Adventskalender MiniKrimi am 17. Dezember


Es ist nie vorbei!

Draußen vor den Fenstern des Klassenzimmers strahlt ein herrlicher Sommertag. Der Himmel azurblau ohne ein Wölkchen. Im Kirschbaum auf dem Schulhof zwitschern die Vögel. Der Lehrer, konservativ gekleidet in braunen Zwirn mit grüner Krawatte, doziert, durchaus passend zur Jahreszeit, über Shakespeares Sommernachtstraum. Aber die Schüler*innen der 11. Klasse sind nur halb bei der Sache. Sie tuscheln und planen den Nachmittag, sie flirten, sie träumen aus dem Fenster. Ein klassischer Vormittag!

Und da ertönt auch schon der Gong. Die Schüler*innen stehen auf, einer wirft ungestüm seine Bank mitsamt dem Stuhl um, ein anderer stolpert über seine Tasche. Drei Mädchen haben einem Jungen das Handy weggenommen und tun so, als würden sie es aus dem Fenster werfen. Der Lehrer packt seine Bücher ein und schüttelt den Kopf über das Chaos in seiner Klasse – allerdings ohne sonderlich überrascht zu erscheinen.

Schließlich haben alle Schüler*innen das Klassenzimmer verlassen. Der Lehrer wischt die Tafel ab. Da fällt von irgendwoher aus dem Schulgebäude ein Schuss. Und noch einer. Der Lehrer hebt den Kopf, als wolle er Witterung aufnehmen. Wieder ein Schuss, eine ganze Salve. Jetzt bricht die Hölle los. Schrille Schreie, Hilferufe, Schritte wie von einer Herde ausgebrochener Elefanten. Die Tür zum Klassenzimmer wird aufgerissen. Zwei Jungen stürmen hinein, hinter ihnen drei Mädchen, ein weiterer Junge. Noch zwei Schüsse, diesmal ganz in der Nähe. „Schnell, unter die Bänke!“, ruft der Junge mit dem Handy. Zum Lehrer: „Sie auch!“ Er kriecht unter eine Bank und hält das Handy ans Ohr. Da steht plötzlich eine schwarz gekleidete Gestalt in der Tür. Sturmhaube, Hoody, Funktionshose, Springerstiefel. In der Hand ein Maschinengewehr, um die Schultern einen Patronengürtel. Ohne zu zielen feuert er eine Salve von einer Ecke des Raumes zur anderen. Der Junge mit dem Handy wirft eine Schulbank um und schiebt sie als Barrikade vor sich. „Schützt Euch!“, ruft er den anderen zu. Der Lehrer ist am Pult zusammengesackt. Auf seinem Hemd breitet sich ein roter Fleck aus. 

Der Junge schreit etwas ins Handy. „Amok“, und „Schule“, „Klassenzimmer 11 a, dritter Stock.“ Die Gestalt in der Sturmhaube sieht sich um, schießt noch einmal auf den Lehrer und geht. Wieder sind Schreie aus anderen Räumen zu hören. Dann – Stille. Langsam kriechen die Schüler*innen hinter ihren Verstecken hervor. „Ist er weg?“, fragt ein Mädchen. Schnelle Schritte, die Gestalt ist wieder da. Mit dem Gewehr im Anschlag, sie brüllt etwas Unverständliches, vielleicht ist es auch nur ein Verzweiflungsschrei. Lässt sich auf den Boden gleiten, hält den Lauf des Gewehres von unten ans Kinn. Wimmert. „Nein“, schreit ein Mädchen! „Nein, tu das nicht!“

Da taucht ein Mann aus dem Dunkel des Ganges auf. Kein Polizist. Kein Lehrer, denn die Lehrer*innen tragen während des Unterrichts keine Pistole. „Du Schuft, du Mörder!“, zischt er, hebt die Hand und tötet die am Boden liegende Gestalt mit einem gezielten Kopfschuss. 

„Es ist vorbei“, sagt er dann zu den Schüler*innen, die panisch im Kreis um die schwarze Gestalt hocken. Keine Angst, der tut euch nichts mehr.“

„Nein. Es ist nie vorbei!“, sagt der Junge mit dem Handy. Er steht auf, die anderen folgen seinem Beispiel. Sie gehen nach vorne, in die Mitte des Klassenzimmers. Dort nehmen sie die schwarze Gestalt in ihre Mitte. Vom Pult kommt der Lehrer dazu. Das Mädchen zeigt auf den Mann mit der Pistole: „Auch du bist ein Mörder!“ „Es wird nie vorbei sein, solange es Waffen zu kaufen gibt!“ rufen alle im Chor. 

Dann fällt der Vorhang. „Eine beeindruckende Art des Gedenkens an den Amoklauf vor 5 Jahren an dieser Schule. Und ein leidenschaftlicher Aufruf zur Gewaltlosigkeit“, schreibt die lokale Presse nach der Vorführung. 

Adventskalender-MiniKrimi am 11. Dezember


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Wehret den Anfängen

„Wie konnte es nur so weit kommen?“ Ernest steht auf dem schneebedeckten Hügel, kaum mehr als eine Armlänge von dem Jungen entfernt. Dunkelheit umhüllt ihn, aber der Junge würde ihn nicht sehen, auch, wenn er direkt neben ihm stünde.

Er hat einen schwarzen Umhang um seine mageren Schultern gehängt, dicht an dicht mit Rabenfedern benäht. Wo er die her hat? Sein rußgeschwärztes Gesicht ist von einer grellroten Maske verdeckt. Seine Füße und Arme sind mit Lederfetzen umwickelt. Kerzengrade reckt er sich in die Winternacht. Sterne am Himmel, ausgestreut wie Diamanten auf einem Tuch. Welche Verschwendung. Die Menschen am Fuß des Hügels haben keinen Blick für die Mittwinterschönheit. Lachend und johlend drängen sie sich um den mannshohen Scheiterhaufen, seine Flammen vertreiben Dunkelheit und Kälte. Bierflaschen klirren, Zigaretten glimmen. Immer wieder stimmt jemand ein Lied an und bricht ab, als niemand mit einstimmt.

Fast kann Ernest den Jungen verstehen. Er war genauso, früher. Voller Verachtung für alles, was auf der Oberfläche des Lebens dahintrieb, ohne jemals zu versuchen, dessen Tiefen auszuloten. Ja, er kennt das Gefühl. Aber er hat sich von ihm doch nie beherrschen lassen, und nie hat er so auf einem Hügel gestanden, ein wütender Rächer ohne Aufgabe.

Jetzt hebt er die Arme, in einer Hand hält er den Bogen, in der anderen den Pfeil. Er legt an, nimmt Witterung auf, ein wildes Tier auf seinem Beutezug. Die Knie fest, nicht durchgedrückt. Der Oberkörper gerade und leicht nach vorne geneigt.  Der Bogenarm durchgedrückt und eingedreht, die Hand um 90° geneigt.

Ernest kann es nicht fassen. Der Junge vor ihm zielt auf die feiernden Menschen dort unten. Auf die Winterwendtänzer am Feuer. Zu seinen Füßen liegen über ein Dutzend Pfeile. Er hat diesen stummen Amoklauf lange geplant.

„Nein!“ ruft Ernest und will auf den Jungen zuspringen. Seinen Arm runterreißen, Den Bogen zerbrechen. Aber er ist angewachsen auf dieser nächtlichen Wiese. Und seine Schreie sind stumm. Und so muss er zusehen, wie dieser Junge, sein Sohn, unschuldige Menschen tötet. Aus Wut? Oder aus Verzweiflung. Ganz sicher aber, weil er, Ernest, als Vater versagt hatte. Ich habe Dich nie gewollt! Ich wusste genau, dass aus Dir nur genau das werden konnte, was Du jetzt bist. Ein…. MÖRDER.

„Ich bin der Vater eines Mörders! NEIN! NEIN! Das darf nicht sein!“ Endlich lösen sich die Schreie aus seiner Brust. Er wirft sich nach vorne.

Und landet auf dem Fußboden. „Sag mal spinnst Du?“ Vera liegt bäuchlings auf dem Bett, funkelt ihn wütend an. „Was tust Du da unten? Du hast wohl keine Lust, mit mir zu schlafen?“ Ich will einen Mörder aufhalten, denkt Ernest. Und die todsichere Methode ist, die Kondome aus der Hosentasche zu holen. Damit es garantiert nie so weit kommt!

 

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