Adventskalender MiniKrimi am 4. Dezember


Schatten der Nacht

„Das darf doch nicht wahr sein! Unser Weihnachtsessen können wir vergessen. Ab Mittwoch hat unser Landesdiktator 2G angeordnet. Das heißt, ich komme bei Luigi nicht mehr rein. Sag mal, merken die Leute nicht, was abgeht, in unserem Land? Und wir können NICHTS dagegen tun?!“

„Doch, Süße. Klar kannst du was dagegen tun. Lass dich impfen. Du weißt, ich habe eine Dosis Vakzin für dich im Kühlschrank. Und dann gönnen wir uns ein Menu vom Allerfeinsten!“ Astrid steht vom Sofa auf, geht die paar Schritte zum Esstisch, an dem Cora vor ihrem offenen Laptop sitzt, und legt die Arme um ihre Frau. Aber die Umarmung ist irgendwie steif, und Coras Oberkörper spannt sich bei der Berührung unwillkürlich an. 

„Das hättest du wohl gerne? Du weißt genau, dass ich das NIE tun werde. Mir eine Substanz ins Blut jagen zu lassen, vor der ich nicht weiß, woraus sie besteht und was sie mit mir macht.“

„Ich habe dir schon so oft erklärt, woraus die Vakzine bestehen. Und ich jage dir nichts ins Blut, sondern spritze es dir in den Muskel.“

„Egal, wohin. Das Zeug verändert die DNA, macht sie kaputt, und dann kriegst du Turbotumore. Schau, hier, lies. Das hat eine schwedische Ärztin veröffentlicht.“ Cora dreht den Laptop so, dass Astrid den Artikel lesen kann. Aber Astrid geht wortlos in die Küche.

Sie lässt Leitungswasser in den Alessikocher laufen. „Willst du auch einen Tee?“ 

„Ja, aber bitte nimm das Filterwasser aus der Flasche mit den rosa Steinen. Du weißt doch, oder nein, wir wissen eben nicht, was da wirklich aus der Leitung kommt.“

„Oh Mann, wann haben die dir bloß so ins Hirn geschissen?“, murmelt Astrid. Ja, seit wann ist Cora so? So… misstrauisch. Ängstlich. Aluhutig. Wann hat Cora aufgehört, sich an Fakten zu orientieren? Ihr, Astrid, bei Inhalten Glauben zu schenken, die als Medizinerin zu ihrem Fachgebiet gehören, bei denen sie sich auskennt und immer auf dem Laufenden ist? ‚Seit wann können wir nicht mehr miteinander reden?‘


„Seit wann können wir eigentlich nicht mehr miteinander reden?“ Coras Stimme klingt brüchig, unsicher. Beinahe verzweifelt. 

Da ist sie doch noch, die alte Magie. Zwei Menschen ein Gedanke. ‚Ein Herz und eine Seele‘, haben sie früher gerufen, wenn sie beide im gleichen Moment das Gleiche gesagt haben. Und dann haben sie gelacht. Astrid lächelt. Hoffnungsvoll ordnet sie Tassen – eine mit Jiaogulan und eine mit Earl Gray – auf dem silbernen Tablett an, braunen Zucker und ein paar Haferkekse. „Doch, Liebes, das können wir noch. Wir müssen es nur wirklich wollen. Ein paar Schritte aufeinander zugehen, in Gedanken. Und auch so.“ Sie stellt das Tablett auf den Olivenholztisch und streift Coras blonden Kopf mit ihren Lippen, nur ganz leicht, bevor sie sich dazu setzt. 

„Ich bin so verzweifelt, Astrid“, flüstert Cora. 

„Das sehe ich doch. Wie kann ich helfen? Was kann ich tun, damit es dir besser geht? Du weißt, ich liebe dich.“

Coras kalte Finger legen sich auf Astrids Hand. Wie von ungefähr. „Nein, Astrid, bitte, nicht schon wieder. Nicht DU kannst mir helfen. Du musst dir von MIR helfen lassen. Mach die Augen auf. Mach Schluss mit der blinden Wissenschaftsgläubigkeit. Höre auf deine innere Kraft. Du musst dein Inneres Ich wieder stark machen. Nur so wirst du immun. Immer, wenn du abends aus der Praxis kommst, habe ich Angst. Um dich. Und um mich, dass du die Spike-Proteine an mich abgibst.“

„Cora, jetzt ist aber Schluss! Ich habe dir doch erklärt, dass das mit dem Impfstoff-Shedding totaler Blödsinn ist.“ „Ist es nicht. Warte – hier, gerade heute habe ich wieder darüber gelesen.“

Astrid nippt am Tee, verbrennt sich die Zunge, stellt die Tasse so abrupt auf den Tisch, dass der Inhalt überschwappt. „Cora – such‘ dir eine Beschäftigung! Geh raus. Ich kaufe uns einen Hund. Geh spazieren. Bring deine Internetseite auf Vordermann und verkaufe deine Sachen online, statt sie hinter geschlossenen Ladentüren zu stapeln. Aber hör auf zu brüten. DAS macht dich kaputt. Und mich. Und UNS!“

„Na klar – wenn dir die Argumente ausgehen, stellst du mich als dummen Depressivling hin. Als Loser. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich habe endlich Zeit, die Dinge zu hinterfragen. Unsere Gesellschaft. Die Politik. Das ganze kapitalgesteuerte System. Und ich bin sehr viel unterwegs. Im Internet UND draußen. Ich treffe sehr viele Menschen – und sie alle denken wie ich. Ich habe seit dem Lockdown sehr viel gelernt. Auch über dich, Astrid. Auch über dich. Du hast eine extrem negative Aura, gerade jetzt, wenn du mich so anstarrst.“ Sie zuckt zusammen. „Au! Da kriege ich gleich wieder diese Magenkrämpfe! Geh weg! Und lass mich bloß in Ruhe mit deiner Schulmedizin und deinen bescheuerten Tabletten.“

„Cora…“ Astrid seufzt. Schließt die Augen. Öffnet sie. Und sieht sich in einer Sackgasse stehen, mit dem Rücken zur Wand. „Ich geh joggen“, sagt sie.

Nach zwei Stunden im Wald fühlt sie sich frisch. Und hoffnungsvoll. Es muss eine Möglichkeit geben, ihre Beziehung zu retten. Sie muss es nur nochmal ernsthaft versuchen. Mit viel Sachlichkeit, Logik – und Liebe.

Die Wohnung ist dunkel. Cora liegt auf der Couch. ‚Sie schläft‘, denkt Astrid. Dann hört sie ein leises Stöhnen. „Cora!“ Die Haut der jungen Frau ist fahl, auf der Stirn steht kalter Schweiß. Cora atmet schwer, ihr Herz rast. „Liebes“, was ist passiert? Cora starrt sie aus weit aufgerissenen Augen an. Ihr Körper bäumt sich auf, Tee und Schaum fließen ihr aus dem Mund, darin eine Handvoll kleiner schwarzer Beeren. Mechanisch tastet Astrid die Couch unter Coras Körper ab. Und findet eine braune Tüte. „Schwarzer Nachtschatten – Heilung aus der Natur“, steht in geschwungener Handschrift darauf. Darunter: „Nur Gutes zu dir. Johann, Transhumanistische Gesellschaft.“

Astrid steht auf. Geht zum Telefon. Wählt die 112. Während sie mit ihrer Frau im Arm auf den Rettungswagen wartet, ertappt sie sich dabei, wie sie, die Naturwissenschaftlerin, leise betet, ohne zu wissen, zu wem. Aber sie ist mit ihrer Weisheit am Ende. 

Adventskalender Minikrimi am 2. Dezember


Der Beste seines Fachs

Er ist der Beste. Das weiß er. Und das sagen ihm auch immer wieder alle anderen. Kolleg*innen, Patient*innen. Und vor allem das Pflegepersonal. Die heimliche Leitung der Klinik, wie er lachend sagt, damit niemand merkt, wie ernst ihm diese Behauptung ist. Stell dich mit den Pflegekräften gut, und du bist der uneingeschränkte King der Abteilung. 

Deshalb stellt er sich bei jeder neuen Stelle erst einmal im Pflegestützpunkt vor. Mit gutem Kaffee und einem Korb, prall gefüllt mit all den Sachen, die sie dort wirklich mögen. Keine Schokolade oder Kuchen. Dafür Nüsse, Obst und Nervennahrung. Nach einer Woche fressen sie ihm aus der Hand. Und das ist wichtig! Sie schirmen ihn ab und stehen hinter ihm. Erlauben keine unnötigen Fragen.

So war es bislang immer. Und so ist es auch hier. Seit kaum drei Wochen arbeitet er als Assistenzarzt in der Anästhesie. Inzwischen kennt er sich überall aus, die Handgriffe während einer OP sitzen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit überwacht er die Patienten, greift bei Bedarf sicher und routiniert ein. Schwester Lilly wirft ihm bewundernde Blicke zu, und mehr als einmal hat sie ihm schon einen Espresso gebracht – ungefragt. Er kann nicht sagen, dass ihm das missfällt. Auch Lilly selbst gefällt ihm gut, mit ihren langen schwarzen Haaren und den großen grünen Augen. Aber er hält sich zurück. Ist auf der Hut. Persönliche Kontakte kann er sich nicht leisten. Leider.

Es kommen immer mehr Corona-Patienten ins Krankenhaus. Es macht ihm nichts aus, sich im Schutzanzug um sie zu kümmern. Das ist kein wirklich schwerer Job. Leider erwischt das Virus immer mehr Pflegekräfte und Kolleg*innen. Er ist der Meinung, dass sie sich nach ihrem Dienst nicht wirklich in Acht nehmen, sondern den Stress in der Klinik wegfeiern. Und das ist in dieser Situation fatal.


Er tut das nicht. Er lebt zurückgezogen, beinahe mönchisch. Das muss er auch. 

Dann kommt der Tag, an dem Professor T. ihn in sein Büro ruft. Es geht um die junge Luise, eine Covid-19-Patientin. Er kennt das Mädchen, hat es seit der Einlieferung mit Atemproblemen betreut. Sie ist Asthmatikerin. Ihr Zustand schien stabil. Doch in der Nacht hat sich die Situation so sehr verschlechtert, dass eine Operation umgehend notwendig ist. „Und jetzt kommen Sie ins Spiel, Kollege. Kollege F. ist seit heute ebenfalls erkrankt. In Ihren Unterlagen habe ich gelesen, dass Sie bereits mehrere erfolgreiche Lungen-OPs durchgeführt haben, sogar eine Transplantation. Sie übernehmen also. Machen Sie sich fertig, die OP ist für 9 Uhr angesetzt.“

Schweiß tritt ihm auf die Stirn. „Ich, ich…“, setzt er an, doch in diesem Moment geht die Tür auf, Luises Mutter stürmt herein, umfasst seine beiden Hände und bittet ihn unter Tränen, ihre Tochter zu retten. Diesmal ist es eine schlafwandlerische Unsicherheit, mit der er sich vorbereitet. Er sieht alles nur durch einen Schleier. Schwester Lilly hilft ihm beim Ankleiden. „Sie sehen blass aus, ist alles ok?“, fragt sie ihn. „Nein!“ will er rufen. „Nichts ist ok!“ Aber er kann nur nicken. Und dann steht er im Operationssaal. Hält Instrumente in der Hand, die er bislang nur von weitem gesehen hat. Alle warten darauf, dass er anfängt. Er macht einen Schnitt, noch einen – alles ist voller Blut, Luise reißt die Augen auf, schreit ihn an: „Wie können Sie es wagen! Sie Scharlatan. Sie Hochstapler!“ Dann sinkt sie zurück. Tot. 

Der Saal ist plötzlich voller Menschen, Luises Mutter, die Kolleg*innen, Lilly, die Prüfer, die ihn damals haben durchs Examen fallen lassen. Seine Eltern, die ihn seitdem als Versager betrachtet und jeden Kontakt abgebrochen haben. Und noch viele andere, an denen er sich seitdem rächt, indem er das tut, was er wegen ihnen nicht tun darf. Luises Mutter, die ihn anstarrt und immer wieder flüstert: „Warum nur? Warum?“Er will sich umdrehen, weglaufen. Aber er klebt fest. In diesem Raum. In diesem Albtraum.

Schließlich wacht er doch noch auf, schweißgebadet. Es ist vier Uhr morgens, die Stadt schlummert im Winterdunkel. Er schüttelt sich. Was für ein Traum. Er steht auf und geht zum Schreibtisch. Dort liegt er, der Beweis, dass das alles wirklich nur ein Albtraum war: seine Approbation!   

Österliches Miniatur-Memory


Karfreitag 1989

Es ist ungewöhnlich heiß, und ich habe mich mit ausgeblasenen Eiern, Aquarellfarben, Pinseln und den Birsteiner Nachrichten von letzter Woche auf den Balkon verzogen. Weit genug weg von meiner Mutter, die mir immer noch nachträgt, dass ich sie nicht zum Karfreitagsgottesdienst begleitet habe. Jetzt tut es mir leid, und ich hätte ihr gerne gesagt, dass ich sie nicht hatte verletzen wollen, aber gleichzeitig auch keine Lust gehabt hatte, mir selbst weh zu tun. Denn das von getragenen Orgelakkorden untermalte „Haupt voll Blut und Wunden“ trägt für mich die Gesichtszüge meines Vaters, und da ich ihn auch 7 Jahre nach seinem Tod noch nicht beweinen kann, bleibt mir die Trauer wie ein Kloß im Hals stecken und verklebt mir den ganzen restlichen Tag.

Nachdem ich das obligatorische alljährliche Osterei bemalt habe, zeige ich es als Widergutmachungsversuch meiner Mutter. Sie runzelt die Stirn und sagt nichts. Das ist ihr Beitrag zur Versöhnung. Denn diesmal, ich befinde mich in der akuten Phase meines Feminismus, wackeln aufgeregte, der Sichtbarkeit halber violett umrandete Hühner über die Schale und fordern auf Plakaten „Mein Ei gehört mir“, „nieder mit der Massentierhaltg.“ Für das ganze Wort ist das Ei – es stammt übrigens von einer der drei Hennen des Bauernhofs schräg gegenüber – leider zu klein.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich mit meinem neuen Freund und seiner Clique beim Metonkel. Wir lassen den verrosteten Opel am Ende des Forstwegs stehen, halb im Graben, damit der Förster noch vorbeifahren kann. Dann laufen wir durch ein sehr hellgrünes, nach Waldmeister duftendes Wäldchen hinunter zur Lichtung, auf der der schrullige Alte vor seinem Wohnwagen einen Biertisch und zwei Bänke aufgebaut hat. Der Met kostet eine Mark und wird aus einer dunklen fettfleckigen Flasche in Gläser geschenkt, die einen schmutzig braunen Rand haben und einen Bodensatz aus Staub und Dreck. Ich habe kurz Angst, mich anzustecken, weiß aber nicht, mit welcher Krankheit. Also lächle ich meinen Freund an und kippe den Met in einem Zug runter. Nach dem zweiten Glas und dem gemeinsamen Joint ist die Angst dann auch verschwunden.

Always look at the bright side of life – oder death, singen Monthy Python. Ein Metschwamm wäre gut gewesen, für Jesus, denke ich. Oder ein Joint. Am besten beides.

Ostersonntag 2018

„Mein österliches Beileid“ hat der Monsignore uns gewünscht, als meine Mutter kurz nach Ostern starb. Ein knappes Jahr und eine Katharsis später beantworte ich das leise Lächeln, das sie mir vom Foto auf dem Intarsientablett unter den bunten Tulpen zuwirft. Die Trauer hat sich aufgelöst und den Blick freigegeben auf unzählige unverhoffte Miniatur-Momente. Die Erinnerung schiebt sie mir vors Auge wie ein Damals-Dia. Ich schaue hin und wieder weg. Dann kommt irgendwann das nächste. Oder einem Erbstück, Schrank, Bild,  Recamiere, entströmt ein leiser Hauch, und dazu malt unser Gedächtnis uns das ganze Bild, komplett mit Gefühl und allem Drum und Dran:

Die Angst meines Sohnes vor dem dunkelbraunen Treppenhaus und davor, dass aus der auf halber Höhe eingelassenen ziselierten Dachbodentür etwas sehr Böses herausspringen würde. Etwas, das den Weg aus den metaphysischen Bildern meines Vaters, seines Großvaters, die in Salonhängung das Treppenhaus mit menschenähnlichen Baumfiguren in leuchtenden Ölfarben bevölkerten, in die Welt des Hauses gefunden haben könnte.

Die Gestalt meines Vaters, in der rechten Hand das dickwandige Glas mit Whiskey und zu löchrigen Quadraten geschmolzenem Eis, wie er mit der Linken die Schicksalsschläge der Eroika dirigierte, während  die Asche der Peter Stuyvesant auf den Wohnzimmerteppich segelte. Beethoven nachts um halb drei war für mich als Zehnjährige an der Tagesordnung.

Die Stimme meiner Mutter mit irgendeinem Kommentar, von treffend zu Nonsense driftend mit dem Fortschreiten der Demenz. „Du könntest in einem Drei-Sterne-Lokal kochen.“ Oder, zum Enkelsohn: „Du wirst ein fantastischer Arzt.“ Heute hören wir die Stimmen, riechen Zigarettenahnung, spüren Gänsehaut.

Und leben weiter. Sehen weiter, über den Karfreitagshorizont hinaus.

Frohe Ostern!

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