MiniKrimi Adventskalender 2023


Ein paar Worte vorweg

Ja, meine Lieben: es ist wieder soweit! Und diesmal könnte der Advent nicht vorweihnachtlicher beginnen. Denn auch wenn Schnee dort, wo Weihnachten seinen Ursprung nimmt, nämlich in Palästina, nicht zum jahreszeitlichen Standard gehört – für uns kommt die Zeit rund um das Fest gefühlt am besten weiß daher. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass wir uns gerade jetzt so gerne an unsere Kindheit erinnern. „Leuchtet der Himmel rit: Christkind backt Kuchenbrot.“ „Von drauß vom Walde komm ich her..:“. Oder „Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft, und ein Hauch von Heimlichkeiten liegt jetzt in der Luft.“

Ja. Solche Erinnerungen sind ein Privileg, das nur wenige Menschen weltweit teilen. Gerade jetzt, so kommt es uns vor, sind so viele von Krieg und Leid betroffen. Ganz in unserer Nähe. Und in dem Landstrich, in dem das Christentum seinen Ursprung hat. Aber die Wahrheit ist, dass es immer überall auf der Welt gewaltame Konflikte gibt. Und oft dauern diese über Jahrzehnte an, vor allem in Afrika und in Asien, aber auch in Südamerika. Und der jüngere Konflkt im Nahen Osten ist über hundert Jahre alt.

Was bedeutet das für uns und unser Weihnachtsgefühl? Dürfen wir das überhaupt, uns freuen? Über den Schnee, über den Duft nach Glühwein und Zimt? Auf das Fest, auf die Geschenke? Wenn um uns herum so viele Menschen leiden?

Die Antwort darauf müsst Ihr selbst finden. Mich machen die Erinnerungen an weihnachtliche Momente und die Vorfreude auf eine hoffentlich schöne Zeit empfindsamer und aufmerksamer für andere. Ich bin dankbar für alles, was ich habe und erhalte, für den Frieden, den ich leben darf. Und ich versuche, gerade jetzt noch bewusster darauf zu achen, dass jch nicht nur nehme, sondern gebe. Nicht nur den Menschen um mich herum, die ich kenne, schätze und liebe, sondern auch denen, die mir ganz zufällig begegnen.

Von Meister Eckhart ist der Satz überliefert: „Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.“

So möchte ich es halten. Nicht nur, aber vor allem in dieser Adventszeit.

In diesem Jahr freue ich mich ganz besonders, dass mein MiniKrimi Adventskalender nicht nur von mir, sondern auch von meinen „Mörderischen Schwestern“ mit spannenden, mystischen, dramatischen, vielleicht auh komischen Geschichten gefüllt wird. Dazu gesellen sich hoffentlich wieder liebgewonnene Weggefährtinnen aus den letzten MiniKrimi Jahren.

Den Anfang macht heute eine Autorin, die ich als die (heute ehemalige) Präsidentin der Mörderischen Schwestern kennen und schätzen gelernt habe. Ihre Geschichte passt gut zu meinen Vorüberlegungen und ist ein nachdenklicher Anfang dieses Adventskalenders.

Morgen geht’s dann tragisch und komisch „zur Sache.“

Pupuze Berbers Geschichte ist kein Krimi im eigentlichen Sinn. Aber die Reflektion von Erlebtem, Gefühltem und Gedachten aus ihrer Kindheit in einem türkischen Dorf ist voller Dramatik.

Danke, liebe Pupuze Berber, für diesen Beitrag.

Mehr von und über Pupuze Berber lest Ihr hier: https://pupuze.de/pupuze-berber/

Adventskalender MiniKrimi vom 1. Dezember

Die Bürde der Kindheit

Es fällt mir schwer, nach so langer Zeit zu rekonstruieren, warum ich ausgerechnet an diesem Tag einen Witz brauchte, und wie ich auf die Idee kam, einen zu erfinden. Ich und ein Witz, das ist an sich schon witzig. Ich kann nicht mal welche erzählen. Möglicherweise ist dieses Achtsamkeitsbuch schuld. Achtsam sein. Nicht die Gedanken einfach so frei lassen, wie meine Großmutter ihre Kühe aus dem Stall, sondern ihnen bewusst auflauern und merken, wohin sie gehen. Das tat ich dann auch. Ich ließ meine Gedanken grasen in dem verregneten Grün, aber das machte den Kühen rein gar nichts aus. Sie waren verrückt, sprangen vor Freude in die Luft, muhten laut, verdrehten ihre Augen, warfen den Kopf hin und her, konnten sich nicht satt sehen und riechen an der feuchten Luft und den vielen Trieben, die kurz davor waren, aus der Erde zu schießen. Der Frühling war da! Was so ein Winter aus uns macht?

Dann sah ich die erste Verkaufsbude, die Läden zwar noch geschlossen, aber das würde sich bald ändern. Endlich. Der Spargel und die Erdbeeren. „Wo bleibt der Witz?“, schoss es mir durch den Kopf. Ich pfiff und holte meinen Gedanken zurück von der Bude und hin zu Herrn Becker. Es würde nicht so schwer sein, auf Kosten des Politikers Witze zu machen, denn er hatte die Wahl verloren. Seine vielen Plakate lagen geknickt am Boden. Vermutlich hatten sich Jugendliche einen Spaß erlaubt, neben dem Auftragen des kurzen Bärtchens auf Kandidatenoberlippen. Ich wollte mir den Spaziergang ein wenig spaßiger gestalten, wenn ich schon trotz Regenschirm nass wurde. Also machte ich ein paar gedankliche Anläufe, um einen Witz zu kreieren.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Die Wahl hat nichts verloren.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Er hatte keine Wahl zu gewinnen.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Die Wahl hat gewonnen.

Herr Becker hat die Wahl nicht vermehren können, weil er nicht wusste wie. Die Wahl ist gestorben.

Herr Becker hat die Wahl verloren und nicht wiedergefunden. Er könnte nicht mal einen Regenwurm finden.

Meine Witze waren zum Schreien schlecht.  Und der Regen war inzwischen so stark, dass ich Mühe hatte, voranzukommen, ohne auf die vielen Regenwürmer zu treten. Ich lief achtsamer. Es war interessant, zu beobachten, wie sie sich fortbewegten. Der vordere Teil raffte sich ineinander, woraus dann der Kopf nach vorne schoss und den hinteren Teil nach sich zog. Ich kniete nieder und schoss mit Mühe ein Foto. Und dann machte ich noch ein Video, um genau diese Bewegung festzuhalten. Im Innern des Wurms sah ich weiße kleine Kügelchen, und ich könnte behaupten, er habe Styropor gefrühstückt, aber weder wusste ich, ob Regenwürmer frühstücken, noch von was sie sich ernährten. Fraßen sie sich nicht durch die Erde hindurch, um sich fortzubewegen, und behielten das Nahrhafte nicht bei sich? Ich setzte meinen Weg fort.

Wie vermehrten sich Regenwürmer? Legten sie Eier? Hatten sie ein Geschlecht? Ich stellte mir diese Fragen und kannte die Antworten tatsächlich nicht. Was wusste ich über Regenwürmer? Nichts. Oder doch? Hatte ich nicht wegen Regenwürmern jahrelang Panik, bei Regen einzuschlafen? Und das kam so:

„Das ist eine wahre Geschichte. Eine Frau hat sie mir im Krankenhaus unter Tränen erzählt“, hatte Mutter mit ihrer Erzählung begonnen. Ich war fünf Jahre alt, als ich sie hörte.

„In einem Dorf…“, fuhr sie fort. Sie hatte nicht erwähnt, wie dieses Dorf hieß oder wo es war, es könnte auch unseres gewesen sein, denn damals hatte ich noch keine Vorstellung von der Größe der Welt. Ich kannte nur unser Dorf und die kleine Stadt, in der ich zweimal beim Arzt und einmal beim Fotografen gewesen war. Und weil mir diese Geschichte so eine entsetzliche Furcht einjagte, verortete ich den Vorfall sehr weit weg von uns. So waren ich und alle anderen Kinder geschützt, dachte ich.

„…lebte eine Stiefmutter. Sie hatte zwei Stiefkinder, die sie loswerden wollte, und zwar so unauffällig und natürlich wie möglich. Denn die Kinder hatten Vater, Oma, Opa, Tanten, Onkel, also ein ganzes Dorf, das sie beschützte. Also sammelte die Frau Regenwürmer, wenn es regnete.“ Leider regnete es bei uns sehr oft.

„Nachts, wenn die Kinder schliefen, schlich sie sich zu ihren kleinen Köpfen und setzte die Regenwürmer in deren Nasenlöcher. Die Würmer fraßen sich durch den Rotz bis zum Gehirn durch. Und auch dort fraßen sie weiter und nisteten sich ein.“ Das Gehirn war ihre Erde geworden, nie regnete es, nie mussten sie raus, so wie ich heute.

Wegen dieser Geschichte – denn bald wussten alle im Ort darüber Bescheid und erzählten es in diversen Varianten, fügten weitere grausame Details hinzu, machten aus zwei Kindern drei, vier, oder fünf, manch einem reichte das nicht aus, und auch die Großeltern der Kinder mussten dran glauben, bei manchen sogar das frisch gekalbte Rind inklusive aller eierlegenden Hühner und so weiter – hatte ich aus kindlicher Neugier einen Regenwurm zerteilt. Anstatt zu verbluten, wie mein Kälbchen beim Schlachten, bewegte sich jede der Hälften in unterschiedliche Richtungen.

Die Regenwürmer würden sich also im Kopf der Kinder in Ringe teilen wie Salamischeiben. Und aus jeder Scheibe würde ein eigenständiger Wurm heranwachsen und anfangen, sich im Gehirn durchzufressen. Und auch diese Würmer würden sich teilen und vermehren und…

„Sie fraßen, und fraßen, bis sie nichts mehr hatten. Als der Raum im Schädel leer war, waren die Würmer vor Hunger verzweifelt und fielen übereinander her. Und weil sie so viele geworden waren, krochen sie aus Nase, Ohren und Augen der Kinder wieder heraus. Die Unglücklichen waren da schon längst tot, Gott hatte Erbarmen gehabt. Die Verwandten beweinten sie und vermuteten, die unaussprechliche Krankheit habe sie in kurzer Zeit dahingerafft. Die kleinen Körper wurden unter Tränen gewaschen, in weiße Tücher gewickelt und, geschnürt wie kleine Bonbons, der nassen Erde übergeben.“

Mutter hatte die Geschichte nicht so erzählt, ich übertreibe wieder, wie immer. Sie hatte in ihrer Version nichts ausgeschmückt, nichts erklärt, und hörte auf, als die Stiefmutter den Kindern die Regenwürmer in die Nase legte und diese daraufhin starben. Sie wusste nicht mal, dass ich lauschte, während sie mit den anderen Frauen am Feuer saß und erzählte. Sie wusste nichts über den Kopierungsvorgang der Regenwürmer durch Sprengung der Körperringe, das hatte ich mir ausgedacht und mich dadurch schlimmsten Ängsten ausgesetzt. Ab da schlief ich bei Regen nicht ein. Denn da kamen sie aus der Erde.

Und Mutter… ich nannte sie Mutter, aber…war sie meine Mutter? Einmal war ich mitten in der Nacht hochgeschnellt und saß nun kerzengerade im Bett. Meine Körperhaare hatten sich aufgestellt wie die Stacheln eines Igels, kalte Schauer rannen mir den Rücken hinunter wie Regenfäden am Fenster. Sie war definitiv nicht meine Mutter,  und sie würde mich umbringen! Mit Regenwürmern!

Heute weiß ich, auch dank des Achtsamkeitszwangs, warum ich an Mutter gezweifelt hatte. Das Chaos meiner Kindheitstage konnte ich glücklicherweise entwirren, und die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge hatten mir vieles erklärt. Denn diese vermeintliche „Wahrheit“ hatte ich erfahren, als ich etwas jünger gewesen war, das lag ein halbes Jahr zurück, und daran hatte ich mich in dieser Nacht erinnert.

Wie alles andere, war auch das meiner Neugierde geschuldet. Meine Großmutter und ich waren mit den Kühen unterwegs gewesen, ließen sie grasen. Sie hatte ihr Strickzeug dabei, ließ die Wolle von einem Stoffbeutel über ihren Nacken zu ihrem linken Zeigefinger gleiten und strickte, hinter dem Vieh herschlendernd, Wollsocken für den Winter. Ich inspizierte rote Käfer, machte mit den Zähnen verschiedene Muster in große Bohnenblätter, suchte nach Heidelbeeren, bis ich die Unterhaltung von zwei Frauen hörte, die auf dem Weg zur Mühle waren.

Die Jüngere sagte: „Sie kommt aus Aron, was willst du machen.“

Die Ältere schnalzte drei Mal mit der Zunge, drehte dabei ihren Kopf von rechts nach links und antwortete: „Dabei sage ich immer: wenn dein Rock eine aus Aron berührt, zieh ihn aus und verbrenne ihn.“ Erst hatte mich diese Unterhaltung nicht weiter beschäftigt, meine Umgebung, Großmutter und die Kühe boten viel Abwechslung. Doch zu Hause, als wir bettfertig gemacht wurden, fragte ich Mutter, woher ich kam.

Vermutlich schickte es sich nicht, mir die Wahrheit zu sagen, nämlich dass ich die Frucht ihres Geschlechtsverkehrs mit meinem Vater sei. Stattdessen antwortete sie:

„Dich habe ich in Kestanlik gefunden.“ Ausgerechnet Kestanlik. Das ist noch heute ein dunkler steiler Abhang mit Esskastanien, daher kommt der Name, von der Kastanie. Natürlich wollte ich auch wissen, wo sie meinen jüngeren Bruder fand.

„In Düz“.

Das traf mich hart. Düz ist vielleicht der schönste und ebenste Platz in unserem bergigen Dorf, wo wir Ball spielen konnten, ohne ständig den den Hang heruntergerollten Ball suchen gehen zu müssen, was sehr anstrengend war, denn wir waren mehr hinter dem Ball her als beim Spielen. Er ist aus Düz und ich aus Kestanlik. Mein Bruder und ich stammten also nicht aus demselben Ort. Sind wir denn überhaupt noch Geschwister? Ist er mein Bruder? Ist sie dann meine Mutter? Die Sonne schien im Hof, und sie knetete in der Zinkwanne die Schmutzwäsche mit ihren Händen wie Brotteig. Ab und an stiegen Seifenblasen über ihren Kopf. Mein Bruder hatte seinen Spaß und wollte sie fangen, doch sie zerplatzten, sobald er sie berührte. Er schrie vor Freude und jauchzte über die zerplatzten Laugenblasen, immer und immer wieder, bis er hinfiel und seine Nase blutete, Mutter ihre Hände an ihrem Rock abtrocknete und sich um ihn kümmerte. Dieser Trottel, da war ich fast froh, mit dem nicht verwandt zu sein.

Aber dann war ich ganz allein.

Lilith


In der Bibel gibt es viele Frauenfiguren in der Bibel – und auch in älteren Schriften, z.B. im Talmud. Diese Frauen spielen dabei keine unterwürfige Rolle, ganz im Gegenteil.  Vielleicht sind sie uns deshalb oft unbekannt.

Sex hatte im Judentum immer einen besonderen Stellenwert – auch Frau sollte und soll auf ihre Kosten kommen. Spuren von dieser Denk- und Lebensweise finden wir in alten Gestalten. Eine besonders spannende ist

Lilith

Begleitet mich ins Deutschland am Ende der 1960, Anfang 1970er Jahre. Hier treffen wir ADAM.

Das erste Semester VWL in Berlin war für Adam ein Feuerwerk. Täglich neue Erlebnisse. Cafés, Kneipen, Geschäfte. Menschen mit Kopftuch, mit Turban, mit Irokesenschnitt, mit grünen, braunen oder gar keinen Haaren. Mit Ringen und Bemalungen an allen Körperteilen. Das Einzige, was er von zu Hause kannte, war die Lernroutine.

Und die allabendlichen Sauftouren mit den Kumpanen, jetzt Kommilitonen.


Adam war auf einem großen Gut in Norddeutschland aufgewachsen. Zwischen Weiden, Pferden, Grünkohl und Pinkel. Ungefähr das spannendste Geschehen war gewesen, am Sonntag in der Kirche zu sehen, wer von ihnen die Wette gewonnen hatte, wie blau der Pfarrer diesmal sein würde. Ob er nur die Worte beim Vaterunser verwechselte oder direkt die Altarstufen runterstolperte. Einmal hatte es ihn auf dem Weg nach oben glatt umgehauen!

Und jetzt die Uni. Große Freiheit. Fremde Welt. Politische Aktionen – Leute stellen plötzlich sein Weltbild in Frage, Kapitalismus als Feind. Statt Saufgelagen abendliche Diskussionen, Gitanes Mais und Marihuana.

Und mitten unter ihnen SIE. Rothaarig, langbeinig, grünäugig. Sie hatte alles gelesen, was man brauchte, um politisch mitzureden. Marx und Lenin, Adorno, Horckheimer, Marcuse. Und war ganz offensichtlich bei der Lektüre nicht eingeschlafen! Sie schrieb regelmäßig Artikel für den „Anschlag“. Was sie sagte, war Gesetz. Und zwar nicht nur bei den Mädels. Auch die jungen Männer, langhaarig, krausbärtig, mit Schlaghosen, hingen an ihren Lippen.  Wie sie sie aufpeitschte, jedes Mal, bevor sie zu einer Demo gingen. Mit rauer Stimme und diesem Blick, der dich aufspießt, festhält und in dich hineinkriecht. Ganz tief. Bis dir heißt wird und du an ganz andere Dinge denkst als daran, die Flugblätter mitzunehmen und an die Passanten zu verteilen, die Gaffer, die sich die „wilde Generation“ mal von nahem anschauen wollen, wie Affen in einem Zoo.

Adam hatte nur Augen für Lilith, und eigentlich ging er zu den Asta-Versammlungen auch nur wegen ihr. Ob sie ihn überhaupt je bemerkt hatte? Adam wusste es nicht. Bis zu jenem Sonntag.

Zuvor hatte es bei einer Demo einen Toten gegeben. Ein junger Student, Benno Ohnesorg. Jetzt war die Gewalt offen ausgebrochen, und Demonstranten und Polizei gingen wie im Krieg aufeinander los. Was heißt wie: Das WAR Krieg. Straßenkrieg. Und sie, die Studenten, waren die Guten. Die anderen, die Polizisten, gingen mit Wasserwerfern und brutaler Härte vor. Schlagstöcke hagelten auf Frauen nieder, junge Männer wurden getreten, auch, als sie noch am Boden lagen. Sogar Kinder kassierten Schläge.

Die Demonstranten warfen Steine und Molotow-Cocktails. Adam rannte mit den restlichen Flugblättern unterm Arm die Allee hinunter. Hinter ihm drei Polizisten mit erhobenen Schlagstöcken. Da standen plötzlich vor ihm wie aus dem Nichts zwei weitere Beamte, einer davon mit der Waffe im Anschlag. „Das ist alles ein großes Missverständnis“, wollte Adam ihnen entgegenschleudern. „Ich bin der älteste Sohn der Familie von Bredow. In meinen Adern fließt das Blut deutscher Kaiser. Ich muss die Linie weiterführen, ihr dürft mich nicht…“

Da krallte sich eine Hand in seinen Arm, riss ihn in einen engen Hauseingang, ums Eck und eine Kellertreppe hinunter. Stockdunkel. Die Polizisten kamen in den Hof gerannt, schauten sich um – fanden niemanden und liefen weiter.

„Das war knapp, Adam, Süßer“, flüsterte eine raue Stimme. Und dann küsste sie ihn, als wolle sie ihn in sich aufsaugen. Adam war starr vor Schreck, aber nicht lange. Lilith riss ungeduldig an seiner Jeans, schob ihren Rock in die Höhe und setzte sich auf ihn. Mitten im Kohlenkeller wurde Adam entjungfert. So hatte er sich das in unzähligen feuchten Nächten in seinem Bredower Jugendzimmer nicht vorgestellt. Nein, das war besser als in seinen kühnsten Träumen. Was sein Vater wohl dazu sagen würde?

Wenn Adam gedacht hatte, durch diesen Kellersex sei er in einer Beziehung mit Lilith, dann war diese jedenfalls anders, als er sich eine Partnerschaft vorgestellt hatte. Nämlich so, wie bei seinen Eltern und allen anderen Leuten in und um Großosterode. Das hatte der Mann das Sagen, die Frau war zu Hause und wartete auf ihn, hübsch angezogen und mit dem fertigen Essen. Anders bei Lilith. Sie kam und sie ging, wann und wie sie wollte. Eines Tages zog sie bei ihm ein, allerdings, ohne ihn gefragt zu haben.

Sie bediente sich an seinem Kühlschrank, an seinem Körper und seinem Geld.


Aber das alles war schon irgendwie ok, für Adam. Denn inzwischen durfte er sie sogar in der Öffentlichkeit küssen. Sie waren ein Paar. Zugegeben, sie stritten sich häufig, vor allem, wenn er nicht wollte, dass sie schon wieder auf eine Demo gingen, statt auch mal in die Oper. Kapitalistengesülze, sagte Lilith dazu. Und setze sich durch.

Als Trauzeugen waren zwei Zufallsbekanntschaften mit auf dem Standesamt, und die Unterschriften waren in zwei Minuten erledigt. Adams Vater hatte auf den Anruf seines Sohnes mit der Einladung zur Hochzeit am nächsten Tag nur mit einem „Aha“ reagiert. Und Lilith hatte es wohl niemandem mitgeteilt.

Sie zogen in eine große Altbauwohnung, und schon bald campierten dort regelmäßig ziemlich dunkle, ungewaschene Gestalten. Als Adam eine Waffe im Waschbecken fand und sein Konto in den Miesen, stellte er Lilith zur Rede.

„Ich dachte, wir stehen beide an vorderster Front in diesem Klassenkampf, das ist doch das mindeste, was du tun kannst, um die Schuld deiner Familie zu sühnen“, erklärte ihm seine Frau. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er sie lieben musste. Warum war er sonst mit ihr zusammen? Also ging er mit, als sie vermummt in die Bank einbrachen.

Lilith und die beiden Komplizen verschwanden mit einer Beute von 1000 DM. Adam verstauchte sich beim Sprung aus dem Fenster den rechten Fuß. Sein Vater sagte ihm nie, was es ihn gekostet hatte, die Anklage gegen den Sohn niederzubügeln.

Als er einen Monat später aus dem Krankenhaus kam – bei der Festnahme hatte er ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma erlitten, war die Altbauwohnung leer und Lilith verschwunden. Er suchte nach ihr in all den üblichen Kneipen, Cafés, Versammlungsräumen. Nichts. Schließlich steckte ihm ein früherer Kommilitone einen Zettel zu mit einer Adresse auf Cuba.

Es war nicht ganz leicht für Adam, die Reise dorthin zu organisieren. Aber mit Hilfe von ein paar amerikanischen Freunden gelang es ihm doch. Schließlich fand er Lilith. Sie trafen sich in einem Straßencafé, und das erste, was ihm an ihr auffiel, waren die schwarz gefärbten Haare. Das zweite ihr Babybauch. „Ein Kind ist die beste Tarnung“, erklärte sie ihm. „José und ich haben schon 500 Mann, alle militärisch ausgebildet und mit den neuesten Waffen. First we take Manhattan, then we take Berlin.“ Sie lachte. Ihre Stimme war so rau wie immer. Dämonisch, irgendwie.

„Woher hast Du das Geld dafür?“, fragte Adam.

Kannst du dir nicht denken, was? Wieder dieses Lachen. „Der Stammhalter der von Bredows muss die Linie weiterführen. Das war deinem Vater ganz schön was wert. Eine Million, um genau zu sein. Er hat sich den legitimen Enkel gekauft. Immerhin sind wir noch verheiratet. Über die näheren Umstände der Befruchtung wollte er nichts wissen. Gleich nach der Geburt bekommt er sein Eigentum. Wenn‘s sein muss, per Luftpost.“

Und mit einem angedeuteten Griff an ihre Militärkappe verließ Lilith das Café und Adam. Für immer.

Der Rest ist auch hier Geschichte. Adam heiratete Eva, bekam mit ihr zwei Kinder und sie lebten ein ziemlich langweiliges Leben. Aus dem Paradies hatte eigentlich schon Lilith ihn vertrieben. Denn von ihr träumte er Zeit seines Lebens. Aber nur heimlich.

Jetzt fragt Ihr euch: WAS bitte ist daran biblisch? Bitte sehr:

Im Talmud wird berichtet, dass Gott an Adams Seite eine Frau namens Lilith schuf. Sie war diesem völlig gleichberechtigt und ebenbürtig, daher verstand sie sich als ein freies Wesen, dem Unterordnung völlig fremd war.  Ihr stolzes und selbstbewusstes Auftreten, ihre Weigerung, Adam zu dienen, stießen – so der natürlich auch von Männern verfasste Talmud, nicht gerade auf die Zustimmung Gottes, der Adam als Abbild seinesgleichen sah und damit ihren Freiheitswillen als Rebellion gegen sich verstand. Es wird weiterhin erzählt, dass Lilith beim Sex stets oben liegen wollte. Adam aber wollte sich die dominante Position nicht nehmen lassen, und schließlich kam es zum Eklat zwischen den beiden.

Lilith sprach den geheimen Namen des Herrn „Schem Hammephorasch“, eine Zauberformel, aus und flog davon. Auf Adams Flehen hin sandte Gott drei Engel (Sanvi, Sansanvi und Semangelaf) aus, um sie zurückzuholen. Aber Lilith brach nur in schallendes Gelächter aus ob deren Versuche und Adams Wehklagen.

Sie hatte sich an der Küste des Roten Meeres niedergelassen und war mittlerweile eine Verbindung mit dem Dämon Djinns eingegangen, mit dem sie viele Kinder gezeugt hatte. Als Strafe für ihren „Ungehorsam“ ließ Gott jeden Tag 100 ihrer Kinder töten. Vor Trauer wahnsinnig, begann sie nun selbst als kindermordende Dämonin Schrecken und Angst zu verbreiten. Auch soll sie die Schlange im Paradies gewesen sein, welche Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis angeboten hat.

Für Adam, der mit der umgänglichen Eva ein gutes Leben führte, hatte damit das Vergnügen wieder ein Ende. Bekanntermaßen mussten er und Eva aus dem paradiesischen Zustand heraus in die harte Wirklichkeit.

Soweit die Geschichte von Lilith, die ihr übrigens vergeblich in der Bibel suchen werdet. Überhaupt sind die überlieferten Hinweise zu Lilith recht spärlich und noch dazu stark geprägt vom Zeitgeist. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Jahrtausende lang haben sich die Patriarchen aller Konfessionen redlich Mühe gegeben, Lilith als verteufeltes Weib darzustellen, die sich Männern als verruchte Verführerin und widerspenstige Gottesgegnerin entgegenstellt, um sie vom rechten Weg abzubringen. In die entgegengesetzte Richtung zielen die jüngsten feministischen Bemühungen, Lilith schlicht als Symbol für ihren eigenen Freiheitsdurst und Kampf um Unabhängigkeit zu sehen. Obwohl wir Frauen aus Liliths Geschichte natürlich einiges lernen können, wenn wir sie als potentiellen Teil unserer Persönlichkeit wiederfinden. 

Der Name Lilith wird vom babylonischem Wort Lilitu abgeleitet und bedeutet übersetzt Windgeist. Im Alten Testament (Jesajas 34,14) wird sie als weiblicher Dämon ( die Nächtliche) erwähnt, ihren Ursprung hat sie allerdings eher in der babylonischen Mythologie, wo sie als Lilitu auftritt. Ihre sumerische Entsprechung findet sie in der Kiskil-lilla. Im bereits erwähnten Talmud gilt sie blutsaugendes Nachtgespenst, als ein Weib des Teufels. Die kabbalistische Schrift Sohar zeichnet ihr Bild in den typischen erotischen Fantasien sex- und frauenfeindlicher Männer. Mitunter wird aber auch als göttliches Geschöpf genannt, wie in Griechenland, wo sie sich mit Hekate verband.

Oft wird sie von Kopf bis Nabel als wunderschöne Frau dargestellt, hüftabwärts aber als brennendes Feuer, was ein eindeutiger Verweis auf ihre starke erotische Leidenschaft sein dürfte. Das ihr zugeordnete Tier ist die Eule, die sowohl als Sinnbild der Weisheit, wie auch als Totenvogel gilt.

Agentur zweites Glück


Das ganze Jahr über waren in der eleganten Siedlung am Rande von München Hunde gestorben. Im Frühling Milka, dann über den Sommer verteilt Edi, Nero, die Chihuahuadame Chéri und im Spätherbst der West Highland Terrier Soda. Elvira Obermaier, Mitte vierzig, rote Locken, wacher Blick, bekam dieses Hundesterben nur deshalb mit, weil sie auf ihren Gassigängen mit ihren Dobermännern Emma Peel und John Steed immer weniger Menschen begegnete.

Da sie nicht unter einem beschädigten Selbstwertgefühl litt, glaubte sie keinen Moment daran, dass ihr plötzlich alle Hundebesitzer nacheinander aus dem Weg gingen. Deshalb fragte sie ihre Nachbarin Silke. Die Antwort war ebenso plausibel wie aufschlussreich – und, wie sich herausstellen sollte, folgenschwer.

Nach dem Umzug an den Stadtrand und begünstigt durch immer häufigere Homeoffice-Tage hatten sich viele Bewohner*innen über die Jahre einen Hund zugelegt, ziemlich gleichzeitig und aus der gleichen Motivation heraus: Sie wollten Bewegung in grüner Umgebung, und weil sie allein zu faul zum Laufen waren, musste ein Hund her. Natürlich gewöhnten sie sich an ihre vierbeinigen Trimm-Dich-Partner, und Silke berichtete Elvira von den abenteuerlichsten Formen, die die Trauer um den verlorenen Freund annahm, wenn er aus mannigfaltigen Gründen, sei es Alter, Verfettung oder einfach nur Rattengift, aus dem Leben schied. Weil die Bestattung im eigenen Umfeld sich oft als problematisch erwies, hatten die meisten ihren Liebling verbrennen lassen. Die Urnen in den schillerndsten Farben und bizarrsten Formen zierten nun Kaminsimse und Nachttischchen. Einige hatten sogar Statuen von Cora, Apollo oder Lumpi anfertigen lassen – komplett mit einem Erinnerungsdiamanten in Herzform aus der Asche ihrer Schätzchen.

Elvira verbrachte mit Emma Peel und John Steed ein paar begegnungsarme Wochen im nahegelegenen Wäldchen. Doch als es auf Weihnachten zu ging, traf sie am Morgen just dort das Ehepaar Wagner, beide in nagelneu glänzenden Gummistiefeln, mit Pfeifen und Kotbeuteln gefüllten Funktionsjacken und – einem Labradorwelpen. Labradore waren im Moment offenbar sehr en vogue, denn schon eine Woche später begegnete ihr Frau Hausmann, ebenfalls mit einem Labrador, allerdings aus dem ungarischen Tierschutz und völlig unzähmbar. Nach und nach kamen ihr auf den Morgen-, Mittags- und Abendrunden wieder die gleichen Menschen entgegen wie im letzten Jahr, vor dem großen Hundesterben.

Leider waren viele Besitzer mit ihren neuen Hundebabies erziehungstechnisch restlos überfordert, im Gegensatz zu Elvira. Ihre imposanten und natürlich nicht kupierten Dobermänner gehorchten aufs Wort. Sie überlegte schon, eine Welpenschule zu gründen – ihre 1-Frau-Werbeagentur lief momentan nicht besonders gut, und sie war auf der Suche nach einem zweiten beruflichen Standbein – da kam ihr eine viel bessere Idee.

Denn nach den Hunden hatten in ihrer Umgebung im letzten Frühling auch etliche Ehemänner das Zeitliche gesegnet – nach dem gleichen Prinzip: Die Ehepaare, die vor rund einem Jahrzehnt eingezogen waren, um hier ihren Lebensabend beschaulich zu genießen, waren in die Jahre gekommen, in denen, rein statistisch gesehen, Männer, in diesem Falle Ehemänner, eben sterben.

Auch wenn Elvira von keiner Witwe gehört hatte, die die Asche ihrer verstorbenen Hälfte in einer Urne auf dem leeren Kopfkissen lagerte („Gute Nacht, Erich, jetzt stört es dich ja nicht mehr, dass ich noch lese“) oder ihn als Diamant an Finger oder Busen trug – die verwitweten Damen trauerten. Und die mitfühlende Elvira dachte darüber nach, wie sie diese Trauer lindern könnte.

Sie besuchte eine Dame nach der anderen, mit Kuchen und einem schnell wachsenden Din A 4 Ordner. Sie kam einmal, zweimal, dreimal. Und irgendwann sah man Frau Weber den mäandernden Weg um die Siedlung an der Seite eines gut und gepflegt aussehenden Mannes entlangschreiten, der sogar viel besser zu ihr zu passen schien als der Ex. Sie wirkte um Jahre jünger, und bald taten es ihr andere Witwen gleich und traten mit Elvira in Kontakt.

Kurz darauf stellte Elvira sogar eine Headhunterin ein, denn die Wünsche der Witwen waren teilweise sehr exklusiv. Die Tatsache, dass es in ihrer Alterskategorie naturgemäß weniger Männer als Frauen gab, fiel nicht ins Gewicht, denn die Damen wünschten sich ohnehin lieber etwas Frischeres.

Die Nachfrage war so groß und die Warteliste so lang, dass Elvira schließlich einige Bewohnerinnen, von denen sie wusste, dass sie eventuell in einer nicht allzu fernen Zukunft auf sie zukommen würden, sehr dezent darauf hinwies, dass eine rechtzeitige Reservierung – ggf. sogar noch zu Lebzeiten des Angetrauten – von Vorteil sein könnte.

Und dann passierte es. Ausgerechnet bei Frau Dr. Kramer-Weidenhoff! Elvira mochte die elegante 80-jährige besonders gern, denn sie wusste, dass das Leben mit dem exzentrischen und schon vor der einsetzenden Demenz aggressiven Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. Weidenhoff kein Zuckerschlecken gewesen war. Sie gönnte der alten Dame von Herzen einen goldenen Lebensherbst, und deshalb schauten sie sich die Fotos in dem beträchtlich gewachsenen Ordner ganz besonders intensiv an. Und wurden schließlich fündig. Leonardo von Medberg hatte zwar kein Vermögen, dafür aber exzellente Manieren – und den innigen Wunsch, gut (aus)gehalten zu werden. Treu war er mit Sicherheit, dafür war ihm eine stabile Zukunft zu wichtig. Alles schien perfekt.

Doch der demente Professor hing an seinem Dasein mit einem geradezu eisernen Willen und weigerte sich hartnäckig, den Platz für ein zweites Glück seiner Frau zu räumen. Gleichzeitig tyrannisierte er die Ärmste mehr denn je. Einmal entdeckte Elvira sogar blaue Flecken an den faltigen Armen. Und Leonardo wurde langsam ungeduldig. Immerhin war Frau Dr. Kramer-Weidenhoff nicht die einzige Seniorin auf Freiersfüßen.

Die Situation spitzte sich zu.

Da schritt Elvira, die ehemalige Krankenschwester, zur Tat.

Sie hatte erwartet, dass ihr Gewissen sie plagen würde. Sie hatte befürchtet, bei den Damen in ihrer Kundeinnenkartei unter Verdacht zu geraten. Sie hatte geträumt, dass die Polizei sie festnehmen und des Mordes überführen würde.

Aber weit gefehlt!

Vielmehr sah Elvira Obermaier sich schon nach kurzer Zeit genötigt, die Agentur um ein ganz spezielles „Rundum-sorglos“ Angebot zu erweitern.

MiniKrimi REIN FIKTIV

Kapelle auf einer Bergspitze

Manchmal, liebe Freund*innen, holt die Realität sogar die kühnsten Krimiideen ein. Ich hoffe, dass das mit diesem MinKrimi nicht passiert. Allerdings – der „2. Akt“ wurde schon eingeläutet. Hoffentlich irre ich mich mit meinem fiktiven Krimiszenario beim 3. und letzten.

Margit

Sie hatte alles von langer Hand vorbereitet. Die Akteure waren gebrieft und ihren Anstrengungen entsprechend bezahlt worden. Aber als es soweit war, zögerte Margit den Anruf, der alles ins Rollen bringen würde, hinaus. Sie hatte schlecht geschlafen. Das war völlig untypisch für die Frau, die auch mit Ende 40 noch nicht so ganz in den Wechseljahren war und sich bester Gesundheit und eines idealen Schlafrhythmus erfreute. Immer wieder war sie aufgewacht, mit schweißfeuchtem Haar, und hatte verstohlen auf ihren Gatten – Margit sagte nie, auch nicht im Freundeskreis, „mein Mann“, sondern sprach immer mit leisem respektvollem Lächeln von „meinem Gatten“ – geschaut, der neben ihr den tiefen Schlaf des Gerechten schlummerte. Aber wie lange noch? Und woher nahm er dafür nur die Ruhe?

Um elf konnte Margit das Telefonat nicht mehr aufschieben, sonst wäre es zu spät für die nächste Ausgabe. Sie zog sich an, Joggingklamotten nebst Beseballkappe,  und ging in die letzte im Ort verbliebene Telefonzelle.

„Hallo? Ja, ich bin’s. Also, es geht los. Ist das ok für dich? Naja, du riskierst ja nichts außer Ruhm – und einem netten Extraurlaub von meinem Geld.“

Margit legt auf und joggte nach Hause. Sie atmete schwer. „Reiß dich zusammen, um Himmels willen. Jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Jetzt gibt es kein Zurück.,“ sagte sie sich.

Als am Abend ihr Mann anrief und kurz angebunden mitteilte, die Sitzung hätte länger gedauert und er werde in München übernachten, sagte sie nur: „Jaja.“ Und dachte: Genieß deine Freiheiten ruhig noch ein Weilchen. Ab morgen weht ein anderer Wind. Und ich bezweifle, dass deine Viola oder Susi oder wie deine aktuellen „Sitzung“ auch immer heißt einem Mann mit deiner Vergangenheit nochmal dir Tür aufmachen wird.

Dann passierte alles noch schneller, als Margit dies erwartet hatte. Um Mitternacht rief Gregor, der beste Freund und Anwalt ihres Mannes, auf dem Festnetz an. „Margit, ich kann Max nicht erreichen“ (kein Wunder, dachte sie). Ich muss ihn unbedingt sprechen. In der Bayerischen Zeitung von morgen steht ein fataler Artikel über ihn!“ Margit musste sich auf die Zunge beißen, um nicht gelangweilt zu sagen „ich weiß, ich weiß.“ Stattdessen antwortete sie gewissenhaft: „Er ist in München geblieben. Lange Sitzung, wieder mal. Da hat er sein Handy immer aus. Er wird es morgen schon mitkriegen.“  Und in letzter Sekunde fiel ihr ein, dass sie fragen musste: „worum geht es denn?“ Aber da wurde Gregor einsilbig, meinte, das würde sie schon früh genug erfahren, und am besten von Max selbst. Und legte auf. Ohne ihre eine „gute Nacht“ zu wünschen.

Doch erstaunlicherweise – oder auch nicht – schlief Margit den Rest der Nacht tief und fest. Es stimmte offenbar: Rache ist Gericht, das am besten kalt serviert wird.

Letztendlich, sagte sich Margit am Morgen, als das Radio sie mit der Nachricht weckte, ein hochrangiger bayerischer Staatsbediensteter sei in eine Affäre um ein antisemitische Flugblatt verwickelt, letztendlich hatte Max sich das alles selbst zuzuschreiben. Warum lässt er auch dieses jahrzehntealte Schmierblatt auf dem Boden hinter seinem Schreibtisch liegen? Er konnte eigentlich nur von Glück sagen, dass sie, Margit, es gefunden hat und nicht die Putzfrau. Warum hatte er es überhaupt so lange aufgehoben? Es war ja wirklich widerlich. Wenn sie bis jetzt außer seinen ständigen Eskapaden mit jungen Dingern, seiner Knauserigkeit und der Angewohnheit, sie vor gemeinsamen Freunden lächerliche zu machen, keinen Grund gehabt hätte, Max zu hassen – dieses Flugblatt hätte ihr einen triftigen gegeben.

Margits Eltern waren stockkonservative Bayern, die ihr Leben lang nichts außer der CSU gewählt hatten. Aber nie hatte es daheim ein judenfeindliches Wort gegeben. Und auch gegenüber „all den Ausländern“ war man in Margits Familie sehr tolerant. „Irgendjemand muss doch die ganze Arbeit machen, auf die die Leute hier keine Lust mehr haben – inklusive deines Mannes“, sagte ihre Vater immer mal wieder mit einem nur halb amüsierten Schmunzeln.

Dass Max als junger Jurastudent offenbar ein antisemitisches Pamphlet verfasst hatte, verwunderte Margit aber im Grunde nicht. Er war schon immer sehr „rechts“ gewesen, und diese Haltung hatte sich in den letzten Jahren verstärkt – oder er trug sie einfach offener zur Schau. Gerade vor ein paar Tagen hatte er bei einem der seltenen gemeinsamen Abendessen gesagt, dass es ihn nicht wundern würde, wenn bei den nächsten Wahlen eine Partei von ganz rechts außen viele Stimmen bekäme. „Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Margit war sich nicht sicher, ob er die Stimmengewinne der Ultrarechten aus demokratischen Gründen fürchtete, oder ob er ganz einfach Angst um sein Mandat hatte.

Egal. Dazu würde es jetzt nicht mehr kommen. Ein Anruf bei einem alten Freund und immer noch Verehrer – ja, andere Männer erkannten durchaus, dass Margit auch mit Ende Vierzig noch eine schöne Frau war. Ein Anruf bei Walter also, ein kurzes, heimliches Treffen – und das Pamphlet stand heute in der Zeitung.

Den weiteren Verlauf kennt Ihr wahrscheinlich aus einem aktuellen Fall – mit dem diese Story hier natürlich ausschließlich zufällige Ähnlichkeiten hat. Aber meine Geschichte endet leider anders. Und tragisch. Sehr tragisch.

Denn Max wehrte sich seiner Haut. Und das sehr erfolgreich. Zunächst mit Dementis, dann mit alternativen Szenarien. Ein Studienkollege hätte die Schrift verfasst, im Rahmen eines Theaterstücks. Dort sollte es verlesen werden. Er habe es aus Sentimentalität aufbewahrt, weil er in die Hauptdarstellerin verliebt gewesen sei. Leider sei das Stück dann nicht zur Aufführung gelangt. Nein, er habe seitdem keinen Kontakt mehr zu den anderen gehabt. Und nein, er würde ganz sicher keine Namen nennen. Er sei immerhin kein Denunziant!

Zunächst lief alles so, wie Margit es sich vorgestellt hatte. In den Medien wurde Max verrissen, es tauchten sogar Menschen aus seiner Vergangenheit auf, die sich daran erinnern konnten, dass er öffentlich antisemitische Sprüche geklopft oder sich sogar wie Hitler gekleidet hatte. Das, soviel wusste Margit, war jedenfalls erlogen!

Die Opposition forderte seinen Rücktritt, der Regierungschef persönlich lud ihn vor. Margit suchte in Prospekten schon nach einem netten, nicht zu noblen Ressort ganz weit weg, wo Max und sie sich von dieser Hölle erholen konnten. Ja, denn sie wollte ihrem Gatten und ihrer Ehe noch eine allerletzte Chance geben. Wenn Max aus tiefstem Herzen bereuen und versprechen würde, fortan wieder für sie da zu sein und sie liebevoll zu behandeln, nun ja, dann würde sie es noch einmal mit ihm versuchen.

Doch dazu kam es nicht.

Zunächst geschah etwas – für Margit – völlig Unerwartetes. Die Regierung ließ Max nicht fallen. Sie rügte ihn zwar, und er musste zu Kreuze kriechen, was er aber nur sehr angedeutet tat. Auch seine Partei stellt sich demonstrativ hinter ihn. Denn – Umfragen in der Bevölkerung hatten gezeigt, dass Max mitnichten zu einer Persona non grata geworden war, sondern vielmehr zu einer Art Held. Märtyrer für die einen, Mann der klaren Worte und hammerharten Überzeugungen für die anderen. Und so einen, da waren sich Regierung und Parteikollegen einig, musste man natürlich behalten. Zumindest bis nach der Wahl.

So kam es, wie es die demoskopischen Institute vorhergesagt hatten: Max‘ Partei erzielte dank einer außerordentlich großen Anzahl von Stimmen aus dem ultrarechten Lager ein sensationelles Ergebnis. Er selbst schwamm auf der Höhe seines Erfolges in Richtung des allerhöchsten Amtes im Lande.

Vor den Regierungsverhandlungen gönnte Max sich eine Woche in Südtirol. Mit Margit und ganz viel Presse. Kurz vor ihrer Abreise gelang es den beiden, den Paparazzi zu entkommen. Auf dem einsamen Steig hinauf zur alten Kapelle hoch über dem Tal, vor der Max ihr vor 30 Jahren den Heiratsantrag gemacht hatte, blieb er stehen und nahm seine Frau in die Arme. „Danke,“ flüsterte er heiser. „Danke, dass du genauso reagiert hast, wie ich es von dir erwartet hatte. Ich wusste, du würdest das Flugblatt aufheben. Und es Walter geben. Ich kenne dich eben in- und auswendig. Danke. Ohne dich hätte ich vielleicht die Wahl verloren. Und mit ihr die Aussicht auf ein fantastisches neues Leben. Schade, dass du es nicht mit mir teilen wirst. Aber – ich kenne dich halt zu gut. Deshalb weiß ich auch, dass du nicht die richtigen Schuhe für diesen Spaziergang trägst. Das ist hier in den Bergen lebensgefährlich!“

Margit versuchte noch, sich am Arm ihres Gatten festzukrallen. Vergeblich. Wenig später kauerte dieser, ebenfalls, wenn auch nur psychisch, offensichtlich am Boden zerstört, neben seiner toten Gattin.

Seinem kometenhaften Aufstieg in der Politik tat auch dieser plötzliche Unfall keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Ent-blättert


Gestern las ich auf Facebook einen Post in Zusammenhang mit der „Affäre Aiwanger“, der mich streckenweise an meine eigene Vergangenheit erinnerte. Deshalb – und weil ich denke, dass vielleicht auch einige von euch ähnliche Erinnerungen und Erfahrungen haben, „antworte“ ich darauf in meinem Blog.

In dem Post ging es darum, dass der Verfasser schrieb, in den 1960er und 1970er Jahren seien, auch in den Schulen, „Judenwitze“ kursiert. Er beschrieb die Reaktion seines Vaters, als er aus der Schule einen solchen Witz nach Hause brachte und vortrug: eine schallende Ohrfeige. Die habe sich ihm eingebrannt und ihn bis heute sensibilisiert für antisemitische Äußerungen.

Auch ich erinnere mich, in der Schule, es muss die 1. Klasse des Gymnasiums gewesen sein, solche Witze gehört und weitererzählt haben. Ich weiß genau, dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was oder wer Juden waren. Ich werde den Witz hier nicht wiedergeben. Aber als Kind fand ich ihn ob seiner evidenten Absurdität tatsächlich lustig.

Zuhause beim Mittagessen gab ich ihn zum Besten. Und nein: ich erntete keine Ohrfeige. Stattdessen nahmen sich meine beiden Eltern viel Zeit, um mich, lange, bevor das Thema im Geschichtsunterricht an der Reihe war, sehr ausführlich über die Shoah und all das, was im Dritten Reich passiert war, aufzuklären.

Mein Großvater mütterlicherseits war Fotograf und Kinobesitzer. Seine Welt bestand zum Großteil aus Menschen jüdischen Glaubens. Er hat einer Reihe von ihnen aktiv geholfen, Deutschland zu verlassen. Durchaus unter Lebensgefahr. Er hat schon 1936 vor dem Krieg gewarnt.

Mein Vater war während des Krieges für das italienische Rote Kreuz tätig. Auch er hatte viele jüdische Freund*innen, die er während der deutschen Besetzung unterstützte.

Meine Eltern erzählten mir von persönlichen Erfahrungen, von ihren jüdischen Freundinnen und Freunden. Davon, dass viele Familien zu lange nach Hitlers Machtergreifung nicht daran dachten, auszureisen, sich in Sicherheit zu bringen. Denn „wir sind doch Deutsche“ bzw. „wir sind doch Italiener“. Es war für sie unbegreiflich, dass man sie aufrund einer Religionszugehörigkeit – die viele nicht einmal ausübten – verfolgen oder gar töten könne. „Das geht vorbei“, sagten sie. Oder „das werden unsere deutschen Landsleute nicht zulassen.“

Und dann geschah genau das. Und ihre Landsleute nahmen entweder an der Verfolgung, der Enteignung, der Verschleppung, der Ermordung teil, oder sie schauten zu – oder weg. „Wenn heute jemand sagt, sie hätten nichts von der Shoah gewusst, dann lügen sie. Allein der Geruch war unverkennbar,“ hat meine Mutter mir erklärt.

Ich Kind konnte nicht verstehen, was damals geschehen war. Aber ich verstand sehr wohl, dass die Menschen, die „in den Aschenbecher des VWs passten“, verbrannt worden waren. Noch lange nach diesem Tag hatte ich Albträume. Ich sah große Kinderaugen, schreckgeweitet. Ich sah hohe Öfen – und stellte sie mir vor wie den Backofen der Hexe in Hänsel und Gretel. Ich hörte ihre Schreie.

In der Schule schaut ich verstohlen meine Lehrer an, von denen fast die meisten so alt waren, dass sie Nazideutschland erlebt hatten, und fragte mich: „hat der auch Juden verbrannt?“

Ich wurde in der Zukunft eine glühende Feministin und Pazifistin. „Nie wieder“, lautete mein Credo. „Nie wieder – und ich muss meinen Beitrag dazu leisten.“

Mir ist völlig unverständlich, vom Denken wie vom Fühlen her, wie jemand in den 1980er Jahren, mitten in der Friedensbewegung, aus einer Schulkultur heraus, in der der Holocaust ausführliches Unterrichtsthema war, auf den Gedanken kommen konnte, eine solche Hetzschrift (das Wort wird dem Aiwanger-Pamphlet nicht gerecht, doch mir fällt kein schlimmeres ein, dass ich hinschreiben könnte) zu verfassen. Und zu verbreiten.

ich kann mir das nur so erklären, dass der familiäre Nährboden mit natianalsozialistischem Gedankendünger getränkt war. Dass der Holocaust nicht nur niemals thematisiert, sondern das sehr wahrscheinlich eine antisemitische Haltung gezeigt wurde. Wie sonst kommt ein Schüler auf die Idee, aus Rache an einem Lehrer so ein bodenloses menschenverachtendes Werk zu produzieren?

Die einzig andere Erklärung wäre, dass die Eltern so extrem judenfreundlich und vielleicht sogar sozialistisch waren, dass den Söhnen daraus Nachteile erwachsen wären, dass sie Neid verspürt und versucht hätten, den Eltern „eins auszuwischen“. Aber das ist natürlich utopisch. Und Blödsinn.

Bleiben also die Fakten: mitten im Wahlkampf taucht eine über 30 Jahre alte Hetzschrift auf. Und sie wirkt so glaubhaft, weil der potentielle Verfasser immer wieder gezeigt hat, dass er durchaus nationalistische Tendenzen hat, die einem Vertreter einer demokrtaischen Regierung nicht gut anstehen. Das Volk müsse sich die Demokratie zurückholen, sagte Aiwanger erst kürzlich auf einer Kundgebung. Und die Zitatenreihe ließe sich fortsetzen.

Ob es nun Aiwanger selbst war, oder sein Bruder, Inhaber eines Waffengeschäfts, oder wer auch immer aus dieser Familie, tut, meine ich, nichts zur Sache. Vielmehr können wir uns fragen, warum die Schrift genau jetzt ans Licht der Öffentlichkeit tritt.

Und dafür gibt es mehrere Erklärungen. Neben der Absicht, Aiwangers Wahlchancen zu verringern und die CSU zu destabiliseren gibt es da noch eine ganz andere Hypothese.

Was, wenn Aiwanger selbst alles lanciert hat? 1987 sagte Franz Josef Strauß, rechts von der CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Wenn Aiwanger seine Freien Wähler so aufstellen würde, dass sie für alle, denen die CSU heute nicht mehr rechts genug ist, eine (r)echte Alternative für Bayern wären?

Wir werden sehen. Spätestens am 8. Oktober.

Meine MiniKrimis auf der Lesebühne Abgebrüht


Am 1. September von 20 bis 22 Uhr lese ich, gemeinsam mit meinen Mörderischen Schwestern Thea Lehmann und Daniela Hartinger im Kulturhaus Milbertshofen.

Musikalisch umrahmt wird der „kriminelle“ Abend virtuos von Multitalent Franz Esser.

Aus aktuellem Anlass werden ich einen brandneuen MiniKrimi präsentieren. ich verrate nur soviel: es geht um etwas richtig Widerliches, das jahrzehntelang in einer Aktentasche schlummerte und dann wieder zum bösen Leben erweckt wurde. Aber von wem?

ich freue mich darauf, euch zu sehen: am 1.9.2023 um 20 Uhr im Kulturhaus Milbertshofen am Curt-Metzger-Platz 1. Das ist quasi im Herzen von München und mit öffentlichen Verkehrsmitteln super zu erreichen (z:B. U 2).

EInlass ab 19.30 Uhr, Eintritt 8 Euro.

Moderiert wird der Abend von der wunderbaren, humorvollen Martina Pahr!

Hier der Link zur Hompage für alle weiteren Infos.

Die „Neuen“ sind online


Gestern durfe ich im Rahmen der Moosacher Stadtteilkulturtage wieder einmal mein beliebtes Genre „Tatort Bibel“ präsentieren. Diesmal allerdings nicht direkt mit Krimis, sondern mit drei kleinen Bibel Thriller Miniaturen, inspiriert von drei biblischen Texten, zwei aus dem Alten und einen aus dem Neuen Testasment.

Es geht um Ester, Jakkob und Rahel und die Hochzeit zu Kanaan.

Ich bin gespannt, ob Ihr die Bezüge erkennt!

Pics zur wirklich tollen Veranstaltung – inkl. Weinprobe – gibts demnächst, nämlich sobald der Fotograf sie so bearbeitet hat, dass ich mir darauf gefalle (hehe), und sie mir geschickt hat. Also: Fortsetzung folgt.

Und dann noch was „in eigener Sache“. Ich habe beschlossen, dass ich nur noch zu Abenden, Einladungen, Veranstaltungen gehe, wenn die Einladenden dann auch zu mir kommen. D.h., ich verspreche gerne im Vorfeld meine Teilnahme – aber nur, wenn im Gegenzug auch meine Einladungen angenommen werden. Auch zeitliche Überlappungen gelten dabei nur bedingt. Denn wir haben immer die Wahl, etwas zugunsten von etwas anderem, vielleicht besserem, zu kippen.

Ihr findet das extrem? Und unsozial. Das dürft ihr. Dennoch werde ich es in Zukunft so handhaben. Ich gestehe, dass ich weder die Größe noch die Kapazität des – ebenfalls biblischen – Gastgebers habe, welcher, nachdem all seine geladenen Gäste mit der einen oder anderen Begründung absagen, an die Landstraßen und Zäune geht.

Ich handhabe das in Zukunft wirklich so: quid pro quo. Und es ist doch vielelicht auch ganz nett, zu wissen, dass ich ganz bestimmt dabei bin, wenn ich das nächste Mal eingeladen werden. Denn da halte ich Wort! Vorausgesetzt, dass……….

Mini Bibel Thriller: Die verkaufte Braut


Was bisher geschah
Als Jakob May klar wurde, dass er im Baugeschäft seines Vaters neben dem Bruder immer nur die zweite Geige spielen würde, entschloss er sich, ein Ende mit Schrecken dem berufslebenslangen Schrecken ohne Ende vorzuziehen. Er ließ das malerische Provinzstädtchen seiner behüteten Kindheit und Jugend hinter sich und studierte Jura in München und Oxbridge.

Dort knüpfte er viele Kontakte. Nach dem Studium klapperte er, sein Prädikatsexamen in der Tasche, einen nach dem anderen ab. Bei Michael Silberstein musste er trotz Termin über eine Stunde in einem kühlen, lederbestuhlten Foyer warten. Ihm war heiß, denn er war aufgeregt. Die Kanzlei Silberstein, Silberstein und March war sein wichtigster Anlaufpunkt. Wenn er hier als Junioranwalt einsteigen könnte, wäre sein Zukunft schon so gut wie gesichert. Um nicht abgehetzt anzukommen, hatte er sogar ein erster Klasse Ticket nach Monaco gekauft, in die Silberstein Dependance, in der der Kanzleichef ihn in Augenschein nehmen wollte. Gerade als er dachte, man hätte ihn vergessen, kam eine junge Frau durch die Tür, in der Hand ein Tablett mit einer Flasche und einem Krug mit Wasser – gesprudelt und still – und einem Glas. „Es dauert leider noch ein bisschen. Bedienen Sie sich inzwischen.“ Und mit einem Lächeln drehte sie sich um und ging.

Dieses Lächeln war es, das Jakob seitdem nicht mehr losgelassen hat. Er hatte sich vorgenommen, sie als seine Sekretärin zu bekommen, sollte er bei Silberstein anfangen. Als er endlich zum Vorstellungsgespräch gebeten wurde, saß sie ihm gegenüber hinter dem monumentalen Schreibtisch. Ihr Vater musste kurzfristig weg. Sie sei seine Stellvertreterin in der Kanzlei.

Jakob bekam den Job – obwohl oder vielleicht weil – er vor Aufregung stotterte und immer nur in diese unglaublichen blaugrauen Augen starrte. Sobald er Michael Silberstein das erste Mal begegnete, erklärte er ihm, dass er beabsichtige, seine Tochter Rachel zu heiraten.

Silberstein war weder erbost noch belustigt. Er musterte Jakob vielmehr eingehend. Und bot ihm einen Deal an. Zwei Jahre lang sollte er sich in alle Bereiche der Kanzlei einarbeiten. Erfolgreich. Dann würde Silberstein ihm seine Tochter Rachel zu Frau geben. Jakob war so verrückt nach dem Mädchen, dass er sich nie die Frage stellte, ob sie ihn denn auch haben wollte. Es bot sich ihm allerdings auch keine Gelegenheit mehr dazu. Denn unmittelbar nach dem Deal reiste Rachel nach Japan, um die dortigen Filialen der Kanzlei zu betreuen und auszubauen.

Was jetzt geschieht
Jakob May hat es geschafft. In zwei Jahren hat er sich in der Kanzlei alle Meriten erworben, die ihn zu einem unverzichtbaren Partner gemacht haben. Hat alle Büros in Europa und den USA bereist. Wichtige Verfahren gewonnen. Sich einen Namen als versierter und beschlagener Jurist gemacht. Er steht jetzt ganz vorne in der Rehe der Anwärter auf die Nachfolge als Chef des Rechtsimperiums. Er hat Einblick in alle Geschäftsbereiche erhalten, in alle Akten und Fälle. Die legalen. Und die illegalen. Er ist jetzt ein Geheimnisträger. Aber nur, wenn er dabeibleibt und schweigt, ist Rachel ihm sicher

Auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem Jakob den Einstiegsvertrag unterschrieben hat, bittet Silberstein ihn in die Dependance der Kanzlei Silberstein, Silberstein, March und May in Monaco. Das Allerheiligste, in dem Rachel ihm damals auf den Zahn gefühlt hat. Beruflich – aber auch privat, davon ist Jakob inzwischen fest überzeugt. Denn es ist völlig unmöglich, dass der Deal um ihre Hand ganz ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung zustande gekommen ist Aber warum ist sie ihm seitdem so konsequent aus dem Weg gegangen ist? Diese Frage hat Jakob sich jede Nacht gestellt, wenn er ihr Gesicht heraufbeschwor. Die zarte Elfenbeinhaut. Die glänzenden, zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebundenen Haare. Die großen, leicht schrägen blaugrauen Augen. Die gerade Nase. Den schmalen, ganz sanft geschwungenen Mund, die weißen Zähne. Rachel war groß, aber zierlich, ohne üppige Rundungen. Eher androgyn. Ihre Stimme war ein melodiöser Alt.

Auf dem Weg zu Silbersteins Büro, nur vier Türen entfernt von seinem eigenen, auf der Chefetage, meint Jakob einen Schatten zu sehen, einen Duft zu erhaschen, der ihn an Rachel erinnert, als er sie zum ersten und fast einzigen Mal gesehen hat. Ein Hauch von grünem Tee, ein graues Kostüm, ein Wehen schwarzer Haare.

„Ist Rachel zurück?“, fragt Jakob den Mann, der morgen um diese Zeit sein Schwiegervater sein wird. „Ich habe sie noch nicht gesehen“, antwortet Silberstein. Du wirst dich bis morgen gedulden müssen, mein Lieber. Nur noch wenige Stunden, dann hat das Warten ein Ende. Freust du dich?“ „Ja.“ Jakobs Antwort ist knapp, fast schroff. Langsam wird ihm diese Heimlichtuerei zu bunt. Warum darf er die Frau, mit der er sein Leben teilen wird, erst im Moment der Trauung sehen? Was soll das? Will Silberstein ihn übers Ohr hauen? Aber womit? Eine Hochzeit kann man schließlich nicht faken. Schon allein wegen der vielen geladenen Gäste, darunter reichlich internationale Geschäftsprominenz.

Die Trauung wird auf Silbersteins Yacht stattfinden, im engsten Kreis. Danach geht‘s zur Party im Hotel de Paris. Derweil rauscht das frisch vermählte Paar auf der Yacht nach Antibes, um sich auf die Flitterwochen m Luxus-Compound auf Bali vorzubereiten.

Jakob ist sehr nervös. Seine Eltern sind aus ihrem Rentnerdomizil in Spanien angereist, der Bruder hat für 24 Stunden die Firma verlassen und spielt den „Best man“ (Trauzeuge).  Es ist zehn Uhr. Um punkt zwölf soll er mit Rachel getraut werden, aber er hat die Braut noch immer nicht gesehen. Dafür fließt der Champagner schon seit dem Frühstück. Die erste Flasche kam als Präsent des Hauses mit Croissants und Café au lait. Die zweite brachte sein Bruder mit. Die dritte sein Assistent, der auf Geheiß von Slberstein Senior nach dem Rechten schauen und darauf achten soll, dass Jakob nicht im letzten Moment die Flucht ergriff. Von wegen! Jakob dachte gar nicht daran. Er denkt überhaupt nur eins: an den Moment, wenn er Rachel endlich für immer in seinen Armen halten wird.

Auf dem Weg zum Aufzug fragt Jakob sich kurz, ob sie etwa schon auf der Yacht sind. Der Boden schwankt leicht unter seinen Füßen. Oder war das etwa ein Erdbeben? Ein Seebeben? „Alles beschtens, das isch höschtensch der Schampus“, beruhigt ihn sein Bruder. Und „Das geht allen Bräutigamen so, das ist die Aufregung“, doziert der Assistent, der, soweit Jakob weiß, noch nie auf einer Hochzeit gewesen ist, und auch nicht auf seiner eigenen.

Vor der Yacht ist ein roter Teppich ausgebreitet, und unzählige gut gelaunte, elegant gekleidete und „absurd behütete“, ihm zumeist völlig unbekannte Menschen stehen Spalier und begrüßen den Bräutigam mit Willkommensrufen, Applaus – und noch mehr Champagner. Noch bevor er das Deck betritt, hält er schon wieder ein volles Glas in der Hand. Wenigstens ist er vom Feinsten. Da kann mir eigentlich nichts passieren, denkt Jakob. Und bald hält Rachel mich fest. Dann ist sowieso alles gut.

Auf Deck gilt es, Hände zu schütteln, Küsschen zu verteilen, Nichtigkeiten zu wechseln. Er erkennt einige Klienten. Kollegen mit Familien. Seine Verwandtschaft ist überschaubar und hält sich zurück, um nicht aufzufallen. Seine Eltern strahlen. Stolz auf den Jüngsten, der das große Los gezogen hat. Fast so, als hätte er nicht Jahre harter Arbeit investiert, um an dieses Ziel zu kommen. Das Studium. Das Ackern über Akten. Vor allem auch – zu lernen, dass Recht haben nicht gleich Recht bekommen ist. Dass es ihm immer gelingen muss, seinen Klienten zum Sieg zu verhelfen. Auch, wenn das ungerecht ist. Oder ungesetzlich. Jakob runzelt die Stirn. Solche Gedanken passen so gar nicht zu diesem herrlichen Tag. Und doch kann er sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass genau dieser Lernprozess ihn bis hierhin gebracht hat. Aus den Augenwinkeln betrachtet er Silberstein Senior, wie er sich zwischen den Gästen bewegt, hier ein Schulterklopfen, dort eine kurze Umarmung, und immer wieder ein Nicken, ein Zeigen mit der Hand in seine, in Jakobs Richtung. Die Zukunft ist gesichert. Die Jakobs, aber auch die der Kanzlei. Und der Klienten. Keine Sorge! Wir haben alles im Griff.

Wo Rachel nur bleibt. Wenn sein bester Freund ihm erzählt hätte, dass er im Begriff sei, eine Frau zu heiraten, die er nur zweimal ganz kurz gesehen und kaum gesprochen hat, von der er nicht einmal weiß, ob sie ihn mag, geschweige denn liebt – er hätte einen Lachanfall bekommen und seinen Freund für verrückt erklärt. Aber dann fällt Jakob ein, dass er gar keine Freunde mehr hat. Nur noch Kollegen.

Die Schiffsglocke ertönt, und ein Mensch in dunklem Blau mit dem dreifarbigen Band der Schalflagge betritt die Yacht. Nickt nach links und recht und geht schließlich mit ausgestreckter Hand auf Michael Silberstein zu. Die beiden Männer begrüßen sich, Köpfe eng zusammengesteckt. Dann winkt Silberstein: „Jakob, der Bürgermeister ist da. Die Zeremonie kann beginnen.“

Inzwischen ist es schon halb eins. Von Rachel noch immer keine Spur. Felicitations, mon ami, sagt der Bürgermeister und drückt ihm ein Glas Champagner in die Hand. Sie stoßen an, und Jakob stürzt es hinunter. Er schwitzt. Die vor zwei Stunden frisch frisierten Haare kleben an seiner Stirn. Sicher hat er Schweißränder unter den Achseln. Außerdem schwanken die Planken unter ihm bedenklich. Ihm ist nun schon beinahe alles egal.  Wenn Rachel nicht mehr auftaucht – dann hat sie eben Pech gehabt. Oder er.

So langsam wird auch Silberstein senior unruhig. Immer wieder schaut er auf die Armbanduhr. Er gibt der Combo unter Deck ein Zeichen, und sie spielen sanfte Lounge Musik.

Um 13 Uhr kommt Bewegung in die Menge. „Die Braut, die Braut.“ Immer mehr Stimmen, immer lautere Rufe. Michael Silberstein springt von Bord, seiner weiß verhüllten Tochter entgegen. An seinem Arm schreitet sie den roten Teppich entlang, die Gangway hinauf und zum Trautisch, vor dem der Bürgermeister und Jakob warten.

Die Trauung erlebt Jakob wie im Nebel. Sein Bruder muss ihn anstoßen, damit er die Ringe nimmt. Auf die Frage des Bürgermeisters krächzt er ein heiseres „Ja, ich will.“ Auch Rachel scheint aufgeregt zu sein, denn ihre Antwort ist kaum mehr als ein gehauchtes Flüstern. Schließlich hebt er den Schleier und sieht ihr, das erste Mail seit 2 Jahren, in die großen, graublauen Augen. Ist es die Aufregung, oder kommt es ihm nur so vor, als habe sie einen leichten Silberblick? Aber der Kuss! Während Jakob ihre Lippen nur zart berührt, presst sie die ihren fest auf seinen Mund, und zu seiner maßlosen Überraschung schiebt sie ihre Zunge dazwischen, kühl und fordernd. Jakob ist überrascht. Und beruhigt. Sie will ihn, das ist klar. Alles ist gut!

Nach den schier endlosen Ansprachen von Bürgermeister, Eltern, Kolleginnen und Kollegen schieben sich Jakob und seine Frau durch eine nicht enden wollende Schar von Gratulanten. Küsschen links und rechts und links. Und – natürlich – Champagner. In Strömen.

Irgendwann gehen auch die letzten Gäste von Bord. „Auf euer langes, glückliches Eheleben, meine Kinder. Wie schön, Rachel, dass du dich dafür entschieden hast, ab jetzt nur noch für die Familie da zu sein und das Arbeiten deinem Mann zu überlassen!“ Das hört Jakob zum ersten Mal. Aber es macht ihm nichts aus. Im Gegenteil. Rachel will ihr gemeinsames Nest bauen. Wie romantisch. Michael Silberstein nimmt die frisch Vermählten in die Arme. Er sieht zufrieden aus. Mehr noch. Erleichtert. „Genießt eure Flitterwochen. Macht das allerbeste daraus“, flüstert er ihnen ins Ohr, bevor auch er die Yacht verlässt.

Am nächsten Morgen wacht Jakob völlig verkatert auf. Er hat Mühe, sich zurechtzufinden. Wo ist er? Und wer ist die Frau neben ihm im zerwühlten Bett? Langsam und in einzelnen Puzzleteilen kommt die Erinnerung. Aber es sind zu viele Eindrücke, zu schnell hintereinander. Er schließt die Augen. Öffnet sie, weil sich alles um ihn herum dreht. „Hier, Liebling, trink. Das wird dir ganz schnell helfen.“ Eine sanfte, helle Stimme. Freundlich herb. Sopran, eindeutig. Jakob zwingt sich, wach zu bleiben. Um sich zu schauen. Vor ihm steht eine junge Frau mit schwarzen Locken. Eine zartes Neglige umspielt ihre Rundungen. Ihr voller Mund nähert sich seiner Stirn. Mechanisch nimmt er die Farbe ihrer Augen wahr. Strahlend blau. Nur eines blickt in seine Richtung. Das andere geistert umher, als hätte es seinen Kompass verloren. „Oh“, erschrickt sie, stellt die Espressotasse ab und setzt sich an den Schminktisch.  Sucht und findet etwas, und als sie sich umdreht, sind ihre Augen wieder graublau, und der Silberblick nur angedeutet.

Kontaktlinsen. Jetzt fällt ihm auch auf, dass sie kleiner ist, als er seine Rachel in Erinnerung hatte. Weicher. Nicht so knabenhaft, sondern weiblich. Können zwei Jahre sie so verändert haben? Oder war sein Bild von ihr so verzerrt? Dann fällt ihm ein, wo er diesen Körper schon mal gesehen hat, diese Stimme gehört. Bei einem seiner seltenen Besuche im Hause Silberstein. Flüchtig begrüßt und schnell verschwunden, ein Termin, leider. Wie hieß sie gleich?

„Wer bist du? Du bist nicht Rachel!“

„Was? Jakob, bist du noch betrunken? Natürlich bin ich es. Rachel. Deine Frau! Die ganze Nacht hast du mich so genannt. Und jetzt fragst du mich, wer ich bin?“

„Die Nacht war dunkel. Und außerdem sind da alle Katzen grau. Versuch nicht, mich anzulügen. Wer bist du? Was machst du hier? Und wo ist Rachel? Was hast du mit ihr gemacht?“

Jakob spürt, wie die Wut in ihm aufsteigt. Heiß. Unbezähmbar. Zwei lange Jahre hat er auf diesen Moment hingewartet. Hat seine Energie kanalisiert. Prozesse gewonnen für Menschen, die er vor Beginn seiner Karriere hinter Gitter hätte bringen wollen. Hat seine Grundsätze über Bord geworfen. Der Liebe wegen. Heute ist er nicht mehr der Jakob, den er vor zwei Jahren morgens im Spiegel angrinste. Der sich darauf freute, den Tag zu erleben, zu prägen und in seinem kleinen, sehr überschaubaren Rahmen besser zu machen. Heute ist er ein korrupter Jurist von seines Schwiegervaters Gnaden. Ja, die Verwandlung ist  nicht über Nacht geschehen. Er ist kein Gregor Samsa. Er hat sich ganz bewusst in diese neue Form gepresst. Der Liebe wegen.

Und jetzt? Alles Lug und Trug. Betrug! Aber was hat er erwartet? Wer sich mit Pack einlässt… Jakob fragt sich nur, wie weit dieses Netz aus Lügen und Intrigen gewoben ist. Und wer die Fäden zieht. Tatsächlich Michael Silberstein? Er hat gestern so gelöst gewirkt, entspannt. Glücklich. In seinen Augen stand deutlich die Zuneigung zu der Frau, die er Jakob übergeben hat, vor dem Altar. Ist sie vielleicht seine Geliebte? Ist diese Ehe die Legitimation für Michaels Affäre?

„Wer bist du? Wie kommst du hierher? Pass auf“, sagt Jakob und zwingt seine Stimme zu kalter Ruhe. „Ich gebe dir genau 5 Minuten. Nutze sie gut. Denn danach will ich keine Erklärung, sondern die ganze Wahrheit. Wo ist Rachel? Wen habe ich gestern geheiratet? Wer steckt hinter diesem Plan? Wenn du mir das nicht sagst, werfe ich dich auf der Stelle über Bord. Dann rufe ich die Polizei und beschreibe in allen Einzelheiten, wie du dich auf die Yacht geschlichen und für Rachel ausgegeben hast. Wie du versucht hast, mich umzubringen – mit diesem Messer hier“  – er greift nach ihrer Hand und legt ihre Finger fest um das spitze Obstmesser, das sie ihm, mit einem goldenen Pfirsich und einer rosaroten Papaya, vor wenigen Minuten ans Bett gebracht hat. Als liebevolle Frühstücksgabe.   „Und wie du, nachdem ich dir das Messer entwunden habe“, – der Glaubwürdigkeit halber rammt Jakob sich die Spitze in die eigene Hand – „über Bord gesprungen bist, bevor ich dich zurückhalten konnte. Willst du das?“

Die junge Frau, die behauptet, Rachel zu sein, die ihr auch irgendwie ähnelt, aber so, als habe sich die knabenhafte Zartheit in reife Weiblichkeit gewandet, diese Frau setzt sich auf das Bett, schlägt die Hände vors Gesicht und beginnt, hemmungslos zu weinen. Sie schluchzt, und ihr ganzer Körper bebt. Schultern, Bauch und Beine. Sogar die Füße zittern. „Ich wusste es. Das konnte nicht funktionieren. Ich hätte nie mitmachen sollen. Aber… aber… ich liebe dich so. Seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe!“

„Schwachsinn. Sowas gibt’s doch gar nicht. Ich kenne dich ja nicht einmal!“

„Doch, Denk nach. Obwohl – so ist das immer und mit allen. Sie schauen mich an, aber sie sehen mich nicht. Als wäre ich ein Geist. Oder ein missglücktes Hologramm meiner Schwester.“

„Deine Schwester? Ach, hör auf. Du verlierst nur kostbare Zeit. Dir bleiben jetzt noch genau… (Blick auf die Uhr) drei Minuten.“

„Gib mir mein Handy“, bittet die junge Frau ihren Mann. „Bitte, ich rufe Rachel an. Sie, er wird dir alles erklären. Aber hör mir zu, Jakob. Mein Name war Lea. Jetzt heiße ich Rachel. Und ich bin deine Frau – ich werde alles für dich tun. Immer! Ich liebe dich. Nur das zählt.“

„Du machst was? Rachel? Bist du verrückt? Du bist verrückt!“

„Denk doch, was du willst. Ich rufe Rachel an. Ich hoffe, dass du dann alles verstehst. Und trotzdem bei mir bleibst.“

Lea, die neue Rachel, drückt auf die Schnellwahltaste. Wartet. Versucht es noch einmal. Nichts“ „Das versteh ich nicht…“, murmelt sie verzweifelt.

Da hören sie Schritte an Deck. „Lea?“ Eine melodiöse Stimme, mehr Tenor als Alt. „Lea, Jakob, seid Ihr unten?“

„Rachel!“ Jakob springt auf. Zieht sich die Boxershort über und ein T-Shirt und sprintet die schmale Treppe hinauf. Oben an Deck steht ein junger Mann. Schmalhüftig, das schwarze Haar zu einem Manbun gebunden. Stechende graublaue Augen schauen Jakob an. „Wo ist Lea? Was hast du mit ihr gemacht?“

„Rachel?“, fragt Jakob. Er ist verunsichert. Der Mensch vor ihm ähnelt seiner großen Liebe. Zweifellos. Die gleichen androgynen Gesichtszüge, die gleiche Größe. Der Körper ist immer noch zierlich, aber muskulös. Vor allem – das ist keine Frau. Das ist ein junger Mann. Oder?

„Wo ist Lea?“, Rachel – oder wer auch immer das jetzt ist – schiebt Jakob unsanft beiseite und geht schnell Richtung Treppe. Da kommt Lea von unten herauf. Die Tränen haben ihre Kontaktlinsen herausgespült, ihr linkes Auge irrt angstvoll umher. „Oh, Rex. Ich wusste, das geht nicht gut. Er liebt mich nicht. Er kann mich nicht lieben. Nie! Was machen wir bloß?“

„Wir setzen uns hin und besprechen die Lage. Jakob hat natürlich ein Recht darauf, dass wir ihm alles erklären. Und dann – musst du dich entscheiden, Jakob May.“

Rachel – Rex? – deutet auf die gepolsterten Bänke an Deck. Es könnte wundervoll sein. Ein Moment für die Ewigkeit. Das Meer so still und blau wie der Himmel. Der Yachthafen und dahinter die bunten Häuser. Möwen kreisen über ihnen. Jakob hockt sich auf die Bank, stützt den Kopf in die Hände. Die Aufregung der letzten Tage, der viele Alkohol, die stürmische Nacht, und dann der Schock nach dem Aufwachen. Das Leben schlägt über ihm zusammen. Er will nichts mehr hören. Nichts mehr fühlen. Nur Stille.

Aber dazu lässt Rex ihm keine Zeit.

„Jakob. Entschuldige! Wir haben dich verletzt. Missbraucht. Belogen, zum Teil. Du hast allen Grund, wütend zu sein. Das verstehen wir. Bitte, gib uns die Chance, dir alles zu erklären. Aber wenn du sagst, dass du das partout nicht willst – dann geh. Weit weg. Von uns. Von der Kanzlei. Fang ein neues Leben an. Wir geben dir 24 Stunden Vorsprung.“

„Vorsprung? Vor was?“

„Bevor wir dich anzeigen. Wegen Korruption und Steuerhinterziehung.“

„Was? Spinnst du? Was soll das?

„Du hast die Wahl. Hörst du uns an?

„Ok“, sagt Jakob, der vor kurzem noch damit gedroht hatte, Lea über Bord zu werfen und der Polizei als Mörderin zu präsentieren.

„Das wird eine längere Geschichte. Pablo, machst du uns ein paar Drinks? Limonade, am besten“, lächelt Rex, und der junge blonde Mann neben ihm geht unter Deck in die Kombüse.

„Lea und ich sind Zwillinge. Zweieige. Aber dafür sehen wir uns sehr ähnlich. Lea war schon immer die Weichere. Das Mädchen. Ich wurde auch als Mädchen erzogen. Meine Eltern nannten mich Rachel. Aber das bin ich nicht. Ich bin intersexuell. Zwitter, das Wort kennst du vielleicht eher. Und ich fühle mich nicht als Frau. Hab ich noch nie. Naklar, als Kind und auch noch als Jugendliche habe ich mich so verhalten, wie meine Eltern das wollten. Aber als ich nicht in die Pubertät kam, fing ich an, Fragen zu stellen. Mein Vater wollte nicht mit mir darüber reden. Du bist meine Tochter Rachel. Wenn du keine Periode bekommst, sei froh. Bleibt dir viel erspart. Er verlangte von mir, weiter Röcke anzuziehen. Ich rebellierte. Lief weg. Mein Vater ließ mich suchen und fand mich immer.

Irgendwann hielt meine Mutter, unsere Mutter, das nicht mehr aus. Sie hat sich besser versteckt als ich. Keine Ahnung, wo sie heute lebt. Ich stieg in die Kanzlei ein. Und ich war gut. Wurde immer besser. Mein Vater schickte mich ins Ausland. USA, Asien. Aber mit meinem Erfolg wuchs auch mein Wunsch nach Unabhängigkeit. Nach meiner Identität. Ich war in einer ausweglosen Situation. Mein Vater hätte mich als Sohn nie toleriert. Er hätte mich gezwungen, immer weiter als Rachel zu leben. Oder ausgestoßen zu werden.

Und dann kamst du, Jakob. Und hast dich unsterblich in mich verliebt. Zuerst war ich entsetzt. Aber dann erkannte ich die Riesenschance. Als mein Vater dir anbot, dich zwei Jahre lang einzuarbeiten und mich dann zu heiraten, meinte er das erst. Du warst auch für ihn ein Gottesgeschenk. Die widerspenstige Rachel endlich unter der Haube!

„Aber – und Lea?“, hört Jakob sich fragen. Er sieht sich suchend um und entdeckt sie neben sich. Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und lächelt. Voller Liebe.

„Ja, Lea. Sie…“

„Nein, Rex. Jetzt bin ich dran. Ich habe viel zu lange im Schatten geschwiegen. Ich erzähle meine Geschichte selbst. Die ganze Kindheit war für mich genauso ein Horror we für Rachel – Rex. Ich war unsichtbar. Keiner kümmerte sich um mich, die kleine schielende Lea. In der Pubertät bekam ich weibliche Formen. Aber auch dann war die androgyne Rachel immer der Star. Ich studierte Malerei, mein Vater verschwendete keinen Gedanken daran, mich in die Kanzlei aufzunehmen. Wenn wir Gäste hatten, wurde ich nach einer kurzen Begrüßung immer weggeschickt. Die peinliche Lea.

Ja. Und dann kamst du. Jakob. Ich wusste von den Plänen unseres Vaters und war einfach neugierig auf dich. Ich schlich die Treppe hinunter – und es war für mich Liebe auf den ersten Blick.“ Sie drückt Jakobs Arm, und er – lässt sie gewähren. „Ich schiele eigentlich nur noch, wenn ich aufgeregt bin“, sagt Lea plötzlich. Und lächelt. Schon wieder.

„Der Rest ist schnell erzählt“, nimmt Rex den Faden auf. „Während deiner „Probezeit“ nahm ich in Japan männliche Hormone. Inzwischen ließ Lea sich die Haare wachsen und ihr Auge behandeln. Damit sie mir bei der Hochzeit so ähnlich wie möglich sehen würde.“

„Und euer Vater hat nichts gemerkt? Nichts gewusst?“

„Nein. Erst als die Hochzeit immer näher rückte und ich nicht nach Hause kam, wurde er unruhig. Er überraschte mich in Tokyo. Und dann kam natürlich alles raus.“

„Aber warum hat er dann mitgespielt?“

„Wir haben ihm keine Wahl gelassen,“ sagt Lea ganz sachlich. „Wenn er mitnachte, wäre seine Tochter Rachel unter der Haube und würde sich aus dem Geschäftsleben  zurückziehen. Das klingt auch heute noch für viele plausibel. Leider. Statt ihrer würde Cousin Rex aus Atlanta, Georgia, ihre Arbeit fortführen. Die ideale Lösung für ihn: Lea würde statt einer Jungfer die Frau seines Nachfolgers. Und Mutter seiner Enkel. Rachel würde ihn nie blamieren. Und mit Rex wäre der Geschäftsbereich Asien weiterhin in besten Händen.“

„Und Michael hat zugestlmmt“, stellt Jakob fest.

„Ja. Natürlich. Die Alternative wäre gewesen, dass wir all seine schmutzigen Geschäfte, die wir über die Jahre sorgfältig dokumentiert und sicher verwahrt haben, ans Licht bringen. SingSing statt Côte d’Azur. Das gleiche gilt übrigens auch für dich, mein Liebster, solltest du aussteigen wollen. Was ich nicht hoffe, denn ich liebe dich“, flüstert Lea, die Süße, Zärtliche.

Jakob schluckt. Ein knallhartes Geschwisterpaar.

„Denk drüber nach, Jakob. Aber nicht zu lange. Schau, das Ganze hat für dich nur Vorteile. Du wirst Chef einer mächtigen Kanzlei. Hast eine liebende Ehefrau und Mutter deiner Kinder. Die übrigens ganz offiziell ihren Namen von Lea auf Rachel geändert hat. Ganz ehrlich – würdest du dein Leben mit Rex verbringen wollen? Mit allen Konsequenzen? Frag Pablo, ich bin sehr anspruchsvoll. Auch, was das Liebesleben betrifft.“

Jakob schwirrt der Kopf. Aber irgendwie – findet er die Situation spannend. Und der Anwalt in ihm wittert eine Chance: „Abgemacht. Unter einer Bedingung. Ihr bringt euren Vater dazu. Im nächsten halben Jahr abzudanken. Die verbleibende Zeit muss ihm genügen, um all seine halbseidenen Geschäftspartner abzuschießen. Wenn ich die Kanzlei übernehme, wird Silberstein, March & May nur saubere Arbeit machen. Ich bin kein Verbrecher und will es niemals werden.“

Was die Zukunft bereit hält
Jakob führt die renommierteste Kanzlei für Fälle, in denen sich David gegen Goliath durchsetzt. In allen Bereichen. Seine Frau Lea Rachel stellt erfolgreich in Galerien aus, gibt aber hauptsächlich maltherapeutische Kurse für Kinder aus schwierigen Familien. Michael Silberstein teilt sich die Rolle als Vollzeit-Opa mit seiner wieder aufgetauchten Ehefrau. Und wird dabei immer wieder von Jakobs Eltern unterstützt.

Und Rex? Leitet den gesamten Asien Bereich der Kanzlei. Und lebt immer noch mit Pablo zusammen. Inzwischen haben sie bereits vier Dobermänner, allesamt unkupiert und unkastriert.

Mini Bibel Thriller: Das Abschiedsgeschenk


Merle und David waren eigentlich schon immer zusammen. Als Nachbarskinder zogen sie zu Halloween als Hexe und Vampir von Tür zu Tür und teilten sich die gesammelten Süßigkeiten. In der Grundschule saßen sie so lange nebeneinander, bis die anderen anfingen, sie deshalb zu hänseln. Irgendwann zwischen Tanzkurs und Abi hatten sie dann ihre erste gemeinsame Nacht. Und allen war klar: Merle und David gehören zusammen, sind einfach DAS Paar.

David machte nach der Schule eine Lehre als Bankkaufmann und stieg schnell im Devisenbereich auf. Merle wusste nicht so recht, was sie studieren sollte. Schließlich entschied sie sich für Sozialpädagogik. Da hatte David schon einen Karriereboost hingelegt und wurde von seiner Bank ins Ausland geschickt. England, dann Spanien. Merle machte verschiedene Praktika bei Wohlfahrtsverbänden und Projekten. Dazwischen jobbte sie als Kellnerin.

Wenn David nach Hause kam, erzählte er vom spannenden Leben in London und Barcelona. Von der Hektik an der Börse, von brenzligen Situationen und davon, wie er sie gerettet hatte. Als er immer weniger davon berichtete, wie er seine Freizeit verbrachte, begann Merle notgedrungen, sich ein Leben ohne ihn vorzustellen.

Und dann war da noch Jonas. Den kannte sie eigentlich schon genauso lange wie David. Jonas wohnte im Haus gegenüber und war ihr bester Freund. Er tröstete sie, als die Eltern sich scheiden ließen, er fälschte die Unterschrift unter dem schlechten Zeugnis. Half ihr beim Kellnern, holte sie ab, wenn es regnete. Kennt Ihr das Lied „Tausend mal berührt, tausendmal ist nix passiert…. Tausendundeine Nacht, und es hat boom gemacht“.

Jonas hatte Merle schon immer geliebt. Jetzt waren sie ein Paar. Zogen zuhause aus und in eine kleine gemeinsame Wohnung. Bescheiden, denn Jonas machte sich gerade selbständig mit einem Weinladen. Öko und Orange Weine waren seine Nische. Als Merle eine Festanstellung in einem Projekt für Kinder mit psychischen Entwicklungsstörungen bekam, brachte Jonas vorsichtig das Thema Verlobung zur Sprache. „Hm. Ja, warum nicht? Aber eigentlich geht’s uns doch auch so sehr gut, oder?“ Merles Reaktion hätte Jonas auf die zukünftigen Ereignisse vorbereiten können. Aber er zog es vor, darüber hinwegzuhören.

Und dann kam David zurück. Ohne Job, ohne allzu viel Geld – denn er hatte sich verspekuliert – und ohne Frau. Er saß eines Abends in der Kneipe, in der Merle nostalgiehalber noch samstags kellnerte. Nachdem alle gegangen waren, saß er immer noch da, und Merle daneben. David schüttete ihr sein Herz aus. Schonungslos ging er mit sich selbst ins Gericht. Und erwartete nichts von Merle. Vielleicht war es das. Vielleicht waren es die vielen Erinnerungen, die sie teilten und sich erzählten. „Hey, weißt du noch?“ „Wahnsinn, wie hieß dieser Typ, der uns damals fast…“ „Wenn ich mir vorstelle, dass wir beide in Las Vegas beinahe…“ Spätestens nach der zweiten Flasche Wein was das Ende vorprogrammiert.

Merle wachte in Davids möbliertem Einzimmerappartement auf. So gelöst, so rundum glücklich und vollkommen. Und als David mit einer Tasse Kaffee vor ihr stand, ein Löffel Zucker, zwei Schuss Hafermilch, war beiden klar: wir gehören zusammen. Wir sind ein Paar.

Merle ist ein zutiefst ehrlicher Mensch. Sie scheut keine Konflikte, bleibt bei der Wahrheit, auch, wenn das schwerer ist als eine Lüge. Doch als sie in ihre Wohnung kam, waren keine Erklärungen nötig. Jonas saß am Küchentisch. Vor sich ein kalter Espresso. Er blickte aus dem Fenster, ohne draußen etwas zu sehen. Aber so intensiv, dass Merle dachte, er habe sie nicht kommen hören. „Wann heiratet ihr?“, fragte er, ohne sie anzuschauen.

Das ist jetzt sechs Monate her. Gestern hat Merle Jonas zum ersten Mal seit diesem Sonntagmorgen wiedergesehen. Da kam er mit einer Flasche Wein zu ihren Eltern, wo Merle die letzte Nacht und die letzten Stunden vor der Hochzeit verbringt. „Merle, bitte. Ich kann nicht so ganz ohne dich leben. Lass uns Freunde sein. Wie früher. Hier, das ist aktuell mein allerbester Wein. Der ist nur für euch, für dich und für David. Ich lasse euch ein paar Kisten mit einer Auswahl aus meinem Laden ins Restaurant schicken. Als Hochzeitsgeschenk.“

„Ach, Jonas!“ Merle fällt ihm um den Hals. Küsst ihn links, rechts, und wieder links auf die Wange. „Dass du gekommen bist ist das allerschönste Geschenk. Du hast mir auch so gefehlt! Ja klar, wir sind Freunde. Für immer! Und David auch. Er mag dich. Wir müssen uns treffen, regelmäßig. So wie früher. Wir alle drei!“

Jonas erinnert sich nur schemenhaft und äußerst ungern an die paar Male, als er mit Merle und David unterwegs war. Früher. Sie waren das typische Pärchen, dass den ganzen Abend turtelt und die Begleitperson wie das völlig überflüssige fünfte Rad am Wagen behandelt. Nämlich gar nicht. Nein, Jonas will ganz bestimmt nie wieder etwas zu dritt unternehmen, mit den beiden. „Ja klar“, lächelt er und zwickt Merle kumpelhaft in die Schulter. Sie zuckt zusammen. „Au“. „Oh, sorry.“ Wie oft hat er diese Schulter massiert. Mit sanften Händen. Mit zärtlichen Lippen. Nein. Hör auf, Jonas. Das ist vorbei, weist er sich selbst zurecht.

„Wenn du mir sagst, wo ihr feiert, lass ich den Wein hinbringen.“ „Quatsch, Jonas. Du kommst natürlich zur Hochzeit! Nein, keine Widerrede. Jetzt, wo wir uns wiedergefunden haben, lass ich dich nicht wieder aus!“

  „Na gut. Dann sehen wir uns morgen. Soll ich eure Flasche dann auch wieder mitnehmen?“ „Nein. Die bekommt einen Ehrenplatz auf unserem Tisch. Bis morgen. Ich hab dich lieb!“ Merle drückt Jonas fest an sich, dann schließt sie die Haustür.

Jonas bleibt außen vor. Ausgeschlossen aus dem Leben, von dem er geträumt hatte und das schon zum Greifen nah war. Bevor David zurückgekommen ist.

„Das Leben geht weiter. Für die einen. Für die anderen…“, murmelt er vor sich hin. Dann steigt er ins Auto. Er hat noch einiges zu organisieren.

„Stell dir vor, Jonas spendiert uns den Wein für morgen. Was sagst du dazu?“ Zunächst ist David reserviert. Ganz hinten in seinem Kopf lauert immer noch die Eifersucht. Aber dann denkt er: Was soll’s. Jonas ist Merles ältester Freund. Der beste. Ist doch schön, wenn die zwei sich wieder vertragen. Und dass er uns den Wein schenkt ist ne tolle Geste!

Der Hochzeitstag bricht an. Und mit ihm die ganz normale Hektik. Wo sind die Ringe? Am Kleid fehlt ein Knopf! Wann kommt Papa mit dem Mercedes? Hilfe, die Blumen lassen die Köpfe hängen! Nur eines verspüren weder Merle noch David: Torschlusspanik und die Angst, einen Riesenfehler zu machen. Sie wissen: wir gehören zusammen. Ist das nicht schön?

Jonas hat sich sorgfältig angezogen. Seine Geschäfte gehen gut, er kann sich elegante Kleidung leisten. Wahrscheinlich hat er bedeutend mehr Geld zur Verfügung als David, im Moment. Aber Kohle hat Merle noch nie beeindruckt. Oder interessiert.

Es ist Zeit für die Kirche. Mit Schrecken stellt er fest, dass Merle ihn in der zweiten Reihe platziert hat, neben ihrer Schwester Jette. Sie ist auch ohne Begleitung da. Hoffentlich ist das kein Versuch, ihn zu verkuppeln! Denn Jonas hat sein Herz schon verloren. Damals. Und als die Liebe vorüber war, war sein Herz zerbrochen. Bis heute. Heute wird er es wieder ganz machen. Und füllen. Wenn schon nicht mit Liebe, dann mit Hass.

Die nächsten Stunden ziehen an Jonas vorbei, und er zieht mit, ferngesteuert. Lächelt fürs Gruppenfoto, hilft Merles Mutter aus dem Auto. Rückt Jette den Stuhl im Restaurant zurecht. Schon wieder neben ihm!

Gespannt schaut er zum Brauttisch hinüber. Sie sitzen ihm schräg gegenüber, nur einen Meter entfernt. Rote Rosen auf weißem Damast. Wie altbacken und kitschig. Typisch David. Weiße Teller, silberne Untersetzer, funkelnde Gläser. Und genau in der Mitte zwischen den Gedecken des Brautpaars prangt seine Flasche Wein. Das goldene Etikett fängt die Sonnenstrahlen ein, die durch die französischen Fenster fließen. Jonas greift automatisch unter seinen Stuhl. Dort steht in einem reich verzierten Präsentkorb eine zweite, identische Flasche. Schon geöffnet. Bereit, in der Panik vertauscht zu werden, die losbrechen wird. Gleich. Sobald das Brautpaar die Gläser gehoben hat.

Das Leben geht weiter. Für die einen. Aber für die anderen… endet es genau dann, wenn es am schönsten ist. Vermeintlich. Denn wer Wind säht, darf sich nicht wundern, wenn er Sturm erntet. So ist das, David. So ist das, Merle.

Genau in diesem Moment schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Eine einzige schwarze Wolke im ansonsten tiefblau ungetrübten Himmel. Ein Windstoß bläht die Vorhänge, und ein Donner zerschlägt die Sommerluft.

Merle zuckt zusammen. Sie greift nach Davids Hand. Es ist eine unbewusste Geste. Aber er umschließt sie, behutsam und sehr sanft. Und schaut sie an. Seine Frau. Mit einem Blick, so tief, so dunkel, so geborgen, dass Merle sich darin versenkt. Sie entspannt sich. Und dann – lächeln sich die beiden an. Ort- und weltvergessen. Yin und Yang. Ein Paar, das zusammengehört. Im Leben. Und danach.

Aber bis dahin haben die beiden noch einen langen gemeinsamen Weg vor sich. Das erkennt Jonas jetzt, nachdem die Brille aus Hass und Neid zersplittert ist, zertrümmert durch diesen einen mächtigen Donnerschlag.

Nachdem die Festgesellschaft sich von dem Schreck über den himmlischen Paukenknall erholt hat, greift Jonas zur goldenen Weinflasche. Schenkt seiner Frau und dann sich selbst etwas ein, steht auf und erhebt das Glas. Jonas starrt gebannt auf Davis Hände. Gelähmt. Dann, plötzlich, unvermittelt und beinahe ungewollt zieht er mit einem Ruck am Tischdamast. Krallt sich daran fest und kippt seitwärts mitsamt dem Stuhl zu Boden. Teller, Gläser, alles fällt. Die Gäste rufen, Merle reißt die Augen auf. In dem Tumult gelingt es Jonas, die Flaschen zu vertauschen. No harm done. „Mir geht’s gut. Der Donner hat mich umgehauen, buchstäblich. Sorry!“, entschuldigt sich Jonas und mimt den Zerknirschten.

Nun denn: Neue Gläser, neuer Inhalt. Und dann die Rede. Alle trinken auf das Brautpaar. Auch das Brautpaar.

Der Rest der Feier verläuft so, wie bei Hochzeiten üblich. Jonas tanzt mit Jette. Und wird von Merle abgeklatscht. Als er sie in seinen Armen hält, taucht er tief ein in ihren Duft und ist unendlich glücklich, dass er nicht zum letzten Mal mit seiner besten Freundin tanzt. Der Frau eines anderen. Ja. Aber ein Teil von ihr gehört zu ihm. Und das genügt ihm. Jetzt.

Und hier eine andere Schluss-Variante. Welche gefällt euch besser?

Es ist weit nach Mitternacht. Ganz hinten am Horizont lungert schon der neue Tag und wartet auf Einlass. Das Dunkel trägt einen rosenroten Saum. Merle geht an den verwaisten Tischen entlang, streicht mit leichten Fingern hier über eine welkende Rose, dort über ein gekraustes Blatt. „Ich kann es gar nicht glauben. Heute ist der Anfang unserer gemeinsamen Unendlichkeit“, sagt sie. Und dann: „Hey. Schau mal, hier unterm Tisch steht noch ne offene Flasche Wein. Komm, mein lieber Mann. Auf uns und unser Leben!“ Sie nimmt einen Schluck aus der Flasche und reicht sie David, der ebenfalls genüsslich daraus trinkt.

Mini Bibel Thriller: Das letzte Ma(h)l


Vorab:  Kennt Ihr die Serie „Der Bachelor“ ? Darin ist ein Jungeselle auf der Suche nach seiner Traumfrau, die er aus 22 Bewerberinnen in 6 Wochen in einer Traumlocation auswählen darf. Fraglich ist, wer es ehrlich meint und wer nur spielen möchte. Erforderlich ist eine gute Strategie, um den „Bachelor“ um den Finger zu wickeln. Was ist Schein und was Sein?

Ein Abend wie aus tausendundeiner Nacht. Armand liegt auf einem samtenen Sonnenbett am Strand. Das sanfte Rauschen der Wellen ist die Musik dieses Films, und Armand spielt die Hauptrolle. Gleich wird Julia zu ihm kommen, in einem verführerischen Hauch von nichts, die Haut schimmernd und duftend. Nach Rosen? Oder Yasmin? Aus der dunklen Villa im maurischen Stil entweicht ein Lichtstrahl. Zerschneidet den Sand wie ein Schwert. Wie ein leuchtender Laufsteg. Eine helle Gestalt schreitet ihn entlang. Julia? Inga? Oder doch Samira? Ach – egal. Nach 8 Tagen kann Armand sich die Mädchen immer noch nicht merken. Weder die Namen noch die Gesichter. Sie unterscheiden sich in nichts. Schablonengemalte Brauen, geklebte Wimpern, aufgespritzte Lippen. Lange Haare in allen Schattierungen. Identische Körper. Kurvig. Braun. Wie soll er sie auseinanderhalten? Fast bereut er seine Zusage bei der Reality Show.

Damals, kurz nach der Scheidung von Monique, seiner ersten Frau, hatte er das für eine gute, zumindest aber witzige Idee gehalten. Die Bachelor-Produzenten waren überglücklich gewesen – und sein Security Chef James stinksauer. Ein millionenschwerer Investor als begehrter Junggeselle – da würden die Einschaltquoten in die Höhe sausen, und Armands Liebesleben wäre in aller Munde. „Wie stellen Sie sich das vor? Wer soll sie am Set inmitten eines Haufens liebestoller Weiber beschützen? Und wie?“, polterte James. Armands Teilnahme war vielleicht ein netter Werbegag, der von seinen jüngsten Rüstungs-Transaktionen mit einer osteuropäischen Macht ablenken konnte. Aber genauso gut konnte ein Geheimdienst eine Agentin einschmuggeln……

Nach den ersten Tagen und Begegnungen mit 8 identisch aussehenden, sprechenden und lachenden Damen sehnt Armand sich nur nach einem: Ruhe!

„Hallo, ich will dich gar nicht stören. Ich dachte nur, du magst vielleicht was trinken.“ Oh nein, nicht schon wieder. Die Mädels scheinen zu denken, dass er sie nur betrunken ertragen kann. Womit sie gar nicht so falsch liegen. „Frisch gepresster Orangensaft. Aber wenn du lieber ein Glas Champagner willst – ich glaube, da hinten kommt Julia mit einer Flasche Veuve und zwei Gläsern.“

„Danke – ich ziehe Orangensaft vor. Warte. Bleib stehn. Wer bist du? Kennen wir uns?“ Sie lacht. Offen. Nicht affektiert. „Dolores. Wir sind uns am Anfang der Woche vorgestellt worden. Aber ich erwarte nicht, dass du dich an mich erinnerst. Zu viele Mädchen in zu kurzer Zeit…“ Dolores lächelt. Ein wenig. „Unser Date ist für übermorgen geplant. Aber…“ „Aber?“ „Ach, nichts. Da ist Julia. Viel Spaß, Ihr zwei,“ sagt sie laut in Richtung der straffen Blondine, die sie misstrauisch beäugt. Hat die dumme kleine Außenseiterin vielleicht gerade gegen die Regeln verstoßen? Kann man sie dafür anschwärzen und heimschicken? Eine Konkurrentin weniger…

„Hallo, mein Süßer. Jetzt ist Schluss mit der Einsamkeit. Die süße Julia ist da, um dich zu verwöhnen“, gurrt sie und lässt sich ungefragt auf seinen Schoß gleiten. Wäre sie eine Taube, wurde er sie leicht verscheuchen können. Denkt Armand. Aber so…

Während Julia schnurrend an ihm herumzupft, versucht Armand, sich Dolores in Erinnerung zu rufen. Stimmt. Am allerersten Abend standen die Mädchen, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, vor ihm auf der mit Lampions beleuchteten Terrasse. Langbeinige langhaarige junge Frauen, aufgeputzt zu dem Schönheitsideal, das dem Privatsender-Publikum am meisten entspricht. Armand stand einer Wand aus künstlichen Körpern und Lächeln gegenüber, aus der keine hervorstach. Aber nein. Links außen, einen halben Meter von der Beautywall entfernt, lehnte eine Frau an der Wand. Kein Mädchen. Definitiv. Cargohosen statt Satinmini. Kurzer Bob statt wallender Mähne. Ein Lippenstift in nude als einzige Konzession an die Maske. Graue Augen, die ihn stachen. Dolores.

„Kennst du Dolores? Wie ist sie denn so?“, fragt Armand und schieb sanft, aber bestimmt Julias Finger aus seinem Schritt. „Dolo wer? Ach diiiiieee. Langweilig. Kann sich über nichts unterhalten. Kennt keine Promis, war noch nie auf Ibiza und hat keine Ahnung von Mode und Makeup. Vergiss die. Die will sich nur an dir bereichern.“

„Und du nicht?“, fragt Armand. „Naklar“, Julia macht einen Schmollmund und sieht aus wie eine französische Bulldogge. „Aber von mir kriegst du wenigstens anständig was für dein Geld.“ Wieder schieben sich ihre dezimeterlangen roten Nägel seinen Oberschenkel hinauf.

„Entschuldige, aber mir ist nicht gut. Ich muss mich unbedingt bewegen. Komm doch einfach mit!“ Mit einem behänden Satz springt er von der Liege auf und joggt den Strand entlang, ohne sich nach Julia umzuschauen. Die versucht zunächst tatsächlich heldenhaft, mit ihren High Heels im weichen Sand Tritt zu fassen. Doch schon beim dritten Schritt knickt sie um.

Nach einer eingehenden Untersuchung durch den Teamarzt steht fest: das war’s für Julias Teilnahme am „Bachelor.“ Welche Erwartungen hatte sie an diese Woche geknüpft. Wie die meisten der Kandidatinnen war sie nicht mit der Hoffnung auf die große Liebe zum Casting gegangen. Die Show sollte sie berühmt machen. Sie wollte entdeckt werden. Von wem auch immer. Vom Bachelor, den Fotografen, die im Pulk vor den Zäunen der Villa lauerten, von einem der vielen Werbepartner. Zur Not auch vom Regisseur.

Aber als sie mit den anderen Mädels zusammen auf der Terrasse stand, hinter sich die märchenhafte Kulisse der Insel mit ihren weißen Häusern, die sich an die blühenden Hänge schmiegten, und den steilen Treppen dazwischen, mit den schroffen Klippen und dem weichen, weißen Sand, mit dem leise murmelnden Meer – als sie dort stand und Armand zu ihnen trat, da wusste sie, dass sie keinen Werbevertrag wollte und keine Einladung zum Modelkurs. Nein, Armand persönlich musste es sein. Und Julia wusste auch: ich kann es schaffen. Acht Tage hatte sie darauf gewartet, aber nun war der Zeitpunkt gekommen. Heute Abend wollte sie Armand verführen und für sich gewinnen. Nur ein paar romantische Stunden sollten sie von ihrem Lebensglück trennen,  die neue Madame Arnaud, Ehefrau des milliardenschweren Investors.

Und dann das! Während sie ihre Koffer packt und auf Krücken durchs Zimmer humpelt, weiß Julia ganz genau, wem sie dieses unrühmliche Ende ihres Traums zu verdanken hat. Dolores. Und sie wird es ihr heimzahlen!

Julia ist nicht die Einzige, die Dolores für ihr Unglück verantwortlich macht.

Als er Armand partout nicht von der Teilnahme am „Bachelor“ abbringen konnte, ließ James ihm schließlich seinen Willen. Aber natürlich nicht, ohne seinen Boss auf seine ganz eigene Weise abzusichern. James, der ehemalige Fremdenlegionär, misstraute der laienhaften Security der Produktionsfirma. Und schleuste seine allerbeste Mitarbeiterin als last-minute- Kandidatin ein. Dolores.

Dolores stammt aus einem Clan, der ursprünglich im Libanon beheimatet war, bevor sich die Mitglieder in der ganzen Welt verteilten. Die meisten übten den Beruf aus, den sie am besten beherrschten. Kämpfen.

Dolores Vater war leider aus der Art geschlagen. Er studierte Literaturwissenschaft und fristet als Uni-Dozent an der Sorbonne ein im Vergleich zu seinen Brüdern, Cousins und Onkels ärmliches Dasein. Das sah auch seine Tochter so. Nach einem Jahr in Chicago kam Dolores mit mehreren Diplomen zurück. Allerdings nicht von einer renommierten Universität. Sie hatte stattdessen die Kunst des Kämpfens erlernt, und das zur Perfektion.

So war es nicht weiter verwunderlich, dass James bei seiner Rekrutierungstour auf Dolores aufmerksam wurde. Seitdem arbeitet sie in seiner Special Security Einheit und hat schon mehrere heikle Aufträge übernommen – darunter, während des ziemlich unappetitlichen Scheidungskriegs, die Entsorgung des letzten Liebhabers von Armands Noch-Ehefrau Monique. Wobei keiner auf den Gedanken kam, dass sie dem Mann, statt ihn zu töten, eine neue Identität als Fischer auf den Shetland-Inseln besorgt hat – unter Androhung des direkten Vollzugs der Todesstrafe, sollte er jemals zurückkommen.

Dolores hat ein weiches Herz. Wir werden sehen, ob das wirklich ein Makel ist.

Sie hat zwar die Nase gerümpft, als James sie für ihren Under Cover Aktion bei der Bachelor-Show gebrieft hat. Aber Job ist Job. Und so folgt Dolores Armand seit Drehbeginn wie ein Schatten. Effizient unsichtbar. Schon nach einem Tag tut ihr der arme Mann leid. Was will er hier? Er ist ja nicht dumm? Er weiß ganz genau, worauf es die Mädels abgesehen haben. Warum spielt er bloß mit? Die Gage braucht ER wirklich nicht. Also muss es ein politischer Schachzug sein. Oder ein persönlicher. Rache an der Ex vielleicht?

Heute Abend ist Armand schon lange vor dem geplanten Date mit Julia vor den gebündelten Banalitäten geflüchtet. An den Strand. Da hat Dolores in einem Moment unsäglichen Mitleids einen Krug mit Orangensaft zu ihm runtergetragen. Damit er nur für einen Moment aufatmen konnte.

„Was hast du dir dabei gedacht*, fragt James Dolores beim abendlichen Debriefing. „Ich bin nur in meiner Coverperson geblieben“, verteidigt sich Dolores. James antwortet nicht. Er will ihr nicht erzählen, dass Armand ihn beauftragt hat, alles über sie herauszufinden. Also über die Kandidatin Dolores. Er wird sich alle Mühe geben, ihr so viele Skandale anzuhängen, dass Armand sie nicht mal mit der Kneifzange anfassen wird. Dolores. Die Unnahbare, Kühle. Die Berechnende und Berechenbare. Bis heute. Stimmt es wirklich, dass sie Armand aus ihrer Rolle heraus den Saft gebracht hat? Oder ist da mehr?

Ja, da war mehr. Am nächsten Tag wirft Armand den Bachelor-Drehplan um und fährt mit Dolores im Cabrio über die Insel. Sie essen in einem Fischerdorf fangfrische Garnelen aus einer Tüte Zeitungspapier. Trinken offenen Rotwein – und reden. Armand erzählt ihr sein Leben. Die behütete Kindheit, die Einsamkeit eines kleinen Genies. Die Gründung seines Imperiums. Monique. Anfang und Ende seiner Ehe. Er fragt und will alles über Dolores wissen, aber es gelingt ihr, die Wahrheit zu verschweigen, ohne zu lügen.

Und am Tag darauf fliegen Armand und James zurück nach Paris. Mit Dolores und einem ovalen Lab-Grown-Diamanten von 12 Karat als Verlobungsring. Die Kosten für die geplatzte

Produktion zahlt Armand aus der Portokasse.

James ist außer sich. Genau wie Monique, die er sofort nach ihrer Rückkehr über die neuesten Entwicklungen informiert. „Wie konnte das passieren?“ „Keine Ahnung.“ „Biete ihr einen anderen Job. Weit weg. Biete ihr eine Million. Oder zwei. Sie ist hinter seinem Geld her. Was hat sie bei dir schon verdient? Jetzt wittert sie Morgenluft, Ist doch klar.“ Aber so einfach liegt die Sache leider nicht. Denn Dolores hat sich in Armand verliebt. Ernsthaft verliebt.

„Dann musst du ihm eben reinen Wein einschenken. Oder besser ich mache das. Wenn er weiß, dass sie nur ein Bodyguard ist und sich seine Gunst praktisch erschlichen hat, lässt er sich sofort fallen.“

James ist da anderer Meinung. Er kennt seinen Boss besser als die Ehefrau dies tut. Nein. Und wenn Dolores eine Killerin wäre – Armand ist verliebt. Er wird nichts gelten lassen.

Doch James hat nicht vor, das Happy End tatenlos mit anzusehen. Er will die Hochzeit unbedingt verhindern und gleichzeitig Dolores dafür bestrafen, dass sie sich nicht für ihn entschieden hat. Dabei hatte James alles schon perfekt geplant. Noch ein Jahr in seiner Truppe, dann wäre Dolores die beste weibliche Kampfmaschine der westlichen Hemisphäre gewesen. Und ihm absolut ebenbürtig, Dann hätte er ihr das größte Geschenk gemacht und ihr angeboten, seine, James McMurdochs Frau zu werden. Ein Angebot, das sie unmöglich hätte abschlagen können. Dachte er.

Nun, wenn er sie nicht haben kann, soll Armand sie jedenfalls auch nicht kriegen! Er hat schon kurz mit dem Gedanken gespielt, sie mit einem präparierten Auto die Küstenstraße entlangfahren und an geeigneter Stelle die Klippen hinabrasen zu lassen. À la Grace Kelly. Aber dann wäre sie auf der Stelle tot. Und er will doch, dass sie leidet. Ja, sich in ihrem Leid vielleicht sogar ihm, James zuwendet. Bittend. Weinend. Auf Knien. Aber dann wird es zu spät sein. Er wird sich abwenden, die Schultern zucken und sagen: je suis désolé, ma petite. Ich kann nichts mehr für dich tun!

Aber dann, als er schlaflos auf der obersten Terrasse von Armands schlossähnlicher Villa vor den Toren von Paris dem Vollmond sein Dilemma klagt, schwebt eine Fledermaus vom Dach herunter, verfängt sich in seinem Haar – und krallt sich eine Schrecksekunde lang in seiner empfindlichen Kopfhaut fest. Bevor er sie greifen kann, befreit sie sich mit einem schrillen Schrei und schwingt sich in den nächtlichen Sommerhimmel.

„Man müsste euch alle töten, Pack!“, schreit Armand der Fledermaus hinterher. Und da weiß er, was er tun muss. Sieht den ganzen Plan vor sich, in seiner genialen Einfachheit. Er wird einen Hinterhalt inszenieren, in dem ein paar seiner Männer das Leben lassen werden. Er hat sie schon im Blick, Claude, Mike, Silver, vielleicht. Die Schwächsten, Unzuverlässigsten, die Aufmüpfigen. Drei Fliegen mit einer Klappe!

Danach wird er Armand von einem Gespräch mit dem Polizeipräsidenten berichten – streng vertraulich, natürlich. Ein Informant habe glaubwürde Beweise dafür, dass ein libanesischer Clan hinter dem Angriff stecke. Im Auftrag eines hochrangigen Saudiarabischen Prinzen, der Armands Imperium ins Wanken bringen und dann günstig aufkaufen wolle. Ein Milliardenschnäppchen, sozusagen.

Der Pariser Polizei seien die Hände gebunden, wir er Armand erzählen. Der Polizeipräsident habe ihm quasi einen Blankoschein für die Ausrottung des Clans gegeben. Durchaus im gegenseitigen Interesse.

Danach wird James zu Dolores gehen. Er wird ihr sagen, dass Armand in Absprache mit der Pariser Polizei ihren Vater töten wird, zusammen mit ihrem Onkel und dessen Söhnen, die sich gerade zu Besuch bei Dolores Familie befinden. Weil er sie, die Mitglieder des libanesischen Clans, für die Mörder seiner Leute hält.

Und es wird nur einen Menschen geben, der – oder vielmehr die – dieses sinnlose Blutbad verhindern kann. Wie wird Dolores sich entscheiden? Sie kann nicht zu Armand gehen, ohne ihren familiären Background preiszugeben. Aber wenn sie ihren Onkel und die Cousins zum Flughafen begleitet und mit ihnen nach Chicago fliegt – One Way, versteht sich – dann, das verspricht ihr James, wird ihre Familie verschont werden.

Ein genialer Plan!

Dolores liegt währenddessen nichtsahnend auf dem Bett und grübelt. Wie so oft, seit sie aus der Wirklichkeit in diese parallele Märchenwelt gestolpert ist. In diesen Traum, aus dem sie jeden Moment aufwachen wird, hoffentlich. Denn sie erkennt sich gar nicht wieder. Hat sich in Armands Augen verloren. Er hat sie in die Arme genommen, und nun schwimmt sie in einem Meer von Gefühlen, die sie bislang nie gespürt hat. Sie klammert sich an jede Minute mit ihm, als müsse sie ohne sein Lächeln ertrinken. Und sie versteht sich selbst nicht mehr.  Ihr Vater würde diesen Zustand Liebe nennen und ihr eine Auswahl an Büchern anbieten, aufgeschlagen, mit markierten Worten und Passagen, in denen Dichter und Dichterinnen diese Emotionen zu beschreiben, zu be-greifen versuchen.

Wie sinnlos, denkt Dolores. Wenn du denkst, verlierst du dich im Strudel des Fühlens und gehst unter. Besser du lässt dich einfach treiben.

James holt sie zurück in die Gegenwart. Erstürmt in ihr Zimmer, ohne anzuklopfen. Und als er zu sprechen beginnt, mit Sorgenfaltenstirn und leiser Kümmerstimme, da schlagen die schwarzen Wogen über ihr zusammen. Gefühle, ja, aber keine Liebe. Hass.

Gestern Nacht, sagt er, wurden ein paar von unseren Security Männern in einen Hinterhalt gelockt. Von Mitgliedern eines libanesischen Clans. Drei Männer sind tot, Freunde von Dolores. Jetzt geht es um Vergeltung. Der Clan muss vernichtet werden. Und alle, die ihm angehören. Der Polizeipräsident deckt die Aktion. Berichtet James.

Dolores ist nicht dumm. Sie versteht seinen Plan. Bewundert ihn sogar. Gut gedacht. Gut gemacht. Drei Fliegen! Sie hört zu, ohne James zu unterbrechen. Ohne eine Frage. Ohne eine Klage, sogar. Sie nickt und bittet um einen Abend, nein, nicht Bedenkzeit. Zeit, um alles zu organisieren. Die Tickets zu kaufen. Den Eltern eine glaubwürdige Geschichte zu präsentieren, eine nachprüfbare.

Und James willigt ein. Er ist nicht enttäuscht, weil Dolores nicht geschrien hat, nicht geweint, nicht gefleht. Das hat sie ohnehin nur in seinen Träumen, von denen er wusste, dass sie nie wahr werden würden. Aber die Schwingung in ihrer Stimme bebte vor verletztem Stolz. Das hat er gemerkt. Und zehrt davon, genießt jeden Bissen dieser Erinnerung, während ihm nichts weiter bleibt als die Zeit, bis sie verrinnt.

Showdown: Dolores arrangiert ein Gala-Dinner. Lädt alle dazu ein. Erklärt Armand, dass er sie im Grunde noch gar nicht allen Bekannten vorgestellt hat. Auch seine Exfrau Monique soll kommen. Auch der Polizeipräsident. James sagt sie, dass sie sich mit einem „boom“ verabschieden möchte. Sie zeigt ihm die Flugtickets, ihr Gepäck ist bereits am Airport. Alle Verträge gekündigt. Der misstrauische James ist beruhigt.

Es wird ein fürstlicher, ein königlicher Abend. Alt funkelndes Silber, Glen Geschirr mit einem Meer verstreuter Sommerblumen, Baccarat Kristallgläser, jedes ein schimmerndes Unikat. Auf dem weißen Leinen türmten sich kulinarische Köstlichkeiten. Die Gäste werden von einem livrierten Butler angekündigt. An jedem Platz liegt als Gastgeschenk ein kleines Aktienpaket.

Das Essen ist mehr als einen Stern wert – natürlich, denn es sind mehrere Sterne-Köche und Köchinnen am Werk. Fleisch und Fisch, Gemüse, vegane Kreationen aus den besten Küchen der Welt. Desserts, Obst und Torten. Ein lukullisches Fest.

Als der Champagner in den Gläsern perlt, erhebt sich Armand. Er dankt den Gästen und wendet sich Dolores zu: „Ganz besonders danke ich meiner Dolores. Sie hat dieses Fest für mich arrangiert. Für uns!“

Sie steht auf, ein schwarzes Ausrufezeichen inmitten der bunten glitzernden Abendgesellschaft. Ihre grauen Augen blitzen, als sie sagt: „Armand, Lieber, danke. Aber ich habe noch eine Überraschung. Denn der Dank gebührt nicht nur mir, sondern vor allem auch unserem unglaublichen James McMurdoch!“

Aller Augen suchen den Mann im dunklen Anzug, der sich über seine Muskeln spannt. Und finden ihn direkt am Eingang. Er bewacht die Tür. Damit niemand hinein aber auch nicht hinaus kann. „Mesdames et Monsieurs, erheben Sie das Glas auf den Boss der AA Security“, ruft Dolores. Und spricht ein einziges leises Wort in ihr Headset, das so gut in ihrem schwarzen Haar verborgen war. Nicht einmal James hat es bemerkt.

Zwei Klicks, und die Wand gegenüber von Armand öffnet sich, gibt einen Monitor frei. Darauf erscheinen bewegte Bilder. Ein Film? Die Gäste raunen. Entzückt, zunächst. Dann kippt die Stimmung in höfliche Verwirrung. Schließlich in stummes Entsetzen.

Auf dem riesigen Monitor sind Menschen zu sehen, schwarz gekleidet, mit Maschinengewehren bewaffnet. Sie stürmen einen dunklen Gang hinunter. Plötzlich eine Explosion vor ihnen. Und aus dem Loch., das eben noch eine Eisentür war, dringen Schusssalven. Schreie, Claude! Mike! Silver! Merde!!!! Und dann, über dem Gewirr von Stöhnen, Schreien und Schüssen glasklar die Stimme von James McMurdoch: „Mission erfolgreich. Drei Mann exekutiert. Gut gemacht, mes amis. Rückzug. Eure Belohnung erwartet euch im Hauptquartier.“

Der Bildschirm wird schwarz. Alle Augen suchen den Mann im dunklen Anzug, der sich über seine definierten Muskeln spannt. Jetzt greift er unter sein Jacket nach seiner Waffe. Zwei paar Hände drehen seine Arme nach hinten. „Danke Yves, danke Jaqueline. Wir werden den Tod unserer Freunde nicht ungesühnt lassen.“ Dolores spricht, nicht ins Headset, sondern laut in die Totenstille des Saales hinein.

Armand und die Gäste drehen sich zu James, dann zu Dolores. „Ich bin ein Dolores Hatoum. Dein Bodyguard. Die Beste. Abgestellt, um über dir zu wachen. Willst du mich heiraten, Armand Arnaud?“

„Ich glaube, du hast mich inzwischen schon zweimal gerettet. Mindestens. Ja, Dolores Hatoum. Ich will“ Klatschende Gäste. Während der Polizeipräfekt aufsteht und James eigenhändig abführt. Champagnerkorken knallen. Monique schiebt sich an der Wand entlang Richtung Ausgang. Bleibt plötzlich stehen. Hebt den Kopf. Strafft die Schultern. Greift nach dem nächstbesten Glas und ruft laut: „Vive la nouvelle Mme Arnaud.“