Es brennt! Löscht mit!


Brandmauer, Flächenbrand, Beben, Dammbruch, Flut – schon die Sprache, mit der das aktuelle politische Geschehen in Deutschland behandelt wird, ist dramatisch und katastrophenschwanger. Mit Neuwahlen am Horizont und wenig Aussicht auf einen erfolgreichen winterlichen Mikrowahlkampf (zu wenig Zeit, zu wenig Aktive, zu wenig Menschen auf den Straßen und Plätzen) verlagert sich der Showdown im Kampf um die Wähler*innengunst ins Parlament. Ins Allerheiligste unserer Demokratie, also.

Dort gehört er m.E. nicht hin. Denn im Bundestag sollen Entscheidungen getroffen werden, die unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen im Land haben, so sie die weiteren rechtstaatlichen Instanzen erfolgreich durchlaufen. Was dem Migrationsantrag von Friedrich Merz nie gelungen wäre. Verfassungsrechtliche Bedenken, Widerstand aus der Gesellschaft, fehlender Konsens im Bundesrat – und schließlich die Unpraktikabilität und Unausgereiftheit hätten dem Entwurf sehr bald den Garaus gemacht.

Warum also hat Fritze Merz diesen Antrag überhaupt eingereicht? Ich halte es für lohnend und wichtig, diess Frage zu beantworten (was in diversen Talkshows ja bereits gemacht wurde).

Wir rekapitulieren zunächst die zentralen Punkte des Antrags:

  1. Dauerhafte Grenzkontrollen und Zurückweisungen: Die Einführung permanenter Kontrollen an den deutschen Grenzen, mit der Möglichkeit, Personen ohne gültige Papiere oder ohne Aufenthaltsrecht direkt zurückzuweisen.
  2. Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte: Ein vorläufiger Stopp des Familiennachzugs für Personen, die nur einen eingeschränkten Schutzstatus besitzen.
  3. Verschärfte Abschieberegelungen: Die Einführung strengerer Maßnahmen zur Abschiebung ausreisepflichtiger Personen, einschließlich längerer Abschiebehaft für Straftäter.
  4. Ablehnung der erleichterten Einbürgerung: Eine klare Absage an die von der aktuellen Regierung geplanten erleichterten Einbürgerungsregelungen.
  5. Steuerliche Entlastungen: Vorschläge zur Steuerbefreiung von Überstundenzuschlägen und eine Reduzierung der Umsatzsteuer in der Gastronomie.
  6. Sozialpolitische Maßnahmen: Die Einführung einer sogenannten „Aktiv-Rente“ zur Unterstützung älterer Arbeitnehmer.

Dieses 15-Punkte-Programm soll im Falle eines Wahlsiegs der Union innerhalb der ersten 100 Tage umgesetzt werden.

Schon der erste Punkt ist wegen Deutschlands Unterschrift unter die Genfer Konvention nicht durchsetzbar. Warum? Stellt euch vor, ihr müsst eure Heimat bei Nacht und Nebel verlassen und habt keine gültigen Papiere (nicht jedes Land ist so bürokratisiert wie Deutschland, und selbst hier gibt es Menschen ohne gültigen Ausweis – mich z.B.). Bzw. Ihr habt aufgrund der politischen Situation nicht die Möglichkeit, Papiere zur Ausreise zu erlangen. Gerade, wenn tatsächlich Gefahr für Leib und Leben besteht, kommen Geflüchtete oft ohne Papiere hier an. Oder die Schlepper haben ihnen alles abgenommen. Die geringste Zahl von Menschen auf der Flucht hat einen sauberen Ordner mit allen Papieren dabei, die in Deutschland gefordert werden (Ausweis, Geburts- und ggf. Heiratsurlunde, Schulabschlusszeugnisse, Diplome etc.).

Tatsächlich habe ich während meiner Arbeit im Bereich Migration nur wenige Menschen erlebt, die mit Papieren gekommen sind. Darunter die Familie eines hochrangigen togoischen Generals. Der hätte die aber gar nicht gebraucht, denn er war bekannt. Die allermeisten stehen ohne Papiere vor dir – dafür mit blankem Entsetzen im Gesicht. Natürlich gibt es unter ihnen auch Kriminelle und psychisch Kranke. Erstere kommen allerdings meistens sehr schnell durchs Asylverfahren, weil sie durch die internationale Mafia mit allem Nötigen versorgt werden. Die deutschen Behörden nicken dann sehr oft einfach alles ab.

Und die psychisch Kranken? Erhalten leider allzu oft nicht die dringend notwendige Behandlung – was der Verweigerung eines Menschenrechts nahe kommt. Dadurch verschlimmert sich ihre Krankheit. Hinzu kommt, dass die deutschen Beörden, Ämter etc. in solchen Fällen nicht ausreichend kooperieren („ist ja nur ein Ausländer“) – mit in Einzelfällen katastrophalen und tödlichen Folgen.

WIchtig ist, festzuhalten: die Zahl solcher von Geflüchteten begangener Straftaten ist in der Relation sehr gering, auch, wenn die Medien und die Rechtsrextremen anderes sagen. Die meisten Femizide passieren durch deutsche Männer, z.B. Trotzdem sagt mir eine Krankenschwester beim Blutabnehmen, sie habe im Dunkeln Angst vor ausländischen Männern. So funktioniert „gute“ Propaganda. Interessanterweise habe ich noch nie gehört, dass jemand Angst vor ausländischen Frauen hat. Aber „alle Ausländer raus“?

Doch ich schweife ab. Auch die weiteren migrationsspezifischen Punkte des Merz-Antrags kollidieren mit gesundem Menschenverstand (wir brauchen Arbeitskräfte, sollen denen aber die Arbeitsaufnahme erschweren?) oder dem Rechtsstaat.

Warum also dieser Antrag?

Alle möglichen Antwortszenarien machen mir Angst.

  • Merz will die Wähler*innen am rechten Rand abfischen und zeigen, dass, wie schon von Frau Klöckner auf Instagram formuliert („Für das, was ihr wollt, müsst ihr nicht AfD wählen. Dafür gibt es eine demokratische Alternative: die CDU.“), die CDU auch für rechtsnationalistische Gesinnungen eine Heimat sein kann.
  • Merz will ausprobieren, ob die anderen Parteien, die den Brandmauer-Konsens unterschrieben haben, damit erpressbar sind – und er also alles durchsetzen kann, was er sich so vorstellt.
  • Merz will sich, das Parlament und die Öffentlichkeit schrittweise darauf vorbereiten, dass er seine Politik auch gerne mithilfe einer faschistischen Partei verwirklichen wird.
  • Merz ist so dermaßen von sich selbst eingenommen, dass er fest davon überzeugt ist, sein Wort sei Gesetz bzw. könne es jederzeit werden, unabhängig von jeglichen demokratischen Prozessen. Er kennt keine Verantwortung, außer für sich selbst.

Egal, welches Szenario der Wahrheit am nächsten kommt: alle sind erschreckend und beweisen, dass es diesem Kanzlerkandidaten nicht um das Wohl der Menschen in Deutschland geht, sondern einzig um sich. Nicht mal um seine Partei. Denn sonst hätte er sich einen Moment Zeit genommen, um auf diejenigen zu hören, die ihn (und als Kennerin der Prozesse, die einem solchen Antrag innerparteilich vorausgehen, bin ich davon überzeugt, dass es die gegeben hat) vor den möglichen Konsequenzen in der Öffentlichkeit gewarnt haben. Warum haben einige CDU-Abgeordnete bei der namentlichen Astimmung zum Zustrombegrenzungsgesetz dagegen gestimmt? Vielleicht aus demokratischem Pflichtbewusstsein. Aber ich denke, sie taten das vor allem, weil ihnen im Zweifel das Hemd näher ist als die Hose, sprich, weil der Protest in ihrem Wahlkreis sie für den 23. Februar ein persönliches Debakel befürchten ließ.

In diesem Zusammenhang frage ich mich, worauf die ungewöhnliche Stille des Bayerischen Ministerpräsidenten bezüglich der aktuellen Ereignisse im politischen Berlin beruhen mag…

Erstaunlich auch, dass Merz offenbar nicht mit den erfolgten deutschlandweiten Protesten gerechent zu haben scheint. Das deutet für mich schon fast auf „trumpeske“ Züge hin.

So betrachtet, ist also auch das knappe Scheitern des Gesetzentwurfs am Freitag (349 Abgeordnete stimmten gegen den Entwurf, 338 dafür, bei fünf Enthaltungen) kein Sieg der Demokratie. Aber es bedeutet eine Atempause, in der wir uns sammeln können für weitere Proteste. Für ein Aufschreien, Aufschreiben gegen das rechte Schreckgespenst an den parlamentarischen Wänden.

ich fürchte, es ist in der Tat 5 vor 1933. Und wir wissen, wie das Wegschauen ausgegangen ist, damals. Das „ich bin ja nicht betroffen“ – weil kein Jude und keine Jüdin, kein*e Behinderte*r, kein*e Sinti oder Roma, kein*e Linke*r. Am Ende war ein ganzes Volk be- und getroffen. Ein ganzes Land. Ganz Europa.

Ha, sagt ihr, schau doch mal in dein italien. Was macht die Meloni denn da? Ja, ich schaue dorthin. Mit Bangen. Aber – wir italiener sind halt doch anders. Zu individualistisch für eine stringente Massenbewegung. Was sich in der Vergangenheit als politische Instabilität erwiesen hat, ist jetzt vielleicht ein Glück. Übrigens: auch der zweite Transport von Geflüchteten nach Albanien musste zurückgepfiffen werden. Wäre das in Deutschland auch möglich?, frage ich.

Fazit: Merzens Generalprobe ist im Parlament im zweiten Anlauf gescheitert. Das ist kein Grund zum Aufatmen, aber ein Beweis dafür, dass „das Volk“ sehr wohl Macht hat.

Meine Bitte: Nutzt diese Macht. Zeigt durch eure Haltung, durch eure Präsenz, durch das, was ihr sagt, jeden Tag, beim Bäcker, in der Kirche, an der Ampel., im Büro, in der Kita, dass wir mehr sind. Mehr als die Neofaschisten, mehr als die Fake News Verbreiter. Mehr als die Hasser. Dass wir daran glauben, dass auch komplizierte Situationen am besten in einer Demokratie zu bewältigen sind. Und dass Wohlstand immer ein Geben und Nehmen ist, dass wir „ein gutes Leben“ nie für uns alleine werden verwirklichen können, sondern nur in der Gemeinschaft.

Und: lest euch das Wahlprogramm der AfD durch – in Häppchen, mit Tee oder Wein zur Beruhigung, und zitiert es in euren Gesprächen! Denn, frei nach dem Film „One life“: Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ D.h. wer einen AfD-Sympathisanten gewinnt, gewinnt die ganze Wahl.

MiniKrimi Traumgespinst


Ich möchte vorausschicken, dass dieser MiniKrimi einzig meiner Fantasie entspringt und jede Ähnlichkeit zu real existierenden Personen rein zufälliger Natur ist!

Spannende Caption: ich habe bewusst die WordPress-eigene KI für das Beitragsbild genutzt – und jede Ähnlichkeit von Big D mit bekannten Menschen wurde „vorauseilend“ minimiert. Es brauchte 6 Versuche, um zumindest das aktuelle Bild zu kreieren…..

Leider (?) nur ein Traum

Mal ehrlich, meine Herren – Jungs? Wovon habt ihr geträumt, nachts, in eurer Pubertät? Was hat euch angefixt, unter der Bettdecke, so mit 15? Der Bravo Starschnitt von Suzy Quatro? Jeanne Moreau in Jules et Jim? Oder doch Sophia Loren mit „tu vuoi fa l’americano“?

Big D hatte als 15-Jähriger nur einen Traum. Nacht für Nacht. In seinem schmalen Bunkerbett in der NYMA träumte er nicht von seinem Elternhaus oder seiner Schule in Queens, die ihn wegen „Verhaltensproblemen“ vor die Tür gesetzt hatte. Nein. Er sah sich in einem nur von Kerzen erleuchteten Saal, umringt von einer Schar glühender Anhänger in Smoking und Abendkleidern, die alle gekommen waren, um seinen Geburtstag zu feiern. Als Höhepunkt – im wörtlichen Sinn – wurde dann eine riesige Torte hereingeschoben, so eine wie in Singing in the rain, und heraus sprang: Marilyn Monroe. Sie schmiegte sich an ihn und hauchte verführerisch „Happy Birthday, Mister President“.

Dieses Bild verfolgte den ebenso unglücklichen wie missglückten Jungen durch seine gesamte – wir müssen ehrlich sein – nicht sonderlich erfolgreiche Schulkarriere – und weit darüber hinaus.

Big D – der damals noch nicht so genannt wurde, wobei das erstaunlich ist, weil sein Ego eigentlich schon immer mindestens so groß war wie seine Selbstüberschätzung – wusste genau: Um in den USA ganz nach oben zu kommen, brauchst du vor allem Geld. Und Beziehungen. Aber die erkaufst du dir am einfachsten mit – Geld. Also setzte der junge Mann alles daran, das familieneigene Immobilienunternehmen zu einem Imperium auszubauen. Weil er einerseits sehr risikofreudig und andererseits von keinerlei ethischen Skrupeln geplagt war, gelang ihm das eine ganze Zeit lang ziemlich gut. Denn während andere in seinem Alter Sportwagen sammelten, Yachten oder Freundinnen, galt seine Sammelleidenschaft vor allem einer „Sache“: der Macht. Er wurde reicher, er wurde bekannter. Und in dem Maß, in dem sein Einfluss auf die Finanz- und Wirtschaftswelt wuchs, wuchs auch die Zahl der Menschen, die ihn nicht mochten, verachteten, hassten.

Aber „D“ hatte sich aus dem Geschichtsunterricht genug gemerkt, um zu wissen, dass mit Anerkennung und Berühmtheit auch viel Missgunst einhergeht. Viel Ruhm, viel Neid – ihr kennt den Spruch. Gleichzeitig war D fest entschlossen, nicht solch kapitale Fehler zu begehen wie einige seiner Vorgänger, etwa Julius Caesar oder Napoleon. Nein. Er war nicht nur vorsichtig – er verstand es, sich mit einer mehrschichtigen getreuen Phalanx zu umgeben, die über ihn und seine Schritte und Tritte wachte.

Den engsten Kreis bildeten dabei Leute, die ihn nicht unbedingt mochten oder seine Meinungen teilten, die aber von ihm unmittelbar und in großem Ausmaß profitierten. Das waren seine treuen Opportunisten.

Dann gab es solche, die an gar nichts glaubten und niemanden mochten, außer eine sehr gute Bezahlung. Das waren seine Bodyguards.

Und dann gab es eine riesige und kontinuierlich wachsende Schar von Menschen, die an seinen Lippen hingen und jedes seiner Worte für bare Münze nahmen, oder es je zu hinterfragen – oder hinterfragen zu können. Denn diese Menschen waren schlicht oder, genauer gesagt, dumm. Sie glaubten seinen Versprechungen eines goldenen Zeitalters, in dem ihnen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen und all ihre Widersacher tot umfallen würden. Ein Beispiel: während der Corona-Pandemie erklärte D öffentlich, statt sich mit einem hochgefährlichen und bislang an nur wenigen Millionen Menschen erprobten Vaccin impfen zu lassen, genüge es, einfach Desinfektionsmittel in großen Mengen zu trinken. Ich bin ja der Meinung, das war für ihn sowas wie eine Generalprobe dafür, wie weit er mit der Loyalität seiner Anhänger*innen rechnen konnte. Die Antwort war beeindruckend: tatsächlich bis zum Tod!

Aber ich schweife ab. D, inzwischen von seinen „Freunden“ „The D“ genannt, hatte natürlich nicht nur Erfolge. Im Gegenteil: seine Methode führte zwangsläufig dazu, dass seine geschäftlichen Kartenhäuser zusammenbrachen. Immer und immer wieder. Denn auch die treuesten Gefolgsleute der Kategorie 1 – engste Vertraute und Geschäftspartner – ließen sich nicht auf ewig hinhalten oder sogar verprellen. Und weil The D nur seinen eigenen Profit im Kopf hatte, gingen sie letztendlich leer aus. Und versuchten, es ihm heimzuzahlen.

Doch er schaffte es immer wieder, wie ein Phönix mit neuem Glanz aus der Asche seiner Pleiten aufzuerstehen. Größer und erfolgreicher als zuvor. Denn bei allem Auf und Ab verlor er sein großes Ziel nie aus den Augen. Ihr erinnert euch. Die Torte! Marilyn! Gut, die war inzwischen austauschbar, weil unerreichbar. Aber Blondinen gab und gibt es ja genug. Echte und nicht so Echte.  Bei der Auswahl bediente D sich im Laufe der Jahre natürlich ausgiebig. Sein Herz aber verlor er nie, so viele andere er auch brach. Nicht einmal als Penny, eine süße und äußerst talentierte Musical-Sängerin, sich von seinem D-Tower in den Tod stürzte, spürte er dort, wo bei anderen die Gefühle sitzen, den geringsten Stich. Penny hatte ihre Karriere hingeworfen, um sich ganz und gar ihrem Mentor D zu widmen, nur, um kurz darauf durch eine Fox-News-Journalistin ersetzt zu werden. Die behielt er auch nicht lange, und die Reihe seiner Exxen soll, so sagen sie, so lang sein wie die Panamerikana (immerhin 30 Tsd. Km!).

The D scherte sich nicht um die wachsende Schar der Leute, die ihn hassten. Dank seiner Phalanx fühlte er sich unbesiegbar. Das hatten allerdings auch Caesar & Co. von sich geglaubt.

Und so kam es, wie es kommen musste. Big D, wie er inzwischen von Fans und Gegnern genannt wurde, erkletterte alle Stufen der Macht. Und stand irgendwann ganz oben. Unter seinen Füßen das Volk. Um ihn herum die aktuellen Opportunisten. Und draußen, jenseits eines großen Zaunes, all jene, die sich immer noch fragten, wie er es hatte soweit bringen können. Wie sie es soweit hatten kommen lassen.

Und jetzt, endlich, war es soweit. Big D war wieder 15. Er stand in einem nur von Kerzen erleuchteten Saal, umringt von einer Schar glühender Anhänger in Smoking und Abendkleidern, die alle gekommen waren, um seinen Geburtstag zu feiern. Als Höhepunkt wurde kurz vor Mitternacht eine riesige Torte hereingeschoben, eine genaue Replique von der aus Singing in the rain. Trommelwirbel, dann: Stille. Allenthalben „Ah“ und „oh“! Der Deckel der Gigantentorte wurde von zwei schlanken Armen hochgehoben, und eine langbeinige Blondine entstieg dem kunstvollen Gebäck. Wie lange hatte Big D diesem Moment entgegengefiebert. Wie lange hatte er nach ihr gesucht und sie endlich gefunden. Die Verkörperung all seiner Träume. Stella, blutjung und nur in zarten Tüll gehüllt. „Happy Birthday, Mister President“, hauchte sie. Bückte sich kurz und stand dann in ihrer ganzen Schönheit vor ihm und den Gästen. In den Händen allerdings kein Mikrofon, sondern eine geladene Kalaschnikow. „Fare well now, Mister President“, hauchte sie, immer noch zärtlich. Und schoss. Eine Runde und dann noch eine. Und noch eine.

Tja – statt Singing in the rain hatte sie sich ganz offensichtlich die Schlüsselszene von Some like it hot zum Vorbild genommen.

Bevor sie von den ihr längst treu ergebenen Bodyguards nach draußen geleitet wurde, stupste sie den am Boden liegenden Big D mit der Spitze ihrer Silbersandalette an und sagte noch: „Mit liebsten Grüßen aus dem Jenseits von meiner Mutter Penny. Fahr zur Hölle.“

Auf ein Neues


Ihr Lieben, nur eine Sekunde trennt das neue Jahr vom alten. Und diese Einteilung ist willkürlich und in anderen Kulturen und Religionen anders. Juden feiern heute keinen Jahreswechsel, sondern Rosch-ha-Schana. Im Vietnam, im Iran, in Indien wird kein Silvester gefeiert, bspw.

Binsenweisheiten, ich weiß. Aber zuweilen tut es gut, sich an die Beliebigkeit dieses Datums zu erinnern. Und etwaigen Ballast von Unerledigtem, von zu vielen zu hehren Vorsätzen, von zu hoch gesteckten Zielen und Wünschen abzuwerfen.

Hey, morgen ist ein Tag wie heute. Und wir können uns jederzeit auf den Weg machen. Nicht nur zu Silvester.

Für mich zählt vor allem, dass ich G*tt an meiner Seite weiß. Wohin ich auch gehe, ich habe seine Unterstützung und ihre Liebe dabei. Das macht mich stark für gute Vorhaben. Für mich und für andere.

ich wünsche euch einen wunderschönen Abend und einen guten Start in das Kalenderjahr 2025.

Ein Jahr des Friedens und der Kraft, der Liebe und der guten Initiativen. We can make it if we try!

MiniKrimi Adventskalender am 25. Dezember


Der letzte MiniKrimi -Beitrag in diesem Kalender ist von meiner Mörderischen Schwester Ingrid Zellner. Ich hoffe, ihr hattet Spaß – und vielleicht ein paar Inspirationen – beim Öffnen der Türchen.

Es gibt auch unterm Jahr immer wieder Neues hier auf http://www.mariebastide.blog. MiniKrimis, Features, Essays, Gedichte. Schaut doch ab und zu mal rein. Oder abonniert die Seite am besten, dann werdet ihr gleich informiert, wenn es etwas Neues gibt.

Rattenweihnacht (Auszug)

von Ingrid Zellner

Sonntag, 24. Dezember

„Fürchtet euch nicht! Ich habe eine Freudenbotschaft für euch: Der Heiland ist für euch geboren! Er heißt Jesus und liegt dort im Stall in einer Krippe!”

Sämtliche Köpfe in der Kirche hatten sich umgewandt und schauten hinauf zur Orgelempore, wo die kleine Emma stand (sehr offensichtlich auf einem Podest) und mit ausgebreiteten Armen zu den Hirten sprach, die im Mittelgang lagerten und ihren Worten aufmerksam lauschten. Zum ersten Mal, seit Pfarrer Stocker die Gemeinde zur Kindermette und dem Krippenspiel begrüßt hatte, vergaß Falko Geiger für einen Moment die Unruhe, die in ihm schwelte, und sah voller Vaterstolz zu, wie seine Tochter in ihrem weißen Kleid mit goldenen Engelsflügeln, die schulterlangen weizenblonden Haare mit einem Goldreif gebändigt, ohne jede Nervosität und mit klarer Stimme die frohe Botschaft verkündete.

Doch als die Hirten sich daraufhin auf den Weg zu der Heiligen Familie machten, die vor dem Altar zwischen mehreren aufeinandergetürmten Strohballen auf sie wartete, war von draußen in einiger Entfernung ein Martinshorn zu hören, und prompt flackerte die Unruhe in Falko wieder auf. Er hatte vorhin, als Kicki sich flüsternd bei ihm nach dem Verbleib von Maria erkundigt hatte, lediglich geantwortet, dass sie sich wohl aus irgendeinem Grund verspätet hatte und sicher noch nachkommen würde. Von den angeblichen Schüssen im Haus der Biber-Brüder, wo sie ja lebte, hatte er ihr in dem Moment wohlweislich noch nichts erzählt. Solange sie nichts Genaueres wussten, genügte es, wenn bloß er sich Sorgen machte.

Die Hirten beendeten ihren Besuch bei dem Jesuskind. Nun stimmte der Organist das Lied „Wir kommen daher aus dem Morgenland” an, das Kirchentor wurde geöffnet, und wieder drehten sich alle um, um den Einzug der Heiligen Drei Könige nicht zu verpassen. Ein wenig Unruhe kam auf, als ferne Klänge von Martinshörnern die feierliche Orgelmusik störten, doch dann wurde das Tor hinter den Königen wieder geschlossen und sperrte alle Töne, die nicht zum Krippenspiel gehörten, aus.

Falko war hin und her gerissen. Eigentlich wollte er unbedingt bleiben – schließlich würde es jetzt nicht mehr lange dauern, bis sich sämtliche Mitwirkenden, einschließlich seiner kleinen Prinzessin, vor dem Altar versammelten und gemeinsam mit den Zuschauern das traditionelle „Stille Nacht, heilige Nacht” anstimmten. Aber andererseits wurde er das Gefühl nicht los, dass das alles irgendwie zusammenhing: Schüsse im Biber-Haus – Maria, die entgegen ihrer Vereinbarung nicht zur Kirche gekommen war – und nun auch noch die Martinshörner, denn es waren eindeutig mehrere gewesen … und das ließ auf einen Großeinsatz schließen. Großer Gott. Was war passiert?

Er hielt es nicht mehr aus, raunte seiner Frau eine hastige Entschuldigung zu und verließ unter den verwunderten Blicken der anderen Besucher so leise und so schnell wie möglich die Kirche. Draußen blieb er stehen und lauschte angespannt. Die Martinshörner waren noch immer in einiger Entfernung zu hören, es kam ganz eindeutig aus der Richtung des Dorfrands, wo das Anwesen der Familie Biber lag. Und dann entdeckte Falko die Rauchsäule, die dort in den klarblauen Winterhimmel stieg.

Ohne zu überlegen rannte er los. Schon von weitem nahm er jenseits des Ortsausgangs ein Meer von rotierenden Signalleuchten in Blau und Orange wahr, dazu eine hohe Wasserfontäne. Dann stieß er auf eine Absperrung, und ein Beamter in Uniform hinderte ihn sehr bestimmt daran, weiterzulaufen. Er blieb stehen und rang keuchend nach Atem. Jetzt erst spürte er die sengende Hitze, die ihm entgegenschlug, und wie gelähmt starrte er auf die roten Flammen, die vor seinen Augen emporloderten.

Die Biber-Villa brannte lichterloh.

Montag, 25. Dezember

Polizeihauptmeister Peter Wötzel stand vor den ausgebrannten Überresten einer vormals wohl vergleichsweise stattlichen Villa am Rande des Dorfes Buchelfingen und fragte sich mit wachsendem Missmut, womit er das verdient hatte.

Normalerweise hätte er jetzt nämlich frei, würde mittags in seinem Lieblingsrestaurant Rehbraten essen gehen und später zuhause heimlich im Fernsehen Sissi anschauen. Aber er hatte zugunsten von Otto Berger verzichtet, der ausnahmsweise mal an Weihnachten einen auf Familie machen wollte – und nun stand er hier in der eisigen Winterkälte, sehnte sich nach einem heißen Kaffee und musste sich mit einem Tatort befassen, der inzwischen nicht mehr nur aufgrund eines Hausbrands nach Ermittlern verlangte. Denn als die Kollegen sich auf die Suche nach der Brandursache gemacht hatten, waren sie in der Ruine auf zwei Leichen gestoßen.

==================================================================

Ingrid Zellner

Website: https://www.ingrid-zellner.de/

Rattenweihnacht

Oertel+Spörer Verlag, 2023 (248 Seiten)

Kurz vor Weihnachten taucht in dem Dorf Buchelfingen eine Frau auf, die ihr Gedächtnis verloren hat und nicht mehr weiß, wer sie ist. Man gibt ihr den Namen Maria, und die etwas verschrobenen Brüder Gunnar und Leander Biber nehmen sie bei sich auf. Dabei haben sie derzeit eigentlich ganz andere Probleme: Ihre Mutter ist seit einer Woche spurlos verschwunden, und sie erhalten Drohbriefe, die ihnen ein Verbrechen unterstellen und Vergeltung dafür ankündigen. Bald werden im Dorf erste Vermutungen laut, dass diese rätselhafte Maria etwas damit zu tun haben könnte. Eine Frau ist sich sogar sicher, sie aus ihrer Jugendzeit zu kennen. Doch was tatsächlich hinter Marias Aufenthalt in Buchelfingen steckt, ahnt niemand…

Paperback (ISBN 978-3-965-55150-3): € 13,00

https://www.oertel-spoerer.de/produkt/rattenweihnacht/
https://www.amazon.de/Rattenweihnacht-Krimi-Ingrid-Zellner/dp/3965551507/ref=sr_1_1

https://shop.autorenwelt.de/products/rattenweihnacht-von-ingrid-zellner

eBook (ISBN 978-3-96555-159-6): € 9,99
https://www.amazon.de/dp/B0CHVYP9VQ/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr= https://www.buecher.de/artikel/ebook/rattenweihnacht-ebook-epub/68910598/

MiniKrimi Adventskalender am 24. Dezember


Fast schon eine Tradition: Am Heiligen Abend gibt es hier keinen MiniKrimi, sondern meine Predigt zur Christmette. Die war heuer ganz besonders schön: mit wunderbarer Musik von der Schwabinger Stubenmusi und einem tollen Familienquartett, das uns mit Weihnachtsliedern bezaubert hat.

Hier meine Predigt zu Vers 17 im 3. Kapitel des 1. Timotheusbriefes (Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit):

Was schreibt Paulus da an Timotheus? Erklärt er das Geheimnis des Glaubens? Oder gibt er  Tipps für ein Leben mit Gott?

Marie sitzt auf einer Bank am Fluss. Auf ihrer Bank. Wir oft hat sie dort gesessen und dem Wasser zugeschaut? Es ist nie derselbe Fluss. Und sie ist auch nicht mehr dieselbe. So viele Träume. Wünsche. Hoffnungen. So wenig Perspektiven. Ja, es stimmt vielleicht, was die Leute sagen: jede ist ihres Glückes Schmied. Hat sie das falsche Eisen ins Feuer gehalten? War der Amboss nicht groß genug? Jedenfalls hat das, was sie aus ihrem Leben geformt hat, nicht annähernd etwas mit dem zu tun, was sie auf dem Plan hatte.

Abi? Keine Chance. Mittlere Reife? Keine Lust zu lernen. Ausbildungsplatz? Keiner, der sie interessiert hätte. Und das, was sie gerne gemacht hätte, liegt weitab von ihrer Reichweite. Tierärztin. Model. Sängerin.

An der Discounter-Kasse hat sie es nur knapp drei Wochen ausgehalten. Dann wurde sie gefeuert. Zu oft hat die Kasse am Abend nicht gestimmt. Zu oft hat sie frechen Kund’innen ihre Meinung gesagt.

Also wieder arbeitslos.

Und privat? Der Mike war ihr wie die Erfüllung ihrer Träume erschienen. Bis sie gemerkt hatte, dass das Strahlen in seinen Augen vom Dope kam. Dass er selbst keine Perspektive hatte – und sie nicht in seiner Zukunft vorkam. Schon gar nicht schwanger.

„Siebzehn, ohne Schulabschluss, ohne festen Wohnsitz und im vierten Monat schwanger. Das bin ich. Und dann reden alle davon, dass es zu Weihnachten hell wird. Dass Gott ein Mensch wird und uns Menschen Hoffnung gibt. Ok. Ich sehe aber keinen Hoffnungsstrahl. Für mich.“

Marie sitzt auf der Bank. Und schaut auf den Fluss. Da schlurft eine alte Frau heran. Setzt sich wortlos neben Marie. Zieht eine Flasche aus der geräumigen Tasche ihres abgewetzen Lodenmantels. „Magst an Schluck?“

Automatisch streckt Marie die Hand aus. Besinnt sich. „Nee, lieber nicht. Ich bin schwanger.“

„Schwanger? Mei, wie schön! Da wächst was Großes in dir. Zukunft. Weißt was? Das Kind macht dich stark. Jetzt hast einen Sinn im Leben. Freu dich, Mädel!“ Aus der anderen Tasche holt sie zwei Zettel. „Gutscheine für ein Abendessen heute in der Pizzeria da hinten am Platz. Allein mag ich nicht hin. Komm mit!“

Marie ist kein Engel. Nie gewesen. Und die Alte, die jetzt neben ihr sitzt am festlich gedeckten Tisch in der Pizzeria hat sicher auch mehr Ähnlichkeit mit dem Teufel. Wirres Haar, und sie stinkt nach Alkohol und altem Schweiß. Und die Leute hier, der Inhaber und die Bedienungen? Sehen die aus wie Engel? Zumindest interessieren sie sich für Leute wie Marie und die Alte. Das ganze Lokal ist voll von ihnen. Obdachlose, Mutlose, Einsame. Keine Ahnung, denkt Marie. Sie hätte nie gedacht, wie vielen es so geht wir ihr. Und jetzt isst sie von weißem Porzellan, trinkt Wasser aus Kristallgläsern, die Tischdecken sind makellos weiß und das Essen richtig lecker.

„Warum macht ihr das?“, fragt sie die Bedienung, die ihr noch ein Stück Kalbfleisch auf den Teller legt. „Warum feiert ihr heute Abend nicht? Seid ihr auch alleine?“

„Für uns ist erst morgen Weihnachten. Heute, am Heiligen Abend, sind wir für euch da. Egal, was ihr seid oder denkt oder glaubt, egal, was andere sagen. Wir wollen euch heute Abend eine Freude machen. Uns geht es im Moment vielleicht besser als euch. Deshalb sind wir glücklich, wenn ihr hier in unserem Lokal erscheint und wir euch bedienen dürfen. Esst euch satt. An Leib und Seele.“ Die junge Frau mit den schwarzen Locken und dem leichten Akzent lächelt und legt kurz ihren Arm um Marie.

„Und wenn du nicht weißt, wohin, nachher. Wir haben noch ein Gästezimmer frei. Es soll schneien, heute Nacht. Und du und dein Baby“ sie schaut auf Maries Bauch, der sich schon leicht wölbt „habt es dann schön warm.

Marie weiß nicht, wie ihr geschieht. Eben saß sie noch frierend auf der Bank am Fluss. Jetzt liegt sie, satt und warm, in einem richtigen Bett. Sauber – sie hat noch geduscht und sich mit einer duftenden Lotion eingecremt – und ohne Angst. Zum ersten Mal seit – ja, seit wann?

Buon Natale. Frohe Weihnachten, hat Luca, der Besitzer der Pizzeria und der Vater der jungen Bedienung, Marie und den anderen Gästen gewünscht. „Buon Natale. Jesus Christus ist geboren. Wir sind nicht wie Jesus. Aber wir möchten so sein, machmal. Und auch mal was Gutes tun. Und wir hoffen, dass ihr euch freut.“

Wir können die Welt nicht besser machen, in einer einzigen Nacht, liebe Schwestern und Brüder. Wir können auch nicht erwarten, dass Gott das tut. Jesus hin oder her. Aber, und das will Paulus mit diesen Worten sagen:

  • Weil Gott uns seinen Sohn geschenkt hat, als Mensch und trotzdem als einer, der immer versucht hat, in Gottes Sinn zu handeln, nach Gottes Wegen zu suchen.
  • Weil durch ihn die frohe Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen verbreitet wurde, überall.
  • Weil viele – und trotz Kirchenaustritten und Kritik an der verfassten Kirche bis heute – viele Menschen etwas finden an dieser frohen Botschaft und sie leben, nicht täglich, aber immer wieder und aus tiefstem Herzen…..

… deshalb ist Weihnachten für uns jedes Jahr ein Grund zur Freude. Zur Hoffnung. Darauf, uns aufzumachen mit Jesus Christus. Für Gott und für die Menschen um uns herum. Die Liebe zu leben. Für eine bessere, kleine, große Welt. Denn, wie Dietrich Bonnhoeffer gesagt hat: Es heißt ja nicht: Gott wurde eine Idee, ein Prinzip, ein Programm, eine Allgemein- gültigkeit, ein Gesetz, sondern Gott wurde Mensch. Amen.

MiniKrimi Adventskalender am 23. Dezember


Ein Blaulicht zuviel

von Rebecca Schneebeli

Harald bog mit dem Auto in die schmale Ortsstraße ein, die zu seinem Haus führte. Hätte er nicht mit den Händen das Lenkrad festgehalten, hätte er sich die Finger gerieben. Dieser Bruch war echt glatt gelaufen. Er hatte gar nicht das große Besteck auspacken müssen. Das hatte ihm die gestresste Verkäuferin des Juwelierladens abgenommen. Sie war so in Eile gewesen, an Heiligabend nach Hause zu kommen, dass sie den Schlüssel nur einmal herumgedreht hatte. Der Rest war ein Kinderspiel gewesen.

Heute Abend würde er unter dem Tannenbaum die Beute zählen und morgen kam schon Boris vorbei. Dann war alles noch vor dem 2. Weihnachtstag über die Grenze bei seinem Hehler.

Harald drehte das Autoradio an. Ihm war nach positiver Weihnachtsstimmung. „Last Christmas“ schallte es ihm entgegen. Spielten die diese langweilige Kamelle wirklich immer noch jedes Jahr? Er wechselte den Kanal: Nachrichten. Mal wieder ging es um die Neuwahlen. Er stellte das Radio schnell wieder ab. Politik war nicht sein Ding. Daheim würde er sich gleich erstmal seine eigene Weihnachts-CD auflegen mit „Jingle Bells“ und „Coming home for Christmas“.

Doch was war das? Ein blaues Leuchten einige Häuser weiter. War das nicht gegenüber von seinem Haus? Harald wurde heiß und kalt. Die Bullen. Sie waren schon bei ihm daheim, ehe er nur mit der Beute vorgefahren war. Scheiße!

Abrupt drehte er um, was seinen Wagen auf der vereisten Fahrbahn leicht ins Schlingern brachte. Nichts wie weg hier!

Einige Straßen weiter überlegte er. Was sollte er tun? Heim konnte er mit einem Kofferraum voll geklautem Schmuck nicht mehr. Sollte er das Auto irgendwo in der Stadt abstellen und mit dem Bus heimfahren? Aber was, wenn jemand auf den Wagen aufmerksam wurde? Zudem waren die Bullen ihm bereits auf der Spur und sie kannten dementsprechend sicher auch sein Nummernschild.

Ihm kam ein Plan. Wenn er den Schmuck zurückbrachte, konnte man ihm nichts zur Last legen. Ohne Diebesgut, kein Einbruch. Gesagt, getan. Harald brach das zweite Mal an Heiligabend in den bereits geschlossenen Schmuckladen ein, diesmal ging es noch etwas schneller. Schwieriger wurde dabei, den Schmuck wieder korrekt an Ort und Stelle zu räumen. Wo hatten noch mal die Ohrringe gelegen und wo das Diamantcollier? Notdürftig breitete er die Schmuckstücke in den diversen Auslagen aus.

Endlich war er fertig und nassgeschwitzt. Während der Einbruch schnell vonstattengegangen war, hatte das Verräumen des Schmucks schier ewig gedauert. Als er wieder in seinem Auto hinterm Lenker saß, zitterten seine Hände. Nun wollte er nur noch heim und sich einen Beruhigungsschnaps gönnen. Er zwang sich zur Lässigkeit, als er in seine Straße einbog und sich seinem Haus und dem beunruhigenden Blaulicht näherte. Aber jetzt konnten ihm die Bullen nichts mehr. Er wusste, er war nicht gesehen worden und Schmuck hatte er auch keinen mehr dabei.

Erst wenige Meter vor dem Haus stellte er fest, dass das blaue Licht nicht ein Polizeiwagen, sondern ein überlebensgroßer Schneemann im Garten des Nachbarn ausstrahlte.

„Wie findest du meine neuste Errungenschaft?“, fragte dieser ihn beim Aussteigen und grinste.

„Sollten Schneemänner nicht weiß sein?“, knurrte Harald. Diese blöde Weihnachtsdeko hatte ihn einen lukrativen Bruch gekostet.

„Ach, das wäre doch langweilig“, scherzte der Nachbar und Harald verschwand schnell ins Haus, ehe der Drang, diesen zu erwürgen, zu groß wurde.

Dort goss er sich einen Schnaps ein und direkt einen zweiten hinterher. Das brauchte er jetzt.

Da klingelte es an der Tür. War das etwa noch einmal der Nachbar? Der sollte was erleben.

Doch vor seiner Tür standen zwei uniformierte Polizisten, hinter sich ein Polizeifahrzeug, ganz ohne Blaulicht.

„Harald Krieger?“, fragte der erste.

„Richtig.“ Harald schluckte hart. Was wollten die denn jetzt hier? Es gab doch nichts mehr, was sie ihm noch zur Last legen konnten.

„Dürften wir reinkommen? Sie wurden gesehen, wie Sie in ein Juweliergeschäft eingebrochen sind und dort Schmuck einräumten. Wir haben ja schon viel erlebt, aber das müssen Sie uns erklären.“

Harald schluckte erneut. Jetzt war er dran – und das nur wegen eines blauen Schneemanns. Er hasste Weihnachten.

Mehr über Rebecca Schneebeli erfahrt ihr auf der Webseite der Mörderischen Schwestern:  https://www.moerderische-schwestern.eu/wer-wir-sind/autorinnen/s/rebecca-schneebeli/

MiniKrimi Adventskalender am 22. Dezember


Rache ist stärker als der Tod

Endlich. Die längste Nacht des Jahres. Genug Zeit und genug Bewegungsfreiheit. Livia schickt dem Ausgrabungsteam, das ihr das Schloss von den Füßen entfernt hat, einen innigen Dankesgedanken. Und die Archäologen haben sie auch umgedreht. Statt bröckeliger Erde sieht Livia nun eine Welt, die sich in 400 Jahren sehr und gleichzeitig kaum verändert hat. Der Friedhof mit dem eingezäunten Bereich, wo neben Livia noch andere Männer, Frauen und Mädchen begraben waren, die von den Dorfbewohnern als Vampire gefürchtet und mit entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen begraben wurden, sieht noch so aus wie damals. Ein kleiner Hügel mit struppigem Gras, fetter Erde und ein paar zerzausten Tannen. Unten sieht man das Dorf, und auch das hat sich von hier oben betrachtet kaum verändert. Niedrige Häuser ducken sich rund um das trutzige Steinkirchlein. Die Straßen bestehen immer noch aus Erde und Sand. Nur um die Kirche herum haben sie den Platz gepflastert. In den Häusern flackert Licht, und überall stehen Masten mit Leitungen. Aus den Schornsteinen quillt Rauch, und es riecht nach Holzfeuer. Livia hat auch nach dieser langen Ruhezeit keine Schwierigkeiten, sich in ihrer Heimat zurechtzufinden.

Sie klettert aus ihrem Grab, sammelt sich und betrachtet in einer Pfütze ihr Gesicht. Ein kleines Mädchen schaut sie an. Mit langen, wirren Haaren und einer vergilbten Kappe bis knapp über den stechend grauen Augen. Ein blasser, zusammengekniffener Mund im bleichen Gesicht. Ihr schwarzes Kleid ist von Würmern durchlöchert, die Schuhe verschimmelt.

Es gibt Schlimmeres. Wie zum Beispiel eine Sechsjährige zu einem Vampir abzustempeln, nur, weil sie ihren Bruder, den ersehnten Stammhalter, aus Eifersucht in den Hals gebissen hat. Livia hat damals ein Gespräch ihrer Eltern belauscht. „Zwei Kinder können wir nicht ernähren und standesgemäß aufziehen. Die Felder haben schon das dritte Jahr in Folge kaum Ernten erbracht, die Bauern können ihre Pacht nicht zahlen. Aber Theo brauchen wir, er wird meine rechte Hand und mein Nachfolger. Also: das Mädchen muss weg“, sagte der Vater.

„Aber wie willst du das anstellen?“, fragte die Mutter. Du kannst sie nicht einfach weggeben oder gar töten. Die Bauern würden das als Grund zum Aufstand nehmen.“

„Du wirst sehen, die Bauern werden die ersten sein, die ihren Tod fordern.“

„Wie das?“

„Ich erzähle im Wirtshaus, natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass ich fürchte, Livia sei zum Vampir geworden. Du erinnerst dich doch an den Tagelöhner, der mir im Sommer mit den Pferden geholfen hat?“

„Ja. Livia mochte ihn sehr. Sie saß abends oft bei ihm, wenn er auf der Mandoline spielte.“

„Genau. Ich sage, dass sie einmal nach Hause kam und zwei rote Flecken am Hals hatte. Und dann erzähle ich, wie sie Theo gebissen hat.“

„Die Bauern haben furchtbare Angst vor Vampiren! Sie werden sie steinigen. Das arme Kind!“

„Soweit lassen wir es nicht kommen. Wir geben ihr einen Trank mit Fingerhut, so dass sie im Schlaf stirbt. Man wird keine Verletzung an ihr finden, und das wird ein weiterer Beweis dafür sein, dass sie ein Vampir ist. Lass die Bauern sie begraben, mit allen nötigen Schutzmaßnahmen, damit sie nicht aus dem Grab aufstehen kann.“

Obwohl Livia vorgewarnt war, hat sie den Kakao getrunken, den ihr ihre Mutter ein paar Wochen später hinstellte. Als besondere Belohnung, weil sie den Bruder nicht mehr gebissen hat.

Dann lief alles so ab, wie der Vater es vorhersehen hatte. Livia starb, wurde begraben – und konnte erst jetzt, 400 Jahre später, ihr kaltes, dunkles Grab verlassen, in dem sie, mit dem Gesicht nach unten, damit sie nur in die Erde und nie wieder in einen Menschen beißen,  und mit einem schweren Schloss an den Füßen, damit sie nicht weglaufen konnte, gefangen war.

Aber jetzt ist sie endlich frei. Heute ist der Tag ihrer Rache.

Sie geht hinunter ins Dorf. Es ist stockdunkel in dieser längsten Nacht des Jahres. Und auch, wenn aus den Fenstern die bunten Bilder der Fernseher flackern und draußen die Straßenlampen ein gespenstisches Licht auf die Häuser werfen – die Angst vor Vampiren und Untoten ist lebendig in diesem kleinen polnischen Dorf, in dem die Neuzeit nur einen dünnen Mantel über Glauben und Bräuche des Mittelalters geworfen hat.

 Der Weg bis zu ihrem Elternhaus ist weit. Aber Livia spürt weder Kälte noch Furcht. Hier steht es, groß und stark hinter dem hohen Eisentor. Das Gutshaus, zu dem das Dorf und alle Ländereien gehören. Sie geht durch das Tor, als sei es nicht verschlossen. Drinnen auf dem gepflasterten Hof sieht es allerdings deutlich anders aus als im übrigen Ort. Große Kutschen stehen dort, aber ohne Kutschbock. Dafür glänzen sie in schwarz und blau. Aus den Ställen dringt Licht und Musik. Scheinbar leben dort jetzt Menschen und kein Vieh mehr.

Sie geht auf das Haupthaus zu. Links neben dem Eingang war der Küchengarten, den Livia besonders liebte. Jetzt hasst sie ihn, denn dort hat ihre Mutter den Fingerhut gepflückt, mit dem sie ihre Tochter getötet hat. Welche Mutter tut so etwas?

Vor der schweren Eichentür steht ein Mann. Groß, mit dunklen Haaren und einem kurzen dunklen Bart. In der einen Hand hält er etwas, das Ähnlichkeit mit den Zigarren hat, die ihr Vater – als einer der ersten in ganz Polen – rauchte. Er spricht in einen kleinen Kasten in seiner rechten Hand. Livia kennt das. Auf dem Friedhof machen das die meisten.

Da schaut der Mann auf und sieht Livia. „Nanu,“ sagt er. „Wo kommst du denn her? Wer bist du?“ Livia versteht seine Sprache, auch, wenn sie etwas anders ist als das Polnisch ihrer Zeit. Der Mann mustert sie. „Du warst wohl auf einer dieser Geisterparties zur Wintersonnenwende? Hast du dich verlaufen?“

Weil Livia nicht weiß, was sie antworten soll, verdreht sie die Augen und lässt sich stocksteif zu Boden fallen.

„Herrje, die Kleine ist ohnmächtig geworden. Ich muss Schluss machen, Oleg.“

Dann hebt der Mann Livia auf und trägt sie ins Haus. In den nächsten Stunden bemühen Andrej, so heißt er, und Olga, seine Frau, sich um das Mädchen. Sie flößen ihr Wasser und dann Brühe ein. Als sie die Augen aufmacht, tragen sie sie ins Badezimmer und legen sie in eine Wanne voll duftendem Schaum. So etwas gab es bei Livias Eltern noch nicht!

Sie schließt die Augen und hört Andrej und Olga flüstern. „Ja, ich weiß, wir sollten sie der Polizei melden. Aber sieh nur, wie sie ausschaut. Als sei sie gerade dem Tod entronnen. Wir kümmern uns erst mal um sie. Wir wollten doch schon immer ein kleines Mädchen haben, oder? Und natürlich schauen wir ins Internet, ob irgendwo ein Kind vermisst wird.“

„Wer lässt seine Tochter schon mitten in der Nacht alleine? Solche Eltern haben das Kind sowieso nicht verdient. Gut. Wir machen das so, wie du vorgeschlagen hast. Und wenn jemand fragt, dann ist sie das jüngste Kind deiner Cousine. Etwas behindert. Das erklärt, warum sie nicht spricht. Sie soll ein paar Monate bei uns auf dem Land bleiben.“

Und so lebt Livia von Stund an bei Olga und Andrej. Mit der Zeit „taut“ sie auf und beginnt sogar, zu sprechen. Ihren Plan, in ihrem Elternhaus zurück in die Vergangenheit zu gehen und sich an ihren Eltern für den Mord an ihr zu rächen, hat sie aufgegeben. Jetzt geht es ihr gut. Endlich. Und hat sie nicht ein Recht darauf, nach 400 Jahren in einem modrigen Grab?

Heute ist es genau ein Jahr her, dass Livia zu Andrej und Olga gekommen ist. Im Dorf haben sie die „Nichte“ schnell akzeptiert. Sie geht sogar zur Schule. Sie trägt die schönste Kleidung, ganz anders und viel bequemer als das, was sie in ihrem ersten Leben anziehen musste.

Sie sitzen beim Abendessen. Der Tisch ist besonders festlich gedeckt – zur Feier des Tages. „Nun bist du schon ein Jahr bei uns, liebe Livia. Du hast uns so glücklich gemacht. Du bist unser Sonnenschein. Olga und ich haben so lange vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Und dann standst du auf einmal vor unserer Tür!“

„Ja, du bist unser großes Glück. Und ich bin überzeugt, dass das, was wir dir jetzt gleich erzählen werden, auch nur deshalb passieren konnte, weil du bei uns bist. Schau, Livia, du wirst einen kleinen Bruder bekommen. In einem halben Jahr bist du die große Schwester. Freust du dich?“

Livia starrt Olga und Andrej an. Es ist, als würde ihre Lebensgeschichte noch einmal von vorne beginnen. Sie steht auf, ohne zu bemerken, dass sie dabei den Stuhl umstößt. Sie rennt die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Ihr altes Zimmer. Ihr neues Zimmer mit allem darin, was ein Mädchenherz sich nur wünschen kann. Aber wie lange wird es ihr noch so gut gehen? Livia weiß, was passiert, wenn ein zweites Kind in die Familie kommt.

Doch diesmal ist sie vorgewarnt. Diesmal wird man sie nicht überraschen. Überrumpeln.

Livia lässt sich Zeit. Ein halbes Jahr lang tut sie so, als freue sie sich auf den Nachwuchs. Und als Konstantin dann auf der Welt ist, beobachtet sie ihre neuen Eltern sehr genau. Ja, es ist so, wie sie befürchtet hat. Alles dreht sich plötzlich um den Kleinen. Gut, Andrej fährt sie weiterhin zum Ballett und zum Reiten. Olga liest ihr jeden Abend eine Gutenachtgeschichte vor. Und sie hat die beiden noch nie dabei belauscht, wie sie Pläne schmieden, um Livia wieder loszuwerden. Aber das bedeutet gar nichts. Sicher hat sie es nur nicht mitbekommen.

Dann, eines Tages, ist es soweit. „Livia, wir müssen für eine Woche nach Frankreich. Arbeit. Konstantin nehmen wir mit. Aber du musst hierbleiben. Du hast Schule, Reiten, Ballett. Olgas Freundin Nadja wird auf dich aufpassen. Und wir sind in einer Woche wieder da und bringen dir was ganz Tolles mit. Was wünscht du dir am meisten? Eine große Mickey Maus? Oder einen Tüllrock?“

Livia schaut die beiden aus ihren großen, stechend grauen Augen an.

Später, als Konstantin seinen Mittagsschlaf hält, schleicht sie zu ihm ins Zimmer. Wie friedlich er da liegt. Ein rosa Gesichtchen, umrahmt von blonden Locken. „Er ist viel schöner als ich“, denkt Livia. „Ich hasse ihn.“

Sie beugt sich zu dem Baby hinunter. Und beißt zu. Kräftig. Das Blut schmeckt süß. Sie kann gar nicht genug davon trinken.

Dann geht sie in ihr Zimmer. Zieht an, was sie trug, als sie aus dem Grab gestiegen ist. Hinauf auf den Hügel, zum Friedhof, in den Teil für Vampire. Sie legt sich in ihr Grab. Mit dem Gesicht nach unten. Das Schloss umschließt ihre Füße. Aber den Schlüssel gräbt sie in die Erde unter sich ein. Sie wird noch ein paar Jahre warten. Jahrhunderte, vielleicht. Und es noch einmal versuchen, mit ihrer Rache.

Konstantin, der offenbar am plötzlichen Kindstod gestorben ist, wie die Eltern sagen, wird auch auf dem Friedhof begraben, nicht allzu weit von Livia entfernt. „Das war bestimmt ein Vampir“, flüstern die Alten. „Habt ihr gesehen, wie blass das Kind war? Und wieso ist das kleine Mädchen so plötzlich verschwunden, gleichzeitig mit dem Tod des Jungen?“ Aber wer hört schon auf sie?

Diese Geschichte ist entstanden, nachdem ich vom Fund eines „Kindervampirs“ in einem polnischen Dorf gelesen habe.  

MiniKrimi Adventskalender am 21. Dezember


Kommt Zeit, kommt Rat

von Roswitha Zatlokal

Kommt Zeit, kommt Rat von Roswitha Zatlokal

Widerwillig betrat Otto das Lokal. Ihm war sofort klar, warum Regina ausgerechnet dieses Schickimicki-Restaurant ausgesucht hatte. Er hasste diese eingebildeten Deppen, die in derartigen Lokalitäten verkehrten, und das wusste sie. „Zieh dir gefälligst was Anständiges an“, hatte sie ihn am Telefon noch angekeift. Als ob er nicht immer ordentlich angezogen wäre. Nur weil er kein Anzugträger war, hieß das noch lange nicht, dass er sich nicht zu kleiden wusste. Hoffentlich war dieser Zirkus bald vorbei. Diese Frau brachte ihn noch ins Grab.

Suchend sah er sich um. Ein Kellner watschelte schnurstracks in seine Richtung. Sein Auftreten eine Spur zu hochnäsig, die angedeutete Verbeugung beinahe widerwillig ausgeführt. Herablassend fragte er: „Sie wünschen, der Herr?“

„Ich werde erwartet. Von Frau Mittergruber Regina, um genauer zu sein.“ Otto sah über die Schulter des Kellners. „Ah, da hinten sitzt sie ja und winkt mir zu. Danke.“ Er streifte den Kellner im Vorbeigehen an der Schulter, entschuldigte sich jedoch nicht. Forschen Schrittes ging er auf Reginas Tisch zu. „Wieso hier in diesem Restaurant? Und warum jetzt? Und wie bist du überhaupt an die Reservierung gekommen, wartet man hier nicht wochenlang auf einen Tisch? Ich übernehme mit Sicherheit nicht die Rechnung, meine Liebe.“

„Freut mich auch, dich zu sehen, mein Lieber.“ Sie erhob sich. Angedeutete Küsschen links rechts wurden an seinen Ohren vorbeigehaucht, seine Hände von ihren gedrückt. „Komm, schau nicht so grantig. Setz dich.“

„Was willst du?“ Er traute dem plötzlichen Frieden nicht. „Geht es um die Scheidung? Das Haus? Das Auto?“

„Aber nicht doch, mein Lieber, nichts dergleichen. Ich hab nachgedacht. Alles, was ich will, ist Theo. Sonst nichts.“

„Theo?“ Er spürte die Bleiche in seinem Gesicht aufsteigen, Schwindel ergriff ihn. „Wieso Theo. Du weißt genau, wie viel er mir bedeutet.“

„Schau, ich liebe Theo doch auch. Im Gegenzug verzichte ich auf alle deine Reichtümer.“ Sie zeichnete bei ihrem letzten Wort Entenfüßchen in die Luft. „Sogar auf die mir zustehenden.“ Betont milde lächelte sie, zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

„Ich verstehe nicht ganz. Wieso? Du hast doch bis vorige Woche um jeden Cent gestritten. Ist es, weil du mein Elternhaus nicht kriegst?“

„Ach, komm. Das hab ich doch nur gesagt um dich zu ärgern. Wer will schon dieses alte Haus? Werde doch glücklich damit. Ich habe alles schon geplant. Ich ziehe nach unserer Scheidung zu meiner Schwester nach Spanien, brauche also deinen ganzen Krempel überhaupt nicht. Aber Theo würde ich gerne mitnehmen. Er gehört schließlich nicht nur dir. Wir haben ihn gemeinsam zu uns geholt, falls du dich noch daran erinnerst, mein Lieber.“

„Im Adoptionsvertrag steht aber mein Name.“ Seine Augenbrauen zogen sich unwillkürlich zusammen, die Ader auf seiner Stirn pochte. Er hasste es, wenn er so reagierte. Regina brauchte ihn nur anzusehen, und sie wusste, wie es um ihn stand.

„Otto, Theo ist doch nur ein Hund. Du kannst dir einen anderen aus dem Tierheim holen.“ Sie lächelte zuckersüß.

„Nur ein Hund? Nur ein Hund?“ Seine Stimme überschlug sich beinahe. Die anderen Gäste reckten ihre Hälse. Empörte Blicke wegen der mittäglichen Ruhestörung und aufgeregtes Murmeln waren die Folge seines Ausbruches. Besänftigend hob er die Hände und deutete eine Verbeugung in sämtliche Richtungen an. Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, sich in der Öffentlichkeit zu streiten. Er durfte nichts tun, was ihr bei der Scheidung in die Hände spielte.

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Du weißt, dass ich das nicht so gemeint habe. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen …“

„Warum um Teufels Namen holst DU dir nicht einfach einen anderen Hund? Wieso möchtest du unbedingt Theo?“

„Dasselbe habe ich eben zu dir gesagt, mein Lieber.“ Freundlich lächelte sie ihn an.

Sie beobachtete wie er an seinem Hemdkragen zerrte. Jetzt hatte sie ihn genau da wo sie ihn haben wollte. Aufgebracht, polternd und am Rande eines Herzinfarkts. Ein Riese von einem Mann, der wegen eines kleinen Hundes jämmerlich einknickte und vor Verzweiflung am liebsten losgeheult hätte. Insgeheim kicherte sie in sich hinein. Er war so herrlich einfach gestrickt, so berechenbar. Ihn zu manipulieren bereitete ihr eine Mordsfreude.

„Niemals. Nur über meine Leiche“, keuchte er mit hochrotem Gesicht. „Theo ist alles für mich.“ Er griff sich an die Brust. „Du miese kleine …“ Er röchelte.

„Ja, ja. Aber hier trink erst einmal einen Schluck Wasser. Du kriegst ja noch einen Herzinfarkt, wenn du so weitermachst. Ich weiß, Theo erinnert dich an deinen Strolchi aus Kindheitstagen, der für dich gestorben ist, indem er dich von der Straße weggezogen hat, um dich vor einem Auto zu retten. Aber Theo ist nicht Strolchi. Hol dir einen ähnlich aussehenden Hund und gib mir Theo. Dann siehst du mich nie wieder.“

Er griff mit zitternden Händen nach dem Glas, stürzte den Inhalt hinunter. Dann nestelte er eine Packung Tabletten aus seiner Jackentasche. „Los, gib mir noch ein Glas Wasser.“ Sie füllte das Glas nach und sah ihm zu, wie er zwei Tabletten aus der Schachtel nahm und mit dem Wasser einnahm. „Niemals! Du kriegst Theo niemals. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen! Er sprang auf, der Stuhl kippte polternd zu Boden. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, meine Liebe.“ Als wäre der Teufel hinter ihm her, rannte er aus dem Lokal. Entschuldigend nickte Regina in die Runde. Mitfühlende Blicke streiften sie. Regina deutete dem Kellner, die Rechnung zu bringen.

„Nicht doch, meine Liebe. Ich übernehme das für Sie. Dieser Rüpel hat sie doch tatsächlich mit der Rechnung sitzen gelassen, Menschen gibt`s.“ Der Herr vom Nebentisch gab dem Kellner ein Zeichen, alles auf seine Rechnung zu schreiben.

„Danke, das ist sehr nett von Ihnen.“ Regina nickte höflich und verließ hocherhobenen Hauptes das Restaurant.

„Was haben wir?“ Major Stettel von der Mordkommision stopfte sich den Rest seiner Leberkässemmel in den Mund und schaute seinen Kollegen Meierhofer, der bereits in einem kleinen Park auf ihn wartete, erwartungsvoll an.

„Gute Frage. Männliche Leiche, Mitte fünfzig, keine äußeren Verletzungen. Gefunden wurde er von der Dame dort drüben. Anfangs dachte sie, er schlafe hier seinen Rausch aus. Als sie ihn nicht wachbekam, hat sie sofort die Rettung und die Polizei verständigt.“

„Und wieso bin ich hier?“ Stettel dachte an die zweite Leberkässemmel im Auto, die er noch gerne gegessen hätte, solange der Leberkäse noch heiß war.

„Weil es auch dein Job ist, hier zu sein. Fürchtest du dich neuerdings vor Tatorten?“

„Quatsch. Aber ein Toter ohne jegliche Gewaltanwendung kann auch bis morgen auf mich warten. Oder schaffst du den nicht alleine? Was sagt denn unser Medikus?“

„Erst wenn der Mann auf seinem Tisch war, kann er mehr sagen.“

„Also wie immer. Gut, dann geh ich wieder zu meiner Leberkässemmel.“

Seufzend sah ihm Meierhofer nach. Stettel war der unmotivierteste Kollege, mit dem er jemals zusammengearbeitet hatte. Welch ein Glück, dass Stettel in drei Wochen in Pension ging.

„Meine Lieben, der Doc sagt, Euer Toter vom Park hatte es mit dem Herzen. Möglich, dass er wegen der Herzattacke panisch wurde und sich zu viele Medikamente eingeschmissen hat. Ihr wisst ja, wenn das Herz rast, sich vielleicht sogar der Hals zuschnürt und man nach Luft schnappt …Aber das müsst ihr herausfinden.“ Inspektor Gruber legte einen Akt auf Meierhofers Schreibtisch.

„Also nix mit Mord. Wie ich es mir ja gleich gedacht habe.“ Stettel grinste selbstgefällig.

„Zumindest auf den ersten Blick, sagt der Doc.“ Gruber stibitzte sich einen Keks von Stettels Schreibtisch. „Ich soll dir übrigens ausrichten, dass du deinen Leberkässemmel-Konsum ein wenig einschränken sollst, deine Blutfette sind nicht gerade ohne.“

„Was zum Teufel gehen dich meine Blutfette an? Hat der Doc nicht so was wie Verschwiegenheitspflicht?“, grantelte Stettel. „Da bittet man ihn um eine Kleinigkeit, und der macht das gleich in der ganzen Abteilung publik.

„Selber schuld, wenn du in die Patho gehst statt zum Hausarzt.“ Meierhofer schüttelte missbilligend den Kopf.

„Ich wollte doch nur Elvira beweisen, dass alles in Ordnung ist.“

„Oh, hat die Frau Gemahlin bemerkt, dass du von ihrer gesunden Jause nicht so zugenommen haben kannst und Euer Hausarzt ihr das stecken könnte?“, feixte Gruber.

Meierhofer griff nach seiner Jacke. „Du, ich möchte trotzdem nochmal mit der Frau von unserem Toten reden. Die hat das doch sehr gefasst aufgenommen, das mit seinem plötzlichen Tod. Findest nicht auch?“

„Die leben schließlich getrennt, wollten sich scheiden lassen. Warum sollte sie sein Tod da noch erschüttern? Hat sie nicht gesagt, dass sie nach der Scheidung zu ihrer Schwester nach Spanien ziehen wollte?“

„Hat sie. Aber was heißt das schon?“

„Frau Bogner, Ihr Mann hatte es mit dem Herzen?“ Meierhofer zückte Bleistift und Notizblock und sah sie erwartungsvoll an. Stettler seufzte insgeheim. Dass Meierhofer immer so eine Getue veranstalten musste. Der guckte echt zu viele Krimis im Fernsehen.

„Ja, das sagte ich Ihnen ja schon. Und auch, dass er sich bei unserem Gespräch furchtbar aufgeregt hat. Es war eine derart peinliche Situation, einfach nur furchtbar.“

„Wir haben im Lokal nachgefragt. Ihre Aussage wurde uns bestätigt. Aber nochmals, nur damit ich es auch verstehe: Ihr Mann hat sich wegen ihrem Hund Theo so aufgeregt?“

„Ja. Ich wollte Theo mitnehmen ins sonnige Spanien. Das hat ihn total aufgebracht. Plötzlich wollte er den Hund behalten und mir im Gegenzug sogar sein Elternhaus überschreiben. Aber der Herr vom Nebentisch hat das ja alles mitangehört. Leider.“

„Nun, das mit Theo hat er mitbekommen. Aber ob ihr Mann ihnen das Haus überschreiben wollte, konnte er nicht bestätigen. Obwohl die Worte Haus und Vermögen gefallen sind, sagt er. Auch hat er gesehen, dass ihr Mann etwas einnahm.“

„Ja, auch das sagte ich Ihnen schon. Seine Medikamente. Aber was wollen Sie jetzt von mir?“

„Laut ihrem Hausarzt Doktor Pichler war ihr Mann doch schon seit zehn Jahren krank und wusste genau umzugehen mit seinen Medikamenten. Wieso also hat er sich dieses Mal wohl bei der Dosierung vertan?“

„Sie fragen mich das im Ernst? Ich meine, ich war doch nicht ständig bei ihm. Woher soll ich das denn wissen?“ Regina zog ihre Augenbrauen derart hoch, dass Stettler befürchtete, sie würden ihr am Haaransatz kleben bleiben.

„Wer alles hatte Zugang zu den Medikamenten?“ Meierhofer ließ nicht locker. Stettler verfluchte ihn dafür. Er könnte jetzt friedlich im Büro bei einem Kaffee sitzen und sich im Internet die Wiederholung des gestrigen Fußballspieles ansehen, welches er versäumt hatte. Er hatte extra keine Zeitung gelesen und keine Nachrichten gehört, damit er das Ergebnis nicht kannte. Aber nein, sein Herr Kollege musste ja nachfragen. Wenn der sich wo festgebissen hatte, gab es kein Erbarmen.

„Auch das kann ich Ihnen nicht sagen, da ich bereits seit Wochen nicht mehr im Haus wohne. Ich hatte doch nicht einmal mehr einen Schlüssel dafür.“

„Aber sie wollten doch gar nichts, sagten sie.“

„Ach du meine Güte. Haben Sie sich noch nie getrennt? Da sagt und tut man Dinge, die man gar nicht so meint und im Prinzip auch gar nicht machen möchte. Hören Sie, wenn Sie mich jetzt nicht bald in Ruhe lassen, rufe ich meinen Anwalt an. Ich fühle mich schikaniert.“ Sie verschränkte die Arme und schaute ihn böse an.

„Wann fliegen Sie nach Spanien?“ Stettler wollte das Thema wechseln. Auch ihm ging Meierhofer mittlerweile gründlich auf die Nerven.

„Ich weiß es noch nicht. Es gibt noch so viel zu erledigen. Die Beerdigung und die Verlassenschaftsangelegenheiten. Keine Ahnung.“

„Sie wandern also trotzdem noch aus?“ Meierhofer konnte es einfach nicht lassen.

„Ich weiß es noch nicht. Würden Sie jetzt bitte gehen?“

„Eine Frage noch“, Meierhofer kratzte sich am Kopf. „Was wollte Ihr Mann wohl in dem Park?“

„Vielleicht sich beruhigen, was weiß ich! Wahrscheinlich ist er rausgerannt aus dem Restaurant und hat sich dort auf diese blöde Bank gesetzt, um sich zu beruhigen.“

„Was war das gerade? Wieso schikanierst du die Frau so? Ich meine, wie soll die Schuld am Tod ihres Mannes sein? Indem sie mit ihm gestritten hat?“, giftete Stettler, kaum dass sie vor dem Haus standen.

„Da stinkt doch was. Ich mein, die bestellt ihn in dieses schicke Lokal, streitet mit ihm, und dann fällt der einfach tot um?“ Meierhofer schüttelte den Kopf. „Das stinkt, sag ich dir.“

„Nein, er ist gestorben, weil er sauwütend war und sich dadurch sein Zustand derart verschlechterte, dass er in Panik zu viele Medikamente zu sich nahm. Das ist ein großer Unterschied, mein Lieber. Nicht alle Witwen haben ihre Männer umgebracht.“

Am Tag der Beerdigung beobachtete Meierhofer griesgrämig aus einiger Entfernung  die Trauerzeremonie. Es ärgerte ihn maßlos, dass der Leichnam trotz seines Protestes freigegeben worden war. Stettler, dieser verfressene Faulpelz, hatte dem Staatsanwalt bestätigt, dass es keinerlei Indizien für einen gewaltsamen Tod gab. Die Witwe veranlasste natürlich sofort eine Feuerbestattung. Hätte er auch gemacht an ihrer Stelle. Einen verdammten Tag mehr hätte es gebraucht, und dieser Vollpfosten wäre in die Pension verabschiedet gewesen. Meierhofer schüttelte verärgert den Kopf.

Erleichtert und mit sich zufrieden stieg Regina vor ihrem Haus aus dem Taxi. Mit dem Wissen, wie es um Otto stand, war alles ein Kinderspiel gewesen. Aufregungen taten ihm nicht gut. Aufregungen am laufenden Band waren mittlerweile lebensbedrohlich für ihn. Ihn zu ärgern war nicht schwer gewesen. Otto kochte schon immer leicht über, geriet wegen Kleinigkeiten in Rage. Ihn dann auf diesem Level zu halten, war das reinste Kinderspiel, je länger sich die Scheidungsgeschichte hinzog. Theo ins Spiel zu bringen, war ihr Meisterstück. Niemals hätte er freiwillig auf seinen geliebten Hund verzichtet. Niemals! Sie grinste zufrieden und schloss die Tür auf.

„Frau Bogner?“ Eine Männerstimme brachte sie zum Innehalten. Langsam drehte sie sich um. Es war der nette Mann aus dem Restaurant, der ihre Rechnung übernommen hatte.

„Ja?“ Misstrauisch beäugte sie ihn.

„Ich denke, wir haben einiges zu bereden.“

„Wir? Ach, wegen der Rechnung vom Restaurant? Wollen Sie das Geld zurück?“

„Geld will ich schon, aber nicht für die Restaurantrechnung. Das wäre doch unehrenhaft, das Geld jetzt von Ihnen zurückzuverlangen, finden Sie nicht auch?“

„Aber, was wollen Sie denn dann von mir?“

„Nun, ich habe alles gesehen. Sie wissen schon, die Tabletten in der Wasserkaraffe, die Sie dann nach all der Aufregung aus Versehen umgeschüttet haben und das alles.“

Verdammt, dieser Mistkerl! Ob er bluffte? „Ich weiß zwar nicht wovon Sie reden, aber kommen Sie doch erst einmal herein.“ Regina hielt ihm freundlich die Tür auf. Nur nicht aufregen, Regina, dachte sie bei sich. Wie hat Großmutter schon immer gesagt? Kommt Zeit, kommt Rat. Sie lächelte und schloss die Tür hinter sich.

Mehr über Roswitha Zatloka findet Ihr hier https://www.roswithazatlokal.com

MiniKrimi Adentskalender am 20. Dezember


Heute verbirgt sich hinter dem Türchen der Auszug aus einem Thriller, der nächstes Jahr in der Anthologie „Sommerkrimis“ erscheinen wird. Ihr erfahrt alles Wichtige dazu dann zeitnah.

Die dreizehnte Fee (Auszug)

I

„Oscar! Komm runter und setz dich an den Tisch. Dein Kakao wird kalt.“

„Ich will keinen Kakao. Der hat zu viel Zucker und macht mir Karies. Hat Onkel Theo gesagt. Der ist Zahnarzt und muss es wissen. Und auf meinem Brot ist viel zu wenig Nutella.“

Ellen übergeht den Widerspruch in den Aussagen ihres neunjährigen Sohnes. Sie weiß aus leidvoller Erfahrung, dass eine Diskussion über Zahnhygiene nicht bis zur Abfahrt des Schulbusses beendet wäre. Stattdessen geht sie zur Treppe, legt den Kopf in den Nacken und hält nach ihrer Tochter Olive Ausschau.

„So kannst du unmöglich in die Schule gehen“, sagt sie, als die 14-Jährige aus ihrem Zimmer kommt, in zerrissenen Shorts über löcherigen Strumpfhosen.

„Ach Mama, du hast ja absolut eine Ahnung. Deine Ansichten sind sowas von cringe“, sagt Olive, setzt eine gelangweilte Mine auf und greift nach einer Banane. „Igitt, die hat ja schon braunen Flecken.“ „Gestern war sie noch grün, da wolltest du sie auch nicht.“ Ellens Stimme zittert. Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie Oscar das Gesicht verzieht, seinen Stuhl zurückschiebt und mit dem angebissenen Brot in der einen und dem Rucksack in der anderen Hand aus der Küche stürmt. Die Haustür fällt krachend ins Schloss, und Ellen ist allein mit den Spuren ihrer Kinder: Patchouliduft in der Luft und Nutellakleckse auf dem Teppich.

‚So kann das nicht weitergehen‘, denkt sie. ‚Ich schaffe das nicht. Ich kann einfach nicht an drei Fronten kämpfen. Haushalt, Kinder und Beruf.‘ Ellen ist Enthüllungsjournalistin und arbeitet gerade an einem hochbrisanten Fall. Es geht um Organhandel bei Kindern. Ihre Undercover-Ermittlungen haben sie bis ins Herz der kriminellen Organisation geführt, die offenbar dahintersteckt. Nächste Woche soll ein Junge im Haunerschen Kinderspital in München eine neue Leber erhalten. Illegal beschafft. Das wird ihr größter Coup, der sie direkt in den Chefsessel ihrer Zeitung katapultieren kann. Oder in hohem Bogen auf die Straße, vielleicht mit einer Kugel im Kopf. Die Leute, denen sie auf der Spur ist, gehen über Leichen.

„Ellen, mein Frühstück!“ Ihr Vater ist die vierte Front, an der Ellen kämpft. Der demente Professor lebt seit seiner Alzheimer-Diagnose mit in der geräumigen Jugendstilvilla im Münchner Villenviertel Nymphenburg und wird von seiner Tochter betreut. Aber die Krankheit schreitet schneller fort, als erwartet, und Ellen weiß, dass sie weder seinen Bedürfnissen noch seinem Bedarf gerecht werden kann. Und will.

‚Was mach‘ ich nur‘, denkt sie. Gottseidank ist Klaus nicht auch noch da. Klaus ist ihr Mann. Herzensgut. Ein liebender Vater, treusorgender Partner und verständnisvoller Schwiegersohn. Aber seit Opa Heinrich eingezogen ist und Elvira jede freie Minute mit ihrer Recherche verbringt, fährt Klaus immer öfter und immer länger für sein Pharmainstitut auf Kongresse und Forschungsreisen. Ewig wird Klaus die Situation nicht tolerieren, das weiß sie. Und dann?

Ellen zündet sich eine Zigarette an – nachher wird sie lüften, damit die Kinder nichts merken. Schließlich kannst du ihnen schlecht das Rauchen verbieten und dann selbst wie ein Schlot das Haus vollqualmen. Auf dem Küchentisch liegt der Wochenanzeiger, mit dem sie den Biomülleimer auskleiden wollte. Abwesend überfliegt sie die Kleinanzeigen.

„Ich bin ihre gute Fee!
Mary Poppins gibt es wirklich: Sie stehen im Stress, beruflich und privat? Kein Problem. Ein Anruf – und Mary kommt zu Ihnen nach Hause. Mit einem Koffer voller praktischer Hilfen. Sie werden sehen, mit Mary läuft ihr Leben wieder glatt. Worauf warten Sie noch? Ich kann morgen bei Ihnen sein.“

Mary Poppins? Das kann doch nicht wahr sein. Nein, der Name neben der Telefonnummer lautet Mahler, nicht Poppins. Mary Mahler, Haushaltshilfe für dringende Fälle. ‚Wenn das kein dringender Fall ist, dann weiß ich auch nicht‘, denkt Ellen und wählt, bevor sie es sich anders überlegt und ihr Verstand sie mit einer Flut rationaler Gegenargumente überspült.

Drei Stunden später steht Mary vor der Tür. Mit blauem Mantel, grauem Hut – trotz der Hitze, einer großen altmodischen Reisetasche und – tatsächlich – einem Stockschirm. So weit hätte sie das Spiel nicht zu treiben brauchen, denkt Ellen. Aber sie muss zugeben, Marys Auftreten signalisiert Kompetenz und flößt Vertrauen ein.

„Mary Poppins war der Lieblingsfilm meines Vaters. Ich bin als Kind mit „Chim Chim Cheree“ eingeschlafen, und

später hat Papa mir erzählt, dass ich genau deswegen Mary heiße. Er war wirklich ein außergewöhnlicher Mann. Er hat mich über alles geliebt.“ Mary Mahler lacht und summt den Refrain des Liedes. ‚Hoffentlich singt sie das nicht, wenn die Kids daheim sind. Die machen sie sofort fertig. Und dann stehe ich wieder ohne Haushaltshilfe da‘, denkt Ellen. Denn sie hat sich bereits entschieden. „Ehm – wann könnten Sie denn anfangen?“, fragt sie und denkt „bitte sofort, bitte, bitte!“.

„Morgen ist der 1. Juli. Würde Ihnen das als Anfangstermin passen? Meine letzte Arbeitgeberin war krank, und ihre Tochter hat sie ganz plötzlich zu sich geholt. Sie hat eine Villa in Südfrankreich und glaubt, das Klima werde ihrer Mutter guttun. Ich bin also quasi vogelfrei“, lacht Mary und stimmt schon wieder ein Lied an: „Wer ist nicht vergnügt, wenn hoch sein Drachen fliegt.“ „Schauen Sie sich bis morgen in Ruhe meine Referenzen an“. Sie legt einen schwarzen Ordner auf den Küchentisch, von dem sie zuvor mit einem großen Leinentaschentuch ein paar Krümel und Nutellaspritzer entfernt hat.

„Ja. Wunderbar. Danke. Dann… bis morgen!“ Sie begleitet Mary Mahler zur Tür und schaut ihr nach, bis sie das Gartentor sorgfältig hinter sich zugezogen hat. Und wundert sich beinahe, dass kein Westwind kommt und die dunkle Gestalt in den blauen Sommerhimmel entschwinden lässt.

II

„Ellen! Wo bleibt das Mittagessen? Und wo ist deine Mutter? Der Kaffee ist schon wieder zu dünn. Warum lernst du nicht, wie man einen guten Expresso kocht?“ Noch bevor Heinrich, Ellens Vater, das Arbeitszimmer betreten hat, riecht seine Tochter ihn. Die Mischung aus Schweiß, Urin, Rauch und kaltem Kaffee umgibt ihn wie ein penetrantes Parfum. Old man, nicht Old Spice, obwohl er auch danach riecht, „on top“.

Ellen dreht sich um und verdeckt den IMac mit ihrem Körper. Auch, wenn er längst keine medizinischen Fachtermini mehr versteht, ist der frühere Leiter der Transplantationsmedizin eines großen bayerischen Klinikums sehr an der Arbeit seiner Tochter interessiert, allerdings ohne das, was er liest, einordnen zu können. Und das kann gefährlich sein.

„Erstens, guten Morgen auch dir, Papa. Zweitens: Dein Essen auf Rädern kommt um eins. Drittens: deine Frau ist dir schon vor Jahren ins Nirwana vorausgegangen. Und viertens: ab morgen haben wir eine kompetente Haushaltshilfe. Vielleicht macht die einen besseren „Expresso“. Und jetzt entschuldige mich, ich muss arbeiten. 

III

„Ich könnte glatt anfangen, an Märchen zu glauben“, denkt Ellen. Es ist der 8. Juli, Mary arbeitet erst eine Woche für sie, aber Ellen kann sich schon gar nicht mehr an die Zeit erinnern, als sie ohne ihre kompetente Hilfe auskommen musste. Das Haus ist aufgeräumt und sauber, der Kühlschrank immer gut gefüllt, und wie durch Zauberhand mit genau den Sachen, die ihre Familie am liebsten mag. Gut, in den ersten Tagen hat Ellen noch versucht, einen gesundheitsorientierteren Einfluss auf den Einkauf zu nehmen. Mehr Obst und Gemüse, weniger Fleisch, Chips und Schokolade. „Keine Sorge, ich achte auf eine ausgewogene Ernährung. Das Fleisch ist Bio, Chips und Schokolade sind vegan. Aber wenn ich sie ohne Verpackung serviere, merkt das niemand“, hat Mary geantwortet. „Und sehen Sie, es schmeckt Ihrer Familie ganz vorzüglich!“

Ellen hält das Wort „vorzüglich“ für antiquiert, genauso wie die knielangen blauen Röcke, die Poloblusen in Pastell, die Nylons und die flachen Pumps, Marys Arbeitsuniform, die ihr bei den Kindern schnell den Spitznamen „die Nanny“ eingebracht hat. Aber Mary hat recht: ihre Familie sitzt jetzt andächtig und einträchtig in der geräumigen Wohnküche und isst, was auf den Tisch kommt. Vorbei das Gemäkele von Oscar über zu viel Salat und zu wenig Wurst und Olives Kritik an zu viel Fett und zu wenig Proteinen. Heinrich bringt es auf den Punkt: „Mary kann einfach wunderbar kochen. Und sie nimmt sich auch die Zeit dafür.“ Im Gegensatz zu dir, sagen drei Augenpaare und fixieren Ellen mit diesem Blick, in dem sich Mitleid und Verachtung die Waage halten. Noch. Dabei kann Ellen sich sehr genau an die Zeiten erinnern, als das gemeinsame Abendessen ein Fest für alle war. Mit liebevoll zubereiteten Speisen, einem schön gedeckten Tisch und lauten Erzählungen über all die großen und kleinen Dinge, die den Alltag erfüllt hatten. Wann genau hat sich das geändert? Warum? ‚Ist das wirklich alles meine Schuld?‘, fragt sie sich. Die Kinder wachsen und ändern ihre Vorstellungen und Erwartungen an Familie. Heinrich fordert mehr und mehr Aufmerksamkeit. Klaus ist oft wochenlang unterwegs. Und dann ist da die große Sache, an der Ellen dran ist. Eine Gelegenheit, die sie sich nicht entgehen lassen darf. Nicht nur für sich. Auch für die Betroffenen. Denn hier geht es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Ja, sie hat ihre Prioritäten geändert. Aber sie ist damit nicht allein.

MIniKrimi Adventskalender am 19. Dezember


Die Wattwanderung

(Anfang Kapitel 2 aus: „Die Posaune im Watt“)

von Gesa Schröder

Am Ortsrand hatte sich mit den ersten noch schwachen Sonnenstrahlen auf dem grünen Deich inmitten der Schafe allmählich eine bunte Gruppe aus gelben Öljacken versammelt, mit Mützen in allen Farben, roten und blauen Gummistiefeln, viele aber auch barfuß mit aufgekrempelten Jeans. Die Wattführerin Telse sah sie sofort, als sie über die Deichkrone kam.

Die Sonne, die kurz zuvor noch rot war und sich im Watt spiegelte, wurde von Minute zu Minute stärker, heller, gelber, höher. Immer mehr Gesichter verstecktеn sich hinter Sonnenbrillen, als Telse den Deich hinunterschlenderte, mit dem obligatorischen Rucksack, einem Klappspaten und einem Kescher in der Hand.

Die geplante Wattwanderung war anspruchsvoll, gute 3 Stunden hin, der Rückweg dauerte oft etwas länger. Und das alles im Rhythmus der Gezeiten, d.h. sie mussten rechtzeitig vor der Flut zurück sein.

„Guten Morgen“, sagte sie mit strahlendem Lächeln und frischem Ton. „Ich bin Telse, eure Wattführerin. Normalerweise duzen wir uns hier, im Watt, vor allem wenn wir mehrere Stunden miteinander verbringen und wahrscheinlich keine anderen Lebewesen treffen werden, abgesehen natürlich von Möwen, Austernfischern, Krabben, Muscheln, Wattwürmern, Quallen, vielleicht ein paar jungen Plattfischen, und wenn wir Glück haben, sehen wir vielleicht auch einen Seehund oder einen Katzenhai.“

Bei dem Wort Hai erstarb auf einigen Gesichtern das Lächeln.

„Keine Angst“, lachte Telse, „wir gehen ja auf dem Watt. Die Katzenhaie und andere gefährliche Tiere sind nur in den Prielen.“

„Was ist ein Priel?“, kreischte eine junge Stimme dazwischen. Telse sah sich um. Sie sah sich das Mädchen an, überlegte, wie alt sie wohl war und ob sie die lange Wanderung durchhalten würde.

„Alles in Ordnung“, sagte der Mann neben ihr, „das ist meine Tochter Levke, sie hat heute Geburtstag, ist gerade 13 geworden. Die Wanderung ist ihr Geburtstagsgeschenk. Sie will Biologin werden.“

„Aha“, sagte Telse.  „Herzlichen Glückwunsch. Gute Frage! Was ist ein Priel? Damit fangen wir gleich an. Da unten seht ihr schon einen.“ Sie zeigte auf einen kleinen gekrümmten Wasserlauf, der eher einer Pfütze ähnelte.

Telse wies noch einmal alle Teilnehmer darauf hin, dass sie, wenn sie barfuß gingen, ihren Blick immer auf den Boden richten mussten, um sich nicht an einer Muschel zu verletzen. Sie hatte zwar Leuchtkugeln, Pflaster, Mullbinden und Jod dabei. Aber auf Blutvergiftungen war sie nicht scharf.

Sie erklärte kurz, was Ebbe und Flut ist, und nannte auch die Uhrzeiten aus dem Gezeitenkalender. „Wir wollen ungefähr eine Stunde vor der Tiefebbe, oder Hohlebbe, wie wir hier sagen, auf der Muschelbank von Blauortsand sein, damit wir dann gefahrlos den Rückweg schaffen.“

Auf den ersten hundert Metern zeigte sie die Buhnen und Lahnungen, kleine Zäune aus Reisigbündeln, die vom Deich ins Meer streben und als Wellenbrecher und zur Landgewinnung dienen. Hinter der letzten Buhne trafen sie auf den ersten richtigen Priel, der sich tief eingegraben hatte und seine unterschiedlich gefärbten Schichten an der Abbruchkante zeigte.

„Die Priele sind wie kleine Flüsse, über die das Wasser kommt oder abfließt. Dadurch wechseln sie alle sechseinhalb Stunden die Fließrichtung. Hier sammeln sich besonders gern die Muscheln, seit einiger Zeit auch viele Austern“, erzählte Telse weiter.

„Wenn die Austernmuscheln offen sind, haben sie diese leuchtende Perlmuttbeschichtung, die ihr sicher alle kennt. Man sieht sie oft schon von Weitem leuchten, aber sie sind sehr scharfkantig, also passt auf eure Füße auf!“

„Da hinten leuchtet was, aber das sieht eher golden aus als weiß oder perlmutt“, rief Levke, die in bester Geburtstagslaune war.

Sie folgten dem Priel, der an seiner Außenkurve besonders hoch abfiel und zwischen der hellen und der dunklen Schlick-Schicht leuchtete tatsächlich etwas Goldenes. Ein gebogenes Stück Metall, wie ein umgeknicktes dünnes Wasserrohr. Levke hockte schon davor und versuchte, es heraus zu ziehen. Aber es steckte zu fest. Als die ganze Gruppe da war, staunten alle das Stück Gold an. Auch Telse.

„Goldsucher im Watt“, sagte einer, „das ist mal was!“

„Das ist kein Gold“, brummte ein Mann aus der hinteren Reihe, „das ist Messing. Das gehört zu einer Trompete oder so etwas Ähnlichem.“

Alle sahen sich nach ihm um und betasteten dann das Metallstück. Ja, der Mann hatte recht, wie hatte er das aus der Entfernung so schnell erkennen können? Plötzlich erwachte bei allen eine Schatzsucher-Mentalität.

„Hier soll ja irgendwo mal eine versunkene Stadt gestanden haben“, sagte eine Frau und sah sich suchend um.

Abwechselnd zogen und zerrten sie an dem Teil, das aber mit beiden Enden tief im Watt steckte und sich offensichtlich im Schlick festgesogen hatte.  Doch irgendwann lockerte es sich und gab nach. Levkes Vater, der gerade daran gezogen hatte, fiel mit einem Schwung nach hinten, ins nasse Watt und in das Prielwasser.  Er saß nun zwar mit dem Hinterteil im Wasser, hatte aber zufrieden ein Stück Messing in der Hand, zwei lange hohle Stangen, die durch eine Rundung miteinander verbunden waren.

„Keine Trompete“, brummte nun der Experte, „das ist der Zug einer Posaune!“

Die Gruppe sah ihn an. Er schien wirklich ein Experte zu sein. Wenn vorhin noch Telse alles erklärte, so hingen sie jetzt an seinen Lippen. „Jetzt ist er hin, der Zug. Voller Sand. Das rutscht nie wieder glatt.“

„Zug einer Posaune?“

„Ja, das ist der Teil der Posaune, den man hin und her zieht oder schiebt, dann kommen die unterschiedlichen Töne heraus.“ Er klang etwas ungeduldig. „Habt ihr noch nie eine Posaune gesehen?“

Nach zwei weiteren Stunden des Stapfens durch den Schlick, des Muschelnsammelns und Staunens über spritzende Pfahlmuscheln und sandige Ringelhaufen produzierende Wattwürmer hatte die Gruppe schließlich die Sandbank fast erreicht.

„Blauortsand ist eine Muschelbank“, erklärte sie dann, „man sieht sie schon von weitem schneeweiß in der Sonne glänzen. Sie wird bei leicht höherem Hochwasser überflutet, deshalb wachsen hier keine Pflanzen, kein Strandhafer, keine ….“

„Aber da hinten, ganz rechts, da ist doch so ein Grasbüschel“, rief Levke. Sie hatte offensichtlich von allen die besten Augen.

Telse holte ihr Fernglas aus der Tasche und sagte: „Ja, stimmt, das ist seltsam. Vielleicht eine Ansammlung von Tang. Wir gehen mal dahin.“

Um das Gras- oder Tangbüschel hüpften auch ein Paar Möwen herum und suchten wohl nach Krebsen oder anderem Getier. So wurde die Gruppe kurz vor dem Ziel wieder munter und begann schneller zu gehen. Das Grasbüschel zog sie an oder die Aussicht auf die lang ersehnte Mittagspause. Als sie näherkamen, sah das Grasbüschel nicht mehr grün aus, sondern eher braun oder auch grau. Levke war wie immer als erste am Ort und stieß einen Schrei aus.

Dann rannte sie zurück zu ihrem Vater, der ihr schon entgegenlief. „Was ist los?“

Levke riss nur den Mund auf und versuchte geordnet zu atmen.

Inzwischen waren die anderen auch dort angekommen. Es war kein Gras, es war ein Büschel Haare, das an der Grenze zwischen Watt, Sand und Muschelbank herausragte, und die Haare hingen an einer kleinen Beule aus Sand, aus der ein spitzes Rohr herausragte, das nach unten aber breiter wurde. Etwas Glänzendes, Goldenes. Alle standen starr vor dem Anblick, niemand wollte das neue Goldstück anfassen. Bis Telse mit ihrem Kescher etwas Sand wegschabte. Nun sah man eine Ohrmuschel, an der kleine Schnecken klebten. Das Goldene sah aus wie ein umgestülpter Filter. Aber niemand fasste es an, niemand wollte es herausziehen.

„Vielleicht der Schallbecher“, sagte der Posaunen-Experte.

„Am besten, wir fassen hier gar nichts mehr an“, sagte Telse, mit leicht versagender Stimme. Ich rufe jetzt die Küstenwache an, oder besser erst mal die Polizei.“

Die ältere Dame mit den Nordic Walking Sticks war mittlerweile auch herangekommen und stieß einen schrillen Schrei aus, der sofort von den Möwen beantwortet wurde. Telse hatte sich inzwischen auf den höheren, trockenen Teil der Muschelbank gesetzt und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. So etwas war ihr noch nie passiert. Sie holte mit zittrigen Fingern ihr Handy heraus und rief die 110 an. „Ich glaube, hier liegt eine Leiche mit einer Posaune am Ohr“, stotterte sie. „Nein, keine ganze Posaune, nur so ein Trichter, oder so. Ist ja auch egal. Nur die Haare und das Ohr gucken raus. Keine Ahnung, wo der Körper ist. Auf Blauortsand.“

Die Posaune im Watt, 2024. Kulturmaschinenverlag

Gesa Schröder (geb. 1952) lebt als Autorin und Literaturübersetzerin in Venedig und an der Nordsee.