MIniKrimi Adventskalender am 1. Dezember


Die Mischung macht’s

Julius

„Ich weiß wirklich nicht, was er hat,“ denkt Julius. Mit „er“ meint er seinen Partner, Max. Eigentlich ist er mehr als sein Partner. Er ist sein bester Freund. Einer, mit dem Julius durch dick und dünn geht. Für den er sogar sein Leben riskieren würde. Wahrscheinlich. Deshalb schmerzt die Kluft, die sich seit zwei Wochen zwischen ihnen aufgetan hat, so sehr. Um so mehr, als Julius nicht wirklich versteht, welches Problem Max mit ihm hat.

„Du hast dich Bella gegenüber nicht nur falsch verhalten, du hast sie in eine furchtbare Lage gebracht, eine, aus der sie nie wieder rauskommt. Das ist unverzeihlich!“ Noch nie hat Max ihn so angeschrien. Julius ist verstört. Zunächst hat er versucht, seinen Partner zu beschwichtigen. Mit den üblichen Tricks, von denen er eine ganze Menge auf Lager hat. Schuldbewusster Blick. Stummes Nicken. Dann, nach einer angemessenen Pause, ein freundlich kumpelhafter Stups. Eine hoffnungsvolle Aufforderung: „Ok. Du bist sauer. Aber sind wir jetzt wieder gut? Beste Freunde?“

„Nein, Julius, so leicht kommst du mir diesmal nicht davon. Lass mich einfach mal in Ruhe. Ich muss nachdenken. Darüber, wie es mit uns weitergeht.“ Dieses Nachdenken dauert nun schon fast zwei Wochen. Julius schleicht durch’s Haus wie ein Schatten seiner selbst, auf Schritt und Tritt bemüht, Max nicht noch mehr zu verärgern. Das Schlimme ist: er weiß eigentlich gar nicht, warum Max sich so aufregt.

Ja. Er hat sich in Bella verliebt. Und sie sich in ihn. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit. Aber jetzt sind sie erwachsen. Und da ist es halt passiert. Es gehört doch dazu, zum Leben. Gut, dass Bella gleich schwanger werden würde, damit hat Julius nicht gerechnet.  Um ehrlich zu sein, hat er keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, in der Hitze des Augenblicks.

Und jetzt? Abtreiben kommt offenbar nicht in Frage. Und selbst wenn – Bellas Zukunft ist durch diese Schwangerschaft kompromittiert. Ihr ganzes weiteres Leben ist in Frage gestellt. Sagt Max. „Das ist mir zu hoch“, denkt Julius.

Und überhaupt: Im Grunde ist es ja nicht einmal sein Problem, sondern das von Bella und ihrer Familie.

„Julius? Komm, wir gehen raus. Ich halte das hier nicht mehr aus. Weißt du was? Wir gehen auf die Jagd. In zehn Minuten sind wir an der Lichtung. Genau die richtige Zeit, uns einen Hasenbraten zu schießen. Was meinst du?“ Was Julius meint? Er ist begeistert. Draußen hängt die Nacht noch zwischen den Bäumen, und die Gebäude des Hofs sind nicht mehr als dunkle Umrisse in der taugrauen Luft. Wie spät ist es? Drei, vier Uhr? Egal, Julius ist hellwach, er hat ohnehin einen leichten Schlaf. Auf die Jagd! Mit Max. Seinem Partner. Seinem Freund. Hat er sich endlich beruhigt? Wird jetzt wieder alles so wie früher?

Auf dem Weg über den Bach und den kleinen Hügel hinauf redet Max unablässig leise vor sich hin. Julius weiß nicht, ob das Gespräch überhaupt für seine Ohren bestimmt ist. „Der spinnt ja total! Fünfzig Tausend Euro! Um Bellas Zukunft abzusichern. Schmerzensgeld, sozusagen. Der Karl hat ja nicht mehr alle Tassen im Schrank! Und wie der geschaut hat, als ich im auf den Kopf zugesagt habe, wo er sich seine Forderung hinschmieren kann.“

Jetzt sind sie am Rand der Lichtung angelangt. Sie müssen sich beeilen, denn bald ist die Nachtzeit vorbei und das Schießen verboten. Da – ein Schatten löst sich von den Bäumen. Julius versucht, Max darauf aufmerksam zu machen. Aber der hat nur Augen für den Hasen, der mitten in der Lichtung sitzt. Er hebt die Flinte. Es fällt ein Schuss. Max sackt lautlos in sich zusammen. „Julius, lauf heim, schnell,“ flüstert er. Und genau das tut Julius, während rechts und links die Schrotkugeln an ihm vorbeizischen. Aber er ist zu schnell. Und entkommt.

Max

Max ist mit Weimeranern aufgewachsen. Schon sein Vater hat sie gezüchtet. Ausgezeichnete Jagdhunde. Treu und pflichtbewusst. Julius ist sein 10. Hund. Aber zu keinem hatte er ein solches Verhältnis wie zu Julius. Obwohl er erst ein Jahr alt ist, übertrifft er alle seine Vorgänger. Er ist klug, verständig, dabei zuverlässig und zärtlich. Julius würde für Max durchs Feuer gehen. Und umgekehrt. Die Menschen, die Hunden jegliche Intelligenz absprechen, haben einfach keine Ahnung. Oder keine Erfahrung.

Um so größer war die Enttäuschung, als Julius eines Abends einfach vom Hof lief und erst am nächsten Morgen wiederkam. Ausgerechnet im Jeep von Karl Wieser, dem einzigen Nachbarn in der kleinen Oberpfälzer Gemeinde, mit dem Max immer wieder aneinandergerät. „Ich hab deinen Hund bei meiner Bella im Stall gefunden“, hat Karl geschrien. „Wenn da was passiert ist – dann gnade dir Gott. Dir und deinem geilen Köter.“ Max hat noch versucht, darauf hinzuweisen, dass Hunde besser im Haus als im Stall aufgehoben sind, zumal Hündinnen während der Läufigkeit. Aber Karl hat eine völlig andere Auffassung von Tierhaltung. Für ihn sind seine Hunde nur eins: ein Mittel zum schnellen Geld. Deshalb hat er sich aufs Züchten von Labradoodles spezialisiert. Die hypen gerade ungemein, gepuscht durch unzählige „lustige“ Videos in den Sozialen Netzwerken. Seit Corona will jeder einen Hund, und am besten einen, der pflegeleicht ist. Das wird den Tieren nicht gerecht, weiß Max. Aber er weiß auch, dass er damit bei Karl gar nicht erst anzufangen braucht.

Und es kam, wie es kommen musste. Bella wurde trächtig. Ein Drama! Eine Hündin, die von einem „Dahergelaufenen“ gedeckt wurde, noch dazu von einer anderen Rasse, ist für die Zucht nämlich nicht mehr verwendbar. Karl fordert Zehntausende von Max. Die der nicht zu zahlen bereit ist. Immerhin sind Labradoodle genau genommen auch nur Mischlinge. Der Streit eskalierte. Max war wochenlang wütend auf Julius. Und auf sich. Denn im Grunde genommen ist das, was nun mal passiert ist, ausschließlich seine Schuld.

Irgendwann hat sich sein Ärger auf seinen Lieblingshund, seinen besten Freund, gelegt. Irgendwann ist heute. Er ist früh aufgewacht, lange vor Sonnenaufgang. Was gibt es Schöneres, als mit seinem Julius endlich wieder gemeinsam durch die Wiesen zu streifen und dabei vielleicht auch noch einen Sonntagsbraten zu erlegen?

Auf dem Weg durch das taunasse Gras lässt Max noch einmal das letzte Gespräch – ach was, den Streit – mit Karl Revue passieren. Mitten auf dem Marktplatz. „Ich hab mein ganzes Geld in diese Zuchthündin investiert. Ich hätte Zehntausende mit ihr verdienen können. Hätte! Alles futsch! Also, entweder, du erstattest mir das, was ich wegen dir und deinem dämlichen Köter verloren habe – oder….“ „Oder was?“ hat Max gefragt. „Oder ich leg euch beide um. Dich und deinen Drecksrüden.“ „Na dann viel Erfolg.“ Und mit diesen Worten hat Max seinen Nachbarn stehengelassen, ist zu seinem Landrover gegangen und nach Hause gefahren. Zu Julius.

Max macht sich Vorwürfe. Zwei Wochen lang hat er seinen Hund sträflich vernachlässigt. Ihn bestraft dafür, dass er seiner Natur gefolgt ist. Wenn er auf jemanden sauer sein müsste, dann auch sich selbst. Der Vorwurf, den er Karl gemacht hat, trifft auf ihn ja genauso zu. Und die ganze Zeit über hat Julius seine schlechte Laune still erduldet. Hat sogar immer wieder versucht, durch die düstere Stimmung hindurch zu Max vorzudringen. „Sorry, Alter. Ich hab‘ mich total blöd benommen. Ekelhaft. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Komm, wir gehen auf Hasenjagd. Nur du und ich.“

Gesagt, getan. Jetzt streifen die beiden leise und völlig synchron über die Wiese, den Hügel hinauf. Dorthin, wo die Hasen äsen.

Da sieht er auch schon ein Prachtexemplar in Schussweite seiner .22 Hornett. Er legt an – feuert – und spürt gleichzeitig, wie Schrotkugeln in ihn eindringen. Seine Ohren sausen, seine Sicht ist getrübt. Er stürzt. Im Fallen ruft er nach seinem Weimeraner: „Julius!“ Und flüsternd: „Lauf heim, schnell.“

Ein halbes Jahr später

Die Schrotkugeln von Karl haben keine lebensgefährlichen Verletzungen verursacht. Dennoch wäre Max verblutet, wenn Julius nicht schnell genug Hilfe geholt hätte. Inzwischen sind die Wunden verheilt. Zumindest körperlich. Max sitzt auf der Bank unterm Walnussbaum in der Mitte des Hofes. Die Märzluft ist mild und frühlingsleicht. Um ihn herum tollen vier ausgelassene Welpen, während die stolzen Eltern immer mal wieder mahnend knurren, wenn das Treiben gar zu bunt wird.

Die Kleinen sind nicht nur wunderschön. Sie vereinen auf geradezu perfekte Weise die Rassemerkmale von Weimeraner und Labradoodle. Die Kaufgebot überschlagen sich, und mehr als einmal fragt sich Max, was wohl gewesen wäre, wenn Karl die Chance einer neuen Züchtung erkannt hätte, statt in blinder Wut einen Mord zu begehen. Gut, zu versuchen. Aber auch dafür sitzt er nun hinter Gitter. Und zwar für mindestens 3 Jahre. „Vielleicht schenke ich ihm bei seiner Entlassung einen Welpen aus Julius‘ und Bellas 4. Wurf. Aber nur, wenn er seine Zuchtmethoden ändert. Was meinst du, Julius?“ Der Blick des Weimeraners ist eindeutig. „Ok, Alter. Du hast recht. War ne Schnapsidee.“

Nachtrag: Die Idee zu dieser Story kam L. schon Anfang dieses Jahres, kurz, nachdem der MiniKrimi Adventskalender seine Türen geschlossen hatte. Aber wir sind drangeblieben, und herausgekommen ist diese Koproduktion aus Inspiration und Schreibe. Dass ich seit 3 Wochen einen öußerst fotogenen Dackelwelpen habe, spielt natürlich überhaupt keine Rolle!

24 Tage Krimifieber im MiniKrimi Adventskalender


Liebe Leser*innen, liebe Freund*innen, liebe neue Neugierige!

Schön, dass Ihr wieder hier seid. Schön, dass es bei all dem Wandel um uns herum ein paar Konstanten gibt. Mit meinem MiniKrimi Adventskalender werde ich euch vom 1. bis zum 24. Dezember durch den Advent begleiten. Mit kriminellen Schmankerln, mal lustig, mal skurril, mal erotisch und auch immer mal wieder ziemlich mörderisch. Das kennt Ihr.

Aber weil nach vorne gehen bedeutet, Bewährtes zu bewahren und durch Neues zu ergänzen, wann und wo es passt, gibt es heuer zwei Premieren in meinen MiniKrimi Adventskalender:

  1. Ihr werdet nicht nur Krimis aus meiner Feder lesen, sondern auch kurze Thriller oder Auszüge aus Kriminalromanen einiger meiner Mörderischen Schwestern. Das ist mit rund 700 Mitgliedern die größte Vereinigung von Liebhaberinnen guter Kriminalliteratur in deutscher Sprache. Freut euch auf eine bunte Vielfalt voll krimineller Fantasie und Spannung. Sollte euch ein veröffentlicher Auszug gefallen, findet Ihr das entsprechende Buch natürlich auch im Handel.
  2. Und weil lesen nochmal interessanter wird, wenn es zum Spaß auch etwas zu gewinnen gibt, verlose ich diesmal unter allen, die an einem der 24 Tage einen Kommentar zu einem der Krimis hinterlassen, insgesamt 3 Bücher. Die stelle ich euch am 25.12. vor, und die Gewinner*innen können sich aussuchen, welches Buch sie haben möchten.

Also, meine Lieben. Noch ein Mal schlafen – dann öffnet sich das erste Türchen des MiniKrimi Adventskalenders 2024, und zwar immer nachmittags oder abends, auf alle Fälle aber vor Mitternacht!

Und Ihr wisst: der Kalender ist nur echt mit dem einen oder anderen Tippfehler. Denn, und das bleibt gleich: meine MiniKrimis schreibe ich auch heuer wieder tagfrisch direkt in den Blog!

Reform? Norm? Oder einfach nur Kürbis?


Heute ist Reformationstag. Ja, es gibt auch in Europa immer mehr Menschen, die heute Abend verkleidet auf die Straßen gehen, um andere zu erschrecken. Nein, um selbst Spaß zu haben, natürlich. Und die Kinder nicht vergessen! Für sie ist das ein Riesenspaß. Als Hexe, Vampir oder einfach als man selbst an Haustüren klingeln und Süßes oder Saures verlangen. Und erhalten. So oder so.

Ich halte für diese Zwecke immer ein paar Zitronen parat. Und erkläre den erstaunten Kids dann, worum es an diesem Abend eigentlich geht. Denn das wissen die Allermeisten nicht. Und ihre Eltern, Lehrer*innen, Erzieher*innen offensichtlich auch nicht. Sonst hätten sie ihr Wissen ja weitergegeben, oder?

Über die Ursprünge von Halloween gibt Wikipedia hinlänglich Auskunft. Ähnlich wie bei vielen Festen mit religiösem Hintergrund versandet das Wissen darüber. Was bleibt, ist die pure Lust am Feiern, Toben, Konsumieren.

Aber während Weihnachten, Ostern & Co. irgendwo doch immer noch Familienfeste sind, findet Halloween für Kinder draußen statt. In dunklen, bestenfalls nebeldurchwaberten Straßen. Das ist gruselig. Und im Grunde bräuchte es dafür eine ganz gehörige Portion Gottvertrauen, denn so manches Schwarze lauert doch in dieser Vornovembernacht.

Ich erkläre den Kids also, was wir in Italien in der Nacht vor Allerheiligen feiern. Im Norden läuteten die Glocken, um die Seelen der Verstorbenen auf die Erde und in die Häuser zurückzuholen, wo man den Tisch gedeckt ließ, damit sie sich dort stärken konnten.

„Habt ihr vielleicht drüben im Park eine alte Dame gesehen? Mit weißem Haar? Vielleicht ist das meine Mum, die gerade auf dem Weg hierher ist.“ Große Kinderaugen. Hastiges Umdrehen.

„Auf Sizilien“, erzähle ich dann weiter. „werden die Festgelage direkt auf dem Friedhof abgehalten. Cool, oder? Macht das doch morgen auf dem Grab von eurem Opa.“

Spätestens jetzt fragen die Kids nicht mehr nach Süßem. Und wenn doch? Dann bitte ich sie, eine Handvoll Raffaello für meine Mum mitzunehmen und ihr zu geben, wenn sie ihr auf dem Rückweg durch den kleinen Park gleich begegnen werden.

Wow. Kinder können so schnell rennen.

Und jetzt Ihr: bin ich gemein? Nein! Ich kann es nur absolut nicht leiden, wenn Erwachsene Kinder nicht darüber aufklären, warum sie etwas machen sollen. Ja, sollen. Denn von alleine kommt kein Kind darauf, im Dunkeln an fremden Haustüren zu klingeln. Ja, ich weiß, die Peergroup. Aber der gehören dann meistens auch die Eltern an.

Im Übrigen feiere ich heute natürlich weder All Hallows‘ Eve noch die Nacht vor Ognissanti.

Allerdings feiere ich auch nicht wirklich das Protestanten höchstes Fest, den Reformationstag. Warum? Weil ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich so eine tolle Sache war, im Nachhinein betrachtet. Wie viel Leid ist daraus hervorgegangen, völlig unbeabsichtigt von Martin Luther. Aber dennoch.

Wäre die Kirche heute stärker, moderner, geeinter, akzeptierter, ohne Schisma? Wären Missbrauch von Macht und Menschen, Gewalttaten, psychische Folter dann seltener gewesen? Gäbe es dann mehr Frauen als Männer im Priester*innen-Amt? Würde Gott dann nicht mehr als rein männlich angesehen, mehrheitlich?

Meine Erfahrung als Theologin: Die Menschen, die ich kenne, unterscheiden nicht zwischen evangelisch und katholisch. Sie unterscheiden zwischen Angeboten, die ihnen guttun, und solchen, die ihnen schaden oder nicht helfen.

Tatsächlich ist in meinen Augen der einzige Vorteil der Reformation, dass Frauen in der evangelischen Kirche – theoretisch – gleichberechtigt sind.

Gut, das könnte ich feiern. Tue ich auch. In jedem Gottesdienst, der von Frauen gehalten wird. Auch von mir. Hallelujah.

Meine Fans


Ich bin – rein geburtstechnisch betrachtet – nicht mehr ganz taufrisch. Mental, psychisch und im Hinblick auf mein Selbstbild mag das anders sein. Da bin ich je nach Gemütszustand, körperlicher Verfassung, besonderen Glücksmomenten mal 5, mal 15 oder auch mal 100.

Nun habe ich den Verdacht, dass es einigen meiner „Fans“ genauso geht. Gestern hatte ich eine fantastische Lesung in Moosch. Im „Seniorenclub Lebensfreude“. Im Vorfeld hatte ich mich bei der Leiterin nach der mentalen Verfassung meiner Zuhörer*innen erkundigt, um die Lesung entsprechend zu gestalten. Die Antwort wies mich – freundlich – in die Schranken. Die Mehrzahl der Damen sei ungefähr so alt wie wir (!), lebe alleine und selbstversorgt und sei mit allem ausgestattet, was ein moderner Alltag mit sich bringe: Handy, Computer, Internet und Hörgeräte.

Letztere trage ich auch, seitdem die Hersteller versprechen, damit auch einem Tinnitus beizukommen. Klappt bei mir leider nur so lala, weshalb ich permanent ein Konzert in den Ohren habe und infolgedessen zuweilen einfach nicht verstehe, was mir Menschen über diesen kopfinternen Lärm hinweg zu sagen versuchen. Aber sei’s drum: ich bin meinen Zuhörer*innen tatsächlich auf vielen Ebenen verbunden.

Gestern stand ich nun in dem gut gefüllten Saal – und begegnete erwartungsvollen Augen. „Wird’s spannend?“, „Wird’s auch deutlich genug`“ „Laut genug?“ Der Saal hat eine grauenhafte Akustik, die durch ein Mikro nicht wirklich verbessert wird. Ich stellte mich also vor, fragte ab, ob meine Zuhörerinnen (kein Gendern nötig) thrillertauglich seien („Je brutaler, desto besser“, war die Antwort 🙂 ) und machte gleich einen Verständnistest. Ich war, so hatte mir die Leiterin berichtet, das Highlight im herbstlichen Veranstaltungskalender. Die Latte hing also hoch.

Und ich begann.

Meine Lesungen sind „szenisch“, bzw. „performe“ ich eher, als dass ich nur lese. Oft erzähle ich auch zwischendrin und weiche vom Text ab. Dabei schaue ich immer in die Gesichter und reagiere spontan auf das, was ich sehe. Mache einen Scherz mehr, singe ein Liedchen weniger. Ihr wisst, was ich meine. Nun, gestern stand ich vor einem sehr vielfältigen Ausdrucksmix. Die einen lachten, die anderen lächelten, einige schauten konzentriert – und eine döste mit geschlossenen Augen. Zuviel Kaffee, Kuchen, zu warme Luft?

Ich ezählte gerade, wie die Gräfin S. den Seitensprung ihres zweiten Mannes mit der Büste ihres ersten Mannes aus rotem Alicante Marmor erschlug, da erklärte vorne links eine Dame, in Alicante gäbe es keinen Marmor. Und breitete ihr Wissen über dieses edle Gestein aus, das das meine bei weitem übertraf. Ich hatte lediglich bei Goggle nachgefragt.

Da öffnete die „Dösende“ die Augen und schoss mir einen scharfen, freundlich-komplizenhaften Blick zu. Sie hatte alles genau verfolgt und die Augen nur der besseren Konzentration halber geschlossen. Soweit zu voreiligen Schlüssen.

Nach einer Stunde und drei Geschichten war ich heiser – und froh, dass ein paar der Damen meinten, es sei für heute genug. Den anderen musste ich versprechen, bald wiederzukommen. Und eine gab mir noch den Stoff für einen neuen Thriller mit auf den Weg., WOW. WOW. Ihr werdet ihn lesen. Im MiniKrimi Adventskalender.

Was mir noch nachzutragen bleibt: Es war ein toller Nachmittag. Die älteren Zuhörerinnen waren viel kritischer und aufmerksamer als so manche jungen. Ach ja, mit dem Alicante Marmor hatte ich recht. Uff.

Und auf dem Foto seht ihr mich mit den „Fans“, die bereit waren, allem Datenschutz zum Trotz mit mir abgelichtet zu werden.,

Danke, liebe Frau Röck, für die Einladung. Ich komme gerne wieder.

Die Zeit vergeht schneller. als ich ihr folgen kann….



Die Frankfurter Buchmesse war TOLL. Es war wunderschön, so viele liebe Kolleginnen und Mörderische Schwestern zu treffen.

Das Gastland Italien hat mich mit seinem Auftritt begeistert. Nein, nicht (oder nicht nur), weil das meine emotionale Heimat ist, also mein „Vaterland“ im Wortsinn. Es war ein eindrucksvoller, Herz und Sinne ansprechender Mix dessen, was Italien und seine Kultur ausmacht. Schade nur, dass Meloni linken Autor*innen den Aufritt dort verweigert hat. Nie wieder Faschismus, das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Italien! Ich werde mich, wenn ich dort wohne, ganz sicher für den antifaschistischen „Kampf“ engagieren. Friedlich, selbstverständlich.

Ja – und dann war da die Notte Criminale im Café Wacker. Sehr schön, sehr spannend, mit kriminell guter Musik – von Mimi bis zu Macki Messer und dem Kriminal Tango. Danke Michael Klimo (Trompete) und Pit Gerten (Keyboard).

Ich habe dort meine neueste Episode der Agentur zweites Glück vorgestellt; Bella und ihr Gespür für Leichen. Was soll ich sagen? Kam gut an 🙂

Toll waren auch die Lesungen meiner Mörderischen Schwestern Franziska Franke, Monja Luz, Andrea Maluga und Cornelia Mohrmann. Sie entführten das Publikum ins England Sherlock Holmes‘, in Casanovas Venedig – komplett mit Kleid und Perücke!, auf die düstere Seite von Mainz und in die mafiöse Umgebung eines Italienischkurses bei der Berliner VHS.

Es war MEGA.

Und dann hatte und habe ich noch andere Highlights. Der zweite Arche Noah Gottesdienst in der Magdalenenkirche war so schön. Mit Hunden und Menschen und swingender Musik von Raphaela Ulrich und Vera v. Schumann.

Manchmal bedauere ich schon, dass ich nächstes Jahr nicht mehr „einfach so“ Events in München und Deutschland planen kann. Aber ich komme immer mal wieder. Für einen Auftritt allema!.

Heute habe ich noch etwas ganz besonderes vor: ich lese im Seniorenclub der Diakonie Moosach vor krimibegeisterten Menschen, die beinahe mein Alter haben. Tja, let’s face it 🙂

Ich freue mich riesig darauf, habe Emma Peel und John Steed im Gepäck – und werde euch berichten.

Und dann… ja dann ist auch schon bald wieder Advent. Und damit wird sich hoffentlich jeden Tag ein MiniKrimi-Türchen öffnen. Nur hier und nur auf mariebastide.blog.

Ach ja: noch etwas gibt es zu berichten. Ich schreibe ja auch Haikus. Und einer davon, der „Tauferer Advent“ wird auf eine Glasstelle geätzt und wird den ganzen Advent über erleuchtet den Marktplatz von Mais im Vinschgau verschönern, zusammen mit 23 anderen Adventstexten übers Licht. Fotos folgen!

Stay tuned.

Täglich was aufs Auge gibt’s bei semisappho auf Instagram. Come in and join!

Freie Liebe


Auf der Ladies Crime Night in Leipzig fragte mich eine Zuhörerin, der meine „Agentur zweites Glück“ offenbar sehr gefallen hatte: „Und wie geht es weiter? Wo steht die Fortsetzung? Ehm – das war ein Einzelkrimi. Aber die Idee war geboren. Elvira und ihre Agentur sind mir viele weitere MiniKrimis wert. Und dann werde ich das Buch natürlich auch drucken. Wenn Ihr Vorschläge habt, wen, wann, wo und wie Elvira ihre Paare zursammenbringen soll – her damit! Ich erwähne euch als Ideengeber*in – Ehrensache!

Ein augenzwinkernder MiniKrimi über Lieben und Sterben im Europa ohne Grenzen

„Guten Morrrgen, Zeit zum Aufstöhn!“ Thea reißt erschrocken die Augen auf und schaut sich sekundenlang orientierungslos um. Weiß gekalkte Wände statt weicher Klippen, Betonboden statt Sand und ein Flickenteppich dort, wo gerade noch ihr leuchtend rotes Handtuch lag. Das Meer rauscht ungehört jenseits des Fensters. Eben hat sie sich noch wohlig in der schaumigen Brandung geräkelt. So ein schöner Traum. Aber eben nur ein Traum. Die Wirklichkeit ist eng und riecht nach ungewaschenem Körper, Urin und altem Fett. Und sie ist laut. „Guten Morrrgän“, schreit es wieder, diesmal energischer.

„Thea, heast du ned, Odysseus ruft. Wenn du runter gehst, bring mir glei an Kaffee rauf“.


Das „Bitte“ ist auf dem Weg vom ersten Kennenlernen bis zu Theas Einzug in das Exchikò, das strahlende Ferienhaus mit den blauen Fensterläden hoch über der schönsten Bucht von Kefalonia, verlorengegangen. Geblieben sind Harrys starke Hände. Nur, dass sie jetzt nicht mehr streicheln, sondern Theas Handgelenk umkrallen. „Thea!“ Harrys Stimme ist heiser von zu viel Ouzo und Zigaretten. Aber immer noch kräftig. Genau wie sein Griff.

„Ich geh ja schon. Hatte nur gerade so einen wunderschönen Traum. Ich – wir, korrigiert sie hastig – haben gebadet, unten am Xi. Das Wasser war ganz weich und warm. Du, wollen wir da heute mal hin?“

„Ich glaub, du spinnst. Wie soll ich denn da hinkommen? Willst mi die Klippen runterkippen, im Rollstuhl, oder was? Seit i di kenn, bin i doch a kompletter Krüppel worn!“

Thea beißt sich auf die Lippen, während sie ihr graugesträhntes Haar von den Schultern schiebt, ein T-Shirt über ihr Nachthemd streift und in die Mules schlüpft. Dabei lehnt sie sich kurz an den Bettrand. Und schon greift Harrys Hand in ihren Schritt. „So verkrüppelt dann doch nicht, was?“ Unwillkürlich muss Thea lachen. „Lass los, Odysseus wird ungeduldig.“ Von unten ist jetzt ein Rasseln zu hören, ein Geratter wie von einem startenden Motorrad. „Ruhe, Odysseus. Ich bin schon da.“

Mit geübtem Schwung zieht sie das Laken von der großen Voliere und öffnet die Tür. Odysseus, der 40 Jahre alte Graupapagei, starrt sie an. „Guten Morrgen“, krächzt er in perfekter Harry-Parodie. Zwei Gestrandete auf einer Insel. Schade, dass Harry das Federvieh nicht Freitag genannt hatte. Vielleicht wäre er dann freundlicher geworden. Oder wenigstens handzahm.

Während Thea den Kaffee kocht und einen Apfel in mundgerechte Bissen schneidet, trippelt der Papagei auf dem Holztisch hin und her. „Hungerrrr“, krächzt er. „Thea, Kaffee!“ Das ist Harry. „Ja doch!“ Sie füllt das heiße Gebräu in eine Tasse, dazu ein paar Tropfen aus einer Phiole und vier Löffel Zucker. Gestern hat Harry nur am Kaffee genippt. „Der schmeckt so bitter, was hast da reingetan?“ Heute wird er ihn hoffentlich trinken. „Thea, Kaffä“, schnarrt Odysseus. Sie schleudert dem Vogel ein Apfelstück hin, knapp an der Tischkante vorbei. Doch statt sich den Kopf anzuschlagen, fängt der Papagei es geschickt auf. „Dankä“, schnarrt er. Das Tier wird ihr zunehmend unheimlich. 

Thea schaut in den sonnigen Morgen und seufzt. Das dauert alles viel zu lange. „Kein Angst, diesmal klappt alles wie am Schnürchen“, hatte Elvira, ehemalige Krankenschwester und jetzt Inhaberin der Agentur „Zweites Glück“ ihr versichert. Und tatsächlich hatte es auch so ausgesehen, im Mai, auf Elviras Agentursofa im regnerischen München, mit dem umfangreichen Ordner und seinen vielversprechenden Junggesellen vor sich auf dem Couchtisch. „Das hast du bei Jean Claude und Salvatore auch gesagt“, hatte Thea gemurmelt. Und dann – ein Fiasko nach dem anderen.

„Na ja, wer konnte schon ahnen, dass Jean Claudes romantisches Schloss in der Normandie tatsächlich nur ein rostiges Vorhängeschloss an einer klapprigen Fischerhütte war, seine florierende Kreuzfahrflotte ein marodes Schmugglerboot und das Foto auf seinem Profil ein Fake?“, hatte Elvira gefragt. „Jeder, der sich mit KI auskennt. Und eigentlich hättest du auch sehen können, dass das Porträt bearbeitet war. Zuviel Haare und zu wenig Bauch.“ „Ach kommt, du konntest doch nicht schnell genug aus München wegkommen. Die Normandie war dir ja gerade mal weit genug entfernt. Warum eigentlich?“

Die Antwort darauf war Thea Elvira schuldig geblieben. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Wahrheit? Ich habe versucht, meinen Mann zu vergiften, bevor er mein ganzes Geld mit seinem blonden It-Girl durchbringt. Leider hat sie den Cocktail getrunken, er ist nur um Haaresbreite dem Gefängnis entkommen, und jetzt jagt er mich durch ganz Europa?

Jean Claude war ihr wie ein rettender Engel erschienen. Allerdings hatte er sich als komplette Nullnummer erwiesen. Kein Schloss, keine Erotik, dafür jede Menge gefährliche Macken. Als er sie auf der Rückfahrt von einer Schmuggeltour bei rauer See – Windstärke 7 mindestens – mitsamt der Ladung schottischen Whiskys über Bord gehen ließ, um der Gendarmérie Maritime zu entgehen – zog Thea die Reißleine. Aber nicht, ohne Jean Claude noch eine Flasche auf den Kopf zu schlagen. Der Whiskyverkauf reichte gerade mal für die Rückfahrt nach München. Dort las sie von dem bedauerlichen Tod eines international bekannten Schmugglers im Ärmelkanal. Die genaue Todesursache war – zu Theas Glück – nicht mehr zu ermitteln gewesen. Zu starke Brandung, zu viele Verletzungen.

Mittellos und immer noch auf der Flucht hatte Thea erneut Elviras Ordner studiert. Salvatore war ein in die Jahre gekommener italienischer Selfmademan im maßgeschneiderten Nadelstreifen-Anzug. Er versprach Thea eine sorglose Zukunft, gependelt zwischen seiner Luxusjacht auf dem Pazifik und seiner Villa auf Sizilien. Leider hatte er bis zu ihrer Landung in Messina vergessen, zu erwähnen, dass ihr Aufenthalt stets räumlich begrenzt sein würde – nämlich auf Schlafzimmer und Küche. Offenbar hatte er Thea für so schüchtern, einfältig oder beides gehalten, dass ihn ihr Angriff mit seinem eigenen Stilett völlig überrascht hatte. Sie stand in der Küche über die Spüle gebeugt, wo sie für ihren neuen Gebieter eine Flasche Champagner öffnen sollte. Er drängte sich von hinten an sie, wobei ihm das Klappmesser – unglücklicher Zufall oder göttliche Fügung? – aus der Hosentasche fiel. Thea bückte sich blitzschnell und zu Salvatores ausgesprochenem Vergnügen – welches aber nur so lange währte, bis sie ihm das Messer bis ins Heft in die Brust stieß. „Das schöne Hemd“, dachte sie noch.

Die Polizei schien ihrer Version der Ereignisse – brutaler Angreifer aus dem Dunkel, Blutrache eines verfeindeten Clans – Glauben zu schenken, im Gegensatz zu Salvatores Familie. Und so war Thea, lediglich im Besitz ihrer Kleidung, einer Rolex und einem Platinarmband, wieder auf der Flucht.

Mit Harry sollte alles anders werden. „Er ist ein solider Bayer. Vor zwanzig Jahren hat er seine Liebe zu Griechenland entdeckt, seinen Job als Manager eines IT-Konzerns an den Nagel gehängt und sich auf Kefalonia niedergelassen. Mit seiner Abfindung hat er sich ein nettes Häuschen gekauft und den Rest seines Vermögens in sicheren Aktien angelegt. Er führt Wandergruppen über die Insel und wird von den Bewohnern dafür geliebt, dass er zuverlässig für einen Strom angenehmer Touristen sorgt. Nicht die Partyheinis, sondern Leute, die das Land, die Natur und die Kultur lieben. Er sieht zwar nicht umwerfend aus, ist aber für sein Alter recht gut in Form. Und seien wir ehrlich, liebe Thea, du ähnelst deinem Profilbild auch nur noch im Dunkeln und ohne Brille. Wir werden eben alle älter. Er sucht eine Frau in den besten Jahren – also dich! Auf geht’s!“

Zur Sicherheit und quasi als Entschädigung für die beiden fehlgeschlagenen Vermittlungen hatte Elvira Thea ein Fläschchen aus ihrem „Insektengiftschrank “ mitgegeben. Nur für den äußersten Notfall. Also um sich und ihr eigenes Leben zu retten. „Du scheinst ja vom Pech geradezu verfolgt zu sein“; hatte sie gesagt. „Da ist es vielleicht am besten, wenn du sowas wie eine Versicherungspolice bei dir hast. Aber Vorsicht: Missbrauch von Neonicotinoiden ist strafbar und wird mit Gefängnis bis zu 25 Jahren geahndet.“ Denn das ist in Deutschland die tatsächliche Verweildauer hinter Gittern für eine lebenslängliche Haftstrafe.

Thea schaut aus dem Fenster auf das immer gleiche Bild. Ein Wirrwarr malerischer Dächer, bergabwärts meandernde Sträßchen und Gassen, umrahmt vom wogenden Graugrün einer dank des Inselklimas wollüstig üppigen Vegetation. Und dann das Meer. Bis zum Horizont, und dahinter der Himmel. Blau in schwelgendem Blau. Tag für Tag.

Aber was nützt mir das alles?, fragt sie sich. Was habe ich davon? Ich bin eingemauert in diesem gleißenden Haus. Mit einem mürrischen Alten und einem schizophrenen Papagei.

Sie hat sich nichts vorzuwerfen. ist von Anfang an ehrlich gewesen. „Ich suche ein neues Zuhause“, hat sie Harry gesagt, als er sie von der Fähre abgeholt hat. Der erste Eindruck war gar nicht so schlecht gewesen. Weiße Leinenhose, gestreiftes Matrosenhemd, ein keck gewinkelter Panamahut über dem tief gebräunten Gesicht. „Ein neues Zuhause.“ Keinen neuen Mann. Aber Harry hat es nicht so mit Worten, und er zerklaubt auch keine Sätze nach Mehrdeutigkeiten.

Gut, die ersten Nächte waren anstrengend. So ein alternder Lebemann ist halt auch nur in seinen eigenen Augen ein Adonis. Für andere kommt er eher als Nereus daher, allerdings ohne die dazugehörige Portion Weisheit. Aber schlau ist er schon, der Harry. Er weiß sich in Szene zu setzen. Es dauerte ein paar Wochen, bis Thea das Viagra-Versteck fand. Und einen Monat, bis sie herausbekam, dass seine Beliebtheit im Dorf in direkter Beziehung zu der Menge an ausgegebenen Ouzo-Runden in der Taverne am Platz steht. Und dass Harry von vielen sogar gefürchtet wird. Denn von ihm und seiner Schilderung der Insel und ihrer Bewohner hängt es ab, ob der Strom angenehmer Touristen auch im nächsten Jahr munter fließt – oder versiegt.

Die Deutschen geben eben viel auf die Meinung so genannter Spezialisten. Und Harry ist so einer. Mit jeder Veröffentlichung in einem Abenteuerblatt, einem Blog oder auch einer populären Tageszeitung kann er Kefalonia bewerben – oder die Insel in Misskredit bringen. So jemanden behandelt man mit Vorsicht, mit Ehrfurcht – aber nicht mit Vertrauen oder gar Zuneigung.

Sei’s drum. Thea bemühte sich um die Gunst aller. Um Harrys, um die der Dorfbewohner und auch um die des Papageien, der um die gleiche Zeit wie Harry auf dem griechischen Eiland gestrandet ist. Seitdem bilden die beiden eine unzertrennliche Einheit. Während Harry und die Dorfbewohner sich bald Theas schüchternem Charme öffneten, blieb Odysseus misstrauisch. Und er ist, im Gegensatz zu den Menschen auf Kefalonia, unbestechlich. Weder gekochte Kartoffelstückchen noch Obst, Nüsse oder – heimlich hinter Harrys Rücken zugesteckt, feine Schokolade schienen die Abneigung des Papageien gegenüber der Neuen im Haushalt aufzuweichen. Im Gegenteil. Odysseus hatte die Schokolade vorsichtig mit seiner rechten Kralle ergriffen, zum Schnabel geführt, beäugt und dann, ohne Vorwarnung in Harrys unnachahmlich heiserem Bariton trompetet: „Schokolaaaaade. Schlächt für Odyssois. Sehrrr schlecht! Mörrrder.“  Was zum ersten Streit zwischen Harry und Thea führte. Oder eigentlich nur zur ersten offenen Konfrontation.

Denn wie Thea schnell bemerkte, war Harry durch ihre Anwesenheit immer wieder irritiert. „Schließ die Küchentür ned ab. Das machen wir im Dorf ned. Nein, hier klaut niemand.“ Glaub ich nicht, dachte Thea, als sie ihr silbernes Armband nicht finden konnte. „Warum trägst du auch sowas“, war Harrys einzige Reaktion. „Geh ned mit kurzen Hosen ins Dorf. In deinem Alter machen das die Frauen hier ned.“ Kein Wunder, bei der Figur, die die meisten haben, dachte Thea. In diesem griechischen Dorf scheint die Welt stehengeblieben zu sein. Die verheirateten Frauen, Mütter und Großmütter, tragen dunkle, lange Röcke, viele sogar ein Kopftuch. Wenn ich das bei uns erzähle, glauben die, ich sei in einem islamischen Land und nicht in einem unserer beliebtesten Urlaubsziele. Überhaupt merkt Thea, dass sie die kulturellen Unterschiede nicht nur unterschätzt, sondern überhaupt nicht „auf dem Schirm gehabt“ hat. Das Leben ist hier ganz anders. Das fängt beim Umgang miteinander an und hört bei der Struktur der Tage nicht auf. Thea hat das Gefühl, auf der Dorfstraße durch ein Lasergitter neugieriger Blicke zu laufen. Was kauft die Deutsche ein? Wann steht sie auf? Wann fegt sie den Hof, wann geht sie zum Strand und wie und wie lange? Schau mal, sie hat sich einen tüchtigen Sonnenbrand geholt – typisch deutsch. Wer bleibt schon über Mittag am Meer?

In den ersten Wochen hat Thea versucht, sich anzupassen. „Musst du immer so auffallen?“, hatte Harry sie gefragt, als sie am Abend an „seinem“ Tisch in der Taverne saßen, vor sich einen Teller mit würzigem Schafskäse, zart hellgrünen Paprikaschoten und glänzenden Oliven. „Wie meinst du das?“ „Die Frauen hier tragen koan knallroten Lippenstift. Und sie trinken koan Schnaps. Des schadet meinem Ruf im Dorf.“

Ihr erster Impuls war, jetzt erst recht und ganz gezielt aufzufallen. Aber das wäre nicht klug gewesen. Also hat Thea versucht, sich, wenn schon nicht anzupassen, dann wenigstens im Schatten aufzuhalten. Unauffällig. Leise. Unsichtbar, außer, wenn es darum geht, Harry zu unterstützen. Ihn zu stützen. Denn seit ein paar Wochen scheint er an Kraft zu verlieren. Die letzte Wanderführung über die Insel musste er abbrechen. Seine Beine versagen ihm immer öfter den Dienst. Starrsinnig wie er ist, weigert er sich, auch nur an Hilfsmittel zu denken. Einen Arzt will er ebenfalls nicht aufsuchen. Das einzige Zugeständnis ist der Bergtee, den ihm die bucklige Nachbarin vor die Tür gestellt hat.

Immer öfter schreit er Thea jetzt an – mit dem ganzen Dorf als Zeugen, da Thea die Fenster meist geöffnet hat. Wenn sie danach im Dorfladen Eier kauft, Honig oder Harrys Zigaretten und Schnaps, wird sie von Daphne, der Inhaberin, freundlich angelächelt. Ihr Mann hat ihr neulich den Korb mit den schweren Kartoffeln vor die Haustür getragen. Sonntagmorgen ist sie in die Kirche gegangen, ohne Lippenstift, im grauen Kleid und mit einem passenden Schultertuch. Der Pfarrer hat die Brauen hochgezogen. Aber vor der Tür der kleinen Kapelle haben ihre mehrere Frauen still die Hand auf den Arm gelegt.

Läuft doch. Sogar an die vielen Katzen und Mücken kann man sich gewöhnen. Wenn der Papagei nicht wäre, könnte Thea sich vorstellen, einen der streunenden Hunde aufzunehmen. Den schwarzen mit den treuen Augen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Im August geht es Harry zunehmend schlechter. Er nimmt ab, wird immer aggressiver und lässt eigentlich nur noch Odysseus an sich ran. Anfang September hält Thea es nicht mehr aus. Sie packt einen Koffer und bittet Daphnes Ehemann, sie nach Argostoli zu fahren, der Inselhauptstadt. Der alten Nachbarin hat sie 50 Euro zugesteckt mit der Bitte, einmal am Tag nach Harry zu schauen. Für alle Fälle hat sie ihr ihre Mobilnummer aufgeschrieben.

Es dauert drei Tage. Dann ruft die Alte an. Sie hat Harry tot im Bett gefunden. Der Arzt aus dem Nachbardorf stellt einen natürlichen Tod fest. Wegen des Deutschen machen sie kein großes Aufheben. Zumal er keine Angehörigen hat. Außer Thea. Und die hat es in letzter Zeit schwer genug gehabt, mit ihm.

Als sie ins Dorf kommt, hat der Bürgermeister schon die Beerdigung organisiert. Die griechischen Behörden sind zufrieden mit der Versicherung von Daphne und Harrys alter Nachbarin, dass Harry Thea das Haus überlassen wollte. Er hat ja sonst niemanden. Von den Aktien weiß hier ohnehin keiner.

Thea sitzt auf der Terrasse und schaut hinunter auf den Strand von Xi. Die Luft ist schwer mit dem würzigen Duft von Lavender und Thymian. Ein leichter Wind trägt Spätsommergeräusche herüber. Lachen und Musik. Thea legt ihre Hand auf den Kopf von Hades, dem schwarzen Hund. Odysseus hackt mit dem Schnabel auf die Stäbe der Voliere ein. Thea lässt ihn täglich raus und hofft, dass er einfach fortfliegt. Aber er bleibt im Garten und krächzt „Harrrriiiie“, „Harriieee, komm zu Odyssois“. So täuschend ahmt er die Stimme seines toten Freundes nach, dass Thea jedes Mal zusammenzuckt und nervös über die Schulter schaut.

Jetzt sieht sie einen Wagen die Dorfstraße hochfahren. Die schwarze Limousine hält vor ihrem Haus. Ihrem Haus in ihrer neuen Heimat. Ein blonder Mann im Anzug steigt aus. Klopft an die Tür. Eine Klingel hat Harry nie gewollt, und Thea hat noch keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern.

„Frau…?“ „Friedrich.“ „Sie sind, äh, Sie waren die Lebensgefährtin von Herrn Müller?“ „Ehm. Ja.“ „Bergengrün von der Deutschen Botschaft. Ich… wollte nur mal nach dem Rechten sehen.“ Thea ist ganz kurz versucht, die Tür zu schließen. Die Kette vorzulegen. Und abzuwarten. Aber das würde nichts nützen. Im Gegenteil. Also: „Kommen Sie doch rein.“

Bergengrün wartet im hellen Vorraum. Die Küchentür steht offen. Plötzlich fliegt ein grauer Schatten herein. Lässt etwas aus seinem Schnabel fallen. Direkt vor Bergengrüns Füße. Der Mann ist schneller als Thea. Nachdenklich dreht er die Phiole in seinen Händen. Sie ist leer. „Harriiie, Harriiee“, krächzt der Vogel mit der Stimme des Toten und dann, laut und deutlich: „Mörrderr!“

Super!


Autor*innen sagt man ja zuweilen ein übergroßes Ego nach. Aber bitte, dieses geniale Bild von mir als Superwomen hat der fantastische Patrick Woywod ganz ohne Vorgaben von mir gemacht.

Ist es nicht toll?! Es ist natürlich eine Karikatur. Aber, wie immer, mit einem Körnchen Wahrheit. Denn manchmal will ich wirklich genau das: die Welt retten. Zumindest die um mich herum. Oft trete ich dann übergroß auf, ähnlich dem Elefanten im Porzellanladen. Oder schieße über das Ziel hinaus, wie der Bär bei Tschechow.

Bitte verzeiht mir diesen Überschwang. Manchmal gelingt es mir nämlich tatsächlich, eine Kuh vom Eis zu holen, einen Kater aus der Pflegestelle oder einen Krisenfall aus den Medien.

Und dann, ja, dann fühle ich mich ganz kurz genau so, wie Patrick mich überzeichnet hat.

DANKE, lieber Patrick! Du bist toll!

Und hier sitze ich neben Patrick. Sind wir nicht ein nettes literarisches Pärchen?

Übrigens: Patrick hat ein wunderbares Projekt ins Leben gerufen: eine Anthologie zugunsten des Gnadenhofes an seinem Wohnort. Einige meiner Mörderischen Schwestern sind dabei, und auch ich habe mich gleich mit einer ganzen Reihen von Erzählungen beteiligt. Hier schon mal das Coverfoto. Ich gebe euch Bescheid, sobald das Buch im Handel ist. Und dann: bitte kaufen, tolls Stories genießen und den Tieren etwas Gutes tun!

Welttag des Buches


Mein Vater, der kluge Karikaturist, hat mit spitzer Feder eine Waage gezeichnet. In der einen Schale liegen Bücher, gestapelt, meterhoch. In der anderen ein Gänsekiel. Ratet. was scjwerer wiegt?

Was bewegt uns Autor*innen, immer wieder immer noch das zu schreiben? Ist denn nicht längst alles gesagt, auch, wenn vielleicht noch nicht von allen? Ich kann nur für mich sprechen. Und wenn ich das, was in mir brodelt, stichelt, drückt und zwickt nicht rauslasse, als sinngebende Zeichen auf weißgraubunt, dann zerfrisst es mich, zerreist und beißt es mich um meinen Verstand.

Gottlob war es bisher immer so, dass das, was ich schreibe, bei anderen eher Balsam ist als Gift und eher Freude hervorbringt als Abscheu oder, schlimmer, Langeweile.

Scribo ergo sum. Ich schreibe, also bin ich.

Seid Ihr da bei mir?

Dann freuen wir uns gemeinsam auf die nächsten Geschichten.

Karfreitag


„Am Karfreitag regnet es doch normalerweise“, hat ein Freund mir gerade am Telefon gesagt.. Tut es das? Ich erinnere mich an sonnig sommerwarme Karfreitags-Nachmittage in meiner Kindheit. Da saß ich auf dem Balkon und malte mit meinem Vater ausgeblasene Eier für den Osterstrauß an. Er abstrakt, ich kindlich gegenständlich. Leider sind die kleinen Kunstwerke meines Vaters und zum Glück meine Kreationen nicht mehr erhalten.

Mit 18 verbrachte ich denkwürde Karfreitagsstunden mit meinem Freund beim „Metonkel“ mitten in einem schon maigrünen Wald. Wir saßen auf klapprigen Campingstühlen vor seinem alten Bauwagen und tranken aus schmutzigen gesprungenen Gläsern trüben Met zum Zwitschern unsichtbarer Vögel. Weder den Wagen noch den Metonkel und schpn gar nicht diese Vögel gibt es heute noch.

Ein Hauch von Vergänglichkeit liegt über diesem Tag. Eigentlich sollte es regnen.

Der Tod ist wie ein Punkt am Ende des Satzes. Unweigerlich nötig, weil auch die schönsten Wortgebilde sich nicht in die Unendlichkeit fortsetzen können. Und ihrer Einzigartigkeit beraubt, wären sie auch nicht mehr schön, Vor allem gäbe es dann nur noch begrenzten Raum für Neues. Stellt Euch vor, wenn jeder Satz, gedacht oder gesprochen, ewig wäre! Wir würden ersticken und verstummen vor der Gewalt all dieser nie gestillten Worte.

Aber zum Glück wurde irgendwann die Interpunktion erfunden.

Sie gilt für unsere Sätze und auch für unser Leben. Irgendwann ist Schluss. Das wird uns Christen heute durch das Leiden Jesu und aller anderen Gekreuzigten vor Augen geführt. Durch den zerrissenen Vorhang im Tempel. Und die Angst der Zurückgebliebenen.

Aber natürlich stirbt Jesus nicht zufällig gerade in dieser Jahreszeit. Pessach. Zuckerfest. Frühlingserwachen. Im Tod liegt schon der Keim zum Werden. Dieses Motiv ist älter als jede Religion. Sie ist der Pulschlag, seit es Leben gibt.

Trauer und Freude dürfen nebeneinander liegen, aufeinander, durcheinander. Du hast jemanden verloren, der dir fehlt? Weine. Und lache. Denn kein Verlust ist ewig. Mindestens in deinem Herzen und in deinen Erinnerungen kannst du Verlorene finden. Glaube mir! Versuche es.

Ich leide heute mit Jesus Christus und mit allen, die gequält und getötet wurden und werden. Ich bin dankbar für ihren Mut.

Als Christin bin ich außerdem unendlich froh darüber, dass mir ohne Ansehen meiner Schwächen, meiner Fehler, meiner Feigheiten eine Tür geöffnet wurde, die vom tiefsten Karfreitagsschwarz direkt ins Grün führt. Ins Blau. Ins Licht.

Adventskalender MiniKrimi am 24. Dezember (Heiligabend)


Wie gestern bereits angekündigt, heute als Abschluss meines diesjährigen MiniKrimi Adventskalenders ein Netzfund (Autor unbekannt, ich hab*s gegoogelt), auf den ich durch Birgit Schiche und Lupine auf BlueSky aufmerksam wurde. Vielleicht kennen einige von Euch das Gedicht und mögen es genauso gern wie ich…..

Ich wünsche Euch ein gesegnetes, lichterfülltes Weihnachtsfest – und dass es hell bleiben möge in Euch weit über Weihnachten hinaus!

Danke, dass Ihr mir folgt und meine Krimis lest. Ich verspreche: über’s Jahr werden immer wieder welche erscheinen. Mit meiner Ko-Autorin Lydia H. habe ich da schon eine ganz konrete Idee.

Das gestohlene Jesuskind
Die schönste Krippe dieser Welt
ist in der Kirche aufgestellt:
Maria, Josef, Ochs und Rind
inmitten drin das Jesuskind.

Kurz nach dem zweiten Weihnachtstag
trifft den Herrn Pfarrer fast der Schlag
wird käsebleich vor großem Schreck
das süße Jesulein ist weg
fort, gestohlen und geraubt
von Kirchenräubern unerlaubt.

Der Messner ist auch sehr entsetzt
weil stark die Heiligkeit verletzt.
Die beiden sorgen sich mit Bange
jetzt dauert es bestimmt nicht lange
bis auch der Josef wird gestohlen
und Gauner die Maria holen.

Und sie beschließen aufzupassen
den Übeltäter frisch zu fassen
der Pfarrer will im Beichtstuhl sitzen
das Brillenglas an schmalen Schlitzen
der Messner beim Altar verkroch
spickt durch ein kleines Astguckloch.

Sie warten ganz mucksmäuschenstill
und wie es Gottes Weisheit will
öffnet sich sacht die Kirchenpfort‘
ein kleiner Bub erscheinet dort
schiebt seinen Roller vor sich her
das Jesuskind liegt hinten quer
über dem Schutzblech hängend nur
halb festgemacht mit einer Schnur.

Der Pfarrer eilet flugs geschwind
zum Buben mit dem Jesuskind
was fällt dir ein, hört man ihn fragen
willst du mir gleich die Wahrheit sagen
der Knirps mit seinen blonden Locken
erwidert freiweg unerschrocken,
was man verspricht man halten soll
und er erklärt fast andachtsvoll
ich habe schon vor ein paar Wochen
dem Jesukindlein fest versprochen:

Wenn es am Christtag an mich denkt
mir einen schönen Roller schenkt
darf es zusammen mit mir flitzen
und hinten auf dem Schutzblech sitzen
ich werde nicht vom Roller steigen
dem Jesukindlein alles zeigen
dann kann es Abwechslung bekommen
vom Heugeruch und Überfrommen
Und frische Luft und Spaß juchu
und rote Bäckchen noch dazu.