Adventskalender MInikrimi am 6. Dezember


Des Doodles Kern

(von meiner Co-Autorin Lydia H.)

Der Nikolaustag 2018 würde Rita immer im Gedächtnis bleiben. 

An diesem Tag hatte für sie ein neues Leben begonnen. Christof, Ritas Mann, hatte ihn am Nikolausabend ins Haus gebracht. Verziert mit einer roten Schleife um den Hals, tapste Ben in ihr Leben. Ben, das bezauberndste „Mannsbild“, das Rita seit langem begegnet war. Nun ja, Mannsbild trifft es nicht ganz. Ben war ein Labradoodle, 10 Wochen alt, mit goldenem Fell. 

Erleichtert nahm Rita zur Kenntnis, dass die ungewöhnliche Geheimnistuerei ihres Ehemannes während der letzten Wochen nicht einer Affäre geschuldet war  wie sie bereits befürchtet hatte. Mit 45 und nach 10 kinderlosen Ehejahren mit einer fast gleichaltrigen Frau war der Gedanke ja nicht ganz abwegig gewesen. 

Rita, Grundschullehrerin, und Christof, Partner in einer großen Wirtschaftskanzlei, hatten vor 7 Jahren ein schmuckes Reihenhaus in einem guten Münchener Viertel gekauft. Genug Platz für zwei Kinder. Aber es kam anders. Beziehungsweise es kam gar nicht. Zumindest keine Kinder. Nach Auskunft der Kinderwunschklinik – die ihnen von diskreten Nachbarn am Ende einer alkoholintensiven Party im kleinen Kreis mit entsprechenden Geständnissen in den frühen Morgenstunden – empfohlen worden war,  waren sie beide einfach zu alt, um auf normalem Wege Eltern zu werden. Im Unterschied zu vielen befreundeten Paaren, die in einem ähnlichen Dilemma steckten, entschieden sich Rita und Christof gegen künstliche Befruchtung. 

Den Wunsch nach einem Hund hegte Rita schon lange, im Grunde, bevor sie sich eine Schwangerschaft hatte vorstellen können. Schon als Kind hatte sie immer von einem vierbeinigen Freund geträumt. Leider hatte Christof eine Hundehaarallergie, was sie, Rita,  allerdings erst nach der Hochzeit erfuhr. 

Die ersten Monate mit Ben waren wie ein Traum gewesen – und ein Jungbrunnen für ihre Ehe. Plötzlich hatten die beiden wieder ein gemeinsames Gesprächsthema, das nichts mit beleidigenden Helikoptereltern oder halbkriminellen Klienten zu tun hatte.  

Sie gingen zusammen spazieren, ja sie besuchten sogar eine Hundeschule. – besser ls jede Paartherapie, gestand Rita ihrer besten Freundin, und sie schämte sich nicht dafür. 

Und Christofs Allergien? Keine Spur. Das lag an den besonderen Eigenschaften des Labradoodles. Ende der 80er Jahre in Australien durch Kreuzung von Labrador und Großpudel kreiert, sollte diese Hybridzüchtung einen Blindenhund für auf Hundehaare allergische Menschen hervorbringen. Obwohl als Rasse bis heute nicht anerkannt, erfreute sich der Labradoodle schnell großer Beliebtheit und verbreitete sich sehr schnell in Kreisen,  welche zwar einen Hund halten wollten, aber aus den unterschiedlichsten Gründen keine Hundehaare in ihren Häusern duldeten. Das für Allergiker im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtige Zuchtziel, der Wegfall des pudeltypischen Fellwechsels, wurde allerdings bis heute nicht erreicht. Ein nichthaarender, mithin hypoallergener Hund, existiert nach heutigen Erkenntnissen leider noch nicht. 

Als der Frühling kam und mit ihm Bens erster Fellwechsel , war das schöne Familienleben mit einem Schlag – oder Haarknäuel – vorbei. Christof gab sich zunächst wirklich größte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen und deponierte überall unauffällig eine Asthma Sprays. Rita, die alle Hausarbeiten einer Putzfrau überlassen hatte, ahnte nichts von dem Drama, das sich in ihrem Haus entfaltete. 

Nach dem zweiten Fellwechsel im Herbst jedoch konnte Christof sein Leiden nicht mehr verbergen. Es war klar: Entweder Christof oder der Hund. Christof entschied: Ben konnte nicht bleiben. Rita sagte nichts. Sie hatte in der Beziehung eigentlich nur sehr selten etwas gesagt, wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen. Christof hatte schnell eine tolle Familie für Ben gefunden. Rita war mitgekommen, um sie kennenzulernen. Sie schienen ihr etwas laut und chaotisch. Ben war ihrer Meinung nach eher der ruhige Typ. Aber Christopf erklärte ihr geduldig, dass Kinder die beste Ablenkung für ihn sein würden und er Rita so am schnellsten vergessen würde. 

Wie Rita Ben vergessen würde – und ob – das hatte Christop ganz offensichtlich nicht in Betracht gezogen. Bens Umzug sollte ausgerechnet am Nikolausabend stattfinden. Auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Ankunft. Rita fand das äußerst geschmacklos. Aber andererseits hatte sich ihr Mann noch nie durch besonders guten Geschmack oder gar Feingefühl ausgezeichnet.

Ab dem 1. Dezember weinte Rita sich jede Nacht in den Schlaf. Schließlich verlies sie das gemeinsame Schlafzimmer und legte sich auf eine Decke neben Bens Schlafkörbchen.

Die Polizei konnte sich nicht erklären,  warum alle Asthma Sprays im Haus leer gewesen waren. Als Rita am Nachmittag des 6. Dezember von ihrem letzten ausgedehnten Spaziergang mit Ben nachhause kam, war Christof bereits tot. Er hatte ganz offensichtlich alle Schubladen nach einem vollen Spray durchwühlt. Aber da auf den Dosen ausschließlich seine eigenen Fingerabdrücke gefunden wurden, bekam Rita keine Vorladung, sondern lediglich Beileidsbekundungen. 

Rita und Ben trösteten sich am Nikolausabend gegenseitig. Und Ben schlief zum ersten, aber nicht zum letzten Mal, im Ehebett.