Der Adventskalender-Minikrimi vom 7. Dezember

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Liebe Leser*innen,

heute präsentiere ich Ihnen froh einen MiniKrimi meiner Autorenkollegin Rosemarie Schmitt. Wir sind wahrlich Schwestern im schwarzhumorig-literarischen Geiste. Danke, liebe Rosemarie, für diese rabenschwarz tiefgründige Story.

Auch das hätte sie mir niemals zugetraut

Als sich die Trauergesellschaft in Bewegung setzte, um den letzten Weg mit der Verstorbenen von der Leichenhalle zum Grab zu gehen, zogen sich die beiden Frauen in den Schutz zweier Lebensbäume zurück.

„Kannten Sie sich?“

„Sie mich nicht.“

„Das dachte ich mir. Wissen Sie, in letzter Zeit habe ich viele Beerdigungen miterlebt, und irgendwie … na ja, ich erkenne nicht, was Sie mit denen dort verbände.“

„Das sehen Sie ganz richtig. Doch, bitte entschuldigen Sie meine Neugierde, da Sie offensichtlich nicht zu der Beerdigungsgesellschaft gehören: Was tun SIE hier?  Ich kann mir weiß Gott Schöneres vorstellen, als auf einem Friedhof zu stehen.“

„Ich bin quasi zu Recherchezwecken hier. Ich bin Schriftstellerin und arbeite an einem Roman. Was ich suche, sind Worte, die mir fehlen, Leben, die gehen und bleiben. Früher oder später weinen sie alle, manche aus Trauer, andere aus Solidarität, wiederum andere aus Erleichterung.“

Mit einem herzlichen Lächeln reichte ihr Gegenüber ihr die Hand.

„Mein Name ist Charlotte Seinsfeld, es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits. Ich bin Thea Kordel.“

Als habe es ein Startzeichen gegeben, schlugen beide Frauen ihre Mantelkragen hoch, zogen sich die schwarzen Filzhüte ein Stück weiter ins Gesicht und wandten sich der Angelegenheit zu, wegen der sie gekommen waren, der Bestattung einer alten Dame.

Wenn Theas Mutter zu Beerdigungen ging, legte sie stets großen Wert auf ein perfektes Äußeres. Man wurde ja dort von so vielen Leuten gesehen. Sie legte Lidschatten auf, und je nachdem, ob mit Tränen zu rechnen war, zog sie eine feine Linie mit einem Kajalstift und tuschte ihre Wimpern. Eine Maskerade, die durch Tränen zu einer perfekten Schmierenkomödie werden konnte.

 „Wissen Sie, Thea, wie alt die Verstorbene wurde?“

„76.“

 „Schreiben Sie auch, Thea?“

„Ja, ich schreibe überwiegend Kurzgeschichten. Ich liebe es, mich kurz zu fassen. Außerdem verfasse ich Essays und Kolumnen. Ich bin freie Mitarbeiterin für die hiesige Tageszeitung. Hin und wieder übernehme ich für befreundete Autorinnen die Lektoratsarbeit, so fern sie selbst publizieren und keinen Vertrag bei einem Verlag haben. Seit etwa einem Jahr arbeite ich an meinem ersten Roman

„Ihre Mutter muss sehr stolz auf Sie sein!“

„Sie hat niemals etwas von dem gelesen, was ich geschrieben habe. Es interessierte sie nicht.  Niemals wurde sie müde, mir zu sagen und zu zeigen, wie dumm ich doch sei. Noch bevor ich ein geschult wurde, waren meine Eltern sich einig, dass ich zwar zu einfältig sei, um ein Frühstücksei zu köpfen, aber man sich nicht sorgen müsse, weil ich erstens raffiniert sei und zweitens wenigstens eine ganz Hübsche. Das würde reichen, schließlich sei ich ja sowieso ein Mädchen.

Was ich mir wünschte und nie bekam, waren Bücher. Nein, so ganz stimmt das nicht, denn eines bekam ich zu meiner Kommunion und ein zweites, als ich mit 13 von einem Auto angefahren wurde und deshalb ein paar Tage in der Klinik bleiben musste.

Dass auch meine Verwandten mir niemals Bücher schenkten, lag daran, dass meine Mutter allen sagte, sie sollen keine Bücher für mich kaufen, ich wisse eh nichts damit anzufangen. Das erfuhr ich allerdings erst, als ich bereits erwachsen war.

Der Pfarrer leierte derweil: „Lasset uns beten. Herr, erforsche mich und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Wohin aber soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin sollte ich gar fliehen vor deinem Angesicht? …“

„Sind Sie geflohen, Thea? Geflohen vor den Erniedrigungen Ihrer Mutter? Oder holen Sie sich noch immer regelmäßig Ihre seelischen Ohrfeigen ab?“, fragte Charlotte in den Regen.

„Vor fünf Tagen wurde Mutter 76. Ich brachte ihr 200 Gramm von ihren liebsten Pralinen. Nur diese eine Sorte durfte es sein, diese mit der ganz besonders edlen Füllung .Sie steckte eine nach der anderen in ihren Schlund. Der mit Schokolade vermischte Speichel tropfte ihr vom Kinn, und sie stopfte und schmatzte. Am Ende sagte sie, ihr sei so übel und ich sei schuld, ich mit meinen fürchterlichen Pralinen. Angeboten hat sie mir keine davon, ich wisse ja, wo man sie kaufen könnte. Ich mag sie eh nicht, diese Pralinen, und meine Mutter.“

„Kommen Sie, liebe Thea“, sagte Charlotte, während sie sich wie selbstverständlich einhakte, „was halten Sie von einer heißen Tasse Tee und einem kleinen Imbiss?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, führte sie Thea mit sanftem Druck Richtung Ausgang.

„Vielleicht sollten wir Ihrer guten Frau Mutter demnächst gemeinsam einen Besuch abstatten, was meinen Sie?“

„Das haben wir bereits getan, Charlotte. Wir kommen soeben von ihrer Beerdigung.“

MiniKrimi vom 16. Dezember

Der heutige Krimi ist eine Gabe von Ina May. Ihre Krimis findet ihr hier: http://www.inamay.de Ina May ist Mitglied der Autorinnenvereinigung und schreibt Krimis, Romane, Kinder- und Jugendliteratur – und Spiele.

 

… und dann bist du tot

Nina war erst vor einigen Wochen wieder in ihre Heimat gezogen, hatte Berlin, die Großstadt mit Vergangenheit hinter sich gelassen, und war an den Ort ihrer eigenen Vergangenheit zurückgekehrt.

Es gibt Straßen, die einem unangenehm sind. Man möchte sie nicht befahren und man hat den besten aller Gründe – den Tod.

Schon die Erinnerung daran tut weh, alles in einem sträubt sich und doch muss man genau diese Verbindung nehmen, weil es irgendwann genug ist, sich selbst zu peinigen. Weil es irgendwann genug sein muss.

Seit damals war sie nicht mehr an der Stelle vorbeigekommen. Nina hätte gerne einfach nur Gas gegeben, die Augen geschlossen, bis sie den Ort des Grauens passiert hatte, aber das zählte jetzt nicht mehr. „Reiß dich zusammen!“

Die Dämmerung verdrängte mühelos einen sonnigen Herbsttag. Die Gegenwart wäre bereits morgen wieder vergessen. Wäre es doch nur auch so einfach, düstere Erinnerungen abzuhaken.

Um ein Haar hätte sie das kleine Licht übersehen und blinzelte verwundert. „Nein!“, flüsterte sie. Angst kroch über ihren Rücken und hinterließ dort eisige Kälte. Sie wurde langsamer, nahm den Fuß vom Gas.

Es konnte ein Mädchen sein, das dort aus dem Wald kam. Ein Mädchen mit seinem blauen Fahrrad… „Hör’ auf, hör’ auf!!!“

Doch es war nur der Schein einer Kerze, die unter einem Holzkreuz stand.

Wer war hier verunglückt, wer war gestorben? Das Kreuz sah so neu aus.

Nina kämpfte mit sich; weiterfahren und nicht mehr dran denken oder aussteigen, nachsehen und heute Nacht ruhig schlafen. Was völliger Blödsinn war, sie war froh, wenn sie keine Alpträume quälten.

Später würde Nina sich wünschen, sie hätte nicht angehalten, doch jetzt warf sie einen Blick in den Rückspiegel und fuhr an die Seite.  Sie würde die Autotür  offen lassen und sie könnte die kleine Taschenlampe mitnehmen, die immer im Handschuhfach lag.

Bevor sie sich auf ein wildes Gerangel mit ihren Gedanken über das Für und Wider einließ, stieg sie aus und setzte ihre Füße entschlossen auf den nachgiebigen Waldboden. Unter ihren Schuhen raschelten Blätter.

Nina knipste die Taschenlampe an. Ihr Blick fing zuerst die schöne Holzarbeit ein, bevor er weiterwanderte. In Gedanken bei Dir, stand da auf dem Querbalken. Es sah aus, als hätte jemand die Buchstaben eingebrannt.

Dann erst schaute sie auf den Namen … und das Todesdatum.

Nina Altenbeck

Geb. 26.3.1980

Gest. 24.09.2014

Nina fiel auf die Knie. Der 24.09. Morgen.

Die Autotür stand noch immer offen, die beruhigende Innenbeleuchtung aber wirkte nicht länger beruhigend. Nina sprang in den Wagen, als müsste sie jeden Augenblick damit rechnen, dass eine Hand sie zurückhielt.

Die Lampe sandte ihren Schein über den Boden und verlor sich irgendwo in der Schwärze des Waldes. Nina hatte nicht einmal bemerkt, dass sie ihr aus der Hand gefallen war.

Sie warf nur einen knappen Blick in den Rückspiegel. Die Türen verriegelten sich automatisch, als sie das Gaspedal durchtrat.

Heiße Tränen sammelten sich in ihren Augen und nahmen ihr die Sicht.

Ihr kam ein Wagen entgegen, Nina sah die Scheinwerfer, sie wusste, sie sollte nicht heulen, sonst wäre sie nicht erst am 24.09. tot, sondern jetzt gleich. – Vielleicht war es nur fair, dachte sie. Das Holzkreuz wartete darauf, das Mädchen mit dem blauen Fahrrad wartete darauf …

Aus dem hellen Mittelstreifen wurden plötzlich zwei und Nina wischte sich über die Augen. Jetzt verschwand der Streifen ganz. Sie war auf die Gegenseite geraten.

Die Lichter eines entgegenkommenden Wagens blendeten sie und im letzten Moment riss Nina das Steuer herum – ein Stück zu weit. Es krachte und sie dachte, dass sie doch erst in vierundzwanzig Stunden sterben sollte.

Der Tod war ein Lügner.

 

„Hallo?“ Die Frage drang dumpf und von weither zu Nina. Ihre Hand versuchte den Vorhang beiseite zu wischen, aber da waren lauter Spinnweben in ihrem Gesicht. Sie schrie panisch auf.

„Ganz ruhig, nur dem Auto ist etwas passiert.“

„Ich lebe“, sagte Nina. Na klar, sie wäre ja erst im Laufe des morgigen Tages an der Reihe. Fast hätte sie gelacht.

„Ein Glück“, kam die Bestätigung und Nina schaute in ein freundlich dreinblickendes Männergesicht. „Ich möchte derjenige sein, der dich beim Sterben begleitet.“

Nina glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben.

„Ich habe lange nach dir gesucht. Und dann warst du plötzlich da“, sagte derjenige mit düsterer Erleichterung.

Es war also soweit. Das Bild verfolgte sie seit damals. Das Mädchen mit dem blauen Fahrrad. „Es war ein Unfall“, versuchte sie sich zu verteidigen. „Ich habe sie nicht gesehen. Sie kam vor mir aus dem Waldstück, tauchte plötzlich auf. Es tut mir leid… Bitte…“ Aber Nina wusste, er würde ihr nicht glauben.

„Sie hieß Marie. Du hast meine Tochter dort am Waldrand sterben lassen. Allein.“

Der Tod würde Nina morgen erwarten, sie würde ihn überraschen, denn in ihrem persönlichen Kalender strich sie bereits die Tage ab – der Krebs hätte noch ein bisschen länger gewartet.

Sturz ins Bodenlose

Sturz ins Bodenlose

Sommerkrimi. Ab sofort zum kostenlosen Download  im Sony-Reader-Club.

Sturz ins Bodenlose

Es sollte ein Neuanfang werden. In einer neuen Stadt, mit einem neuen Job und einer neuen Liebe. In München wollte Iva Brenner alles hinter sich lassen, den despotischen Vater, den Krebstod der Mutter, die gescheiterte Ehe. Aber dann holt sie die Vergangenheit ein. Und in der trügerischen Idylle des Landsberger Sommers durchlebt Iva ihren ganz persönlichen Psycho-Thriller.

Lust zu Lesen? Hier ist der Link: https://reader-club.sony.de/web/guest/leseproben

Und noch etwas: Keine Angst vorm dicken Schmöker: es ist ein KURZ-Krimi 🙂 !