still wurde. Ein Auftritt! Und was für einer! Unser makel- und zeitloser Empfangschef geleitete eine Königin durch den Raum. Ja, die Samtkappe auf dem welligen Blondhaar musste eine Krone sein, denn die Dame ging nicht – sie schritt. Schwarz und samten auch das Kleid mit Spitzeneinsatz, weihnachtlich überglänzt von Juwelen. ‚Juwelen’, das klingt altmodisch, aber Diamanten und Brillanten konnte ich leider noch nie unterscheiden. An einem Vierer-Tisch, für mich in bester Bühnensicht, rückte ihr unser Empfangschef das Sesselchen zurecht.

Ich ließ mein Gurken-Sandwich ruhen und betrachtete sie. Diskret natürlich. Ein Gesicht, zart wie ein verblasster, alter Brief. Fünfzig plus sagt man heute, aber ich nenne es inbetween. Zwischen den Altern. Schon irreparabel verblüht, aber noch hungrige Hoffnung in den Augen. Das hatte ich zum Glück hinter mir. Ich schielte nicht zu Männern, sondern zu den aufgeschichteten Delikatess-Schnittchen.Ein Kellner brachte der Dame den dunklen Holzkasten. Zwölf Sorten Tee unter Glas – die „Speisekarte“. Sie tippte mit reich beringter Hand nach oben, offenbar mochte auch sie die „Classic“-Variante. Wenig später standen Stövchen, Kanne und Etagere auf ihrem Tisch. Sie hob die Tasse, und ich fing ihren Blick. Lebenshunger? Nein, ich musste mich geirrt haben, ihr Kleiderglanz war eine Täuschung. Bestürzend nackt erschien mir dieser Blick, wie preisgegeben, als könne sie nichts mehr verletzen. Jetzt schloss sie die Augen, schmeckte lange, lange den Tee. Nein, nicht genussvoll, sondern eher so, als schmecke sie ihn das letzte Mal. Schlucke des Abschiednehmens? Sie hielt sich gerade, aber ihre Geste war müde, als sie sich nun ein Sandwich nahm. Eine Einsame, dachte ich, Miss Einsamkeit persönlich. Ich würde sie Blanche nennen, so wie die Südstaaten-Schönheit in dem Drama von Tennessee Williams.

Ich hatte sie inzwischen mit einem Krabben-Sandwich überholt. Was feierte diese aufpolierte Lady da mit sich selbst? Ich wollte meine Neugier schon im Tee ertränken, als mich weitere Geschehnisse wieder aufstörten. Die Elegische hatte eine feinrandige Brille aufgesetzt und las, wiederkehrend wie bei einem Rosenkranz, die wenigen, auf einen fliederfarbenen Bogen geschriebenen Briefzeilen. Endlich steckte sie den Umschlag zurück in ihre Krokotasche. 

Das Ritual ihrer festlichen Teestunde hatte plötzlich einen Riss bekommen, sie rührte nichts mehr an. Ich dagegen war schon bei der mittleren Ess-Etage angelangt und holte mir Trüffel, kleine Windbeutel und Baisers auf den Teller. Ich kaute und wartete. Wartete mit Blanche, deren Blick zwischen Armbanduhr und Eingang pendelte. 

Der Kurzkrimi ist erschienen in:

Monika Buttler: Manchmal nützt nur Mord. Kriminalgeschichten de luxe. elbaol verlag hamburg, ISBN 978-3-384-32134-3, 174 Seiten, 13 Euro.

Dazu gibt es einen Ergänzungsband:

Monika Buttler: Tödliche Taten. Mehr Kriminalgeschichten de luxe. elbaol verlag hamburg, ISBN 978-3-384-31741-4, 194 Seiten, 14 Euro. 

Erhältlich im Buchhandel

www.monikabuttler.de

MiniKrimi Adventskalender am 17. Dezember


Manche Geschichten kann sich nur das Leben ausdenken. Und manchmal gehen die sogar noch halbwegs glimpflich aus. Damit das aber so bleibt, denkt bitte daran und tut das eure dazu: #AfD und #AfDVerbotjetzt.

Alexander der Große

Alexander ist behütet aufgewachsen. Als er 14 war, zogen seine Eltern aus dem Gärtnerplatzviertel hinaus in die neu erbaute Siedlung an der Minervastraße. Immer noch nah genug an der Innenstadt, aber noch näher an Wiesen und Feldern. Genau genommen beginnt die Ödnis bereits an dem kleinen Tümpel im Park. See? Lächerlich. Einmal hat Alexander mit seinen Freunden am Steg eine Flasche Wodka gesoffen. Es dauerte keine halbe Stunde, da waren die Bullen da. Von wegen „dein Freund und Helfer.“ Schergen der Bourgoisie waren das.

Überhaupt gefällt es Alexander so gar nicht in der MInervastraße. Alles ist so auf etepetete gebürstet. Die Leute tun so, als seien sie was Besseres. Sogar die Ausländer. Und die Schwulen. Und die Lesben. Und die aufgetakelten Tussis mit ihren frisierten Hunden. Alexander bezweifelt, dass die einem anständigen Beruf nachgehen. Die Ausländer werden wahrscheinlich vom Staat unterstützt, und die Tussen… naja, denen sieht ma doch an, womit sie ihr Geld verdienen.

Seine Familie passt nicht in die Siedlung. Das hat der Junge schon von Anfang an gespürt. Wie die Nachbarn geschaut haben, wenn der Vater abends mit seinem Metzgerei-Transporter vor die Tiefgarage gefahren ist! Und die Mutter ist auch viel bodenständiger als die anderen Frauen hier. Sie färbt sich die Haare selbst, und auch Alexander und der Vater lassen sich von ihr regelmäßig einen ordentlichen Schnitt machen. Die Eigentumswohnung war teuer genug, da müssen sie nicht auch noch viel Geld für einen Friseur ausgeben.

„Wir wohnen jetzt in einer exklusiven Wohngegend, Alexander“, hat die Mutter beim Einzug gesagt. „Schau, dass du immer gut gekleidet bist. Und benimm dich anständig.“ Am Anfang hat Alexander das auch tatsächlich versucht. Leider lebten und leben in der Siedlung nur ein paar Kleinkinder, die alle dort geboren sind. Keine Teens und Twens. Also hing Alex meistens mit seinen Kumpels aus der Realschule rum, am liebsten in der Stadt. Nur zum Zocken kamen seine Freunde ein paarmal mit zu ihm nach Hause. Aber nachdem er die Seitenblicke und das kaum verhaltene Lachen gesehen hat, mit dem sie die Spitzendeckchen auf dem Sofa, die Kuckucksuhr an der Wand und die Kittelschürze seiner Mutter bedachten, nahm Alexander niemanden mehr mit heim. Was denken die eigentlich? Seine Eltern sind anständige Leute, sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, im Bayerischen Wald. Sein Vater hat sich alles hart erarbeitet, den eigenen Betrieb, die Wohnlandschaft, die Ferien an der Ostsee. „Fliegt ihr im Urlaub nie nach Dubai oder in die Dom Rep?“, hat ihn sein Freund Max mal gefragt.

„Warum? Wir finden es in Deutschland auch sehr schön. Und da versteht man wenigstens, wenn wir ein Bier bestellen.“

„Klar, ne?“ hat Max geantwortet, und damit war die Freundschaft der beiden dann auch vorbei.

Seine Eltern und er sind anders. Passen nicht in das Bild der Siedlung. Die Mutter trägt schon mal Alditüten statt Prada, der Vater sitzt mit Zigarette und Bier auf dem Balkon und nicht mit Champagner. Und er, Alexander, geht nicht auf ein privates Gymnasium, sondern auf die Realschule.

Im Sommer bleibt Alexander sitzen, und seine Eltern schicken ihn auf die BOS. In der Vorklasse lernt er ganz andere Leute kennen. Viel cooler als seine tranigen Realschulfreunde. Statt für’s Klima zu demonstrieren fährt Alex – so nennt er sich jetzt, um nicht so abgehoben zu klingen – mit seiner neuen Clique auf lauten Mopeds über Land, besucht Volksfeste und richtige bayrische Wirtschaften, nicht die teuren Clubs in der Innenstadt. Nur das Gaming hat er beibehalten. Online. Mit einer Handvoll Leuten, die ok sind. Vor allem Lisa. Sie ist saugut, nicht nur für ein Mädchen, sondern überhaupt. Wenn er bei Battlefield 6 gegen sie verliert, stört ihn das nicht. Manchmal ertappt er sich dabei, dass er sie gerne kennenlernen würde.

Seine neuen Freunde sind alle deutsch. Biodeutsch. Klar gibt es auf der Schule auch Ausländer, aber mit denen haben sie nichts zu tun. Eigentlich ist es voll ungerecht, dass die hier so lange zur Schule gehen dürfen, statt zu arbeiten. Wahrscheinlich kriegen die auch staatliche Ausbildungsförderung, und die Eltern sitzen daheim, trinken Tee und kassieren Bürgergeld. Und das alles, während es dem elterlichen Betrieb immer schlechter geht. Plötzlich wollen die Leute Biofleisch, am besten von Kälbern, die mit Mozart und Muttermilch aufgezogen worden sind. Und bitte lieber kein Schweinefleisch. „Wir haben zu Hause selbst ein kleines Schweinchen, wissen Sie“, hat kürzlich eine Kundin gesagt. Dass der Vater die hohen Preise dafür nicht zahlen kann, ist so einer eh egal.

„Es stimmt was nicht mehr, bei uns in Deutschland“, sagt der Vater immer öfter. „Der Staat malt den Teufel an die Wand und will uns vorschreiben, wie wir heizen sollen, will uns das Autofahren und unser Schweineschnitzel verbieten. Und den Ausländern schiebt er die Kohle hinten rein. Und den Transsexuellen. Den Behinderten. Ja, wenn du bei uns deutsch, gesund, normal und arbeitswillig bist, hast du schlechte Karten.“

Alex’s neue Freunde sehen das genauso. Sie treffen sich jetzt immer sonntags in der „Deutschen Eiche“ und reden beim Bier darüber, wie schlecht es ihnen und ihren Familien geht. Draußen stehen ihre Motorräder, Bikes und Autos. Aber das ist für sie kein Widerspruch. In letzter Zeit kommen immer wieder Vertreter einer neuen, deutsch nationalen Partei. Die reden nicht in geschwollenen Luftblasen wie die anderen, die „g’standenen“ Politiker. Die verstehen, worum es den jungen Leuten geht. Sie haben klare Ideen und geben Parolen und Visionen aus. Alex folgt ihnen in den Sozialen Medien, und die haben echt was drauf, findet er. Endlich fühlt er sich nicht mehr minderwertig. Endlich kann er’s allen zeigen. Seinen alten Klassenkameraden mit den grünversifften Halluzinationen, den arroganten Bewohnern in der Minervastraße, die auf seine Familie runterschauen.

Seine neuen Freunde wissen auch schon, wie.

Es ist Sommer, ein lauer Abend. Alex zieht sich die Sturmhaube über den Kopf, dann rennt er los, zusammen mit drei anderen. Sie haben Moliies in der Hand und werfen sie durch das Schaufenster in einen Laden im Erdgeschoss eines Altbaus mitten in Schwabing.

Der Laden ist ein Nest von linksgrünversifften Transen und Behinderten, hat ihnen Karl, der Parteigenosse, erklärt. „Wenn wir erst mal an der Regierung sind, schmeißen wir die alle in den Knast. Da sollen die erstmal lernen, gescheit zu arbeiten, statt auf unsere Kosten zu leben und uns dafür auch noch Vorschriften zu machen.“

Die Mollies explodieren nach Plan. Drinnen Schreie, ein Kind weint. Ein Kind?, denkt Alex. „Los, rein, die kaufen wir uns“, ruft Franz, ihr Anführer. Das Lokal ist offenbar kein linksterroristisches Zentrum, sondern ein Platz, an dem sich junge Leute zum Gamen treffen. Leute wie er. Überall Computer und Spielekonsolen, ein paar in Flammen. Franz drischt mit einem Baseballschläger auf die Geräte ein. Und auf den jungen Mann, der ihn davon abhalten will.

„Nein! Hilfe!“ Hinten in der Ecke sitzt jemand in einem Rollstuhl. Lange blonde Haare, die Feuer gefangen haben.

„Geschieht dir recht, du Terrrorschlampe“, lacht Franz. „Los, mach du auch mal was“, fordert er Alex auf.

Aber Alexander steht wie angewurzelt auf der Schwelle.

„Hilfe!“, schreit das Mädchen. Da zieht Alexander seine große schwarze Jacke aus und beginnt, es abzulöschen. So, wie er es mal in der Schule gelernt hat. Polizeisirenen nähern sich, seine Freunde laufen davon. Alexander bleibt. Er hält die Hand des Mädchens auch noch, als der Rettungswagen kommt.

„Wollen Sie mitfahren?“, fragt der Sani.

Doch da wird Alexander schon von zwei Polizisten zu Boden gedrückt.

„Lisa. Ich heiße Lisa. Besuchst du mich im Krankenhaus?“, ruft das Mädchen. Und dann, zu den Polizisten: „Er hat mir das Leben gerettet, wissen Sie?“

Und für diejenigen unter euch, die sich ein Happy End wünschen:

Fast wäre er Alex geworden. Aber Lisa nennt ihn Alexander. Alexander den Großen, ihren Retter. Er ist mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Und geht jetzt sonntags zum Gamen statt in die „Deutsche Eiche.“

MiniKrimi Adventskalender am 16. Dezember


Jetzt hat es beinahe nicht rechtzeitig geklappt mit dem Türchen-Öffner. Mein Internet hat sich verabschiedet. Aber zum Glück habe ich noch einen Hot Spot im Ärmel. Also Daumen drücken, dass der bis 18 Uhr durchhält. Hier die Infos zum Krimi meiner lieben bayerischen Mörderischen Schwester Monika Nebl.

Mords-Engerl: Krimi-Minnies sechster Fall

Der Fall: Taschendiebe auf dem Wasserburger Christkindlmarkt, viel Blut in einem Parkhaus und ein schlimmer Fund auf der Kapuzinerinsel. Der neue Fall geht Minnie ans Herz und an die Nieren.

Im sechsten Band der humorvollen Reihe schlägt sich die töpfernde Hobbydetektivin und Autorin nicht nur in ihrem Plätzchenstand mit viel zu viel Geglitzer und Jingle Bells herum, zudem schmuggelt sich ein kleiner Engel in ihr Herz. Und wie soll sie Weihnachten genießen, wenn auch noch um den Christbaum gestritten wird?

Aus dem Kapitel „Spaziergang mit Schuss“ Hobbyermittlerin Minnie und ihr Freund Alex haben im Wasserburger Parkhaus Schüsse gehört und Verdächtige fliehen gesehen. Nun erscheinen die Polizeikollegen Gerhard und Sigi, die sich nicht mehr wundern, dass die Krimi-Minnie mal wieder vor Ort ist.

Der dunkle Fleck, den wir vorhin direkt hinter der Ausfahrkurve im Parkhaus bemerkt haben, ist natürlich Blut. Viel Blut! Dem Gerhard sind bei der Menge die üblichen Witze zu meinem unpassenden Auftauchen wohl im Hals steckengeblieben. Er schüttelt fassungslos den Kopf, während Sigi mit der Spurensicherung telefoniert.

»Kein Verletzter am Tatort. Mei, weit kann der ned kommen, mit dem Blutverlust.«

Er schaut mich nachdenklich an und nickt. »Wir haben Zeugen hier. Ja, bis gleich.«

Nun staubt er die Schaulustigen zurück und fertigt die anderen rigoros ab.

»Lasst euch abholen, an euer Auto könnt ihr aktuell ned ran. Außerdem wollt ihr doch ned durch das ganze Blut fahren, oder?«

Mit feinfühligen Zwischentönen hat es der Sigi nicht, da ist ja der Gerhard empathischer. Der nimmt mich jetzt ins Visier.

»Minnie, das kann ned wahr sein«, sagt er ein bisschen schwach für seine Verhältnisse. Ich sehe keinen Sinn darin, mich zu entschuldigen, nur weil ich – mal wieder – zur richtigen Zeit am falschen oder richtigen Ort war.

»Wir waren spazieren, haben den Schuss gehört und den Schrei einer Frau. Dann haben wir euch angerufen. Als sie noch mal geschrien hat, mussten wir doch nachsehen, ob wir helfen können.«

Nun stehen Gerhard und Sigi neben uns und nicken.

»Verständlich, trotzdem gefährlich«, meint der Sigi, dem man selten irgendeine Regung ansieht. Ich spähe an den Männern vorbei. So viel Blut! Aber nicht von der geflohenen Frau, da bin ich mir sicher. So kampfbereit und schnell verschwunden, wie sie war, würde ich sie nicht als schwer verletzt einschätzen.

Während Alex versucht, sie zu beschreiben – schwierig, denn außer Mütze, Augen und Blut gibt es da nichts –, und den zweiten Flüchtenden erwähnt, sehe ich in der Blutlache etwas schimmern.

»Da drüben liegt eine Patronenhülse.«

Sigi geht bis ans Absperrband ran. »Scharfe Augen, Minnie. Die kann sich die SpuSi dann aus der Lackn fischen.«

»Also ein Schütze, der ganz nah am Opfer stand?«, ist meine Folgerung. Schlagartig beginne ich zu zittern. Wenn ich mir das vorstelle!

»Wie wütend oder abgebrüht muss man sein, dass man aus einer solchen Nähe schießt?«, frage ich zähneklappernd in die Runde.

»Ziemlich, würd’ ich sagen«, ist Sigis nüchterne Erwiderung. »Ihr meint, die Frau war eher ned verletzt, und der andere ist zackig davon? Also wird es der Dritte gewesen sein, den die beiden Männer aus dem Queens gesehen haben, der viel Blut verloren hat.«

Alex und ich nicken. Meine Füße sind auf dem kalten Betonboden mittlerweile zu Eis erstarrt. Trotzdem tun sie weh. Gerhard bittet nochmals über Funk um eine Suchmannschaft. Für die Flüchtigen und vor allem für den »mutmaßlich« Schwerverwundeten. Die Antwort lautet, dass die Rosenheimer Kollegen gleich da sein müssten.

Als mein Zähneklappern im Parkhaus zu hallen beginnt, grinst der Sigi glatt, was mich aufrüttelt.

»Ja, dann gehen wir mal heim in die heiße Badewanne und zum Tee. Ich drück’ euch die Daumen«, grantele ich vor mich hin. Das Klack-klack erzeugt aber offensichtlich mehr Mitleid und Besorgnis als Neid.

»Ja, geht’s heim, Minnie. Bevor’s nächste Woche im Standerl keine Platzerl gibt«, Gerhards größte Sorge gilt wie immer dem Essen.

»Oder dich einer mit deinen rotnasigen Töpfertieren verwechselt«, witzelt der Sigi mit todernster Miene.

Sehr witzig. Leider sind Kiefer und Hirn gefroren, weswegen ich keine passende Antwort artikulieren kann.

In der Badewanne grummle ich wieder aufgetaut vor mich hin. „Du kriegst spezielle Platzerl von mir, Sigi. Da wirst schauen, wie rot die Augen werden, wenn ein bisserl Chilipulver im Teig verbaut und mit Lebensmittelfarbe getarnt ist!“

***

Natürlich bin ich dafür zu gutmütig, aber der Sigi zuckt tatsächlich mal mit der Wimper, als ich ihm ein paar Tage später eine Plätzchentüte vorbeibringe.

»Extra für dich, Sigi, für dein Einfühlungsvermögen. Lass es dir schmecken«, säusle ich auffällig süß. Was sein Misstrauen weckt.

»Äh, ich darf ned, wegen dem Zucker.«

»Ist gar ned so viel drin, ich habe mir etwas Neues einfallen lassen«, erwidere ich mit emporzuckenden Augenbrauen. Daraufhin reicht er die Tüte eilig an Gerhard weiter, der seine bereits nach Sekunden vernichtet hatte. Bevor ein Kollege reinkommt und was abhaben will.

Verlegen stottert der Sigi, der etwa Schrankgröße und -breite besitzt, mit roten Ohren: »Das blockiert meinen Muskelaufbau, der Gerhard legt da ned so viel Wert drauf wie ich. Aber vielen Dank, Minnie, das ist sehr nett von dir.«

Sei es, dass Gerhard mich besser einschätzen kann und darauf vertraut, dass ich Sigi nichts Böses will. Oder er hat einfach den üblichen Riesenhunger und geht daher das Risiko gern ein. Ich tippe auf Letzteres. Er verspeist den Tüteninhalt am Stück, grinsend, während Sigis Gschau immer düsterer wird.

»Ja, es freut mich, dass es dir schmeckt, Gerhard. Ich wünsch’ euch einen schönen Tag«, flöte ich und verlasse die Inspektion.

Fotos:

Autorenfoto: Fotoatelier G. Nebl

Cover: Bildnachweis: © stock.adobe.com: Jenny Sturm, John Cater und Roman Samokhin / © macrovector auf Freepik / © Fotoatelier G. Neb

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