MiniKrimi Adventskalender am 8. Dezember


Der heutige MiniKrimi stammt aus der Feder meiner österreichischen Schwester Lotte R. Wöss. Die Story ist aus „Mordszeit 3“ – Kurzgeschichten zugunsten der Österreichischen Kinderkrebshilfe von den KrimiautorInnen Österreich. Also: Obacht beim nächsten geschenkten Likör.

Kaffeelikör

Jedes Jahr laden der Chef und seine Frau Helga, ich nenne sie Xanthippe, die fünf Vorstandsmitglieder plus Chefsekretärin zum Weihnachtsessen ein.

Die Chefsekretärin, das bin ich. Und auch heuer wieder werde ich so tun, als wäre ich nur die Sekretärin.

Xanthippe nimmt mein Mitbringsel freudig entgegen. „Kaffeelikör! Und noch dazu meine Lieblingsmarke. Wie reizend von Ihnen.“

Mich hat es auch gereizt. Nämlich mein selbst extrahiertes Tollkirschenextrakt mit einer Spritze durch den Korken zu injizieren. Es ist lächerlich einfach gewesen.

Den ganzen Abend muss ich zusehen, wie Patrick seine Hauskrähe hofiert, ihr Küsschen auf die Wangen drückt und mit der Hand über ihrem Arm streicht. Wenn sie wüsste dass es genau dieselbe Hand ist, die noch heute Vormittag spezielle Stellen von mir berührt hat.

Als Abschluss kommt die Hausfrau mit dem traditionellen Tiramisu. Tradition! Lächerlich. Ich vermute, es ist die einzige Nachspeise, die sie hinkriegt.

Immerhin schmeckt sie. Rasch lenke ich mich mit einem weiteren Löffel der Creme ab, ehe ich mich noch durch meine sehnsüchtigen Blicke zu Patrick verrate.

Geduld! Bald gehört er mir allein.

Nun klopft Xanthippe ans Glas. Alle Köpfe heben sich, die meisten haben ihre Nachspeise beendet. „Ihr Lieben! Ich muss etwas sagen. Mein Mann betrügt mich.“

Totenstille.

„Ja, ich weiß es schon länger.“ Ihr Blick fällt auf mich. Mir ist auf einmal eiskalt, Schleier trüben meinen Blick.

 „Aber Helga, Mäuschen, ich bitte dich.“ Patricks Stimme klingt fast weinerlich. Er steht auf und streckt seiner Frau die Hände hin. Weichei!

Was ist das? Taumelt er etwa? Er muss sich an der Stuhllehne festhalten.

„Ihr wusstet es alle und habt euch hinter meinem Rücken über mich lustig gemacht.“ Gemurmel setzt ein. Prokurist Meier kippt vornüber, mit dem Gesicht in den Rest seines Tiramisus. Personalchefin Biederstädt verdreht die Augen und gleitet geräuschlos vom Stuhl. Und – nein – mein geliebter Patrick stürzt zu Boden wie ein gefällter Baum.

Weshalb sehe ich alles wie durch Milchglas?

„Schmeckt es euch? Heuer habe ich es mit einer neuen Zutat verfeinert. Gut, dass meine beste Freundin Apothekerin ist. Ihr werdet nicht leiden müssen, obwohl, verdient hättet ihr es.“

Das letzte, was ich sehe, ist Xanthippes gehässiges Grinsen, wie sie sich ein Gläschen eingießt. Aus meiner mitgebrachten Flasche.

Foto (c) Daniel Furxer.

Mehr Infos gibt’s auf ihrer Website:  https://lotte-woess.com

Adventskalender MiniKrimi am 19. Dezember


Spieglein, Spieglein, an der Wand……

„..ich bin die Schönste im ganzen Land. Und gut, dass das bald auch alle im Land wissen werden“, dachte Sabina. Es war wirklich höchste Zeit. Sie hatte es satt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, und hatte lange genug auf diese Gelegenheit gewartet. Seit 4 Jahren, um genau zu sein. Seit sie ihren Salon „Sabinas Beauty Palast“ eröffnet hatte.

Die Kund*innen hätten in Strömen zu ihr kommen müssen, aber woher sollten die Menschen in Sachsen wissen, dass es nur bei ihr, in einer kleinen Sackgasse in Schkeuditz, die tollsten Frisuren, das coolste Makeup und die geilsten Nägel gab?

Aber jetzt würde die Beauty-Show in diesem Privatsender sie bekannt machen. Und nicht nur in Sachen! Deutschlandweit. Die Tatsache, dass sie, um den Hauptgewinn zu bekommen, ihre vier Konkurrent*innen besiegen musste, war für Sabina kein Problem. Wofür hat man Freunde? Wenn ihre Qualitäten die Mitbewerber*innen nicht überzeugen konnten, hatten ihre Leute genug schlagkräftige Argumente parat. Sie waren nicht umsonst in Windschatten der Wende aufgewachsen. Jetzt war Zahltag, und endlich war sie, Sabina, an der Reihe.

Heute war der letzte Tag. Mit dem Filmteam von „Spieglein, Spieglein“ waren sie eine Woche lang von München nach Lüneburg, von dort nach Stuttgart, dann weiter nach Schkeuditz und schließlich nach Berlin gezogen. Jeden Tag hatte eine*r der Beweber*innen die anderen Kolleg*innen im eigenen Salon „verwöhnt“ und war dafür bewertet worden. Pah, die dachten, sie seien die Superstars. Allein die Blicke, als die Sabinas Salon betreten hatten. Die Tigerfelle an den Wänden, der rosa Plüsch und die Lackmöbel. Ja, so sah es eben bei ihr eben aus. Und sie war stolz darauf. Hatte alles selbst ausgesucht und nicht irgend so einem Designerfutzi überlassen, wie die anderen. Wie gerne hätte sie es ihnen direkt bei der Behandlung heimgezahlt. Aber das ging nicht, schließlich waren sie live auf Sendung.

Als es dann aber an die Beurteilung ging, hatten ihre Freunde in der Zwischenzeit schon dafür gesorgt, dass ihre Noten gut ausfielen! Sehr gut, sogar.

Heute war nur noch Raffi dran. Dieser eingebildete Schönling. Machte einen auf Mädchen, klimperte mit seinen falschen Wimpern und flötete siegessicher: „Willkommen in der Hauptstadt des Stylings, meine Süßen alle.“ Dabei hatte er Sabina eine Kusshand zugeworfen. Ekelhaft! Na, der würde sich wundern. Nein, auch er konnte ihr den Sieg nicht wegschnappen. Denn ganz am Ende konnten die Zuschauer noch Bonuspunkte für den coolsten Style vergeben, und erst die brachten dann den Sieg. Sabina hatte keine Sorge. Ihr Style war der allerbeste.

Raffi gab sich alle Mühe. Oh, wie Sabina ihn hasste! Sein Laden war eiskalt. Nur schwarzer Marmor und Glas. An der Decke riesige Lüster. Wie in einem Schloss. Keine Spur gemütlich. Nicht so wie bei ihr. Und zu trinken gab’s statt Kaffee und Rotkäppchen Lassis und Smoothies. Also bitte! Naja, was sollte man auch anderes erwarten. Das war wohl auf der Südseeinsel, wo sein Vater herkam, so üblich. Aber nicht bei uns, dachte Sabina. Nicht bei uns!

Jetzt war sie an der Reihe. Die anderen saßen schon, frisch gewellt, gepealt, geschminkt im Tourbus und hatten Raffi mega Noten gegeben. Sabina sah ihren schwer erkämpften Vorsprung schwinden. Sie würde schon dafür sorgen, dass er es bei ihr verpatze. Egal, wie sie danach aussah. Hauptsache, er würde sich blamieren und von den Zuschauern keinen Extrapunkt bekommen.

„Was wünscht du dir denn, liebe Sabina?“, flötete Raffi und klimperte in die Kamera. „Ich will so aussehen wie mein größter Albtraum“, sagte sie und schaute Raffi direkt in die Augen. Damit bist du überfordert, dachte sie. Und freute sich darauf, am Abend mit den Freunden den Gewinn zu teilen.

Aber „sehr gerne“, lächelte Raffi. Und setze hinzu: „Und du bist dir ganz sicher?“ „Hundertprozentig“.

Die Prozedur war lang Und schmerzhaft. Die Kamera durfte hier nie dabei sein. Berufsgeheimnis. Mehr als einmal hatte Sabina nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrückt. Denk an den Sieg, Mädchen, hatte sie sich Mut gemacht.

Endlich war es soweit. Raffi nahm ihr den Umhang ab, verband ihr die Augen und führte sie vor den Spiegel. Jetzt waren die Zuschauer zugeschaltet. Alle konnten sehen, wie hässlich sie aussah, und egal, ob es ihr Wunsch gewesen war oder nicht, Raffi würde damit keine Punkte machen.

Komisch, warum waren plötzlich alle so still? Das Team, die Mitbewerber? Keine Oh-Laute, kein abfälliges Flüstern. Nur eine ganz tiefe Stille.

„So, liebe Sabina, schau dich an. Hier sitzt dein größter Albtraum“, deklamierte Raffi und enthüllte mit dramatischer Geste den Spiegel.

Sabina hielt die Luft an. Starrte auf das Bild. Die Welt um sie herum blieb stehen. Bis sie schrie. Aufsprang und hinausrannte. Auf die Straße. Und verschwand.

Sie hatte in dem Spiegel nicht mehr Sabina gesehen, sondern einen zweiten Raffi. Und zwar so perfekt hergerichtet, dass der Berliner von den Zuschauern für diese Leistung die nötige Punktzahl erhielt, um Sabina zu überholen und sich den Titel „Der Schönste im Land“ zu holen.

Sabinas Beauty Palast suchte kurz danach einen neuen Pächter. Ein Hundefriseur zog ein und erfreute sich bald großer Beliebtheit, auch weit über die Grenzen Sachsens hinaus.