MiniKrimi Adventskalender am 24.Dezember/Heiligabend


Und heute kommt der zweite Teil. Etwas früher, um euch das Warten auf das Christkind zu verkürzen. Oder Ihr lest die Geschichte komplett in den nächsten Tagen. Vielleicht eignen sich die Raunächte ja besonders dafür.

Euch allen eine GESEGNETE, FIREDOVLLE WEIHNACHT. Danke, dass Ihr mir und meinem Kalender gefolgt seid.

Molotow Madonna Teil 2

Kapitel 5

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. Molière

Frankfurt am Main, 21.6.2004, mittags

Der Kontrast zwischen dem schmalen Reihenmittelhaus in Eschersheim und Thomas luxuriöser Altbauwohnung könnte kaum größer sein. Und doch waren Thomas und Frank einmal unzertrennlich. Gleiche Ideen, gleiche Clique, gleiche Zigaretten, gleiche Frisur und gleiche Freundinnen. Wobei Thomas den Aufriss machte  und Frank den Tröster spielte. Bei Melanie war er hängengeblieben. Oder war sie seine große Liebe? Vielleicht, denkt Maria, denn in der Flüchtigkeit, mit der er seiner Frau einen Begrüßungskuss ins Haar haucht, auf den Scheitel zwischen weißer Haut und grauem Ansatz, liegt ein unendlich leiser Schatten alter Zärtlichkeit. Da sind sie schon über einen Haufen Turnschuhe gestiegen,  zwei zum Bersten volle Mülltüten und eine kläglich maunzende Perserkatze mit zerrissenem Ohr und coupiertem Schwanz.

Maria lehnt sich an den abgestoßenen Türrahmen, und die Katze schmiegt sich an ihr Bein. Wir stehen da wie Dominosteine, ein Wort von Frank, und wir kippen um, denkt sie. „Hättest du nicht mal den Müll raustragen können?“ Melanies Stimme ist hoch und spitz.  „Hier stinkt‘s wie im Scheißhaus. Und das Katzenklo macht auch keiner sauber. Ich hab seit fünf Uhr früh Regale eingeräumt, wenn ich heimkomme, kann ich wenigstens ein Minimum an Ordnung erwarten, oder? Und du hast wieder im Wohnzimmer geraucht!“ „Na und?  Das erste  was du machst, wenn du zur Tür rein kommst, ist meckern. Meckermeckermecker. Ja, hier stinkt’s nicht nur wie im Scheißhaus, das ist ein Scheißhaus. In einer Scheißstadt. Ich hab die Nase voll. Von hier, von dir, von diesem ganzen Scheißleben.“ Frank sieht eigentlich noch genauso aus wie vor 20 Jahren. Die Augen etwas aufgedunsen und die Haare nur unmerklich dünner, aber immer noch so leuchtend blond. Adonis, witzelte Justus. Und Frank wurde dann immer rot. Er wollte nicht wegen seines Aussehens beliebt sein oder geliebt werden. Er kam aus einer Arbeiterfamilie, sein Vater stand bei Opel in Rüsselsheim am Fließband. Grundschule, Gymnasium, Einserabitur. Frank war der Überflieger, und auch sein Jurastudium machte er mit Links. Das war es, was Thomas an ihm faszinierte. Justus schätzte Frank wegen seiner messerscharfen Urteilskraft. Als sie ihr Manifest  entwarfen, musste Frank jeden Satz lesen und freigeben. Nur, was vor Franks Urteil bestehen konnte, war gut genug für die Öffentlichkeit.

Melanie sonnte sich im Schatten ihres schönen klugen Freundes. Mit ihm heilten die Wunden, die Thomas in ihr Selbstbewusstsein gerissen hatte, als er ihr den Laufpass gab. Melanie, die Mitläuferin. Plapperte alles nach, Hauptsache, es klang nach Intelligentia und hatte mindestens drei Fremdwörter im Satz. Hatten sie ihre Rollen getauscht? Aber Frank war schon immer ein Denker gewesen, ein Träumer, ein Idealist mit einer Schwäche für Bücher und wissenschaftliche Theorien. Ohne diese Nacht säße er heute als Ordinarius für Jura an einer renommierten deutschen Uni. Stattdessen hockt er mit ausgebeulten Jeans, fettigen Haaren und Dreitagebart auf einem durchgesessenen Sofa. Und wartet auf Melanie, die abgelaufene Lebensmittel aus dem Supermarkt nach Hause bringt.

Auf dem Tisch stapeln sich Bücher. Juristische Fachliteratur. Zeitungsartikel über den Frankfurter Kessel 1984. Und über die spektakuläre Festnahme einer studentischen Terrorzelle unmittelbar vor einem Sprengstoffanschlag auf die Deutsche Bundesbank.

Frank scheint nicht im Mindesten überrascht, Maria zu sehen. Aber darüber wundert sie sich inzwischen nicht mehr.  Er begrüßt sie fast mit den gleichen Worten wie Peter. „Ach, Maria. Hallo. Du hast lange gebraucht. Sehr lange. Ich habe das kaum noch ausgehalten.“ „Hallo, Frank. Es …. tut mir leid. Ich wusste nicht…. Hast du auf mich gewartet?“ Maria bahnt sich ihren Weg zwischen Bergen von Illustrierten, schmutzigen Socken, einem Teller mit dem Rest eines Marmeladenbrötchens und einem Korb voll vergilbter Bügelwäsche. „Entschuldige das Chaos“, Frank wedelt mit der Hand von links nach rechts und betrachtet das kleine Reihenhauswohnzimmer, als sähe er es zum ersten Mal. „Ich muss mal wieder saubermachen. Weißt du, Melanie arbeitet viel, sie hat drei Jobs. Die Kinder sind ja nicht mehr klein, aber deshalb kosten sie nicht weniger, im Gegenteil. Es geht mir nicht gut, Maria. Ich habe Depressionen. Und keine Arbeit.“ „Es ist gut, Frank. Alles ist gut.“ Was für ein blöder Satz. Justus hätte ihn ihr um die Ohren gehauen. Nichts ist gut, fast nie im Leben. Für einen Moment flackert das alte Feuer in Franks Augen. „Nein. Ist es nicht“, zischt er. Greift unvermittelt nach einer Schachtel Zigaretten auf der Fensterbank, macht die Terrassentür auf und geht in den kleinen Garten. Maria folgt ihm.

Auf dem schmalen Streifen zwischen zwei verfallenen Gartenzaunreihen fristen verlorene Grasbüschel ein kümmerliches Dasein. Am hinteren Ende haben Efeu und Giersch ihren Eroberungsfeldzug begonnen, Forsythien, Flieder und Pfingstrosen haben bereits kapituliert und strecken nur noch vereinzelte Blüten aus der Unkrautumzingelung. Am bemoosten Ast eines krummen Apfelbäumchens lässt eine erschlaffte Hängematte ihre Fäden auf die Erde baumeln. „Schau dich ruhig um, Maria. Das ist mein Paradies. Meine Hölle. Mein Garten Eden. Mein Getsemani. Hier stehe ich jede Nacht, statt zu schlafen. Sehe das Blaulicht und die vermummten Polizisten, höre die Sirenen und die Stimme aus dem Lautsprecher. Und frage mich, wo wir uns verrannt haben. Und wann. Und ob. Dann gebe ich mir die Schuld. Wenn ich nicht mit Melanie rumgeknutscht hätte, statt ordentlich aufzupassen, hätte ich vielleicht was bemerkt. Hätte Justus warnen können. Vielleicht. Aber weißt du, Maria, das sind alles nur Schattengefechte. Die Entscheidung hat jemand anders getroffen, an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit. „Alea iacta est.“ In der Nacht da draußen vor der Deutschen Bundesbank war alles schon längst beschlossene Sache. Wir waren die Marionetten. Der Drahtzieher saß ganz woanders.“

Maria ist müde. Sie hat kaum geschlafen, unruhig auf jedes Geräusch reagiert und mit wachsender Panik auf das Schlüsselloch gestarrt in der Erwartung einer dieser typischen Hitchock-Szenen, in  denen sich der Schlüssel lautlos langsam zu drehen beginnt und du auf das Unausweichliche wartest, unfähig, es aufzuhalten. So trostlos dieser Garten auch ist, Maria hatte grade angefangen, sich fallen zu lassen in einem Abziehbild von Familienleben, so brüchig und verschlissen es auch sein mag. Aber jetzt dreht sie sich zu Frank, ist ganz wach und ganz bei dem, was er gesagt hat. „Der Drahtzieher? Dann stimmt es und ich hatte Recht. Die ganze Zeit hatte ich Recht?!“ „Womit hattest du Recht, Maria? Damit, dass du dich geweigert hast, in Justus einen Terroristen zu sehen? Oder mit deiner Behauptung, dass er sich nie und nimmer selbst umgebracht hätte?“ „Mit beidem, Frank. Mit beidem. Und jetzt erzähl mir, was du weißt. Bitte. Pack aus. Schlepp dein Wissen nicht länger allein mit dir herum.“

Frank hat sich auf die rissigen Waschbetonfliesen gehockt, wippt mit gespreizten Knien mechanisch auf und ab. „Mit jedem Tag, jedem Monat, jedem Jahr, in dem ich geschwiegen habe, wurde sie drückender, dieses Last. Wie oft habe ich dir geschrieben, in Gedanken und wirklich. Ich hab sogar deine Email-Adresse recherchiert, kürzlich. Aber dann….“ „Warum hast du so lange geschwiegen?“ „Ich weiß nicht. Ich rede mir ein, wegen Thomas. Weil ich ihn …. immer noch mag. Ihn nicht reinreiten will. Er ist doch der Einzige von uns, der es zu was gebracht hat. Der nicht kaputt gegangen ist, an der Nacht. Er ist unser Leuchtfeuer, sowas wie ein Wahrzeichen, der Beweis, dass unsere Ideen nicht umsetzbar waren, nichts als wirres Marihuanagewäsch. Er hat unseren Positionen den Rücken gekehrt und ist erfolgreich geworden.“ „Hast du dich denn nie gefragt, ob sein Erfolg auf eurem Scheitern aufbaut?“ „Doch. Aber das habe ich schnell wieder verdrängt. Das bringt doch nichts. Vorbei ist vorbei.“ „Nicht ganz. Du kannst für dich entscheiden, wie du leben willst, Frank. Aber du hast kein Recht, die Erinnerung an andere durch Lügen zu verfremden. Zu verdunkeln. Zu kriminalisieren. Du hast kein Recht, durch dein Schweigen das Leben anderer zu blockieren. Genau das hast du getan. Bis heute.“

„Komm, setz dich neben mich“. Misstrauisch folgt Maria ihm zur Hängematte. Nein, ein Sturz aus dieser Höhe kann nicht gefährlich sein, entscheidet sie. Aber die Fäden halten zusammen. Und die kleine Veränderung des Blickwinkels genügt, um sie beide in eine andere Dimension zu schaukeln.  In das Frankfurt der 1980er Jahre, den Hörsaal der Johann-Wolfgang-Goethe-Uni, die Altbau-WG. Die Taunusanlage vor der Deutschen Bundesbank. Während Frank erzählt, fallen die Jahre von ihm ab, er spricht wieder so wie damals, flüssig, überzeugend, moduliert, mitreißend.

Sie galten schnell als die Elitetruppe von Professor van Xanten. Als er ihnen seine große, interdisziplinäre Studie anvertraute, war klar: die vier sind zu ganz Hohem berufen. Die wandern direkt aus der Uni in die Chefetagen der Wirtschaft, der Gerichte, der Politik. Das Zeug dazu hatten sie. Vier hoch intelligente, extrem motivierte junge Männer und ein Groupie. Letztendlich war es ihre Kompetenz, ihre Gründlichkeit, die ihnen zum Verhängnis wurde. Denn je tiefer sie in die Materie eindrangen, desto klarer wurde ihnen, dass sie mit ihren empirischen Daten nicht weiter kamen. Tiefgreifendere Analysen, Feldstudien, vor allem Interviews mit Menschen, Erfahrungsberichte. Nur so konnten sie die Grundlagen schaffen für eine gesicherte Prognose über die Zukunft der Gesellschaft. Vor allem: Eine Beschreibung des Status Quo allein erschien ihnen nicht nur ungenügend und lächerlich, sondern geradezu kriminell. Sie waren jung, sie waren Genies. Sie wussten, was kommen würde. Sie mussten ein Konzept ausarbeiten zur Weichenstellung, um zu vermeiden, was sie empirisch gesichert voraussagen konnten. Ein grundlegender Wandel musste her, in Gesellschaft und Wirtschaft, gesteuert von der Politik und getragen von allen Bevölkerungsschichten. Als sie ihrem Professor ihr Manifest vorstellten, hatten sie mit allem gerechnet, Erstaunen, Skepsis, Enthusiasmus, Bewunderung. Aber: „nie wieder habe ich diesen Ausdruck gesehen, bei einem Menschen. Das war die nackte Angst, gepaart mit einem Schuss Wahnsinn“, sagt Frank. Ausgeschlossen, Sie haben sich verrannt. Ich entziehe Ihnen die Studie. Verbrennen Sie alles, was damit zusammenhängt. Oder kommen Sie zur Vernunft, meine Herren, meine Dame.

Der Schock, die Betäubung hatten eine ganze Woche angehalten. Dann hatten sie zu diskutieren begonnen. Thomas war dafür, den Rat des Professors zu befolgen. Die Studie nach Plan abzuschließen und den verdienten Erfolg einzufahren. Und dann, in einem weiteren Schritt, vielleicht vorsichtig zu versuchen, das Manifest in kleinen, akzeptablen Portionen an entscheidender Stelle anzubringen. Mit dem Renommée, das sie sich erworben hätten, wäre das leicht gewesen, und  dann hätte er versucht, über Vickys Familie Türen zu öffnen. Er hatte das Mädchen kürzlich auf einer Demo gegen Studiengebühren kennen gelernt, und es hatte ihn fasziniert, dass sie aus purer Solidarität mitging, obwohl ihr Vater ihr jede Privatuni hätte zahlen können.

Justus war strikt dagegen. Er nannte Thomas einen Heuchler. Peter pflichtete ihm bei. Melanie versuchte zu schlichten und schlug vor, sich erst mal den Starbahn West Demos anzuschließen und dort zu schauen, wie ihre Ideen bei „sozial engagierten“ Leuten ankämen.

Das machten sie dann auch, aber die Gruppe war schon gespalten. Als Professor van Xanten die Veröffentlichung der „revolutionärsten Gesellschaftsstudie seit Marcuse“ ankündigte, unter seinem Namen, natürlich, gab das allen neuen Auftrieb. Sogar Thomas war jetzt der Meinung, dass sie sich dagegen wehren müssten, wenn sich jemand mit ihren Federn schmücken wollte. Und so arbeiteten sie den Plan zur spektakulärsten Aktion seit Erfindung der Demos aus. Sie malten die Thesen ihres Manifestes auf ein Transparent – in Vickys gestochener Schrift. In der Mittsommernacht wollten sie das Dach der Deutschen Bundesbank erklimmen, den Gipfel der Finanzmanipulation, sozusagen, und von dort das Manifest entrollen. Kurz vorher sollten Melanie und Frank Flugblätter in allen Redaktionen und auf den Straßen verteilen, um auf die Aktion aufmerksam zu machen. Sie waren sich sicher, dass der Medienhype groß genug sein würde, um ihnen zumindest ein erstes Gehör zu verschaffen. An der Überzeugungskraft ihres Chefdenkers, Justus, zweifelten sie keinen Augenblick. Alles Weitere wäre dann wie ein Sonntagsspaziergang. „Ich glaube, an diesem Punkt unserer Planung waren wir alle ziemlich bekifft“, grinst Frank unwillkürlich. „Anders kann ich mir diese Selbstüberschätzung heute nicht erklären.“ „Und Thomas? Wieso war der plötzlich so umgeschwenkt?“ „Ja, diese Frage hätten wir uns damals mal stellen sollen“, sagt Frank.

„Und dann?“ „Ja, dann kam der Abend vor der Nacht. Kurz bevor es losgehen sollte, verschwand Justus. Und stieß erst vor der Deutschen Bundesbank wieder zu den anderen. Daraus wurde ihm dann der Strick gedreht. Im wörtlichen Sinn…. Der Polizeizugriff kam völlig überraschend. Aber noch unglaublicher war die Anschuldigung, wir hätten vorgehabt, die Bank in die Luft zu jagen.  Völlig absurd! Aber dann wurde Sprengstoff in einem Rucksack oben auch dem Dach gefunden. Molotowcocktails und Dynamit.“ „Woher kam das?“ „Keine Ahnung. Wir hatten das auf alle Fälle nicht eingepackt“. Der einzige, der schon oben war, war Thomas. Ihn musst du fragen. Seinen Teil der Geschichte muss er dir selbst erzählen“.

Sie alle seien drei Tage lang festgehalten worden, in getrennten Zellen. Am vierten Tag habe man sie entlassen und ihnen mitgeteilt, dass der „Rädelsführer“ Justus N. sich in seiner Zelle erhängt habe. Er habe ein ausführliches Geständnis hinterlassen. „Aber ich wusste, wo Justus war, an diesem Abend. Er misstraute Thomas und irgendwie auch mir. Er hatte einen persönlichen Kontakt zu einer Journalistin, Johanna. Er hat sich mit ihr getroffen und ihr von unserer Aktion berichtet. Exklusiv und vorab. Vielleicht hat er auch mit ihr geschlafen, ich glaube, sie war in ihn verliebt.“ „Und warum habe ich davon nichts in der Zeitung gelesen?“ „Johanna war zur Taunusanlage gekommen, und da hat sie den Polizeieingriff miterlebt. Sie hat versucht, zu fotografieren. Da hat ihr ein vermummter Polizist den Fotoapparat weggenommen und sie brutal zusammengeschlagen. Als sie aus dem Krankenhaus kam, war sie ihren Job bei der Rundschau los. Ich habe sie nur noch einmal gesehen, danach ist sie untergetaucht. Verstehst, du, Justus hat nie einen Terroranschlag geplant. Das hat ihm jemand untergeschoben. Um ihn zu vernichten. Uns zu vernichten. Ich wusste das. Aber ich habe einfach den Mund gehalten. Weißt du, Melanie war schwanger, damals“, fügt er dann noch hinzu, fast flüsternd.

Frank schweigt. Sein Mund ist ein schmaler Strich in einem grauen Gesicht. Jetzt sieht er aus wie ein alter Mann, vom Kummer gefaltet. Sie möchte ihm gerne etwas Freundliches sagen, aber ihr fällt nichts ein. Unsinnig, ihm Vorwürfe zu machen. Sie legt ihm die Hand auf den Arm, nur ganz kurz, spürt seine Kälte durch den dünnen Stoff des Hemdes. Dann schält sie sich aus der Hängematte und geht. Das Reihenhaus ist leer. Von Melanie und den Kindern keine Spur. Auch die Katze ist verschwunden.

Kapitel 6

Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Bert Brecht

Frankfurt am Main, 21. Juni 2004, nachmittags

„Was fange ich an mit diesem schrägen Tag?“ Wäre das eines dieser Computerspiele, das ihre Freundin Assunta immer spielt, würde sie einfach auf Neustart drücken. Und sich nur mit einem kontinentalen Frühstücksbüffet zufriedengeben, gefolgt von einer entspannenden Massage und einer Viertelstunde Baden im Meer. Um dann bei Herder das neue Nummer 1-Buch der Spiegel-Beststellerliste zu kaufen und den Rest des Tages damit zu verbringen, es daheim auf der Terrasse in einem Stück zu verschlingen. Aber so geht das nicht. Maria ist in Frankfurt. Es ist Juni, ein kalter Juni. Und sie hat eine Aufgabe  zu erfüllen, bevor sie überhaupt jemals wieder in Ruhe und Frieden ein Buch lesen kann. Vor allem will sie in den Fotoalben blättern, die den Weg ihres Sohnes säumen. Das Baby im Krankenhaus, der Kleine im Laufställchen, mit der mannshohen Schultüte, am Meer bis auf den Kopf eingegraben im Sand. Justus mit Zigarre und Zylinder auf der Abifeier. Justus vor den Toren der Uni. Mit seinen Freunden in der WG. Beim Pastaessen, alle aus einer Schüssel. Justus mit Brille vor dem riesigen Computerungetüm, das sie ihm besorgt hatte, eine echte Neuheit. Justus mit ihr, Maria, seiner Mutter. Gleiche Augen gleiches Lachen ungleiches Schicksal. Es ist nicht richtig, dass der Sohn vor der Mutter stirbt. Sie weiß plötzlich, worin der Fehler liegt in der Statue von Michelangelo in der Basilica di San Pietro in Rom. Wie bei einem Wimmelbild hat sie lange gebraucht, um ihn zu finden. Tief in sich. Die Anordnung der Figuren sollten umgekehrt sein. Der Sohn sollte die tote Mutter in seinen Armen halten!

Als Maria aus ihren Gedanken auftaucht, ist sie schon bis zur Eschenheimer Landstraße gelaufen. Sie sucht einen Taxistand und fährt in die Böhmerstraße hinter der Alten Oper. Sie hat es jetzt plötzlich eilig. Will alles erledigen, hinter sich lassen und dann zurück. Nach Rom. Zu den Bildern ihres Sohnes, die sie seit 20 Jahren nicht mehr angeschaut hat.

Sie blickt hinauf zu den Fenstern im zweiten Stock und nimmt eine leise Bewegung wahr, spürt sie mehr, als dass sie sie sieht. Noch bevor sie die Klingel berührt hat, hört sie den Summer. Sie geht in den kühldunklen Hauseingang, die getäfelten Wände riechen schon nach Sonne und Licht. Und nach Pfeifentabak. Maria zögert. Da fällt die Tür hinter ihr ins Schloss. Gut, dass einem manche Entscheidungen abgenommen werden, denkt sie.

Thomas erwartet sie an der Wohnungstür. „Ich hätte es wissen müssen, Maria. Vielmehr, ich wusste es ja. Aber gut, einen Versuch war es wert.“ „Für wen? Für dich oder van Xanten?“ Die Eile in ihr wird immer drängender. Kein Wort zuviel, keine Minute zu lang. „Ich kenne jetzt in groben Zügen die Wahrheit, Thomas. Wir brauchen uns nicht mehr mit Details aufzuhalten. Ich will von dir nur noch Bestätigungen. Und das Wissen um das gesamte Ausmaß deiner Schuld. Keine Sorge, ich nehme dieses Wissen mit mir mit und bewahre es auf. Falls mir dein Pfeife rauchender Freund dazu noch die Gelegenheit lässt.“

Thomas setzt einen bestürzten Gesichtsaufdruck auf. Vielleicht ist er ja sogar echt. Denn als Thomas sich im Wohnzimmer großzügig von seinem kostbaren Cognac bedient, zittern seine Hände, und etwas von der goldgelben Flüssigkeit fällt auf den  Tábriz unter seinen Füßen. Sofort verbreitet sich ein Aroma von Eiche und Tagetes im Raum und verflüchtigt sich wieder.

„Maria, also wirklich. Was denkst du von mir?“ „Nur das Schlechteste, Thomas. Nur das Schlechteste.“

„Also gut. Ich werde nicht versuchen, dich umzustimmen. Aber ich fürchte, du wirst selbst erkennen, dass du dich irrst.“ Irgendwo in den Tiefen der Wohnung fällt etwas um. Thomas zuckt zusammen. Geht zur Zimmertür, schaut auf den Flur, geht kurz hinaus, Stimmengemurmel, dann kommt er zurück, schließt die Tür hinter sich. Er setzt sich auf das breite Ledersofa und schlägt die Beine übereinander.

„Ich nehme an, Frank hat dir erzählt, dass er Beweise dafür hat, dass Justus in der Stunde vor unserer Aktion keinen Terroranschlag vorbereitet hat?“ Maria schaut ihn an und schweigt. „van Xanten mochte Justus. Er wollte ihn aufbauen, etwas aus ihm machen. Als seinen Protégé. Natürlich war eine gehörige Portion Eitelkeit mit im Spiel. Er wusste genau, in Puncto Genie konnte er Justus nicht das Wasser reichen. Aber ein Förderer, der die Vorzüge seines Schützlings erkennt, steht im gleichen Lichtkegel und kann ihn sogar lenken. Aber so war Justus nicht. Er war weder käuflich noch korrumpierbar.“

„Das war der größte Unterschied zwischen euch beiden“, wirft Maria ein. Ganz sachlich und ohne Betonung. „Du bist seine Mutter,“ sagt Thomas und seufzt. „Um dich habe ich Justus immer am meisten beneidet. Wenn du nicht gewesen wärst, du und deine Gespräche, deine Überzeugungen, hätte er sich vielleicht von van Xanten überreden lassen. Aber du, du, du….“ „Du gibst mir die Schuld? Ist es so schlimm, für dich?“ „Egal. Also, van Xanten war von Justus enttäuscht, ja. Aber vor allem hatte er Angst. Angst um sein Prestige. Angst um seine persönliche Stellung. Es ging nicht darum, dass er unsere Ideen für eine echte politische Gefahr hielt. Wir waren für ihn nicht mehr als ein Haufen in die ideologische Irre gelaufener Jungspunde. Was ihm Sorgen machte, große, existentielle Sorgen, war das Potential, das er in Justus erkannt hatte. Kombiniert mit der Tatsache, dass er sich nie würde benutzen lassen, umdrehen, integrieren, war das eine gefährliche Mischung.“ „Eine tödliche Mischung, ja?“ fragte Maria. „Ja“, Thomas nickte.

„Als van Xanten einmal den Entschluss gefasst hatte, Justus zu eliminieren, was alles weitere nur Routine. Den Sprengstoff organisieren und placieren, falsche Informationen an der richtigen Stelle streuen. Der Innenminister und der Polizeipräsident waren nicht nur mit ihm „per Du“, sie spielten im selben Golfclub.“ „Und in der gleichen Korruptionsliga“, unterbricht ihn Maria spöttisch. „Aber warum musste Justus sterben? Warum genügte es nicht, ihn festzunehmen und dann nach einiger Zeit wieder laufen zu lassen?“ „Das fragst du nicht wirklich, oder? Weil Justus nie klein beigegeben hätte. Keine Drohung der Welt hätte ihn davon abgehalten, die Wahrheit zu sagen. Oder zu versuchen, sie herauszufinden.“

„Und dann wäre es auch dir an den Kragen gegangen, stimmt‘s, Thomas?“ Marias Stimme schneidet den Raum in zwei scharf abgegrenzte Bereiche. Gut und Böse. Er steht auf der falschen Seite. „Wer hat den Sprengstoff auf‘s Dach geschmuggelt? Du als Fensterputzer. Mit Erlaubnis der  Bank. Deshalb konntet ihr eure Aktion überhaupt ungehindert starten. Ohne, dass euch ein Wachmann dabei gestört hat. Was war für dich drin, Thomas? Sag‘s mir!“

„Vicky und ich wollten heiraten. Ihr Vater und van Xanten kannten sich natürlich. Ich war ein No Name ohne Geld und Adel, sozusagen. Nicht gerade die Nummer 1 unter den Bewerbern um die Hand der Millionenerbin. Van Xanten versprach mir, meinen Namen wieder mit auf die Studie zu setzen.“

„Das ist alles? Für eine schnöde Erwähnung unter einem Haufen Papier hast du Justus verraten?“ „Ich habe ihn nicht verraten! Ich wollte ihn schützen! Van Xanten hatte mir erzählt, dass der Verfassungsschutz hinter Justus her sei, weil er  bei den Startbahn-West-Demos verdächtige Kontakte zur militanten Szene geknüpft hatte. Er hat mir versprochen, dass er sich dafür einsetzen würde, dass Justus trotzdem eine berufliche Karriere an der Uni machen könnte.“

„Und das hast du ihm geglaubt?“ „Ich wollte es glauben, ja.“ „Und dann?“ „Dann rastete Justus in der U-Haft völlig aus. Wir waren ja alle verhaftet worden. Nur pro Forma, wie mir van Xanten versichert hatte. Aber Justus schrie die ganze Zeit rum, beschimpfte mich als Verräter. Und er zog Vicky mit rein. Sie würde nichts mehr von mir wissen wollen, wenn sie erst wüsste, was für ein Judasschwein ich sei.“ „Und das war dann sein Todesurteil? Hast du ihn umgebracht, Thomas? Warst du das?“ „Wo denkst du hin, Maria! NEIN!“ Thomas schreit. Er steht auf, fängt an, auf und ab zu laufen. Stolpert über den Tàbriz. Tritt gegen die Bar. „Nein! So war das nicht! Ich war ja selbst total überrascht, als ein Polizist mich in ein Zimmer führte und ich van Xanten am Fenster stehen sah. Unser ursprünglicher Plan gehe nicht auf, sagte er mir. Unser Plan! Justus werde nie und nimmer auf sein Angebot eingehen. Er sei geradezu hysterisch. Und er würde mich gnadenlos mit hineinziehen, das hätte ich ja wohl selbst bemerkt. Ich versicherte ihm, dass Justus sich in der Zelle schon wieder beruhigen würde. Aber er glaubte mir nicht. Er wollte noch einen Versuch machen und ihm ganz offen andeuten, dass dir, seiner Mutter, etwas zustoßen könnte.  Da bat ich van Xanten, mich zu ihm zu lassen und zu versuchen, ihn umzustimmen. Er gab mir zehn Minuten.

Zuerst wollte Justus nichts von mir hören. Er hockte sich in eine Ecke und hielt sich Augen und Ohren zu. Er war völlig blutverschmiert. Mein Gott, die Polizisten hatten ihn richtig zusammen geschlagen. Terroristen, auch mutmaßliche, waren seit der RAF sowas wie das rote Tuch der Staatsmacht.

Dann fragte ich, ob er wüsste, wo du seiest. Und da schaute er mich an. Ich ging ganz dicht zu ihm hin und flüsterte ihm ins Ohr, ganz gleich, was irgendwer ihm auch immer sagen, womit auch immer man ihm drohen würde, dir würde nichts passieren. Ich schütze Maria, wenn‘s sein muss mit meinem Leben. So, als wäre sie meine Mutter. Habe ich gesagt. Dann hat der Polizist an der Tür mich am Arm gepackt und rausgeführt. Aber Justus letzter Blick hängt bis heute an mir. Ich habe Wort gehalten.“

„Oh, dann verdanke ich dir ja noch viel mehr, als ich dachte, Thomas. Nicht nur meine Freiheit, nein, mein Leben! Wann hast du denn entschieden, dich von deinem Versprechen zu entbinden? Immerhin hätte ich mir gestern Abend beinahe das Genick gebrochen beim Sturz in der Pension. Aber das weißt du ja alles.“

„Maria, das Versprechen das ich Justus gegeben habe, gilt, solange ich lebe. Glaube mir. Wir blieben zwei Tage in U-Haft. Am dritten Tag wurden wir entlassen. Und erfuhren, dass Justus sich in seiner Zelle erhängt hatte. Angeblich hatte er ein Bekennerschreiben hinterlassen. Ich ging gleich zu van Xanten, ich wollte mich vergewissern, dass es den Brief wirklich gab. Er war für mich nicht zu sprechen. Aber am Abend traf ich ihn im Haus bei Vickys Vater. Sie hatte mich heimlich reingelassen. Sie war erschüttert. Ich hatte nie bemerkt, wie sehr sie Justus verehrte. Wahrscheinlich bin ich auch für sie nur die zweite Wahl gewesen! Ich stellte van Xanten zur Rede, ich war schon ziemlich betrunken. Er packte mich am Arm, zerrte mich in die Bibliothek und zischte: Justus hat gekriegt, was er verdient hat. Du hast jetzt nur eine Wahl: entweder du hältst die Klappe, dann liegen vor dir eine glänzende Karriere und ein tolles Eheleben. Oder du endest wie Justus. Und jetzt hau ab und werd nüchtern.

„Ich bin nicht stolz auf mich, Maria. An diesem Abend hätte ich Vicky die Wahrheit sagen können. Und mit den Konsequenzen leben. Vielleicht allein, vielleicht nicht reich. Aber mit einem etwas reineren Gewissen. Ich war zu schwach. Das Einzige, was ich gemacht habe, war, dich aus dem Gefängnis abzuholen, wohin sie dich gebracht hatten, um Justus Leichnam zu identifizieren, pro Forma. Und dich nach Italien zu begleiten. Aber ob ich das ohne Vicky geschafft hätte, keine Ahnung. Jetzt weißt du alles. Mach, was du willst. Aber bitte geh hier durch die Hintertür raus. In der Ecke im Garten ist ein Loch im Zaun. Ich passe auf, dass dir niemand mehr folgt. Leb wohl, Maria. Schade. Ich wäre gerne dein Sohn gewesen.“

Kapitel 7

Was soll der fürchten, der den Tod nicht fürchtet? Friedrich Schiller, die Räuber

Frankfurt am Main, 21. Juni 2004, abends

Maria sitzt auf der Bank am Schaumainkai, direkt gegenüber spiegeln sich Abendwolken in den Fenstern der Deutschen Bundesbank. Peter ist nicht da. Aber sie spürt Justus so nah bei sich wie nie mehr seit dem Tag, als die Polizei sie im Streifenwagen abgeholt und ins Untersuchungsgefängnis gefahren hat, um ihren toten Sohn zu sehen. Stundenlang, so schien es, hatte sie da gesessen, in dieser unendlichen Stille, die entsteht, wenn die Grenzen der Welt durchlässig werden für die Ewigkeit. Hatte ihn in den Armen gehalten wie damals als Kind. Das war er immer noch. Ihr Kind. Aber so kalt. So nah und so unerreichbar weit weg. So sinnlos. So tot.

„Und was macht van Xanten heute?“, hatte Maria Thomas gefragt, schon an der Hintertür. „Wie, das weißt du nicht? Ach stimmt, du hast ihn ja nie selbst gesehen. Er hat geheiratet und den Namen seiner Frau angenommen. Echter Adel, weißt du. Er heißt jetzt von Ronneberg.“ „Der Ministerpräsident?“ „Genau der.“

Maria schaut sich um. Kein Mensch in der Nähe. Sie stellt die große Einkaufstüte neben sich. Darin liegen ein Kittel, ein Kopftuch, professionelles Reinigungsmaterial. Und eine Reihe chemischer Zutaten. Maria kann sich gut an das Rezept für ihren „Lieblingscocktail“ erinnern, auch, wenn das nie mehr als ein Running Gag zwischen Justus und ihr war. Justus hatte sich immer so sehr auf Weihnachten gefreut. Auch, als er eigentlich kein Kind mehr war. „Einmal werden wir noch wach…“ hatten sie gemeinsam gesungen, am Vorabend der Bescherung. Ja. Genau. Einmal werden Sie noch wach, Herr Ministerpräsident.

Kapitel 8

Ich hab zwei große Türen aufgemacht. Ludwig Hirsch

Frankfurt am Main, 22. Juni 2004, frühmorgens

Am nächsten Morgen geht Maria in aller Frühe zur Staatskanzlei. Hält dem Pförtner den Putzkolonnenausweis hin, den Thomas zwanzig Jahre lang aufbewahrt hat. Die Türen sind offen, wie versprochen. Im Putzwagen verborgen die Mollie mit Zeitzünder. Sie deponiert sie im Papierkorb des großen Büros, direkt unter dem Telefon. Pünktlich um neun wird Thomas den Ministerpräsidenten anrufen. Und dann. Schöne Bescherung!

Epilog

Es ist / Verwelkt der Lorbeer und das Saitenspiel verklungen! / Es war auf Erden ihre Heimat nicht. Sappho

Basilica di San Pietro, Rom.

Ich weiß, du hättest so etwas nie gemacht, sagt sie der trauernden Mutter aus Stein. Ich weiß, dein Sohn hätte das nicht erlaubt. Meiner auch nicht, weißt du. Justus war immer und absolut gegen jede Gewalt. Und er ist ja auch nicht wieder lebendig geworden, nur, weil ich ein Molotowcocktail ins Büro des hessischen Ministerpräsidenten gelegt habe. Ich schäme mich dafür. Und ich bitte dich, verzeih mir! Es war ja dann letztendlich doch nur eine kleine Bombe. Er ist nicht gestorben, wie Justus. Ich weiß selbst, dass es falsch ist, aber ich fühle mich irgendwie befreit. Und nicht nur ich. Auch Thomas. Er hat wirklich versucht, die Vergangenheit rückgängig zu machen. Und Frank sei verändert, erzählte mir Melanie. Kümmere sich mehr um die Kinder und suche sich eine Arbeit. Nur Peter ist verschwunden. Aber ich denke, vielleicht sehe ich ihn eines Morgens bei mir auf der Terrasse stehen. Dann biete ich ihm einen Kaffee an und ein Margarinebrot. Und wir blättern in Justus Fotoalbum. Du bist nicht allein, Maria aus Stein. Und ich bin es auch nicht mehr.

SMS Adventskrimi. 13. Dezember: Dicke rote Kerzen


„Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft….“ Sehr schön. Lass sie nur singen. In dicken bunten Stoffklumpen stehen sie um die Krippe herum, als gäbe es was umsonst. Auf die Ohren, ja. Aus der Konserve rieselt Weihnachtsmusik auf die Kunden herunter, unaufhörlich, wie überzuckerter Schnee. Seit Wochen schon. Wann hat er zuletzt in das Licht einer Kerze geschaut? Mit neun, kurz bevor seine Mutter den Job im Altenheim verloren hat. Rücken kaputt, Kopf kaputt, arbeitslos, Hartz IV. Seitdem flackern die Kerzen nur noch über den Bildschirm, daheim. Geschenke? Kein Geld. Gute Laune kommt nur noch vom Bier. Gute Worte gibts von den Leuten auf den Ämtern. Arbeitsamt. Sozialamt. Schulamt. Und Gutscheine. Geändert haben sich nichts. Aber er. Jetzt. Auch dieses Jahr wirds keine Kerzen geben. Keine Geschenke. Keinen Baum. Keinen Braten. Nicht für ihn. Aber auch nicht für die Leute da vorne, rund um die Dekokrippe. Er packt die beiden Mollys aus – seine Weihnachtsbastelei!

„Oh – du hast aber eine große Kerze! Aber meine brennt schon. Hier, schenk ich dir!“ Eine kleine Hand, eine winzige rotrunde Kerze. Ein Schneeflockenlächeln. Er packt die Mollys in den Rucksack und nimmt das flackernde Teelicht aus der Kinderhand. „Pass auf, dass sie nicht ausgeht, bis du daheim bist.“

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