MiniKrimi Adventskalender am 24. Dezember


Meine Lieben, heute geht das vor-letzte Türchen meines MiniKrimi Adventskalenders 2025 auf! Ja, morgen kommt noch mal etwas. Traditionell wird das meine Christmetten-Predigt sein.

Doch jetzt freut euch auf die Story meiner Mörderischen Schwester Sandra Halbe: die Kapitel 2 und 3 aus ihrem Kriminalroman:

Verlorene Träume

Stünzel ist der kleinste Ort, der zu Bad Berleburg gehört. Jedes Jahr im Juni findet hier auf dem Festplatz die Kreistierschau, das Stünzelfest, statt. Dass hier an jenem Wochenende 25.000 Besucher feiern, ist jetzt, im November, nicht zu sehen, und so haben wir kein Problem, einen Parkplatz zu bekommen. Krankenwagen und Notarzt sind bereits eingetroffen. Ich notiere mir schnell die Nummernschilder der beiden übrigen Autos, die hier geparkt sind, und stolpere dann hinter Alex her, der zügig in Richtung Wald vorangeht. In den letzten Tagen hat es viel geregnet, sodass der Boden stellenweise matschig ist. Auch geschneit hat es vor ein paar Wochen schon einmal, hier und da sind noch Reste von Schnee zu sehen. Immer wieder sinken meine Füße ein, und so komme ich nur langsam voran. Ein paar Meter vor mir höre ich Alex leise fluchen. Ihm geht es offenbar nicht anders. Endlich kommen wir auf der Lichtung an. Mein Blick fällt auf ein winziges Gebäude, das in den Wald hineingebaut ist. Die Tür steht sperrangelweit offen, auf dem Dach ist ein kleiner Holzzaun angebracht. Ein alter Rübenkeller, schießt es mir durch den Kopf. Davor stehen der Notarzt und zwei Sanitäter und winken uns zu. Ein paar Meter entfernt kniet eine Frau über etwas im Gras, das ich von hier aus nicht erkenne. Eine weitere Frau steht neben ihr, einen Terrier angeleint zu ihren Füßen. Alex geht auf den Rübenkeller zu, ich steuere die beiden Frauen an. 

 »Caroline König von der Polizei«, weise ich mich aus. »Können Sie mir sagen, was hier passiert ist?« 

 »Wiebke Schneider«, stellt die Frau mit dem Hund sich vor. »Ich bin hier mit meinem Rocky spazieren gegangen, wie jeden Sonntag. Da hinten hab ich die Frau liegen sehen. Sie hat nicht auf meine Rufe reagiert, nur leise gestöhnt. Ich wollte ihr helfen, aber ihr dummer Hund hat mich nicht zu ihr gelassen, also hab ich einen Krankenwagen gerufen.« 

 »Ihr Hund hätte vermutlich nicht anders reagiert«, mischt sich die Frau ein, die vorher auf dem Boden gekniet hat. Vor ihren Füßen steht eine Transportbox, in der ein zweiter Hund leise knurrt. 

 »Was ist mit ihm?«, frage ich. »Ich habe ihn da hinein verfrachtet, so beruhigt er sich. Ich bin Andrea Klein vom Ordnungsamt. Die Kollegen vom Rettungsdienst haben mich gerufen, damit ich ihnen einen Weg zu der Frau verschaffe.« 

 »Hätte man da nicht einen Tierarzt rufen müssen, um ihm ein Beruhigungsmittel zu spritzen?«, wundert sich Wiebke Schneider. 

 »Nein, in solchen Fällen ist das Ordnungsamt zuständig. Ein Tierarzt kennt den Hund auch nicht zwingend und weiß nicht, auf welche Mittel er allergisch reagiert. Deswegen kommen wir mit einem langen Stock, an dem eine Schlinge befestigt ist, und verfrachten den Hund in eine Transportbox.« Sie zeigt auf die Box, aus der mittlerweile nur noch ein leises Winseln kommt. »So ist kein Medikament nötig. Hunde sind für ihren stark ausgeprägten Beschützerinstinkt bekannt. Wenn das Frauchen wehrlos am Boden liegt, kommt dieser zum Vorschein. Das ist leider nicht immer ideal, weil so auch Helfer vom Opfer ferngehalten werden.« Sie zuckt mit den Schultern. »Ich hab mir mal das Sprunggelenk gebrochen, mitten im Wald. Als ich da lag, haben Spaziergänger versucht, mir zu helfen. Keine Chance. Mein Hund hat sie nicht gelassen, obwohl ich bei Bewusstsein war und ihm immer wieder versichert habe, dass es okay ist, wenn diese Leute mir nahekommen. Erst als mein Lebensgefährte auftauchte, hat Joy sich beruhigen lassen und man kam an mich heran, um mir zu helfen. Diese Frau konnte sich nicht verständigen, sodass die Reaktion ihres Hundes nach vollziehbar ist. Ihr Hund hätte nicht anders reagiert.« 

 Hat die Frau während ihrer Ausführungen nur einmal Luft geholt? Ich staune. »Was passiert jetzt mit dem Hund?«, frage ich und wappne mich für den nächsten Redeschwall. 

 »Ich bringe ihn zum Hof Birkefehl und hinterlege den Standort bei Tasso. Das ist eine zentrale Datenbank, in der Besitzer nach vermissten Tieren suchen können. Vielleicht kommt die Frau ja wieder auf die Beine. Dann weiß sie, wo sie ihren Liebling abholen kann.« 

 Ich sehe in Richtung Rübenkeller. Die beiden Sanitäter und der Notarzt stehen ein paar Meter abseits, während Alex wild gestikulierend mit seinem Handy Verstärkung anfordert. »Davon sollten wir wohl nicht ausgehen«, murmele ich. 

Ich wate durch den Schlamm hinüber zu Alex. Die Tote, die zu seinen Füßen auf dem Rücken liegt, ist meiner Schätzung nach Anfang 20. Sie trägt wetterfeste Kleidung, die langen, dunklen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Die blaue Windjacke ist am Bauch dunkelrot verfärbt. 

 »Der Notarzt hat den Tod der Frau festgestellt. Vermutlich ein Messerstich. Ingrid ist auf dem Weg, um die Spuren zu sichern«, sagt Alex. Auch wenn eindeutig zu erkennen ist, dass die Frau nicht mehr lebt, müssen wir auf einen Arzt warten, der den Tod offiziell feststellt. Erst dann können wir unsere Ermittlungen aufnehmen und einen Rechtsmediziner rufen, der weitere Untersuchungen an der Toten durchführt. Ich werfe einen Blick auf die Flut von Fußabdrücken rund um den Rübenkeller, die allein die Sanitäter und der Notarzt hinterlassen haben. Hinzu kommen unsere. Unwahrscheinlich, hier eine Spur zu finden, die uns weiterbringen wird. 

 »Ingrid wird begeistert sein.« Ich bringe Alex auf den neusten Stand: »Als die Frau gefunden wurde, hat sie laut der Zeugin leise gestöhnt. Sie ist also noch nicht lange tot.« 

 Alex nickt. »Der Rechtsmediziner kommt aus Siegen, braucht einen Moment länger.« 

 »Lag die Frau im Keller oder davor?« 

 »Davor. Möglicherweise hat sie sich an die Tür gelehnt und ist daran zu Boden geglitten.« 

 »Das ist doch Frauke!« Eine Sanitäterin kommt auf uns zu. »Die wollte hier bestimmt ein Video für ihren Kanal drehen!« 

 »Wer ist Frauke?«, will Alex wissen. »Und was für ein Kanal?« 

Die Sanitäterin schnalzt mit der Zunge und wirft mir einen verschwörungsvollen Blick zu. »Männer! War ja klar, dass der Frauke Blöcher nicht kennt.« 

 »Ich kenne sie auch nicht«, antworte ich zu ihrer Enttäuschung. »Helfen Sie uns bitte auf die Sprünge, Frau …?« 

 »Bender. Janine Bender. Frauke ist Physiotherapeutin und betreibt den Kanal ›Fit mit Frauke‹ in den sozialen Medien. Sie veröffentlicht dort regelmäßig Fitnessvideos. Seitdem ich immer wieder mit ihr Sport mache, habe ich schon fünf Kilo abgenommen.« Sie wirft einen stolzen Blick auf ihren schlanken Bauch. 

Ich krame nach meinem Notizbuch und notiere mir schnell den Namen des Opfers. »Und Sie denken, hier wäre ein geeigneter Platz für ein Fitnessvideo?«

»Das war ja das Besondere an Fraukes Videos! Sie hat da für oft Orte hier in der Gegend und unter freiem Himmel aus gesucht. Letztens war sie auf dem alten Sportplatz in Laasphe. Da verdeckte das Gras ihre Beine fast komplett. Deswegen hat sie nur Übungen für den Oberkörper gefilmt, um zu zeigen, dass man immer etwas für seinen Körper tun kann. Hier wäre es wahrscheinlich ein Video nach dem Motto ›Platz ist in der kleinsten Hütte‹ geworden. Man sollte nie eine Ausrede haben, keinen Sport zu treiben. Das hat Frauke mit ihren Videos humorvoll vermittelt.« Janine Bender sieht bedauernd auf die Frau zu ihren Füßen. »Schade, dass es keine Videos mehr von ihr geben wird. Jetzt muss ich mir wohl einen anderen Sportkanal suchen.« 

Das Foto von Sandra Halbe hat Tina Laser gemacht.

Mehr über die Autorin findet ihr hier:

Webseite: www.sandra-halbe.de

Instagram: Sandra_Halbe

MiniKrimi Adventskalender am 20. Dezember


Heute lest ihr einen Auszug aus „Das verschwundene Gemälde“ von meiner Mörderischen Schwester Petra Haghjou. Das ist der zweite Band 2 der Krimi-Reihe „Eine mörderische Reportage“.

Das verschwundene Gemälde


Kurz vor ihrem Ziel zog ein winterliches Gewitter mit Schneegestöber über die Stadt. Fast fegte ein besonders heftiger Windstoß Charlotte von den Beinen, als sie mit Watsamon zur Haustür eilte. Sie ging schneller und stellte sich unter die Überdachung. Der Schlüssel entglitt Watsamons Fingern, die in schlüpfrigen Wollhandschuhen steckten, und fiel klirrend zu Boden. Eilends bückte sie sich und steckte den Schlüssel ins Schloss. Die Tür glitt nach einem kräftigen Stoß auf. Charlotte lief voran in das Hochparterre, den Gang entlang zu Sabrinas Wohnungstür und drückte auf die Klingel. Nichts tat sich. Verdammte Sabrina! Womöglich hatte sie es sich anders überlegt.

»Ich rufe sie an.« Charlotte wählte Sabrinas eingespeicherte Nummer. 
»Pscht!«, zischte Watsamon. »Ich glaube, es läutet unten im Keller.« 

Gedämpft hallte ein fetziger Klingelton durch das Treppenhaus. Sabrina, oder zumindest ihr Telefon, war im Keller. Charlotte hastete den Flur zurück und die Treppen hinunter. Im Halbdunkel erkannte sie eine schwere Tür. Watsamon öffnete sie mit ihrem Schlüssel und betätigte den Lichtschalter. Verstaubte Neonröhren schalteten sich ein, unter denen sich die Überreste von Insekten abhoben. Sie flimmerten altersschwach und spendeten trübes Licht.

»Hier links geht es zu unseren Kellerabteilen und auf der anderen Seite zum Heizungsraum.« Watsamon deutete auf eine zerkratzte Stahltür, die einen Spalt offenstand. 

»Sehen wir zuerst dort nach.« Charlotte drückte mit der Schulter die Tür auf und schlüpfte hindurch. 

Im Heizungsraum war einiges los. Das Gebrodel, das Blinken, die unzähligen Rohre und Lichter erinnerten Charlotte an Versuchslabore durchgeknallter Erfinder in alten Frankenstein-Filmen. Durchgeknallt musste auch derjenige sein, der für das verantwortlich war, was sich ihren Augen bot. Sabrina befand sich in einer halb knienden, halb gebeugten Haltung auf dem Boden neben einem verspinnwebten Hauptrohr. Das Gesicht steckte bis über die Ohren in einem Eimer mit der Aufschrift Gestalten Sie Ihr Zuhause schöner mit Color – Deutschlands beliebter Innenfarbe. Darunter klebte ein Etikett mit Apfelgrün.

»Das ist der Behälter mit meiner neuen Wohnungsfarbe«, rief Watsamon. »Was tut sie bloß darin?«

Charlotte zog scharf die Luft ein. »Sie steckt sicher nicht freiwillig im Farbeimer fest.«

Selbst in dieser unwürdigen Position wirkte Sabrina immer noch äußerst attraktiv – zumindest der sichtbare Teil. Die apfelgrüne Wandfarbe klebte dick und zäh am Hinterkopf, aber die rotgoldenen Locken breiteten sich in ihrer ganzen Pracht über den Rücken aus. Dazu trug Sabrina einen hautengen Minilederrock. Ihr Popo ragte dem Betrachter regelrecht entgegen. Charlotte kniete nieder und hob die lasch herabhängende Hand hoch. Sie klatschte auf den Boden zurück, sobald sie sie losließ. Es half alles nichts. Sie musste sich vergewissern, ob wirklich Sabrina in dem Farbeimer steckte. Beherzt griff Charlotte mit beiden Händen in den Topf, umfasste den Kopf und hob ihn hoch. Die apfelgrüne Farbe floss träge in Rinnsalen das Gesicht herab. Charlotte begann die zähflüssigen Masse wegzukratzen. Vorsichtig zog sie ein freigelegtes Lid hoch und entblößte ein starres lebloses Auge.

Foto (c) Tiziana Viviano

Mehr über die Autorin erfahrt ihr hier: Petra Haghjou – Die Mörderischen Schwestern Bayern

Und auf: 

https://www.instagram.com/petrahaghjou

Petra Haghjou

„Das verschwundene Gemälde“ ist erhältlich bei:…

Amazon.de
Thalia.de
Hugendubel.de
bookbeat.de 
skoobe.de

u.v.m.

MiniKrimi Adventskalender am 18. Dezember


Heute zeigt euch meine Mörderische Schwester Monika Buttler, was es mit der feinen englischen Art auf sich hat… Viel Spaß beim Lesen!

Auf die feine englische Art (Auszug Kurzkrimi)

von Monika Buttler

Als es passierte, an einem dieser englischen Tee-Nachmittage im Hotel „Vier Jahreszeiten“, da war ich ja nur Publikum. Was heißt ‚nur’ – geborgen im braunen Rund eines Chippendale-Chairs, hatte ich den besten Logenplatz meines nun 70-jährigen Lebens inne. Es war Adventszeit. Draußen, hinter den Scheiben, lag das Nachtgemälde der Alster, leuchtend im Schein einer Riesentanne, im schwarzen Himmel glühten Reklame-Sterne. 

Drinnen, in der Heimeligkeit roten Plüschs, dunklen Leders und dämpfender Teppiche beugte ich mich über das viktorianische Service und schenkte mir meinen „Classic English Tea“ ein. Kräftig aromatisch, aus Assam, Ceylon und Kenia, dazu ein wenig Sahne aus dem Kännchen, so wie es beim Afternoon-Tea nun mal dazugehört. Wohlig wälzte ich den Schluck im Mund und wartete. Worauf? Darauf, dass sich der Vorhang hob. Der unsichtbare Vorhang für eine Salonkomödie. Noch besser wäre natürlich eine Tragödie, denn meine reizarme Solo-Existenz brauchte dringend eine Auffrischung. Warum gönnte ich mir denn so oft diese kostspielige Tea-time mit Sandwiches, Scones, Clotted Cream and so on? Eben. Bestimmt nicht nur, weil ich mal Oberstudienrätin für Englisch war.Ich durchwitterte die Atmosphäre. Nein, das Licht des Kronleuchters flackerte nicht; der hanseatische Ratsherr im Goldrahmen blickte nicht düsterer als sonst, am Piano perlte wie immer Gershwin. So schaute ich wieder zu der silbernen Etagere auf meinem Tisch, von der mich Pikantes und Süßes verlockend anlachte. Gerade hatte ich mir ein Gurken-Sandwich auf den Teller bugsiert, als es im Tee-Salon plötzlich still wurde. Ein Auftritt! Und was für einer! Unser makel- und zeitloser Empfangschef geleitete eine Königin durch den Raum. Ja, die Samtkappe auf dem welligen Blondhaar musste eine Krone sein, denn die Dame ging nicht – sie schritt. Schwarz und samten auch das Kleid mit Spitzeneinsatz, weihnachtlich überglänzt von Juwelen. ‚Juwelen’, das klingt altmodisch, aber Diamanten und Brillanten konnte ich leider noch nie unterscheiden. An einem Vierer-Tisch, für mich in bester Bühnensicht, rückte ihr unser Empfangschef das Sesselchen zurecht.

Ich ließ mein Gurken-Sandwich ruhen und betrachtete sie. Diskret natürlich. Ein Gesicht, zart wie ein verblasster, alter Brief. Fünfzig plus sagt man heute, aber ich nenne es inbetween. Zwischen den Altern. Schon irreparabel verblüht, aber noch hungrige Hoffnung in den Augen. Das hatte ich zum Glück hinter mir. Ich schielte nicht zu Männern, sondern zu den aufgeschichteten Delikatess-Schnittchen.Ein Kellner brachte der Dame den dunklen Holzkasten. Zwölf Sorten Tee unter Glas – die „Speisekarte“. Sie tippte mit reich beringter Hand nach oben, offenbar mochte auch sie die „Classic“-Variante. Wenig später standen Stövchen, Kanne und Etagere auf ihrem Tisch. Sie hob die Tasse, und ich fing ihren Blick. Lebenshunger? Nein, ich musste mich geirrt haben, ihr Kleiderglanz war eine Täuschung. Bestürzend nackt erschien mir dieser Blick, wie preisgegeben, als könne sie nichts mehr verletzen. Jetzt schloss sie die Augen, schmeckte lange, lange den Tee. Nein, nicht genussvoll, sondern eher so, als schmecke sie ihn das letzte Mal. Schlucke des Abschiednehmens? Sie hielt sich gerade, aber ihre Geste war müde, als sie sich nun ein Sandwich nahm. Eine Einsame, dachte ich, Miss Einsamkeit persönlich. Ich würde sie Blanche nennen, so wie die Südstaaten-Schönheit in dem Drama von Tennessee Williams.

Ich hatte sie inzwischen mit einem Krabben-Sandwich überholt. Was feierte diese aufpolierte Lady da mit sich selbst? Ich wollte meine Neugier schon im Tee ertränken, als mich weitere Geschehnisse wieder aufstörten. Die Elegische hatte eine feinrandige Brille aufgesetzt und las, wiederkehrend wie bei einem Rosenkranz, die wenigen, auf einen fliederfarbenen Bogen geschriebenen Briefzeilen. Endlich steckte sie den Umschlag zurück in ihre Krokotasche. 

Das Ritual ihrer festlichen Teestunde hatte plötzlich einen Riss bekommen, sie rührte nichts mehr an. Ich dagegen war schon bei der mittleren Ess-Etage angelangt und holte mir Trüffel, kleine Windbeutel und Baisers auf den Teller. Ich kaute und wartete. Wartete mit Blanche, deren Blick zwischen Armbanduhr und Eingang pendelte. 

Der Kurzkrimi ist erschienen in:

Monika Buttler: Manchmal nützt nur Mord. Kriminalgeschichten de luxe. elbaol verlag hamburg, ISBN 978-3-384-32134-3, 174 Seiten, 13 Euro.

Dazu gibt es einen Ergänzungsband:

Monika Buttler: Tödliche Taten. Mehr Kriminalgeschichten de luxe. elbaol verlag hamburg, ISBN 978-3-384-31741-4, 194 Seiten, 14 Euro. 

Erhältlich im Buchhandel

www.monikabuttler.de

MiniKrimi am 12. Dezember


Heute lest ihr den Prolog des 6. Bandes der Sara Konrad Thriller von Marley Alexis Owen. Die Verurteilung am Ende einer Gerichtsverhandlung in Russland ist der Anfang einer spannenden Story rund um Sara Konrad. Viel Spaß beim Lesen!

Der Russe

Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht zu weinen. Trotzdem konnte sie ihre Anwältin jetzt nur verschwommen erkennen. Sie hätte es auf das zentimeterdicke Panzerglas schieben können, doch das Brennen ihrer Augen war nicht zu leugnen.

Verteidigerin. Diese Bezeichnung hatte die Frau schlicht nicht verdient. Sie war zwar faktisch ihre juristische Vertreterin, hatte aber während des gesamten Prozesses kaum mehr als einmal das Wort ergriffen. Und auch da hatte sie nur eine Stellungnahme verlesen, die ihre Mandantin zuvor selbst verfasst hatte.

Kein Plädoyer. Keine Einsprüche. Keine juristischen Kniffe, die in letzter Sekunde für Gerechtigkeit sorgten, so wie jene, die sie aus den amerikanischen Gerichtssendungen kannte, die sie in ihrer Jugend auf illegal gebrannten DVDs gesehen hatte. Nichts.

Sie blinzelte und straffte ihre Schultern, im verzweifelten Versuch, wenigstens äußerlich die Fassung zu bewahren.

Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn sie reich gewesen wäre? Wenn sie ihr mehr Geld hätte bezahlen können? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Hier trat sie gegen Mächte an, die nicht nur ihre Entschlossenheit parierten, sondern über Ressourcen verfügten, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte. 

Ihr Blick sprang durch den Raum wie ein Eichhörnchen, das einen Ausweg aus dem Käfig suchte.

Die Zuschauerbänke waren bis auf wenige regimetreue Journalisten leer. Wo während der ersten Verhandlungstage noch ihr Herausgeber und einige Kollegen gesessen hatten, um ihr stumm Mut zuzusprechen, waren nach und nach alle bekannten Gesichter verschwunden.

Ihre Freunde hatten es nicht einmal für nötig gehalten, zur Eröffnung des Verfahrens zu erscheinen. Wenig überraschend, blieben sie jetzt auch der Urteilsverkündung fern.

Mit ihr befreundet oder gar verwandt zu sein, wäre einer Mitschuld gleichgekommen – und ihre Schuld wollte niemand teilen.

Sie wusste, dass Alexander, ihr Chefredakteur, zwischenzeitlich verhaftet worden war. Das hatte ihr ein Vögelchen im Gefängnis gezwitschert. Kein Wunder also, dass die anderen auch nicht mehr erschienen – wer konnte, war spätestens nach ihrer Anklageverlesung untergetaucht. Zumindest hoffte sie das inständig.

Obwohl sie nur ein T-Shirt trug, klebte ihr der dünne Stoff am Rücken. Gern hätte sie ihn abgezupft, weil es sie kitzelte, aber sie rührte sich nicht, um nicht zappelig auszusehen.

Konzentriert ließ sie ihren Blick weiter durch den Gerichtssaal schweifen. Der Raum war klein und wirkte beengt, aber vermutlich war das albern. Im Vergleich zu den Zellen, in denen sie seit einer gefühlten Ewigkeit hauste, glich er in der Größe eher einem Tanzsaal.

Der dunkle, rotbraune Lack der Richterbank schimmerte im künstlichen Oberlicht wie frisches Blut. Ihr schlanker Körper erzitterte und zur Abwechslung lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken.

Die Pappkartons, die neben dem Ankläger standen, waren angeblich voller Beweismaterial gegen sie. Sie hatte nichts davon zu Gesicht bekommen. Ebenso wenig wie ihre Anwältin, wie sie vermutete. Im digitalisierten Russland war diese Zurschaustellung von Papier antiquiert und lächerlich. Alles Show. Wie der ganze Prozess.

Man wollte sie einschüchtern. Brechen. Sie sollte sich schuldig bekennen. Schuldig des was? Die Wahrheit zu sagen, war ihr von frühester Kindheit an anerzogen worden – seit wann stand darauf eine Strafe für Hochverrat?

Von allen Anwesenden unbemerkt hob sie das Kinn. Nicht einmal die beiden bewaffneten Soldaten, die links und rechts von ihrem Glasgefängnis Wache standen, reagierten auf ihren Haltungswechsel. Doch ihre Tränen versiegten und ihre Wut verdrängte die Angst.

Sie war Lenya Vasilieva Kusnezowa. Sie war freie Journalistin. Und keine Gefängnisgitter, kein Urteil und auch sonst nichts würde an dieser Tatsache etwas ändern.

Und wenn es ihr Opfer forderte, um der Wahrheit ans Licht zu verhelfen, dann würde sie es erbringen.

Im gleichen Moment fiel ihr ein, dass genau das eben nicht passieren könnte, wenn sie heute verurteilt und weggesperrt werden würde. Die Wahrheit wäre mit ihr begraben. Ihr Artikel würde nie erscheinen. Weder gedruckt noch in den Portalen des Internets. Ihr Opfer wäre völlig sinnlos.

Hoffnungslosigkeit umschloss, wie mit kalten Fingern, ihre Kehle und sie schnappte unwillkürlich nach Luft.

Währenddessen lauschte ihre Anwältin regungslos dem Urteil des Richters. Lenya nicht.

Sie konnte überhaupt nichts hören, so sehr konzentrierte sie sich darauf, das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu halten.

Diese steckten in Handschellen, als wäre sie eine psychopathische Massenmörderin, die bei der erstbesten Gelegenheit jemanden anspringen würde, um ihm die Halsschlagader durchzubeißen. Auch das hatte sie irgendwann mal in einem Film gesehen. Hannibal hatte der Charakter geheißen und Lenya musste schmunzeln bei dem Gedanken. Doch kaum war er vorüber, spürte sie ihre Knie, die drohten, jeden Augenblick unter ihr nachzugeben.

Sie fuhr sich mit der trockenen Zunge über die spröden Lippen und zwang sich, langsam ein- und auszuatmen. Panik nützte jetzt auch nichts. Jetzt nützte überhaupt gar nichts mehr.

Eine Träne gewann den Kampf gegen ihren Stolz und rann ihr aus dem Augenwinkel über die Wange. Mit einer knappen Bewegung wischte Lenya sie beiseite und fuhr sich bei der Gelegenheit auch gleich über das andere Auge.

Die aufwallende Wut über die aussichtslose, und schlimmer noch, ungerechte Situation, gab ihr genug Kraft für ein letztes Gefecht und sie fixierte den Ankläger mit einem feurigen Blick aus ihren hellgrauen Augen.

Sie sollten nicht glauben, dass sie aufgeben würde, nur weil sie sie diffamierten. Weil sie ihre Arbeit verunglimpften. Sie der Lüge und des Hochverrats bezichtigten. Nein, sie würden sie nicht mit ihrem Schauprozess brechen.

Der Urteilsspruch erging.

Im Raum wurde es erst einen Moment still, dann begann das Rascheln und Rauschen. Ankläger und Anwältin nickten dem Richter zu und fingen an, ihre Unterlagen zu ordnen und einzupacken.

Die Journalisten tippten eifrig in ihre Smartphones oder warteten auf bereits gewählte Verbindungen.

Niemand beachtete Lenya.

Nur langsam und zeitverzögert drangen die Worte »Arbeitslager – lebenslänglich« in ihr Bewusstsein.

Der Wachhabende, der näher zur Tür stand, wandte sich um, ohne sie anzusehen, und machte sich daran, die Panzerglastür aufzuschließen.

Lenyas Körper wurde von einem Beben ergriffen. Verzweiflung schoss ihr wie heiße Lava die Kehle hoch und brach sich ihren Weg. Mit aller Macht warf sie sich mit erhobenen Fäusten gegen das Panzerglas, das unter dem Aufprall sonor vibrierte.

Aus Leibeskräften schrie sie: »Ihr werdet mich nicht mundtot machen! Ihr könnt mich in den Gulag werfen, aber ihr könnt mich nicht aufhalten! Ihr könnt die Wahrheit nicht begraben! Sie wird ans Licht kommen. Die ganze Welt wird erfahren, was ihr getan habt!«

Ihre Stimme brach.

Die Anwältin, die ihr am nächsten stand, hatte auf- und sie flüchtig angesehen. Nun schüttelte sie jedoch den Kopf und senkte den Blick ebenso rasch wieder auf ihre Aktentasche.

Weder der Richter noch andere Anwesende hatten auf ihren Ausbruch reagiert.

Atemlos und außer sich vor Zorn, schlug Lenya mit beiden Fäusten gegen das Glas. Jetzt trat der Wachhabende neben sie und beschwichtigte sie.

»Kommen Sie, es hat doch keinen Zweck.« In seinen Augen lag weder Feindseligkeit noch Ärger. Nur Resignation und eine Spur Mitleid. Auch er sah rasch beiseite, während er sie am Arm aus der Zelle führte.

Lenya war auf die Fußballen zurückgesunken und keuchte. Es war, als entwiche alle Kraft aus ihr, während sie einen kleinen Schritt zur Tür machte.

Wieder war es eine Filmszene, die ihr in den Sinn kam. Von einer schottischen Königin, die am Ende ihrer jahrzehntelangen Haft schließlich zum Schafott geführt wurde.

»Ich werde nicht wie Maria Stuart enden«, schwor sie so leise, dass nicht einmal die Wachen ihre Worte hörten, die sie an beiden Armen hielten.

Bild (c) mao_autorin.

Hier geht’s zur Webseite: www.melanieamelieopalka.de

Mehr zum Buch: als eBook erhältlich bei Amazon, als Taschenbuch und Hörbuch überall, wo es gute Bücher gibt.

MiniKrimi Adventskalender am 10. Dezember


Heute steckt hinter dem Türchen ein spannender Text von Vanne von Ares. Das Buch „Der Marionettenmacher“ ist absolut lesenswert. Habt Freude beim Reinschnuppern. Alle Infos zum Buch findet ihr unter dem Text. Danke für Kommentare und Likes!

Der Marionettenmacher

Berlin, Juni 1952

Der Tanz beginnt

Die Angst kehrt zurück. Sie schlägt die Augen auf, die sich nach Tagen in der Dunkelheit an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben.

Sich bewegen? Ausgeschlossen. Die Knochen und Gliedmaßen, auch jene, die er noch nicht gebrochen hat, sind kunstvoll, fast seemännisch korrekt verschnürt.

Ihr Atem geht schneller. Ist da eben eine Autotür zugeschlagen worden?

Schwere Schritte sind zu hören.

Ihre Augen weiten sich, doch den Kopf zu heben, ist unmöglich. Die Nadel des Grammophons kratzt über die Platte. Die Leander fängt an zu trällern: „Wenn mal mein Herz unglücklich liebt …“

Blank geputzte Armeestiefel treten in ihr Sichtfeld. Man könnte meinen, das eigene Antlitz spiegele sich darauf. Doch das Leder ist zu grob. Die Seile, die ihren Körper aufrecht halten, sind an einem kleinen Lastenschwenkarm unter der Decke angebracht.

Er zieht sie zu sich in die Mitte des Raumes, und seine angenehme, sonore Stimme flüstert ihr ins Ohr: „Gnädiges Fräulein, darf ich bitten?“

Im selben Augenblick legt er seine Hand auf ihre Hüfte, nimmt ihren rechten Arm in seine andere Hand und wirbelt sie herum.

Davon geht die Welt nicht unter …“ ist das Letzte, was sie hört.

„Na toll!“, schnauzte Karl, als er mit seinen frisch polierten Schuhen aus dem Rand der Blutlache stakte, „Die hatte ich gerade geputzt.“

Der Schutzpolizist neben ihm sah ihn entgeistert an, dann wanderte der Blick des Mannes zurück zu der grässlich entstellten Frauenleiche, die gefesselt an mehreren Flaschenzügen und einem Schwenkarm unter der Decke des Bootshauses hing.

„Ach, ignoriere den Kron. Unser Schönling hat halt nichts Besseres zu tun, als sich über Blutspritzer auf seinen Schuhen auszulassen, egal was um ihn herum passiert“, kommentierte ein zweiter Schupo, der einige Schritte entfernt auf dem Boden kniete.

„Es kann ja nicht jeder wie ein Lump daherkommen“, fauchte Karl und griff dabei instinktiv nach dem Kamm in seiner rechten Gesäßtasche, um ihn anschließend durch sein schwarzes, mit Pomade frisiertes Haar zu ziehen und eine widerspenstig abstehende kleine Strähne an ihren Platz zu verweisen.

,Diese naiven Vollidioten von der Inspektion E, wieso muss man sich als höherer Beamter nur mit solch einem Volk herumärgern?‘, dachte er sich.

Er legte nun einmal pedantischen Wert auf sein Äußeres. Die dunklen Anzüge mussten stets akkurat gebügelt, die dazu passenden Schuhe am Glänzen, die schwarzen Haare fein säuberlich nach hinten gekämmt sein. Selbstverständlich vervollständigten eine schmale Krawatte und eine passende Anzugweste das Erscheinungsbild.

Ohne sein silbernes Zigarettenetui und seinen Kamm verließ Karl nie die Wohnung – nur für den Fall, dass doch einmal eine Strähne nicht dort saß, wo sie hingehörte, wie eben gerade jetzt.

Den Damen gefiel sein Auftreten. Zumindest konnte er sich nicht beklagen, was seine Erfolgsquote in diesem Bereich anging.

Karl ließ die Schutzpolizisten stehen und wandte sich aus sicherer Entfernung der Leiche zu. Die Gliedmaßen waren unnatürlich verdreht, und jedem war klar, dass im Inneren kaum ein Knochen mehr ganz sein konnte. Zudem bildeten mehrere tiefe Stich- und Schnittverletzungen ein bizarres Muster auf dem bleichen Körper.

„Das gibts doch nicht. Noch ein Opfer. Die Misshandlungen und das Aufhängen des Körpers – das habe ich doch gestern erst an einem anderen Tatort gesehen“, murmelte Karl.

Er hatte schon kein gutes Gefühl gehabt, als er und seine Kollegen von der Mordkommission in den Spandauer Norden gerufen worden waren, denn gerade mal zwölf Stunden zuvor hatte er vor einer ähnlich zugerichteten Leiche gestanden. Was er nicht wusste: Das war erst der Anfang…

 
***

„Meine Herren, vielen Dank für Ihr pünktliches Erscheinen. Bitte setzen Sie sich.“

Müller bot dem anwesenden Direktor des Präsidiums eilig einen Stuhl an.

,Dieser Molch. Vorauseilender Gehorsam und bei der Obrigkeit schleimen, aber nach unten treten‘, dachte sich Karl. ,Eigentlich hat sich seit der NS-Zeit nicht gerade viel verändert.‘

„Ruhe, bitte! Zunächst begrüße ich Direktor Doktor Emil Wunst, der wegen der Brisanz des Falles heute bei unserer Sitzung zugegen ist. Ich habe diese außerordentliche Dienstbesprechung einberufen, weil sich durch die gestern sichergestellten Spuren am Tatort und die Obduktionsergebnisse von Doktor Jansen bestätigt hat, dass wir es mit einem Serientäter zu tun haben. Beide noch unbekannten Opfer sind weiblich und zwischen 25 und 30 Jahren alt. Durch etliche Knochenbrüche, Stich- und Schnittverletzungen, wie auch durch massive stumpfe Gewalteinwirkung, trat der Tod nur langsam ein. Sexuelle Handlungen sind laut Aussage der Gerichtsmedizin nicht vorgenommen worden. Die Opfer wurden an Händen und Füßen gefesselt und an Flaschenzugkonstruktionen unter der Decke hängend an den jeweiligen Tatorten aufgefunden. Dabei handelte es sich im gestrigen Fall um ein altes Bootshaus im Spandauer Norden, beim ersten Tatort um einen alten Schuppen in Gatow. An beiden Tatorten konnten Schellackplatten mit Kriegsschlagern sichergestellt werden. Es wird daher die Sondereinheit Strippenzieher gebildet, die mit dem Fall betraut wird. Sie wird aus Kriminalkommissar Karl Kron, Kommissaranwärter Heinz Sellin und den Schutzpolizisten Hans Geiger und Detlef Sauerfeldt bestehen. Jegliche Ermittlungsergebnisse sind mir unverzüglich mitzuteilen. Sie bekommen Einsatzfahrzeuge gestellt. Kommunikation mit der Presse erfolgt ausschließlich über mich. Noch Fragen?“

Einstimmig erklang im Saal: „Nein, Herr Kriminalrat Müller!“

Damit war die Sitzung beendet.

Die Ernennung Karls zum Sokoleiter war für alle insofern keine Überraschung, da Eberhard Müller, trotz seiner Abneigung gegen den Kriminalkommissar, ihm dessen Qualitäten als Ermittler nicht absprechen konnte. Die Brisanz des Falles und das Interesse allerhöchster Stellen, in Form von Direktor Wunst, übten zusätzlichen Erfolgsdruck auf den Kriminalrat aus. Aber nicht nur deshalb biss dieser in den für ihn sauren Apfel und übertrug Karl die Verantwortung – falls die Aufklärung nämlich scheiterte, könnte er seinem verhassten Kommissar die Schuld dafür in die Schuhe schieben, um damit seinen eigenen Posten zu retten.

Doch Karl ärgerte sich auf dem Weg in sein Büro aus ganz anderen Gründen über seinen Chef. Wieso musste er ihn ausgerechnet mit Hans Geiger zusammen in eine Soko stecken? Sie beide waren in der Vergangenheit immer wieder heftig aneinandergeraten. Geiger hatte Karl sogar schon mal um eine Beförderung gebracht – dieser aufgeblasene Tunichtgut.

Normalerweise hätte solch ein kleines Licht schon längst seinen Hut bei der Polizei nehmen müssen. Wer jedoch den Kriminalrat höchstpersönlich hinter sich hatte, konnte sich eben mehr Schnitzer erlauben als die anderen. Aber Karl war nicht unvorbereitet …

Er wollte für den Fall der Fälle etwas gegen seinen Widersacher in petto haben. Wozu arbeitete der beste Freund schließlich bei der Sitte?

Und es sollte auch nicht lange dauern, bis seine Vorsicht belohnt wurde.

„Kriminalkommissar Kron. Was für eine Freude, wieder für Sie tätig sein zu dürfen. Als Chef unserer Einheit haben Sie mit Sicherheit schon eine Idee, wo wir mit unserer Arbeit beginnen wollen.“

Feist griente Hans Geiger Karl unverhohlen ins Gesicht, zog die Lippe hoch, bleckte die Zähne und nahm Haltung an.

Sellin und Sauerfeldt hatten gerade den Sitzungssaal verlassen und näherten sich dem Duo im Gang, waren jedoch noch außer Hörweite.

Karl lächelte zurück und beugte sich leicht vor: „Jetzt hör mir mal zu, Geiger. Ich bin Karl Julius Wilhelm Kron. Beginnend mit dem Namen des ersten Kaisers und endend mit dem des letzten.

Leg‘ dich nicht mit mir an, sonst lasse ich unserem Direktor eindeutige Beweise über pornografischen Besitz und Mitwirkung an der Erstellung von Schmuddelbildern zukommen. Und ich verspreche dir, dass dich selbst Müller dann nicht mehr retten kann. Also kooperiere oder stell‘ dich auf deine unehrenhafte Entlassung ein.“

Geiger, der genau wusste, worauf Karl anspielte, entglitten die Gesichtszüge. Die Bilder von nackten Frauen in eindeutigen Posen waren alt, doch sie durften auf keinen Fall an die Öffentlichkeit gelangen, wenn ihm seine Karriere lieb war. Schließlich war es nicht gerade schwer, den jungen Komparsen zu identifizieren, der genau an den richtigen Stellen Hand anlegte.

Zähneknirschend kam ein „Jawohl, Herr Kriminalkommissar!“ über seine Lippen, als sich die restlichen beiden Mitglieder der Sonderheit gerade hinzugesellten.

„Na geht doch. Warum nicht gleich so, Herr Geiger? Wir beginnen mit der erneuten Recherche in den Vermisstenmeldungen, da es sonst noch keine Anhaltspunkte gibt, die zur Identifizierung der Toten beitragen könnten. Opfer führen bekanntermaßen zu einem Muster und das letztendlich zum Mörder. Gleichzeitig werden wir uns die Spuren vornehmen, die uns bereits vorliegen.

Geiger und Sauerfeldt werden die Vermisstenanzeigen und auch die Fingerabdrücke mit den entsprechenden Karteien abgleichen, vielleicht finden Sie eine Übereinstimmung. Sellin, Sie übernehmen die am Tatort gefundenen Haarproben und lassen die mikroskopisch untersuchen.

Außerdem möchte ich, dass Sie mir sämtliche Fälle, in denen es im Stadtgebiet zu Tiermisshandlungen oder -tötungen kam, vorlegen.“

Geiger begann, eine Katze zu imitieren und versuchte, eine angedeutete laszive Kratzbewegung mit einem geflüsterten „Miau“ zu untermalen.

„Verdammt, findest du das etwa lustig, Geiger? Es geht hier um Tötungsdelikte!“

„Darf man nicht mal ein bisschen Spaß bei der Arbeit haben?

Haben doch sonst nichts zu lachen hier, Herr Kommissar.“

„Du bist …“, begann Karl.

„Mit Verlaub, aber was haben denn Misshandlungen von Tieren mit unserem aktuellen Fall zu tun?“, fragte Sellin.

Die anderen setzten ebenfalls einen neugierigen Blick auf.

„Ist nur eine Vermutung, aber wenn jemand einen Menschen derart gewaltsam zu Tode bringt, dann hat er seine Schnittführung eventuell vorher an anderen Lebewesen perfektioniert. Ich werde mit dem Dienstfahrzeug diverse Waffengeschäfte abfahren, um mehr über die mögliche Tatwaffe zu erfahren. Antritt morgen in meinem Büro neun Uhr.“

***

Das neue, getupfte Petticoatkleid saß wie angegossen und betonte ihre weibliche und zugleich äußerst sportliche Figur. Auch bei genauerem Hinsehen wäre niemandem aufgefallen, dass sie es sich aus alten Stoffresten selbst genäht hatte. Die dunklen schulterlangen Haare hatte sie sich zu sanften Locken eingedreht und eine Tolle an der Seite mit Haarnadeln festgesteckt. Ihr roter Mantel hing über ihren Schultern, die sich merklich entspannten, als der braune Ford Taunus Spezial um die Ecke bog.

Karl hielt am Straßenrand, stieg aus und hauchte Hilda einen Kuss auf die Wange. 

„Du siehst wunderbar aus“, raunte er ihr ins Ohr und öffnete die Beifahrertür.

Sie ließ sich auf die gepflegten Lederpolster gleiten, strich das Kleid glatt und legte die Handtasche auf ihren Schoß. Karl stieg ebenfalls ein und ließ den Motor an.

Nach dem Tag wollte er jetzt einfach den Kopf freibekommen. Da konnte sein Chef toben, wie er wollte. Die Verabredung mit Hilda hatte nun Vorrang.

„Ich hoffe, du hast Lust, mit mir tanzen zu gehen. Das passende Kleid hast du ja schon an“, grinste Karl schelmisch und bot Hilda eine Zigarette an.

Dankend lehnte sie ab, lächelte jedoch zurück und sagte: „Gern teste ich dein tänzerisches Können.“

Sie fuhren los und Karl stellte das Radio an. 

Es lief der Hit des Jahres – Blue Tango von Leroy Anderson.

Hilda schaute aus dem Fenster und grübelte. Eine Straßenbahn rumpelte dahin, immer mal wieder tauchten Häuserruinen auf. Kleine Verkaufsbuden, die aus Trümmerresten zusammengeschustert waren, bestimmten viele Straßenzüge und hier und da konnte man Einschusslöcher im Putz erkennen. Die Wunden des Krieges waren noch allgegenwärtig. Auch in den Köpfen der Menschen, obwohl niemand darüber sprach. Sollte sie Karl wirklich um Hilfe bitten?

Kaum waren sie an dem neu eröffneten Bio-Filmtheater vorbeigefahren, bogen sie ab und hielten vor dem Corner Café. Der Laden war wie immer gut besucht. Junge Frauen unterhielten sich angeregt mit britischen Soldaten, Musik lief, die Luft war rauchgeschwängert, und die ersten Paare schwangen bereits das Tanzbein.

„Ladies fiiiiiirst“, lallte am Eingang ein sichtlich angetrunkener Offizier mit Zigarre im Mund.

„Wat sacht der? Frauen aufs Dach?“, grinste Karl.

„Na, das lassen wir ma lieber bleiben.“ Hilda musste lachen.

Karl ergriff ihre Hand. „Komm. Lass uns reingehen.“

Sie lächelte und folgte ihm in das mit hellem Holz getäfelte Café. 

Die kleine Tanzkapelle, bestehend aus Kontrabass, Schlagzeug, Gitarre und Gesang, heizte der Menge bereits mit Swing-Stücken mächtig ein. Karl erwies sich als hervorragender Tänzer, hatte er doch schon in jungen Jahren eine Tanzschule besucht. Mit eisernem Griff führte er sie gekonnt über das Parkett. Nach drei Liedern fanden sie ein Plätzchen in der hintersten Ecke.

„Möchtest du etwas trinken, Hilda?“

„Einen Cognac bitte.“

Nun musste sie doch eine Zigarette rauchen und griff in ihre Handtasche.

Nervös zog sie an der Eckstein und kontrollierte noch einmal ihr Makeup in ihrem Handspiegel. Alles perfekt. Als Karl mit den Getränken zurückkehrte und sich setzte, lächelte sie etwas verkniffen.

„Geht es dir gut?“, fragte er und sah sie besorgt an.

Offensichtlich hatte sie ihre Gesichtszüge nicht so unter Kontrolle, wie sie sich das für diesen Abend vorgenommen hatte. „Ja, wieso?“

„Du zitterst ein bisschen, obwohl es hier drinnen alles andere als kalt ist. Außerdem habe ich bemerkt, dass du den ganzen Abend über irgendwie abwesend bist.“

„Oh, nun ja, also …“ 

Sie griff zu ihrem Getränk und stürzte das Glas in einem Zug hinunter. 

Lügen hatte sie noch nie gut gekonnt und sie bereute es fast, die Verabredung mit Karl nicht abgesagt zu haben. Was, wenn er die Sache nicht ernst nahm?

„Hilda, wir kennen uns zwar noch nicht lange, aber ich sehe doch, dass etwas nicht stimmt.“

Sie holte tief Luft, zog noch mal an ihrer Zigarette.

Auch Karl hatte bereits seinen Doornkaat ausgetrunken und zündete sich eine Overstolz an.

„Ich mache mir Sorgen um meine Freundin Bärbel“, begann sie.

Bei Karl schrillten sofort alle Alarmglocken.

Fotos: Buchcover (Quelle: periplaneta), Autorenfoto (Quelle: RingFoto Fehse)

Die Webseite: https://vannevanares.wixsite.com/vannevanares

Mehr zum Buch:

Erhältlich bei https://www.periplaneta.com/Produkt/genre/berlin-inside/der-marionettenmacher/

periplaneta Verlag und Medien

Edition Totengräber

print ISBN: 978-3-95996-266-7

ePub ISBN: 978-3-95996-267-4

MiniKrimi Adventskalender am 6. Dezember

Comic einer alten Dame neben einem großen Panettone

Mit ihrem Krimi -Auszug entführt uns Luzi van Gisteren nach Italien und praktisch ins Herz der „dolce“ und der „mala“ vita. Viel Spaß beim Lesen!

Madame Panettone

Weihnachten mit der Famiglia ohne die italienische Patronin an der Festtafel? „Auf keinen Fall!“, findet Bella und reist ihrer temperamentvollen Schwiegermutter postwendend nach Montegrotto hinterher. In diesem gediegenen Thermalort möchte Super-Nonna offensichtlich dem Weihnachtstrubel in Saarlouis entgehen, dabei ist in der Pizzeria Roma doch gerade zu Weihnachten so viel zu tun! 

Zwischen den geheimnisvollen Quellen der euganeischen Hügeln, venezianischen Gondolieren und eidottergelben Weihnachtskuchen aus der Gefängnisbäckerei Paduas sucht die Deutsche nach Nonna Carmelina, doch leider fehlt von dieser auch nach Tagen noch jede Spur…

Ein weiteres turbulentes „Natale Fatale“ mit der Super-Nonna.

Die Gefängnisbäckerei lag etwas außerhalb des Centro von Padua. Das Taxi vom Bahnhof brachte mich in wenigen Minuten direkt vor die Patisserie, die sich als großzügige, moderne Manufaktur entpuppte: Ein transparenter Genuss-Tempel. Ich war enttäuscht, da ich eine Horde grobschlächtiger, verschwitzter Bäcker am Rand des Hochsicherheitstrakts erwartet hatte. Insgeheim hatte ich mir ausgemalt, wie ich den handgemachten Weihnachtskuchen aus Mörderhand überreicht bekommen würde. Meine Gefühle schwankten nach wie vor zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Vielleicht brauchte ich einfach eine gehörige Portion Adrenalin, um mein Gefühlschaos wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Wie auch immer – in Padua würde ich den erhofften Adrenalinkick jedenfalls nicht bekommen: Die Angestellten hinter dem Verkaufstresen entpuppten sich als blass und unauffällig und auch sonst ging es in dem geschmackvoll eingerichteten Café eher gediegen zu: Viel Glas, viel Licht, wenig Pompom. Wenn man allerdings einen Blick auf die Tresen warf, liefen einem förmlich die Augen über: Der Tresen bog sich förmlich unter der zentnerschweren Patisserie: Hier warteten feinste Mandelhörnchen, Törtchen mit Himbeerdeko und solche mit Schokoguss, bis ins feinste Detail verzierte Macarons, himmlische Originale aus der Orangen-und Ananas-Confisserie, puderbezuckerte Pralinés und diverse Zimtvariationen auf hungrige Mäuler – so wie meines. Ich konnte mich kaum sattsehen. Und dann stieß ich endlich auf den eigentlichen Grund meiner Reise: Nämlich auf das Regal mit den berühmt berüchtigten Panettoni aus der eigentlichen Gefängnisbäckerei, von welchen der Papst angeblich alljährlich 200 Stück für den Vatikan bestellte. 

Die Gefängniskuchen steckten allesamt in edlen Kartons und wiesen das Siegel auf „Hergestellt in der Gefängnisbäckerei von Padua“. Sie sahen ganz und gar nicht nach gebacken aus Knastbrüderhand aus. Ich kaufte trotzdem drei davon – einen für Nonna, einen für mich und einen auf Reserve. Ich überlegte, noch mehr zu nehmen, um beispielsweise auch Köchin Elena oder Pizzabäcker Patrice zu bescheren, doch ich hatte keinen Platz. Ich war gezwungen, mit leichtem Gepäck zu reisen. Es war besser so – die Bürde mit einer impulsiven italienischen Schwiegermutter, die mich bis aufs Äußerste reizte, war groß genug im Leben. 

Ich hatte in Venedig zwar ausgiebig gefrühstückt, doch nun gönnte ich mir eine Auswahl an Patisserie und bestellte mir einen Cappuccino. Es schmeckte alles ganz ausgezeichnet. Auf dem Corso Milano, vor dem das Café lag, herrschte geschäftiges Treiben. Immer wieder kamen Besucher herein, die sich hinter beschlagenen Brillengläsern einen Espresso an der Bar bestellten und sich tonnenweise Gebäck und Kuchen einpacken ließen. 

Ein untersetzter Mittsechziger mit Rauschebart gesellte sich zu mir. Obwohl es um uns herum noch genug freie Plätze gab, fragte er, ob er sich an meinen Tisch setzen könnte. Ich traute mich nicht, „Nein“ zu sagen, schwieg aber betont und starrte an die Wand gegenüber, während ich die Kuchen in mich hineinstopfte.

„Sie mögen wohl sehr gerne Süßes?“, fragte der Italiener und musterte mich interessiert.

Ich bejahte artig und versuchte es tunlich zu vermeiden, fortlaufend auf die dicken Löcher in seinem braunen Strickpulli zu starren, dessen Blütezeit, so wie sein Träger, längst verstrichen war. Eine Konversation bei Tisch war nicht abzuwenden. Der Strickpulli-Rauschebart stellte sich als Journalist eines Kulturmagazins vor. „Es ist in Italien ja einiges berichtet worden über die Pasticceria dal Carcere di Padova, wissen Sie“, fachsimpelte er und berichtete, dass jeder Häftling eine ganz bestimmte Rolle hätte, wenn es um die Herstellung von Panettoni, Grissini, Kekse und Kuchen ginge. „Wussten Sie, dass jedes Jahr 25 Häftlinge zu Konditoren ausgebildet werden?“

Ich schüttelte den Kopf und stieß ein unverständliches „Grmpffff“ heraus, da ich mir soeben das letzte Mandelplätzchen einverleibt hatte. 

„Und Sie sind aus rein kulinarischen Gründen hergekommen?“, fragte der Vielredner und bot an, an der Theke noch etwas Nachschub in Form von weiteren Patisserie-Stückchen zu besorgen. Ich winkte dankend ab, da mir Zucker und Sahne bereits aufstießen. 

„Wissen Sie – mich interessieren die Geschichten, die unter der Kuchenkuppel mit dem braun-goldenen Papierrand stecken“, fuhr der Journalist fort. „Certo – die Gefangenen werden für ihren luftigen Weinsauerteig jedes Jahr im Dezember geadelt, der Gefängniskuchen schafft es in die Bestenlisten. Aber was ist mit den Schicksalen dahinter, was mit den Familien der Insassen? Und was ist mit der Ehefrau die nun allein ist, weil ihr Mann seinen besten Freund erschlagen hat? Denken Sie dieser teure Pannettone spendet dieser einsamen Ehefrauen und Müttern Trost auf dem Gaumen? Sie wissen ja nicht mal, ob sie sie irgendwann nochmal außerhalb der Besuchszeiten wiedersehen? Sie wissen ja nicht einmal, wie sie die Geschenke für ihre Kinder bezahlen können, verstehen Sie?“

Ich nickte! Es gab schwere Schicksale – doch meines war auch nicht leicht. Ich blickte auf die Uhr und stellte mit Erschrecken fest, dass es längst Mittag durch war. Ich musste auf nach Montegrotto – Federicos Worte, die Nonna zu Weihnachten nach Hause zu bringen, hallten in meinem Ohr nach. 

„Sie müssen schon gehen?“, fragte der Journalist enttäuscht, als ich meinen Mantel von der Garderobe neben dem dezent geschmückten Tannenbaum holte. 

Ich bejahte und erklärte, dass gleich mein Zug nach Montegrotto fahren würde.

„Ach, Sie reisen nach Montegrotto?“, fragte der Vollbart, der mit seinem kugelrunden Gesicht auch als Weihnachtsmann hätte durchgehen können, wäre da nicht diese gewisse dunkle Aura in seiner Gegenwart gewesen. „Haben Sie Familie in Montegrotto?“

Die Neugier des Journalisten stieß mir fast mehr auf, als das Himbeertörtchen Doppelrahmstufe. Im Nachhinein weiß nicht, welcher Gaul mich geritten hat, meine Schwiegermutter und ihren Namen im Zusammenhang mit Montegrotto zu erwähnen – doch irgendwie war es mir rausgerutscht und sogleich biss ich mir auf die Zunge.

Der Reporter jedoch hatte Blut geleckt: „Carmelina Poletti? Ihre Schwiegermutter? Dieser Name…dieser Name…der sagt mir was. Stand Ihre Schwiegermutter vor ein paar Jahren nicht in Zusammenhang mit einem Mafia-Mord oder so?“ Der Vielredner redete sich um Kopf und Kragen.

Meine Schwiegermutter war keine Unbekannte – sie war nicht nur in einen Mafiamord südlich von Neapel, verstrickt, sondern ihr Name wurde in Kennerkreisen auch im Zusammenhang mit einer verschwundenen Schülerin in Verona und einer im toskanischen Weinfass ertrunkenen Schweizer Uhrenbaronessa erwähnt. Nonna besaß ein kriminelles Gen – aber das musste ich dem Reporter ja nicht auf die Nase binden.

Luzi van Gisteren (Bildquelle: privat)

Inklusive Original Nonna-Rezepten und weiteren italienischen Erzählungen aus der humorvollen Feder von Luzi van Gisteren.

www.autorin-luzi.de

Das Buch ist erhältlich bei

https://www.epubli.com/shop/madame-panettone-9783756534654#vorschau

MiniKrimi Adventskalender am 5. Dezember


Ihr Lieben, heute steckt hinter dem Türchen ein nicht ganz „Mini“-Krimi von mir. Mit etwas Magie, einer Prise Ironie und ein wenig Chi-Chi.

Viel Spaß beim Lesen – und ich freue mich über eure Kommentare und – ja! – auch über eure Kritik.

Der Tod steht im Tarot

Gerade mal vier Uhr nachmittags, und draußen kriecht schon die Dunkelheit um die Häuser. Lauert hinter Hecken und auf den kahlen Ästen der Linden im Park an der Minervastraße. In den Fenstern und an den Balkonen glimmen die ersten Lichter auf, die meisten in warmem Gold, nur die neuen Leute gegenüber haben eine von diesen bunt pulsierenden Leuchtketten um die Pfosten ihrer Terrasse gewunden. Wie geschmacklos, denkt Lenor und dann, zusammenhanglos, „wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“

Naja, das Paar, das in die Wohnung im zweiten Stock genau gegenüber von Lenor auf der anderen Seite des gepflasterten Wegs eingezogen ist, hat ja nun eines. Ein Haus. Sozusagen. Oder die beiden wohnen in einem. Kommt aufs Gleiche raus, am Ende, oder? Lenor hält kurz inne. Immer öfter ertappt sie sich dabei, dass ihre Gedanken mäandern, wie die Wege in der Siedlung. Kürzlich hat sie während einer Legung zweimal dieselbe Karte gezogen und völlig unterschiedlich interpretiert. Frau von Westphal war darüber so irritiert, dass sie beinahe vergaß, Lenor den diskreten Umschlag auf die Biedermeierkommode im Flur zu legen. Ha, vergessen! Das Gedächtnis der – angeheirateten – Baronin funktioniert tadellos. Ohne Punkt und Komma rattert sie alle Neuigkeiten aus der Minervastraße herunter, derer sie habhaft werden konnte. Oft mit einer gehörigen Portion an Konjunktiven, dort, wo Halbinformationen auf Vermutungen oder Spekulationen treffen. Spekulatius, aber ohne Mandeln. Die muss Irina ihr unbedingt mitbringen, morgen, vom Edeka.

Ob ich vielleicht doch mal zu Dr. Möwenschwanz gehe? Die Frage taumelt ungebeten in ihr Bewusstsein. Und ja, sie weiß, dass die Ärztin Möwenbranz heißt. Meistens. Aber nein mit meinem Gehirn ist alles in Ordnung. Und wenn nicht, dann will ich es doch lieber gar nicht erst wissen. Einfach immer ein Stückchen weiter in den Nebel driften, die Gedanken verblassen lassen und die Bilder so nehmen, wie sie kommen. Unscharf, aber dafür ohne Ecken und Kanten. Das ist doch nicht unangenehm? Besser jedenfalls, als das Restleben mit einem Berg von Tabletten und einem aufwändigen Plan an Therapien verbringen zu müssen.

Therapien. Ich therapiere auch. Jede Legung/Lesung ist ein Schritt auf dem Weg zur Heilung. Wenn die Karten mitspielen. Lenor legt Tarot, seit sie denken kann. Hat es bei ihrer Großmutter gelernt, im Wasserschloss. Nein, das war nicht romantisch. Von unten leckte das Wasser ins Erdgeschoss, und von oben tropfte es durch die Löcher zwischen den Ziegeln. Wie das Geld in den Händen ihres Vaters. Schließlich hatte die Großmutter einen Bauwagen restauriert, eigenhändig, und war mit der jungen Lenor auf die Jahrmärkte gezogen. Benno, Anwalt aus gutem, aber vor allem geldigen Hause, hatte sein Schicksal besiegelt, als er den roten Samtvorhang beiseiteschob und in den Wagen stieg. Die Großmutter hat Lenor nie verraten, ob sie das Tarotdeck beim Legen manipuliert hat. Jedenfalls heiratete Benno Lenor praktisch vom Fleck weg, und die Großmutter durfte ihren Lebensabend in einer gemütlichen Wohnung in der Nähe ihrer Enkelin genießen.

Ach ja, Benno. Wir haben uns eigentlich immer ganz gut verstanden. Und dank der Karten hatte ich ihn immer fest im Griff. Schon komisch, wie abergläubisch intelligente und gebildete Männer sein können. Ob die Leute gegenüber gebildet sind? Hindert einen

Bildung nicht daran, solch scheußliche Lichterketten zu kaufen?

Sie hindert einen zumindest nicht daran, wenig Geld zu haben, denkt Lenor. Benno hat immer gearbeitet, aber er war kein Geschäftsmann, ebensowenig wie Lenors Vater. Ein paar falsche Aktienkäufe, und das Erbe seiner Eltern war verbraucht. Damals hatte es wohl großen Ärger mit einer entfernten Cousine gegeben, deswegen. Aber was genau vorgefallen war, hat Benno ihr nie verraten, nicht einmal auf dem Totenbett. Schade, eigentlich, sich auch noch auf dem Weg ins Jenseits mit Geheimnissen abzuschleppen.

Jedenfalls zahlt Lenor in der drei-Zimmer-Eigentumswohnung zwar keine Miete, aber die Ausgaben in der Siedlung sind so hoch, dass sie sich liebgewonnene Extras mit Tarot-Lesungen finanzieren muss. Einen Besuch in der Oper – Logenplatz, sonst kriegt sie ja nichts mit, Augen und Ohren sind schließlich mit ihr in die Jahre gekommen. Oder ein neues Paar Schuhe. Leider ohne hohen Absatz, dafür aus dem Sanitätshaus, aber die kosten gleich doppelt so viel wie die schönen High Heels in der Boutique in der Minervastraße. Oder ein Abendessen im Canale Grande, Bennos Lieblingsrestaurant. Nur gut, dass um sie herum einige Damen – und Herren – wohnen, die dem Tarot nicht abgeneigt sind. Erstaunlicherweise sind das nicht nur die Seniorinnen. Die lassen gerne die Männer, die die Agentur zweites Glück für sie ausgesucht hatte, vom Tarot auf Ehetauglichkeit prüfen. Aber es kommen auch jüngere Frauen, Singles auf der Suche nach dem Traummenschen, Ehefrauen mit unerfülltem Kinderwunsch, (ver)zweifelnde Verliebte und verzweifelte Bankrotteure.

Kurz, Lenor kann sich über Zulauf beklagen. Konnte. Inzwischen jedoch weist ihr Terminkalender immer größere Lücken zwischen den Sitzungen auf. Sie gibt sich alle Mühe. Dimmt das Licht, zündet duftende Kerzen an – außer, ihre Kundin ist Allergikerin, und mischt die Karten mit feierlicher Konzentration.

Und dennoch: kürzlich fing Frau M. kurz nach der zweiten Karte an, schrecklich zu husten. Ihr Gesicht wurde blassblau, und sie rang deutlich nach Luft. Lenor hatte die falschen Kerzen angezündet, und Frau M. konnte sich nur dank ihres Inhalators vorm Ersticken bewahren.

Bei Rosi P. brachte sie mehrmals die Augenfarbe des am Horizont wartenden Traummannes durcheinander. Aber schlimmer noch: das ist jetzt vier Wochen her, und der Typ hat Rosis Weg immer noch nicht gekreuzt. Wenn ich er wäre und Rosi sehen würde, würde ich mich sofort unerkannt aus dem Staub machen, denkt Lenor. Aber ihrem Geschäft sind solche Missgriffe abträglich.

„Ich habe jüngst gehört (fragen Sie mich nicht, von wem, das habe ich vergessen), dass man munkelt, Sie seien wohl zu alt fürs Kartenlegen,“ hat Frau von Westphal ihr bei der letzten Lesung erzählt. Bezeichnenderweise nach dem Fauxpax mit der doppelten Karte.

Und wenn sie mich dann fragt, woran ich meinen Gedächtnisschwund festmache? Ich kann Frau Dr. Möwenschwanz doch nicht sagen, dass ich beim Tarotlegen patze?

Lenor schaut aus dem Fenster. Die bunten Lichter flackern und flimmern. Sie kann gar nichts erkennen, draußen. Schlimm. Ob ich mal rübergehe und mit den Leuten rede? Oder ist das übergriffig? Lenor ist hin- und hergerissen. Und wie immer, wenn sie unschlüssig ist, nimmt sie ihr Tarotdeck zur Hand. Geübt mischt sie so lange, bis sie die Karten in ihren Händen vibrieren spürt. Es gibt immer welche, die gelegt werden wollen.

Lenor schließt die Augen. Legt die große Ouvertüre. Alles soweit im grünen Bereich. Dann die letzte Karte: der Tod. Lenor benutzt für sich das Crowley Thoth Tarot, während sie in ihren Legungen immer mit dem Rider-Waite-Deck arbeitet. So viel einfacher zu verdeutlichen, findet sie. Aber Lenor lebt von Kindesbeinen an mit den Karten. Sie schmiegt ihre Deutungen auch gerne an die okkulten Andeutungen des geltungssüchtigen Aleister Crowley an. Ein genialer Irrer – aber das macht ihn in ihren Augen sympathisch.

Der Tod, also. Neuanfang, Loslassen von dem, was zu schwer geworden ist. Blablabla. Der Tod hat für eine mit 78 auch eine ganz pragmatische Bedeutung. Und welche Karte hat sie direkt davor gezogen? Den Pik Buben. Soso.

Sie versucht es noch einmal. Sie weiß ja inzwischen, dass sie sich auf sich selbst nicht mehr immer und unbedingt verlassen kann. Aber hier: Pik Bube, gefolgt vom Tod.

Nachdenklich schaut Lenor aus dem Fenster. Inzwischen ist es stockdunkel draußen, die Häuser sind nur noch weiße Schatten entlang der Wege. Einzig der Balkon gegenüber flackert im tanzenden Licht der Girlanden, von grün zu rot, von gelb zu blau. Eine Form tritt hinaus, schmal und geschmeidig, die huschenden Farben malen Flecken auf ein düsteres Gesicht. Ein expressionistisches Gemälde, halb fertig. Da hebt der Mann die Augen und starrt Lenor an. Durch die Dunkelheit hindurch, über den Weg hinweg, als trennten sie keine Kälte, kein Fenster. Der Blick trifft sie als eisiger Hauch, Lenor fröstelt in ihrem warmen Wohnzimmer.

Wer bist du?, fragt sie. Und starrt zurück. Eine winzige Ewigkeit lang stehen sie sich gegenüber, zwei körperlose Duellanten, und messen ihre Kräfte. Wie kommt sie darauf?, fragt sich Lenor. Wieso Kräfte? Und wieso messen? Sein Blick brennt auf ihrer Stirn, und sie erkennt ihn. Er ist der Pik Bube.

Mit einem entschlossenen Griff lässt Lenor den Rolladen herunter. Fast scheint es ihr, als suchten die Augen des Mannes eine Ritze, ein Durchkommen. Aber nein. Sie hat ihn ausgesperrt. Nur – für wie lange? Sie weiß, was er vorhat. Diesmal haben die Karten sie nicht belogen, betrogen. Warum? Darum geht es nicht. Oder vielmehr: das ist egal. Fakt ist: sie muss sich entscheiden. Kämpfen oder…?

Am nächsten Morgen zieht Lenor sich mit besonderer Sorgfalt an. Nicht wie sonst die Leggins mit der Laufmasche, die muffeligen Wollstrümpfe und darüber einen karierten Rock, einen Baumwollpulli und eine löcherige Strickweste. Sie hat auch andere Kleidung, Die gute aus besseren Tagen, die sie für Besuche in der Stadt, in der Oper oder bei der Ärztin aufhebt. Was sie heute vorhat, ist genauso wichtig, nur leider nicht so glückverheißend wie ein Opernabend und noch unangenehmer als ein Arztbesuch. Und gefährlicher.

Es ist Sonntag, und die Siedlung liegt in tiefem Schlummer. Nicht mal Emma Peel und John Steed, die beiden Dobermänner der Agentur zweites Glück, sind wach. Schade, zwei Detektive hätte Lenor gut brauchen können. Stattdessen legt sie sich ihren Kaninchenkragen um. Er ist blassbraun und passt eigentlich nicht zum tiefroten Wollmantel. Aber wie die Tarotkarten wollte der Kragen mitgenommen und um ihren Hals getragen werden. Lenor hat sich noch nie darüber gewundert. Warum sollen Dinge keine Seele und ergo auch keinen eigenen Willen haben?

Die Lichter am Balkon gegenüber im zweiten Stock sind tagsüber stummgeschaltet. Als Lenor den Weg zwischen ihren Häusern überquert, löst sich ein schmaler Schatten von der Wand und geht in die Wohnung. Noch ehe Lenor die Klingel berührt, summt der Türöffner.

Willkommen in der Höhle des Löwen. Mach dir’s bequem, flüstert die Spinne. Auf dem Treppenabsatz ringt Lenor nach Atem. Den Aufzug hat sie vermieden. Man muss ja keine unnötigen Risiken eingehen.

„Guten Tag“, sagt der schmale Mann mit den schwarzen Augen und dem durchdringenden Blick. „Kommen Sie rein.“

Die Höhle des Löwen ist enttäuschend unspektakulär, auch wenn Lenor sich keiner klaren Erwartung bewusst ist. Keine Säbel an den Wänden. Kein Revolver auf dem Couchtisch. Nur eine Wohnlandschaft, eine schlichte Schrankwand, ein Picasso hinter Glas und eine Teekanne mit zwei Tassen. Gift also. Kluge Wahl und unter Umständen schwer bis gar nicht nachzuweisen.

„Tee?“, fragt der Mann und schenkt ein, ohne ihre Antwort abzuwarten. Natürlich lässt er ihr keine Wahl. Aber er ist höflich, das könnte ein Fehler sein. Leider kann Lenor ihre gute Erziehung nicht über Bord werfen, sich auf dem Absatz umdrehen und gehen. Das würde selbstverständlich auch nichts nützen, und bei der nächsten Gelegenheit würde er sie vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, unvorbereitet treffen.

„Sehr gerne, danke. Schwarz.“ Nur für den Fall, dass der Zucker vergiftet ist und nicht der Tee. Arsen? Daran kann man sich gewöhnen, und die Dosis, die für das Opfer tödlich ist, schadet dem Mörder nicht, so dass er als Täter ausscheidet, weil er ja den gleichen Tee getrunken hat.

„Sehr gern. Bitte, nehmen Sie doch Platz.“

„Danke. Bitte, darf ich fragen, ob wir uns kennen?“

„Ja, Sie dürfen. Und nein. Jedenfalls nicht persönlich.“

„Ah. Und warum?“

„Warum ich Sie töten werde?“

„Ja, genau. Sie scheinen nicht erstaunt darüber zu sein, dass ich das weiß.“

„Nein. Ihre Karten werden es Ihnen verraten haben. Damit habe ich gerechnet. Das ist ja sogar Teil meines Plans. Sie sind halt so. Neugierig und so unglaublich selbstsicher. Sie denken wahrscheinlich, Sie können in letzter Minute noch einen Trumpf aus dem Hut zaubern. Da muss ich Sie leider enttäuschen. Eine alte Dame besucht ihre Nachbarn. Die Frau ist nicht da, und um das Warten zu verkürzen, bietet der Mann der Damen einen Tee an. Sie trinkt ihn, und dann erleidet sie einen Herzanfall. Im Tee wird man später nichts finden, das ist ja klar. Kommen Sie, trinken Sie. Wir wollen das doch nicht unnötig in die Länge ziehen.“

„Natürlich nicht. Kluger Plan. Aber darf ich fragen, warum?“ Lenor blickt sich um. Das Gemälde kommt ihr bekannt vor.  Ein Picasso. Ja natürlich.

„Ah, Sie sind schon selbst drauf gekommen? Eigentlich ist es Onkel Bennos Schuld. Aber der ist ja nun schon tot. Also bleiben nur Sie. Nein, nein, ich weiß, dass Sie inzwischen arm wie

eine Kirchenmaus sind. Mir geht es nur noch um Rache. Manche Dinge dürfen einfach nicht ungestraft bleiben. Was schauen Sie mich denn so an? Sie wissen gar nicht, wovon ich rede? Dieser Benno! Hat er Ihnen nicht mal auf dem Totenbett gebeichtet, wie er seine Cousine, meine Mutter, übers Ohr gehauen hat? Am Ende fand er es sogar noch amüsant. Aber sie ist daran zugrunde gegangen.“

Lenor runzelt die Stirn. Sie versteht diesen Mann nicht. Was zum Teil auch daran liegt, dass er sich offensichtlich immer mehr in Rage redet. Seine Stimme kratzt, seine Augen sind gerötet. Jetzt hüstelt er auch noch. Ob sie ihm etwas Tee…?“

„Benno hat den Löwenanteil vom Erbe seiner Eltern bekommen. Klar. Aber seiner Cousine hatten sie im Testament den Picasso vermacht. Damit hat meine Mutter fest gerechnet. Sie führte ein großes Haus, meine Ausbildung an internationalen Schulen war auch nicht billig – kurz, sie wollte das Bild schnellstmöglich verkaufen.“

„Ah jaaaa.“ Langsam beginnt Lenor, zu verstehen.

„Ja, genau! Der Auktionator ließ das Bild natürlich schätzen. Und wissen Sie was?“

„Es war wahrscheinlich eine Fälschung,“ mutmaßt Lenor.

„Genau! Benno hatte das Original offenbar selbst schon zu Geld gemacht, nach seinem Aktienfiasko. Und meine…“ er unterbricht sich und hustet schwer. Sein Gesicht ist rot und geschwollen. „Meine Mutter“, röchelt er und greift sich mit beiden Händen an den Hals, „meine Mutter hat diese Schmach nicht ertragen. Sie hat sich.. um….ge….bracht“, flüstert er. Dann bricht er auf dem Boden zusammen.

Die Wohnungstür geht auf, eine junge Frau kommt herein. Sieht ihren Mann am Boden liegen, schreit auf, rennt aus dem Raum und kommt mit einem Autoinjektor zurück. Aber es ist schon zu spät. Panisch schaut sich die Frau im Wohnzimmer um. „Wo ist das Kaninchen? Er ist hochallergisch gegen Kaninchen.“

Lenor legt der jungen Frau kurz die Hand auf die Schulter und geht zur Tür. Beim Hinausgehen dreht sie sich nochmal um und sagt eindringlich: „Schütten Sie den Tee weg. Der ist kalt und absolut ungenießbar.“

MiniKrimi Adventskalender am 4. Dezember

Stadt am Wasser

Diesmal stammt der MiniKrimi von meiner Mörderischen Schwester Katja Kleiber. Wir wünschen spannende Unterhaltung. Vielleicht seid Ihr neugierig, wie es weitergeht? Der Spanienkrimi „Riskantes Erbe“ ist im Buchhandel erhältlich.

Riskantes Erbe ( Kapitel 9)

Ein untersetzter Mann in Blaumann fummelte am Schloss rum. Er lächelte Irene unsicher zu und setzte seine Arbeit fort.

Irene hatte sich ins Café an der Strandpromenade geflüchtet, während Carlos seine Helfer aktiviert hatte. Jetzt roch es im Apartment nach dem Zitronenaroma eines Bodenreinigers. Araceli hatte geputzt, und zwar gründlich. Die Staubschicht war von den Möbeln verschwunden, die Küche glänzte und die Fenster blitzten nur so vor Sauberkeit.

Der Blick aufs Meer war ungetrübt. Sie verlor sich in dem Anblick der blauen Weite.

Das Surren eines Akkuschraubers rief sie in den Moment zurück. Juan befestigte den Beschlag des Schlosses.

Irene fragte sich, ob sie ihm etwas zu trinken anbieten sollte. Sie nahm zwei Gläser aus dem Schrank, öffnete den Kühlschrank und griff nach der Colaflasche. Noch besser würde die Cola mit Eis schmecken. Sie öffnete die Klappe vom Gefrierfach. Tatsächlich fand sie dort eine Eiswürfelform, daneben eine Packung Spinat. Gedankenverloren brach sie einige Eiswürfel aus der Plastikschale und ließ sie in die Cola gleiten.

Spinat? Anders als sie hatte Hubert das Gemüse nie gemocht. Wenn sie Spinat zubereitete, musste sie für ihn extra etwas anderes kochen. Stand sein Flittchen auf Grünzeug? Die jungen Mädchen waren doch heutzutage alle Veganer.

Sie nahm die Packung. Ob der Inhalt noch genießbar wäre? Als sie sie in den Händen drehte, um nach einem Haltbarkeitsdatum zu suchen, sah sie, dass der Karton bereits aufgerissen war. Sie öffnete die Lasche.

Geldscheine. Anstelle eines gefrorenen Blocks pürierter Spinatblätter kamen ihr Scheine entgegen. Fünfziger, Hunderter, Fünfhunderter. Ein dicker Stapel Geld in dem Karton einer Packung Tiefgefrorenes.

Irene spürte auf einmal Juans Blicke in ihrem Rücken. Hektisch stopfte sie die Scheine zurück in die Packung und schob diese wieder ins Eisfach, das sie mit einem Knall schloss.

Dann drehte sie sich um und hielt dem Schlosser ein Glas Cola entgegen, in dem drei harmlose Eiswürfel schwammen: »Te apetece una Coca Cola?«

Verlegen nahm der Mann die Limonade an, trank in hastigen Zügen. Dann zeigte er auf das Schloss, legte ihr zwei nagelneue Schlüssel in die Hand. Er zückte sein Handy, tippte darauf herum und zeigte Irene die Anzeige eines Taschenrechners, in dessen Ergebnisfeld eine lächerlich geringe Summe stand.

Sie holte ihr Portemonnaie aus der Handtasche und gab ihm seinen Lohn, rundete ihn mit einem großzügigen Trinkgeld auf. Der Mann bedankte sich und ging.

Ob er die Scheine aus dem Kühlschrank gesehen hatte? Aber sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Ihr Körper hatte vermutlich den Blick auf den Geldstapel versperrt.

Irene stürzte ihre Cola herunter, ging zur Tür und schloss zwei Mal ab. Der neue Schlüssel hakelte noch etwas.

Dann öffnete sie erneut das Eisfach, nahm die Spinatpackung heraus und holte die Scheine hervor. Sie setzte sich an den Esstisch und zählte. Bei hundertzwanzigtausend kam sie durcheinander und gab auf.

Woher hatte Hubert so viel Bargeld? Irene schluckte. Eine solche Menge Scheine hatte sie noch nie auf einmal gesehen. Sie brauchte Ruhe, um über den Fund nachzudenken. Nur eins war klar: Im Kühlschrank konnte der Schatz nicht bleiben, denn eventuell hatte Juan sie beobachtet. Sie musste sich ein besseres Versteck ausdenken.

Mehr über die Autorin und ihr Werk auf www.katja-kleiber.de

MiniKrimi Adventskalender am 3. Dezember

Frau sitzt am Computer

Diesmal wieder ein MiniKrimi aus der Siedlung an der Minervastraße. Eat the rich oder – Armut ist immer relativ. Kriminelles Lesevergnügen wünschen wir. Und Achtung: Nachahmung wird strikt untersagt…

Robin Hoods Erbin

Die Siedlung an der Minervastraße hat alles, was das Herz von wohlbetuchten Münchner*innen begehrt: zentral und doch mitten im Grünen, elegant im neoklassizistischen Stil und dabei mit allen Modcons, die ein luxuriöses Leben bietet, von Fußbodenheizung und dezent versteckten Aufzügen bis hin zur geräumigen Tiefgarage, in der auch ungeübte SUV-Fahrer ohne Schrammen einparken können. Mäandernde Wege führen durch einen gepflegten Park zu einem kleinen Teich, und wenn man vom Steg in die umsäumenden Tannen blickt, liegt nichts ferner als die – richtige – Vermutung, dass das Ganze erst vor ein paar Jahren angelegt wurde. Wie die Siedlung, so haben auch Park und See eine verwunschene Patina, die zum Träumen einlädt – komplett mit einer im letzten Winter dort versenkten Leiche. Romantik pur, eben.

Dr. Lukas Wentzel, 66, ist kein Romantiker. Aber seine Frau Sofia und seine Töchter Lina und Rita hatten sich sofort in das Anwesen verliebt, und als die opulente 5-Zimmer-Dachterrassenwohnung frei wurde, gab er den Bitten seiner Familie nach und kaufte sich in die Siedlung ein. Zu einem schwindelerregenden Preis. Aber als Zahnarzt mit einer renommierten Praxis im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt war er nicht nur ein gern gesehenes Aushängeschild der Siedlung. Dank seiner souveränen Art und der herzlichen Überzeugungskraft seiner „Mädels“, wie er Frau und Töchter nannte, gewann er auch bald eine Reihe zahlungsfreudiger Patient*innen hinzu. Und um der Wahrheit Genüge zu tun, muss gesagt werden, dass Wentzel ein Meister seines Faches ist. Was immer sich seine Patient*innen wünschen – er erfüllt selbst die kühnsten gebisstechnischen Träume: ein blendendweißes Bleaching für das 30-jährige Plus-Size-Model, eine Komplettsanierung ausgeschlagener Ruinen für den Ex-Boxer auf Freiersfüßen, aber auch eine Vollprothese, mit der Frau von Westphal endlich wieder mit ihren Freundinnen in aller Öffentlichkeit Sachertorte essen kann, ohne dass die Zähne in der Konfitüre kleben bleiben. Voraussetzung für seine Behandlung ist natürlich die absolute Bonität der Patient*innen. Denn Wentzel überlässt nichts dem Zufall, weder in der Behandlung noch bei der Abrechnung.

Um sein Leben und den in nächster Zukunft geplanten Ruhestand gepolstert zu finanzieren, hat er jahrelang vertrauensvoll in einen seriösen ärztlichen Pensionsfonds eingezahlt. Er hält nichts von windigen Investitionen und riskanten Aktienkäufen und geht lieber auf Nummer sicher.

So dachte er, so plante er. Bis die Wirklichkeit ihn in Form eines harmlos im Briefkasten ruhenden grauen Umschlags einholt. „Aufgrund unvorhersehbarer weltpolitisch bedingter Schwankungen hat der Fonds leider einen erheblichen Teil seiner Investitionen eingebüßt (……). Wir bedauern außerordentlich, ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Ihre Rentenansprüche um bis zu 62% reduzieren müssen.“

„WAS?“ Wentzel schwankt, Nebel vor seinen Augen, Treibsand statt Parkett unter seinen Füßen.  „Lukas? LUKAS!“ Seine Frau kommt durch die Tür, streckt beide Hände nach ihm aus und hält ihn fest. Zusammen gleiten sie zu Boden. Dort kauert Wentzel eine kleine Ewigkeit, Kopf auf den Knien, unfähig, auch nur ein Wort der Erklärung von sich zu geben.

„Diese Idioten. Wie kann man nur so dumm sein?“ Dann: „Nein, das ist unmöglich. Da steckt ein Plan dahinter.“ Schließlich: „Diese Verbrecher. Haben sich auf unsere Kosten bereichert.“ Endlich: „Na warte. Das werdet ihr büßen. Aber sowas von!“

Seine Pläne. Seine Zukunft. Nicht nur seine. Auch die seiner Frau. Und seiner Töchter. Auslandsstudium. Startkapital für die eigene kleine Firma. Alles weg. Pulverisiert durch eine falsche, ach was, eine kriminelle Investitionspolitik von einer Handvoll selbstgerechter Fondsmanager. Es ist ausgeschlossen, erkennt Wentzel, dass Prof. Dr. Viktor Hesemann, Vorstandsvorsitzender des Ärztlichen Pensionsfonds und Mediziner, in völliger Ahnungslosigkeit sein, Wentzels, Leben und das von wer weiß wie vielen anderen Gutgläubigen ruiniert hat. Nein, das alles ist ein bis ins Kleinste geplanter Komplott, aus dem Hesemann mit mehrfach siebenstelligen Gewinnen und einer reinweißen Weste hervorgeht.

Er hat schließlich „nur beraten“, „nur ausgeführt“, „nur die Risiken falsch eingeschätzt“.

Und jetzt? „Wir müssen die Wohnung verkaufen. Sofort. Die Mädchen müssen sich ihr Studium selbst finanzieren. Das Wohnmobil setze ich gleich ins Internet.“ Wentzels Frau schaut ihren Mann an. Schweigend.

Dann sagt sie: „Gib mir mal alle Unterlagen, alles, was du vom Fonds hast. Und vom Vorstand.“

„Und dann?“

„Dann sehen wir weiter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die damit so ohne weiteres durchkommen.“

„Doch. Tun sie. Weil wir alle zu blöd waren, zu vertrauensselig. Weil wir ihnen Carte Blanche gegeben haben. Auf eine externe Wirtschaftsprüfung verzichtet haben. Aus Kostengründen. HAHA!“

Sofia vergräbt sich mit den Unterlagen im gemeinsamen Arbeitszimmer. Die Stunden vergehen. Irgendwann hält Wentzel es nicht mehr aus. Er kocht einen Tee – grün, im Beutel, um sich schon mal in Armut zu üben – und klopft. „Komm rein“, ruft Sofia.

„Und?“, fragt er.

„Hesemann hat tatsächlich an alles gedacht. Den kriegen wir nicht dran.“

„Dann kontaktiere ich am besten gleich einen Makler. Aber keinen von hier. Ich will nicht, dass die Leute mitkriegen, dass wir demnächst pleite sind. Meine Patienten! Ich hab‘ allen erzählt, dass ich spätestens in zwei Jahren in Rente gehe. Jetzt muss ich arbeiten, solange Augen und Bandscheibe mitmachen.“ Müde und mutlos lehnt Wentzel sich an die Wand.

„Also deine Patienten werden sich freuen, vor allem die Patientinnen“, lacht Sofia. „Schau mich nicht so bissig an. Um so höher du stehst, desto tiefer fällst du. Aber zum Glück hast du ja noch mich.“

„Mit deinen paar IT-Kunden wirst du uns kaum ernähren können“, murmelt Wentzel.

„Vielleicht nicht. Stimmt. Aber wer weiß – vielleicht doch. Ich habe da nämlich eine Idee. Allerdings nur unter einer Bedingung. Du musst herausfinden, welche deiner Kolleg*innen durch den Fonds die meisten Verluste erlitten haben. Also wirklich die, denen es am dreckigsten geht.“

„Warum?“

„Nenn mich Robin Hoods Erbin, Schatz. Und frag nicht weiter. Ich will dein Gewissen nicht unnötig belasten.“

II

„Das ist doch zu schön, um wahr zu sein. Wo ist da der Haken?“ Prof. Dr. Hesemann blättert den Hochglanzprospekt nochmal durch. Von vorne bis hinten. Kein Haken erkennbar. Das aufstrebende Bio Tech-Start Up mit dem wohlklingenden Namen „EnzyValion Therapeutics“ ist klein, innovativ und noch so unbekannt, dass er als early investor satt Profit machen kann. „Toller Tipp von der jungen Kollegin“, denkt Hesemann. Und er weiß, dass er seine Marke perfekt aufgebaut hat: der sichere Investor, risikofreudig, aber nicht blauäugig. Er kann sich nicht an die Frau erinnern, aber wenn die Investition so gut läuft, wie sie klingt, wird er sie nach er der ersten Million zum Essen einladen. Als Einzahlerin in den Ärztefonds wird sie sich das alleine wohl kaum noch leisten können.

Hesemann nimmt sich einen ganzen Tag Zeit, um EnzyValion Therapeutics zu durchleuchten. Google kennt das Start Up. Die Webseite ist clean, mit sympathischen Management-Gesichtern, vorwiegend junge Männer, eine Frau; ein minimalistisches Pitchdeck, ein schmaler Crunchbase-Eintrag („Seed Stage – undisclosed funding“), ein Eintrag in einem Startup-Katalog, eine kleine Liste von Partnern und eine Handvoll Presseartikel. Etwas Präsenz auf LinkedIn, sogar ein paar saubere FB-Profile – alles genau so, wie man es von einem „Early-Stage“-Start Up mit hoher Exklusivität erwartet. Ein halb gefülltes Ökosystem, typisch für Mini-Firmen. Und mit dem Versprechen von großen Gewinnen für ihn.

Am nächsten Tag unterschreibt Hesemann digital und überweist das Geld. Eine schwindelerregende Summe. Für ihn kein Problem, Fonds sei Dank. Um ganz sicher zu gehen, loggt er sich am Anfang stündlich in sein Investor-Dashboard ein. Alles wasserdicht und im leuchtend grünen Bereich: Anteile, Wertentwicklung, Schaubilder, Auszahlungsfunktionen, Transaktionsverlauf.

Als eines Morgens die Steuerfahndung bei ihm klingelt – was Hesemann längst mit einkalkuliert hat – setzt er seinen Escape-Plan um. Oder besser, er will ihn umsetzen. Jetzt nur noch schnell das Geld aus dem Start Up ziehen, und dann ab nach Zypern. Warum in die Ferne schweifen? Mit den richtigen Papieren liegt das Gute doch recht nah.

Doch nach dem Login bleibt der Bildschirm erstmal blank. Also black. Dann blue. Schließlich erscheint eine Anonymus-Maske und sagt: „Wir danken für die großzügige Spende und bitten um Verständnis dafür, dass wir keine Spendenbescheinigung ausstellen können. Wir bedauern außerordentlich, ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Ihre Investition zu 100% einbehalten mussten.“

Dr. Lukas Wentzel hat keinerlei Einwände, als seine Frau ihm mitteilt, dass das Kapital, das sie für ihn erwirtschaftet hat, exakt dem Betrag entspricht, den er durch den Ärztefonds verloren hat. Der Rest, das weiß er, bewahrt eine Handvoll Kolleg*innen vor dem sicheren Ruin. Und das ist gut so. In Zukunft wird er seine Geschäfte ganz in die Hände seiner Frau Sofia, Robin Hoods Erbin, legen. Auch das ist gut. 

MiniKrimi Adventskalender am 1. Dezember

Vorhänge vor einem Fenster.

So, let the tale begin. Herzlich willkommen zum MiniKrimi Adventskalender 2025.

Meine Co-Autorin Lydia H. und ich entführen euch in diesem Dezember wieder in die schicke Siedlung an der Minervastraße am Stadtrand von München. Dort leben ganz unterschiedliche Menschen. Alte und junge, schöne und unscheinbare, frohe und traurige. Und wie in jeder Siedlung passieren dort viele Geschichten. Die einen schön, die anderen schaurig. Aber immer ein wenig geheimnisvoll.

Der letzte Vorhang

Ein lautes Klirren erschütterte das elegante Erdgeschoss der Minervastraße 7. „Neiiiin!“, entfuhr es Lisa. „Nicht das Porzellan meiner Oma.“ Fassungslos starrte die junge Frau erst auf den Umzugskarton, der ihr gerade aus den Händen geglitten war, und dann auf den Mann, der wie aus dem Nichts vor ihr aufgetaucht war.

Dr. Best, ohne Zweifel.  Dieselbe arrogante Ausstrahlung wie früher.  Vor Lisas innerem Auge zogen sofort die Geschehnisse der letzten 5 Jahre vorüber. Geschehnisse, die letztendlich zu ihrem Auszug aus der Minervastraße geführt hatten.  Aus ihrer Oase. Aus ihrem sicheren Hafen. Hier hatte sie sich zum ersten Mal seit ihrer Scheidung wieder zu Hause gefühlt. Hier hatte sie neue Leute getroffen, zaghafte Freundschaften geknüpft. Wieder begonnen, dem Leben zu vertrauen.

Und jetzt stand ausgerechnet der Mensch vor ihr, dessen Behandlungsfehler dazu geführt hatte, dass sie alles verloren hatte. Schon wieder.  Dass sie noch einmal vor den Scherben ihrer Existenz stand – und nicht wusste, ob sie genug Kraft für einen weiteren Neuanfang haben würde.

„Entschuldigung“, sagte der Mann zu ihr. „Ich bin, glaube ich, ihr Nachmieter. Die 3 Zimmer Wohnung im dritten Stock?“ Lisa konnte es nicht fassen. Der Typ erkannte sie nicht einmal mehr.  Nach all dem, was er ihr angetan hatte! Und nun nahm er ihr auch noch ihre Wohnung weg. Ihren letzten Rückzugsort. „Ja“, antwortete sie kurz angebunden, dreht sich um und trug den Karton mit dem zerbrochenen Porzellan zu den Mülltonnen. Nichts als Scherben, dieses Leben.

In den nächsten Tagen war Lisa mit der Einrichtung der neuen Wohnung beschäftigt. Ein Zimmer am Stadtrand von München.  In einer der neu aus dem Boden gestampften Siedlungen, die den Mietnotstand mindern sollten. Die meisten der Wohnungen waren für Menschen mit einem sogenannten Wohngeldanspruch des Jobcenters oder des Sozialamtes reserviert. Menschen wie Lisa, die seit der Katastrophe vor 5 Jahren zu 100 Prozent erwerbsgemindert war. Dazu kamen Langzeitarbeitslose, Rentner und Geflüchtete. Leute, die das Stadtbild störten. An den Rand geschoben. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Lisas persönliche Katastrophe, lebensbedrohlich, physisch wie psychisch, hatte vor Gericht nicht mal zu einem Bußgeld für den verantwortlichen Arzt Dr. Best, bzw. Dr. Biest, wie Sie ihn getauft hatte, geführt. Das beauftragte Gutachten kam zu dem Schluss, dass es sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände gehandelt hatte. Eine Krähe…, das kennt man ja. Dr. Biest, bei dem Lisa 15 Jahre in Behandlung war, hatte es schlicht versäumt, ihr jemals den Blutdruck zu messen – wofür er nicht belangt werden konnte. Wie hätte er als ihr Hausarzt, auch auf den Gedanken kommen können, dass eine schlanke, sportliche Frau in der Mitte ihres Lebens einen Bluthochdruck entwickeln könnte. Das bisschen Schwindel, naja, das kennt man doch bei Single Frauen. Schlechter Sex vielleicht, oder gar keiner. Hysterie, typisch weiblich. Hat ja schon Freud so erkannt. Ein fataler Fehler, wie sich herausstellte.  An einem schönen Junimorgen vor 5 Jahren brach Lisa mit unerträglichen Schmerzen zusammen und wurde mit Blaulicht ins nächste Krankenhaus gefahren. Dort stellte sich heraus, dass sie an einem Aortenaneurysma litt, welches an diesem Morgen gerissen war. Die Ursache war zweifelsfrei ein jahrelang nicht erkannter und folglich nicht behandelter Bluthochdruck.

Nachdem Lisa unter laufender Reanimation ins Krankenhaus eingeliefert worden war, folgten Notfalloperation, Herzkreislaufstillstand, wieder Reanimation, die allerdings erst nach 7 Minuten erfolgreich war, und ein Schlaganfall. Wie durch ein Wunder erwachte Lisa auf der Intensivstation. Sie hatte überlebt. Aber um welchen Preis! Körperlich ein Wrack, konnte sie ihren Job als Bereiterin in einem Gestüt ab sofort nicht mehr ausüben.  Es folgten traumabedingte Depressionen und letztendlich die Aussteuerung aus dem ersten Arbeitsmarkt.  Massive finanzielle Einbußen, Schulden… und das Ende ihrer Zeit in der geliebten Minervastraße. Ihre Bekannten hatten sich da längst nach und nach verabschiedet. Die Gespräche mit einer traumatisierten, verhärmten und mit ihrem Schicksal hadernden Frau waren mehr Qual als Freude.

Nun also ein neuer Lebensabschnitt. Der letzte Vorhang? Hier zwischen den Ausgestoßenen fühlte sich Lisa zumindest unter ihresgleichen. Und wenn sie kaum einen der Wortfetzen verstand, die ihr auf den Fluren entgegenflogen? Egal. Sie hatte längst die Fähigkeit verloren, zu kommunizieren.

Der Plan entstand beim Putzen des Fensters ihrer Einzimmerwohnung. Quadratisch, praktisch, nicht sehr gut. So anders als die liebevoll gestalteten Fenster in der eleganten Minervastr. 7, die die letzten 15 Jahre ihr Zuhause gewesen war. Doppelflügelig und groß. Und nicht leicht zu reinigen. Es war immer ein beinahe akrobatischer Akt gewesen, dieses Balancieren auf einer Leiter, um auch die oberen Rahmen zu erreichen. Ein Lächeln huschte über Lisas Gesicht.  Zumindest dieses Problem hatte sie jetzt nicht mehr. Dafür aber Dr. Biest. Die Idee war Lisa fast zwangsläufig gekommen. Sie war einfach naheliegend. Und den Schlüssel zur Wohnung hatte sie auch noch. Die Übergabe sollte erst am nächsten Tag stattfinden. Erst? Oder schon?

Um 19:00 h stand Lisa in ihrer ehemaligen Wohnung.  Wehmut überkam sie, als sie ein letztes Mal auf den blühenden Garten schaute, auf das sanfte Grün und hinüber bis zum tannenumstandenen Teich. Aber sie hatte keine Zeit, sich in Erinnerungen zu verlieren. Sie nahm den mitgebrachten Schraubenzieher und machte sich ans Werk.  10 Minuten später verließ Lisa die Minervastraße zum letzten Mal. Die Rückfahrt vom noblen Münchner Stadtteil zu ihrem Zuhause, für das ein Acker hatte weichen müssen, gestaltete sich als noch beschwerlicher als die Hinfahrt. Eine schnelle Anbindung an den ÖPNV war zwar angedacht, hatte aber bei der dort angesiedelten Klientel offenbar keine Priorität für die Verkehrsplanung. Und Lisas kleiner roter Sportwagen war leider schon lange Vergangenheit.  So wie ihr gesamtes Leben.

Ein paar Tage später las Lisa die kurze Notiz in ihrer Tageszeitung: „In der noblen Minervastraße kam es gestern zu einem tragischen Haushaltsunfall. Der neue Mieter einer Wohnung im dritten Stock verlor scheinbar das Gleichgewicht, als er schwere Gardinen anbringen wollte. Diese waren offensichtlich zu schwer für den Fensterrahmen, so dass sich dieser von der Wand löste. Den Sturz aus dem dritten Stock auf den Gehsteig hat der Mieter, ein bekannter Münchner Internist, nicht überlebt.“