Minikrimi Adventskalender am 1. Dezember


Die lahme Ente

„Schatz, kommst du bitte? Das Essen ist fertig.“

„Einen Moment. Ich sitze gerade an der Schlüsselszene.“

„Liebling, vor einer Stunde habe ich dich gefragt, ob ich das Magret de Canard in den Ofen schieben kann. Ja, hast du gesagt.“

Elvira, bitte! Ich kann meinen Schreibflow doch nicht wegen einer lahmen Ente abwürgen.“

„Die Ente ist nicht lahm. Noch nicht. Aber wenn du jetzt nicht kommst, wird sie zäh.“

„Tja, du kannst eben nicht kochen, Elvira.“

„Und du kannst nicht schreiben. Wie lange dokterst du schon an diesem Showdown herum? Und nie kriegst du ihn hin. Du hast deinen Protagonisten inzwischen schon auf ein Dutzend Arten sterben lassen. Erschossen, erhängt, überfahren, vergiftet, von der Brücke gestoßen, erschlagen…“

„Und warum? Weil ich immer genau in dem Moment, in dem in mir das perfekte Szenario zu entstehen beginnt, DU reinplatzt und die kreative Magie zerstörst.“

„Natürlich, ich bin Schuld! Wer wollte denn heute Abend unbedingt Entenbrust essen? Zur „Steigerung der Kreativität“, übrigens…“

„Mag sein. Aber das war vor Stunden. Du hast wirklich keine Ahnung davon, wie ein Künstler tickt.“

„Nein, habe ich nicht. Ich habe nur Ahnung davon, wie ich auf höchst unkünstlerische Weise Geld für zwei verdiene, damit du bis in alle Ewigkeit dein unvollendetes Werk schreiben und dabei Ente essen kannst.“

„Elvira, du bist gewöhnlich! Und laut.“

„Und du bist ein Schmarotzer! Und beleidigend.“

„Wenn dieses Buch, dieses Werk alle Literaturpreise abräumt, dann wirst du vielleicht verstehen, worum es hier geht. Aber auch nur vielleicht…! Und jetzt lass mich in Ruhe mit deinem Gezeter. Geh und stopf dir die Ente in den Hals, meinetwegen.“

„Gute Idee.“

…..

…..

„Elvira? Elvira, was MACHST DU? Halt….mmmph…… arghhhhhh….. rrrrrrrr….. ahhhhhhh………“

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„Schon verrückt, dieser Roman. Und das Ende! Dem Protagonisten eine Entenbrust in den Rachen zu stopfen, bis er daran erstickt. Genial!“

„Schade, dass der Autor praktisch beim Schreiben gestorben ist. Woran eigentlich?“

„Das weiß man nicht so genau. Seine Witwe hat jedenfalls das große Los gezogen. Das Buch bringt soviel ein – die lebt ihr restliches Leben im Luxus. Sie soll übrigens Vegetarierin sein.“

Adventskalender-MiniKrimi am 9. Dezember


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Blut ist ein ganz besonderer Saft

„Ein Mord. Ein Mord. Ich brauche einen MORD!“ Agathe stand von ihrem Schreibtisch auf und begann, mit ungeduldigen Schritten die Länge des Raumes zu durchschreiten. Von wegen heiter, dachte sie. Hesse hatte gut reden. Jeden Tag ein Mord. Wie soll das gehen? „Hermann? HERRMANN!“ rief sie, und dann gleich noch einmal: „HERRMANN!“

„Agathe Schatz, was ist denn? Ich war grade dabei…“

„Ist mir egal. Ich brauche dich jetzt. Hier. Sofort!“

„Bin gleich da, mein Schatz.“ Und dann stand er auch schon in der Tür, hemdsärmelig, mit blutroten Händen, das Bunka Hocho in der rechten, eine tropfende rote Beete in der linken Hand. „Das war jetzt sehr ungünstig.“

„Was wird das, wenn’s fertig ist?“, fragte Agathe in barschem Ton.

„Barszcz. Hattest du dir doch gewünscht, gestern.“

„Gestern! Was weiß ich, was ich mir gestern gewünscht habe! Jetzt brauche ich deine Hilfe. Ich habe nur noch zwei Stunden Zeit, und mir fällt kein gescheiter Mord ein!“

„Agathe,Schatz. Dann setzt du heute eben mal aus! Das ist doch nur ein alberner Wettstreit. Was passiert, wenn du heute bis 20 Uhr keinen Mord ablieferst? Die Welt geht davon bestimmt nicht unter!“

„Aber natürlich! MEINE Welt! Meine Reputation! Soll ich mich etwa von Rupert Rosen besiegen lassen? Ausgerechnet von DEM? Niemals. Ich habe eine Idee. Stell dich mal hier auf den Stuhl. Und dann legst du dir die Gardinenschnur um den Hals, und ich nehme das Ende in die Hand und gehe Richtung Tür, und dann…“

„Agathe, es reicht. Seit einer Woche probierst du an mir die verschiedensten Tötungsarten aus. Hier“, er zeigt auf den blauen Fleck an seiner Stirn, „hast du dich in den Apfelbaum gesetzt und versucht, mich  mit einem Ast zu erschlagen, während ich darunter vorbeilief. Zehn Mal hast du es versucht! Und hier,“ er streckt ihr anklagend den linken Arm entgegen, um sein Handgelenk windet sich ein Band aus roten Striemen. „Hier wolltest du ausprobieren, ob es dir gelingt, mir mit einem Frühstücksmesserchen die Pulsader aufzusägen.“

„Ja, das war leider ein sehr kläglicher Mordversuch.  Meiner absolut unwürdig. Aber heute versuchen wir es mit einer Kombination aus….“

„Heute versuchen wir gar nichts mehr. Ich gehe jetzt zurück in meine Küche und koche Barszcz.“ Damit dreht Herrmann sich um und geht zur Tür. Aber Agathe ist schneller. „Halt, hiergblieben!“, ruft sie und zerrt an seinem Ärmel. So heftig, dass sein Arm ihr entgegenschnellt. Das Bunka Hocho in seiner Hand zerteilt Agathes Brust so leicht wie die Rote Beete. Blut und Saft vermischen sich. Ungläubig starrt sie ihn an, sinkt in Zeitlupe zu Boden und flüstert: „Genial! Das ich darauf nicht selbst gekommen bin! Wenn Rupert das mitkriegt! Jetzt….habe…………..ich…………… ge…….won…ge…..wonnen“, gurgelt sie noch.

„Gratuliere, Schatz“, sagt Herrmann mechanisch. Dann widmet er sich wieder seiner Suppe. Ungestört.

 

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