Davon geht die Welt nicht unter… (aber vielleicht wir?)


Es ist ein bisschen wie Weltuntergangsstimmung. Wie, wenn Menschenmassen in die Supermärkte strömen und die Regale leerkaufen, vor Weihnachten oder Ostern. Als gäbe es kein Morgen nach dem Wochenende.

Aber vielleicht ist das ja auch so. Beziehungsweise sieht das Morgen nach dem 6. September wahrscheinlich wirklich anders aus. Die Welt ist sicher (noch) nicht untergangen. Oder nicht überall. Aber die Demokratie könnte ein Stück weit beschädigt sein. Im Osten. Aber die Grenze zwischen Ost und West, die gefühlte Grenze, die genauso real ist wie eine physische, diese Grenze ist osmotisch. Und was sich im Osten anbahnt, nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, sickert immer weiter durch. Wie Gift im Wasser verteilt es sich unterirdisch, unterhalb der demokratischen Oberfläche. Nicht greifbar, und deshalb noch zersetzender.

Die Welle

Ich bin kein dummer Mensch. Ich bin von meiner Jugend an gewohnt, Situationen zu analysieren, Muster zu erkennen, Reaktionen zu entwickeln. Seit der Corona-Pandemie bin ich in zunehmendem Maße ratlos. Wie eine Welle schwappt Unvernunft, gepaart mit irrwitzigem Irrglauben, unreflektierter Rezeption von haarsträubenden Unwahrheiten und vollkommener Blindheit bezüglich der Lebenswirklichkeiten in Deutschland – aber auch in anderen Ländern – über uns, über mich herein.

Und wie im Meer gelingt es mir nicht mehr, mich über Wasser zu halten, eine Welle folgt der anderen, ich kann nur Atem holen und sehe statt dem Horizont nur den nächsten Wellenkamm.

In den sozialen Medien tummeln sich Beiträge, die an Dummheit nur durch ihre Boshaftigkeit überboten werden. Den „Biodeutschen“ geht es schlecht. Schuld daran sind die Migranten und die unendlich vielen Queeren. Sie nehmen „uns“ unsere Arbeit, unser gutes deutsches Essen und unser Leben. Vor meinem geistigen Auge marschiert ein Heer von Straßenkehrern, Müllabfuhr-Mitarbeitenden und Tellerwäschern, alle strohblond mit blauen Augen und niedrigem Schulabschluss. Zu ihnen gesellen sich Scharen blonder, blauäugiger Ärzt*innen, Pfleger*innen und Paketzusteller*innen. Sie alle können weder Essen noch Miete zahlen, wie die Migranten ihnen ihre Arbeit gestohlen haben.

Nun trauern sie Zigeunerschnitzeln, Cevapcici und Königsberger Klopsen nach. Alles „typisch deutsche Hausmannskost“. Dabei entgeht ihnen passenderweise, dass vor allem im Osten die einzigen noch verbliebenen Gastronomietempel die vereinzelten Dönerbuden sind. Die übrige gastronomische Vielfalt hat sich längst in den Westen abgesetzt, von gutbürgerlich über italienisch bis asiatisch – und ich frage mich, warum die Anbieter des in Deutschland erfundenen türkischstämmigen Junkfoods noch da sind. Die Antwort liegt auf der Hand und wurde in einem TV-Interview von einem bekennenden AfD-Anhänger bestätigt: „Wir lassen uns unseren Döner nicht nehmen.“ Na also.

Im Ernst: ich muss nicht ausführen, was mit unserer (Abfall-)Wirtschaft, unserem Gesundheitswesen und, ja, auch der Gastronomie passieren würde, wenn Ulrich Siegmund seine vollmundigen Wahlkampfparolen umsetzen könnte-würde. Oder wollte. Denn es besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass er nach der Wahl schelmisch-schmierig lächelnd fragen würde, was ihn sein Geschwätz von gestern angehe.

Fake Missstand

Nein, ich weiß wirklich nicht, wie ich diesen vielen und immer noch mehr Menschen begegnen, was ich ihnen entgegnen soll, die auf die „Ausländer“ schimpfen, den Untergang unserer deutschen Kultur beweinen und den „Altparteien“ die Schuld geben – ja, wofür eigentlich? Dafür, dass es ihnen schlecht geht? Tut es eigentlich gar nicht. Dass sie bedroht werden? Werden sie eigentlich gar nicht. Bzw. nicht mehr als in den von ihnen beschworenen „guten alten Zeiten.“ Die gab es nie, und ich bin mir sicher, eigentlich wissen diese Leute das auch. Wtf! Warum sind im Osten so viele auf die Straße gegangen, haben „wir sind ein Volk“ skandiert und sind zu Zehntausenden über Ungarn in den Westen „gemacht“? Dachten sie, hier fliegen ihnen Spreewaldgurken und Broiler in den Mund? Am Ende sind wir selbst daran schuld, Menschen wie meine Mutter, du und ich, die wir vor jedem Zonenbesuch meterlange Wunschlisten bekamen und diese gewissenhalt erfüllten, was uns viel hart erarbeitetes Geld kostete. Westkaffee, Weststrümpfe, West-ich-weiß-nicht-was. Das waren in der Tat gebratene Tauben.  Nur nicht für uns.

Und dann dieses „Hier gibt es keine Meinungsfreiheit.“ Echt jetzt? Come on! Hier wird gepöbelt, beleidigt, beschimpft was die Sozialen Netzwerke halten. Ungestraft, zumeist. In der DDR durfte ich als Gast nicht mal Fremde anlächeln, ohne dass meine Verwandten Gefahr liefen, von der Stasi heimgesucht zu werden. So true.

Die Ausländer erstechen unsere Frauen. Nope. Das erledigen die Deutschen schon selbst. Schöne Grüße vom Statistischen Bundesamt. Die Ausländer zerstören unsere Kultur. Ehm, ja, die haben wir aber vor Jahrhunderten bis Jahrtausenden selbst zusammengeklaut. Die Idiotie gipfelt in der Entrüstung auf die Frage, ob unsere Kinder ab sofort in der Schule arabische Zahlen lernen sollen. Leute, kein Gag! Sogar meine Nichte, Gott hab sie selig (sie starb, weil sie nach Corona der Medizin nicht mehr vertraute und glaubte, ihren Mamma CA durch eine starke Psyche und alternativer Onkologie zu heilen), antwortete auf diese von mir als Witz gemeinte Frage mit einem „So weit sind wir schon gesunken!“

Keine Bange, wir können noch viel tiefer sinken. Ich lasse es mir ja noch eingehen, wenn Superreiche die AfD als ernsthafte Alternative zur CDU/CSU sehen. Aber die Mehrzahl der Ultrarechten ist leider nach wie vor benachteiligt, intellektuell und finanziell. Und nein, die lesen das Wahlprogramm der AfD nicht! Sie lesen TikTok, schauen Insta und Youtube und bedienen sich an der einfachen Pseudowahrheit, die ihnen – nicht mal technisch besonders ausgefeilt – serviert wird.

Nur die dümmsten Kälber?

Jennifer Rostock hat Recht, aber was hilft es? Ja, nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.

Und ich verstehe es nicht! Warum nur, warum?

Ja, Kritik ohne Alternativen ist einfacher als komplexe Lösungsszenarien. Den Klimawandel bekämpfe ich mental und emotional am besten, indem ich ihn leugne, und nicht, indem ich bewusster lebe und entscheide. Aber was ist mit der schlechten Wirtschaft? Die sich im Aufschwung befindet? Sind das Fake News? Und Russland? Versucht uns zu unterwandern, ok, zugegeben eher dilettantisch. Aber nein. Fake News. Warum? Warum nur?

Was haben diese Leute denn davon? Sie können doch nicht ernsthaft glauben, dass eine AfD-Regierung irgendwas „verbessern“ würde? Vor allem einen Zustand, den sie schlechtgeredet hat? Ah! Hier ist eine mögliche Antwort. Wenn es „uns“ gar nicht so schlecht geht, wie die AfD an die Hauswände der einfach Denkenden malt, dann würde es uns gleich nach der „Machtergreifung“ (ja, Nazis sind und bleiben Nazis und dürfen mit der Naziterminologie beschrieben werden) wieder gut gehen – und das wäre dann der AfD zu verdanken.

Ohohoh.

Hey, ich habe einfach Angst. Große Angst. Geschichte wiederholt sich. Und wenn es stimmt, dass „wir“ (die Demokrat*innen, die Antifaschist*innen, die Guten) mehr sind – warum sehen die Wahlprognosen dann so aus, wie sie aussehen? Sind die angeblich rechtsgrünversifften ÖR-Medien vielleicht doch heimlich rechtsnational und betreiben mit ihren Umfragen „wishful thinking“?

Was kann ich tun, um auch nur eine*n einzige*n AfD Wähler*in davon zu überzeugen, dass Nazis immer im Schafspelz daherkommen, aber auch immer am Ende der Böse Wolf sind? Dass eine rechte Revolution ihre Kinder frisst, unweigerlich? Und nicht nur ihre, sondern auch die der Nachbarn, deine und meine und dich und mich?

Ich habe mich oft gefragt, warum alle „etablierten“ Parteien, aber eigentlich auch alle anderen demokratischen Kräfte kein Mittel gefunden haben, um die AfD zu entlarven. Zu enttarnen. Warum sie immer nur gebetsmühlenartig warnen, vor den Konsequenzen. Statt auf die Wahlslogans einzugehen und sie mit Argumenten, ja, mit richtigen Argumenten zu widerlegen.

Aber dann erinnere ich mich an das Gespräch Weidel-Halali. Und ich verstehe. Weil nicht gehört, nicht verstanden werden wird, was nicht gehört und nicht verstanden werden will.

Was bleibt? Mir im Moment nur das Gebet.

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