MIniKrimi Adventskalender am 19. Dezember


Die Wattwanderung

(Anfang Kapitel 2 aus: „Die Posaune im Watt“)

von Gesa Schröder

Am Ortsrand hatte sich mit den ersten noch schwachen Sonnenstrahlen auf dem grünen Deich inmitten der Schafe allmählich eine bunte Gruppe aus gelben Öljacken versammelt, mit Mützen in allen Farben, roten und blauen Gummistiefeln, viele aber auch barfuß mit aufgekrempelten Jeans. Die Wattführerin Telse sah sie sofort, als sie über die Deichkrone kam.

Die Sonne, die kurz zuvor noch rot war und sich im Watt spiegelte, wurde von Minute zu Minute stärker, heller, gelber, höher. Immer mehr Gesichter verstecktеn sich hinter Sonnenbrillen, als Telse den Deich hinunterschlenderte, mit dem obligatorischen Rucksack, einem Klappspaten und einem Kescher in der Hand.

Die geplante Wattwanderung war anspruchsvoll, gute 3 Stunden hin, der Rückweg dauerte oft etwas länger. Und das alles im Rhythmus der Gezeiten, d.h. sie mussten rechtzeitig vor der Flut zurück sein.

„Guten Morgen“, sagte sie mit strahlendem Lächeln und frischem Ton. „Ich bin Telse, eure Wattführerin. Normalerweise duzen wir uns hier, im Watt, vor allem wenn wir mehrere Stunden miteinander verbringen und wahrscheinlich keine anderen Lebewesen treffen werden, abgesehen natürlich von Möwen, Austernfischern, Krabben, Muscheln, Wattwürmern, Quallen, vielleicht ein paar jungen Plattfischen, und wenn wir Glück haben, sehen wir vielleicht auch einen Seehund oder einen Katzenhai.“

Bei dem Wort Hai erstarb auf einigen Gesichtern das Lächeln.

„Keine Angst“, lachte Telse, „wir gehen ja auf dem Watt. Die Katzenhaie und andere gefährliche Tiere sind nur in den Prielen.“

„Was ist ein Priel?“, kreischte eine junge Stimme dazwischen. Telse sah sich um. Sie sah sich das Mädchen an, überlegte, wie alt sie wohl war und ob sie die lange Wanderung durchhalten würde.

„Alles in Ordnung“, sagte der Mann neben ihr, „das ist meine Tochter Levke, sie hat heute Geburtstag, ist gerade 13 geworden. Die Wanderung ist ihr Geburtstagsgeschenk. Sie will Biologin werden.“

„Aha“, sagte Telse.  „Herzlichen Glückwunsch. Gute Frage! Was ist ein Priel? Damit fangen wir gleich an. Da unten seht ihr schon einen.“ Sie zeigte auf einen kleinen gekrümmten Wasserlauf, der eher einer Pfütze ähnelte.

Telse wies noch einmal alle Teilnehmer darauf hin, dass sie, wenn sie barfuß gingen, ihren Blick immer auf den Boden richten mussten, um sich nicht an einer Muschel zu verletzen. Sie hatte zwar Leuchtkugeln, Pflaster, Mullbinden und Jod dabei. Aber auf Blutvergiftungen war sie nicht scharf.

Sie erklärte kurz, was Ebbe und Flut ist, und nannte auch die Uhrzeiten aus dem Gezeitenkalender. „Wir wollen ungefähr eine Stunde vor der Tiefebbe, oder Hohlebbe, wie wir hier sagen, auf der Muschelbank von Blauortsand sein, damit wir dann gefahrlos den Rückweg schaffen.“

Auf den ersten hundert Metern zeigte sie die Buhnen und Lahnungen, kleine Zäune aus Reisigbündeln, die vom Deich ins Meer streben und als Wellenbrecher und zur Landgewinnung dienen. Hinter der letzten Buhne trafen sie auf den ersten richtigen Priel, der sich tief eingegraben hatte und seine unterschiedlich gefärbten Schichten an der Abbruchkante zeigte.

„Die Priele sind wie kleine Flüsse, über die das Wasser kommt oder abfließt. Dadurch wechseln sie alle sechseinhalb Stunden die Fließrichtung. Hier sammeln sich besonders gern die Muscheln, seit einiger Zeit auch viele Austern“, erzählte Telse weiter.

„Wenn die Austernmuscheln offen sind, haben sie diese leuchtende Perlmuttbeschichtung, die ihr sicher alle kennt. Man sieht sie oft schon von Weitem leuchten, aber sie sind sehr scharfkantig, also passt auf eure Füße auf!“

„Da hinten leuchtet was, aber das sieht eher golden aus als weiß oder perlmutt“, rief Levke, die in bester Geburtstagslaune war.

Sie folgten dem Priel, der an seiner Außenkurve besonders hoch abfiel und zwischen der hellen und der dunklen Schlick-Schicht leuchtete tatsächlich etwas Goldenes. Ein gebogenes Stück Metall, wie ein umgeknicktes dünnes Wasserrohr. Levke hockte schon davor und versuchte, es heraus zu ziehen. Aber es steckte zu fest. Als die ganze Gruppe da war, staunten alle das Stück Gold an. Auch Telse.

„Goldsucher im Watt“, sagte einer, „das ist mal was!“

„Das ist kein Gold“, brummte ein Mann aus der hinteren Reihe, „das ist Messing. Das gehört zu einer Trompete oder so etwas Ähnlichem.“

Alle sahen sich nach ihm um und betasteten dann das Metallstück. Ja, der Mann hatte recht, wie hatte er das aus der Entfernung so schnell erkennen können? Plötzlich erwachte bei allen eine Schatzsucher-Mentalität.

„Hier soll ja irgendwo mal eine versunkene Stadt gestanden haben“, sagte eine Frau und sah sich suchend um.

Abwechselnd zogen und zerrten sie an dem Teil, das aber mit beiden Enden tief im Watt steckte und sich offensichtlich im Schlick festgesogen hatte.  Doch irgendwann lockerte es sich und gab nach. Levkes Vater, der gerade daran gezogen hatte, fiel mit einem Schwung nach hinten, ins nasse Watt und in das Prielwasser.  Er saß nun zwar mit dem Hinterteil im Wasser, hatte aber zufrieden ein Stück Messing in der Hand, zwei lange hohle Stangen, die durch eine Rundung miteinander verbunden waren.

„Keine Trompete“, brummte nun der Experte, „das ist der Zug einer Posaune!“

Die Gruppe sah ihn an. Er schien wirklich ein Experte zu sein. Wenn vorhin noch Telse alles erklärte, so hingen sie jetzt an seinen Lippen. „Jetzt ist er hin, der Zug. Voller Sand. Das rutscht nie wieder glatt.“

„Zug einer Posaune?“

„Ja, das ist der Teil der Posaune, den man hin und her zieht oder schiebt, dann kommen die unterschiedlichen Töne heraus.“ Er klang etwas ungeduldig. „Habt ihr noch nie eine Posaune gesehen?“

Nach zwei weiteren Stunden des Stapfens durch den Schlick, des Muschelnsammelns und Staunens über spritzende Pfahlmuscheln und sandige Ringelhaufen produzierende Wattwürmer hatte die Gruppe schließlich die Sandbank fast erreicht.

„Blauortsand ist eine Muschelbank“, erklärte sie dann, „man sieht sie schon von weitem schneeweiß in der Sonne glänzen. Sie wird bei leicht höherem Hochwasser überflutet, deshalb wachsen hier keine Pflanzen, kein Strandhafer, keine ….“

„Aber da hinten, ganz rechts, da ist doch so ein Grasbüschel“, rief Levke. Sie hatte offensichtlich von allen die besten Augen.

Telse holte ihr Fernglas aus der Tasche und sagte: „Ja, stimmt, das ist seltsam. Vielleicht eine Ansammlung von Tang. Wir gehen mal dahin.“

Um das Gras- oder Tangbüschel hüpften auch ein Paar Möwen herum und suchten wohl nach Krebsen oder anderem Getier. So wurde die Gruppe kurz vor dem Ziel wieder munter und begann schneller zu gehen. Das Grasbüschel zog sie an oder die Aussicht auf die lang ersehnte Mittagspause. Als sie näherkamen, sah das Grasbüschel nicht mehr grün aus, sondern eher braun oder auch grau. Levke war wie immer als erste am Ort und stieß einen Schrei aus.

Dann rannte sie zurück zu ihrem Vater, der ihr schon entgegenlief. „Was ist los?“

Levke riss nur den Mund auf und versuchte geordnet zu atmen.

Inzwischen waren die anderen auch dort angekommen. Es war kein Gras, es war ein Büschel Haare, das an der Grenze zwischen Watt, Sand und Muschelbank herausragte, und die Haare hingen an einer kleinen Beule aus Sand, aus der ein spitzes Rohr herausragte, das nach unten aber breiter wurde. Etwas Glänzendes, Goldenes. Alle standen starr vor dem Anblick, niemand wollte das neue Goldstück anfassen. Bis Telse mit ihrem Kescher etwas Sand wegschabte. Nun sah man eine Ohrmuschel, an der kleine Schnecken klebten. Das Goldene sah aus wie ein umgestülpter Filter. Aber niemand fasste es an, niemand wollte es herausziehen.

„Vielleicht der Schallbecher“, sagte der Posaunen-Experte.

„Am besten, wir fassen hier gar nichts mehr an“, sagte Telse, mit leicht versagender Stimme. Ich rufe jetzt die Küstenwache an, oder besser erst mal die Polizei.“

Die ältere Dame mit den Nordic Walking Sticks war mittlerweile auch herangekommen und stieß einen schrillen Schrei aus, der sofort von den Möwen beantwortet wurde. Telse hatte sich inzwischen auf den höheren, trockenen Teil der Muschelbank gesetzt und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. So etwas war ihr noch nie passiert. Sie holte mit zittrigen Fingern ihr Handy heraus und rief die 110 an. „Ich glaube, hier liegt eine Leiche mit einer Posaune am Ohr“, stotterte sie. „Nein, keine ganze Posaune, nur so ein Trichter, oder so. Ist ja auch egal. Nur die Haare und das Ohr gucken raus. Keine Ahnung, wo der Körper ist. Auf Blauortsand.“

Die Posaune im Watt, 2024. Kulturmaschinenverlag

Gesa Schröder (geb. 1952) lebt als Autorin und Literaturübersetzerin in Venedig und an der Nordsee.

MiniKrimi Adventskalender am 18. Dezember


Dieser MiniKrimi beruht auf einer ähnlichen Begebenheit, die meine Freundin L. kürzlich erlebt hat.

Familienbande

Je näher es auf Weihnachten zugeht, desto unbehaglicher fühlt sich Agatha in ihrer Wohnung. Ihrem Haus. Ihrer Haut. Nicht einmal ihrem Kater Sylvester gelingt es, sie aufzuheitern. Bei Meyers in der Wohnung nebenan wird am Wochenende Besuch erwartet. Er schleppt Korb um Korb mit Einkäufen herbei. Nicht etwa Aldiware, nein, Agatha hat ganz deutlich die Tüten von Dallmayer und Käfer gesehen. Sicher kommen die Tochter und ihr Lebensgefährte. Der ist irgendein höheres Tier in Berlin. Daher die Schlemmereien. „Es wird ihnen nichts nützen“, weiß Agatha aus Erfahrung. Spätestens nach der Bescherung wird der Streit eskalieren, und die Tochter wird türenknallend die elterliche Wohnung verlassen. Mit Mann und Geschenken, natürlich.

Swobodas in der Etage über Agatha haben heuer jeden Zentimeter ihres Eckbalkons mit Leuchtgirlanden, blinkenden Rehen, einem fassadenkletternden Weihnachtsmann und, tatsächlich, einem am Geländer bis zu Agathas eigenem Balkon reichenden fliegenden Rentierschlitten dekoriert. Schlimmer kann es im Amsterdamer Rotlichtbezirk auch nicht leuchten.

Und so geht es weiter. Die Nachbarn zur Linken und zur Rechten, oben und unten bereiten sich alle auf ihre ganz eigene Weise auf Weihnachten vor. Gemeinsam ist ihnen nur eines: sie posaunen ihre Vorfreude grell und laut in die Welt hinaus. Agatha kann ihre Ohren und Augen nicht davor verschließen. Und auch nicht ihr Herz. Es sagt ihr ganz deutlich, dass sie auch dieses Jahr wieder alleine in ihren vier Wänden sitzen wird, zweieinhalb trübe Tage lang, während rund um sie herum der Bär in Gestalt von Heerscharen verwandter oder befreundeter Besucher tobt. Denn sie, Agatha Höllbeiner, hat niemanden, auf den sie sich freuen könnte. Also niemanden, der oder die sie sehen möchte. Besuchen. Anrufen. Leider!

Wie von Zauberhand berührt klingelt in diesem Moment Agathas Telefon. Festnetz. Sie hat kein Handy, geschweige denn ein Smartphone. Und sie weigert sich auch standhaft, sich mit dem Internet zu beschäftigen. „Dann wärst du jedenfalls nicht mehr so alleine,“ sagt ihre Bekannte – als Freundin mag Agatha sie nicht bezeichnen – Ingeborg aus dem Bibelkreis. Sie treffen sich dort einmal die Woche zum gemeinsamen Bibellesen. Und manchmal auch sonntags im Gottesdienst. Aber zu Weihnachten hat Ingeborg ihre Kinder zu Besuch. Daran, Agatha einzuladen, hat sie nicht gedacht. Und Agatha hat es auch nicht erwartet. Jeder und jede lebt eben sein oder ihr Leben in festen Bahnen. Und wann sich diese Wege kreuzen, ist ebenso präzise festgelegt. Wo käme man denn sonst hin?

„Hallo? Agatha Höllbeiner?“ Sie meldet sich immer mit ihrem Namen. Obwohl ein netter Herr von der Polizei in der Sendung „Vorsicht Falle“ gesagt hat, dass man das nicht tun dürfe. Generell nicht, und als allein lebende ältere Person schon gar nicht. Aber Agatha empfindet es als unhöflich, sich dem Anrufer oder der Anruferin nicht vorzustellen.

„Hallo?“ Eine männliche Stimme. Deutsch. Vielleicht mit einem ganz leichten bayerischen Akzent.

‚Ja. Höllbeiner. Wer spricht?“ Stille. Dann, zögernd:

„Agatha? Bis du das?“ Pause. „Mutter? Mama? Mami?“

Agathas Herz schlägt auf einmal bis zum Hals. Das kann doch gar nicht sein! Und dann auch noch so kurz vor Weihnachten! Sie atmet tief, schluckt, hält nochmal kurz die Luft an und fragt dann: „Justus? Bist du das? Wirklich?“

„Ja. Ja, Mami. Ich bin’s. Entschuldige, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe…..“

„So lange? 10 Jahre, 5 Wochen und drei Tage.“

„Was soll ich sagen? Es tut mir leid! Ich weiß, es gibt keine Entschuldigung. … Aber….“

„Ja?“

„Ich war auf dem Weg zu dir. Von Hamburg. Da wohne ich. Ich bin schon fast in München.“

„Wie schön.“

„Ja, das finde ich auch. Aber dann ist etwas Schreckliches passiert, Mami.“

„Oh Gott!“

„Ja. Weißt du, ich saß so im Auto, und dann kamen die Erinnerungen an dich. Und plötzlich musste ich weinen.“

„Ach, Justus….!“

„Und durch die Tränen konnte ich nicht genau sehen. Und dann…“

„Hast du einen Unfall verursacht?“

„Ja! Woher weißt du das?“

„Was soll es denn sonst gewesen sein“, sagt Agatha vielleicht ein bisschen schroffer, als sie es vorgehabt hatte. Deshalb setzt sie nach: „Ich meine, was sonst könnte so schrecklich sein?“

„Genau. Also es ist niemand verletzt worden.“

„Gottseidank. Ihr habt doch sicher die Polizei geholt? Dann kannst du ja bald weiterfahren. Wann bist du hier?“

„Ach, Mami. das ist jetzt wirklich ein Riesenproblem. Ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll…“

„Justus, wir haben doch auch früher nie Geheimnisse voreinander gehabt. Also. Schieß los!“

„Ich glaube, der Typ, also der Mann, dessen Auto ich angefahren habe, ist ein Krimineller. Mafia oder so. Mindestens. Er wollte keine Polizei. Und er will auch nicht, dass ich den Schaden meiner Versicherung melde.“

„Aber…. das ist doch prima. Dann kannst du sofort wegfahren?“

„Ehm – nein! Er will, dass ich ihm den Schaden jetzt gleich bezahle. In bar!“

„Was? Das gibt’s doch gar nicht. Wie sollst du das denn machen? Wieviel will er denn haben?“

„Zwanzig Tausend Euro. Es ist ein nagelneuer Mercedes, und die ganze Stoßstange ist kaputt.“

„Zwanzig Tausend! Hm, aber deine Bank hat doch bestimmt einen Notdienst. Du rufst da einfach an, die erhöhen dein Tageslimit, und du hebst das Geld am nächsten Bankomat ab. Solange muss der Mann eben warten.“

Stille. Dann:

„Mami! Du kennst dich aber gut aus!“

„Ich lebe ja nicht hinterm Mond. Als ich eine neue Waschmaschine brauchte und die über Kleinanzeigen gekauft habe, musste ich mein Limit auch kurzzeitig erhören.“

„Ah ja. Klar. Aber, Mami, leider geht das hier nicht so einfach.“ Stille… Hat er aufgelegt? Nein!

„Ich – habe gerade nicht soviel Geld auf dem Konto. Weißt du, meine Frau hat mich erst kürzlich verlassen. Sie hat das ganze Geld bekommen und alles mit genommen. Die Möbel, meinen Computer. Ich muss sogar aus der Wohnung raus, weil ich die nicht mehr zahlen kann.“

„Justus, das ist ja schrecklich. WIllst du bei mir einziehen, als Interimslösung?“

„Als was? Nein, Mami. Ich habe meine Arbeit hier in Hamburg. Ich komm schon klar. Aber – könntest du mir die Zwanzigtausend leihen? Gleich jetzt? Du weißt ja, wie das geht, mit dem Limit und so. Ich zahle dir alles zurück, in Raten. Ich hab nen guten Job. Ich verdiene 3 Tausend Euro im Monat.“

„Nicht mehr? Als Jurist?“

„Ehm – jaaa. Ich…. bin als Juniorpartner in eine Kanzlei eingestiegen. Da bekommst du noch nicht so viel, am Anfang. Aber deshalb ist es auch so wichtig, dass ich die Sache ohne Aufhebens regele. Sonst kostet mich das meinen Job. Und bei dem Unterhalt, den meine Frau von mir will…“

„Hast du denn auch ein Kind?“

„Nein Mami. Leider nicht. Kannst du mir das Geld jetzt besorgen?“

„Ach Justus, für dich tu ich doch alles. Aber ich brauche ein bisschen Zeit.“

„Kein Problem. Danke, Mami! Sagen wir in einer halben Stunde?“

„Was? Das ist aber kurzfristig.“

„Ja, aber der Typ ist wirklich richtig unheimlich.“

„Na gut, ich tue, was ich kann. Dann bist du in einer halben Stunde hier bei mir? Die Adresse kennst du ja.“

„Ehm – nein, Mami. Der Typ traut mir nicht. Er sagt, er schickt dir einen Boten. Sobald der das Geld hat, unterschreibt er eine Verzichtserklärung und lässt mich weiterfahren. Dann komme ich gleich zu dir! Dann gehen wir schick essen!“

„Ich denke, du bist pleite? Lass mal, ich koch uns was Feines. Aber wie erkenne ich den Mann, der das Geld abholt? Es könnte schließlich auch ein Betrüger sein.“

„Er wird sagen: ich komme von deinem Sohn Justus.“

„Alles klar. Dann rufe ich dich gleich an, sobald ich das Geld übergeben habe. Ich sehe hier im Telefon aber keine Nummer. Gibst du sie mir?“

„Nicht nötig, Mami. Ich rufe dich in 45 Minuten wieder an. Dann müsste alles über die Bühne gegangen sein. Und dann kann ich dir auch gleich sagen, wann genau ich bei dir sein werde. Endlich wieder!“

„Gut, mein Sohn. Ich besorge das Geld. Ich freue mich, dich wiederzusehen.“

+Und ich mich erst, Mami!“

Die nächste halbe Stunde ist hektisch. Aber schließlich hat Agatha alles organisiert wie geplant. Da klingelt es auch schon an ihrer Wohnungstür. Ein Mann mittleren Alters, mit schütterem Haar, dunkler Kleidung und schwarzen Turnschuhen, steht vor ihr. „Das Geld?“, füstert er.

„Habe ich hier. Kommen Sie doch rein“, und Agatha zieht den Widerstrebenden in den Hausflur. Blitzschnell schlägt sie die Tür zu. Mit einer fließenden Bewegung holt sie einen Baseballschläger hinter dem Wintermantel an der Garderobe hervor und zieht ihn dem Mann über den Schädel. Durch die Baseballkappe hindurch ist ein Knirschen zu hören, und einen Moment lang denkt Agatha, dass sie vielleicht zu heftig zugeschlagen hat. Aber als sie ihn mit doppelseitigem Klebeband Arme und Beine verschnürt, stöhnt er leise.

„Guten Abend, Justus. Schön, dich zu sehen.“

„Ich bin nicht Justus. Mach mich los, oder ich zeig dich an.“

„Das glaube ich. Und glaube es nicht. Also ich weiß, dass du nicht mein Sohn Justus bist. Der ist vor 10 Jahren, 5 Wochen und drei Tagen bei einem Autounfall gestorben. Das konnten Sie natürlich nicht wissen, aber es war makaber, mir ausgerechnet die Story von einem Autounfall aufzutischen.“

„Was willst du von mir, du alte Schlampe? Wenn ich nicht in 10 Minuten bei meinen Kumpels bin, dann bist du dran. Und die sind nicht zimperlich, sage ich dir.“

„Und mir sagt etwas, dass Sie diese Betrugsmasche alleine durchziehen. Das hat zumindest der Polizeibeamte in „Vorsicht Falle“ gesagt, Und der wird es ja wissen. Aber jetzt seien Sie mal stll und hören mir gut zu: Wenn Sie tun, was ich sage, passiert Ihnen nichts weiter, und ich lasse Sie irgendwann wieder laufen. Ohne zur Polizei zu gehen. Wenn nicht….“ sie deutet mit dem Kinn auf den Baseballschläger, der direkt nebem dem Betrüger liegt.

„Ok“, stöhnt dieser. „Was soll ich tun?“

„Erstmal setzen wir uns ins Wohnzimmer, und ich erzähle Ihnen von meinem Sohn Justus. Dann sehen wir weiter.“

Im Laufe der nächsten Stunden wird Agatha allerdings klar, dass dieser Typ zu hartgesotten ist, um sich auf ihren Deal einzulassen. Sobald sie ihn freilässt, wird er über sie herfallen. Und Agatha weiß genau, dass sie als 80-Jährige gegen ihn keine Chance hat.

„Ach ja, schade“, seufzt sie. Geht in den Flur, holt den Beaseballschläger und drischt ihn mit aller Kraft gegen die Schläfe des Betrügers.

Dann ruft sie die Polizei.

Zunächst sind sich alle einig, dass Agatha in Notwehr gehandelt hat. Aber dann verstrickt sie sich in Widersprüche. Sie kommt in Untersuchungshaft, mindestens so lange, bis der Mann im Krankenhaus vernehmungsfähig ist. Aber das kann dauern.

Auf diese Weise verbringt Agatha ein abwechslungsreiches Weihnachtsfest. Denn die Beamtinnen und Beamten mögen die resolute alte Dame, die den Betrüger mit dem „Enkeltrick“ zur Strecke gebracht hat, und verwöhnen sie mit allerlei gutem Essen, Kartenspielen und Gesprächen.

Als der Betrüger endlich aussagt, gibt er zu Protokoll, sich an nichts erinnern zu können. Er weiß, dass er ins Gefängnis kommen wird. Und wenn er eine nette alte Dame hat, die ihn ab und zu besucht, auch, wenn sie ihn Justus nennt, dann steigert das sein Ansehen bei den Mithäftlingen.

MiniKrimi Adventskalender am 17. Dezember


Im Auge des Bösen

von Patrick Woywod

(…) Als Nico und Chris gehen wollten, kam ihnen ein Arzt entgegen. Mike, Nicos ungeliebter Bruder. „Nico, gut, dass du noch hier bist. Eine Schwester hat das hier gerade im Mülleimer im Zimmer der jungen Patientin gefunden. Die Reste der Substanz, die da mal drin war, haben wir bereits in unser Labor gegeben. Aber wir dachten, der Beutel wäre hilfreich – wegen Fingerabdrücken. Es ist ein neuartiges Gift. Die versuchen gerade fieberhaft, die Zusammensetzung heraus zu finden. Ich hoffe, dass wir bald ein Ergebnis haben und ein Gegenmittel herstellen können. Sonst sieht es schlecht aus für Yuki“, sagte Mike. „Bist ja doch ein schlaues Köpfchen und nicht nur der sture Arzt, wie unser Vater“, grinste Nico den Bruder an. „Sehr witzig“, entgegnete dieser und ging weiter.

„Manchmal bist du echt fies zu Mike“, sagte Chris grinsend und ging zur Tür von Yukis Zimmer. „Sie dürfen da nicht rein“, rief eine Schwester hinter Ihnen. „Tschuldigung“, sagte Nico, und die beiden gingen Richtung Ausgang, wo der Polizeipräsident auf sie wartete. „Das ist ja ne echte Sch… Situation. Sie wissen nicht, was das für ein Gift ist, das man ihr verabreicht hat, und das sieht nicht gut aus. Aber immerhin haben wir ein Beweisstück. Vielleicht finden unsere Jungs da Fingerabdrücke dran“, sagte Chris sichtlich bedrückt. „Verdammt, wir dürfen sie auf keinen Fall verlieren. Wir können nur hoffen, dass sie überlebt. Es wird Polizeischutz vor Ihrem Zimmer abgestellt“, sagte der Präsident und schaute gen Himmel, als erwarte er von dort irgendwie Hilfe.

„Ich werde mir jetzt erst mal Spike vorknöpfen“, knurrte Chris und ging Richtung Auto. „Warte ich komme mit“, rief Nico und lief hinterher. Doch selbst nach stundenlangem Verhör waren sie keinen Schritt weitergekommen. Spike sagte rein gar nichts. Auch Yukis Zustand verschlechterte sich zunehmend, und das machte allen große Sorge. Das Gift hatte sich unerkannt bereits im ganzen Körper ausgebreitet. Da fiel Chris durch Zufall ein kleines Notizbuch in die Hände, als er sein Auto ausräumte. Die Handschrift war eindeutig die von Yuki. Es musste ihr aus der Tasche gefallen sein, als sie das erste Mal bei ihm mitgefahren war. Das Büchlein war randvoll mit komplizierten chemischen Formeln, und in Chris keimte ein Verdacht auf. Er hatte das Buch nämlich schon mal in den Händen von Spike gesehen. Er raste mit dem Buch zum Krankenhaus. Er informierte Mike von unterwegs, und als er ankam, stand dieser schon da und nahm das Notizbuch in Empfang. Mit diesen Eintragungen, so hoffte Mike, konnten sie das Gift identifizieren und ein Gegenmittel herstellen. Ein erster Hoffnungsschimmer nach Tagen des Bangens!

Nico und Chris nahmen daraufhin nochmals Spike in die Mangel und konfrontierten ihn mit dem Notizbuch. Da brach er zusammen, und endlich redete er. Wie es schien, war alles von Anfang an geplant. Eigentlich hatte nur ein Mensch sterben sollen, und zwar Yuki, als Rache an ihrem Großvater. Und zwar schon vor 16 Jahren! Damals war sie noch ein Kind. Der Anschlag ging schief. Und jetzt, 16 Jahre später, der zweite Versuch. Diesmal mit einer von Yuki selbst entwickelten Waffe. Genial, denn man hätte erstmal vermutet, dass sie sich selbst beim Experimentieren getötet hat. Nach dem Anschlag verstreute sich die Bande in alle Winde. Nur Spike wurde gefasst.

Nachdem das Gegengift gefunden und verabreicht worden war, verbesserte sich Yukis Zustand allmählich. Auf dem Rückweg zum Revier sprach Chris aus, was ihn die ganze Zeit schon bewegte: „Eines verstehe ich immer noch nicht. Wie kommt Yuki darauf, so ein Gift zu entwickeln.“ „Gute Frage“, antwortete Nico. „Sie ist schon weitaus weiter in Ihrer Entwicklung, als man denkt. Ich habe mal gehört, dass sie eine IQ von über 200 haben soll. Sie soll auch schon mit 14 Jahren einen Studienplatz bekommen haben. Medizin. Ihr Schwerpunkt war Tropenmedizin. Wer weiß, was sie mit dem Gift wirklich anfangen wollte? Aber das mit der Rache sollten wir noch mal klären. Was ist vor 16 Jahren passiert, und warum sollte sie sterben? Und vor allem: warum hat sie das Gift entwickelt, mit dem die Bande sie dann töten wollte? War das auch ein Teil ihres Plans? Wollte sie sich selbst umbringen? Das scheint mir als Racheakt doch sehr heftig. Ich will das auf jeden Fall wissen, ich mag Yuki nämlich wirklich sehr“, sagte Nico. „Nicht nur du. Für mich ist sie auch wie eine kleine Schwester geworden. Ich fühle mich für sie verantwortlich. Daher sollten wir echt sehen, dass wir diesen Fall zu Ende bringen“, knurrte Chris und krampfte die Hände ums Lenkrad. Nico spürte die Anspannung in seinem Partner. Sie kannten sich schließlich schon seit der Oberstufe.

Im Revier angekommen, kam ihnen gleich Darian entgegen. „Schlechte Neuigkeiten! Spike konnte mit Hilfe seiner Komplizen auf den Weg in die JVA fliehen. Es sind schon Beamte auf den Weg ins Krankenhaus. Was immer es ist, die haben was Großes vor“, sagte er. Nico und Chris blieben wie angewurzelt stehen und schauten sich an. Keine 2 Minuten später saßen sie wieder im Auto und jagten mit Blaulicht Richtung Krankenhaus. Dort herrschte ein heilloses Durcheinander. „Was ist passiert?“ fragte Chris eine Krankenschwester. „Auf der Intensivstation wurde geschossen. Es gibt mehrere Verletzte, 3 Schwestern, ein Arzt und 2 Polizisten. Die Männer haben sich im Zimmer der Giftpatientin verschanzt. Wenn nicht schnell was passiert, stirbt die junge Dame!“, antwortete die Schwester in heller Panik.

„Das wird nicht passieren“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter Ihnen. Es war der Polizeipräsident. Und er hatte das SEK gleich mitgebracht. „Wir holen sie da raus, und zwar lebend“, rief er. Und dann, zu Nico und Chris gewandt: „Ich weiß, wie ihr euch fühlt, aber leider muss ich euch von dieser Sache abziehen. Ihr seid emotional zu sehr belastet. Auch ich werde mich raushalten müssen, da ich familiär involviert bin“, sage der Polizeipräsident und schaute die beiden eindringlich an. „Wie meinen Sie das?“ fragte Chris verdutzt. „Yuki ist meine Enkelin. Wenn sie stirbt, wird das große Konsequenzen für die Täter haben. Wir werden auf keinen Fall dulden, dass sie ungeschoren davonkommen. Keiner hat das Recht, einfach so einen Mordversuch zu begehen. Und das hier ist jetzt vielleicht schon der zweite“, sagte der Präsident in die Runde.

Chris musste sich zügeln, um nicht gleich in Yukis Zimmer zu rennen, und Nico fluchte unverständlich vor sich hin. „Sie ist euch echt ans Herz gewachsen, wie?“ fragte der Polizeipräsident „Anfangs war ich nicht gerade begeistert von Ihrem Auftrag, Babysitter für ein junges Mädchen spielen zu müssen. Aber mittlerweile ist sie wie die kleine Schwester, die ich nie hatte. Ich werde keinem verzeihen, der ihr auch nur ansatzweise schadet“, grummelte Chris und setze sich in den Einsatzwagen. „Wir hätten besser auf sie aufpassen sollen. Das wäre nie geschehen, wenn sie uns gleich reinen Wein eingeschenkt hätte. Selbst, wenn sie das Gift entwickelt hat – als sie merkte, dass ausgerechnet Spike, ihr Freund, damit ein Attentat vorhatte, hätte sie uns informieren müssen. Aber sie wollte ja unbedingt noch weitere Beweise sammeln. Herrgott, was haben wir nur falsch gemacht!“, fluchte Nico.

„Aber nochmal: was ist vor 16 Jahren geschehen, dass Yuki damals schon sterben sollte?“ fragte Chris unvermittelt. Man sah dem Polizeipräsidenten an, wie schwer es ihm fiel, darüber zu sprechen. Schließlich sagte er: „Vor fast 21 Jahren kam es zu einer Schießerei zwischen der Polizei und einem Drogendealerring. Dabei wurde ein 3-jähriges Mädchen erschossen. Die Leute, die entkamen, darunter der Vater der Kleinen, schworen Rache. Sie fanden schnell heraus, dass ich eine Enkeltochter im gleichen Alter wie das getötete Mädchen habe. Yuki sollte entführt und zum Schein sollte Lösegeld gefordert werden, aber meine Enkelin wäre auf jeden Fall gestorben. Aber da Yuki bei der Geiselnahme dann fliehen konnten, erschossen sie kurzerhand Ihre Eltern, meine Tochter und meinen Schwiegersohn. Yuki bekam eine neue Identität und lebte bei meiner Schwester. Alles schien vergessen.

Zehn Jahre später kam Spike zu uns in die Sondereinheit, er war damals sechzehn. Keiner ahnte, dass er was mit der ganzen Sache zu tun hatte. Er war einfach ein aufgeweckter, interessierter Junge. Er war der Bruder des getöteten Mädchens. Sein Vater hatte ihn intensiv darauf vorbereitet, die zweite Racheaktion als Maulwurf zu planen.

Ich hätte es merken müssen. Aber er war mein Vertrauter. Es war also meine Schuld“, sagte der Polizeipräsident. „Aber warum wollten die sich ausgerechnet an Ihnen rächen?“, fragte Nico. „Ganz einfach: Die Kugel, die das Kind getroffen und getötet hat, war aus meiner Dienstwaffe. Das ergab die Ballistik. Verdammt, ich habe meine Familie in einen Krieg reingezogen, in dem alle nur verlieren können“, sagte der Polizeipräsident und ballte die Hände zu Fäusten. Nico und Chris schauten sich an und fasste sofort denselben Entschluss. „Lassen Sie uns von nun an Yuki beschützen. Wir werden nicht zulassen, dass ihr noch einmal jemand so nahekommen kann. Das ganze Team wird hinter ihr stehen und alles tun, damit sowas nicht noch einmal passiert“, sagte Chris mit entschlossener Stimme.

„So, Gefahr gebannt, fürs erste“, sagte Shadow, der Leiter des SEK, und schob einen fluchenden Spike vor sich her. Nach und nach kamen auch die anderen Jungs mit den Gefangenen nach draußen. „Wie geht es Yuki? Ist sie in Sicherheit?“ fragte Chris. „Unserer Prinzessin geht es gut. Die Ärzte kümmern sich um sie. Macht euch keine Sorgen. Aber lasst sie von jetzt an nie mehr aus den Augen.“

Wie recht er hatte. Noch ahnte niemand, dass die Festnahme von Spike und seinen Jungs noch lange nicht das Ende des Albtraums war.

Im Krankenzimmer saß Yuki aufrecht in ihrem Bett. Dafür, dass sie gerade einem Anschlag entkommen war, sah sie erstaundlich gut aus. „Du hast wirklich das Zeug zu einer 1A Agentin, sagte Nico bewundern. „Das hat sie von mir“, versuchte der Polizeipräsident, die Situation mit einem Scherz aufzulockern.

Ach, ich weiß nicht. Nach all dem Ärger, den ich euch verursacht habe, würde mich doch kein Ausbilder hier mehr nehmen“, sagte Yuki. „Mach dir keinen Kopf. Du bist weitaus stärker, als diese Jungs es sich vorstellen können. Ich meine, du hast in deinem Leben bisher mehr durchgemacht als einer von uns. Es ist erstaunlich, dass du noch so energiegeladen durch die Gegend laufen kannst. Ich meine, machen wir uns nix vor. Als Kleinkind bist du nur knapp einer Entführung entronnen. Und jetzt haben die versucht, dich mit deinem eigenen Gift zu töten. Was mich allerdings immer noch verwirrt. Wie kann man so ein Gift entwickeln? Schielst du vielleicht schon auf den Nobelpreis? Wie auch immer, ich schweife ab. Jeder im Team respektiert dich für das, was du jetzt bist, eine starke und zielstrebige junge Frau. Wir werde dich beschützen, egal, was kommt. Das haben wir alle geschworen“, sagte Nico und hob Yukis Kopf an. „Denk immer daran, für Chris und mich bist du wie eine Schwester. Und wir lassen selten zu, dass Familienmitgliedern was passiert.“

„ Also was die Verwirrungbezüglich des Giftes angeht. Das hat eine ganz einfache Erklärung. Ursprünglich wollte ich ja Ärztin werden. Das Gift war meine Doktorarbeit. Ich denke, dass meine gesammelten rfahrungen uns in schwierigen Situationen weiterhelfen können.“

„Abgemacht“, sagte Nico und reichte ihr die Hand. Keiner ahnte zu diesem Zeitpunkt, wie spielentscheidend Yukis Erfahrungen noch sein würden.

Eine Woche verging, in denen Nico, Chris und ihr Team sämtliche Unterlagen, die mit dem Einsatz vor 16 Jahren und den aktuellen Geschehnissen in Zusammen standen, sammelten und ordneten. Dann entwickelten sie ihren Plan, um den Chef des Drogendealerrings endgültig unschädlich zu machen. An einem sonnigen Morgen standen sie vor dem Haus des Polizeipräsidenten. „Yuki, bist du bereit? Jetzt können wir dich und deine Fähigkeiten brauchen.“ Keine 5 Minuten später saß sie mit Nico, Chris und den anderen im Einsatzbus und raste Richtung Norden. Auf Ihrem Schoß lagen die Unterlagen zum Einsatz. Sie starrte darauf, ohne etwas zu erkennen. Ihr Blick ging zurück in die Vergangenheit. Sie kannte den Ort, an den sie fuhren, aus ihrer Kindheit. Einer Kindheit vor den schrecklichen Ereignissen. „Also, was genau müssen wir tun?“ fragte sie in die Runde.

„Das ganze Gebäude wurde mit TNT gespickt. Wir sollen die Bombenentschärfer begleiten, damit eventuelle Angreifer sie nicht verletzen. Gott, wie sind die nur an soviel Sprengstoff rangekommen?“ Chris schaute aus dem Fenster. Er freute sich nicht auf die Stunden, die vor ihnen lagen. (…)

Patrick Woywod hat aus dem Nichts und ohne vorherige Erfahrung bereits drei Anthologien herausgebracht, um einen Gnadenhof in seinem Heimatort zu retten. Viele Mörderische Schwestern haben dafür Geschichten gespendet.

Patrikck liegt gerade im Krankenhaus. Schreibt einen Kommentar unter den Auszug aus seinem Thriller „Im Auge des Bösen“, den er in einer der nächsten Anthologien veröffentlichen wird. Er freut sich sicher darüber. Gute Besserung, Patrick!

MiniKrimi Adventskalender am 16. Dezember


Tödliche Erinnerung/II

Lucia

Lucia ist überwältigt. Von der letzten Nacht, davon, wie einfach ihr mit heißer Nadel gestrickter Plan funktioniert hat – und von ihren Gefühlen. Die letzten 2 Wochen waren ein ständiges Auf und Ab, ein Hin und Her zwischen Verzweiflung, Angst und dem unstillbaren Hunger nach Rache. Dieser Hunger hat sich durch ihr Herz gefressen, bis er ihr Denken beherrschte. Rache. Vergeltung. Auge um Auge. Dieses Gefühl ist neu für Lucia, und sie staunt über sich selbst. Darüber, zu wieviel Hass sie fähig ist und darüber, wie präzise sie diese Aktion geplant und umgesetzt hat.

Aber vielleicht ist das so, wenn dein ganzes Leben plötzlich wie ein Kartenhaus über dir zusammenfällt, wenn nichts mehr ist, wie es war, wenn du alles verlierst, was dir Halt gegeben hat.

Lucias Leben ist in geregelten Bahnen verlaufen. Sie hat die Abwesenheit eines Vaters nie als schmerzhaft empfungen. Laura, ihre Mutter, und die Großeltern Angela und Pietro waren immer für sie da, liebevoll und fürsorglich. In den 1980ern durchlebten die Frauen in Italien eine Welle der Emanzipation, zumindest gefühlt. Eine „ragazza madre“ zu sein, eine ledige Mutter, war kein Makel, sondern ein Zeichen von Stärke. Jedenfalls in den Kreisen, in denen Laura sich bewegte. Als Lucia in den Kindergarten kam, fing Laura wieder an, als Anästhesistin in einer großen Klinik in Florenz zu arbeiten. Ihre Tochter blieb bei den „nonni“ – auch das war durchaus üblich. Die Familie war groß, Lucia hatte genug Cousins und Cousinen, Freundinnen und Freunde. Sie war beliebt, auch in der Schule und später an der Uni.

Ihr Leben was das eines normales italienischen Mädchens, später einer jungen Frau, des italianischen Bürgertums. Gut behütet und dann nach und nach immer mehr den eigenen Regeln folgend. Der Kontakt zur Mutter blieb eng, aber beiläufig. Jede lebte ihr Leben.

Bis zu jenem Freitag vor 2 Wochen. DIe Großmutter rief Lucia an, mitten im Unterricht. Lucia lehrt Italienisch für Ausländer an einer internationalen Sprachenschule in Siena. „Nonna, was ist passiert?“ Es musste etwas Schlimmes sein. Sonst hätte Angela sie nicht bei der Arbeit gestört.

„Es ist Laura. Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Nein, sie wurde rechtzeitig gefunden! SIe liegt jetzt im Krankenhaus. Aber ich glaube, es wäre gut, wenn du kämest. Ach ja, und schau nicht in die Online Nachrichten, kauf keine Zeitung,“

Lucia fuhr sofort los, und natürlich scannte sie die Online-Nachrichten auf ihrem Smartphone. „Schon wieder ein Fall von gefälschter Approbation. Florentiner Ärztin mit sofortiger Wirkung entlassen. Laura C. droht eine saftige Freiheitsstrafe“, titelten bereits die „cronache nere“, die Boulevardblätter. Das Foto ihrer Mutter war alt, sicher hatte ein missgünstiger Kollege es gleich der Presse verkauft. Aber Laura war deutlich zu erkennen.

Im Krankenhaus erfuhr Lucia, dass ihre Mutter sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Mit zwei senkrechten Schnitten. Sie hatte es also ernst gemeint. Wenn Angela nicht zufällig vorbeigekommen wäre, wäre Laura jetzt tot. Lucia sah ihre Mutter an, blass, an Schläuche angeschlossen. Sie sah aus wie eine Fremde. Sie WAR eine Fremde. Oder eben eine andere, als sie ihre Tochter in immerhin 40 Jahren hatte glauben lassen. Laura war unruhig. SIe murmelte Unverständliches. Und dann, plötzlich, klar und deutlich: „Lukas.“

Lucia fuhr nicht zurück nach Siena, sondern übernachtete in der Wohnung ihrer Mutter. In den Räumen ihrer Kindheit. Aber auch hier kam ihr plötzlich alles fremd vor. Und sie wusste: sie musste dem Geheimnis ihrer Mutter auf die Spur kommen, wenn sie selbst jemals wieder frei atmen und unbeschwert leben wollte. Sie musste verstehen, warum ihre Mutter mit gefälschten Papieren über 30 Jahre lang als Ärztin gearbeitet hatte. Und – sie musste endlich wissen, wer ihr Vater war. Lucia hatte das Gefühl, dass die Antwort auf beide Fragen ein und dieselbe sein würde.

Sie durchsuchte die Wohnung. Sie fand Lauras Tagebuch. Sie las die ganze Nacht und den halben Morgen hindurch. Bis es Zeit war, wieder ins Krankenhaus zu fahren. Am Bett ihrer Mutter nahm sie die immer noch bleiche Hand, küsste sie, strich über Lauras graue Locken und flüsterte: „Adesso so tutto, mamma.“ Jetzt weiß ich alles, Mamma. „E lui pagherà.“ Und er wird bezahlen.

Der Rest ist ein Kinderspiel gewesen. Laura hatte alle Einladungen zu den Treffen der Tedeschi aufgehoben. Dass das nächste genau zwei Wochen später in Marina di Pisa stattfinden würde, hat Lucia als Wink des Schicksals gesehen.

Es war so einfach. Ihr Auftritt im Lokal. Lukas, der sich sofort in sie verliebt hatte – Lucia sieht ihrer Mutter sehr ähnlich, und an diesem Nachmittag unterstrich sie die Ähnlichkeit noch. Gleiches Makeup, gleiche Frisur. Gleicher Kleidungsstil. Sie war erstaunt, dass Lukas‘ Freundin ihr so gar nichts entgegengesetzt hatte. Aber um so besser.

Nur dass Ingo sich an sie drangehängt hat, das hat Lucia nicht geplant. Andererseits – in den Aufzeichnungen ihrer Mutter steht, dass er damals mitgemacht hatte. Wenn schon Rache, dann am besten gleich als Rundumschlag.

Sie fuhren an eine einsame Stelle am Strand, die Lukas noch von damals kannte. Sie hatten Prosecco dabei. Und Lucia dazu noch Rohypnol. Zahn um Zahn. Bei Lukas setzte die Wirkung sehr schnell ein. Bei Ingo leider nicht. Er merkte, dass etwas nicht stimmte. „Ich rufe die Carabinieri“, sagte er. Da konnte Lucia nicht anders. Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Proseccoflasche. Dann schleppte sie Lukas, der gerade noch stolpern konnte, über den Strand zu einer versteckten Grotte. DER Grotte, in der er vor 40 Jahren gemeinsam mit seinen Freunden Laura vergewaltigt hatte, nachdem er sie mit Rohypnol betäubt hatte.

Das ist jetzt 5 Stunden her. Lukas schläft immer noch, wird aber langsam unruhig. Als es hell wurde, ist sie, weil Lukas noch schlief, an den Strand gelaufen. Von Ingo keine Spur! Das heißt, dass sie sich beeilen muss mit dem, was sie noch vorhat, bevor Ingo Hilfe holt. Wenn er sich an irgendwas erinnert.

Später hat Lucia in ihrem Versteck in der Grotte Sirenen gehört. Carabinieri und eine Ambulanz. Sie fuhren Richtung Tirrenia. Aber danach ist kein Wagen mit Sirene zurückgefahren. Haben sie Ingo gefunden? Dann müssten sie ihn ins Krankenhaus gefahren haben. Oder ist er tot?

Lukas wird unruhig. „Was? Wo?“ fragt er. Und bemerkt, dass er sich nicht bewegen kann. Lucia hat ihn mit Kabelbindern an Knöcheln und Handgelenken gefesselt.

„Ciao Lukas. Oder soll ich sagen Papà?“ „Wie? Wer?“ Lukas ist noch benommen. Aber er wird schon wach werden, wenn sie ihm Lauras Tagebuch vorliest.

…..

Inzwischen ist es Spätnachmittag. Lucia klappt das Tagebuch zu. Lukas ist wach. Er war wütend, wollte schreien, da hat Lucia ihn geknebelt. Seit ein paar Stunden ist er einfach nur noch still. Ergeben? Er hat sich eingenässt. Es macht ihm nichts aus. Ist er immer noch so voller Arroganz?

„Du warst ihr Freund. Warum habt ihr sie mit Rohypnol betäubt? Warum hast du erlaubt, dass deine Freunde sie vergewaltigen? Warum hast du dich danach nicht mehr bei ihr gemeldet? Erst Jahre später? War es dir egal, dass du vielleicht eine Tochter hast?“

Jetzt stöhnt Lukas. Schüttelt den Kopf. Keine Tochter?

„Ah, du hattest damals schon eine Vasektomie machen lassen? Dann hast du meine Mutter also nur deshalb vergewaltigen lassen, weil du es konntest? Einfach so? Meine Mutter war von eurer Tat so aus der Bahn geworfen, dass sie ihr Studium nicht mehr aufnehmen konnte. Sie ist nach Südamerika gereist, hat sich dort bis zu meiner Geburt mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten und meinen Großeltern bei ihrer Rückkehr eine herzzerreißende Geschichte über einen reichen Brasilianer erzählt, der ihr alles Glück der Erde versprochen und sie dann hochschwanger verlassen hat. In Brasiien hat sie sich eine gefälschte Approbation besorgt und damit bist vor 2 Wochen gearbeitet. Dann ist sie aufgeflogen. Irgendein blödes Datenleck. Jetzt liegt sie nach einem Selbstmordversuch auf der Intensivstation. Und an all dem bist NUR du schuld.“

Lukas starrt sie an. Unverwandt. Und nickt. Nickt. Und zuckt die Schultern. Dreht den Kopf weg. Nicht sein Leben. Nicht sein Problem. Lucias Geschichte hat seine schönen romantischen Erinnerungen an die Zeit in Pisa zerstört. Das gefällt ihm nicht. Was will diese Frau von ihm? Er ist ganz bestimmt nicht schuld daran, dass ihre Mutter zu schwach war, einfach aufzustehen und weiterzugehen.

Lucia sieht ihm an, was er denkt. Sie nimmt einen Stein. Schlägt Lukas damit an die Schläfe. Als es dunkel geworden ist, schleppt sie ihn mit der Sackkarre an den Strand, Zur alten, gesperrten Mole. Ein Sturm ist aufgekommen. Kein Mensch ist zu sehen. Sie kippt ihn hinunter. Ins Meer. Wenn er rechtzeitig aufwacht, hat sie ein Problem. Aber sie geht nicht davon aus.

Danke euch allen für die vielen spannenden Tipps. Ich habe sie in den zweiten Teil des Thrillers eingearbeitet.

MiniKrimi Adventskalender am 15. Dezember


Mords-Malefiz (Auszug)

von Monika Nebel

Der Mann wird unruhig, wie soll er reagieren? Werden sie ihm abkaufen, dass er von nichts weiß?

Um ihn herum wird wild getanzt und gesungen. Heute haben die INNfernalischen einen beinahe lässigen Abend mit einem einzigen Auftritt vor sich. Ab morgen bis zum Ende der fünften Jahreszeit am Faschingsdienstag um 24 Uhr sieht es anders aus. Ein Termin jagt den nächsten, die 16 Tänzer und Tänzerinnen sind mit dem Bus quer durch die Dörfer rund um Wasserburg und Rosenheim unterwegs, begleitet von ihrem Team. Der Höhepunkt des Gardeauftritts ist der Tanz des Prinzenpaars Hubert II. und Luise I.

Doch nicht heute! In einer Stunde, so gegen 21 Uhr, werden die Trainerinnen, die Gardemajorin, die Hofmarschallinnen, der Präsident und vor allem der Prinz nervös werden. Und der Mann ahnt, was spätestens am nächsten Tag passieren wird: Ein Höllenfeuer wird bei den INNfernalischen ausbrechen. Entweder verschlingt es ihn selbst oder verbrennt zumindest seine Seele bis zur Unkenntlichkeit.

***

Am Sonntagmorgen gehen Maria und Johann Selbinger aus Griesstätt, dick eingemummelt in winterliche Kleidung, im nahe gelegenen Tal von Altenhohenau spazieren. Der Border Collie des Paars rast begeistert bellend den Inndamm entlang. Auf dem seit Wochen gefrorenen Boden liegt nun eine zarte Schicht Schnee. Der ist in der Nacht gefallen, in feinen Flocken nur, aber über ein paar Stunden. Ihr Auto parkt im Ort, die beiden haben den Weg oberhalb der Felder gewählt.

Das Paar hat Zeit, die Sonne scheint so schön, deshalb wandern sie bis zum nördlichsten Ende der Halbinsel, wo sich der Lambach dem kraftvoll dahinfließenden Inn anschließt. Dort erwartet sie ein wunderbares Panorama, das sie auf der Bank sitzend genießen: eisig wirkendes Wasser, glitzerndes Weiß an den Ästen, eine stille, friedliche Landschaft. Es ist nicht mehr weit bis Wasserburg, nur wenige Kilometer.

Zurück wählen sie einen anderen Weg. Bevor der Mann und die Frau den Wald betreten, leinen sie den Hund an, wie es im Naturschutzgebiet gefordert ist. Die Sonne blitzt durch die nackten Äste des Laubwaldes, ein Bach plätschert ein Stück parallel zum Weg. So kalt war es nicht, dass er ganz hätte zufrieren können. Sie folgen dem Weg und sehen bald darauf den Parkplatz für die Wanderer, auf dem aktuell nur ein Auto steht: ein eleganter blauer Mittelklassewagen, dessen Dach ebenfalls eine weiße Haube trägt.

Mit einem Mal bleibt ihr Hund stehen, sein Kopf in starr erhobener Haltung, er atmet heftiger, ein Zittern läuft über sein Fell. Sein Frauchen stutzt. So kennt sie das fröhliche Tier nicht.

»Ja, Cora, was ist denn los? Komm, geh weiter, gleich sind wir in der Sonne auf den Feldern, dann kannst du wieder von der Leine und sausen.«

Doch der Hund will nicht aus dem Wald, er wendet sich nach rechts und zieht Maria hinter sich her.

»Cora, jetzt bleib stehen!«, schimpft sie und stemmt sich mit den Füßen gegen die Zugrichtung in den Boden. Als sie verwundert ihren ungewohnt unfolgsamen Hund ansieht, bemerkt sie wenige Meter weiter einen farbigen Fleck zwischen den Bäumen. Ihr wird kalt, die Sonne scheint schwächer zu werden, die Welt etwas dunkler.

»Johann!«, sagt sie mit solch angespannter Stimme, dass ihr Mann neben sie tritt.

Gemeinsam starren sie in den Wald. Dort unter zierlichen jungen Ästen im unbelaubten Winterkleid, beinahe verborgen hinter einem kleinen Hügel liegt eine Frau. Ihr rot-schwarzes Kleid hebt sich vom Weiß der Umgebung deutlich ab, obwohl der Körper leicht von Schnee bedeckt ist. Die Spaziergänger werfen einander einen Blick zu, der verrät, wie die Situation sie verunsichert.

»Hallo?«, ruft Johann hinüber, erhält aber wie befürchtet keine Reaktion.

»Wer geht denn im Winter mit einem ärmellosen Kleid spazieren?«, fragt Maria ihren Mann irritiert, um sich selbst von dem Offensichtlichen abzulenken. Der bindet den neugierigen Hund an einem dicken Ast fest. Sie nähern sich mit einem unguten Gefühl. Seite an Seite, keiner mag zurückbleiben oder vorausgehen. So etwas sieht man sonst nur im Fernsehen oder liest darüber in Büchern. Und Maria mag keine Krimis oder Thriller.

Die Reglose hat einen Arm über ihren Augen liegen, als müsse sie sich vor der Sonne schützen, der andere ruht neben ihr im Schnee. Die Finger sind leicht nach innen gebogen. Um sie herum glitzert alles, bemerken die beiden Beobachter. Kommt es von den eisigen Kristallen auf ihrem schlanken Körper und auf dem Boden? Dasselbe Glitzern findet sich in ihrem brünetten Haar wieder, auf dem Kleid, sogar auf den roten Pumps, von denen sie nur noch einen trägt. Der andere liegt, wie willentlich abgestreift, neben dem schmalen Fuß. Sie scheint aus einer anderen Welt direkt in den bayerischen Schnee gefallen zu sein.

»Hallo, hören Sie uns?«, fragt Johann und kniet bei der Frau nieder. Er greift nach ihrer Hand und sieht seine Begleiterin unbehaglich an.

»Eiskalt!« Und einige Sekunden später fügt er ein wenig atemlos hinzu: »Kein Puls!«

Maria hat ihr Handy bereits gezückt und verständigt mühsam mit erstarrten Fingern den Notruf über den Fund der Leiche. Sie gibt ihrem Mann die Anweisung weiter, die sie von ihrem Telefonpartner erhalten hat, ihre Stimme bebt: »Wir sollen uns nicht bewegen, um keine Spuren zu zerstören.«

Sie reibt die Hände aneinander, wagt einen weiteren Blick auf die Frau im Schnee und schüttelt ungläubig den Kopf:

»Ist das ein Diadem, das sie trägt?«

Beide verharren wie angewiesen neben der Toten. Sie rühren sich nicht, bis die Einsatzkräfte eintreffen, obwohl sie frieren und der Hund winselt. Zwei Krankenwagen, ein Polizeieinsatzfahrzeug nähern sich, die Wartenden hören sie schon, als die Wagen die Straße von Wasserburg her den Laiminger Berg hinunterfahren. Nun biegen sie ab. Die Sirenen werden schwächer, weil sie hinter den Bauernhäusern verschwinden, dann wieder lauter, als sie den Weg zum Wanderparkplatz einschlagen. Glücklicherweise ist die Schneedecke dünn, sonst ist hier im Winter oft kein Durchkommen.

Zunächst steigen die Polizeibeamten und nur ein Sanitäter aus. Sie begrüßen Johann und Maria und treten vorsichtig zu der Toten.

Der eine Polizeibeamte pfeift durch die Zähne. »Die abgängige Prinzessin!«

Auf die fragenden Blicke der anderen hin erklärt er: »Sie sollte gestern auf einem Ball auftreten, die INNfernalischen und ihr Mann haben sie als vermisst gemeldet.«

»Und natürlich der Prinz«, kommt es vom Kollegen ein wenig spöttisch. Der Polizist versteht den Tonfall. Sie hatten neulich mit einer Streitschlichtung zwischen zwei hoheitlichen Konkurrentinnen um das schönere Diadem zu tun. Er seufzt.

»Ob der Prinz sie vermisst, weiß ich nicht. Im Fasching geht es manchmal höllisch zu. Auch unterm jeweiligen Hochadel der Saison gibt es sicher die ein oder andere Intrige.«

Mehr zu Monika Nebel gibt es hier: monika-nebl.defacebook.com/MonikaNeblAutorininstagram.com/monikanebl.autorin

Mords-Malefiz ist vor Weihnachten nur bei den Wasserburger Buchhandlungen und im eigenen Shop (https://www.eyedoo.biz/shop/Regionalkrimi) verfügbar.

MiniKrimi Adventskalender am 14. Dezember


dliche Erinnerung

„Hey Lukas, weißt du noch? Du hattest immer weiße Jeans an, knalleng, hat sich alles abgezeichnet. Und dazu mit Silber beschlagene Cowboystiefel.“ „Klar. Aber du hast meine Ray Ban vergessen. Die war übrigens reiner Selbstschutz. Wenn ich die während der Vorlesung abgesetzt hätte, wären die „ragazze“ beim Anblick meiner strahlend blauen Augen reihenweise in Ohnmacht gefallen.“

Lautes Gelächter, von einigen nicht ganz ernst gemeint. Es ist fünf Uhr nachmittags, die Terrasse der Strandbar „Da Micco“ bietet einen malerischen Ausblick auf die Marina, sanfte Wellen schaukeln Möwen und ein paar Tretboote. Der Himmel strahlt, die Sonne neigt sich zum Horizont und leckt schon himbeerrot am Meer. Von drinnen klingen die Lieder herüber, die in den späten 1970ern die Jukebox gefüllt haben: Battisti und Dalla, De André und Baglioni. Lukas hat extra einen Stick damit vorbereitet. Es soll alles so sein wie damals, als sie an der Università degli Studi in Pisa Medizin studiert haben. Es waren tolle Jahre, in jeder Hinsicht. Raus aus dem deutschen Mief, weit weg von den Eltern, Sonne, Meer, Espresso und Prosecco zum Abwinken. Und die „ragazze“! Die blonden Deutschen mit den dank Papa gut gefüllten Geldbörsen waren beliebt. Nicht nur bei den Mädels in den Bars und am Strand. Auch die – zugegeben wenigen – Kommilitoninnen ließen sich gerne auf die Studenten aus Heilbronn, Marburg oder Oberursel ein.

Ach ja. Tempus fugit, wie Lukas bei der Begrüßung sagte. Über 40 Jahre sind seitdem vergangen. Aber die Clique der „Tedeschi“ – den Namen hatten ihnen die italienischen Studenten gegeben, und sie hatten ihn gerne übernommen – hat sich nicht aus den Augen verloren. Alle 5 Jahre treffen sie sich in der Strandbar. Jetzt heißt sie „da Micco“, davor hieß sie „Queen“, „Miami“ und, in den späten 1990ern, „Stella Marina“. Die Zeit flieht, und die Reihen der Freunde werden lichter. Hermann hatte 1990 einen tödlichen Unfall mit seinem Ferrari. Andreas hatte Krebs – Bauchspeicheldrüse. Beim vorletzten Treffen war er noch dabei und siegessicher. Ein Chirurg wird doch die Oberhand behalten? Kurz danach kam dann die Todesanzeige. Franz hat das zweite Mal geheiratet, klassischerweise seine OP-Schwester, 30 Jahre jünger. Jetzt sitzt er mit den Zwillingen in der Villa am Bodensee, und sie macht Yogaurlaub. Mit einer Freundin…

Olli trägt Glatze und Bierbauch, Max ein Toupé. Nur Lukas sieht noch so aus wie früher. Zumindest auf den ersten Blick. Die gleichen weißen Jeans, Cowboystiefel, dazu eine freche Ray Ban. Die Haare flott gestylt und noch ziemlich üppig, die Zähne blendend weiß, keine Falte zu viel im Gesicht. Naja, Berufsehre. Lukas leitet die größte Praxis für Plastische Chirurgie in Mannheim. 5 angestellte Ärzt*innen, 15 Mitarbeitende. Er ist nur noch 2 Mal die Woche da, für die wichtigsten – und reichsten – Patientinnen und Patienten.

So sind sie diesmal also nur noch zu siebt. Lukas und Ingo, Olli, Wolfram mit seiner Frau Isa, die seinen Rollstuhl schiebt und ihm mit säuerlicher Miene den dritten Prosecco genehmigt, Peter, Fritz und Hajo. Alles arrivierte Ärzte. Fritz und Hugo engagieren sich ehrenamtlich in einer Klinik für Landminenopfer in Pakistan. Ingo hat seine unfallchirurgische Praxis seinem Sohn Heiko übergeben und segelt seitdem mit Freunden um die Welt. Freunde, Partner – heute ist das ja alles kein Thema mehr. Aber damals….

Außerdem sind bei den Treffen immer auch noch ein paar Italienerinnen dabei. Kommilitoninnen von damals. Freundinnen aus dem Dunstkreis der Tedeschi. Allegra, die Dolmetscherin, die Lukas‘ Doktorarbeit übersetzt hat, Francesca, die niedergelassene Dermatologin. Nur Laura fehlt. Natürlich.

Warum hat Lukas sie immer wieder eingeladen, obwohl sie nie gekommen ist? Pflichtbewusstsein? Alte Zeiten? Oder ein schlechtes Gewissen? Er hat den anderen nie von der Einladung an Laura erzählt. Hermann und Ingo wären dann auf keinen Fall gekommen. Wolfram? Der schon. Kann ja alleine keine Entscheidungen mehr treffen, und Isa liebt diese Auszeit an der toskanischen Küste. Und Olli – der kann sich wahrscheinlich gar nicht mehr an Laura erinnern. Kam ja erst vier Semester später dazu.

Inzwischen sind sie beim 4. oder 5. Negroni, Lukas hat das Zählen aufgegeben, und auch Mavi, seine aktuelle Lebensgefährtin, genießt die „dolce vita“ in vollen Zügen. Detox und Pilates waren gestern und stehen morgen wieder auf dem Plan. Heute wird gefeiert. Lukas‘ Freunde sind gar nicht so öde, wie sie befürchtet hatte. Witzig, charmant und auf eine altertümliche Weise liebenswert. Ingo hat ihr den Stuhl zurechtgerückt. Fritz füllt ihr Glas regelmäßig nach, und Hugo erzählt ihr mit glänzenden Augen von den Frauen, denen sie mit einer Prothese das Leben erleichtert haben. Klingt heldenhaft. Vielleicht fährt sie mal mit. Aber wahrscheinlich legt sich ihre Begeisterung für dieses Projekt, wenn der Prosecco verflogen ist.

Da geht die Terrassentür auf, und eine junge Frau steht vor ihnen. Im langen, weiten weißen Leinenkleid, Goldkettchen um die schmale Fessel, weiße Sandalen. Lange schwarze Locken fallen auf braune Arme. Ihre Augen so groß, ihr Mund so rot.

Lukas lässt das Glas mit seinem Negroni fallen. Klirren. Stille. Hugo, ganz Mann von Welt, geht auf die junge Frau zu. „Signora, suchen Sie jemanden? Das ist eine geschlossene Gesellschaft…“ Aber Lukas sieht und hört, dass auch Hugo die Frau erkannt hat. Laura. Sie sieht aus wie Laura. Aber das kann nicht sein. Laura ist heute Ende fünfzig. Und die Frau vor ihnen? In den Dreißigern. Oder so.

„Scusi, entschuldigen Sie. Ich habe von draußen meine Lieblingsmusik gehört. Ich musste einfach reinkommen. Aber ich gehe gleich wieder. Ich wollte sie nicht stören.“

„Ma no! Nein, bitte. Bleiben Sie. Was möchten Sie trinken? Einen Negroni?“

Mavi schaut zu, wie Lukas der Frau einen Platz anbietet, einen Negroni bringt, sich neben sie setzt und sich alsbald angeregt mit ihr unterhält. Das ist so typisch Lukas. Aber Mavi macht sich nichts mehr daraus. Auch streunende Hunde kehren irgendwann wieder zu ihrem Futternapf zurück. Und der ist bei Mavi immer gut gefüllt. Mit feinstem Essen, gutem Sex und einem offenen Ohr für all die Problemchen und Wehwehchen, die ein arrivierter plastischer Chirurg so hat.

Die Sonne geht unter, Mavi hat Kopfschmerzen. „Ich fahr schon mal ins Hotel“, sagt sie. Lukas nickt abwesend. „Ich komm bald nach. Nimm ruhig das Auto, aber fahr langsam. Ingo nimmt mich mit.“ Ingo ist im gleichen Hotel abgestiegen. Die beiden sltzen links und rechts von der Italienerin, Lucia heißt sie. Reden, lachen, sind betört davon, dass eine schöne Frau ihnen zuhört, mit großen Augen und strahlendem Lächeln. Er wirkt immer noch, ihr Charme. Und warum auch nicht? Zwei erfolgreiche Männer, Ärzte aus Deutschland. Das war doch schon immer ein Freibrief, hier.

Am nächsten Morgen wacht Mavi alleine auf. Von Lukas keine Spur. Sie denkt sich nichts weiter und geht runter zum Frühstück. Dort trifft sie einen verkaterten Wolfram mit einer – wie immer – mürrisch dreinschauenden Isa. Peter, Olli, Fritz und Hajo kommen dazu. Lukas und Ingo sind nirgends zu sehen. Für den späteren Vormittag ist ein Besuch im Naturhistorischen Museum der Universität Pisa geplant. Francesca hat eine Führung organisiert. Mavi fährt bei Fritz und Hajo mit. Auch zum Mittagessen in der Osteria, die die Clique als Studenten zum Stammlokal auserkoren hatten, fehlen Lukas und Ingo.

Was tun? Ist das noch normal? Oder ist den beiden etwas zugestoßen? „Mavi, was sollen wir machen?“, fragt Isa. Denn die Männer sind unschlüssig. Typisch. „Keine Ahnung. Sowas ist eigentlich noch nie passiert. Aber sie sind ja zu zweit. Was soll schon sein?“, antwortet Mavi. Sie ist eher verärgert als besorgt. So eine Rücksichtslosigkeit. Sie sind über 60, nicht 20. Was denken sich die beiden eigentlich? Sie werden doch sicher nicht zusammen mit Lucia…? Ja, was?

Also zurück ins Hotel. Abwesend macht Mavi den Fernseher an. Sie versteht kaum Italienisch. Aber die Bilder sind deutlich genug. Eine männliche Leiche wurde angeschwemmt. Auf der Höhe von Tirrenia. Ohne Papiere. Mit einer Wunde am Kopf. Und 1,9 Promille im Blut. Ganz offensichtlich ist der Mann betrunken von einer Mole ins Meer gestürzt, hat sich dabei an den Steinen verletzt und ist dann ertrunken. Die Großaufnahme der Leiche zeigt – Ingo. (…)

So, meine Lieben. Das ist der erste Teil des Thrillers Tödliche Erinnerung. Übermorgen kommt der zweite Teil. ABER: ihr habt die Möglichkeit, einzugreifen. Was ist passiert? Wo ist Lukas? Und wie soll es weitergehen? Macht mit! Seid Ermittler*innen und Kriminalisten. Ich freue mich auf eure Tipps!

MiniKrimi Adventskalender am 13. Dezember


Tod in der Pfalz (Auszug)

von Tina S. Martin

„Tod in der Pfalz“ von Tina S. Martin

 Prolog                                                                                                   

Es war vollbracht.

Das Notwendige war getan.                                      

Sie würde kein weiteres Unheil in die Welt bringen. Die Welt würde es nicht danken, aber darauf kam es nicht an.

Entscheidend war das Gleichgewicht. Jetzt, wo es wiederhergestellt war, konnten Ruhe und Frieden einkehren.  Die Betrachtung des Werkes nahm Zeit in Anspruch. Es sollte eine angemessene Würdigung erfahren.  Der nackte Körper zierte den fein gemaserten Parkettboden.

Das einstmals schöne Gesicht war aufgedunsen und entstellt.

Die blasse Haut an Brüsten, Bauch und Oberschenkeln war von dunkelroten Linien durchzogen.

Weiß wie Schnee, rot wie Blut. Das Schwarz war mit der Seele ausgelöscht.                 

Schade, dass nach dem Tod nichts mehr kam. Für sie wäre die Hölle die passende Option gewesen.  Die Ermittler würden rätseln. Gab es ein sexuelles Motiv? Drohten weitere Morde? War ein Serienkiller unterwegs? Hatte das Muster etwas zu bedeuten? Warum lag eine Übertötung vor?                           

Schon bald würden sie der Spur folgen, die für sie gelegt worden war.

Freitag, 4. Mai

Der Mannheimer Maimarkt verzeichnete bei wolkenlosem Himmel und Temperaturen über dreißig Grad Besucherrekorde.

Für Maike Neuendorf war das Verfolgen des Reitturniers unter glühender Sonne ein echtes Opfer. Sie liebte Pflanzen, engagierte sich für den Umweltschutz und wanderte oder joggte gerne in der freien Natur. Zu haarigen Tieren jeglicher Art hatte sie jedoch ein gänzlich unromantisches Verhältnis. Sie aß kein Fleisch, aus gesundheitlichen Gründen und auch, weil sie das Schlachten und Quälen von Tieren grundsätzlich ablehnte. Auch das Springen mit Pferden über mannshohe Hindernisse hielt sie für vollkommen abwegig. Aber sie verspürte keine Sympathie für die Tiere.

Sie verstand ihre zahlreichen tierlieben Freundinnen nicht, die Hunde, Katzen und Pferde vergötterten und unbeschwert  Rinder, Schweine  und Hühner aßen.

Maike hatte das Turnier nur bruchstückhaft verfolgt; sie war überwiegend damit beschäftigt gewesen, den Kopf ihrer achtjährigen Tochter Sophie regelmäßig mit Wasser aus der Flasche zu benetzen, um einem Hitzschlag vorzubeugen.

Ärgerlich hielt sie Ausschau nach ihrem Mann, der sich wieder einmal erfolgreich abgesetzt hatte.

Sophie bestand darauf, als nächstes die Tierschau zu besuchen. Maike schauderte, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als mitzugehen.

In den Zelten staute sich die Luft und mischte sich mit den Ausdünstungen von Fell, Schweiß und Exkrementen.

Maike fühlte das Wasser in Bächen am Rücken hinunterlaufen. Sie hatte das Gefühl, zu ersticken. Ärgerlich  über die Reaktion ihres Körpers versuchte sie, die Anzeichen zu ignorieren. Wofür trainierte sie schließlich diszipliniert und achtete, seit sie erwachsen war, auf gesunde Ernährung?

Sicher nicht, um sich zu fühlen wie eine alternde Frau in den Wechseljahren. Der Gedanke erschreckte sie. Konnte es sein, dass dies die ersten Vorboten waren? Von wegen Vorboten, lästerte eine Stimme in ihr. Du bist schon mittendrin!

Sie wurde in der Menge von feuchten Leibern weiter geschoben. Verzweifelt versuchte sie, dem Druck standzuhalten.

Sophie betrachtete fasziniert eine Mutterziege, die ganz ruhig stand,  während ihre Kleinen aufgeregt um sie herum sprangen und sich immer wieder unter ihren Bauch schoben, um zu saugen.

Maike konnte ihre Unruhe kaum unterdrücken.  Wie süüüß, hörte sie Kinderstimmen rufen. Sophie starrte mit offenem Mund auf die Tiere; sie war der Welt außerhalb des Geheges entrückt. Als Maike ihre Tochter so glücklich sah,  erfüllte sie eine Welle der Zärtlichkeit. Die Opfer waren gering im Vergleich.

Eine Berührung an der Schulter riss sie aus ihren Gedanken.

Frank, ihr Mann, war endlich aufgetaucht. Er hatte sich von hinten genähert und schien ihr etwas mitteilen zu wollen. In dem Lärm der vielen Menschen verstand sie nichts. „Was sagst du?“

Er wiederholte es, aber sie verstand immer noch nicht.

Schließlich beugte er sich herunter und sprach direkt in ihr Ohr.

„Ich gehe.“

„Was soll das heißen?“

„Ich bin verabredet.“

Maike stöhnte. „Mit ihr?“

„Sie wartet am Ausgang auf mich.“ Frank legte seiner Frau eine Hand auf die Schulter. „Hör zu, es ist vorbei. Ich ziehe mit ihr zusammen.“

Was er sonst noch sagte, hörte Maike nicht mehr. Ein Dröhnen in ihrem Kopf schaltete alles andere aus. Verzweifelt suchte sie einen Halt.

Clara, dachte sie. Ich muss mit Clara reden.

 

Foto: Carol Alles

„Tod in der Pfalz“ von Tina S. Martin ist bei emons erschienen (Oktober 2023). Das Buch ist beim Verlag, bei amazon und im Handel erhältlich. 

MIniKrimi Adventskalender am 9. Dezember


Liestaler Zwielicht

Von Ina Haller

(…) Die Männer hatten aufgeholt. Keuchend hastete Samantha weiter und erreichte einen Dachstock mit einem Holzunterdach und einem Querbalken. An der Wand standen Tische mit Holzstühlen. Auch hier gab es keine Verstecke. Wie kam sie aus diesem Labyrinth heraus? Es musste einen Weg nach unten geben. Samantha taumelte gegen die nächste Tür und fand sich auf einer Dachterrasse wieder. Viereckige Betonplatten waren am Rand auf einer bemoosten Fläche übereinandergestapelt.

Ohne sich umzusehen, rannte sie über die Terrasse, die mit Dachpappe ausgelegt war. Die weiße Tür auf der gegenüberliegenden Seite war glücklicherweise nicht abgeschlossen. Sie gelangte in einen hohen Raum mit verrosteten Behältern und Tanks. Ein weiterer Dachstock. Sie musste endlich den Weg nach unten finden. Samantha bekam fast keine Luft mehr und überlegte, ob sie in den verrosteten Tank kriechen sollte, ließ es aber bleiben. Die beiden würden hundertprozentig nachschauen.

 Am Ende des Raumes fand Samantha das, woran sie nicht mehr geglaubt hatte: eine Treppe. Sie führte nach unten in die Dunkelheit. Denk nicht nach! Mit der Hand auf dem Handlauf, eilte Samantha, so schnell, wie es möglich war, hinunter. Sie wagte nicht, die Taschenlampe einzuschalten. Oben flammte ein Licht auf. Eine Handytaschenlampe. Bevor der Strahl Samantha erfasste, bog sie um die Ecke und tastete sich weiter.

Die Schritte kamen näher.  Licht war von Vorteil. Wohl oder übel musste sie ihre Taschenlampe einschalten, auch wenn es ihren Standort verriet. Samantha erreichte das untere Ende der Treppe. Ihre Hoffnung, den Ausgang aus dem Areal gefunden zu haben, zerschlug sich, als sie im Schein der Taschenlampe einen Raum mit geschwärzten Wänden erblickte. An einzelnen Stellen schimmerten hellgrüne Wandplättli durch den Schmutz. An der Decke verliefen unterschiedlich dicke Rohre. Über den Boden verteilt lagen die Hälften von Fassböcken aus Beton. Auf einzelnen standen runde Tanks, die einmal cremefarben gewesen sein mussten und von einer Schmutzschicht überzogen waren, wie sie im Licht der Lampe sehen konnte.

 Neben der Tür, durch die sie gekommen war, erkannte sie ein Holzbrett, das hochkant gestellt war und ihr bis zum Bauchnabel reichte. Samantha leuchtete auf die andere Seite und zuckte zurück. Dort ging es mindestens ein oder zwei Stockwerke nach unten. Das Brett war die notdürftige Sicherung dieses Loches mitten im Boden. Der Strahl der Taschenlampe streifte eine gelbe Tür. »Hefekeller«, stand darauf.

 »Wo ist sie hin?«

 »Ich glaube, dorthin«

In Samantha kam wieder Bewegung. Sie huschte in denRaum, der nicht wie die anderen leer war. Mehrere jeweils paarweise übereinandergestellte Tanks waren an der Wand aufgereiht. Die Wände waren nicht so schwarz wie die der anderen Räume, durch die sie gerade gekommen war.

 Die Stimmen und Schritte kamen näher. Es gab keinen Ausgang auf der anderen Seite des Raumes. Sie saß in der Falle. Die Öffnungen der Tanks waren zu klein, um sich hineinzuzwängen. Samantha umrundete die Fassböcke am Boden und schaltete die Taschenlampe aus. Sie quetschte sich zwischen zwei dieser Doppelkonstruktionen und kroch so weit darunter, wie es ging. Sie bemühte sich, oberflächlich Luft zu holen, was nicht einfach war, wenn man außer Atem war.

 Das Licht der Handytaschenlampe wanderte durch den Raum. Das Versteck war alles andere als gut. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die beiden sie fanden. Sie mussten nur zwischen die Tanks leuchten und würden sie sofort entdecken.

 »Wo sind wir hier?«

 »Im Keller.«

 »Das sehe ich selbst. Wo ist sie?«

Der Lichtstrahl glitt weiter über die Tanks und blieb abermals an dem hängen, unter den Samantha halb gekrochen war.

 »Sie muss hier sein. Es gibt keine andere Möglichkeit.«

 »Ich habe das Licht ihrer Taschenlampe nicht mehr gesehen.«

 »Sie wird es ausgeschaltet haben. Das heißt, sie kommt nicht so schnell vom Fleck.«

 »Oder sie versteckt sich hier.«

 »Wo bitte?«

 »In einem dieser Tanks.«

 »Passt ein Mensch durch die Öffnung?«

Anstelle einer Antwort hörte Samantha Schritte. Sie konnte von ihrem Versteck aus Beine erkennen. Die Person bückte sich und leuchtete in einen der unteren Tanks. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und der Puls dröhnte in ihren Ohren. Sie war überzeugt, die beiden würden es hören. Das Licht huschte über die Tanks.

 »Willst du in jedem nachschauen? Selbst wenn sie schlank genug ist, dort durchzukriechen, hatte sie keine Zeit dafür. Und wer sagt, dass sie in diesen Raum ist?«

 »Wo soll sie sonst sein?«,

 »Überall in diesem Irrgarten. Weißt du, wo du dich befindest?«

 »Im Keller des Ziegelhofs.«

 »Sehr witzig. Ich hoffe, wir finden hier wieder raus.«

 »Hör auf zu jammern und such lieber.«

 Der Mann erreichte die Tanks, unter denen Samantha sich versteckte. Sie widerstand dem Drang, sich weiter darunterzuquetschen. Der Lichtstrahl streifte Samantha. Fest presste sie die Augen zusammen und wappnete sich auf das, was kommen musste (…)

Ina Haller lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau, Schweiz. Nach dem Abitur studierte sie Geologie. Seit der Geburt ihrer drei Kinder ist sie »Vollzeit-Familienmanagerin« und Autorin. Zu ihrem Repertoire gehören Kriminalromane, Reiseberichte sowie Kurz- und Kindergeschichten.

www.inahaller.ch

«Liestaler Zwielicht» ist sowohl als Print als auch eBook in Buchhandlungen und online erhältlich.

MiniKrimi Adventskalender am 8. Dezember


Heute, meine Lieben, geht’s mir ans Leder. Oder das hat sich zumindest die liebe M. gedacht, als sie mir folgende Clues für diesen MiniKrimi geschickt hat: blutiges Tangahöschen/ weisser Rauschebart/ Kristallkugel/ Trommel/ Kirchenglocken/ Seemöwe/ hohe Nordseewellen/ Pirat(enkostüm)/ Messwein. Na, dann schau’n wir mal, ob ich daraus was aus dem Hut, nein, aus meinem Kopf zaubern kann.

Agentin Feli’s erster Fall

Ich habe lange gezögert und bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob ich das Richtige tue. Mein Alltag verläuft in geregelten Bahnen. Aufstehen, essen, putzen, schlafen, das Haus inspizieren, essen, putzen, schlafen, den Garten inspizieren – aber nur im Sommer, denn der Winter in diesen Breiten jagt mir beständige Kälteschauer über den Rücken. Ich lebe nun schon seit 8 Jahren in Deutschland, aber an das milde Klima meiner Heimat Mallorca erinnere ich mich noch immer mit Wehmut. Allerdings ist es das einzige, was ich hier vermisse. Wäre ich geblieben, wäre ich schon lange tot. Aber Mia hat mich gerettet und zu sich nach Hause geholt. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Deshalb passe ich gut auf sie auf, allein schon in meinem Interesse. Und deshalb bleibe ich bei meinem Entschluss. Immerhin habe ich berühmte Vorbilder, die es nicht nur zu Ruhm, sondern auch zu einigem finanziellen Erfolg gebracht haben. Denkt nur an die Wanze Muldoon und seine berühmte Gartendetektei. Oder an den von mir wegen der politischen Entgleisungen seines menschlichen Mitbewohners nicht besonders geschätzten Francis. Da ich selbst Ausländerin bin, bin ich da sehr empfindlich. Aber ich schweife ab.

Mia ist Schriftstellerin. Sie hat es nicht leicht. Und stellt mir und den anderen trotzdem jeden Tag ein gutes Essen hin. Und nicht etwa irgendein Billigzeug, nein! Sie informiert sich immer wieder über die beste und bekömmlichste Ernährung. Dabei übertreibt sie es manchmal zwar mit ihrer Fürsorge. Kürzlich hat sie auf einer dubiosen esoterischen Internetseite gelesen, dass Messwein stimulierend auf den Organismus alternder Katzen wirken soll, wegen der positiven psychogenen Vibrationen. Ein völliger Quatsch, natürlich. Ich habe mit dem Essen solange gewartet, bis meine Mitbewohnerin Bruna in der Küche war, und dann so getan, als sei ich kurz abgelenkt. Die Arme ist nicht die hellste Birne am Kronleuchter, aber – Achtung: Trommelwirbel – extrem verfressen. Sie hat meinen Napf in Sekundenschnelle leergefressen, Messwein hin oder her. Mia hat nicht mal bemerkt, dass Bruna den Rest des Abend tänzelnd durchs Wohnzimmer ging. Müssen die Vibrationen gewesen sein.

Aber ich schweife schon wieder ab. Verzeiht. Das ist mein erster Versuch als Geschichtenschreiberin, ich verliere noch leicht den Faden. Also: ich will euch von meinem ersten Fall – und dem ersten Erfolg – als Privatdetektivin berichten. Und das kam so:

Stop. Bevor ich besagten Fall aufschlüssele, muss ich euch erst mehr über unsere kunterbunte Hausgemeinschaft erzählen. In unserem kleinen Hexenhäuschen am Stadtrand von München leben wir zu sechst: Meine beiden älteren Schwestern Chiara und Bruna, ich, dazu ein Mafioso aus Dubai, nennen wir ihn Mischief, und seit neuestem noch ein Baby namens Pepa. Ach ja, und Mia, natürlich. Ihr gehört das Haus. Chiara und Bruna sind schon in die Jahre gekommen und, wären sie Menschen und hätten sie jemals sozialversicherungspflichtig gearbeitet, Rentnerinnen. Das heißt, die beiden haben schon immer mal wieder beim Film gejobbt, vor allem Chiara, sie hat in ihrer Jugend viel gemodelt und hatte ihr letztes Shooting noch in diesem Herbst. Statt eines Honorars hat sie drei maßgeschneiderte Mäntel bekommen, über die Mia zunächst gelacht und gesagt hatte, Chiara sähe darin aus wie in einem Piratenkostüm. Jetzt ist es Winter und Chiara besteht nur noch aus Haut und Knochen. Ohne Mantel wäre sie augeschmissen.

Das muss man sich mal vorstellen! Ein Schlittenhund im Mantel! In einem früheren Leben wäre sie mit wehendem Fell an einem einsamen skandinavischen Strand durch die Brandung gerannt, über sich kreischende Seemöven und die Gischt hoher Nordseewellen wie Diamanten im Fell! Ach ja. Traurig. Aber ihr Verstand funktioniert noch und ist scharf wie das japanische Küchenmesser, an dem Mischief sich beim Abschlecken schon mal die Zunge aufgeschnitten hat, weil es nach Lachs roch.

Ja. Also das ist unser bunter Haufen. Chiara, eine 15 Jahre alte Malamute-Dame, Bruna, ein 11 Jahre alter Dobermann-Verschnitt (das hört sie gar nicht gerne, ihr Vater sei rein und rassig gewesen, nur kleingewachsen, behauptet sie), Pepa, das vorlaute Zwegdackelmädchen und – Mischief, der Hahn im Korb. Mitten in der Pubertät, Arabic-Mau und 7 Kilo schwer, ein Kraftprotz, wie er im Buche steht, immer darauf aus, anderen eins auszuwischen und Unruhe zu stiften. Ob er Mias Hausschuhe verschleppt, den handgeknüpften Teppich aufdribbelt oder mitten in der Nacht die Haustür aufmacht und uns – theroretisch – der Gefahr aussetzt, von Mördern gemeuchelt zu werden. Ich habe zwar in Erfahrung gebracht, dass die Kriminalitätsrate in diesem Stadtteil äußerst niedrig ist, aber das binde ich Mischief natürlich nicht auf die Nase.

Achso, ihr fragt, wer ich eigentlich bin? Ja. Ich bin Feli, bin 8 Jahre alt, stamme aus Mallorca, und die Menschen nennen mich eine Glückskatze. Warum? Keine Ahnung. Aber ich weiß, dass ich das große Glück hatte, Mia zu begegnen. Sie hatte natürlich genauso großes Glück, denn was würde sie ohne mich tun? Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre der Fall, von dem ich euch jetzt endlich berichten werde, vermutlich tödlich ausgegangen. Und wir hätten einen Störenfried weniger im Haus. Aber „psst“, das habt ihr nicht gehört!

Gut. Vorgestern war ein Tag wie jeder andere. Chiara verweigerte ihr Essen und pinkelte stattdessen aufs Parkett – warum Mia ihr nicht immer diese WIndeln anzieht, die schon ihre Mutter getragen hat, also Mias, versteh ich nicht. Bruna lag auf der Seite und knurrte unentwegt prophylaktisch, falls Pepa auftauchen sollte. Aber die war damit beschäftigt, Mischief durchs Haus zu jagen. Treppauf treppab. Hach – das sind die Momente, die ich liebe. Früher hat er das nämlich mit mir gemacht. Tja, so kann das Blatt sich wenden….

Mia saß in ihrem Zimmer und versuchte, das Seitenpensum für ihren neuen Roman zu schaffen. Es dauerte eine Weile, bis sie in Fahrt kam, aber dann fing sie an zu schreiben – udn vergaß die Zeit. Wie schön, wir alle hatten Ruhe!

So wurde es Nachmittag. Stille lag über dem Haus. Nur einmal schien es mir, als hörte ich ein Scheppern ganz oben. Vielleicht ein loser Dachziegel?

Um kurz vor sechs stand ich auf und beschloss, nach Mia zu sehen. Wenn sie so in Schreibwut ist, vergisst sie leicht, dass bei uns um Punkt 18 Uhr Abendbrotzeit ist. Und gewisse Regeln müssen einfach eingehalten werden. Dafür sorge ich. Auf dem Weg ins Arbeitszimmer begegnete mir Chiara. „Gerade wollte ich Mia holen“, sagte sie. Wer’s glaubt! Bruna schloss sich uns an. Pepa bellte, kam alleine aber nicht die Treppen hoch. Also standen wir drei vor Mias Schreibtisch und sahen sie an. Erst mal ganz still. Dann bellte Chiara kurz. „Jaja, was ist denn?“, fragte Mia. Bruna jaulte. Sie ist immer gleich so ne Heulsuse. „Bruna, ist ja gut.“ Mia starrte weiter auf den Bildschirm. Zeit, zu handeln! Kurzentschlossen sprang ich auf die Tastatur und starrte sie auffordernd an.

„Achso, ist es schon Essenszeit? Kann nicht sein, Mischief hat sich noch nicht gemeldet.“ Er ist eigentlich immer der erste, der nach Futter schreit. Und jetzt fiel es auch mir auf: ich hatte den dicken Kater den ganzen Nachmittag über nicht gesehen! Weshalb ich auch so ruhig hatte dösen können.

„Wir gehen einfach runter und fangen schon mal mit dem Essen an,“ schlug ich vor. „Wenn er das Rascheln der Tüte mit seinem Trockenfutter hört, kommt er ganz sicher angerannt.“ Ob Mia mich verstanden hatte oder nur dem gleichen Gedankengang wie ich gefolgt war, weiß ich nicht. Aber sie ging in die Küche und bereitete unser Abendessen zu. Dabei rief sie immer wieder „Mischief!, Komm, lecker lecker!“ Wie albern. Ich reagiere auf sowas gar nicht erst. Doch bei ihm klappte das normalerweise. Als wir dann aber alle um unsere Töpfe versammelt waren, war von dem roten Mafioso immer noch nichts zu sehen.

Wir aßen dann schließlich ohne ihn. Aber jetzt war Mia richtig besorgt. „Wo kann er nur stecken? Das ist noch nie passiert!“ Und hier musste ich ihr recht geben. Egal, welchen Unsinn er wieder angestellt hatte – sein Futter hatte er noch nie verpasst. Also fing auch ich an, mir Sorgen zu machen.

Mia begann mit einer systematischen Suche im ganzen Haus. Waschküche – den warmen Platz hinter der Heizung nicht vergessen! Und auch nicht den ausrangierten Wäschekorb mit den Kissen für die Hollywoodschaukel, die dort in Erwartung des nächsten Sommers vor sich hin staubten. Nichts. Unter den Betten, unter den Matratzen – dort fand Mia, das hörte ich an ihren erpörten Ausrufen, alte Kotknöllchen und ein Mauseskelett. Dann die Schränke. „Ich habe doch gar keinen aufgemacht, heute?“ Sie wühlte sich durch Wintermäntel und Daunendecken bis in die hintersten Ecken. Überall das gleiche: Spuren seiner Anwesenheit, wie etwa einen zerrissenen Wollschal, Berge zerkauter Computer- und Ladekabel („Dieses Monster, ich bring ihn um!“), Reste von Kaustäbchen, obwohl die auch von Pepa stammen konnten, sie war ja nur halb so groß wie er und folgte ihm gerne in seine geheimsten Verstecke. Aber diese Spuren hatten eines gemeinsam: sie waren alle alt.

Nach zwei Stunden vergeblicher Suche ließ Mia sich auf das Sofa fallen. „Es ist wie vom Erdboden verschluckt. Wo kann er nur sein?“

Ich war Mia die ganze Zeit gefolgt, beobachtend, darauf achtend, dass sie nichts übersah. Aber nein – auch ich hatte den Kater nicht entdeckt. Jetzt war es an der Zeit, andere Methoden anzuwenden. Da ich nichts davon halte, meditirend in einer Kristallkugel nach Lösungen zu suchen, befragte ich zunächst die Zeuginnen im Haus. Und stieß dabei auf eine Mauer des Schweigens. Weder Chiara noch Bruna oder Pepa wollten Mischief in den letzten Stunden gesehen haben. „Ich finde übrigens nicht, dass er hier sonderlich fehlt“, bemerkte Chiara. Die alte Dame hatte so manches Haarbüschel in seinen Fängen verloren. „WIr sind als reiner Frauenhaushalt doch viel besser dran“, stellte Bruna fest. Und Pepa? Die Kleine verfügte noch nicht über eine besonders ausgeprägte Beobachtungsgabe. „Keine Ahnung. Also das letzte Mal habe ich ihn gesehen, als ich mir sein Kaustäbchen ausleihen wollte. Da ist er wie der geölte Blitz in den Flur gerannt und ab durch die Katzenklappe.“

Moment mal, da hatte Mia noch gar nicht nachgesehen. Eigentlich ist der Kate rnämlich zu dick, ehm, zu groß, um sich durch die Klappe zu zwängen, und ruft immer nach Mia, wenn er raus will. Aber wie sollte ich sie dazu bewegen, das nachzuholen? Da kam Chiara ins Spiel. „Auf dich hört sie am meisten. Sag ihr, dass du piseln musst. Dann rennt sie sofort mit dir raus. Und dann schaust du dich um. Bitte!“ „Na gut“, meinte Chiara. Auch, wenn sie Mischief nicht besonders mochte, legte sie doch Wert darauf, ihre Rolle als Rudelchefin zu betonen. Gesagt, getan. Als sie nach einer Viertelstunde wieder ins Haus kamen, wartete ich schon ungeduldig. „Und?“ „Du hattest recht, ausnahmsweise“, sagte sie. „Draußen vor der Tür roch es irgendwie seltsam. Nach Mischief, aber so, wie er riecht, wenn er Angst hat“.. Ich hatte noch nie bemerkt, dass der Kater so ein Gefühl überhaupt kannte. „Und dann auch fremd. Nach einem fremden Menschen. EInem Mann.“ „Und? Ist das alles?“ Ich war enttäuscht. Hier kamen immer mal Fremde her. Der Gärtner, der Schornsteinfeger. Allerdings nicht in den letzten paar Stunden. Aber wie zuverlässig war der Geruchssinn einer uralten Dame? Litten die nicht alle unter Anosmie? „Nein, das ist natürlich nicht alles“, triumphierte Chiara. „Auf dem Boden vor der Haustür lag ein Stück Papier. Braun, sah aus wie ein Blatt. Mia hätte es übersehen. Aber ich habe dran rumgekaut, da hat sie es mir weggenommen. Und es stand was drauf.“ „WAS?“ „Keine Ahnung, ich kann Menschenschrift nicht lesen.“

Wie enttäuschend. Ich auch nicht! Was nun? Aber da kam Mia wieder ins Zimmer. Setzte sich mit dem Stück Papier – es sah aus wie ein abgerissener Streifen einer Brottüte, und es roch auch so – aufs Sofa, und ich daneben. Ich kenne meine Mia. Wenn sie nicht weiterweiß, fragt sie immer uns um Rat. Ihre besten Freundinnen. „Chiara, Feli, das ist furchtbar. Hier steht:

Ihr Kater hat nun zum wiederholten Mal in meinen Garten gekackt. Gekackt. Wie vulgär! Jetzt reicht es mir. Ich habe ihm einen Denkzettel verpasst, von dem er sich so schnell nicht erhoien wird. Und wenn er überlebt, dann bringe ich ihn das nächste Mal ganz sicher um.

Typisch. Ohne Unterschrift. Der arme Mischief. Wer weiß, was er mit ihm gemacht hat! Wenn er verletzt ist, hat er sich bestimmt verkrochen. Und wenn wir ihn nicht rechtzeitig finden, verblutet er vielleicht. Oder erstickt. Oder…. „

Chiara und ich sahen uns an. WIr mochten den einfältigen Kater nicht besonders. Aber den Tod wünschten wir ihm deshalb noch lange nicht. Jetzt hieß es konzentiert nachdenken.

Und genau das tat Agentin Feli. Ich ließ die letzten Stunden Revue passieren. War mir irgend etwas aufgefallen? Etwas Außergewöhnliches? Dann fiel es mir ein: ich hatte ein Geräusch gehört. Irgendwo oben. Vielleicht auf dem Dach.

Das Dach! Der Nachbar hatte einen alten Kastanienbaum, dessen Äste in unseren Garten hinüberwuchsen. Mia hatte damit kein Problem, sie erntete die Nüsse, die zu uns runterfielen, und aus den Blättern kochte sie Tee. Igitt. Aber bitte. So weit, so gut. Ich hatte einen Anhaltspunkt. Aber wie brachte ich Mia dazu, auf den Dachboden zu gehen? Dort hatte sie nicht mal gesucht, denn der Zugang war von innen für den Kater unerreichbar, und er war dort noch nie gewesen.

Ich begann, zu miauen. Lauter und lauter. Bis ich Mias Aufmerksamkeit hatte. Dann sprang ich vom Sofa und ging zur Treppe. Chiara hinterher. Ich miaute, sie bellte. Schließlich fiel bei Mia der Groschen. Menschen sind manchmal unendlich langsam! Sie folgte mir. Chiara blieb unten, Treppen sind mit ihrer Artrose nicht mehrmals am Tag zu meistern. Immer, wenn Mia zögerte, schaute ich sie intensiv an. Wozu hat man schließlich einen hypnotischen Blick?

Vor der Treppe zum Dachboden blieb ich stehen. Und rief nach dem Kater. Auch Mia fing an, ihn zu locken. Rufen. locken, Stille. Endlich, nach einer kleinen Ewigkeit, hörten wir einen Ton. Ein Scharren. Dann ein leises Klagen. Ganz untypisch für den Mafioso. Aber vielleicht ging es ihm wirklich schlecht? Mia öffnete die Luke zum Dachboden und machte sich an der Leiter zu schaffen. „Mist, ich hab mein Handy nicht dabei. Kein Licht.“ Sonst hat sie das blöde Ding permant in der Hand. Aber zum Glück leuchtete durch die beiden Dachluken noch etwas Spätabendsonne. Ich klettere nicht gerne, aber manchmal muss man über seinen Schatten springen. Vor allem als Agentin. Ich zwängte mich also an Mia vorbei. Staub, Spinnweben, kaputte Schindeln, alte Kacheln und Bretter. Kisten mit Gerümpel, Faschingsklamotten, kaputtes Spielzeug. Was die Menschen so alles ansammeln, ohne sich trennen zu können. Ich blieb stehen. „Mischief“, flüsterte ich. „Wo bist du?“ Plötzlich kam aus der Dunkelheit ein Ungeheuer auf mich zu. Ich schrie und pralle gegen Mias Bein. Auch sie war endlich oben angekommen. Und stieß ebenfalls einen erschrockenen Schrei aus. Das Monster kam jetzt direkt auf uns zu. Unter einem Wust feuerroter Haare hing ein riesiger, schmutzigweißer Rauschebart. Und um den Körper gewickelt – ein blutiges Tangahöschen. Getränkt mit dem Blut, das aus einem Riss im buschigen Fell unseres Katers tropfte. „Mischief“, riefen Mia und ich erleichtert. Der dumme Kerl hatte sich über die Kastanie auf unseren Dachboden geschleppt und war prompt in die Kiste mit den Faschingssachen geplumpst.

Ganz benommen humpelte er auf uns zu, un in meiner Euphorie hörte ich jubilierende Kirchenglocken läuten.

„Du hast ihn gerettet“, sagte Mia später, als ich neben ihr auf dem Sofa lag. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, auf dem Dachboden nachzuschauen. Ich hatte keine Ahnung, dass man da von der Kastanie aus reinkommt.“ Naklar, wie auch, du bist ja ein Mensch, dachte ich. Die Tierärztin hatte Mischiefs Wunde verarztet und uns geraten, Anzeige zu erstatten. Der Zettel sei Beweis genug. Aber ich denke, Mischief wird in Zukunft einen großen Bogen um Nachbars Garten machen.

Und ich? Habe schon den nächsten Fall. Vorhin kam Pepa zu mir. Sie kann ihren Quietscheteddy nicht finden, ohne den sie nicht einschlafen kann. Und ich habe jetzt eine gewisse Reputation. ich bin mir fast sicher, dass Mischief dahinter steckt. Ich fange gleich an mit der Spurensuche.

MiniKrimi Adventskalender am 7. Dezember


Verlorene Träume (Auszug)

Von Sandra Halbe

Prolog

Nie hätte ich gedacht, dass dieses Lied mich so sehr bewegen würde. Hunderte, wenn nicht tausende Male habe ich es ge­hört, in den ver­schiedensten Varianten. Immer klingt es gleich. Und dann auch wie­der nicht.

Als ich auf diese Version gestoßen bin, waren all die Bilder auf ein­mal zu­rück. Alles, was ich jahrelang verdrängt habe. Nicht ver­gessen, nein. Ich erin­nere mich an jene Nacht, als wäre sie gestern gewesen, an jedes Detail. Nur wollte ich meine Erinnerungen nicht. Diese Ge­danken an all das, was da­mals passiert ist. Also sperrte ich sie aus.

Bis ich dieses Lied hörte. Nach all den Jahren.

Die erste Zeile von »The Sound of Silence«. Worte, die ich schon so oft ge­hört habe. Und doch waren sie auf einmal neu.

Ein Hallo an die Dunkelheit. Die Dunkelheit, mein Freund? Ist das mög­lich?

Ich erinnere mich an unsere Zeit hier. Die Abende, an denen wir gefeiert, gelacht und getanzt haben. Dieser Ort bedeutete uns alles. Mein Klavier, auf dem du dieses Lied so oft gespielt hast. Die Weih­nachtsdekoration darauf, die wir so liebevoll ausgesucht hatten. Ob­wohl wir bereits wussten, dass dies das Ende sein würde. Diese Endgültigkeit, als ich zum letzten Mal das Licht aus­schal­tete. Die­ses Gefühl, als ich zum letzten Mal den Schlüssel im Schloss he-rumdrehte.

Es war vorbei. Für immer. Und obwohl ich es wusste, konnte ich es nicht begreifen.

Denkst du noch daran? An diesen Moment, der alles än­derte?

Denkst du noch an mich?

Ich werde dafür sorgen, dass du dich wieder erinnerst.

1

Sonntag

»Wir könnten ihn da hinstellen.«

»Wo?«

»Na, da!«

»Ist er da nicht zu nah am Kamin?«

»Was interessiert mich der Kamin?«

»Wir zünden ihn momentan gerne an. Wenn du ihn so nah ran stellst, wird der Weihnachtsbaum schnell trocken. Dann wäre er nach ein paar Tagen nicht mehr zu gebrauchen und wir könnten ihn schon vor dem sechsten Januar zu Brennholz ver­arbeiten. Wäre doch schade, oder?« Alex sieht mich ab­wartend an.

»Die paar Tage hält der das schon aus. Weihnachten dau­ert ja nicht ewig.«

»Lassen wir ihn nicht die ganze Adventszeit stehen?«

Ich überlege. »Bei uns zu Hause wurde der Weihnachts­baum immer am 23. Dezember aufgestellt.«

»Und bei meiner Familie am ersten Advent. Jetzt entschei­den wir, wie wir es in unserem Zuhause handhaben.« Alex zieht mich an sich.

»Ich hätte nie damit gerechnet, wie viel man entscheiden muss, wenn man zusammenzieht.« Ich schüttele den Kopf.

Ein paar Monate ist es jetzt her, dass ich zu Alex in sein klei­nes Haus Am Birkenstrauch in Bad Laasphe gezogen bin. Ein Haus, das schon fix und fertig eingerichtet war. Wir mussten keine Küche aussuchen, kein Bad renovieren … Okay, letzteres kommt irgendwann auf uns zu, aber zumin­dest momentan ist davon keine Rede. Alles in allem war der Ein­zug schnell erle­digt. In den Wochen zuvor hatte ich den Großteil meiner Sa­chen bei Alex untergebracht. Eine eigene Zahnbürste und mein Sham­poo im Badezimmer. Kleidung im Kleiderschrank. Hier ein Bild an der Wand, dort eine Lampe für die Kommode. Am Ende fuhr ich in die Ost­preu­ßenstraße zu meiner Mutter und packte das, was in meinem alten Kinderzimmer noch übrig war, in einen Koffer, den ich bei Alex ein paar Straßen weiter wieder auspackte. Klingt ein­fach, oder?

Obwohl mein Einzug bei Alex ein mehr oder minder schlei­chender Prozess war, war es doch etwas anderes, als ich plötz­lich meinen eige­nen Schlüssel hatte und klar war: Die­ses Haus ist jetzt auch meins. Ir­gendwie. Meiner Meinung nach gehörte ab diesem Zeitpunkt das Brot nicht mehr in den Kühlschrank, wo Alex es lagerte. Er wiederum be­schwerte sich, dass ich meine Schuhe mitten im Flur liegen ließ, wo ich sie nach der morgendlichen Laufrunde auszog. Jahrelang hatte Alex sämtli­che Wäsche in den Trockner geworfen, ob das Etikett auf dem Kleidungsstück das zuließ oder nicht. Wollten wir das für meine Kla­motten riskieren oder ab jetzt alles zum Trocknen auf den Wäschestän­der hängen? Wer be­kam wie viel Platz im Ar­beitszimmer, um den Pa­pierkram zu erledigen? Und die Dis­kussionen, die wir darüber führten, wie die Fächer im Bade­zimmerschrank verteilt werden … Sa­gen wir: Zu­sammenziehen ist eine Sache. Zusammenwohnen doch eine andere.

Nun sind wir beim Weihnachtsbaum angekommen.

»Hattest du hier schon mal einen Weihnachtsbaum?«, will ich wis­sen.

Alex schüttelt den Kopf. »Ich hab Weihnachten entweder ge­arbeitet oder bei meiner Familie verbracht.«

»Und jetzt willst du direkt einen über die ganze Advents­zeit aufstel­len?«

Er zuckt mit den Schultern. »Ich arbeite unsere Dienst­pläne für Weih­nachten erst in den nächsten Tagen aus. Aber ob die dann so bleiben, werden wir sehen. Du weißt ja, dass es jeder­zeit einen neuen Fall geben kann. Falls wir beide Weihnachten auf dem Präsidium verbringen, ha­ben wir we­nigstens an den Abenden davor etwas von unserem Baum.«

Damit hat er nicht unrecht. Was bringt uns ein Weih­nachts­baum, der eine Woche steht, wenn wir kaum zu Hause sind oder abends, wenn es dunkel ist und wir die Lichter an­zünden könnten, direkt ins Bett fallen?

»Ich finde trotzdem, dass er sich im Wohnzimmer am bes­ten machen würde«, beharre ich. »Hier verbringen wir die meiste Zeit, wenn wir dann mal zu Hause sind. In der Küche brauche ich keinen Weihnachts­baum.«

»Natürlich kommt der Baum ins Wohnzimmer, ich rede nicht von einem anderen Raum. Aber wir könnten über einen Standort weniger nah am Kamin nachdenken.«

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. »Ohne die Möbel umzustellen?«

»Wir brauchen ja keinen riesigen Baum. Wie wäre es denn mit …«

In diesem Moment klingelt Alex’ Handy. Bei seinem Blick aufs Dis­play spare ich mir jeden weiteren Kommentar zum Thema. Unsere Dis­kussion, wo und für wie lange wir den Weihnachtsbaum aufstellen wer­den, müssen wir auf später verschieben.

Das Buch gibt es überall, wo es Bücher gibt. Infos zu Sandra Halbe und ihren Büchern gibt’s auf www.sandra-halbe.de oder auf Instagram unter sandra_halbe.

2

Stünzel ist der kleinste Ort, der zu Bad Berleburg gehört. Je­des Jahr im Juni findet hier auf dem Festplatz die Kreistier­schau, das Stünzelfest, statt. Dass hier an jenem Wochenende 25.000 Besucher feiern, ist jetzt, im November, nicht zu sehen, und so haben wir kein Problem, einen Parkplatz zu bekom­men. Kran­kenwagen und Notarzt sind bereits ein­getroffen. Ich notiere mir schnell die Nummernschilder der beiden üb­ri­gen Autos, die hier geparkt sind, und stolpere dann hinter Alex her, der zügig in Richtung Wald vorangeht. In den letz­ten Tagen hat es viel geregnet, sodass der Boden stellenweise matschig ist. Auch geschneit hat es vor ein paar Wochen schon einmal, hier und da sind noch Reste von Schnee zu se­hen. Immer wieder sinken meine Füße ein, und so komme ich nur langsam voran. Ein paar Meter vor mir höre ich Alex leise fluchen. Ihm geht es offenbar nicht anders.

Endlich kommen wir auf der Lichtung an. Mein Blick fällt auf ein winziges Gebäude, das in den Wald hineingebaut ist. Die Tür steht sperrangelweit offen, auf dem Dach ist ein klei­ner Holzzaun ange­bracht. Ein alter Rübenkeller, schießt es mir durch den Kopf. Davor ste­hen der Not­arzt und zwei Sa­nitäter und winken uns zu. Ein paar Meter entfernt kniet eine Frau über etwas im Gras, das ich von hier aus nicht erkenne. Eine weitere Frau steht neben ihr, einen Terrier angeleint zu ihren Fü­ßen. Alex geht auf den Rübenkeller zu, ich steuere die beiden Frauen an.

»Caroline König von der Polizei«, weise ich mich aus. »Kön­nen Sie mir sagen, was hier passiert ist?«

»Wiebke Schneider«, stellt die Frau mit dem Hund sich vor. »Ich bin hier mit meinem Rocky spazieren gegangen, wie jeden Sonntag. Da hin­ten hab ich die Frau liegen sehen. Sie hat nicht auf meine Rufe reagiert, nur leise gestöhnt. Ich wollte ihr hel­fen, aber ihr dummer Hund hat mich nicht zu ihr gelassen, also hab ich einen Krankenwagen gerufen.«

»Ihr Hund hätte vermutlich nicht anders reagiert«, mischt sich die Frau ein, die vorher auf dem Boden gekniet hat. Vor ihren Füßen steht eine Transportbox, in der ein zweiter Hund leise knurrt.

»Was ist mit ihm?«, frage ich.

»Ich habe ihn da hinein verfrachtet, so beruhigt er sich. Ich bin An­drea Klein vom Ordnungsamt. Die Kollegen vom Ret­tungsdienst haben mich gerufen, damit ich ihnen einen Weg zu der Frau verschaffe.«

»Hätte man da nicht einen Tierarzt rufen müssen, um ihm ein Beru­higungsmittel zu spritzen?«, wundert sich Wiebke Schneider.

»Nein, in solchen Fällen ist das Ordnungsamt zuständig. Ein Tierarzt kennt den Hund auch nicht zwingend und weiß nicht, auf welche Mittel er allergisch reagiert. Deswegen kommen wir mit einem langen Stock, an dem eine Schlinge be­festigt ist, und verfrachten den Hund in eine Transport­box.« Sie zeigt auf die Box, aus der mittlerweile nur noch ein leises Winseln kommt. »So ist kein Medikament nötig. Hunde sind für ihren stark aus­geprägten Beschützerinstinkt bekannt. Wenn das Frau­chen wehrlos am Boden liegt, kommt dieser zum Vorschein. Das ist lei­der nicht immer ideal, weil so auch Helfer vom Opfer fern­gehalten wer­den.« Sie zuckt mit den Schultern. »Ich hab mir mal das Sprungge­lenk gebrochen, mitten im Wald. Als ich da lag, haben Spa­ziergänger ver­sucht, mir zu helfen. Keine Chance. Mein Hund hat sie nicht gelassen, obwohl ich bei Be­wusstsein war und ihm immer wieder versichert habe, dass es okay ist, wenn diese Leute mir nahekommen. Erst als mein Le­bensge­fährte auftauchte, hat Joy sich beruhigen lassen und man kam an mich heran, um mir zu helfen. Diese Frau konnte sich nicht verständi­gen, sodass die Reaktion ihres Hundes nach­voll­ziehbar ist. Ihr Hund hätte nicht anders reagiert.«

Hat die Frau während ihrer Ausführungen nur einmal Luft geholt? Ich staune. »Was passiert jetzt mit dem Hund?«, frage ich und wappne mich für den nächsten Redeschwall.

»Ich bringe ihn zum Hof Birkefehl und hinterlege den Stand­ort bei Tasso. Das ist eine zentrale Datenbank, in der Be­sitzer nach vermissten Tieren suchen können. Vielleicht kommt die Frau ja wieder auf die Beine. Dann weiß sie, wo sie ihren Lieb­ling abholen kann.«

Ich sehe in Richtung Rübenkeller. Die beiden Sanitäter und der Not­arzt stehen ein paar Meter abseits, während Alex wild gestikulierend mit seinem Handy Verstärkung anfor­dert.

»Davon sollten wir wohl nicht ausgehen«, murmele ich.

Den Roman gibt es überall, wo es Bücher gibt. Infos zu Sandra Halbe und ihren Büchern gibt’s auf www.sandra-halbe.de oder auf Instagram unter sandra_halbe.