Adventskalender MiniKrimi vom 22. Dezember 2018

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Meine lieben Leserinnen, vor allem meine lieben Leser: diese Geschichte ist ASBOLUT frei erfunden. Sie entspringt meinem zugegen zuweilen etwas exaltierten Autorenhirn und sollte von Euch „cum grano salis“ gelesen werden.

Die etwas andere Agentur

Das ganze Jahr über waren ringsherum Hunde gestorben. Im Frühling Milka, dann über den Sommer verteilt Edi, Nero, die Chihuahuadame Chéri und im Spätherbst dann der West Highland Terrier Soda. Emily, die es schon in den Sandkastenjahren ihres Kindes vermieden hatte, auf dem Spielplatz mit anderen Müttern zu kommunizieren und alle Kindsnamen auswendig zu kennen, bekam dieses Hundesterben nur deshalb mit, weil sie auf ihren Gassigängen immer weniger Menschen begegnete.

Da sie nicht unter einem beschädigten Selbstwertgefühl litt, dachte sie keinen Moment, dass ihr alle Hundebesitzer nacheinander aus dem Weg gingen. Deshalb fragte sie ihre Nachbarin Silke. Die Antwort war ebenso plausibel wie aufschlussreich – und, wie sich herausstellen sollte, folgenschwer.

Nach ihrem Einzug in das neue Wohngebiet in der Minervastraße hatten sich viele Bewohner einen Hund zugelegt, ziemlich gleichzeitig und aus der gleichen Motivation heraus: Sie wollten raus ins Grüne, das die Minervastraße umgab, aber weil sie allein zu faul waren, musste ein Hund her. Mit der Zeit wurden die Tiere zu echten Gefährten, und Silke berichtete Emily von den verschiedenen Formen, die die Trauer um den verlorenen Vierbeiner angenommen hatte. LEIDER waren ja Tiergräber im hauseigenen Park verboten, ebenso wie Seebestattungen im Naturteich. Deshalb hatten die meisten ihren Liebling verbrennen lassen. Die Urnen in den abenteuerlichsten Farben und Formen zierten nun Kaminsimse und Nachttischchen.

Emily verbrachte ein paar begegnungsarme Wochen im nahegelegenen Wäldchen. Doch als es auf Weihnachten zu ging, traf sie am Morgen auf das Ehepaar Wagner, beide in nagelneu glänzenden Outdoor-Gummistiefeln, mit Pfeifen, Leckerli und Kotbeuteln gefüllten neuen Funktionsjacken, und einem neuen Hund, genauer gesagt einem Labradorwelpen. Labradore waren im Moment offenbar sehr angesagt, denn schon eine Woche später begegnete ihr Frau Hausmann, ebenfalls mit einem Labrador aus dem ungarischen Tierschutz. Allerdings war der sicher nicht ganz reinrassig, dachte sich Emily. Aber sie hütete sich, etwas zu sagen. Und so ging es weiter. Nach und nach kamen ihr auf ihren Morgen-, Mittags- und Abendrunden wieder die gleichen Menschen entgegen wie im letzten Jahr, vor dem großen Minervischen Hundesterben.

Emily hoffte insgeheim, dass mit dem neuen Hund und dem neuen Glück auch ein friedlicheres Miteinander bei den tierischen Begegnungen einhergehen würde. Ihre beiden Dobermänner waren zwar optisch womöglich furchteinflößend, vor allem für Chihuahua-Erstbesitzer in Slim fit Jeans auf Highheels. Diese rissen die armen Tierchen schon hektisch in die Arme, wenn Emily sich mit ihren beiden am Horizont der Minervastraße zeigte. Aber Emma und Mr. Steed gehorchten aufs Wort. Was von den meisten anderen Vierbeinern nicht gesagt werden konnte. Sie überlegte schon,  eine Welpenschule zu gründen – ihre 2-Frauen-Werbeagentur lief momentan nicht besonders, da kam ihr eine viel bessere Idee.

Denn nach den Hunden hatten in der Minervastraße im nächsten Frühling etliche Ehemänner das Zeitliche gesegnet. Auch hier das gleiche Prinzip: Die Ehepaar, die vor rund einem Jahrzehnt eingezogen waren, um hier ihren Lebensabend beschaulich zu genießen, waren in die Jahre gekommen, in denen, rein statistisch gesehen, Männer, in diesem Falle Ehemänner, versterben.

Auch wenn Emily von keiner Witwe gehört hatte, die ihren Mann im Naturteich hätte beisetzen wollen oder seine Asche in einer Urne auf dem leeren Kopfkissen lagerte („Gute Nacht, Erich, jetzt stört es dich sicher nicht mehr, dass ich noch lese“) – die Damen trauerten. Und Emily dachte darüber nach, wie sie diese Trauer lindern könnte.

Sie besuchte eine Dame nach der anderen, mit Kuchen und einem stattlichen Din A 4 Ordner. Sie kam einmal, zweimal, dreimal. Und irgendwann sah man Frau Weber den  mäandernden Weg im Park der Minervastraße an der Seite eines gut und gepflegt aussehenden Mannes entlangschreiten, der sogar viel besser zu ihr zu passen schien als der Ex. Sie wirkte um Jahre jünger,  und bald taten es ihr andere Witwen gleich.

Emily stellte eine Headhunterin ein, denn die Wünsche der Witwen waren teilweise sehr exklusiv. Die Tatsache, dass es in ihrer Alterskategorie naturgemäß weniger Männer als Frauen gab, fiel nicht ins Gewicht, denn die Damen wünschten sich ohnehin lieber etwas frischeres.

Die Nachfrage war so groß und die Warteliste so lang, dass Emily schließ einige Bewohnerinnen, von denen sie wusste, dass sie eventuell in einer nicht allzu fernen Zukunft auf sie zukommen würden, sehr dezent darauf hinwies, dass eine rechtzeitige Reservierung – ggf sogar noch zu Lebzeiten des Angetrauten – von Vorteil sein könnte.

Und dann passierte es. Ausgerechnet bei Frau Dr. Kramer -Weidenhoff! Emily mochte die elegante 80jährige besonders gern, denn sie wusste, dass das Leben mit dem exzentrischen und schon vor der einsetzenden Demenz aggressiven Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. Weidenhoff kein Zuckerschlecken gewesen war. Sie gönnte der alten Dame von Herzen einen goldenen Lebensherbst, und deshalb schauten sie sich beide die Fotos in dem beträchtlich gewachsenen Ordner ganz besonders intensiv an. Und wurden fündig. Leonardo von Medberg hatte zwar kein Vermögen mehr, dafür aber Manieren – und den innigen Wunsch, gut (aus)gehalten zu werden. Treu war inzwischen mit Sicherheit, dafür war ihm seine Zukunft zu wichtig. Alles schien perfekt.

Aber der Professor hing an seinem Dasein mit einem eisernen Willen. Gleichzeitig tyrannisierte er seine arme Ehefrau mehr denn je. Einmal sah Emily sogar blaue Flecken an ihren Armen. Leonardo wurde langsam unruhig. Da schritt Emily, die ehemalige Krankenschwester, zur Tat.

Sie hatte erwartet, dass ihr Gewissen sie plagen, dass sie bei den Damen in der Minervastraße vielleicht sogar unter Verdacht geraten würde. Aber weit gefehlt! Sie sah sich vielmehr von ihrer Kundschaft geradezu genötigt, ihre Agentur um ein „rundum-sorglos“ Angebot erweitern……

AdventsKalender Mini“Krimi“ vom 14. Dezember

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Tief unter dem Fell / I.

Ich bin im Juli geboren. Wir hatten Glück. Als bei meiner Mutter die Wehen einsetzten und sie auf der Straße zusammenbrach, wurde sie von Ehrenamtlichen aufgenommen und betreut. An die ersten Tage meines Lebens kann ich mich nicht erinnern. Später, als ich anfing, mich umzuschauen, war die Welt um mich herum warm, bunt und laut. Ein Kaleidoskop sich bewegender Menschen und Tiere, von Geräuschen, Gerüchen und Düften. Schon morgens um sechs klapperten die Töpfe in der Küche, und dann gab es Essen für alle unter der Pergola im Garten. Lavendel, Jasmin und Majoran wehten mit der salzigen Brise vom Meer herüber, und unter den schattigen Palmen leuchteten rote Hibiskusblüten. Meine Schwester und ich hatten den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als zu spielen und immer neue Streiche auszuhecken. Wir versteckten uns zwischen den frisch gewaschenen Laken und zerrten so lange daran, bis sie ins Gras glitten. Das fanden die Hunde besonders lustig, und sie stapften mit ihren sandigen Tatzen darauf herum, bis die Tücher aussahen aus wie große, zum Trocken ausgelegte abstrakte Gemälde. Nur den guten Leuten oben in der Finca gefiel unser spontanes Kunstwerk leider gar nicht.

Immer häufiger standen sie zusammen und besprachen sich leise. Dann schauten sie zu uns herüber, zu meiner Schwester und mir, und tuschelten weiter. Was sie sagten, verstanden wir nicht. Also taten wir so, als wäre alles wie immer. Das war in dem Paradies, in dem wir lebten, nicht schwer. Der blaue Himmel, die stillen Wolken, das flüsternde Meer, die Zikaden, die Sonne.

Und dann kam der Herbst. Leise wie ein Wolf hat er sich in unsere Welt geschlichen und sie eingehüllt in sein wolliges Grau. Sein kalter Atem verwehte die Weinblätter an der Pergola, die Vipern verschwanden zwischen den Steinen und die Leute frühstückten in der Küche, eingehüllt in die Düfte und Dämpfe von Suppe und Brot. Auch wir lagen dort in der rauchigen Wärme und dösten. Da nahmen die Leute meine Schwester und mich auf den Arm und trennten uns.

AdvernsKalender MiniKrimi vom 8. Dezember

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Der Flughund

„Was, Du willst Dir einen Hund zulegen? Wer hat Dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?“ Arne kennt Silvana seit über 20 Jahren, aber Tierliebe war bislang nie eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften gewesen. „Naja, nicht irgendeinen Hund.“ „Eben, das ist ja noch schlimmer. Wenn Du plötzlich auf den Hund gekommen wärest und Dir beim Züchter einen Windhund, einen Dobermann oder meinetwegen auch einen Prager Rattler bestellt hättest, könnte ich das ja noch im entferntesten nachvollziehen. Aber einen mallorquinischen Straßenköter…?! Du musst verrückt sein!“ Diesen Verdacht hegt Arne schon länger, genauer gesagt seit Silvanas erstem und einzigem Besuch auf der Baleareninseln im vergangenen Jahr. Nach ihrer Rückkehr war sie nicht mehr dieselbe. Davor hat Arne sich diskrete Hoffnungen auf ein mögliches Leben zu zweit gemacht, in Form einer Lebens-, nicht einer Wohngemeinschaft. Und er hatte auch gemeint, bei Silvana Anzeichen zu entdecken, dass sie diesem Gedanken nicht abgeneigt war. Nach Mallorca war alles anders. Sie hat nicht viel von diesem Aufenthalt erzählt. Aber zwischen den Zeilen hat Arne herausgehört, dass sie ganz offensichtlich eine Frau kennengelernt hat. Claudia. Eine abgebrannte Deutsche, die auf Mallorca gestrandet ist und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Arne hat sich sogar dabei ertappt, wie er in Silvanas Handy nach Nachrichten von dieser Frau gesucht hat. Das letzte, was er von ihr erfahren hat, war, dass sie wohl einen reichen Fang gemacht und sich ihrer Geldsorgen durch eine Heirat entledigt hat. Gottseidank, damit ist das Kapitel Claudia hoffentlich erledigt, hat er gedacht.

Und jetzt der Hund. Natürlich ist er mit Silvana zum Flughafen gefahren. Hat in der Gruppe der Wartenden gestanden, zwischen Schildern mit „Senor Cortez, Philatelistische Gesellschaft“, „Dr. Dr. Maibaum, Weltmünzkongress“ und „Holiday Inn, Frau von Selbitz“. Hat familiäre Freudentränen miterlebt und schreiende Kleinkinder. Bis endlich die „Flugpatin“ mit der Transportbox durch die Absperrung kommt und sich suchend umschaut. Silvana dreht sich kurz nach links und rechts, dann geht sie auf die Frau zu. Sie sieht genauso aus, wie Arne sich jemanden vorstellt, der Hunde aus der Wärme Mallorcas in den Münchner Winter begleitet. Dann geht alles sehr schnell. „Danke“, sagt Silvana, reißt der Frau beinahe die Box aus der Hand und stürmt, ohne den kleinen zitternden Hund, der seit Stunden dort eingesperrt ist, auch nur eines Blickes zu würdigen, hinaus auf den Parkplatz. Arne hinterher. Erst, als sie im Auto sitzen, macht Silvana das Türchen auf und nimmt den Hund vorsichtig in den Arm. Schaut ihn prüfend an, begutachtet das gefütterte, mit Strasssteinen besetzte Halsband, setzt das Tier wieder in die Box und fährt los. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit hält sie sich genau an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Naja, wenigstens nimmt sie Rücksicht auf den Hund.

Vor ihrem Haus will sie Arne verabschieden, aber er lässt sich nicht so schnell abwimmeln. Widerwillig nimmt Silvana ihn mit in die Wohnung. Sie sind kaum angekommen, als Silvanas Telefon klingelt. „Ich rufe gleich zurück. Ja, alles gut.“, sagt sie und legt auf. Wie untypisch für sie. „Arne, enschuldige, ich bin müde. Wir sehen uns morgen. Mach’s gut.“ Und schon steht er draußen. Zu neugierig, um einfach zu gehen. Er geht vorsichtig ums Haus und schaut hinter einer Tanne hervor in Silvanas Wohnzimmer. Sie hasst Vorhänge. Das ist sein Glück. Er sieht, wie sie den Hund aus der Box holt, ihm vorsichtig das Halsband abnimmt und es mit einem Messer der Länge nach aufschneidet. Das ist der Moment, an dem Arne beschließt, dass Silvana für ihn Vergangenheit ist.

Im Internet liest er eine Woche später von einem Raubmord auf Mallorca. Die trauernde Witwe Claudia P. erzählt, dass sie ihren Mann erwürgt vor dem offenen Safe gefunden hat. Von den Diamanten, die der Schmuckhändler dort aufbewahre, fehlt seither jede Spur. Ebenso wie von Alonso, dem Straßenköter, den er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit mit einem Stück Kalbsleberwurst gefüttert hat.