MiniKrimi Adventskalender am 6. Dezember


Lasst uns froh und munter sein

„Ah, der Herr Bischof. So früh schon unterwegs?“ Es ist sieben Uhr morgens, und auf dem Domberg kauern noch die Schatten der Nacht, durchbrochen nur von den glitzernden Lichtern am riesigen Weihnachtsbaum und ein paar späten Sternen. Ganz hinten, dort, wo der Fluss den Himmel berührt, färbt erstes Morgenrot die Wiesen. Es ist ein idyllisches Bild, und der Bischof bleibt stehen, saugt die klare Winterluft tief ein und mit ihr den Frieden, der über seiner Stadt zu liegen scheint. Aber wie so oft, trügt der Schein auch hier.

Der Skandal um Missbrauch und sexualisierte Gewalt hat auch die Domstadt erreicht. Weniger heftig und weniger laut, als einige es befürchtet und etliche es sich erhofft hatten. Und gottlob liegen die „Fälle“, um die es geht, schon Jahrzehnte zurück. Fälle – das Wort nimmt der Bischof nie in den Mund, zum Kummer seiner Kollegen, Dekane und Priester. Für ihn sind es Schicksale. Jedes besonders, jedes tragisch, jedes so ganz aus der vorgezeichneten Lebensbahn geworfen durch die Hand eines Kirchendieners. Der Bischof mag auch nicht unterscheiden zwischen Priestern und Leitern von Chor und Jungschar. Welche Bedeutung hat es für die Betroffenen, ob es ein geistlicher, ein haupt- oder ehrenamtlicher Missbrauch war, dessen Opfer sie wurden? Für die Kirche wäre es vielleicht schon wichtig, darzulegen, dass viele der Täter keine Geistlichen waren, sondern Mitarbeiter der Kirche. Aber ganz ehrlich? Für den Bischof macht das keinen Unterschied. So oder so hat Kirche versagt. Gegenüber ihren Schutzbefohlenen und gegenüber ihren ureigenen Inhalten.

Auch dass über Jahre, Jahrzehnte hinweg die Gemeindemitglieder selbst Augen und Münder verschlossen haben, mindert die Verantwortung der Kirche nicht. Der einzige Weg durch dieses Tal der Schuld ist steinig und steil und heißt lückenlose Aufarbeitung. Der Bischof ist jung, gerade mal Mitte Vierzig. Deshalb wurde er für den Vorsitz der Kommission ausgewählt. Und deshalb verweigern ihm seine durchweg älteren Kollegen den Respekt, kritisieren seine Entscheidung zu völliger Transparenz, nicht nur gegenüber den Betroffenen, sondern auch in den Medien. Ein nie wiedergutzumachender Schaden, ein unauslöschlicher Makel unserer Institution, mit diesem mahnenden Ruf sind sie bis nach Rom gegangen. Und mit leeren Händen zurückgekehrt. Der Bischof weiß genau, dass sie seitdem nach anderen Möglichkeiten trachten, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Er ist sich keineswegs sicher, ob und wann dieses Trachten von Erfolg gekrönt sein wird. Auch darin hat die Kirche eine große Tradition.

Aber auch, wenn er kein Cesare Borgia ist – Vorsicht kann nicht schaden. Deshalb ist der Bischof heute schon in aller Herrgottsfrühe auf den Beinen, um die Vorbereitungen für seinen Auftritt als Nikolaus, Bischof von Myra, heute Abend zu überwachen. Den Aufbau des Podests, von wo aus er ein paar Worte an die Menschen richten wird – er hat nicht vor, durch eine angesägte Latte zwei Meter auf Kopfsteinpflaster zu stürzen. Die Bereitstellung des Schlittens – mit Rollen, denn bislang hat es noch nicht geschneit, und die für den Abend vorhergesagten Flöckchen würden höchstens für einen malerischen Flaum auf seiner Tiara sorgen und nicht als Unterlage für die Kufen ausreichen. Und dann die mittelalterlich gestalteten Buden, an denen Met und Wuchteln, Früchtepunsch, Maroni und Grillfackeln verkauft werden – alles für einen guten Zweck, nämlich die Jugendarbeit in der Diözese. Es wäre nicht nur tragisch, sondern eine Katstrophe, wenn ein Dach einstürzen, ein Grill explodieren oder die Halterung eines Metkessels umkippen würde.

Damit wären dann gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe erschlagen, für seine Gegner, weiß der Bischof. Er wäre eliminiert – vom Dom, von seinem Posten als Vorsitzender der Aufarbeitungskommission und, im schlimmsten oder besten Fall, je nach Ansicht des Betrachters, von dieser Welt. Die von ihm dank seines Charismas aufgebaute Familien- und Jugendarbeit, geprägt von Offenheit, Gemeinschaft von Männern und Frauen, egal ob cis oder non-binär, und Kindern, von Musik und Social Media Präsenz, bei der G*ott tatsächlich benannt und bedankt wird, diese Arbeit würde ohne ihn zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Und zeigen, dass es eben so nicht geht. Dass Kirche Hierarchien braucht, und die Kollegen wären schnell dabei, diese wieder hochzuziehen, eherne Mauern aus Respekt, Ohnmacht und Schweigen.

„Du bist paranoid“, sagt ihm Claus, sein Freund und Vertrauter, immer wieder. „Besser als ein Opfer“, antwortet der Bischof dann. Und fügt lautlos hinzu: schon wieder.

Jetzt geht die Sonne über dem Domberg auf. Ein strahlender Wintermorgen. Die Arbeiten auf dem Platz gehen gut voran, der Bischof wechselt hier und da ein Wort, trinkt einen Becher Kaffee. Dann kommt Dominika, eine seiner Jugendleiterinnen. Sie drehen ein TikTok Video über die Vorbereitungen und laden nochmal alle ein: „Heute Abend, 17 Uhr. Nikolaus, der Bischof von Myra, hat Geschenke für alle Kinder dabei. Es gibt genug zu essen, zu trinken, zu feiern und zu singen. Kommt alle. Wir freuen uns auf euch.“

Der Regionale Radiosender hat schon über das Nikolausfest am Domberg berichtet. Es ist das erste nach Corona, das erste, seit der neue Bischof da ist, und das allererste überhaupt in dieser freien Form. Es sind sogar evangelische und muslimische Jugendgruppen mit dabei!

Von einem Fenster im dritten Stock der fürstbischöflichen Residenz, die sich nahtlos an den Dom anschmiegt, betrachtet Bischof Richard missgünstig das bunte Treiben. Und fragt sich, wie schon so oft, wo und wann er den Weg dieses jungen Bischofs hätte umlenken könnten. Wie viel Ärger wäre der Kirche erspart geblieben. Wieviel Schmach! Aber wer hat schon ahnen können, dass dieser hübsche, sensible, stille Junge mit der silberhellen Stimme einmal so ein wort- und gedankenstarker Geistlicher werden würde. So ein gefährlicher Gegner! Er selbst hat ihm sogar noch den Weg gewiesen. Nicht nur zu Jesus, sondern auch ins Priesterseminar. Was für ein kardinaler Fehler! Nun, vielleicht ist es ja noch nicht zu spät, denkt Bischof Richard. Und schaut sich unwillkürlich nach Meta um, seiner mit ihm alt gewordenen Hauswirtschafterin. Und mehr. Die beiden verstehen sich nach über 40 Jahren ohne Worte. Sie schaut ihm stumm in die Augen. Und nickt unmerklich.

Und dann ist es Abend. Wie vorhergesagt, fallen weiche Flocken vom dunkelblauen Winterhimmel. Sie legen sich zart auf die Dächer der Hütten, das Kopfsteinpflaster und die Mützen und Locken der Menschen. So viele sind gekommen. Der Rauch von den Feuern, über denen Grillfackeln schmoren, steigt senkrecht auf und mischt sich mit dem Nelkenduft von Met und Punsch, mit dem süßen Geruch gebrannter Mandel. In der Mitte des Platzes lodert ein helles Feuer, oben auf dem Podest spielt die Band „Last Christmas“ und dann, auf ein Zeichen des Bischofs, „Lasst uns froh und munter sein“. Ein bunter Chor, alte Stimmen, junge, helle, tiefe stimmt ein, der ganze Platz bebt und lacht. Ja, Lacht. Vergessen ist für diesen Moment alles, was trennt. Den Domberg mit seiner geistigen, geistlichen Last, und die Menschen. Der Bischof lächelt. Dankbar.

„Und jetzt schaut mal, was ich euch mitgebracht habe“, ruft er, springt vom Podest und zum Schlitten voller Pakete und Päckchen. Im Handumdrehen ist er umringt von Händen, nackten, behandschuhten, schüchternen, greifenden. Er lacht und legt in jede Hand ein kleines Geschenk. So schnell ist der große Schlitten leer. Nur noch ein kleines Päckchen liegt auf dem rotsamtenen Kutschbock. Der Bischof nimmt es und geht hinüber zur Residenz am Rande des Platzes. Dort, vor dem Portal, stehen Bischof Richard und eine Handvoll seiner Kollegen und machen gute Miene zum bösen Spiel. „Hier, Exzellenz“, sagt er und reicht Richard das Päckchen. „Auch für Sie hat der Nikolaus etwas dabei. Sie waren so lange der Domherr hier. Nehmen Sie die Pralinen, Ich weiß, es ist ihre Lieblingssorte, Meta hat es mir verraten. Und seien Sie mir, Ihrem Nachfolger, nicht allzu böse dafür, wie ich die Geschäfte hier weiterführe. Geistlich und weltlich. Es ist Advent. Kommen Sie, machen auch wir uns auf den Weg.“

Um sie herum wogt und tobt das friedliche Fest. Es ist kalt in der Bischofstracht aus Rauchmantel, Albe und Mitra. „Hier, Maximilian. Nimm einen Schluck Glühwein. Du bist ja komplett ausgekühlt. Das kann ich gar nicht mit ansehen! Aber um dich kümmert sich ja keiner.“ „Außer dir, gute Meta. Danke.“ Und der Bischof nimmt den Becher, den Meta ihm reicht.

Später wird er in den Armen seines besten Freundes liegen, der vergeblich auf den Rettungswagen wartet. Zuviel los, heute, in der Stadt. „Damit hätte ich nicht gerechnet. Meta! Ihr ganzes Leben lang hat er sie ausgenutzt. Und jetzt macht er sie auch noch zur Mörderin“, flüstert der Bischof. „Aber ich gehe nicht allein. Und vielleicht ist es wirklich am besten so, denn G*ott verzeiht es nicht, wenn man selbst zum Richter wird. Doch ich konnte nicht mehr länger warten. Richard hat ja nicht nur mein Leben zerstört, als er mich missbraucht hat, immer und immer wieder, damals, sondern er hat auch noch so viele andere kaputt gemacht. Vor mir und nach mir, da bin ich mir sicher. Aber er ist unantastbar. Ich habe niemanden gefunden, der gegen ihn aussagen will. Und mir würde keiner glauben! Ich bin ja sein Konkurrent.

Ich hatte geglaubt, dass ich meinen Frieden gefunden habe. Meine Aufgabe. Dass ich heilen kann, wo andere verletzt haben. Aber dann habe ich Richard gesehen. Im Bogengang. Mit Christian, unserem Solisten. Er ist noch ein Kind! Da habe ich gewusst, es muss aufhören. Und auch, dass ich selbst das Heft in die Hand nehmen muss.“

Als der Rettungswagen endlich kommt, ist es für Bischof Maximilian schon zu spät.

Am nächsten Morgen kommt der Notarzt noch einmal auf den Domberg. Bischof Richard ist ebenfalls in der Nacht gestorben. An einem Herzinfarkt, wie es in der Verlautbarung des Ordinariats heißen wird.

Claus wird sich bemühen, den Mord an Maximilian aufzuklären. Er weiß, dass er sich damit auf eine lebensgefährliche Mission begibt.

Gut möglich, dass diese Geschichte polarisiert. Aber auch ein MiniKrimi Adventskalender ist halt ein Ponyhof. Und ich freue mich auf eure Kommentare! In diesem Sinne: habt einen schönen Nikolausabend. Und obacht beim Glühwein!

MiniKrimi Adventskalender am 5. Dezember


TOD MIT TIEFGANG (Auszug)

von Joyce Summer

Prolog

Der alte Löwe streckte seine Glieder und sprang. Das kalte Wasser umhüllte seinen Körper und ein belebendes Prickeln durchströmte Arme und Beine. Als er auftauchte, schüttelte er die Wassertropfen aus seiner Mähne und atmete tief die salzige, nach Algen riechende Luft ein.

Fast wie im Herbst zu Hause, dachte der Mann. Nur ist die Ostsee wärmer als der Atlantik im Schatten des Tafelberges.

Er rückte seine Schwimmbrille zurecht und setzte zum Freistil an.

Mal sehen, wie viele Bahnen ich heute schaffe. Achte auf deine Wasserlage, die Phasen des Armzuges und die Rotation des Körpers, zitierte er seinen alten Schwimmtrainer bei der Marine und begann das Morgentraining.

Sein Körper glitt mühelos durch das Wasser. Für einen alten Mann wie mich gar nicht schlecht. Gleich bin ich am Anschlagbrett.

Die nächsten langen Züge. Er schaute kurz nach vorne, um sich zu orientieren. Dann atmen nach links. Als er den rechten Arm ins Wasser tauchte, fühlte es sich an, als ob er seine Hand in Watte steckte. Hmm, heute scheint mir die Kälte doch etwas mehr zuzusetzen als erwartet. Ein Krampf zog sich durch seinen linken Fuß und kroch langsam die Wade hoch. Sofort reduzierte er seinen Beinschlag, um die beanspruchten Beinmuskeln zu entlasten. Seine Schläfen begannen zu pochen und sein Kopf fühlte sich an, als steckte er in einem überdimensionalen Schraubstock, der langsam immer fester gezogen wurde. Die verfluchte Kälte! Plötzlich war das Schwimmen kein Spaß mehr. Jeder Zug wurde zum Kampf. Aber Aufgeben kam nicht infrage. Was würde der Löwe tun? Das Vorgehen anpassen und sich dem Kampf stellen. Wieder hob er leicht den Kopf, um sich zu orientieren. Das Anschlagbrett war kaum nähergekommen.

Was ist nur mit mir los?, fragte er sich, während sein rechter Ellbogen aus dem Wasser auftauchte. Er drehte den Kopf nach rechts, um Luft zu holen, und öffnete den Mund. Tausend Nadeln stachen in seine Brust. Kein angenehmes Prickeln wie beim Eintauchen in das kalte Wasser, sondern purer Schmerz. Anstatt belebender Luft schluckte er salziges Ostseewasser. Aus seinem Magen suchte der Frühstückskaffee mit einem sauren, beißenden Geschmack seinen Weg nach oben. Er stoppte und versuchte sich umzudrehen, zurück zum Steg zu schwimmen, zu den Menschen, die dort gerade ihre Utensilien auf der Plattform aufbauten. Das klare morgendliche Blau des Himmels und des Wassers verschwammen zu einem dumpfen Gelb‑Grün. Als wäre er in einem alten Farbfilm gelandet, dessen Farben durch das Alter verblasst und verändert waren. Seine Glieder wurden schwer und zogen ihn nach unten. Anstatt eines Schreis entwich ihm nur ein leises Gurgeln. Kraftlos glitt er in Richtung Meeresboden. Wieder umhüllte ihn das kalte Wasser. Nur diesmal würde es kein Auftauchen für ihn geben.

Seebadeanstalt Holtenau

Die grün‑graue Welt breitete sich vor ihr aus, ihre Sicht getrübt und durch das kleine Fenster begrenzt. In klobigen, schweren Stiefeln stapfte sie langsam über den Grund. Einzelne zarte Pflanzen, zerdrückt durch ihre Masse, zierten als traurige Überbleibsel ihren Pfad.

Als wäre ich eine große orange‑gelbe Walze, die hier alles platt macht, was sich mir in den Weg stellt.

Sie widerstand dem Drang, Schwimmbewegungen zu machen, um endlich an die Oberfläche zu gelangen. So lange war sie noch nie unter Wasser gewesen und sie fühlte sich immer beklommener in ihrer Lage. Von wegen hier würde sie das Gewicht der Ausrüstung nicht mehr spüren. Es war zwar nicht so schwer wie über Wasser, aber sie empfand Hilflosigkeit. Sie wedelte mit den Armen, um voranzukommen und das an ihr zerrende Gewicht der Bleischuhe zu verringern.

Um sie herum blubberte und zischte es. Luftblasen entwichen dem historischen Kupferhelm, der fest an ihrem Anzug verschraubt war. Als Leif vor zehn Minuten mit einem riesigen Schraubenschlüssel ankam, um den Helm zu befestigen, hielt sie das zunächst für einen Witz. Aber das hier war keiner. Die lebensnotwendigen Schläuche lagen hinter ihr auf dem Grund, und jeder Schritt war ein Kampf gegen den Widerstand des Wassers. Bestimmt bin ich, wenn ich wieder aus diesem kalten Wasser komme, nass geschwitzt vor Anstrengung. Diese wollene Unterwäsche, die sie mir wegen der Kälte aufgedrängt haben, hätte ich gar nicht gebraucht. Wahrscheinlich ist das nur für Berufstaucher gedacht, die bei solchen Tauchgängen nicht unter Adrenalin stehen, sondern die ganze Zeit tiefenentspannt sind. Sie drehte langsam den Kopf, und Michael, ihr Sicherungstaucher, erschien vor der Scheibe.Im Gegensatz zu ihr war er nicht mit Schläuchen an die Außenwelt gebunden, sondern tauchte mit Pressluft. Fast neidisch beobachtete sie, wie er sich ohne das schwere Gerödel schwebend über den Boden bewegte. Michael machte irgendwelche Zeichen mit den Armen.

Was will er mir damit sagen?

Sie schaute an sich herunter. Ihre Arme standen beinahe im rechten Winkel zu ihrem Körper und der Anzug war dick aufgeblasen. Verdammt, sie hatte die letzten Minuten vergessen, über das Ventil im Helm Luft abzulassen. Wenn sie so weiter machte, würde sie wirklich gleich nach oben treiben. Stine neigte den Kopf zur Seite und betätigte das Ventil. Mit der entweichenden Luft schmiegte sich der Anzug wieder an. Endlich gelang es ihr, die Arme zu senken. Michael nickte ihr zu und formte das Okay‑Zeichen mit Daumen und Zeigefinger.

Zu dem Zischen im Helm kam ein Knacken und die metallene Stimme von Leif hallte im Helm wider.

»Alles okay bei dir, Stine? Versuch mal, die Arme nicht nach oben zu strecken, dadurch strömt Luft über die Armmanschetten in die Handschuhe. Und die werden dir dann von den Händen geblasen. Das willst du nicht. Also schön regelmäßig Luft ablassen. Pass außerdem ein bisschen auf die Versorgungsleitung auf, damit du dich darin nicht verhedderst. Wenn du irgendwo lang gehst, immer schauen, wo die Leitung ist und den Rückweg immer daran entlang.« Seine Stimme klang ruhig, aber Stine meinte, Sorge darin zu hören.

Denkt er auch, dass ich lieber oben geblieben wäre und den anderen bei ihrem Helmtauchversuch zugeschaut hätte?

Ihr Blick folgte dem Luftschlauch. Leif hatte ihr gezeigt, dass nichts passieren konnte, wenn sie aus Versehen darauf trat, weil der Schlauch mit Stahldraht verstärkt war. Aber sie wollte nichts riskieren. Sie ging weiter, den Blick leicht nach hinten auf den Schlauch gerichtet. Bloß nicht verheddern, dachte sie, als ein dumpfes »Klong« in ihrem Helm dröhnte und sie gegen ein Hindernis stieß. Holzplanken ragten vor ihr auf. Von hinten klopfte ihr Michael auf die Schulter.

Wieder ertönte Leifs Stimme: »Du bist jetzt direkt unter uns. Vielleicht solltest du die Richtung wechseln, wenn du nicht unter der Seebrücke feststecken möchtest. Hier gibt es auch nicht viel Interessantes zu sehen, glaub mir. Lass dich von Michael in Richtung Anker führen. Den wollen wir später noch bergen. Du kannst ja schon mal die Lage erkunden. Achte beim Zurückgehen darauf, dass du an der Versorgung entlanggehst, damit du sie nicht um die Pfähle wickelst.«

Stine tastete sich an dem Balken entlang. Vor ihren Augen tauchte eine Plastikdose auf, die sich anscheinend dort verklemmt hatte.

Auch in der Ostsee gibt es schon überall Müll, sinnierte sie, als sie wieder Michaels Hand auf ihrer Schulter spürte. Mit sanftem Druck korrigierte er ihren Kurs in die entgegengesetzte Richtung. Dankbar bemerkte sie, dass er sie keinen Moment aus den Augen ließ. Ihr Puls beruhigte sich ganz langsam und sie fing an, die Unterwasserlandschaft zu beobachten. Kleine abgerissene Fetzen von Algen und Seegras schwammen um sie herum. Ab und zu nahm sie das silberne Glitzern eines Fisches wahr. Eine große Feuerqualle glitt vor ihr durch das Wasser. Als Schwimmerin hätte sie jetzt das Weite gesucht, aber geschützt durch den Anzug konnte sie in Ruhe die Schönheit dieses Lebewesens beobachten. Rot und Orange schimmerte sie in dem Licht, das von der Wasseroberfläche in die Tiefe fiel. Die Tentakel streiften Stines Sichtfenster und sie konnte sogar die Organe der Qualle erkennen. Ein Schwarm kleiner Fische zog direkt an ihr vorbei. Er und Michaels fester Griff leiteten sie in Richtung Anschlagbrett der Seebadeanstalt. Wieder tauchten Holzpfähle vor ihr auf. Das musste das Brett sein, welches für die Schwimmer des Seebades die 50 Meter begrenzte. Als sie sich näherte, konnte sie kleine Krebse sehen, die sich, festgeklammert an den Pfählen, vom Wasser umspülen ließen. Direkt unter dem Steg wiegte sich etwas Weißliches im Wasser. Ein großer Plastikbeutel? Oder eine Boje? Kann sich das Plastik an dem ominösen Anker verfangen haben?

Sie räusperte sich und sofort ertönte wieder Leifs Stimme: »Du müsstest gleich bei dem Anker sein. Geht es dir gut? Kein Schwindel so weit?«

»Ja, alles gut. Magst du mir noch mal sagen, warum wir den Anker suchen? Stellt er eine Gefahr für die Schiffe dar?«

Eine kurze Pause folgte, dann hörte sie jemanden im Hintergrund lachen.

»Nein, keine Gefahr für die Schiffe. Aber es ist gut, wenn wir das Ding bergen.«

Eine zweite Stimme meldete sich. Es klang nach Astrid, Leifs Frau. »Leif will nur nicht zugeben, dass er ›grabbeln‹ will.«

»›Grabbeln‹? Was soll das sein?«

Sie hörte Astrid erneut lachen. »Das bedeutet, dass mein Mann noch mehr unnützes Zeug vom Meeresboden bergen und zu seiner Sammlung zu Hause packen will. Du musst bei Gelegenheit mal bei uns vorbeikommen und dir sein Museum ansehen.«

Stine überlegte kurz, ob sie umkehren sollte, da der Notfall des am Boden liegenden Ankers ja keiner mehr war. Aber dann siegte ihre Neugier, und sie setzte ihren Weg fort, Michael immer in ihrer Nähe wissend. Wann würde sie wieder die Gelegenheit haben, am Boden der Ostsee entlangzulaufen? Sie war keine Taucherin, Schnorcheln konnte sie so leidlich, aber das war kein Vergleich mit dieser Erfahrung. Sie tat den nächsten Schritt und versuchte, durch die kleine Scheibe die gesamte Umgebung im Auge zu behalten. Diesmal wollte sie keine Holzpfähle rammen. Keine Sekunde später blieb ihr rechter Fuß hängen und ihr Körper bewegte sich in Richtung Boden. Nur die Trägheit hinderte ihren Fall.

Dieses beschränkte Sichtfeld macht mich wahnsinnig! So muss es sich anfühlen, wenn man alt wird. Angeblich soll man dann ja auch alles nur noch ausschnittweise wahrnehmen können. Was musste das für eine Belastung sein? Stine merkte, wie ihr Herz immer heftiger klopfte. Ich möchte zurück, raus aus diesem Anzug! So langsam wird es mir hier unter Wasser unheimlich.

»Hast du was gesagt, Stine?« Leif wieder.

Habe ich laut vor mich hin gebrabbelt? Hoffentlich nicht.

»Nein, nein. Alles okay hier. Aber ich glaube, ich möchte wieder zurück zum Steg. Lass lieber einen von den erfahrenen Tauchern nach dem Anker suchen. Ich …« Sie stockte. Während sie sich auf das Gespräch mit Leif konzentrierte, war sie viel zu nah an die Unterwasserbauten des Anschlagbretts geraten.

So ein Mist, schimpfte sie. Notiz für mich: Unter Wasser bin ich definitiv nicht multitasking‑fähig.

Die weißliche Masse, die sie von weitem schon gesehen hatte, schob sich in ihr Gesichtsfeld.

Das war keine Plastiktüte. Das Gesicht eines Mannes starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.

Politik und Intrigen kennt die Autorin nach jahrelanger Arbeit als Managerin in verschiedenen Banken und Großkonzernen zur Genüge: Da fiel es ihr nicht schwer, dieses Leben hinter sich zu lassen und mit Papier und Feder auf Mörderjagd zu gehen. Die Fälle der Hamburger Autorin spielen dabei meistens nicht im kühlen Norden, sondern in warmen und speziell ausgesuchten Urlaubsregionen wie Madeira und Südafrika. 

Tod mit Tiefgang, Taschenbuch, 340 Seiten broschiert – ISBN-13: 978-3-758373848Tod mit Tiefgang, Ebook – ISBN-13: 978-3-759219497 bzw. ASIN: B0CW1HP2P2

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MIniKrimi Adventskalender am 5. Dezember


MORD IM MÜHLTAL (Auszug)

von Carla Wolf

»Die Tödlichen Ladys tagen in der Stadt.« Die Journalistin Petra Koslowski saß an ihrem Schreibtisch in der Redaktion der Langener Morgenpost und scrollte durch ihre Mails.

»Was ist das? Ein Geheimbund von lauter Mörderinnen?« Frederik, der Praktikant, schob sich den überlangen schwarzen Pony aus der Stirn und schielte zu seiner Kollegin hinüber.

Die gluckste. »So ähnlich«, meinte sie. »Die morden, aber nur mit Worten. Sind alles Krimischriftstellerinnen. Die Crème de la Crème des Landes.«

Frederik, der vermutlich keine Krimis las, zuckte desinteressiert die knochigen Schultern.

»Ist gar nicht so einfach, dort Mitglied zu werden. Die sieben ganz schön aus«, fuhr Petra fort. Sie hatte inzwischen die Webseite des Clubs aufgerufen. »Es dürfen, halte dich fest, immer nur genau 100 Autorinnen in der Gruppe sein.« Sie zog ihren Notizblock zu sich und machte einen entsprechenden Vermerk.

»Was wollen die denn hier?« Frederik hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und ließ einen Bleistift zwischen seinen Fingern herumwandern.

»Sie halten jährlich eine Woche lang ein Arbeitstreffen ab. Immer vor der Frankfurter Buchmesse und immer in einer anderen Stadt. Dieses Jahr bei uns in Langen und standesgemäß im Sterzbacher Hof.«

»Schreibst du was über die?«

»Klar!« Petra grinste. »Die First Lady Marie-Theres Strobel hat uns eine Pressemitteilung geschickt.« Sie deutete auf den Bildschirm ihres PC. »Aber ich denke, ich reichere das Ganze mit ein bisschen Original-Ton und einem kleinen Interview an.«

»Strobel? Muss man die kennen?«

Petra seufzte. »Was liest du denn?«, fragte sie streng.

»Fantasy und Dystopien«, lautete Frederiks Antwort. Und dann legte er los und nannte eine ganze Reihe von Serien, unter denen taten es die Fantasy-Schreiberinnen und Schreiber offensichtlich nicht, die man einfach gelesen haben musste. Als er dann noch anfing, über Steampunk, High End und Urban Fantasy zu reden, winkte Petra ab.

»Nicht meine Welt«, befand sie.

Ehrlicherweise sagte ihr der Name der obersten Tödlichen Lady selbst auch nichts. Sie musste ihn in eine Suchmaschine eingeben. »Wow«, murmelte sie allerdings, nachdem sie sich ein bisschen eingelesen hatte. Die Frau hatte eine vom Feuilleton hoch gelobte Serie über eine Polizistin im vorigen Jahrhundert geschrieben. Feministisch angehaucht und erstklassig recherchiert, schrieb die Kritik. Das Publikum war eher gespalten, aber das war ja häufig so. Das einzige von der Autorin vorhandene Foto zeigte eine streng in die Kamera schauende Frau mittleren Alters, deren dunkelgraue Mähne wirkte, als sei sie durch eine rasante Fahrt in einem Cabrio gestylt worden.

Petra fuhr sich durch ihre kurz geschnittenen blonden Haare und griff zum Handy, um sich bei der Frau anzumelden.

Kaum geschehen, zog eine Mail, die sich durch ein leises Pling anmeldete, die Aufmerksamkeit der Journalistin auf sich.

»Das ist ja ein Ding!«, sagte sie halblaut vor sich hin.

»Ist was?«, Frederik schaute neugierig zu ihr.

»Kann man wohl sagen.« Petra war bereits dabei, ein paar Sachen in ihre Tasche zu werfen.

»Pressekonferenz heute Nachmittag. Man hat eine Tote gefunden. Im Mühltal. Sieht nach einem Mord aus.«

Die Frontfrau des Autorinnenclubs Die Tödlichen Ladys sah in natura wesentlich weniger streng aus als auf dem Foto ihrer Webseite. Sie war eher klein, höchstens ein Meter sechzig, und statt einer ernsten Miene trug sie ein Lächeln im Gesicht. Wache braune Augen blickten durch eine modische Brille in die Welt. Die Haarpracht jedoch war unverkennbar. Nach allen Seiten standen die schwarzgrauen Wellen von ihrem Kopf ab und wirkten, als hätten sie gerade einen Orkan überstanden.

Marie-Theres Strobel winkte die Journalistin mit sich in einen kleinen Besprechungsraum. Über der Tür prangte ein weißes Transparent, gesprenkelt mit unregelmäßigen roten Spritzern. Als habe jemand Blut vergossen. In schwarzer Schrift stand dort: »Wir sind Die Tödlichen Ladys.« Und darunter der Slogan der Vereinigung: »Bei uns ist Krimi weiblich!«

»Mögen Sie?« Strobel deutete auf einen Servierwagen, auf dem eine chromfarbene Thermoskanne und ein Teller mit Hefeplunder standen.

»Kaffee sehr gern.«

Während die Vorsitzende der Autorinnenvereinigung ihnen beiden einschenkte, nahm Petra auf einem der Sessel der Sitzgarnitur Platz, schob auf dem Couchtisch ein Schälchen mit Zuckertüten und ein Milchkännchen zur Seite und legte ihren Notizblock ab.

»Nun, was möchten Sie über uns wissen?«, fragte Marie-Theres Strobel, nachdem auch sie sich gesetzt hatte.

»Nach allem, was ich bereits gelesen habe …«

Weiter kam Petra nicht. Die Tür flog auf und herein spazierte eine große Frau, deren Blick die Journalistin förmlich zu durchbohren schien.

»Mechthild Schmauser. Die zweite Vorsitzende unseres Netzwerks. Verantwortlich für die Finanzen«, erklärte Marie-Theres, als die andere herangekommen war. Ihr selbst war die Verwirrung über das Eintreffen ihrer Kollegin anzumerken. Petra hatte den Eindruck, dass das nicht abgesprochen war und sie sich nicht darüber freute.

»Viola kommt auch gleich«, sagte Mechthild in einem leicht schleppenden Tonfall.

»Ach ja?« Die Vorsitzende der Tödlichen Ladys wirkte jetzt definitiv verärgert.

Mechthild ließ sich aufs Sofa plumpsen, ohne auf Petras Gruß und die Irritation von Strobel zu reagieren.

»Wir sind zu dritt im Vorstand«, erklärte sie lediglich. Sie fuhr sich über das kurz geschnittene, rotblonde Haar, als wolle sie prüfen, ob das Gel, das sie reichlich verwendet hatte, seinen Zweck erfüllte.

»Mechthild schreibt Cosy Crime«, meldete sich die First Lady wieder zu Wort.

»Aha. Das sind eher heitere Krimis?«, hielt Petra das Gespräch am Laufen.

Mechthild nickte mit derartig finsterem Gesichtsausdruck, dass Petra sich insgeheim fragte, wo so ein Sauertopf wohl den Humor hernahm. Hoffentlich waren nicht alle Autorinnen so schlecht gelaunt. Doch gleich die Frau, die als nächste eintrat, zerstreute ihre Bedenken.

»Viola Habert, die dritte Vorsitzende und verantwortlich für die interne Kommunikation.« Marie-Theres winkte der Frau, die mit ihren langen hellblonden Locken und dem breiten Lächeln auf dem kirschrot geschminkten Mund aussah wie ein Rauschgoldengel, freundlich zu.

»Hallo!«, sagte Viola, reichte Petra die Hand und ließ sich ebenfalls auf das Sofa plumpsen. Die First Lady, jetzt eingerahmt von ihren beiden Stellvertreterinnen, saß stocksteif und eindeutig angespannter als noch vor wenigen Minuten da. Drei Augenpaare ruhten auf Petra.

»Dann wollen wir mal«, sagte die betont munter.

Erfreulicherweise ging das Interview recht zügig voran. Die Vorsitzende beantwortete alle Fragen. Mechthild und Viola nickten gelegentlich und insgeheim fragte sich Petra, warum die beiden so viel Wert darauf gelegt hatten, anwesend zu sein. Denn weder der Rauschgoldengel noch der Sauertopf griffen in das Gespräch ein. Das darüber hinaus dann überraschend und ziemlich abrupt endete.

Die Tür flog auf, eine Frau mit kurzem dunklen Haar, das abstand wie die Stacheln eines Igels, stürmte herein, ohne auf Petra zu achten.

»Zita«, keuchte sie und presste die Handflächen an ihre Schläfen. »Sie ist … es ist etwas geschehen … es ist so furchtbar …«

Carla Wolf: Mord im Mühltal, BoD (Books on Demand), Oktober 2024
Taschenbuch, 264 Seiten, 13.00 Euro, ISBN‎ 978-3759792150

Mord im Mühltal ist überall im stationären und Online-Buchhandel erhältlich.

(c) Karsten Werner

MIniKrimi Adventskalender am 3. Dezember


Zu schön, um wahr zu sein?

Ist es in Zeiten von Genderfluid und Genderneutralität noch ok, nach einem Mann zu suchen? Einem binären Cis-Wesen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen? Iris ist sich nicht sicher. Wie so oft in ihrem Leben. Ihre Unsicherheit bestimmt ihren Alltag, im Großen wie im Kleinen. Ist es ok, wenn ich Kiwis aus Neuseeland kaufe? Die schmecken so gut. Aber was werden die Leute hinter mir in der Supermarktschlange denken? Dass ich mir keine Gedanken über meinen ökologischen Fußabdruck mache? Und dann greift Iris lieber zu einem braungelbrauen Boskop. Obwohl sie Äpfel hasst. Das gleiche beim Fleisch. Das Huhn mit dem ethische Unbedenklichkeit suggerierenden Aufkleber „biologische Haltung“ kostet dreimal soviel wie das Wiesenhof Hähnchen nebendran. „Stell dir vor, es gibt immer noch Leute, die Billigfleisch essen, ohne einen Gedanken an das schreckliche Leben und den qualvollen Tod der armen Tiere zu verschwenden. Ganz zu schweigen davon, dass sie von den Antibiotika, die sie dabei mitbekommen, eine tödliche Immunität entwickeln. Geschieht ihnen recht. Also mir würde so ein Bissen im Hals stecken bleiben“, sagt der Hipster neben ihr am Kühlregal zu seiner Freundin, und sein Man Bun nickt im Takt bei jedem Wort. Iris zieht die Hand zurück, die schon nach dem Billighuhn gegriffen hat, dreht sich um und nimmt einen Backcamembert. Den hasst sie wenigstens nicht so sehr wie Äpfel.

Beim Zielvereinbarungsgespräch mit ihrem Chef geht sie regelmäßig ohne angemessene Gehaltserhöhung raus, dafür aber mit einer beachtlichen Liste an Mehraufgaben. Weil sie nicht weiß, wieviel mehr Geld sie verlangen möchte. 10 Prozent? 5? Oder 15? Dann lieber gar nichts.

Und genau wegen dieser Unschlüssigkeit ist Iris mit Mitte 40 immer noch Single. Wie viele Dates hat sie verpasst, weil sie viel zu lange vor ihrem Kleiderschrank stand, ohne sich für ein Outfit entscheiden zu können! Wie oft ist sie nach einem netten Abend alleine nach Hause gegangen, weil sie auf die Frage „Zu mir oder zu dir?“ keine Antwort wusste, was ihr unweigerlich als Desinteresse ausgelegt wurde.

Sicher wäre auch die Wahl der passenden Dating Seite ein unüberwindbares Hindernis für Iris gewesen. Aber Iris ist nicht nur von Natur aus unschlüssig, sie ist auch technisch ziemlich unbegabt. Als Assistentin der Geschäftsführung ist das zum Glück kein Handicap, sie braucht nur Outlook, Word und Excel, der Rest wird von anderen Abteilungen bearbeitet. Ihre Telefonstimme und ihre Kalenderführung sind so überzeugend, dass Iris für den Chef unersetzlich ist. Mit etwas mehr Selbstvertrauen hätte sie sogar die Verdopplung ihres Gehalts durchgesetzt, bei Kündigungsandrohung. Aber so ist Iris eben.

Und weil sie sich mit Smartphones und Apps nicht auskennt, hat sie sich bei der ersten Partnerbörse angemeldet, die auf ihre Suche im PC hin erschienen und noch dazu so „traditionsreich“ ist, dass sogar Iris den Namen schon mal gehört hat. “Du hast so viel zu bieten“, hieß es im Werbetext. „Sag der Welt, was du suchst. Bei uns brauchst du keine Kompromisse zu machen. Du findest genau den Partner, den du dir wünschst.“

Das klang vielversprechend. Und wenn Iris keine Wahl hat, sondern sich selbst etwas überlegen muss, dann klappt es auch mit der Formulierung ihrer Erwartungen. Also hat sie die Schublade mit dem Kräutertee gar nicht erst aufgemacht, sondern sich ein Glas Amarone eingeschenkt, sich damit an den PC gesetzt und direkt ins Online-Formular hinein getippt:

Ich suche einen Mann, der mich liebt. Der mich unerwartet umarmt und mich gerne küsst. Einen, der mich überrascht: mit einem Abendessen, einem Geschenk außer der Reihe oder einer zärtlichen Nachricht. Einen, der mich streichelt und mir auch den Nacken massiert. Einen, der mir zuhört, auch wenn das Thema ihn nicht interessiert, nur, weil ich es ihm wert bin. Einen, für den ich die Schönste bin, mit und ohne Makeup. Einen, der mit mir die Leidenschaft genießt, der meine Wünsche erfüllt, der freundlich ist, gut erzogen und ehrlich. Einen, der Stil hat, ohne arrogant zu sein. Einen, der meine Welt schöner macht. Einen, für den ich die andere Hälfte seines Herzens bin.

Ich bin Anfang 40, gepflegt, selbstständig und naturblond.

Das ist jetzt 3 Wochen her. Und bis jetzt hat Iris keine ernstzunehmenden Antworten erhalten. Tja, denkt sie, da bin ich einmal ehrlich und sage frank und frei, was ich will – und dann das. Typisch. Sie ist gerade dabei, den PC wieder runterzufahren, als es „plingt“ und im Eingangskorb ihres Dating Accounts das Briefsymbol auftaucht. „Du hast Post“, flötet eine Stimme mit dem Sexappeal eines Navigationssystems. Iris zögert. Natürlich. Soll sie die Nachricht öffnen? Oder ungelesen in den Papierkorb verschieben? Ja? Oder nein? Iris geht in die Küche, schenkt sich ein großes Glas Amarone ein, setzt sich an den Schreibtisch und öffnet die Nachricht.

Liebe Iris,

lass mich der Mann sein, der dich liebt. Der dich unerwartet umarmt und dich gerne küsst. Der dich überrascht: mit einem Abendessen, einem Geschenk außer der Reihe oder einer zärtlichen Nachricht. Der dich streichelt und dir auch den Nacken massiert. Der dir zuhört, auch wenn das Thema mich nicht interessiert, nur, weil du es mir wert bist. Du wirst für mich die Schönste sein, mit und ohne Makeup. Gemeinsam werden wir die Leidenschaft genießen, und ich werde deine Wünsche erfüllen. Ich bin freundlich, gut erzogen und ehrlich. Ich habe Stil, ohne arrogant zu sein. Ich möchte deine Welt schöner machen. Du sollst die andere Hälfte meines Herzens sein.

Ich bin Mitte 40, Single, dunkelblond und verdiene gut.

Iris traut ihren Augen nicht. Ok, die Antwort ist nicht besonders originell. Aber andererseits zeugt sie doch auch von einer gewissen Ernsthaftigkeit. Zumindest hat er ihre Auflistung gelesen. Und scheint damit zufrieden zu sein. Sie trinkt das Glas aus und schenkt sich ein zweites ein, bevor sie ihm antwortet.

Die nächste Woche vergeht für Iris in einem nie gekannten Gefühlstaumel. Alexander, so heißt „er“, und sie schreiben sich mehrmals am Tag. Längst haben sie ihre Telefonnummern getauscht, und schon nach 24 Stunden haben sie sich das erste Mal gesprochen. Er ist von ihrer Stimme berauscht, hat er ihr gesagt. Und das glaubt sie ihm. Sie hat eine unglaubliche Telefonstimme. Erotisch, samtig, klar und dabei vertrauenerweckend. Seine Stimme ist etwas metallisch, zuweilen. Aber das mag an der Verbindung liegen. Seine Worte allerdings sind alles andere als hart. Er versteht es, ihr Herz anzurühren, ohne schnulzig zu sein.

Auch, als sie sich das erste Mal treffen, platzt die Blase nicht. Im Gegenteil: Alexander sieht live womöglich sogar noch besser aus als auf den Fotos, die er ihr geschickt hat. Die neue Iris ist schon so selbstsicher, dass sie keinen Augenblick daran denkt, das Date abzusagen. Sie hat sich ein neues Kleid gekauft, smaragdgrün, passend zu ihren Augen und ihren Haaren. Alexander ist „hingerissen“, sagt er. Und lächelt warm und zärtlich.

Der Sex mit Alexander ist anders als alles, was Iris bis jetzt erlebt hat. Er scheint jeden Zentimeter ihres Körpers zu kennen und genau zu wissen, was sie will und was sie braucht. Besser als sie selbst, sogar. „Als ich die Anzeige schrieb, dachte ich, darauf wird mir nie einer antworten. So einen Mann gibt es doch gar nicht. Der müsste erst extra für mich erschaffen werden“, sagt Iris und schmiegt sich in seine Achselhöhle. „Das bin auch“, flüstert Alexander und massiert ihre Nackenwirbel genau dort, wo die Verspannung sitzt.

Die Wochen vergehen, und Alexander ist ganz und gar der Mann, den Iris sich erträumt und gewünscht hat. Manchmal, wenn er wieder einmal genau das tut, was sie gerade von ihm erwartet, bevor sie es noch ausgesprochen hat, ist sie allerdings ein wenig irritiert. Woher weiß er, dass sie am Liebsten blaue Tulpen mag? Sie haben nie darüber gesprochen. Wie hat er den lange verschwundenen Ohrring gefunden, ohne ihre Wohnung auf den Kopf zu stellen?

Als sie am Frühstückstisch über die Vor- und Nachteile künstlicher Intelligenz sprechen, wirft Iris ihm einen Köder hin: „Manchmal glaube ich, du bist gar kein richtiger Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz in einem Roboterkörper. Du weißt alles, merkst dir alles, liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, sogar noch bevor ich selbst weiß, was ich will.“

Alexander lächelt und greift nach ihrer Hand. „Ertappt“, sagt er. Dann läuft ein Zucken durch seinen Körper, sein Blick wird starr. Das Ganze dauert nur zwei Sekunden, aber Iris ist zu Tode erschrocken. „Alexander, entschuldige! Ich wollte dich nicht verletzen. Was ist denn? Geht’s dir gut? Komm, ich bringe dich zum Arzt.“

Alexander wehrt ab. „Nein, nein, nicht nötig. Alles gut.“ Stille. Dann: „Aber vielleicht hast du recht. Ich gehe nachher gleich mal zu meinem Hausarzt. Sicher ist sicher.“ Iris will ihn begleiten, aber er besteht darauf, alleine zu gehen. Um 12.30 Uhr verlässt er ihre Wohnung.

Sie wird ihn nie wiedersehen.

Sie versucht, ihn anzurufen. „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Sie sucht ihn auf dem Dating Portal. Sein Account existiert nicht mehr. Dann tut Iris etwas, was sie noch nie getan hat. Sie forscht nach ihm. Googelt. Nichts. Iris ist verzweifelt. Sie versucht mithilfe eines guten Freundes im Finanzamt, der ihren Kummer schließlich nicht mehr mit ansehen kann, ihn anhand einer Steuernummer zu identifizieren. Nichts. Alexander ist wie vom Erdboden verschluckt. Oder vielmehr sieht es so aus, als hätte er nie existiert. „Und du hast ihn dir sicher nicht eingebildet?“, fragt der Freund vorsichtig. Daraufhin ghostet sie ihn.

In ihrer Verzweiflung durchforstet Iris, die früher so gut wie nie online unterwegs war, das Internet. Sie stößt auf immer dunklere Foren. Und irgendwann findet sie ein Wort, das sie nicht mehr loslässt. Weil es irgendwie auf Alexander zutreffen könnte. Cyborg. Ist er das? War es das? Ein Cyborg?

Iris recherchiert weiter. Findet schließlich ein Forschungsteam in Skandinavien, das offenbar an der Entwicklung und Perfektionierung der Verbindung von Organismen und Maschinen arbeitet. Offiziell geht es um Schnittstellen zwischen Technik und Gehirn, wie den grünen Daumen oder Coprozessoren, die das Gehirn bei Denkleistungen unterstützen sollen. Aber in speziellen Foren wird gemunkelt, dass dort auch Cyborgs entwickelt werden, Hybride aus Mensch und Maschine.

Iris reist nach Norwegen. Noch nie in ihrem Leben war sie so weit weg von zu Hause. Aber so unschlüssig sie früher war, so zielgerichtet ist sie jetzt. Sie will Alexander finden. Koste es, was es wolle. Sie kann und sie will ihn nicht vergessen.

Auf den ersten Blick sieht das Forschungsgelände enttäuschend harmlos aus. Keine Zäune, keine Kontrollen. Nur ein heller weiter Platz mit runden Bänken vor einem Gebäude aus Glas und Metall. Mit riesigen Aufzügen. Die vielleicht auch in die Tiefe führen, denkt Iris. Geheimnisse lagert man am besten im Keller.

Es ist ein sonniger Spätsommertag, wahrscheinlich fast untypisch für den hohen Norden. Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel herab, Vögel singen, und am Horizont sieht man den majestätischen Fjord. Ein einzelner Mensch sitzt auf einer der Bänke, das Gesicht der Sonne zugewandt, die Augen genießerisch geschlossen. Iris‘ Herz beginnt wie wild zu schlagen. Sie weiß genau, wer dort sitzt. „Alexander“, ruft sie und geht, läuft, rennt auf ihn zu. „Alexander! Endlich hab‘ ich dich gefunden!“ Sie setzt sich neben ihn, greift nach seiner Hand, schaut ihm in die Augen, die sie erstaunt und ohne jedes Anzeichen eines Erkennens ansehen. Dann spricht er – es ist seine weiche, melodische, leicht metallische Stimme. Aber Iris versteht nicht, was er sagt. Es ist eine fremde Sprache. „Alexander“, versucht sie es noch einmal. Aber er sieht sie nur an, lächelnd, freundlich, wie ein x-beliebiger Unbekannter. Sie redet auf ihn ein, er schüttelt den Kopf. Dann zieht er seine Hand unter der ihren weg, steht auf, sagt noch etwas Unverständliches und geht zurück ins Gebäude.

Wie lange Iris auf der Bank gesessen hat? Sie weiß es nicht. Aber die Sonne geht unter, es wird merklich kühler. Was soll sie jetzt machen? Nach Hause fahren? Ins Gebäude gehen? Schreien? Die Polizei holen? Sind die hier überhaupt zuständig? Und was will sie ihnen sagen? Iris legt den Kopf in beide Hände und weint.

Da legt sich eine Hand auf ihre Schulter. „Sie sollten hier nicht sitzen. Es ist viel zu kalt. Kommen Sie, ich begleite sie zum Bahnhof. Sie sind doch mit dem Zug gekommen?“ Der Mann ist um die 60, hager, mit grauem Haarschopf, kurzem Schnurrbart und runder Brille. Er spricht deutsch. „Wer…?“ „Nicht jetzt. Nicht hier. Kommen Sie.“ Er legt seinen Arm um Iris und geht mit ihr über den Platz in Richtung Siedlung. Erst, als der Bahnhof am Ende der Straße zu sehen ist, spricht der Mann wieder.

„Was ich hier mache, ist mehr als unprofessionell. Es könnte mich meinen Job kosten, theoretisch. Aber ich zähle darauf, dass ich zu wichtig bin, unersetzlich, wenigstens auf die Schnelle. Sie tun mir leid, und Ihre Verzweiflung lässt mich nicht los. Ich habe Sie und ihren Weg bis zu uns verfolgt. Sie waren sehr hartnäckig, alle Achtung. Ganz entgegen ihrer bisherigen Natur. Ich bin froh, dass diese Erfahrung für Sie auch etwas Gutes gebracht hat.“

„Aber, wer?“ setzt Iris erneut an.

„Sie haben es ja beinahe schon selbst herausgefunden. Alexander war, ist ein Cyborg. Einer unserer Prototypen. Als wir Ihre Anzeige in diesem Dating Portal gesehen haben, war das einfach die perfekte Gelegenheit, ihn im real life zu testen. Sie müssen zugeben, die Chancen, einen echten Mann zu finden, der so perfekt all ihren Vorstellungen entsprach, waren doch gleich Null. Dass Sie da nicht schon viel früher Verdacht geschöpft haben, wundert mich. Sie sind doch intelligent. Aber als Sie seinem Geheimnis dann doch zu nahe kamen, konnten wir kein Risiko eingehen. Alexander hatte offenbar noch ein paar Fehler. Er war zu perfekt, zu unterwürfig. Nicht menschlich genug. Wir mussten ihn zurückrufen.“

„Und der Mann, den ich auf der Bank getroffen habe? Das war er doch, das war Alexander?“

„Ja. Und nein. Das ist quasi Alexander 2.0. Wir haben ihn komplett neu programmiert. Er hat keine Erinnerung an Sie. Das versichere ich Ihnen. So, bald kommt ihr Zug. Leben Sie wohl. Und geben Sie sich lieber mit dem Zweitbesten zufrieden, vor allem in der Liebe. Perfektion hat immer einen viel zu hohen Preis.“

MIniKrimi Adventskalender am 2. Dezember


VERBOTENE LUST

von Monika Buttler

Nein, sie würde das nicht unterschreiben. Wer bürgt, wird erwürgt. Und wenn er sie zwang? Aber wie denn? Sie müsste schon tot sein, damit ihr Mann sich noch retten könnte. IT-Branche. Als wenn das ein Selbstläufer wäre.

In ihrem Zimmer, im Gästehaus des Samariterwerkes zu Volkertshausen, schaut Caren Rickmers sich um. Sie wartet, ob sie fremdelt, wartet auf die Hotel-Depression, die sie wie immer aus dem Takt werfen wird. Aber sie hat Glück. Helle, warm getönte Holzmöbel, Teppiche und Wäsche in frischem Apfelgrün. Softeis für die Seele, denkt sie, und kichert leise. Denn süße Tröster sind hier tabu. Zwei Wochen „Heilfasten“ im katholischen Samariterwerk. Heilerfolge seit 75 Jahren!

Ihr Fett – für jedes Hasswort ihres Mannes hat sie ein Törtchen gebraucht – , ihr Speckgürtel würde dahinschmelzen. Sie würde leichter und leichter werden, erst am Leib, dann an der Seele, flügelleicht wie ein Engel und energievoll wie – der Teufel! Caren, unterbricht sie sich selbst, du bist in einem Christenhaus.

Sie öffnet die Balkontür. Vor ihr, im sommerlichen Abendlicht, strecken sich Wiesen und Äcker hin. Kein Wind, nur Wärme streift ihre Haut. Wirklich angenehm. Ausgeglichenes Bodensee-Klima, memoriert sie den Prospekt. Über allem scheint glockengleich ein Friede zu schweben. Menschen, die ohne Hektik in ihren Gärtchen und am „Häusle“ werkeln, der Singsang ihres „Schwätzens“, der sie heiter umhüllt und dessen Sinn sie nie ganz versteht … Sie zupft ihre Sachen aus dem Koffer. Ein pinkfarbener Jogging-Anzug, perfekt zu ihrem blond gesträhnten Haar, Tops in Türkis, die Träger nur ein Hauch. Sie würde wieder attraktiv werden, mit 55 noch einmal durchstarten. Erotik … Wie war das noch? Wie ging das noch? Einst hat sie ihren Mann bewundert, hat wohlig geblüht im Schatten seiner Stärke. Jetzt hat sie Angst vor ihm. „Gut, eine letzte Frist!“, hat Herbert mehr gebrüllt als gesprochen, „dann hau doch ab, fahr zu diesen Saft-Heinis und Dinkelfressern. Muss mir mein Steak ja sowieso immer selbst machen. Aber danach unterschreibst du!“

„Verbotene Lust“ steht in der neu erschienenen Kurzkrimi-Sammlung „Tödliche Taten“, dem zweiten Band von zwei Neuerscheinungen. Band eins heißt „Manchmal nützt nur Mord. Kriminalgeschichten de luxe“.

„Tödliche Taten“ ist im Buchhandel erhältlich.

Autorinnenfoto Monika Buttler Autor*innenfoto Monika Buttler (c) privat

Und das ist die Website von Monika Buttler: www.monikabuttler.de

MIniKrimi Adventskalender am 1. Dezember


Die Mischung macht’s

Julius

„Ich weiß wirklich nicht, was er hat,“ denkt Julius. Mit „er“ meint er seinen Partner, Max. Eigentlich ist er mehr als sein Partner. Er ist sein bester Freund. Einer, mit dem Julius durch dick und dünn geht. Für den er sogar sein Leben riskieren würde. Wahrscheinlich. Deshalb schmerzt die Kluft, die sich seit zwei Wochen zwischen ihnen aufgetan hat, so sehr. Um so mehr, als Julius nicht wirklich versteht, welches Problem Max mit ihm hat.

„Du hast dich Bella gegenüber nicht nur falsch verhalten, du hast sie in eine furchtbare Lage gebracht, eine, aus der sie nie wieder rauskommt. Das ist unverzeihlich!“ Noch nie hat Max ihn so angeschrien. Julius ist verstört. Zunächst hat er versucht, seinen Partner zu beschwichtigen. Mit den üblichen Tricks, von denen er eine ganze Menge auf Lager hat. Schuldbewusster Blick. Stummes Nicken. Dann, nach einer angemessenen Pause, ein freundlich kumpelhafter Stups. Eine hoffnungsvolle Aufforderung: „Ok. Du bist sauer. Aber sind wir jetzt wieder gut? Beste Freunde?“

„Nein, Julius, so leicht kommst du mir diesmal nicht davon. Lass mich einfach mal in Ruhe. Ich muss nachdenken. Darüber, wie es mit uns weitergeht.“ Dieses Nachdenken dauert nun schon fast zwei Wochen. Julius schleicht durch’s Haus wie ein Schatten seiner selbst, auf Schritt und Tritt bemüht, Max nicht noch mehr zu verärgern. Das Schlimme ist: er weiß eigentlich gar nicht, warum Max sich so aufregt.

Ja. Er hat sich in Bella verliebt. Und sie sich in ihn. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit. Aber jetzt sind sie erwachsen. Und da ist es halt passiert. Es gehört doch dazu, zum Leben. Gut, dass Bella gleich schwanger werden würde, damit hat Julius nicht gerechnet.  Um ehrlich zu sein, hat er keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, in der Hitze des Augenblicks.

Und jetzt? Abtreiben kommt offenbar nicht in Frage. Und selbst wenn – Bellas Zukunft ist durch diese Schwangerschaft kompromittiert. Ihr ganzes weiteres Leben ist in Frage gestellt. Sagt Max. „Das ist mir zu hoch“, denkt Julius.

Und überhaupt: Im Grunde ist es ja nicht einmal sein Problem, sondern das von Bella und ihrer Familie.

„Julius? Komm, wir gehen raus. Ich halte das hier nicht mehr aus. Weißt du was? Wir gehen auf die Jagd. In zehn Minuten sind wir an der Lichtung. Genau die richtige Zeit, uns einen Hasenbraten zu schießen. Was meinst du?“ Was Julius meint? Er ist begeistert. Draußen hängt die Nacht noch zwischen den Bäumen, und die Gebäude des Hofs sind nicht mehr als dunkle Umrisse in der taugrauen Luft. Wie spät ist es? Drei, vier Uhr? Egal, Julius ist hellwach, er hat ohnehin einen leichten Schlaf. Auf die Jagd! Mit Max. Seinem Partner. Seinem Freund. Hat er sich endlich beruhigt? Wird jetzt wieder alles so wie früher?

Auf dem Weg über den Bach und den kleinen Hügel hinauf redet Max unablässig leise vor sich hin. Julius weiß nicht, ob das Gespräch überhaupt für seine Ohren bestimmt ist. „Der spinnt ja total! Fünfzig Tausend Euro! Um Bellas Zukunft abzusichern. Schmerzensgeld, sozusagen. Der Karl hat ja nicht mehr alle Tassen im Schrank! Und wie der geschaut hat, als ich im auf den Kopf zugesagt habe, wo er sich seine Forderung hinschmieren kann.“

Jetzt sind sie am Rand der Lichtung angelangt. Sie müssen sich beeilen, denn bald ist die Nachtzeit vorbei und das Schießen verboten. Da – ein Schatten löst sich von den Bäumen. Julius versucht, Max darauf aufmerksam zu machen. Aber der hat nur Augen für den Hasen, der mitten in der Lichtung sitzt. Er hebt die Flinte. Es fällt ein Schuss. Max sackt lautlos in sich zusammen. „Julius, lauf heim, schnell,“ flüstert er. Und genau das tut Julius, während rechts und links die Schrotkugeln an ihm vorbeizischen. Aber er ist zu schnell. Und entkommt.

Max

Max ist mit Weimeranern aufgewachsen. Schon sein Vater hat sie gezüchtet. Ausgezeichnete Jagdhunde. Treu und pflichtbewusst. Julius ist sein 10. Hund. Aber zu keinem hatte er ein solches Verhältnis wie zu Julius. Obwohl er erst ein Jahr alt ist, übertrifft er alle seine Vorgänger. Er ist klug, verständig, dabei zuverlässig und zärtlich. Julius würde für Max durchs Feuer gehen. Und umgekehrt. Die Menschen, die Hunden jegliche Intelligenz absprechen, haben einfach keine Ahnung. Oder keine Erfahrung.

Um so größer war die Enttäuschung, als Julius eines Abends einfach vom Hof lief und erst am nächsten Morgen wiederkam. Ausgerechnet im Jeep von Karl Wieser, dem einzigen Nachbarn in der kleinen Oberpfälzer Gemeinde, mit dem Max immer wieder aneinandergerät. „Ich hab deinen Hund bei meiner Bella im Stall gefunden“, hat Karl geschrien. „Wenn da was passiert ist – dann gnade dir Gott. Dir und deinem geilen Köter.“ Max hat noch versucht, darauf hinzuweisen, dass Hunde besser im Haus als im Stall aufgehoben sind, zumal Hündinnen während der Läufigkeit. Aber Karl hat eine völlig andere Auffassung von Tierhaltung. Für ihn sind seine Hunde nur eins: ein Mittel zum schnellen Geld. Deshalb hat er sich aufs Züchten von Labradoodles spezialisiert. Die hypen gerade ungemein, gepuscht durch unzählige „lustige“ Videos in den Sozialen Netzwerken. Seit Corona will jeder einen Hund, und am besten einen, der pflegeleicht ist. Das wird den Tieren nicht gerecht, weiß Max. Aber er weiß auch, dass er damit bei Karl gar nicht erst anzufangen braucht.

Und es kam, wie es kommen musste. Bella wurde trächtig. Ein Drama! Eine Hündin, die von einem „Dahergelaufenen“ gedeckt wurde, noch dazu von einer anderen Rasse, ist für die Zucht nämlich nicht mehr verwendbar. Karl fordert Zehntausende von Max. Die der nicht zu zahlen bereit ist. Immerhin sind Labradoodle genau genommen auch nur Mischlinge. Der Streit eskalierte. Max war wochenlang wütend auf Julius. Und auf sich. Denn im Grunde genommen ist das, was nun mal passiert ist, ausschließlich seine Schuld.

Irgendwann hat sich sein Ärger auf seinen Lieblingshund, seinen besten Freund, gelegt. Irgendwann ist heute. Er ist früh aufgewacht, lange vor Sonnenaufgang. Was gibt es Schöneres, als mit seinem Julius endlich wieder gemeinsam durch die Wiesen zu streifen und dabei vielleicht auch noch einen Sonntagsbraten zu erlegen?

Auf dem Weg durch das taunasse Gras lässt Max noch einmal das letzte Gespräch – ach was, den Streit – mit Karl Revue passieren. Mitten auf dem Marktplatz. „Ich hab mein ganzes Geld in diese Zuchthündin investiert. Ich hätte Zehntausende mit ihr verdienen können. Hätte! Alles futsch! Also, entweder, du erstattest mir das, was ich wegen dir und deinem dämlichen Köter verloren habe – oder….“ „Oder was?“ hat Max gefragt. „Oder ich leg euch beide um. Dich und deinen Drecksrüden.“ „Na dann viel Erfolg.“ Und mit diesen Worten hat Max seinen Nachbarn stehengelassen, ist zu seinem Landrover gegangen und nach Hause gefahren. Zu Julius.

Max macht sich Vorwürfe. Zwei Wochen lang hat er seinen Hund sträflich vernachlässigt. Ihn bestraft dafür, dass er seiner Natur gefolgt ist. Wenn er auf jemanden sauer sein müsste, dann auch sich selbst. Der Vorwurf, den er Karl gemacht hat, trifft auf ihn ja genauso zu. Und die ganze Zeit über hat Julius seine schlechte Laune still erduldet. Hat sogar immer wieder versucht, durch die düstere Stimmung hindurch zu Max vorzudringen. „Sorry, Alter. Ich hab‘ mich total blöd benommen. Ekelhaft. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Komm, wir gehen auf Hasenjagd. Nur du und ich.“

Gesagt, getan. Jetzt streifen die beiden leise und völlig synchron über die Wiese, den Hügel hinauf. Dorthin, wo die Hasen äsen.

Da sieht er auch schon ein Prachtexemplar in Schussweite seiner .22 Hornett. Er legt an – feuert – und spürt gleichzeitig, wie Schrotkugeln in ihn eindringen. Seine Ohren sausen, seine Sicht ist getrübt. Er stürzt. Im Fallen ruft er nach seinem Weimeraner: „Julius!“ Und flüsternd: „Lauf heim, schnell.“

Ein halbes Jahr später

Die Schrotkugeln von Karl haben keine lebensgefährlichen Verletzungen verursacht. Dennoch wäre Max verblutet, wenn Julius nicht schnell genug Hilfe geholt hätte. Inzwischen sind die Wunden verheilt. Zumindest körperlich. Max sitzt auf der Bank unterm Walnussbaum in der Mitte des Hofes. Die Märzluft ist mild und frühlingsleicht. Um ihn herum tollen vier ausgelassene Welpen, während die stolzen Eltern immer mal wieder mahnend knurren, wenn das Treiben gar zu bunt wird.

Die Kleinen sind nicht nur wunderschön. Sie vereinen auf geradezu perfekte Weise die Rassemerkmale von Weimeraner und Labradoodle. Die Kaufgebot überschlagen sich, und mehr als einmal fragt sich Max, was wohl gewesen wäre, wenn Karl die Chance einer neuen Züchtung erkannt hätte, statt in blinder Wut einen Mord zu begehen. Gut, zu versuchen. Aber auch dafür sitzt er nun hinter Gitter. Und zwar für mindestens 3 Jahre. „Vielleicht schenke ich ihm bei seiner Entlassung einen Welpen aus Julius‘ und Bellas 4. Wurf. Aber nur, wenn er seine Zuchtmethoden ändert. Was meinst du, Julius?“ Der Blick des Weimeraners ist eindeutig. „Ok, Alter. Du hast recht. War ne Schnapsidee.“

Nachtrag: Die Idee zu dieser Story kam L. schon Anfang dieses Jahres, kurz, nachdem der MiniKrimi Adventskalender seine Türen geschlossen hatte. Aber wir sind drangeblieben, und herausgekommen ist diese Koproduktion aus Inspiration und Schreibe. Dass ich seit 3 Wochen einen öußerst fotogenen Dackelwelpen habe, spielt natürlich überhaupt keine Rolle!

24 Tage Krimifieber im MiniKrimi Adventskalender


Liebe Leser*innen, liebe Freund*innen, liebe neue Neugierige!

Schön, dass Ihr wieder hier seid. Schön, dass es bei all dem Wandel um uns herum ein paar Konstanten gibt. Mit meinem MiniKrimi Adventskalender werde ich euch vom 1. bis zum 24. Dezember durch den Advent begleiten. Mit kriminellen Schmankerln, mal lustig, mal skurril, mal erotisch und auch immer mal wieder ziemlich mörderisch. Das kennt Ihr.

Aber weil nach vorne gehen bedeutet, Bewährtes zu bewahren und durch Neues zu ergänzen, wann und wo es passt, gibt es heuer zwei Premieren in meinen MiniKrimi Adventskalender:

  1. Ihr werdet nicht nur Krimis aus meiner Feder lesen, sondern auch kurze Thriller oder Auszüge aus Kriminalromanen einiger meiner Mörderischen Schwestern. Das ist mit rund 700 Mitgliedern die größte Vereinigung von Liebhaberinnen guter Kriminalliteratur in deutscher Sprache. Freut euch auf eine bunte Vielfalt voll krimineller Fantasie und Spannung. Sollte euch ein veröffentlicher Auszug gefallen, findet Ihr das entsprechende Buch natürlich auch im Handel.
  2. Und weil lesen nochmal interessanter wird, wenn es zum Spaß auch etwas zu gewinnen gibt, verlose ich diesmal unter allen, die an einem der 24 Tage einen Kommentar zu einem der Krimis hinterlassen, insgesamt 3 Bücher. Die stelle ich euch am 25.12. vor, und die Gewinner*innen können sich aussuchen, welches Buch sie haben möchten.

Also, meine Lieben. Noch ein Mal schlafen – dann öffnet sich das erste Türchen des MiniKrimi Adventskalenders 2024, und zwar immer nachmittags oder abends, auf alle Fälle aber vor Mitternacht!

Und Ihr wisst: der Kalender ist nur echt mit dem einen oder anderen Tippfehler. Denn, und das bleibt gleich: meine MiniKrimis schreibe ich auch heuer wieder tagfrisch direkt in den Blog!

Meine Fans


Ich bin – rein geburtstechnisch betrachtet – nicht mehr ganz taufrisch. Mental, psychisch und im Hinblick auf mein Selbstbild mag das anders sein. Da bin ich je nach Gemütszustand, körperlicher Verfassung, besonderen Glücksmomenten mal 5, mal 15 oder auch mal 100.

Nun habe ich den Verdacht, dass es einigen meiner „Fans“ genauso geht. Gestern hatte ich eine fantastische Lesung in Moosch. Im „Seniorenclub Lebensfreude“. Im Vorfeld hatte ich mich bei der Leiterin nach der mentalen Verfassung meiner Zuhörer*innen erkundigt, um die Lesung entsprechend zu gestalten. Die Antwort wies mich – freundlich – in die Schranken. Die Mehrzahl der Damen sei ungefähr so alt wie wir (!), lebe alleine und selbstversorgt und sei mit allem ausgestattet, was ein moderner Alltag mit sich bringe: Handy, Computer, Internet und Hörgeräte.

Letztere trage ich auch, seitdem die Hersteller versprechen, damit auch einem Tinnitus beizukommen. Klappt bei mir leider nur so lala, weshalb ich permanent ein Konzert in den Ohren habe und infolgedessen zuweilen einfach nicht verstehe, was mir Menschen über diesen kopfinternen Lärm hinweg zu sagen versuchen. Aber sei’s drum: ich bin meinen Zuhörer*innen tatsächlich auf vielen Ebenen verbunden.

Gestern stand ich nun in dem gut gefüllten Saal – und begegnete erwartungsvollen Augen. „Wird’s spannend?“, „Wird’s auch deutlich genug`“ „Laut genug?“ Der Saal hat eine grauenhafte Akustik, die durch ein Mikro nicht wirklich verbessert wird. Ich stellte mich also vor, fragte ab, ob meine Zuhörerinnen (kein Gendern nötig) thrillertauglich seien („Je brutaler, desto besser“, war die Antwort 🙂 ) und machte gleich einen Verständnistest. Ich war, so hatte mir die Leiterin berichtet, das Highlight im herbstlichen Veranstaltungskalender. Die Latte hing also hoch.

Und ich begann.

Meine Lesungen sind „szenisch“, bzw. „performe“ ich eher, als dass ich nur lese. Oft erzähle ich auch zwischendrin und weiche vom Text ab. Dabei schaue ich immer in die Gesichter und reagiere spontan auf das, was ich sehe. Mache einen Scherz mehr, singe ein Liedchen weniger. Ihr wisst, was ich meine. Nun, gestern stand ich vor einem sehr vielfältigen Ausdrucksmix. Die einen lachten, die anderen lächelten, einige schauten konzentriert – und eine döste mit geschlossenen Augen. Zuviel Kaffee, Kuchen, zu warme Luft?

Ich ezählte gerade, wie die Gräfin S. den Seitensprung ihres zweiten Mannes mit der Büste ihres ersten Mannes aus rotem Alicante Marmor erschlug, da erklärte vorne links eine Dame, in Alicante gäbe es keinen Marmor. Und breitete ihr Wissen über dieses edle Gestein aus, das das meine bei weitem übertraf. Ich hatte lediglich bei Goggle nachgefragt.

Da öffnete die „Dösende“ die Augen und schoss mir einen scharfen, freundlich-komplizenhaften Blick zu. Sie hatte alles genau verfolgt und die Augen nur der besseren Konzentration halber geschlossen. Soweit zu voreiligen Schlüssen.

Nach einer Stunde und drei Geschichten war ich heiser – und froh, dass ein paar der Damen meinten, es sei für heute genug. Den anderen musste ich versprechen, bald wiederzukommen. Und eine gab mir noch den Stoff für einen neuen Thriller mit auf den Weg., WOW. WOW. Ihr werdet ihn lesen. Im MiniKrimi Adventskalender.

Was mir noch nachzutragen bleibt: Es war ein toller Nachmittag. Die älteren Zuhörerinnen waren viel kritischer und aufmerksamer als so manche jungen. Ach ja, mit dem Alicante Marmor hatte ich recht. Uff.

Und auf dem Foto seht ihr mich mit den „Fans“, die bereit waren, allem Datenschutz zum Trotz mit mir abgelichtet zu werden.,

Danke, liebe Frau Röck, für die Einladung. Ich komme gerne wieder.

Die Zeit vergeht schneller. als ich ihr folgen kann….



Die Frankfurter Buchmesse war TOLL. Es war wunderschön, so viele liebe Kolleginnen und Mörderische Schwestern zu treffen.

Das Gastland Italien hat mich mit seinem Auftritt begeistert. Nein, nicht (oder nicht nur), weil das meine emotionale Heimat ist, also mein „Vaterland“ im Wortsinn. Es war ein eindrucksvoller, Herz und Sinne ansprechender Mix dessen, was Italien und seine Kultur ausmacht. Schade nur, dass Meloni linken Autor*innen den Aufritt dort verweigert hat. Nie wieder Faschismus, das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Italien! Ich werde mich, wenn ich dort wohne, ganz sicher für den antifaschistischen „Kampf“ engagieren. Friedlich, selbstverständlich.

Ja – und dann war da die Notte Criminale im Café Wacker. Sehr schön, sehr spannend, mit kriminell guter Musik – von Mimi bis zu Macki Messer und dem Kriminal Tango. Danke Michael Klimo (Trompete) und Pit Gerten (Keyboard).

Ich habe dort meine neueste Episode der Agentur zweites Glück vorgestellt; Bella und ihr Gespür für Leichen. Was soll ich sagen? Kam gut an 🙂

Toll waren auch die Lesungen meiner Mörderischen Schwestern Franziska Franke, Monja Luz, Andrea Maluga und Cornelia Mohrmann. Sie entführten das Publikum ins England Sherlock Holmes‘, in Casanovas Venedig – komplett mit Kleid und Perücke!, auf die düstere Seite von Mainz und in die mafiöse Umgebung eines Italienischkurses bei der Berliner VHS.

Es war MEGA.

Und dann hatte und habe ich noch andere Highlights. Der zweite Arche Noah Gottesdienst in der Magdalenenkirche war so schön. Mit Hunden und Menschen und swingender Musik von Raphaela Ulrich und Vera v. Schumann.

Manchmal bedauere ich schon, dass ich nächstes Jahr nicht mehr „einfach so“ Events in München und Deutschland planen kann. Aber ich komme immer mal wieder. Für einen Auftritt allema!.

Heute habe ich noch etwas ganz besonderes vor: ich lese im Seniorenclub der Diakonie Moosach vor krimibegeisterten Menschen, die beinahe mein Alter haben. Tja, let’s face it 🙂

Ich freue mich riesig darauf, habe Emma Peel und John Steed im Gepäck – und werde euch berichten.

Und dann… ja dann ist auch schon bald wieder Advent. Und damit wird sich hoffentlich jeden Tag ein MiniKrimi-Türchen öffnen. Nur hier und nur auf mariebastide.blog.

Ach ja: noch etwas gibt es zu berichten. Ich schreibe ja auch Haikus. Und einer davon, der „Tauferer Advent“ wird auf eine Glasstelle geätzt und wird den ganzen Advent über erleuchtet den Marktplatz von Mais im Vinschgau verschönern, zusammen mit 23 anderen Adventstexten übers Licht. Fotos folgen!

Stay tuned.

Täglich was aufs Auge gibt’s bei semisappho auf Instagram. Come in and join!

Freie Liebe


Auf der Ladies Crime Night in Leipzig fragte mich eine Zuhörerin, der meine „Agentur zweites Glück“ offenbar sehr gefallen hatte: „Und wie geht es weiter? Wo steht die Fortsetzung? Ehm – das war ein Einzelkrimi. Aber die Idee war geboren. Elvira und ihre Agentur sind mir viele weitere MiniKrimis wert. Und dann werde ich das Buch natürlich auch drucken. Wenn Ihr Vorschläge habt, wen, wann, wo und wie Elvira ihre Paare zursammenbringen soll – her damit! Ich erwähne euch als Ideengeber*in – Ehrensache!

Ein augenzwinkernder MiniKrimi über Lieben und Sterben im Europa ohne Grenzen

„Guten Morrrgen, Zeit zum Aufstöhn!“ Thea reißt erschrocken die Augen auf und schaut sich sekundenlang orientierungslos um. Weiß gekalkte Wände statt weicher Klippen, Betonboden statt Sand und ein Flickenteppich dort, wo gerade noch ihr leuchtend rotes Handtuch lag. Das Meer rauscht ungehört jenseits des Fensters. Eben hat sie sich noch wohlig in der schaumigen Brandung geräkelt. So ein schöner Traum. Aber eben nur ein Traum. Die Wirklichkeit ist eng und riecht nach ungewaschenem Körper, Urin und altem Fett. Und sie ist laut. „Guten Morrrgän“, schreit es wieder, diesmal energischer.

„Thea, heast du ned, Odysseus ruft. Wenn du runter gehst, bring mir glei an Kaffee rauf“.


Das „Bitte“ ist auf dem Weg vom ersten Kennenlernen bis zu Theas Einzug in das Exchikò, das strahlende Ferienhaus mit den blauen Fensterläden hoch über der schönsten Bucht von Kefalonia, verlorengegangen. Geblieben sind Harrys starke Hände. Nur, dass sie jetzt nicht mehr streicheln, sondern Theas Handgelenk umkrallen. „Thea!“ Harrys Stimme ist heiser von zu viel Ouzo und Zigaretten. Aber immer noch kräftig. Genau wie sein Griff.

„Ich geh ja schon. Hatte nur gerade so einen wunderschönen Traum. Ich – wir, korrigiert sie hastig – haben gebadet, unten am Xi. Das Wasser war ganz weich und warm. Du, wollen wir da heute mal hin?“

„Ich glaub, du spinnst. Wie soll ich denn da hinkommen? Willst mi die Klippen runterkippen, im Rollstuhl, oder was? Seit i di kenn, bin i doch a kompletter Krüppel worn!“

Thea beißt sich auf die Lippen, während sie ihr graugesträhntes Haar von den Schultern schiebt, ein T-Shirt über ihr Nachthemd streift und in die Mules schlüpft. Dabei lehnt sie sich kurz an den Bettrand. Und schon greift Harrys Hand in ihren Schritt. „So verkrüppelt dann doch nicht, was?“ Unwillkürlich muss Thea lachen. „Lass los, Odysseus wird ungeduldig.“ Von unten ist jetzt ein Rasseln zu hören, ein Geratter wie von einem startenden Motorrad. „Ruhe, Odysseus. Ich bin schon da.“

Mit geübtem Schwung zieht sie das Laken von der großen Voliere und öffnet die Tür. Odysseus, der 40 Jahre alte Graupapagei, starrt sie an. „Guten Morrgen“, krächzt er in perfekter Harry-Parodie. Zwei Gestrandete auf einer Insel. Schade, dass Harry das Federvieh nicht Freitag genannt hatte. Vielleicht wäre er dann freundlicher geworden. Oder wenigstens handzahm.

Während Thea den Kaffee kocht und einen Apfel in mundgerechte Bissen schneidet, trippelt der Papagei auf dem Holztisch hin und her. „Hungerrrr“, krächzt er. „Thea, Kaffee!“ Das ist Harry. „Ja doch!“ Sie füllt das heiße Gebräu in eine Tasse, dazu ein paar Tropfen aus einer Phiole und vier Löffel Zucker. Gestern hat Harry nur am Kaffee genippt. „Der schmeckt so bitter, was hast da reingetan?“ Heute wird er ihn hoffentlich trinken. „Thea, Kaffä“, schnarrt Odysseus. Sie schleudert dem Vogel ein Apfelstück hin, knapp an der Tischkante vorbei. Doch statt sich den Kopf anzuschlagen, fängt der Papagei es geschickt auf. „Dankä“, schnarrt er. Das Tier wird ihr zunehmend unheimlich. 

Thea schaut in den sonnigen Morgen und seufzt. Das dauert alles viel zu lange. „Kein Angst, diesmal klappt alles wie am Schnürchen“, hatte Elvira, ehemalige Krankenschwester und jetzt Inhaberin der Agentur „Zweites Glück“ ihr versichert. Und tatsächlich hatte es auch so ausgesehen, im Mai, auf Elviras Agentursofa im regnerischen München, mit dem umfangreichen Ordner und seinen vielversprechenden Junggesellen vor sich auf dem Couchtisch. „Das hast du bei Jean Claude und Salvatore auch gesagt“, hatte Thea gemurmelt. Und dann – ein Fiasko nach dem anderen.

„Na ja, wer konnte schon ahnen, dass Jean Claudes romantisches Schloss in der Normandie tatsächlich nur ein rostiges Vorhängeschloss an einer klapprigen Fischerhütte war, seine florierende Kreuzfahrflotte ein marodes Schmugglerboot und das Foto auf seinem Profil ein Fake?“, hatte Elvira gefragt. „Jeder, der sich mit KI auskennt. Und eigentlich hättest du auch sehen können, dass das Porträt bearbeitet war. Zuviel Haare und zu wenig Bauch.“ „Ach kommt, du konntest doch nicht schnell genug aus München wegkommen. Die Normandie war dir ja gerade mal weit genug entfernt. Warum eigentlich?“

Die Antwort darauf war Thea Elvira schuldig geblieben. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Wahrheit? Ich habe versucht, meinen Mann zu vergiften, bevor er mein ganzes Geld mit seinem blonden It-Girl durchbringt. Leider hat sie den Cocktail getrunken, er ist nur um Haaresbreite dem Gefängnis entkommen, und jetzt jagt er mich durch ganz Europa?

Jean Claude war ihr wie ein rettender Engel erschienen. Allerdings hatte er sich als komplette Nullnummer erwiesen. Kein Schloss, keine Erotik, dafür jede Menge gefährliche Macken. Als er sie auf der Rückfahrt von einer Schmuggeltour bei rauer See – Windstärke 7 mindestens – mitsamt der Ladung schottischen Whiskys über Bord gehen ließ, um der Gendarmérie Maritime zu entgehen – zog Thea die Reißleine. Aber nicht, ohne Jean Claude noch eine Flasche auf den Kopf zu schlagen. Der Whiskyverkauf reichte gerade mal für die Rückfahrt nach München. Dort las sie von dem bedauerlichen Tod eines international bekannten Schmugglers im Ärmelkanal. Die genaue Todesursache war – zu Theas Glück – nicht mehr zu ermitteln gewesen. Zu starke Brandung, zu viele Verletzungen.

Mittellos und immer noch auf der Flucht hatte Thea erneut Elviras Ordner studiert. Salvatore war ein in die Jahre gekommener italienischer Selfmademan im maßgeschneiderten Nadelstreifen-Anzug. Er versprach Thea eine sorglose Zukunft, gependelt zwischen seiner Luxusjacht auf dem Pazifik und seiner Villa auf Sizilien. Leider hatte er bis zu ihrer Landung in Messina vergessen, zu erwähnen, dass ihr Aufenthalt stets räumlich begrenzt sein würde – nämlich auf Schlafzimmer und Küche. Offenbar hatte er Thea für so schüchtern, einfältig oder beides gehalten, dass ihn ihr Angriff mit seinem eigenen Stilett völlig überrascht hatte. Sie stand in der Küche über die Spüle gebeugt, wo sie für ihren neuen Gebieter eine Flasche Champagner öffnen sollte. Er drängte sich von hinten an sie, wobei ihm das Klappmesser – unglücklicher Zufall oder göttliche Fügung? – aus der Hosentasche fiel. Thea bückte sich blitzschnell und zu Salvatores ausgesprochenem Vergnügen – welches aber nur so lange währte, bis sie ihm das Messer bis ins Heft in die Brust stieß. „Das schöne Hemd“, dachte sie noch.

Die Polizei schien ihrer Version der Ereignisse – brutaler Angreifer aus dem Dunkel, Blutrache eines verfeindeten Clans – Glauben zu schenken, im Gegensatz zu Salvatores Familie. Und so war Thea, lediglich im Besitz ihrer Kleidung, einer Rolex und einem Platinarmband, wieder auf der Flucht.

Mit Harry sollte alles anders werden. „Er ist ein solider Bayer. Vor zwanzig Jahren hat er seine Liebe zu Griechenland entdeckt, seinen Job als Manager eines IT-Konzerns an den Nagel gehängt und sich auf Kefalonia niedergelassen. Mit seiner Abfindung hat er sich ein nettes Häuschen gekauft und den Rest seines Vermögens in sicheren Aktien angelegt. Er führt Wandergruppen über die Insel und wird von den Bewohnern dafür geliebt, dass er zuverlässig für einen Strom angenehmer Touristen sorgt. Nicht die Partyheinis, sondern Leute, die das Land, die Natur und die Kultur lieben. Er sieht zwar nicht umwerfend aus, ist aber für sein Alter recht gut in Form. Und seien wir ehrlich, liebe Thea, du ähnelst deinem Profilbild auch nur noch im Dunkeln und ohne Brille. Wir werden eben alle älter. Er sucht eine Frau in den besten Jahren – also dich! Auf geht’s!“

Zur Sicherheit und quasi als Entschädigung für die beiden fehlgeschlagenen Vermittlungen hatte Elvira Thea ein Fläschchen aus ihrem „Insektengiftschrank “ mitgegeben. Nur für den äußersten Notfall. Also um sich und ihr eigenes Leben zu retten. „Du scheinst ja vom Pech geradezu verfolgt zu sein“; hatte sie gesagt. „Da ist es vielleicht am besten, wenn du sowas wie eine Versicherungspolice bei dir hast. Aber Vorsicht: Missbrauch von Neonicotinoiden ist strafbar und wird mit Gefängnis bis zu 25 Jahren geahndet.“ Denn das ist in Deutschland die tatsächliche Verweildauer hinter Gittern für eine lebenslängliche Haftstrafe.

Thea schaut aus dem Fenster auf das immer gleiche Bild. Ein Wirrwarr malerischer Dächer, bergabwärts meandernde Sträßchen und Gassen, umrahmt vom wogenden Graugrün einer dank des Inselklimas wollüstig üppigen Vegetation. Und dann das Meer. Bis zum Horizont, und dahinter der Himmel. Blau in schwelgendem Blau. Tag für Tag.

Aber was nützt mir das alles?, fragt sie sich. Was habe ich davon? Ich bin eingemauert in diesem gleißenden Haus. Mit einem mürrischen Alten und einem schizophrenen Papagei.

Sie hat sich nichts vorzuwerfen. ist von Anfang an ehrlich gewesen. „Ich suche ein neues Zuhause“, hat sie Harry gesagt, als er sie von der Fähre abgeholt hat. Der erste Eindruck war gar nicht so schlecht gewesen. Weiße Leinenhose, gestreiftes Matrosenhemd, ein keck gewinkelter Panamahut über dem tief gebräunten Gesicht. „Ein neues Zuhause.“ Keinen neuen Mann. Aber Harry hat es nicht so mit Worten, und er zerklaubt auch keine Sätze nach Mehrdeutigkeiten.

Gut, die ersten Nächte waren anstrengend. So ein alternder Lebemann ist halt auch nur in seinen eigenen Augen ein Adonis. Für andere kommt er eher als Nereus daher, allerdings ohne die dazugehörige Portion Weisheit. Aber schlau ist er schon, der Harry. Er weiß sich in Szene zu setzen. Es dauerte ein paar Wochen, bis Thea das Viagra-Versteck fand. Und einen Monat, bis sie herausbekam, dass seine Beliebtheit im Dorf in direkter Beziehung zu der Menge an ausgegebenen Ouzo-Runden in der Taverne am Platz steht. Und dass Harry von vielen sogar gefürchtet wird. Denn von ihm und seiner Schilderung der Insel und ihrer Bewohner hängt es ab, ob der Strom angenehmer Touristen auch im nächsten Jahr munter fließt – oder versiegt.

Die Deutschen geben eben viel auf die Meinung so genannter Spezialisten. Und Harry ist so einer. Mit jeder Veröffentlichung in einem Abenteuerblatt, einem Blog oder auch einer populären Tageszeitung kann er Kefalonia bewerben – oder die Insel in Misskredit bringen. So jemanden behandelt man mit Vorsicht, mit Ehrfurcht – aber nicht mit Vertrauen oder gar Zuneigung.

Sei’s drum. Thea bemühte sich um die Gunst aller. Um Harrys, um die der Dorfbewohner und auch um die des Papageien, der um die gleiche Zeit wie Harry auf dem griechischen Eiland gestrandet ist. Seitdem bilden die beiden eine unzertrennliche Einheit. Während Harry und die Dorfbewohner sich bald Theas schüchternem Charme öffneten, blieb Odysseus misstrauisch. Und er ist, im Gegensatz zu den Menschen auf Kefalonia, unbestechlich. Weder gekochte Kartoffelstückchen noch Obst, Nüsse oder – heimlich hinter Harrys Rücken zugesteckt, feine Schokolade schienen die Abneigung des Papageien gegenüber der Neuen im Haushalt aufzuweichen. Im Gegenteil. Odysseus hatte die Schokolade vorsichtig mit seiner rechten Kralle ergriffen, zum Schnabel geführt, beäugt und dann, ohne Vorwarnung in Harrys unnachahmlich heiserem Bariton trompetet: „Schokolaaaaade. Schlächt für Odyssois. Sehrrr schlecht! Mörrrder.“  Was zum ersten Streit zwischen Harry und Thea führte. Oder eigentlich nur zur ersten offenen Konfrontation.

Denn wie Thea schnell bemerkte, war Harry durch ihre Anwesenheit immer wieder irritiert. „Schließ die Küchentür ned ab. Das machen wir im Dorf ned. Nein, hier klaut niemand.“ Glaub ich nicht, dachte Thea, als sie ihr silbernes Armband nicht finden konnte. „Warum trägst du auch sowas“, war Harrys einzige Reaktion. „Geh ned mit kurzen Hosen ins Dorf. In deinem Alter machen das die Frauen hier ned.“ Kein Wunder, bei der Figur, die die meisten haben, dachte Thea. In diesem griechischen Dorf scheint die Welt stehengeblieben zu sein. Die verheirateten Frauen, Mütter und Großmütter, tragen dunkle, lange Röcke, viele sogar ein Kopftuch. Wenn ich das bei uns erzähle, glauben die, ich sei in einem islamischen Land und nicht in einem unserer beliebtesten Urlaubsziele. Überhaupt merkt Thea, dass sie die kulturellen Unterschiede nicht nur unterschätzt, sondern überhaupt nicht „auf dem Schirm gehabt“ hat. Das Leben ist hier ganz anders. Das fängt beim Umgang miteinander an und hört bei der Struktur der Tage nicht auf. Thea hat das Gefühl, auf der Dorfstraße durch ein Lasergitter neugieriger Blicke zu laufen. Was kauft die Deutsche ein? Wann steht sie auf? Wann fegt sie den Hof, wann geht sie zum Strand und wie und wie lange? Schau mal, sie hat sich einen tüchtigen Sonnenbrand geholt – typisch deutsch. Wer bleibt schon über Mittag am Meer?

In den ersten Wochen hat Thea versucht, sich anzupassen. „Musst du immer so auffallen?“, hatte Harry sie gefragt, als sie am Abend an „seinem“ Tisch in der Taverne saßen, vor sich einen Teller mit würzigem Schafskäse, zart hellgrünen Paprikaschoten und glänzenden Oliven. „Wie meinst du das?“ „Die Frauen hier tragen koan knallroten Lippenstift. Und sie trinken koan Schnaps. Des schadet meinem Ruf im Dorf.“

Ihr erster Impuls war, jetzt erst recht und ganz gezielt aufzufallen. Aber das wäre nicht klug gewesen. Also hat Thea versucht, sich, wenn schon nicht anzupassen, dann wenigstens im Schatten aufzuhalten. Unauffällig. Leise. Unsichtbar, außer, wenn es darum geht, Harry zu unterstützen. Ihn zu stützen. Denn seit ein paar Wochen scheint er an Kraft zu verlieren. Die letzte Wanderführung über die Insel musste er abbrechen. Seine Beine versagen ihm immer öfter den Dienst. Starrsinnig wie er ist, weigert er sich, auch nur an Hilfsmittel zu denken. Einen Arzt will er ebenfalls nicht aufsuchen. Das einzige Zugeständnis ist der Bergtee, den ihm die bucklige Nachbarin vor die Tür gestellt hat.

Immer öfter schreit er Thea jetzt an – mit dem ganzen Dorf als Zeugen, da Thea die Fenster meist geöffnet hat. Wenn sie danach im Dorfladen Eier kauft, Honig oder Harrys Zigaretten und Schnaps, wird sie von Daphne, der Inhaberin, freundlich angelächelt. Ihr Mann hat ihr neulich den Korb mit den schweren Kartoffeln vor die Haustür getragen. Sonntagmorgen ist sie in die Kirche gegangen, ohne Lippenstift, im grauen Kleid und mit einem passenden Schultertuch. Der Pfarrer hat die Brauen hochgezogen. Aber vor der Tür der kleinen Kapelle haben ihre mehrere Frauen still die Hand auf den Arm gelegt.

Läuft doch. Sogar an die vielen Katzen und Mücken kann man sich gewöhnen. Wenn der Papagei nicht wäre, könnte Thea sich vorstellen, einen der streunenden Hunde aufzunehmen. Den schwarzen mit den treuen Augen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Im August geht es Harry zunehmend schlechter. Er nimmt ab, wird immer aggressiver und lässt eigentlich nur noch Odysseus an sich ran. Anfang September hält Thea es nicht mehr aus. Sie packt einen Koffer und bittet Daphnes Ehemann, sie nach Argostoli zu fahren, der Inselhauptstadt. Der alten Nachbarin hat sie 50 Euro zugesteckt mit der Bitte, einmal am Tag nach Harry zu schauen. Für alle Fälle hat sie ihr ihre Mobilnummer aufgeschrieben.

Es dauert drei Tage. Dann ruft die Alte an. Sie hat Harry tot im Bett gefunden. Der Arzt aus dem Nachbardorf stellt einen natürlichen Tod fest. Wegen des Deutschen machen sie kein großes Aufheben. Zumal er keine Angehörigen hat. Außer Thea. Und die hat es in letzter Zeit schwer genug gehabt, mit ihm.

Als sie ins Dorf kommt, hat der Bürgermeister schon die Beerdigung organisiert. Die griechischen Behörden sind zufrieden mit der Versicherung von Daphne und Harrys alter Nachbarin, dass Harry Thea das Haus überlassen wollte. Er hat ja sonst niemanden. Von den Aktien weiß hier ohnehin keiner.

Thea sitzt auf der Terrasse und schaut hinunter auf den Strand von Xi. Die Luft ist schwer mit dem würzigen Duft von Lavender und Thymian. Ein leichter Wind trägt Spätsommergeräusche herüber. Lachen und Musik. Thea legt ihre Hand auf den Kopf von Hades, dem schwarzen Hund. Odysseus hackt mit dem Schnabel auf die Stäbe der Voliere ein. Thea lässt ihn täglich raus und hofft, dass er einfach fortfliegt. Aber er bleibt im Garten und krächzt „Harrrriiiie“, „Harriieee, komm zu Odyssois“. So täuschend ahmt er die Stimme seines toten Freundes nach, dass Thea jedes Mal zusammenzuckt und nervös über die Schulter schaut.

Jetzt sieht sie einen Wagen die Dorfstraße hochfahren. Die schwarze Limousine hält vor ihrem Haus. Ihrem Haus in ihrer neuen Heimat. Ein blonder Mann im Anzug steigt aus. Klopft an die Tür. Eine Klingel hat Harry nie gewollt, und Thea hat noch keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern.

„Frau…?“ „Friedrich.“ „Sie sind, äh, Sie waren die Lebensgefährtin von Herrn Müller?“ „Ehm. Ja.“ „Bergengrün von der Deutschen Botschaft. Ich… wollte nur mal nach dem Rechten sehen.“ Thea ist ganz kurz versucht, die Tür zu schließen. Die Kette vorzulegen. Und abzuwarten. Aber das würde nichts nützen. Im Gegenteil. Also: „Kommen Sie doch rein.“

Bergengrün wartet im hellen Vorraum. Die Küchentür steht offen. Plötzlich fliegt ein grauer Schatten herein. Lässt etwas aus seinem Schnabel fallen. Direkt vor Bergengrüns Füße. Der Mann ist schneller als Thea. Nachdenklich dreht er die Phiole in seinen Händen. Sie ist leer. „Harriiie, Harriiee“, krächzt der Vogel mit der Stimme des Toten und dann, laut und deutlich: „Mörrderr!“