Meine Fans


Ich bin – rein geburtstechnisch betrachtet – nicht mehr ganz taufrisch. Mental, psychisch und im Hinblick auf mein Selbstbild mag das anders sein. Da bin ich je nach Gemütszustand, körperlicher Verfassung, besonderen Glücksmomenten mal 5, mal 15 oder auch mal 100.

Nun habe ich den Verdacht, dass es einigen meiner „Fans“ genauso geht. Gestern hatte ich eine fantastische Lesung in Moosch. Im „Seniorenclub Lebensfreude“. Im Vorfeld hatte ich mich bei der Leiterin nach der mentalen Verfassung meiner Zuhörer*innen erkundigt, um die Lesung entsprechend zu gestalten. Die Antwort wies mich – freundlich – in die Schranken. Die Mehrzahl der Damen sei ungefähr so alt wie wir (!), lebe alleine und selbstversorgt und sei mit allem ausgestattet, was ein moderner Alltag mit sich bringe: Handy, Computer, Internet und Hörgeräte.

Letztere trage ich auch, seitdem die Hersteller versprechen, damit auch einem Tinnitus beizukommen. Klappt bei mir leider nur so lala, weshalb ich permanent ein Konzert in den Ohren habe und infolgedessen zuweilen einfach nicht verstehe, was mir Menschen über diesen kopfinternen Lärm hinweg zu sagen versuchen. Aber sei’s drum: ich bin meinen Zuhörer*innen tatsächlich auf vielen Ebenen verbunden.

Gestern stand ich nun in dem gut gefüllten Saal – und begegnete erwartungsvollen Augen. „Wird’s spannend?“, „Wird’s auch deutlich genug`“ „Laut genug?“ Der Saal hat eine grauenhafte Akustik, die durch ein Mikro nicht wirklich verbessert wird. Ich stellte mich also vor, fragte ab, ob meine Zuhörerinnen (kein Gendern nötig) thrillertauglich seien („Je brutaler, desto besser“, war die Antwort 🙂 ) und machte gleich einen Verständnistest. Ich war, so hatte mir die Leiterin berichtet, das Highlight im herbstlichen Veranstaltungskalender. Die Latte hing also hoch.

Und ich begann.

Meine Lesungen sind „szenisch“, bzw. „performe“ ich eher, als dass ich nur lese. Oft erzähle ich auch zwischendrin und weiche vom Text ab. Dabei schaue ich immer in die Gesichter und reagiere spontan auf das, was ich sehe. Mache einen Scherz mehr, singe ein Liedchen weniger. Ihr wisst, was ich meine. Nun, gestern stand ich vor einem sehr vielfältigen Ausdrucksmix. Die einen lachten, die anderen lächelten, einige schauten konzentriert – und eine döste mit geschlossenen Augen. Zuviel Kaffee, Kuchen, zu warme Luft?

Ich ezählte gerade, wie die Gräfin S. den Seitensprung ihres zweiten Mannes mit der Büste ihres ersten Mannes aus rotem Alicante Marmor erschlug, da erklärte vorne links eine Dame, in Alicante gäbe es keinen Marmor. Und breitete ihr Wissen über dieses edle Gestein aus, das das meine bei weitem übertraf. Ich hatte lediglich bei Goggle nachgefragt.

Da öffnete die „Dösende“ die Augen und schoss mir einen scharfen, freundlich-komplizenhaften Blick zu. Sie hatte alles genau verfolgt und die Augen nur der besseren Konzentration halber geschlossen. Soweit zu voreiligen Schlüssen.

Nach einer Stunde und drei Geschichten war ich heiser – und froh, dass ein paar der Damen meinten, es sei für heute genug. Den anderen musste ich versprechen, bald wiederzukommen. Und eine gab mir noch den Stoff für einen neuen Thriller mit auf den Weg., WOW. WOW. Ihr werdet ihn lesen. Im MiniKrimi Adventskalender.

Was mir noch nachzutragen bleibt: Es war ein toller Nachmittag. Die älteren Zuhörerinnen waren viel kritischer und aufmerksamer als so manche jungen. Ach ja, mit dem Alicante Marmor hatte ich recht. Uff.

Und auf dem Foto seht ihr mich mit den „Fans“, die bereit waren, allem Datenschutz zum Trotz mit mir abgelichtet zu werden.,

Danke, liebe Frau Röck, für die Einladung. Ich komme gerne wieder.

Die Zeit vergeht schneller. als ich ihr folgen kann….



Die Frankfurter Buchmesse war TOLL. Es war wunderschön, so viele liebe Kolleginnen und Mörderische Schwestern zu treffen.

Das Gastland Italien hat mich mit seinem Auftritt begeistert. Nein, nicht (oder nicht nur), weil das meine emotionale Heimat ist, also mein „Vaterland“ im Wortsinn. Es war ein eindrucksvoller, Herz und Sinne ansprechender Mix dessen, was Italien und seine Kultur ausmacht. Schade nur, dass Meloni linken Autor*innen den Aufritt dort verweigert hat. Nie wieder Faschismus, das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Italien! Ich werde mich, wenn ich dort wohne, ganz sicher für den antifaschistischen „Kampf“ engagieren. Friedlich, selbstverständlich.

Ja – und dann war da die Notte Criminale im Café Wacker. Sehr schön, sehr spannend, mit kriminell guter Musik – von Mimi bis zu Macki Messer und dem Kriminal Tango. Danke Michael Klimo (Trompete) und Pit Gerten (Keyboard).

Ich habe dort meine neueste Episode der Agentur zweites Glück vorgestellt; Bella und ihr Gespür für Leichen. Was soll ich sagen? Kam gut an 🙂

Toll waren auch die Lesungen meiner Mörderischen Schwestern Franziska Franke, Monja Luz, Andrea Maluga und Cornelia Mohrmann. Sie entführten das Publikum ins England Sherlock Holmes‘, in Casanovas Venedig – komplett mit Kleid und Perücke!, auf die düstere Seite von Mainz und in die mafiöse Umgebung eines Italienischkurses bei der Berliner VHS.

Es war MEGA.

Und dann hatte und habe ich noch andere Highlights. Der zweite Arche Noah Gottesdienst in der Magdalenenkirche war so schön. Mit Hunden und Menschen und swingender Musik von Raphaela Ulrich und Vera v. Schumann.

Manchmal bedauere ich schon, dass ich nächstes Jahr nicht mehr „einfach so“ Events in München und Deutschland planen kann. Aber ich komme immer mal wieder. Für einen Auftritt allema!.

Heute habe ich noch etwas ganz besonderes vor: ich lese im Seniorenclub der Diakonie Moosach vor krimibegeisterten Menschen, die beinahe mein Alter haben. Tja, let’s face it 🙂

Ich freue mich riesig darauf, habe Emma Peel und John Steed im Gepäck – und werde euch berichten.

Und dann… ja dann ist auch schon bald wieder Advent. Und damit wird sich hoffentlich jeden Tag ein MiniKrimi-Türchen öffnen. Nur hier und nur auf mariebastide.blog.

Ach ja: noch etwas gibt es zu berichten. Ich schreibe ja auch Haikus. Und einer davon, der „Tauferer Advent“ wird auf eine Glasstelle geätzt und wird den ganzen Advent über erleuchtet den Marktplatz von Mais im Vinschgau verschönern, zusammen mit 23 anderen Adventstexten übers Licht. Fotos folgen!

Stay tuned.

Täglich was aufs Auge gibt’s bei semisappho auf Instagram. Come in and join!

Freie Liebe


Auf der Ladies Crime Night in Leipzig fragte mich eine Zuhörerin, der meine „Agentur zweites Glück“ offenbar sehr gefallen hatte: „Und wie geht es weiter? Wo steht die Fortsetzung? Ehm – das war ein Einzelkrimi. Aber die Idee war geboren. Elvira und ihre Agentur sind mir viele weitere MiniKrimis wert. Und dann werde ich das Buch natürlich auch drucken. Wenn Ihr Vorschläge habt, wen, wann, wo und wie Elvira ihre Paare zursammenbringen soll – her damit! Ich erwähne euch als Ideengeber*in – Ehrensache!

Ein augenzwinkernder MiniKrimi über Lieben und Sterben im Europa ohne Grenzen

„Guten Morrrgen, Zeit zum Aufstöhn!“ Thea reißt erschrocken die Augen auf und schaut sich sekundenlang orientierungslos um. Weiß gekalkte Wände statt weicher Klippen, Betonboden statt Sand und ein Flickenteppich dort, wo gerade noch ihr leuchtend rotes Handtuch lag. Das Meer rauscht ungehört jenseits des Fensters. Eben hat sie sich noch wohlig in der schaumigen Brandung geräkelt. So ein schöner Traum. Aber eben nur ein Traum. Die Wirklichkeit ist eng und riecht nach ungewaschenem Körper, Urin und altem Fett. Und sie ist laut. „Guten Morrrgän“, schreit es wieder, diesmal energischer.

„Thea, heast du ned, Odysseus ruft. Wenn du runter gehst, bring mir glei an Kaffee rauf“.


Das „Bitte“ ist auf dem Weg vom ersten Kennenlernen bis zu Theas Einzug in das Exchikò, das strahlende Ferienhaus mit den blauen Fensterläden hoch über der schönsten Bucht von Kefalonia, verlorengegangen. Geblieben sind Harrys starke Hände. Nur, dass sie jetzt nicht mehr streicheln, sondern Theas Handgelenk umkrallen. „Thea!“ Harrys Stimme ist heiser von zu viel Ouzo und Zigaretten. Aber immer noch kräftig. Genau wie sein Griff.

„Ich geh ja schon. Hatte nur gerade so einen wunderschönen Traum. Ich – wir, korrigiert sie hastig – haben gebadet, unten am Xi. Das Wasser war ganz weich und warm. Du, wollen wir da heute mal hin?“

„Ich glaub, du spinnst. Wie soll ich denn da hinkommen? Willst mi die Klippen runterkippen, im Rollstuhl, oder was? Seit i di kenn, bin i doch a kompletter Krüppel worn!“

Thea beißt sich auf die Lippen, während sie ihr graugesträhntes Haar von den Schultern schiebt, ein T-Shirt über ihr Nachthemd streift und in die Mules schlüpft. Dabei lehnt sie sich kurz an den Bettrand. Und schon greift Harrys Hand in ihren Schritt. „So verkrüppelt dann doch nicht, was?“ Unwillkürlich muss Thea lachen. „Lass los, Odysseus wird ungeduldig.“ Von unten ist jetzt ein Rasseln zu hören, ein Geratter wie von einem startenden Motorrad. „Ruhe, Odysseus. Ich bin schon da.“

Mit geübtem Schwung zieht sie das Laken von der großen Voliere und öffnet die Tür. Odysseus, der 40 Jahre alte Graupapagei, starrt sie an. „Guten Morrgen“, krächzt er in perfekter Harry-Parodie. Zwei Gestrandete auf einer Insel. Schade, dass Harry das Federvieh nicht Freitag genannt hatte. Vielleicht wäre er dann freundlicher geworden. Oder wenigstens handzahm.

Während Thea den Kaffee kocht und einen Apfel in mundgerechte Bissen schneidet, trippelt der Papagei auf dem Holztisch hin und her. „Hungerrrr“, krächzt er. „Thea, Kaffee!“ Das ist Harry. „Ja doch!“ Sie füllt das heiße Gebräu in eine Tasse, dazu ein paar Tropfen aus einer Phiole und vier Löffel Zucker. Gestern hat Harry nur am Kaffee genippt. „Der schmeckt so bitter, was hast da reingetan?“ Heute wird er ihn hoffentlich trinken. „Thea, Kaffä“, schnarrt Odysseus. Sie schleudert dem Vogel ein Apfelstück hin, knapp an der Tischkante vorbei. Doch statt sich den Kopf anzuschlagen, fängt der Papagei es geschickt auf. „Dankä“, schnarrt er. Das Tier wird ihr zunehmend unheimlich. 

Thea schaut in den sonnigen Morgen und seufzt. Das dauert alles viel zu lange. „Kein Angst, diesmal klappt alles wie am Schnürchen“, hatte Elvira, ehemalige Krankenschwester und jetzt Inhaberin der Agentur „Zweites Glück“ ihr versichert. Und tatsächlich hatte es auch so ausgesehen, im Mai, auf Elviras Agentursofa im regnerischen München, mit dem umfangreichen Ordner und seinen vielversprechenden Junggesellen vor sich auf dem Couchtisch. „Das hast du bei Jean Claude und Salvatore auch gesagt“, hatte Thea gemurmelt. Und dann – ein Fiasko nach dem anderen.

„Na ja, wer konnte schon ahnen, dass Jean Claudes romantisches Schloss in der Normandie tatsächlich nur ein rostiges Vorhängeschloss an einer klapprigen Fischerhütte war, seine florierende Kreuzfahrflotte ein marodes Schmugglerboot und das Foto auf seinem Profil ein Fake?“, hatte Elvira gefragt. „Jeder, der sich mit KI auskennt. Und eigentlich hättest du auch sehen können, dass das Porträt bearbeitet war. Zuviel Haare und zu wenig Bauch.“ „Ach kommt, du konntest doch nicht schnell genug aus München wegkommen. Die Normandie war dir ja gerade mal weit genug entfernt. Warum eigentlich?“

Die Antwort darauf war Thea Elvira schuldig geblieben. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Wahrheit? Ich habe versucht, meinen Mann zu vergiften, bevor er mein ganzes Geld mit seinem blonden It-Girl durchbringt. Leider hat sie den Cocktail getrunken, er ist nur um Haaresbreite dem Gefängnis entkommen, und jetzt jagt er mich durch ganz Europa?

Jean Claude war ihr wie ein rettender Engel erschienen. Allerdings hatte er sich als komplette Nullnummer erwiesen. Kein Schloss, keine Erotik, dafür jede Menge gefährliche Macken. Als er sie auf der Rückfahrt von einer Schmuggeltour bei rauer See – Windstärke 7 mindestens – mitsamt der Ladung schottischen Whiskys über Bord gehen ließ, um der Gendarmérie Maritime zu entgehen – zog Thea die Reißleine. Aber nicht, ohne Jean Claude noch eine Flasche auf den Kopf zu schlagen. Der Whiskyverkauf reichte gerade mal für die Rückfahrt nach München. Dort las sie von dem bedauerlichen Tod eines international bekannten Schmugglers im Ärmelkanal. Die genaue Todesursache war – zu Theas Glück – nicht mehr zu ermitteln gewesen. Zu starke Brandung, zu viele Verletzungen.

Mittellos und immer noch auf der Flucht hatte Thea erneut Elviras Ordner studiert. Salvatore war ein in die Jahre gekommener italienischer Selfmademan im maßgeschneiderten Nadelstreifen-Anzug. Er versprach Thea eine sorglose Zukunft, gependelt zwischen seiner Luxusjacht auf dem Pazifik und seiner Villa auf Sizilien. Leider hatte er bis zu ihrer Landung in Messina vergessen, zu erwähnen, dass ihr Aufenthalt stets räumlich begrenzt sein würde – nämlich auf Schlafzimmer und Küche. Offenbar hatte er Thea für so schüchtern, einfältig oder beides gehalten, dass ihn ihr Angriff mit seinem eigenen Stilett völlig überrascht hatte. Sie stand in der Küche über die Spüle gebeugt, wo sie für ihren neuen Gebieter eine Flasche Champagner öffnen sollte. Er drängte sich von hinten an sie, wobei ihm das Klappmesser – unglücklicher Zufall oder göttliche Fügung? – aus der Hosentasche fiel. Thea bückte sich blitzschnell und zu Salvatores ausgesprochenem Vergnügen – welches aber nur so lange währte, bis sie ihm das Messer bis ins Heft in die Brust stieß. „Das schöne Hemd“, dachte sie noch.

Die Polizei schien ihrer Version der Ereignisse – brutaler Angreifer aus dem Dunkel, Blutrache eines verfeindeten Clans – Glauben zu schenken, im Gegensatz zu Salvatores Familie. Und so war Thea, lediglich im Besitz ihrer Kleidung, einer Rolex und einem Platinarmband, wieder auf der Flucht.

Mit Harry sollte alles anders werden. „Er ist ein solider Bayer. Vor zwanzig Jahren hat er seine Liebe zu Griechenland entdeckt, seinen Job als Manager eines IT-Konzerns an den Nagel gehängt und sich auf Kefalonia niedergelassen. Mit seiner Abfindung hat er sich ein nettes Häuschen gekauft und den Rest seines Vermögens in sicheren Aktien angelegt. Er führt Wandergruppen über die Insel und wird von den Bewohnern dafür geliebt, dass er zuverlässig für einen Strom angenehmer Touristen sorgt. Nicht die Partyheinis, sondern Leute, die das Land, die Natur und die Kultur lieben. Er sieht zwar nicht umwerfend aus, ist aber für sein Alter recht gut in Form. Und seien wir ehrlich, liebe Thea, du ähnelst deinem Profilbild auch nur noch im Dunkeln und ohne Brille. Wir werden eben alle älter. Er sucht eine Frau in den besten Jahren – also dich! Auf geht’s!“

Zur Sicherheit und quasi als Entschädigung für die beiden fehlgeschlagenen Vermittlungen hatte Elvira Thea ein Fläschchen aus ihrem „Insektengiftschrank “ mitgegeben. Nur für den äußersten Notfall. Also um sich und ihr eigenes Leben zu retten. „Du scheinst ja vom Pech geradezu verfolgt zu sein“; hatte sie gesagt. „Da ist es vielleicht am besten, wenn du sowas wie eine Versicherungspolice bei dir hast. Aber Vorsicht: Missbrauch von Neonicotinoiden ist strafbar und wird mit Gefängnis bis zu 25 Jahren geahndet.“ Denn das ist in Deutschland die tatsächliche Verweildauer hinter Gittern für eine lebenslängliche Haftstrafe.

Thea schaut aus dem Fenster auf das immer gleiche Bild. Ein Wirrwarr malerischer Dächer, bergabwärts meandernde Sträßchen und Gassen, umrahmt vom wogenden Graugrün einer dank des Inselklimas wollüstig üppigen Vegetation. Und dann das Meer. Bis zum Horizont, und dahinter der Himmel. Blau in schwelgendem Blau. Tag für Tag.

Aber was nützt mir das alles?, fragt sie sich. Was habe ich davon? Ich bin eingemauert in diesem gleißenden Haus. Mit einem mürrischen Alten und einem schizophrenen Papagei.

Sie hat sich nichts vorzuwerfen. ist von Anfang an ehrlich gewesen. „Ich suche ein neues Zuhause“, hat sie Harry gesagt, als er sie von der Fähre abgeholt hat. Der erste Eindruck war gar nicht so schlecht gewesen. Weiße Leinenhose, gestreiftes Matrosenhemd, ein keck gewinkelter Panamahut über dem tief gebräunten Gesicht. „Ein neues Zuhause.“ Keinen neuen Mann. Aber Harry hat es nicht so mit Worten, und er zerklaubt auch keine Sätze nach Mehrdeutigkeiten.

Gut, die ersten Nächte waren anstrengend. So ein alternder Lebemann ist halt auch nur in seinen eigenen Augen ein Adonis. Für andere kommt er eher als Nereus daher, allerdings ohne die dazugehörige Portion Weisheit. Aber schlau ist er schon, der Harry. Er weiß sich in Szene zu setzen. Es dauerte ein paar Wochen, bis Thea das Viagra-Versteck fand. Und einen Monat, bis sie herausbekam, dass seine Beliebtheit im Dorf in direkter Beziehung zu der Menge an ausgegebenen Ouzo-Runden in der Taverne am Platz steht. Und dass Harry von vielen sogar gefürchtet wird. Denn von ihm und seiner Schilderung der Insel und ihrer Bewohner hängt es ab, ob der Strom angenehmer Touristen auch im nächsten Jahr munter fließt – oder versiegt.

Die Deutschen geben eben viel auf die Meinung so genannter Spezialisten. Und Harry ist so einer. Mit jeder Veröffentlichung in einem Abenteuerblatt, einem Blog oder auch einer populären Tageszeitung kann er Kefalonia bewerben – oder die Insel in Misskredit bringen. So jemanden behandelt man mit Vorsicht, mit Ehrfurcht – aber nicht mit Vertrauen oder gar Zuneigung.

Sei’s drum. Thea bemühte sich um die Gunst aller. Um Harrys, um die der Dorfbewohner und auch um die des Papageien, der um die gleiche Zeit wie Harry auf dem griechischen Eiland gestrandet ist. Seitdem bilden die beiden eine unzertrennliche Einheit. Während Harry und die Dorfbewohner sich bald Theas schüchternem Charme öffneten, blieb Odysseus misstrauisch. Und er ist, im Gegensatz zu den Menschen auf Kefalonia, unbestechlich. Weder gekochte Kartoffelstückchen noch Obst, Nüsse oder – heimlich hinter Harrys Rücken zugesteckt, feine Schokolade schienen die Abneigung des Papageien gegenüber der Neuen im Haushalt aufzuweichen. Im Gegenteil. Odysseus hatte die Schokolade vorsichtig mit seiner rechten Kralle ergriffen, zum Schnabel geführt, beäugt und dann, ohne Vorwarnung in Harrys unnachahmlich heiserem Bariton trompetet: „Schokolaaaaade. Schlächt für Odyssois. Sehrrr schlecht! Mörrrder.“  Was zum ersten Streit zwischen Harry und Thea führte. Oder eigentlich nur zur ersten offenen Konfrontation.

Denn wie Thea schnell bemerkte, war Harry durch ihre Anwesenheit immer wieder irritiert. „Schließ die Küchentür ned ab. Das machen wir im Dorf ned. Nein, hier klaut niemand.“ Glaub ich nicht, dachte Thea, als sie ihr silbernes Armband nicht finden konnte. „Warum trägst du auch sowas“, war Harrys einzige Reaktion. „Geh ned mit kurzen Hosen ins Dorf. In deinem Alter machen das die Frauen hier ned.“ Kein Wunder, bei der Figur, die die meisten haben, dachte Thea. In diesem griechischen Dorf scheint die Welt stehengeblieben zu sein. Die verheirateten Frauen, Mütter und Großmütter, tragen dunkle, lange Röcke, viele sogar ein Kopftuch. Wenn ich das bei uns erzähle, glauben die, ich sei in einem islamischen Land und nicht in einem unserer beliebtesten Urlaubsziele. Überhaupt merkt Thea, dass sie die kulturellen Unterschiede nicht nur unterschätzt, sondern überhaupt nicht „auf dem Schirm gehabt“ hat. Das Leben ist hier ganz anders. Das fängt beim Umgang miteinander an und hört bei der Struktur der Tage nicht auf. Thea hat das Gefühl, auf der Dorfstraße durch ein Lasergitter neugieriger Blicke zu laufen. Was kauft die Deutsche ein? Wann steht sie auf? Wann fegt sie den Hof, wann geht sie zum Strand und wie und wie lange? Schau mal, sie hat sich einen tüchtigen Sonnenbrand geholt – typisch deutsch. Wer bleibt schon über Mittag am Meer?

In den ersten Wochen hat Thea versucht, sich anzupassen. „Musst du immer so auffallen?“, hatte Harry sie gefragt, als sie am Abend an „seinem“ Tisch in der Taverne saßen, vor sich einen Teller mit würzigem Schafskäse, zart hellgrünen Paprikaschoten und glänzenden Oliven. „Wie meinst du das?“ „Die Frauen hier tragen koan knallroten Lippenstift. Und sie trinken koan Schnaps. Des schadet meinem Ruf im Dorf.“

Ihr erster Impuls war, jetzt erst recht und ganz gezielt aufzufallen. Aber das wäre nicht klug gewesen. Also hat Thea versucht, sich, wenn schon nicht anzupassen, dann wenigstens im Schatten aufzuhalten. Unauffällig. Leise. Unsichtbar, außer, wenn es darum geht, Harry zu unterstützen. Ihn zu stützen. Denn seit ein paar Wochen scheint er an Kraft zu verlieren. Die letzte Wanderführung über die Insel musste er abbrechen. Seine Beine versagen ihm immer öfter den Dienst. Starrsinnig wie er ist, weigert er sich, auch nur an Hilfsmittel zu denken. Einen Arzt will er ebenfalls nicht aufsuchen. Das einzige Zugeständnis ist der Bergtee, den ihm die bucklige Nachbarin vor die Tür gestellt hat.

Immer öfter schreit er Thea jetzt an – mit dem ganzen Dorf als Zeugen, da Thea die Fenster meist geöffnet hat. Wenn sie danach im Dorfladen Eier kauft, Honig oder Harrys Zigaretten und Schnaps, wird sie von Daphne, der Inhaberin, freundlich angelächelt. Ihr Mann hat ihr neulich den Korb mit den schweren Kartoffeln vor die Haustür getragen. Sonntagmorgen ist sie in die Kirche gegangen, ohne Lippenstift, im grauen Kleid und mit einem passenden Schultertuch. Der Pfarrer hat die Brauen hochgezogen. Aber vor der Tür der kleinen Kapelle haben ihre mehrere Frauen still die Hand auf den Arm gelegt.

Läuft doch. Sogar an die vielen Katzen und Mücken kann man sich gewöhnen. Wenn der Papagei nicht wäre, könnte Thea sich vorstellen, einen der streunenden Hunde aufzunehmen. Den schwarzen mit den treuen Augen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Im August geht es Harry zunehmend schlechter. Er nimmt ab, wird immer aggressiver und lässt eigentlich nur noch Odysseus an sich ran. Anfang September hält Thea es nicht mehr aus. Sie packt einen Koffer und bittet Daphnes Ehemann, sie nach Argostoli zu fahren, der Inselhauptstadt. Der alten Nachbarin hat sie 50 Euro zugesteckt mit der Bitte, einmal am Tag nach Harry zu schauen. Für alle Fälle hat sie ihr ihre Mobilnummer aufgeschrieben.

Es dauert drei Tage. Dann ruft die Alte an. Sie hat Harry tot im Bett gefunden. Der Arzt aus dem Nachbardorf stellt einen natürlichen Tod fest. Wegen des Deutschen machen sie kein großes Aufheben. Zumal er keine Angehörigen hat. Außer Thea. Und die hat es in letzter Zeit schwer genug gehabt, mit ihm.

Als sie ins Dorf kommt, hat der Bürgermeister schon die Beerdigung organisiert. Die griechischen Behörden sind zufrieden mit der Versicherung von Daphne und Harrys alter Nachbarin, dass Harry Thea das Haus überlassen wollte. Er hat ja sonst niemanden. Von den Aktien weiß hier ohnehin keiner.

Thea sitzt auf der Terrasse und schaut hinunter auf den Strand von Xi. Die Luft ist schwer mit dem würzigen Duft von Lavender und Thymian. Ein leichter Wind trägt Spätsommergeräusche herüber. Lachen und Musik. Thea legt ihre Hand auf den Kopf von Hades, dem schwarzen Hund. Odysseus hackt mit dem Schnabel auf die Stäbe der Voliere ein. Thea lässt ihn täglich raus und hofft, dass er einfach fortfliegt. Aber er bleibt im Garten und krächzt „Harrrriiiie“, „Harriieee, komm zu Odyssois“. So täuschend ahmt er die Stimme seines toten Freundes nach, dass Thea jedes Mal zusammenzuckt und nervös über die Schulter schaut.

Jetzt sieht sie einen Wagen die Dorfstraße hochfahren. Die schwarze Limousine hält vor ihrem Haus. Ihrem Haus in ihrer neuen Heimat. Ein blonder Mann im Anzug steigt aus. Klopft an die Tür. Eine Klingel hat Harry nie gewollt, und Thea hat noch keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern.

„Frau…?“ „Friedrich.“ „Sie sind, äh, Sie waren die Lebensgefährtin von Herrn Müller?“ „Ehm. Ja.“ „Bergengrün von der Deutschen Botschaft. Ich… wollte nur mal nach dem Rechten sehen.“ Thea ist ganz kurz versucht, die Tür zu schließen. Die Kette vorzulegen. Und abzuwarten. Aber das würde nichts nützen. Im Gegenteil. Also: „Kommen Sie doch rein.“

Bergengrün wartet im hellen Vorraum. Die Küchentür steht offen. Plötzlich fliegt ein grauer Schatten herein. Lässt etwas aus seinem Schnabel fallen. Direkt vor Bergengrüns Füße. Der Mann ist schneller als Thea. Nachdenklich dreht er die Phiole in seinen Händen. Sie ist leer. „Harriiie, Harriiee“, krächzt der Vogel mit der Stimme des Toten und dann, laut und deutlich: „Mörrderr!“

Super!


Autor*innen sagt man ja zuweilen ein übergroßes Ego nach. Aber bitte, dieses geniale Bild von mir als Superwomen hat der fantastische Patrick Woywod ganz ohne Vorgaben von mir gemacht.

Ist es nicht toll?! Es ist natürlich eine Karikatur. Aber, wie immer, mit einem Körnchen Wahrheit. Denn manchmal will ich wirklich genau das: die Welt retten. Zumindest die um mich herum. Oft trete ich dann übergroß auf, ähnlich dem Elefanten im Porzellanladen. Oder schieße über das Ziel hinaus, wie der Bär bei Tschechow.

Bitte verzeiht mir diesen Überschwang. Manchmal gelingt es mir nämlich tatsächlich, eine Kuh vom Eis zu holen, einen Kater aus der Pflegestelle oder einen Krisenfall aus den Medien.

Und dann, ja, dann fühle ich mich ganz kurz genau so, wie Patrick mich überzeichnet hat.

DANKE, lieber Patrick! Du bist toll!

Und hier sitze ich neben Patrick. Sind wir nicht ein nettes literarisches Pärchen?

Übrigens: Patrick hat ein wunderbares Projekt ins Leben gerufen: eine Anthologie zugunsten des Gnadenhofes an seinem Wohnort. Einige meiner Mörderischen Schwestern sind dabei, und auch ich habe mich gleich mit einer ganzen Reihen von Erzählungen beteiligt. Hier schon mal das Coverfoto. Ich gebe euch Bescheid, sobald das Buch im Handel ist. Und dann: bitte kaufen, tolls Stories genießen und den Tieren etwas Gutes tun!

Welttag des Buches


Mein Vater, der kluge Karikaturist, hat mit spitzer Feder eine Waage gezeichnet. In der einen Schale liegen Bücher, gestapelt, meterhoch. In der anderen ein Gänsekiel. Ratet. was scjwerer wiegt?

Was bewegt uns Autor*innen, immer wieder immer noch das zu schreiben? Ist denn nicht längst alles gesagt, auch, wenn vielleicht noch nicht von allen? Ich kann nur für mich sprechen. Und wenn ich das, was in mir brodelt, stichelt, drückt und zwickt nicht rauslasse, als sinngebende Zeichen auf weißgraubunt, dann zerfrisst es mich, zerreist und beißt es mich um meinen Verstand.

Gottlob war es bisher immer so, dass das, was ich schreibe, bei anderen eher Balsam ist als Gift und eher Freude hervorbringt als Abscheu oder, schlimmer, Langeweile.

Scribo ergo sum. Ich schreibe, also bin ich.

Seid Ihr da bei mir?

Dann freuen wir uns gemeinsam auf die nächsten Geschichten.

Karfreitag


„Am Karfreitag regnet es doch normalerweise“, hat ein Freund mir gerade am Telefon gesagt.. Tut es das? Ich erinnere mich an sonnig sommerwarme Karfreitags-Nachmittage in meiner Kindheit. Da saß ich auf dem Balkon und malte mit meinem Vater ausgeblasene Eier für den Osterstrauß an. Er abstrakt, ich kindlich gegenständlich. Leider sind die kleinen Kunstwerke meines Vaters und zum Glück meine Kreationen nicht mehr erhalten.

Mit 18 verbrachte ich denkwürde Karfreitagsstunden mit meinem Freund beim „Metonkel“ mitten in einem schon maigrünen Wald. Wir saßen auf klapprigen Campingstühlen vor seinem alten Bauwagen und tranken aus schmutzigen gesprungenen Gläsern trüben Met zum Zwitschern unsichtbarer Vögel. Weder den Wagen noch den Metonkel und schpn gar nicht diese Vögel gibt es heute noch.

Ein Hauch von Vergänglichkeit liegt über diesem Tag. Eigentlich sollte es regnen.

Der Tod ist wie ein Punkt am Ende des Satzes. Unweigerlich nötig, weil auch die schönsten Wortgebilde sich nicht in die Unendlichkeit fortsetzen können. Und ihrer Einzigartigkeit beraubt, wären sie auch nicht mehr schön, Vor allem gäbe es dann nur noch begrenzten Raum für Neues. Stellt Euch vor, wenn jeder Satz, gedacht oder gesprochen, ewig wäre! Wir würden ersticken und verstummen vor der Gewalt all dieser nie gestillten Worte.

Aber zum Glück wurde irgendwann die Interpunktion erfunden.

Sie gilt für unsere Sätze und auch für unser Leben. Irgendwann ist Schluss. Das wird uns Christen heute durch das Leiden Jesu und aller anderen Gekreuzigten vor Augen geführt. Durch den zerrissenen Vorhang im Tempel. Und die Angst der Zurückgebliebenen.

Aber natürlich stirbt Jesus nicht zufällig gerade in dieser Jahreszeit. Pessach. Zuckerfest. Frühlingserwachen. Im Tod liegt schon der Keim zum Werden. Dieses Motiv ist älter als jede Religion. Sie ist der Pulschlag, seit es Leben gibt.

Trauer und Freude dürfen nebeneinander liegen, aufeinander, durcheinander. Du hast jemanden verloren, der dir fehlt? Weine. Und lache. Denn kein Verlust ist ewig. Mindestens in deinem Herzen und in deinen Erinnerungen kannst du Verlorene finden. Glaube mir! Versuche es.

Ich leide heute mit Jesus Christus und mit allen, die gequält und getötet wurden und werden. Ich bin dankbar für ihren Mut.

Als Christin bin ich außerdem unendlich froh darüber, dass mir ohne Ansehen meiner Schwächen, meiner Fehler, meiner Feigheiten eine Tür geöffnet wurde, die vom tiefsten Karfreitagsschwarz direkt ins Grün führt. Ins Blau. Ins Licht.

Adventskalender MiniKrimi am 24. Dezember (Heiligabend)


Wie gestern bereits angekündigt, heute als Abschluss meines diesjährigen MiniKrimi Adventskalenders ein Netzfund (Autor unbekannt, ich hab*s gegoogelt), auf den ich durch Birgit Schiche und Lupine auf BlueSky aufmerksam wurde. Vielleicht kennen einige von Euch das Gedicht und mögen es genauso gern wie ich…..

Ich wünsche Euch ein gesegnetes, lichterfülltes Weihnachtsfest – und dass es hell bleiben möge in Euch weit über Weihnachten hinaus!

Danke, dass Ihr mir folgt und meine Krimis lest. Ich verspreche: über’s Jahr werden immer wieder welche erscheinen. Mit meiner Ko-Autorin Lydia H. habe ich da schon eine ganz konrete Idee.

Das gestohlene Jesuskind
Die schönste Krippe dieser Welt
ist in der Kirche aufgestellt:
Maria, Josef, Ochs und Rind
inmitten drin das Jesuskind.

Kurz nach dem zweiten Weihnachtstag
trifft den Herrn Pfarrer fast der Schlag
wird käsebleich vor großem Schreck
das süße Jesulein ist weg
fort, gestohlen und geraubt
von Kirchenräubern unerlaubt.

Der Messner ist auch sehr entsetzt
weil stark die Heiligkeit verletzt.
Die beiden sorgen sich mit Bange
jetzt dauert es bestimmt nicht lange
bis auch der Josef wird gestohlen
und Gauner die Maria holen.

Und sie beschließen aufzupassen
den Übeltäter frisch zu fassen
der Pfarrer will im Beichtstuhl sitzen
das Brillenglas an schmalen Schlitzen
der Messner beim Altar verkroch
spickt durch ein kleines Astguckloch.

Sie warten ganz mucksmäuschenstill
und wie es Gottes Weisheit will
öffnet sich sacht die Kirchenpfort‘
ein kleiner Bub erscheinet dort
schiebt seinen Roller vor sich her
das Jesuskind liegt hinten quer
über dem Schutzblech hängend nur
halb festgemacht mit einer Schnur.

Der Pfarrer eilet flugs geschwind
zum Buben mit dem Jesuskind
was fällt dir ein, hört man ihn fragen
willst du mir gleich die Wahrheit sagen
der Knirps mit seinen blonden Locken
erwidert freiweg unerschrocken,
was man verspricht man halten soll
und er erklärt fast andachtsvoll
ich habe schon vor ein paar Wochen
dem Jesukindlein fest versprochen:

Wenn es am Christtag an mich denkt
mir einen schönen Roller schenkt
darf es zusammen mit mir flitzen
und hinten auf dem Schutzblech sitzen
ich werde nicht vom Roller steigen
dem Jesukindlein alles zeigen
dann kann es Abwechslung bekommen
vom Heugeruch und Überfrommen
Und frische Luft und Spaß juchu
und rote Bäckchen noch dazu.

Adventskalender MiniKrimi am 23. Dezember


Heute schreibe ich den letzten Adventskalender Minikrimi 2023. Morgen stelle ich euch ein wunderbares Weihnachts-Krimigedicht vor, einen Netzfund auf Bluesky. Doch jetzt schreibe ich noch einmal selbst. Von Thriller bis Komödie habe ich diesmal verschiedene Genres bedient. Heute nun: Fantasy. In Ansätzen. Weil ich das Grauen der Realität manchmal sublimieren möchte, um an das Gute zu glauben, trotzdem. Und gerade jetzt, einen Tag bevor, das glaube ich, die Liebe in die Welt geboren wird. Immer wieder neu.

Ein tödlicher Plan

Ein ganz normaler Morgen kurz vor Weihnachten. Geschäftiges Treiben, vielleicht, auf den Straßen. Einige Student*innen haben die letzte Uniwoche vor Weihnachten vorzeitig beendet und sind nach Hause gefahren. Die anderen folgen nur halb den Vorlesungen und planen die Feiertage mit ihren Freunden, mit der Familie.

Oder Schüler’innen freuen sich auf die Ferien, im Unterricht werden Filme geschaut, eine Weihnachtsaufführung wird geprobt.

Dann bricht ihr Alltag zusammen. Ein Amokläufer dringt in ihr Gebäude ein, schießt wahllos um sich und tötet, die ihm über den Weg laufen.

Auch der junge Amokläufer selbst hat seine Tat nicht überlebt. Ein ganzes Land trauert. Wie schrecklich! Wie viele Leben sind zerstört, für sehr lange Zeit, manche sogar für immer.

Wie oft wünschen wir uns, wir könnten die Geschichte umschreiben. Dem Entsetzlichen eine andere Wendung geben. Den Attentaten, die immer wieder Lernorte zu Schauplätzen brutaler Waffengewalt machen.

Allein, das geht nur in der Literatur.

Der junge Mann nahm die Welt um sich herum schon seit Monaten als schwarz wahr. Er kleidete sich schwarz, hatte seine schulterlangen Haare schwarz gefärbt und ging nur aus dem Haus, nachdem die Sonne untergegangen war. Oder wenn dunkle Wolken jedes Licht in graue Schatten verwandelten und Regen ihn wie ein Vorhang von anderen Menschen trennte.

Die letzte Therapie hatte er abgebrochen. Die Tabletten in die Toilette gekippt. Alles sinnlos. Lieber den rohen Schmerz ertragen, fühlen, wie er ihm das Herz zerriss, als im gefühllosen Nebel zu tapern. Die Schnitte, die er sich zufügte, ließen ihn zumindest noch ein wenig Leben spüren.

 Aber das war jetzt auch vorbei. So tief er sich auch in den Arm stach – so viel Blut auch aus der Wunde floss – er blieb völlig gefühllos.

Gut. Nächste Stufe. Wenn er sein eigenes Leiden nicht mehr spürte – andere konnten das noch. Und jetzt sollten sie bluten. Waren sie nicht schuld daran, wie es ihm ging?

Der junge Mann stieß die Haustür auf, sah sich nach links um, dann nach rechts. Kein Mensch weit und breit. Nur eine Rabenkrähe hockte auf dem kahlen Ast der Buche gegenüber. Seit Tagen, so schien es ihm, verfolgte sie ihn. Hockte auf dem immergleichen Ast und schwang sich in den bleiernen oder tintenschwarzen Himmel, ihm dicht auf den Fersen. Mehrmals schon hatte der junge Mann einen Stein aufgehoben und nach dem Vogel geworfen. Nie hatte er ihn getroffen. Die Kohleaugen starrten ihn wissend an, und krächzend erhob er sich in den Wind. Aber nur, um bald darauf wieder in der Nähe des jungen Mannes aufzutauchen.

„Verschwinde“, rief dieser jetzt. „Du Totenvogel. Hau ab!“ Er fand einen scharfen, spitzen Stein, zielte, und diesmal traf er die Rabenkrähe am Flügel. Sie taumelte und drehte ab. Mit gesenktem Kopf stapfte er weiter, die Hände in den Hosentaschen, Richtung Elbufer. Kurz nach der Sturmflut war hier niemand unterwegs. Er stiefelte durch das streckenweise noch knöcheltiefe Wasser. Nach dem letzten Glühweinstand, dort, wo der Strand begann, setzte er sich auf eine nasse Bank. Wasser und Horizont verschwammen, die großen Schiffe lehnten als dunkle Schatten am düsteren Himmel. Mit einem leisen Krächzen setze sich die Rabenkrähe auf die Lehne, mit einem halben Meter Abstand.


„Sch! Schsch! Verschwinde, oder ich dreh dir den Hals um, du schreckliches Vieh!“ „Das würde ich an deiner Stelle nicht machen. Ich bin doch nur hier, weil du mich gerufen hast.“

„Was? Du lügst!“ Der Umstand, dass der Vogel ihn angesprochen hatte, war für den jungen Mann nicht halb so unerhört wie die Tatsache, dass er ihn gerufen haben sollte.

„Ja. Du hast den Tod im Sinn. Und das ruft mich auf den Plan. Ich bin der Vorbote. Und der Tatortreiniger, zuweilen. Nun erzähl: was genau hast du vor? Und wie weit bist du mit deinen Vorbereitungen? Ich kann dir helfen, weißt du?!“

„Ich brauche keine Hilfe. Und deine schon gar nicht. Was ich vorhabe geht dich nichts an. Außer, dass ich dich vielleicht zum ersten Opfer mache.“

„Das würde ich nicht tun“, wiederholte die Rabenkrähe. „Es könnte sein, dass dich nach dem ersten Mord der Mut verlässt. Und das wäre doch schade für deinen Plan.“

„Was, einen Vogel zu töten soll mich beeindrucken? Du hast ja gar keine Ahnung. Mich beeindruckt nichts mehr. Und Schmerz spüre ich schon lange nicht mehr. Mitleid kenne ich gar nicht.“

„Soso. Du hast kein Problem damit, einen Vogel zu töten. Und auch keinen Menschen? Bist du dir da ganz sicher?“

Jetzt saß neben dem jungen Mann statt einem Vogel eine alte Frau. Ganz in schwarz, in Rock und Mantel, Stiefeln, Hut und Handschuhen. Mit einer Schnabelnase und Knopfaugen, die ihn scharf musterten. Der junge Mann zuckte zurück. „Was?“ setzt er an, aber die Alte fiel ihm ins Wort. „Geh nach Hause. Denk nochmal in Ruhe über deine Pläne nach. Morgen treffen wir uns wieder. Und wenn du dann immer noch der Überzeugung bist, dass du töten musst…“ „Was dann?“ „Dann helfe ich dir. Glaub mir, du wirst meine Hilfe brauchen.“

Und mit einem Krächzen, das in den Ohren des jungen Mannes wie ein Lachen klang, schwang sich die Rabenkrähe in den Abendhimmel und war sofort verschwunden.

Der junge Mann stand auf. Er ging nicht nach Hause, sondern in die Villa seines Vaters. Dort öffnete er den Waffenschrank und nahm die Waffen und Munition, die er morgen brauchen würde. Nachschlüssel hatte er schon vor Jahren machen lassen, unmittelbar nach einem Amoklauf in den USA. Seine Eltern waren auf Teneriffa. Schade, sonst hätte er mit ihnen angefangen. Ohne sie gäbe es ihn nicht. Sie waren die Wurzel seines ganzen Übels. Aber besser so. Was sie nach seiner Tat durchleben mussten war vielleicht noch schlimmer als ein schneller Tod. Vielleicht. Der junge Mann konnte das nicht beurteilen. Er spürte nichts. Noch nicht. Er hatte übrigens nicht vor, sich selbst ebenfalls zu richten. Zumindest nicht, bevor er wusste, ob das unumkehrbare Leiden anderer in ihm einen Funken Gefühl auslösen würde.

Am nächsten Morgen zog er sich mit außergewöhnlicher Sorgfalt an. Dem Anlass angemessen trug er saubere Hosen und Schuhe, einen Rollkragenpullover und darüber einen weiten Umhang, unter dem er den Rucksack mit den Waffen verstauen konnte. Allerdings war dieser so schwer, dass er sich entschloss, mit dem Bus zu fahren. Allein bei dem Gedanken traten ihm Schweißperlen auf die Stirn. Kurz überlegte er, ob er einfach das Massaker im Bus verüben sollte. Aber nein! Es sollte der Ort sein, an dem er gelitten hatte. Gedemütigt worden war. Von den Professoren und von seinen Kommilitonen.

Auf dem Weg zur Haltestelle war der junge Mann sich fast sicher, der Rabenkrähe zu begegnen. Aber nein! Die Fahrt führte ihn durch die halbe Stadt. Die Menschen um ihn herum waren ihm unerträglich. Er hatte sein Ziel fast erreicht, da setzte sich eine alte Frau neben ihn. Er wandte automatisch den Kopf ab und schaute aus dem Fenster.

„Ich sehe, du bleibst bei deinem Vorhaben. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Lass dich von einem einmal gefassten Entschluss nicht abbringen.“

Träumte er, oder war das tatsächlich die Alte von gestern? Aber wer sollte sonst ihr heikles Gespräch aufnehmen wie eine gerade fallengelassene Masche? „Ich hab dir gestern schon gesagt, ich zieh das alleine durch. Ich brauche dich nicht.“

Er stand auf und stürmte aus dem Bus. Eine Haltestelle zu früh, aber besser, als noch länger neben der verrückten Krähenfrau zu sitzen. „Du kannst mich nicht abschütteln, junger Mann“, sagte ihre Stimme neben ihm. Er fing an zu rennen. Sie schwang sich in die Lüfte und begleitete ihn leise krächzend. Um ihn herum waren jetzt einige Studenten, so dass er sich nicht traute, einen Stein nach dem Vogel zu schleudern. Schließlich kamen sie an. Er ging durch das Tor – keiner interessierte sich für ihn. Exzentrik war bei vielen Studierenden ein Markenzeichen. Er musste noch eine Viertelstunde warten, bis alle in ihren Vorlesungen waren. Dann hatte er leichtes Spiel. Er setzte sich auf eine Bank in einem Flur, dessen Räume wegen Renovierung leer standen.

Und sofort saß die Alte wieder neben ihm. „Du bist dir wirklich sicher? Und was, wenn es schiefgeht? Dann wäre alles umsonst. Besser, du nimmst meine Hilfe an.“

„Nein!“, rief er und spürte einen euphorischen Moment lang so etwas wie Hass in sich aufkeimen. „Gut. Du lässt mir keine andere Wahl. Dann gehe ich jetzt ins Sekretariat und warne sie alle.“ Die Alte stand auf und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, den Flur entlang in Richtung Hauptgebäude.

„Das wirst du nicht tun!“, schrie der junge Mann. Er sah plötzlich rot. Wortwörtlich. Er sprang auf. Mit zwei Sätzen war er bei der Alten, legte ihr beide Hände um den Hals und drückte zu. Mit der ganzen Kraft seiner aufgestauten Verzweiflung. Sie sackte in sich zusammen und lag dann gekrümmt auf dem Steinboden. Ein schwarzes, lebloses Häuflein. „Ahhhh“, glaubte er zu hören. Dann Stille.

Und jetzt die anderen, dachte er. Und blieb stehen. Jetzt die anderen! Er blickte auf das reglose Kleiderbündel, das gerade noch mit ihm gesprochen hatte. Mit dem er gesprochen hatte. Zum ersten Mal seit. Ja, seit wann? Die Alte mochte eine Hexe gewesen sein. Aber sie hatte ihm zugehört. Anteil genommen. Ihr war es gelungen, sein Nichtfühlen zu durchbrechen, seinen unbändigen Hass herauszuholen aus einer Tiefe, zu der er den Zugang verloren hatte.  

Aber jetzt war der Hass verflogen. Und wie ein Kater kam die Traurigkeit. Was hätte aus dieser Begegnung werden können? Und wenn diese Begegnung in ihm Totes auferweckt hatte – vielleicht konnte das wieder geschehen? Mit anderen? Mit denen, die er im Begriff war, zu töten?

Er griff nach seinem Rucksack und rannte den Flur entlang, die Treppen hinunter. Hinaus aus dem Gebäude. Durch den Park und das Tor. Er rannte weiter, bis er ans Elbufer kam. Er setzte sich auf die gleiche Bank, auf der er gestern mit der Alten gekauert hatte. War das erst gestern gewesen?

Unwillkürlich schaute er in den Himmel. Keine Rabenkrähe. Natürlich.

Irgendwann ging er nach Hause. Aus dem Copy Shop gegenüber kam ihm eine junge Frau entgegen. „Hey, Maximilian! Ich hab dich ewig nicht gesehen. Ich dachte, du seist weggezogen. Sag mal, hast du Lust auf nen Kaffee, ganz spontan?“ Sie sieht ihn skeptisch an, weiß, dass Spontaneität nicht sein Ding ist. Aber „ja, warum nicht?“, hört er sich sagen. Und nebeneinander gehen sie die Straße entlang. „Schau mal, die Rabenkrähe. Kennst du die? Ich glaube, sie hat dir gerade zugezwinkert“, sagt die junge Frau. Sie meint es ernst. „Ja, wir sind alte Bekannte. Freunde, eigentlich.“ Er meint das genauso ernst.

Das Attentat in Prag hat mich zu diesem MiniKrimi zwar inspiriert, aber meine Geschichte hat nichts damit zu tun. Wie schön wäre es, wenn jeder von uns eine Rabenkrähe hätte. Beinahe besser als ein Schutzengel. Oder?

Adventskalender MiniKrimi am 22. Dezember


So langsam wird es ernst. Der Countdown für Weihnachten geht in die letzte Runde. Und wie könnten wir uns besser einstimmen als mit dem heutigen MiniKrimi meiner wunderbaren Autoren- Kollegin Birgit Schiche? Viel Spaß beim Lesen – und wir freuen uns auf Eure Kommentare!

Criminal Santa

Es war eine der längsten Nächte des Jahres, kurz vor Heiligabend. Sturmböen peitschten ihm den Schneeregen ins Gesicht. Er lief noch schneller durch die kleinen Gassen nahe der Innenstadt. Hinter sich hörte er schnelle Schritte und laute Rufe. Sie waren ihm auf den Fersen. Er schlug Haken wie ein Kaninchen und kroch schließlich unter einen lockeren Stapel mit Sperrmüll, wohl übriggeblieben von einem Umzug. Seine Lunge brannte, sein Herz pumpte. Hoffentlich bemerkten sie ihn nicht.

Janik war es gewohnt, nicht bemerkt zu werden. Seine traurige Kindheit hatte überwiegend in Kinderheimen und betreuten Jugendwohnungen stattgefunden. In der Schule hatte er auch nicht mit guten Noten geglänzt. Dabei war er schlau und ein ausgezeichneter Beobachter. Er hatte gelernt, sich auf dem Weg des geringsten Widerstandes durchs Leben zu mogeln. Leider hatte ihn dieser Weg in die Hände von Bruno geführt. Bruno war mit Drogen wohlhabend und mächtig geworden und glaubte, in Janik einen perfekten Drogenkurier gefunden zu haben – der inzwischen 25-Jährige verstand es schließlich, nicht aufzufallen.

Zuerst lockte Janik die Aussicht auf leicht verdientes Geld, doch dann war der Job keineswegs so bequem, wie er es bevorzugte. Polizei, konkurierende Drogenhändler, durchgeknallte Junkies – er wollte mit dieser Branche nichts mehr zu tun haben. Sein Ausstieg war vorbereitet. In seinem Rucksack befanden sich drei Kilo Koks. Ein letzter Deal, und er würde mit dem Geld abtauchen, das ihm einen Neustart ermöglichen sollte. Seine Art von „weiße Weihnacht“, hohoho. Doch er konnte nicht ewig hier unter dem Sperrmüll hocken. Er musste unsichtbar werden, das war seine Superkraft.

Sein Blick fiel auf einen braunen Kartoffelsack, aus dem ein rotes Stoffknäuel mit weißem Kunstpelz herausschaute. Ein Weihnachtsmannkostüm – perfekt!

Durch den Personaleingang des größten Kaufhauses der Stadt stapfte ein Weihnachtsmann mit einem großen, braunen Sack auf dem Rücken. „Ho, ho, ho!“ rief er fröhlich, der Pförtner lachte und winkte ihn durch. Der Weihnachtsmann stand höchstens unter dem Verdacht, Geschenke zu bringen.

Schon kurze Zeit später stand der Weihnachtsmann in der Spielzeugabteilung, umringt von begeisterten Kindern und deren Eltern. Drogendealer gab es hier keine.

Janik gab einen großartigen Weihnachtsmann ab. Das gefundene Kostüm passte ganz passabel, als dicken Bauch hatte er sich einfach seinen Rucksack mit dem Kokspäckchen unter das Kostüm gestopft. Vor allem aber verstand er es, gute und weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. Er ließ die Kinder kleine Gedichte aufsagen und alle Umstehenden gemeinsam Weihnachtslieder singen – damit kannte er sich Dank seiner Heimkarriere gut aus. Und er verteilte Geschenke, kleine Spiele, Puppen, Stofftiere – alles, was es hier zu kaufen gab. Janik war in Hochform und hatte einen Heidenspaß. Seine gute Stimmung wirkte ansteckend und motivierte die anderen Menschen, diese Dinge auch zu kaufen – besser als jede Werbeaktion. Inzwischen war die ganze Abteilung von Menschen überlaufen. Die Aktion sprach sich herum.

„So einen tollen Weihnachtsmann hatten wir hier noch nie“, tuschelten die Verkäuferinnen begeistert und kamen mit dem Kassieren kaum hinterher. Der Kaufhausdetektiv war allerdings weniger begeistert. Er wusste nichts von einer Weihnachtsmannaktion und bemerkte schnell, dass der nicht bestellte Weihnachtsmann seine Geschenke direkt aus den Regalen des Kaufhauses nahm, natürlich ohne zu bezahlen. Langsam rückte er durch die Menschenmassen näher an Janik heran.

Dieser bemerkte aus dem Augenwinkel den starrenden Blick des Kaufhausdetektivs und einen weiteren Mann in der Menge – einen von Brunos Leuten, der natürlich nicht nach dem auffälligsten, sondern nach dem unauffälligsten Mann suchte. Der Kaufhausdetektiv hatte offenbar auch schon die Polizei alarmiert, denn zwei uniformierte Beamte kamen ebenfalls näher. Es war Zeit für den Rückzug. Er bewegte sich unauffällig Richtung Fahrstuhl, umringt von einer Menschentraube. Dabei stieß er wie zufällig mit dem Drogendealer zusammen und schob dem derart Überrumpelten von der Menschenmenge unbemerkt den Rucksack mit dem Koks zu.

Das Lichtsignal am Fahrstuhl zeigte an, dass dieser gleich hier halten würde. Sobald der Fahrstuhl sich öffnete, machte Janik die Polizei lautstark auf den Drogendealer aufmerksam und sprang selbst in den Fahrstuhl, ohne die alte Dame darin erst aussteigen zu lassen. Er fuhr mit ihr ins Erdgeschoss, schnappte die vor Schreck erstarrte Seniorin, als wollte er sie beim Gehen unterstützen, und verließ mit ihr unbehelligt das Kaufhaus. Im Trubel der Last-Minute-Weihnachtseinkäufer tauchte er unter. Der Kaufhausdetektiv fand später nur noch die verwirrte, aber wohlbehaltene alte Dame.

Das Weihnachtsmannkostüm schenkte Janik einem Obdachlosen, den es wärmte und der so bekleidet die Passanten deutlich stärker zum Spenden animieren konnte. Er selbst wurde unsichtbar und verließ die Stadt. Das Drogengeld musste er nun leider abschreiben. Aber dieser Tag war definitiv das beste Weihnachtserlebnis, das er je gehabt hatte: Die leuchtenden Kinderaugen und all die fröhlichen Menschen, die sich von ihm zum Kauf animieren ließen. Es hatte richtig Spaß gebracht, so im Mittelpunkt zu stehen und die Leute zu lenken! Janik hatte seine neue Superkraft gefunden.

*Dieser Mini Krimi wurde zwar inspiriert von der Geschichte des „King Mob Santa Claus“ 1968 bei Selfridges (London), ist aber ansonsten frei erfunden.
https://libcom.org/article/king-mob-santa-claus-and-selfridges-christmas-1968

Adventskalender Minikrimi am 21. Dezember


Wintersonnenwend-Tango

„Du musst unbedingt fitter werden, Teddy! Sonst kannst du In einem Jahr nicht mehr alleine wohnen.“

„Blödsinn. Und nenn mich nicht Teddy. Ich bin kein Bär!“ Thaddäus Richling war gereizt. Wie immer, wenn Ute, sein „guter Engel“, wie er die Chefin der Agentur Allein daheim nannte, weil das vor anderen und für ihn selbstständiger klang als „Tageshilfe“, ihn auf seinen Gesundheitszustand ansprach.

Aber Ute hatte Recht, das wusste er. Was nützte ihm sein ganzes Geld, was seine wunderschöne Villa, wenn er sich nicht mehr von einem Raum zum anderen bewegen konnte, geschweige denn in seinen geliebten Garten? Wenn er nicht mehr über die mäandernden Wege zwischen japanischen Kirschen, duftenden Rosen und Ginkgos zum schattigen Koi-Teich streifen konnte?

„Ich sage es dir nur ungern, Teddy. Aber du hast in den letzten zwei Monaten massiv abgebaut. Du musst deine Beine trainieren. Und damit meine ich keine gemächlichen 200 Meter-Spaziergänge von der Terrasse zum Fischteich (hier zuckte Thaddäus zusammen. Sein Koi waren doch keine Fische, sondern edle Zuchtkarpfen). Im Mehrgenerationen-Zentrum bieten sie Ballgymnastik an, und sie haben auch geführte Wandergruppen. Wir könnten doch mal zusammen hingehen und reinschauen?“

Allein bei dem Wort Mehrgenerationen-Zentrum stellten sich bei Thaddäus die Nackenhaare auf. Er sah sich im Stuhlkreis sitzen, umringt von Frauen, schrumpelig wie ein Apfel vom Vorjahr die einen, aufgeblasen wie ein zum Platzen reifer Luftballon die anderen, mit dünnen weißen Dauerwellen, grauen Karoröcken über braunen Stützstrümpfen und selbstgestrickten Wollwesten auf rosa Nylonblusen. Hier und da in den Kreis gestreut vielleicht ein gebeugter Mann mit senilem Lächeln und von Hosenträgern gehaltenen Beinkleidern aus Cord mit Urinflecken im Schritt. „Nein, da werden wir nicht hingehen“, intonierte er bestimmt.

Thaddäus war zwar nie ein sportlicher Mann gewesen – er hatte immer wieder gerne und mit ironischem Lächeln das erfundene Churchill-Zitat „no sports“ angeführt, aber er hatte sich bis ins Alter einen gepflegten Körper erhalten, wohl mehr aufgrund glücklicher genetischer Fügung als durch eigenes Dazutun. Worauf er allerdings selbst immer geachtet hatte, war ein tadelloses Äußeres. Nie sah man ihn ohne Hemd, Krawatte oder Halstuch, Manschettenknöpfe und Jackett. Nein! Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in einem Stuhlkreis zu sitzen und zum Geruch von Kohl, Schweiß und Urin Bälle zu werfen.

Aber Ute hatte Recht. Er musste etwas tun. Die rettende Idee kam ihm während des Besuchs seiner Großnichte Arabella. Arabella studierte Lateinamerikanistik, und das mit Geist, Seele und Körper. Letzteren hatte sie dem Tango Argentino gewidmet, und nach inzwischen vier Jahren hatte sie zwar immer noch keinen Bachelor, dafür war sie perfekt in allen Figuren dieses schmeichelnden Tanzes.

„Komm, Teddy (schon wieder dieser Kosename!), wir legen mal ne kesse Sohle aufs Parkett!“ Thaddäus protestierte. Er sah sich schon nach den ersten Drehungen im Rollstuhl landen, für immer gelähmt – oder schlimmeres. Doch Arabella war beharrlich, und schließlich nahm er seine Großnichte in den Arm, und sie schwebten über das Parkett. Vom Wohnzimmer in den Flur, dann wieder zurück. Es war kein Tanzen, vielmehr ein Gleiten, Schreiten, beinahe mühelos und gleichzeitig unglaublich anregend. Thaddäus fühlte sich beschwingt, verjüngt. Und dachte: „Ja! Wenn schon Sport, dann Tango.“

Er beauftragte die widerstrebende Ute, die beste Tangoschule ausfindig zu machen. „Ausgerechnet Tango, also bitte. Zum Tanzen bist du wirklich zu alt, Teddy“, versuchte sie ihn von seiner „fixen Idee“, wie sie das nannte, abzubringen. Umsonst. Teddy zahlte, also bestimmte er auch. An einem Montagabend gingen Ute und er zu einer Milonga, einem offenen Tango-Tanztreff. Und siehe da, die Tänzerinnen und Tänzer waren keineswegs alle blutjung und drahtig. Nein, der Tango schien Menschen mit 20 genauso anzusprechen wie mit 60 und mehr. „Sie wollen beweglicher werden, aber sich keine gefährliche Sportverletzung zuziehen? Dann ist Tango genau das richtige. Schauen Sie, wir schreiten im Kreis dahin. Sie machen keine abrupten Bewegungen, aber ihr ganzer Körper ist im Einsatz. So!“, sagte die Tanzlehrerin und umrundete, mit Thaddäus im Arm, den Saal.

Seitdem ging Thaddäus jeden Donnerstag ins „Corazon“. Er kaufte sich Schuhe und die passende Tangokleidung. Schon bald gelang es ihm, zwei Tänze ohne Schweißausbrüche zu durchschreiten. Selbst Ute musste zugeben, dass er sicherer auf den Beinen war, nicht mehr so schnell müde wurde und, ja, eine gewisse Elastizität im Gang und ein Leuchten in den Augen hatte. „Erzähl mal, wie sind denn so die Partnerinnen? Hast du eine feste, oder tanzt du immer mit verschiedenen?“ Denn auch ein alter Kater lässt das Mausen nicht, dachte sie. Und Thaddäus hatte die Damen immer sehr geliebt.

Als er aber, ganz gegen seine Gewohnheit, einsilbig blieb, kam Ute eines Abends „ganz zufällig“ ins Corazon. Und dort tanzte Thaddäus mit einer anmutigen, wohlgeformten Schönheit in einem enganliegenden roten Kleid, dunklen Glutaugen und einer Rose in der schwarzen Mähne. „Aha“, dachte Ute. „So ist das also.“ Sie blieb noch eine ganze Weile an ihrem Tisch ganz hinten in der Ecke sitzen und beobachtete das Tanzgeschehen. Eine ältere Dame fiel ihr auf. Sie war zierlich, aber offensichtlich muskulös, ganz in schwarz gekleidet, ihr silbernes Haar fiel in sanften Wellen auf die zarten Schultern. Grazil bewegte sie sich am Arm ihrer wechselnden Partner, und auch komplizierte Figuren meisterte sie mühelos. Thaddäus hingegen gelang es nicht, sein Bein elegant um das seiner schönen Partnerin zu wickeln, und mehr als einmal stockte er im Fluss der Melodie. Tango ist nämlich nur am Anfang ein Schreiten, später wird daraus doch so etwas wie gleitende Akrobatik. Und in dieser Liga bewegte sich der Achtzigjährige noch nicht ganz. Jetzt musste er, schweren Herzens, wie Ute an seinem Gesichtsausdruck ablesen konnte, seine Tänzerin einem anderen überlassen, und während sie leichtfüßig und wie von seiner Alterslast befreit am Knie des neuen Partners entlang glitt, stand Thaddäus verloren auf dem Parkett. Da nahm die „silberne Dame“, wie Ute sie nannte, seinen Arm und führte ihn bestimmt und behutsam zurück in das Wiegen der Musik. „Sie mag ihn“, wusste Ute. „Schade, dass er nur Augen für die Junge hat.“

Bald darauf überraschte Ute ihren Patienten, wie er am Telefon über die Möglichkeiten einer bedeutenden Schenkung sprach. „Soweit ist es schon! Die hat ihn an der Angel. Hoffentlich geht das gut.“

Und dann kam die Wintersonnenwende. Die längste Nacht des Jahres. Wie geschaffen für eine Milonga voller Leidenschaft. Das Corazon hatte zu einem Tanz im Freien eingeladen. Der Pavillon im dunklen Park war von unzähligen Kerzen beleuchtet. Wolken jagten in silbernen Fetzen über den Himmel. Der Mond kam und ging, der Wind sang ein eigenes Lied, mal in drohendem Crescendo, mal als säuselnde Klage. Die Schatten der Tänzer schmiegten sich an die Säulen des Pavillons. „Eine magische Nacht“, flüsterte Thaddäus und hielt seine Partnerin fest in den Armen. Doch sie entzog sich ihm, schelmisch lachend. „Komm, fang mich“, und sie glitt auf dem feuchten Boden hinüber zu den Marmortreppen, die die kleine Halle begrenzten. Glatt waren sie, ein falscher Tritt, ein Sturz, für junge Beine nicht weiter gefährlich. Für alte Knochen aber….  „Warte, warte doch“, rief Thaddäus atemlos gegen den Wind. Er streckte die Hand nach ihr aus. Sie ergriff sie und zog ihn mit ungeahnter Kraft. Thaddäus taumelte.

Doch plötzlich ließ sie ihn los. Sie stolperte über etwas, ein schwarzer Schuh? Und fiel nun ihrerseits die Stufen hinunter. Ein Schrei. Die Musik verstummte. Die Tanzlehrer umringten sie. Gottlob, nur ein verstauchter Knöchel.

„Ja, die Jugend ist resilient. Wir Alten nicht mehr so sehr“, sagte eine sanfte Stimme neben Thaddäus. „Wir brauchen hin und wieder einen Schutzengel, um nicht böse zu straucheln.

„Sie weigert sich, jemals wieder mit mir zu tanzen!“ Thaddäus war untröstlich, und Ute gelang es nicht, ihn davon zu überzeugen, dass die junge Schönheit vielleicht Arges im Schilde geführt hatte. Doch mit der Zeit wurden Thaddäus und Mimosa, die elegante, gewandte Dame mit den silbernen Haaren und muskulösen Beinen, das Schaupaar der Tanzschule Corazon. Wenn sie durch den Saal glitten, machten alle anderen Paare ihnen Platz. Mimosa führte. Aber das durfte Thaddäus von seinem Schutzengel ja wohl auch erwarten.