MiniKrimi Adventskalender am 12. Dezember


Ein Mord, wie er im Buche steht

Er steht bereits eine ganze Weile vor dem öffentlichen Bücherschrank. Er wartet ohne das mindeste Zeichen von Ungeduld. Die Fußgängerampel an der Schleißheimer Straße wird rot und grün und wieder rot. Und grün. Er wippt auf den Ballen und macht einen Ausfallschritt in Richtung des riesigen Baustellenkraters, wo noch vor einem Jahr der Karstadt stand. Sic transit gloria mundi, denkt er, denn er hat einmal Latein gelernt. Bis zum Abitur. Und was hat ihm die Bldung gebracht? Sei nicht so ungerecht, weist er sich selbst zurecht. Ohne Bildung, Kultur und Bücherkenntnis könntest du diesen Job nicht machen. Und es ist keineswegs ein gewöhnlicher Job. Lukrativ ist er obendrein. Und er kostet ihn nicht einmal sonderlich viel Zeit. Nur Planung. Behutsamkeit. Umsicht. Und Konzentration.

Er entscheidet sich gegen den Wechsel der Straßenseite. Er schaut nach rechts, er schaut nach links. Der Platz ist menschenleer, keine Straßenbahn in Sicht, und auf seiner Fahrbahnseite stehen keine Autos an der Ampel. Er dreht sich abrupt um, schiebt die Glastür des öffentlichen Bücherschrankes auf und greift ganz gezielt nach einem Buch. Anna Karenina. Ein wahrhaft dicker Brocken. Wieder schaut er nach links und rechts, dann schreitet er gemessenen Schrittes davon, stadteinwärts die Elisabethstraße hinunter.

An der übernächsten Straßenecke öffnet er das Buch und entnimmt ihm einen dünnen Zettel mit einer aufgedruckten Adresse und dem Zusatz: Schlüssel unter der Restmülltonne. Warum immer die Restmülltonne? Dem nächsten Kunden wird er sagen, dass er die Papiertonne nehmen soll. Restmüll kostet in Zukunft 100 Euro extra.

Er geht ins Haus, öffnet die Tür und legt den Schlüssel gemäß der Anweisung auf das Sidebord im Eingang. „Johann, Johaaaannn, du warst aber lange weg, wo bleibt mein Kaffee? Soll ich den ewig warten?“, ruft eine schrill energische Stimme aus der Wohnungstiefe. Er antwortet nicht, das sei nicht nötig, hat sein Auftraggeber ihm erklärt.

Gleichgleichgleich kommt dein Kaffee, flüstert er. Und was für einer. Der ist einzigartig. Er geht in die Küche und macht sich an die Arbeit, misst ab, rührt, mixt. Dabei schaut er immer wieder in das Buch. Nur keinen Fehler machen, jetzt! „Fertig ist der caffé speciale nach Art des Hausherrn“, summt er vor sich hin und trägt die Tasse ins Wohnzimmer. „Das wurde aber auch Zeit“, schrillt die Stimme, und die Besitzerin greift nach dem Kaffee, ohne ihn, den Überbringer, auch nur anzuschauen. Auch das hatte ihm sein Auftraggeber vorab versichert.

Die übriggebliebenen Ingredientien steckt er in einen dünnen weißen Umschlag, auf den er vorab bereits ein Wort gedruckt hat: „erledigt.“ Auf ihn ist immer Verlass.

Am nächsten Tag steht er wieder eine ganze Weile vor dem Bücherschrank. Geduldig und ohne das geringste Anzeichen von Unruhe schaut sich um und vergewissert sich, dass ihm niemand gefolgt ist und ihn keiner beobachtet. Dann öffnet er die Glastür und stellt das Buch wieder hinein. An genau die Stelle, wo er es gestern rausgenommen hat. Er ist immerhin ein Profi. Auftragsbestätigung ist bei ihm Ehrensache.

Eigentlich müsste er der Stadt einen Dankesbrief schreiben. Anonym, aber trotzdem. Diese Bücherschränke sind die idealen Briefkästen. 100% anonym, versteht sich. Wie gut, dass die Stadtverwaltung fast in jedem Viertel einen aufgestellt hat.

Morgen geht’s nach Bogenhausen. Dort wartet Madame Bovary auf ihn.

Minikrimi Adventskalender am 1. Dezember


Die lahme Ente

„Schatz, kommst du bitte? Das Essen ist fertig.“

„Einen Moment. Ich sitze gerade an der Schlüsselszene.“

„Liebling, vor einer Stunde habe ich dich gefragt, ob ich das Magret de Canard in den Ofen schieben kann. Ja, hast du gesagt.“

Elvira, bitte! Ich kann meinen Schreibflow doch nicht wegen einer lahmen Ente abwürgen.“

„Die Ente ist nicht lahm. Noch nicht. Aber wenn du jetzt nicht kommst, wird sie zäh.“

„Tja, du kannst eben nicht kochen, Elvira.“

„Und du kannst nicht schreiben. Wie lange dokterst du schon an diesem Showdown herum? Und nie kriegst du ihn hin. Du hast deinen Protagonisten inzwischen schon auf ein Dutzend Arten sterben lassen. Erschossen, erhängt, überfahren, vergiftet, von der Brücke gestoßen, erschlagen…“

„Und warum? Weil ich immer genau in dem Moment, in dem in mir das perfekte Szenario zu entstehen beginnt, DU reinplatzt und die kreative Magie zerstörst.“

„Natürlich, ich bin Schuld! Wer wollte denn heute Abend unbedingt Entenbrust essen? Zur „Steigerung der Kreativität“, übrigens…“

„Mag sein. Aber das war vor Stunden. Du hast wirklich keine Ahnung davon, wie ein Künstler tickt.“

„Nein, habe ich nicht. Ich habe nur Ahnung davon, wie ich auf höchst unkünstlerische Weise Geld für zwei verdiene, damit du bis in alle Ewigkeit dein unvollendetes Werk schreiben und dabei Ente essen kannst.“

„Elvira, du bist gewöhnlich! Und laut.“

„Und du bist ein Schmarotzer! Und beleidigend.“

„Wenn dieses Buch, dieses Werk alle Literaturpreise abräumt, dann wirst du vielleicht verstehen, worum es hier geht. Aber auch nur vielleicht…! Und jetzt lass mich in Ruhe mit deinem Gezeter. Geh und stopf dir die Ente in den Hals, meinetwegen.“

„Gute Idee.“

…..

…..

„Elvira? Elvira, was MACHST DU? Halt….mmmph…… arghhhhhh….. rrrrrrrr….. ahhhhhhh………“

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„Schon verrückt, dieser Roman. Und das Ende! Dem Protagonisten eine Entenbrust in den Rachen zu stopfen, bis er daran erstickt. Genial!“

„Schade, dass der Autor praktisch beim Schreiben gestorben ist. Woran eigentlich?“

„Das weiß man nicht so genau. Seine Witwe hat jedenfalls das große Los gezogen. Das Buch bringt soviel ein – die lebt ihr restliches Leben im Luxus. Sie soll übrigens Vegetarierin sein.“

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