MiniKrimi Adventskalender am 12. Dezember


Leben und sterben lassen

Helena arbeitet gerne beim ärztlichen Bereitschaftsdienst. Für die Chirurgin in einer großen Klinik sind die Einsätze die wenigen Momente, in denen sie nicht nur einen Körper „bearbeitet“, sondern den ganzen Menschen erlebt. Die vierfache Mutter, die so viel mit den Kindern zu tun hatte, dass sie ihren Husten so lange verdrängte, bis sie keine Luft mehr bekam. Den Rentner in seiner kleinen Wohnung, in der sie durch Zeitungsstapel waten und einen fauchenden Kater umgehen musste, um bis zu der Eckbank vorzudringen, wo er, vor Gallenschmerzen gekrümmt, kauerte. Das Pärchen in einer schicken Villa im Nobelviertel, das sich in Abwesenheit der Eltern mit Magic Mushrooms in einen Rausch katapultiert hatte, der bei einer der beiden in einen massiven Verfolgungswahn umgeschlagen war.

Ihre Arbeit beim ärztlichen Bereitschaftsdienst motiviert sie, weiterzumachen, wenn der Klinikalltag mit Bürokratie, engstirnigem Regelwerk und ständiger Bevormundung durch die dienstälteren Kollegen unerträglich zu werden droht.

Jetzt, in der Woche vor Weihnachten, hat sie gleich mehrere Schichten übernommen. Als Single in einer ihr noch fremden Stadt ist ihr das lieber als einsame Abende mit Rotwein und TV-Schnulzen. Nur heute würde sie gerne pünktlich zum Schichtwechsel um 22 Uhr Schluss machen. Denn sie hat sich mit ihrer besten Freundin, die für ein Jahr in New Orleans arbeitet, für ein Zoom-Treffen verabredet.

21 Uhr. Bis jetzt ist der Dienst mehr als ruhig verlaufen. Die Leute sind mit den Weihnachtsvorbereitungen offensichtlich zu beschäftigt, um krank zu werden. Und die Einsamen, Depressiven warten mit ihrem Blues vermutlich bis Heiligabend. Wo werde ich am 24. sein?, fragt sich Helena. Zuhause bei den Eltern, 400 physische Kilometer und Lichtjahre entfernt von ihrem Leben? Oder auf der X-Mas Single Party, auf der sie wahrscheinlich mehr als einen Kollegen treffen würde?

Das Telefon klingelt. „Helena, Einsatz. Nichts Lustiges, leider. Ne Leichenschau. Im Entenbachstift.“ „Aber das Stift hat doch seine eigenen Ärzt*innen?“ „Ja, aber die Anruferin hat explizit nach dir gefragt. Ihr Mann ist gestorben.“ „Wie, nach mir?“ „Also nach jemandem von uns. Fahr da mal hin. Vielleicht kriegst du ja auch was geschenkt.“ „Wie bitte? Das geht ja gar nicht!? „Der Dr. Hennig-Liske war mal dort und hat ne Flasche Champagner mitgebracht. Sei ihm regelrecht aufgezwungen worden, hat er erzählt.“ „Naja, wohl kaum, wenn sie gerade den Ehemann verloren hat. Ich bin schon unterwegs.“

Und so klingelt Helena am 21. Dezember um 21.20 Uhr bei Prof. Dr. Weimar. So steht es auf der Adresse., die Sybille ihr und dem Fahrer, Frank, mitgegeben hat.

„Du wartest?“ Die Frage ist rhetorisch. Natürlich wartet Frank. Und natürlich erwartet er, dass Helena nicht länger als nötig weg ist.

Der Türöffner summt, gleichzeitig sagt eine verzerrte Stimme aus der Gegensprechanlage: „4. Stock, gleich gegenüber vom Aufzug. Oder rechts neben der Treppe, wenn Sie lieber zu Fuß gehen.“

Als Helena oben ankommt, ist die Tür zur Wohnung Weimar angelehnt. Aus halbdunklen Tiefen tönt Musik: Mozarts Requiem. Die Frau hat Nerven wie Drahtseile, denkt Helena. Oder Stil. Oder beides.

„Guten Abend. Danke, dass Sie gekommen sind. Bitte hier entlang.“ Die Frau ist hochgewachsen und schlank, sie trägt einen weiten Hausanzug aus dunkelrotem Samt. Die gleiche Farbe wie ihre Lippen. Die grauen Haare fallen in weichen Wellen auf ihre Schultern. Die Augen schwarz, die Nase gerade, der Blick scharf. Eine sehr schöne Frau. Eine alte Dame. Unwillkürlich fühlt Helena sich zu ihr hingezogen. Das ist unprofessionell und ihr noch nie passiert.

Die alte Dame deutet auf eine Gestalt, die in der Ecke eines dunkelgrauen Sofas lehnt, den Kopf nach hinten gebeugt, in eine karmesinrote Decke gehüllt. „Mein Mann.“ Als wolle sie ihn Helena vorstellen. Er sieht aus, als würde er schlafen, und einen Augenblick lang denkt Helena, dass er aufstehen und ihr die Hand küssen wird, vielleicht mit einer gemurmelten Entschuldigung, weil er eingenickt ist. Seine Frau beugt sich über ihn, streicht ihm über das perfekt geschnittene Haar und streift seine Stirn mit einem leichten Kuss. Es ist ein Bild von unendlicher Nähe und Zärtlichkeit.

„Sie haben doch schon mal einen Toten gesehen?“ Jetzt erst merkt Helena, dass sie im Türrahmen stehengeblieben ist. „Natürlich.“ Sie gibt sich einen Ruck. Es fällt ihr nicht leicht, die Routine aufzunehmen in diesem gemütlichen Raum, der Leben und die Liebe dazu atmet. Von den deckenhoch in Reihen geordneten Büchern über das Sofa, die Lesesessel links und rechts vom Kamin, in dem ein küstliches Feuer flackert, bis zu den Fenstern, die die näctliche Stadt mit ihren Lichtern ungehindert teilhaben lassen an dem, was sich hier abspielt. Als sei es eine Bühne.

Sie nähert sich dem Mann. Dem Toten. Das kann sie zweifelsfrei feststellen. Der Körper ist noch warm, doch die Haut beginnt schon, abzukühlen, und Helena erkennt einzelne Totenflecken. Die Augen sind geschlossn. „Waren Sie das?“, fragt Helena die Frau. „Nein, er hat die Augen selbst zugemacht. Ihm war komisch, hat er gesagt.“ „Und wann war das?“ „Keine Ahnung. Vor zwei Stunden, vielleicht.“ „Warum haben Sie nicht gleich einen Arzt gerufen?“ „Er wollte das nicht. Und es ging ihm ja nicht schlecht. Ihm war, wie gesagt, nur komisch.“ „Und wann haben Sie gemerkt, dass er tot war? Waren sie die ganze Zeit bei ihm?“ „Nein, ich zwar zwischendurch in der Küche und im Bad. Ich habe immer mal wieder nach ihm gerufen. Als er nicht mehr geantwortet hat, bin ich sofort zu ihm gegangen. Da hat er nicht mehr geatmet.“

Helena versucht, die Situation in Augenschein zu nehmen. Woran der Mann gestorben ist, kann sie nicht erkennen. Er sieht friedlich aus. Es hat mit Sicherheit keinen Kampf gegeben. Weder mit einem anderen Menschen noch mit dem Tod. „Als habe er ihn willkommen geheißen“, denkt sie. Und schüttelt den Kopf. Sie ist sonst nicht romantisch veranlagt. Aber dieser Raum verbreitet eine ganz eigene Athmosphäre. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass die Musik immer noch an ist. Sie kann keine Anlage erkennen, der Klang scheint frei im Raum zu schweben. Eine teure Wohnung, das ist klar. Ein reiches Paar.

Helena stellt die obligatorischen Fragen. Litt der Mann an einer oder mehreren Krankheiten? Natürlich. Mit 91. Bluthochdruck, Arthrose, er hatte grauen Star. Und mehere Bypässe. Aber vor allem war er alt. „WIr beide sind alt“, sagt seine Frau. Sind. Nicht waren. Denn ihr Mann ist noch hier, ist noch präsent. Helena bemerkt, dass kein Fenster geöffnet ist. Keine Seelenwanderung geplant, offensichtlich.

„Ging es ihm schlecht, heute? Hat er über etwas gekasgt?“ „Nein, nicht mehr als üblich. Er konnte seine Brille nicht finden, und die Butter war nicht salzig genug. Männer ertragen das Alter schwerer als Frauen, wussten Sie das? Aber nein, dafür sind Sie zu jung.“

Tatsächlich kann Helena ein Lied davon singen, wie wehleidig Männer sind. Aber daran sterben sie normalerweise nicht. Was also soll sie auf den Totenschein schreiben?

« Ich kenne weder die unmittelbar zum Tod führende Krankheit noch eine ursächliche Krankheit, die die unmittelbare Todesursache herbeigeführt haben könnte. Vor allem: sogar ein moribunder Patient kann rein theoretisch eines unnatürlichen Todes sterben. Ich kann – auch bei fehlenden äußeren Verletzungszeichen – nicht ausschließen, dass ein Verbrechen vorliegt, eine Vergiftung, zum Beispiel“, sagt sie. Eigentlich ist die Bescheinigung eines natürlichen Todes nur im Krankenhaus möglich, und auch dann nur, wenn der Tote vorher immer unter ärztlicher Kontrolle stand.

Helena muss eine Entscheidung treffen. Soll sie – mit erheblichem finanziellen und, für sie und für Frank, zeitlichen Aufwand eine Obduktion veranlassen? An einem 91-Jährigen, der in einem luxuriösen Seniorenstift wohnte? Helena sieht die Überschriften der lautesten Boulevard-Zeitschriften vor sich: Bereitschaftsärztin schikaniert trauernde Witwe. Wer weiß, vielleicht war der Professor irgendeine bekannte Koriphäe?

„Und was machen wir jetzt?“, fragt seine Frau. „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich brauche jetzt einen Gin Tonic. Und für Sie einen Tee, als Kompromiss, ja?“ Sie geht in die Küche, ohne Helenas Antwort abzuwarten. DIe ruft in der Zwischenzeit ihren Fahrer, Frank, an. „Du, das kann hier noch dauern. Ich muss das irgendwie abklären.“ „Wie, abklären? Isser tot oder nich?“ „Doch, schon.“ „Aber? Im Auto wird’s langsam kalt, und wir beide haben um 22 Uhr Schichtende. Das ist in 5 Minuten!“ „Ich weiß. Aber (Helena hat noch nie ihre Autorität raushängen lassen, doch jetzt tut sie es. Unwillkürlich. Und sehr bestimmt) ich brauche hier noch eine Weile. Fahr zurück, schick wen anders. Aber sag mir nicht, wie ich meine Arbeit machen soll.“ „Okokok!“ Frank ist hörbar beeindruckt.

„So, der Tee. Milch, kein Zucker, stimmt’s?“ „Ja. Danke. Woher…?“ „Ach, egal. Also, was müssen Sie wissen? Ich soll Sie überzeugen, dass ich meinen Mann nicht getötet habe? Hier sehen Sie den Beweis.“ Mit einer ausladenden Geste zeigt sie auf das Zimmer, die Wohnung. Die Bücher. Die vielen Fotos. alle von einem glücklichen, zufriedenen, ineinander ruhenden Paar. „Wir sind seit 50 Jahren verheiratet. Keine Kinder. Wir waren uns gegenseitig genug. Zwei Hälften eines Ganzen. Jetzt ist eine Hälfte zerbrochen. Ich werde nie wieder ganz sein. Warum hätte ich ihn umbringen sollen? Und damit einen Teil von mir?“

Helena schaut in den Tee. Earl Grey. Sie liebt ihn, kennt aber niemanden, der diese Vorliebe teilt. „Frau Weimer“, beginnt sind. Und wird unterbrochen. „Weimar, das war er. Julius. Mein Name ist Best. Elisa Best. Dr. aber das vergessen Sie gleich wieder. Und bevor Sie fragen: wir haben uns in Berlin kennengelernt, im Kalten Krieg. Er arbeitete für die USA. Ich – hatte auch einen spannenden Job. Ich habe Menschen geholften. Es war für uns beide die große Liebe. Bitte, glauben Sie mir. Sie wissen, wovon ich spreche!“, Elisa Best fixiert Helena mit diesem Blick, schwarz und tief.

Best. Best. Dieser Name.

Pltzlich muss Helena auf die Toilette. Granz dringend. „Der Tee…“, entschuldigt sie sich. „Sie haben sicher ein Gäste-WC.“ „Ach, gehen Sie einfach ins Bad. Gleich hier rechts.“

Als sie aus dem Badezimmer kommt – schwarz-weiße Kacheln, blitzender Chrom,, eine Badewanne auf goldenen Füßen und eine doppelt verspiegelte Vitrine als Schrank, geht Helena noch einmal zum Toten hinüber. Zu Julius. „So darf ich ihn doch nennen?“, fragt sie, und Elisa nickt. Mit einer, wie sie hofft, liebevollen Geste streicht Helena ihm übers Haar. Nimmt zärtlich seine Hand in die ihre. „Wie wunderbar er aussieht. Julius. Als würde er zu einem großen Fest gehen. Ein eleganter Anzug. Glänzende Shuhe. Und die Hände. Perfekt manikürt. Ich hätte ihn gerne kennengelernt.“

Elisa kommt dazu. Legt ihren Arm um Helenas Schulter.

„Er war bereit. Komm. Lass ihn gehen. Bitte.“

Helenas Telefon unterbricht den Moment. Frank. „Ich hab doch gesagt, ich brauche noch etwas Zeit.“ „Ok, aber beeil dich. Hattest du nicht auch noch was vor, heute?“

Ja, hatte sie. Aber manchmal kommt dir das Leben eben dazwischen.

Sie breitet den Bogen aus, den sie ausfüllen muss. Schreibt und kreuzt an und schreibt.

„So“, sagt sie schließlich. „Ich gehe jetzt runter zu Frank und gebe ihm den Bogen mit.“

„Und dann?“ „Und dann komme ich nochmal rauf. Ich glaube, wir haben noch was zu besprechen, Elisa. Du und ich.“

Elisa nickt. Und dann, plötllich, schwimmt ein verdächtiger Schimmer in ihren Augen.

Es ist lange nach Mitternacht. Draußen, jenseits der Fenster, umrahmt von roten Samtportieren, gehen nach und die Lichter aus in der Stadt. Drinnen sitzen zwei Frauen am Feuer.. Eine alte, eine junge. Die Hände verschränkt. Die alte weint. Endlich. Zum ersten Mal, seit bei Julius vor über drei Jahren Alzheimer diagnostiziert wurde. In London. Von einem befreundeten Neurologen, der darüber Stillschweigen bewahrte.

„Seitdem tanzten wir beide auf dem Vulkan. Jedes Schachspiel, jeder Ausflug, jedes Abendessen waren plötzlich einzigartig, weil unwiederbringbar. Dann, vor einem Monat, erkannte Julius mich eines Morgens nicht mehr. Am Abend erinnerte er sich daran. Und wir wussten, jetzt ist es an der Zeit. Julius hat sein Leben lang immer selbst die Zügel in der Hand gehalten. Genau wie ich. Er wollte in Würde gehen. Und manchmal heißt lieben auch loslassen, gegen dein eigenen Willen. Oder die eigene Überzeugung. Ich hatte die Mittel. Und das Wissen. Und den Mut. Also habe ich ihm geholfen.“

„Und warum gerade heute?“, fragt Helena, obwohl sie die Antwort kennt. „Ich wusste, dass du die diensthabende KVB-Notärztin sein würdest.“

„Wie hast du mich gefunden?“ „Deine Großmutter und ich sind nach wie vor befreundet. Das passiert beim BND nicht so oft. Eigentlich gar nicht. Die meisten wollen ihre Agentenzeit lieber komplett vergessen. Aber wir beide – wir waren ein tolles Team.“

„Ich weiß. Die „Mad Women“, haben sie euch wohl genannt. Meine Großmutter hat das gleiche Foto“, sagt sie und zeigt auf ein S/W-Bild von zwei jungen Frauen, schön, stark, Rücken an Rücken und jede mit einem Revolver in der Hand.

„Ja, und stell dir vor, den Namen hat Julius uns gegeben! Aber woran hast du gemerkt, dass etwas an Julius Tod nicht stimmte? Ich bin eigentlich perfent und arbeite ohne Fehler.“

„Du warst perfekt. Fast. Ich habe im Bad herumgeschnüffelt. Dabei habe ich deine Diabetes-Spritzen gefunden. Und ein paar Antidementiva und Neuroleptika. Als ich Julius Hand genommen habe, habe ich unter dem Nagel noch die feinste Spur eines Einstichs gefunden. Aber warum ich überhaupt misstrauisch geworden bin? Ich glaube, ich habe dich einfach erkannt. Das Foto bei meiner Großemutter hat mich von klein auf fasziniert.“

„Ja. Ich glaube, wir beide wären verweandte Seelen, wenn es denn so etwas gäbe. Was machst du übrigens zu Weihnachten? Ich werde sehr einsam sein.“

„Nein. Zusammen wird keine von uns alleine sein. Und auch nicht einsam.“

MiniKrimi Adventskalender am 8. Dezember


Heute, meine Lieben, geht’s mir ans Leder. Oder das hat sich zumindest die liebe M. gedacht, als sie mir folgende Clues für diesen MiniKrimi geschickt hat: blutiges Tangahöschen/ weisser Rauschebart/ Kristallkugel/ Trommel/ Kirchenglocken/ Seemöwe/ hohe Nordseewellen/ Pirat(enkostüm)/ Messwein. Na, dann schau’n wir mal, ob ich daraus was aus dem Hut, nein, aus meinem Kopf zaubern kann.

Agentin Feli’s erster Fall

Ich habe lange gezögert und bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob ich das Richtige tue. Mein Alltag verläuft in geregelten Bahnen. Aufstehen, essen, putzen, schlafen, das Haus inspizieren, essen, putzen, schlafen, den Garten inspizieren – aber nur im Sommer, denn der Winter in diesen Breiten jagt mir beständige Kälteschauer über den Rücken. Ich lebe nun schon seit 8 Jahren in Deutschland, aber an das milde Klima meiner Heimat Mallorca erinnere ich mich noch immer mit Wehmut. Allerdings ist es das einzige, was ich hier vermisse. Wäre ich geblieben, wäre ich schon lange tot. Aber Mia hat mich gerettet und zu sich nach Hause geholt. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Deshalb passe ich gut auf sie auf, allein schon in meinem Interesse. Und deshalb bleibe ich bei meinem Entschluss. Immerhin habe ich berühmte Vorbilder, die es nicht nur zu Ruhm, sondern auch zu einigem finanziellen Erfolg gebracht haben. Denkt nur an die Wanze Muldoon und seine berühmte Gartendetektei. Oder an den von mir wegen der politischen Entgleisungen seines menschlichen Mitbewohners nicht besonders geschätzten Francis. Da ich selbst Ausländerin bin, bin ich da sehr empfindlich. Aber ich schweife ab.

Mia ist Schriftstellerin. Sie hat es nicht leicht. Und stellt mir und den anderen trotzdem jeden Tag ein gutes Essen hin. Und nicht etwa irgendein Billigzeug, nein! Sie informiert sich immer wieder über die beste und bekömmlichste Ernährung. Dabei übertreibt sie es manchmal zwar mit ihrer Fürsorge. Kürzlich hat sie auf einer dubiosen esoterischen Internetseite gelesen, dass Messwein stimulierend auf den Organismus alternder Katzen wirken soll, wegen der positiven psychogenen Vibrationen. Ein völliger Quatsch, natürlich. Ich habe mit dem Essen solange gewartet, bis meine Mitbewohnerin Bruna in der Küche war, und dann so getan, als sei ich kurz abgelenkt. Die Arme ist nicht die hellste Birne am Kronleuchter, aber – Achtung: Trommelwirbel – extrem verfressen. Sie hat meinen Napf in Sekundenschnelle leergefressen, Messwein hin oder her. Mia hat nicht mal bemerkt, dass Bruna den Rest des Abend tänzelnd durchs Wohnzimmer ging. Müssen die Vibrationen gewesen sein.

Aber ich schweife schon wieder ab. Verzeiht. Das ist mein erster Versuch als Geschichtenschreiberin, ich verliere noch leicht den Faden. Also: ich will euch von meinem ersten Fall – und dem ersten Erfolg – als Privatdetektivin berichten. Und das kam so:

Stop. Bevor ich besagten Fall aufschlüssele, muss ich euch erst mehr über unsere kunterbunte Hausgemeinschaft erzählen. In unserem kleinen Hexenhäuschen am Stadtrand von München leben wir zu sechst: Meine beiden älteren Schwestern Chiara und Bruna, ich, dazu ein Mafioso aus Dubai, nennen wir ihn Mischief, und seit neuestem noch ein Baby namens Pepa. Ach ja, und Mia, natürlich. Ihr gehört das Haus. Chiara und Bruna sind schon in die Jahre gekommen und, wären sie Menschen und hätten sie jemals sozialversicherungspflichtig gearbeitet, Rentnerinnen. Das heißt, die beiden haben schon immer mal wieder beim Film gejobbt, vor allem Chiara, sie hat in ihrer Jugend viel gemodelt und hatte ihr letztes Shooting noch in diesem Herbst. Statt eines Honorars hat sie drei maßgeschneiderte Mäntel bekommen, über die Mia zunächst gelacht und gesagt hatte, Chiara sähe darin aus wie in einem Piratenkostüm. Jetzt ist es Winter und Chiara besteht nur noch aus Haut und Knochen. Ohne Mantel wäre sie augeschmissen.

Das muss man sich mal vorstellen! Ein Schlittenhund im Mantel! In einem früheren Leben wäre sie mit wehendem Fell an einem einsamen skandinavischen Strand durch die Brandung gerannt, über sich kreischende Seemöven und die Gischt hoher Nordseewellen wie Diamanten im Fell! Ach ja. Traurig. Aber ihr Verstand funktioniert noch und ist scharf wie das japanische Küchenmesser, an dem Mischief sich beim Abschlecken schon mal die Zunge aufgeschnitten hat, weil es nach Lachs roch.

Ja. Also das ist unser bunter Haufen. Chiara, eine 15 Jahre alte Malamute-Dame, Bruna, ein 11 Jahre alter Dobermann-Verschnitt (das hört sie gar nicht gerne, ihr Vater sei rein und rassig gewesen, nur kleingewachsen, behauptet sie), Pepa, das vorlaute Zwegdackelmädchen und – Mischief, der Hahn im Korb. Mitten in der Pubertät, Arabic-Mau und 7 Kilo schwer, ein Kraftprotz, wie er im Buche steht, immer darauf aus, anderen eins auszuwischen und Unruhe zu stiften. Ob er Mias Hausschuhe verschleppt, den handgeknüpften Teppich aufdribbelt oder mitten in der Nacht die Haustür aufmacht und uns – theroretisch – der Gefahr aussetzt, von Mördern gemeuchelt zu werden. Ich habe zwar in Erfahrung gebracht, dass die Kriminalitätsrate in diesem Stadtteil äußerst niedrig ist, aber das binde ich Mischief natürlich nicht auf die Nase.

Achso, ihr fragt, wer ich eigentlich bin? Ja. Ich bin Feli, bin 8 Jahre alt, stamme aus Mallorca, und die Menschen nennen mich eine Glückskatze. Warum? Keine Ahnung. Aber ich weiß, dass ich das große Glück hatte, Mia zu begegnen. Sie hatte natürlich genauso großes Glück, denn was würde sie ohne mich tun? Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre der Fall, von dem ich euch jetzt endlich berichten werde, vermutlich tödlich ausgegangen. Und wir hätten einen Störenfried weniger im Haus. Aber „psst“, das habt ihr nicht gehört!

Gut. Vorgestern war ein Tag wie jeder andere. Chiara verweigerte ihr Essen und pinkelte stattdessen aufs Parkett – warum Mia ihr nicht immer diese WIndeln anzieht, die schon ihre Mutter getragen hat, also Mias, versteh ich nicht. Bruna lag auf der Seite und knurrte unentwegt prophylaktisch, falls Pepa auftauchen sollte. Aber die war damit beschäftigt, Mischief durchs Haus zu jagen. Treppauf treppab. Hach – das sind die Momente, die ich liebe. Früher hat er das nämlich mit mir gemacht. Tja, so kann das Blatt sich wenden….

Mia saß in ihrem Zimmer und versuchte, das Seitenpensum für ihren neuen Roman zu schaffen. Es dauerte eine Weile, bis sie in Fahrt kam, aber dann fing sie an zu schreiben – udn vergaß die Zeit. Wie schön, wir alle hatten Ruhe!

So wurde es Nachmittag. Stille lag über dem Haus. Nur einmal schien es mir, als hörte ich ein Scheppern ganz oben. Vielleicht ein loser Dachziegel?

Um kurz vor sechs stand ich auf und beschloss, nach Mia zu sehen. Wenn sie so in Schreibwut ist, vergisst sie leicht, dass bei uns um Punkt 18 Uhr Abendbrotzeit ist. Und gewisse Regeln müssen einfach eingehalten werden. Dafür sorge ich. Auf dem Weg ins Arbeitszimmer begegnete mir Chiara. „Gerade wollte ich Mia holen“, sagte sie. Wer’s glaubt! Bruna schloss sich uns an. Pepa bellte, kam alleine aber nicht die Treppen hoch. Also standen wir drei vor Mias Schreibtisch und sahen sie an. Erst mal ganz still. Dann bellte Chiara kurz. „Jaja, was ist denn?“, fragte Mia. Bruna jaulte. Sie ist immer gleich so ne Heulsuse. „Bruna, ist ja gut.“ Mia starrte weiter auf den Bildschirm. Zeit, zu handeln! Kurzentschlossen sprang ich auf die Tastatur und starrte sie auffordernd an.

„Achso, ist es schon Essenszeit? Kann nicht sein, Mischief hat sich noch nicht gemeldet.“ Er ist eigentlich immer der erste, der nach Futter schreit. Und jetzt fiel es auch mir auf: ich hatte den dicken Kater den ganzen Nachmittag über nicht gesehen! Weshalb ich auch so ruhig hatte dösen können.

„Wir gehen einfach runter und fangen schon mal mit dem Essen an,“ schlug ich vor. „Wenn er das Rascheln der Tüte mit seinem Trockenfutter hört, kommt er ganz sicher angerannt.“ Ob Mia mich verstanden hatte oder nur dem gleichen Gedankengang wie ich gefolgt war, weiß ich nicht. Aber sie ging in die Küche und bereitete unser Abendessen zu. Dabei rief sie immer wieder „Mischief!, Komm, lecker lecker!“ Wie albern. Ich reagiere auf sowas gar nicht erst. Doch bei ihm klappte das normalerweise. Als wir dann aber alle um unsere Töpfe versammelt waren, war von dem roten Mafioso immer noch nichts zu sehen.

Wir aßen dann schließlich ohne ihn. Aber jetzt war Mia richtig besorgt. „Wo kann er nur stecken? Das ist noch nie passiert!“ Und hier musste ich ihr recht geben. Egal, welchen Unsinn er wieder angestellt hatte – sein Futter hatte er noch nie verpasst. Also fing auch ich an, mir Sorgen zu machen.

Mia begann mit einer systematischen Suche im ganzen Haus. Waschküche – den warmen Platz hinter der Heizung nicht vergessen! Und auch nicht den ausrangierten Wäschekorb mit den Kissen für die Hollywoodschaukel, die dort in Erwartung des nächsten Sommers vor sich hin staubten. Nichts. Unter den Betten, unter den Matratzen – dort fand Mia, das hörte ich an ihren erpörten Ausrufen, alte Kotknöllchen und ein Mauseskelett. Dann die Schränke. „Ich habe doch gar keinen aufgemacht, heute?“ Sie wühlte sich durch Wintermäntel und Daunendecken bis in die hintersten Ecken. Überall das gleiche: Spuren seiner Anwesenheit, wie etwa einen zerrissenen Wollschal, Berge zerkauter Computer- und Ladekabel („Dieses Monster, ich bring ihn um!“), Reste von Kaustäbchen, obwohl die auch von Pepa stammen konnten, sie war ja nur halb so groß wie er und folgte ihm gerne in seine geheimsten Verstecke. Aber diese Spuren hatten eines gemeinsam: sie waren alle alt.

Nach zwei Stunden vergeblicher Suche ließ Mia sich auf das Sofa fallen. „Es ist wie vom Erdboden verschluckt. Wo kann er nur sein?“

Ich war Mia die ganze Zeit gefolgt, beobachtend, darauf achtend, dass sie nichts übersah. Aber nein – auch ich hatte den Kater nicht entdeckt. Jetzt war es an der Zeit, andere Methoden anzuwenden. Da ich nichts davon halte, meditirend in einer Kristallkugel nach Lösungen zu suchen, befragte ich zunächst die Zeuginnen im Haus. Und stieß dabei auf eine Mauer des Schweigens. Weder Chiara noch Bruna oder Pepa wollten Mischief in den letzten Stunden gesehen haben. „Ich finde übrigens nicht, dass er hier sonderlich fehlt“, bemerkte Chiara. Die alte Dame hatte so manches Haarbüschel in seinen Fängen verloren. „WIr sind als reiner Frauenhaushalt doch viel besser dran“, stellte Bruna fest. Und Pepa? Die Kleine verfügte noch nicht über eine besonders ausgeprägte Beobachtungsgabe. „Keine Ahnung. Also das letzte Mal habe ich ihn gesehen, als ich mir sein Kaustäbchen ausleihen wollte. Da ist er wie der geölte Blitz in den Flur gerannt und ab durch die Katzenklappe.“

Moment mal, da hatte Mia noch gar nicht nachgesehen. Eigentlich ist der Kate rnämlich zu dick, ehm, zu groß, um sich durch die Klappe zu zwängen, und ruft immer nach Mia, wenn er raus will. Aber wie sollte ich sie dazu bewegen, das nachzuholen? Da kam Chiara ins Spiel. „Auf dich hört sie am meisten. Sag ihr, dass du piseln musst. Dann rennt sie sofort mit dir raus. Und dann schaust du dich um. Bitte!“ „Na gut“, meinte Chiara. Auch, wenn sie Mischief nicht besonders mochte, legte sie doch Wert darauf, ihre Rolle als Rudelchefin zu betonen. Gesagt, getan. Als sie nach einer Viertelstunde wieder ins Haus kamen, wartete ich schon ungeduldig. „Und?“ „Du hattest recht, ausnahmsweise“, sagte sie. „Draußen vor der Tür roch es irgendwie seltsam. Nach Mischief, aber so, wie er riecht, wenn er Angst hat“.. Ich hatte noch nie bemerkt, dass der Kater so ein Gefühl überhaupt kannte. „Und dann auch fremd. Nach einem fremden Menschen. EInem Mann.“ „Und? Ist das alles?“ Ich war enttäuscht. Hier kamen immer mal Fremde her. Der Gärtner, der Schornsteinfeger. Allerdings nicht in den letzten paar Stunden. Aber wie zuverlässig war der Geruchssinn einer uralten Dame? Litten die nicht alle unter Anosmie? „Nein, das ist natürlich nicht alles“, triumphierte Chiara. „Auf dem Boden vor der Haustür lag ein Stück Papier. Braun, sah aus wie ein Blatt. Mia hätte es übersehen. Aber ich habe dran rumgekaut, da hat sie es mir weggenommen. Und es stand was drauf.“ „WAS?“ „Keine Ahnung, ich kann Menschenschrift nicht lesen.“

Wie enttäuschend. Ich auch nicht! Was nun? Aber da kam Mia wieder ins Zimmer. Setzte sich mit dem Stück Papier – es sah aus wie ein abgerissener Streifen einer Brottüte, und es roch auch so – aufs Sofa, und ich daneben. Ich kenne meine Mia. Wenn sie nicht weiterweiß, fragt sie immer uns um Rat. Ihre besten Freundinnen. „Chiara, Feli, das ist furchtbar. Hier steht:

Ihr Kater hat nun zum wiederholten Mal in meinen Garten gekackt. Gekackt. Wie vulgär! Jetzt reicht es mir. Ich habe ihm einen Denkzettel verpasst, von dem er sich so schnell nicht erhoien wird. Und wenn er überlebt, dann bringe ich ihn das nächste Mal ganz sicher um.

Typisch. Ohne Unterschrift. Der arme Mischief. Wer weiß, was er mit ihm gemacht hat! Wenn er verletzt ist, hat er sich bestimmt verkrochen. Und wenn wir ihn nicht rechtzeitig finden, verblutet er vielleicht. Oder erstickt. Oder…. „

Chiara und ich sahen uns an. WIr mochten den einfältigen Kater nicht besonders. Aber den Tod wünschten wir ihm deshalb noch lange nicht. Jetzt hieß es konzentiert nachdenken.

Und genau das tat Agentin Feli. Ich ließ die letzten Stunden Revue passieren. War mir irgend etwas aufgefallen? Etwas Außergewöhnliches? Dann fiel es mir ein: ich hatte ein Geräusch gehört. Irgendwo oben. Vielleicht auf dem Dach.

Das Dach! Der Nachbar hatte einen alten Kastanienbaum, dessen Äste in unseren Garten hinüberwuchsen. Mia hatte damit kein Problem, sie erntete die Nüsse, die zu uns runterfielen, und aus den Blättern kochte sie Tee. Igitt. Aber bitte. So weit, so gut. Ich hatte einen Anhaltspunkt. Aber wie brachte ich Mia dazu, auf den Dachboden zu gehen? Dort hatte sie nicht mal gesucht, denn der Zugang war von innen für den Kater unerreichbar, und er war dort noch nie gewesen.

Ich begann, zu miauen. Lauter und lauter. Bis ich Mias Aufmerksamkeit hatte. Dann sprang ich vom Sofa und ging zur Treppe. Chiara hinterher. Ich miaute, sie bellte. Schließlich fiel bei Mia der Groschen. Menschen sind manchmal unendlich langsam! Sie folgte mir. Chiara blieb unten, Treppen sind mit ihrer Artrose nicht mehrmals am Tag zu meistern. Immer, wenn Mia zögerte, schaute ich sie intensiv an. Wozu hat man schließlich einen hypnotischen Blick?

Vor der Treppe zum Dachboden blieb ich stehen. Und rief nach dem Kater. Auch Mia fing an, ihn zu locken. Rufen. locken, Stille. Endlich, nach einer kleinen Ewigkeit, hörten wir einen Ton. Ein Scharren. Dann ein leises Klagen. Ganz untypisch für den Mafioso. Aber vielleicht ging es ihm wirklich schlecht? Mia öffnete die Luke zum Dachboden und machte sich an der Leiter zu schaffen. „Mist, ich hab mein Handy nicht dabei. Kein Licht.“ Sonst hat sie das blöde Ding permant in der Hand. Aber zum Glück leuchtete durch die beiden Dachluken noch etwas Spätabendsonne. Ich klettere nicht gerne, aber manchmal muss man über seinen Schatten springen. Vor allem als Agentin. Ich zwängte mich also an Mia vorbei. Staub, Spinnweben, kaputte Schindeln, alte Kacheln und Bretter. Kisten mit Gerümpel, Faschingsklamotten, kaputtes Spielzeug. Was die Menschen so alles ansammeln, ohne sich trennen zu können. Ich blieb stehen. „Mischief“, flüsterte ich. „Wo bist du?“ Plötzlich kam aus der Dunkelheit ein Ungeheuer auf mich zu. Ich schrie und pralle gegen Mias Bein. Auch sie war endlich oben angekommen. Und stieß ebenfalls einen erschrockenen Schrei aus. Das Monster kam jetzt direkt auf uns zu. Unter einem Wust feuerroter Haare hing ein riesiger, schmutzigweißer Rauschebart. Und um den Körper gewickelt – ein blutiges Tangahöschen. Getränkt mit dem Blut, das aus einem Riss im buschigen Fell unseres Katers tropfte. „Mischief“, riefen Mia und ich erleichtert. Der dumme Kerl hatte sich über die Kastanie auf unseren Dachboden geschleppt und war prompt in die Kiste mit den Faschingssachen geplumpst.

Ganz benommen humpelte er auf uns zu, un in meiner Euphorie hörte ich jubilierende Kirchenglocken läuten.

„Du hast ihn gerettet“, sagte Mia später, als ich neben ihr auf dem Sofa lag. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, auf dem Dachboden nachzuschauen. Ich hatte keine Ahnung, dass man da von der Kastanie aus reinkommt.“ Naklar, wie auch, du bist ja ein Mensch, dachte ich. Die Tierärztin hatte Mischiefs Wunde verarztet und uns geraten, Anzeige zu erstatten. Der Zettel sei Beweis genug. Aber ich denke, Mischief wird in Zukunft einen großen Bogen um Nachbars Garten machen.

Und ich? Habe schon den nächsten Fall. Vorhin kam Pepa zu mir. Sie kann ihren Quietscheteddy nicht finden, ohne den sie nicht einschlafen kann. Und ich habe jetzt eine gewisse Reputation. ich bin mir fast sicher, dass Mischief dahinter steckt. Ich fange gleich an mit der Spurensuche.

MiniKrimi Adventskalender am 7. Dezember


Verlorene Träume (Auszug)

Von Sandra Halbe

Prolog

Nie hätte ich gedacht, dass dieses Lied mich so sehr bewegen würde. Hunderte, wenn nicht tausende Male habe ich es ge­hört, in den ver­schiedensten Varianten. Immer klingt es gleich. Und dann auch wie­der nicht.

Als ich auf diese Version gestoßen bin, waren all die Bilder auf ein­mal zu­rück. Alles, was ich jahrelang verdrängt habe. Nicht ver­gessen, nein. Ich erin­nere mich an jene Nacht, als wäre sie gestern gewesen, an jedes Detail. Nur wollte ich meine Erinnerungen nicht. Diese Ge­danken an all das, was da­mals passiert ist. Also sperrte ich sie aus.

Bis ich dieses Lied hörte. Nach all den Jahren.

Die erste Zeile von »The Sound of Silence«. Worte, die ich schon so oft ge­hört habe. Und doch waren sie auf einmal neu.

Ein Hallo an die Dunkelheit. Die Dunkelheit, mein Freund? Ist das mög­lich?

Ich erinnere mich an unsere Zeit hier. Die Abende, an denen wir gefeiert, gelacht und getanzt haben. Dieser Ort bedeutete uns alles. Mein Klavier, auf dem du dieses Lied so oft gespielt hast. Die Weih­nachtsdekoration darauf, die wir so liebevoll ausgesucht hatten. Ob­wohl wir bereits wussten, dass dies das Ende sein würde. Diese Endgültigkeit, als ich zum letzten Mal das Licht aus­schal­tete. Die­ses Gefühl, als ich zum letzten Mal den Schlüssel im Schloss he-rumdrehte.

Es war vorbei. Für immer. Und obwohl ich es wusste, konnte ich es nicht begreifen.

Denkst du noch daran? An diesen Moment, der alles än­derte?

Denkst du noch an mich?

Ich werde dafür sorgen, dass du dich wieder erinnerst.

1

Sonntag

»Wir könnten ihn da hinstellen.«

»Wo?«

»Na, da!«

»Ist er da nicht zu nah am Kamin?«

»Was interessiert mich der Kamin?«

»Wir zünden ihn momentan gerne an. Wenn du ihn so nah ran stellst, wird der Weihnachtsbaum schnell trocken. Dann wäre er nach ein paar Tagen nicht mehr zu gebrauchen und wir könnten ihn schon vor dem sechsten Januar zu Brennholz ver­arbeiten. Wäre doch schade, oder?« Alex sieht mich ab­wartend an.

»Die paar Tage hält der das schon aus. Weihnachten dau­ert ja nicht ewig.«

»Lassen wir ihn nicht die ganze Adventszeit stehen?«

Ich überlege. »Bei uns zu Hause wurde der Weihnachts­baum immer am 23. Dezember aufgestellt.«

»Und bei meiner Familie am ersten Advent. Jetzt entschei­den wir, wie wir es in unserem Zuhause handhaben.« Alex zieht mich an sich.

»Ich hätte nie damit gerechnet, wie viel man entscheiden muss, wenn man zusammenzieht.« Ich schüttele den Kopf.

Ein paar Monate ist es jetzt her, dass ich zu Alex in sein klei­nes Haus Am Birkenstrauch in Bad Laasphe gezogen bin. Ein Haus, das schon fix und fertig eingerichtet war. Wir mussten keine Küche aussuchen, kein Bad renovieren … Okay, letzteres kommt irgendwann auf uns zu, aber zumin­dest momentan ist davon keine Rede. Alles in allem war der Ein­zug schnell erle­digt. In den Wochen zuvor hatte ich den Großteil meiner Sa­chen bei Alex untergebracht. Eine eigene Zahnbürste und mein Sham­poo im Badezimmer. Kleidung im Kleiderschrank. Hier ein Bild an der Wand, dort eine Lampe für die Kommode. Am Ende fuhr ich in die Ost­preu­ßenstraße zu meiner Mutter und packte das, was in meinem alten Kinderzimmer noch übrig war, in einen Koffer, den ich bei Alex ein paar Straßen weiter wieder auspackte. Klingt ein­fach, oder?

Obwohl mein Einzug bei Alex ein mehr oder minder schlei­chender Prozess war, war es doch etwas anderes, als ich plötz­lich meinen eige­nen Schlüssel hatte und klar war: Die­ses Haus ist jetzt auch meins. Ir­gendwie. Meiner Meinung nach gehörte ab diesem Zeitpunkt das Brot nicht mehr in den Kühlschrank, wo Alex es lagerte. Er wiederum be­schwerte sich, dass ich meine Schuhe mitten im Flur liegen ließ, wo ich sie nach der morgendlichen Laufrunde auszog. Jahrelang hatte Alex sämtli­che Wäsche in den Trockner geworfen, ob das Etikett auf dem Kleidungsstück das zuließ oder nicht. Wollten wir das für meine Kla­motten riskieren oder ab jetzt alles zum Trocknen auf den Wäschestän­der hängen? Wer be­kam wie viel Platz im Ar­beitszimmer, um den Pa­pierkram zu erledigen? Und die Dis­kussionen, die wir darüber führten, wie die Fächer im Bade­zimmerschrank verteilt werden … Sa­gen wir: Zu­sammenziehen ist eine Sache. Zusammenwohnen doch eine andere.

Nun sind wir beim Weihnachtsbaum angekommen.

»Hattest du hier schon mal einen Weihnachtsbaum?«, will ich wis­sen.

Alex schüttelt den Kopf. »Ich hab Weihnachten entweder ge­arbeitet oder bei meiner Familie verbracht.«

»Und jetzt willst du direkt einen über die ganze Advents­zeit aufstel­len?«

Er zuckt mit den Schultern. »Ich arbeite unsere Dienst­pläne für Weih­nachten erst in den nächsten Tagen aus. Aber ob die dann so bleiben, werden wir sehen. Du weißt ja, dass es jeder­zeit einen neuen Fall geben kann. Falls wir beide Weihnachten auf dem Präsidium verbringen, ha­ben wir we­nigstens an den Abenden davor etwas von unserem Baum.«

Damit hat er nicht unrecht. Was bringt uns ein Weih­nachts­baum, der eine Woche steht, wenn wir kaum zu Hause sind oder abends, wenn es dunkel ist und wir die Lichter an­zünden könnten, direkt ins Bett fallen?

»Ich finde trotzdem, dass er sich im Wohnzimmer am bes­ten machen würde«, beharre ich. »Hier verbringen wir die meiste Zeit, wenn wir dann mal zu Hause sind. In der Küche brauche ich keinen Weihnachts­baum.«

»Natürlich kommt der Baum ins Wohnzimmer, ich rede nicht von einem anderen Raum. Aber wir könnten über einen Standort weniger nah am Kamin nachdenken.«

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. »Ohne die Möbel umzustellen?«

»Wir brauchen ja keinen riesigen Baum. Wie wäre es denn mit …«

In diesem Moment klingelt Alex’ Handy. Bei seinem Blick aufs Dis­play spare ich mir jeden weiteren Kommentar zum Thema. Unsere Dis­kussion, wo und für wie lange wir den Weihnachtsbaum aufstellen wer­den, müssen wir auf später verschieben.

Das Buch gibt es überall, wo es Bücher gibt. Infos zu Sandra Halbe und ihren Büchern gibt’s auf www.sandra-halbe.de oder auf Instagram unter sandra_halbe.

2

Stünzel ist der kleinste Ort, der zu Bad Berleburg gehört. Je­des Jahr im Juni findet hier auf dem Festplatz die Kreistier­schau, das Stünzelfest, statt. Dass hier an jenem Wochenende 25.000 Besucher feiern, ist jetzt, im November, nicht zu sehen, und so haben wir kein Problem, einen Parkplatz zu bekom­men. Kran­kenwagen und Notarzt sind bereits ein­getroffen. Ich notiere mir schnell die Nummernschilder der beiden üb­ri­gen Autos, die hier geparkt sind, und stolpere dann hinter Alex her, der zügig in Richtung Wald vorangeht. In den letz­ten Tagen hat es viel geregnet, sodass der Boden stellenweise matschig ist. Auch geschneit hat es vor ein paar Wochen schon einmal, hier und da sind noch Reste von Schnee zu se­hen. Immer wieder sinken meine Füße ein, und so komme ich nur langsam voran. Ein paar Meter vor mir höre ich Alex leise fluchen. Ihm geht es offenbar nicht anders.

Endlich kommen wir auf der Lichtung an. Mein Blick fällt auf ein winziges Gebäude, das in den Wald hineingebaut ist. Die Tür steht sperrangelweit offen, auf dem Dach ist ein klei­ner Holzzaun ange­bracht. Ein alter Rübenkeller, schießt es mir durch den Kopf. Davor ste­hen der Not­arzt und zwei Sa­nitäter und winken uns zu. Ein paar Meter entfernt kniet eine Frau über etwas im Gras, das ich von hier aus nicht erkenne. Eine weitere Frau steht neben ihr, einen Terrier angeleint zu ihren Fü­ßen. Alex geht auf den Rübenkeller zu, ich steuere die beiden Frauen an.

»Caroline König von der Polizei«, weise ich mich aus. »Kön­nen Sie mir sagen, was hier passiert ist?«

»Wiebke Schneider«, stellt die Frau mit dem Hund sich vor. »Ich bin hier mit meinem Rocky spazieren gegangen, wie jeden Sonntag. Da hin­ten hab ich die Frau liegen sehen. Sie hat nicht auf meine Rufe reagiert, nur leise gestöhnt. Ich wollte ihr hel­fen, aber ihr dummer Hund hat mich nicht zu ihr gelassen, also hab ich einen Krankenwagen gerufen.«

»Ihr Hund hätte vermutlich nicht anders reagiert«, mischt sich die Frau ein, die vorher auf dem Boden gekniet hat. Vor ihren Füßen steht eine Transportbox, in der ein zweiter Hund leise knurrt.

»Was ist mit ihm?«, frage ich.

»Ich habe ihn da hinein verfrachtet, so beruhigt er sich. Ich bin An­drea Klein vom Ordnungsamt. Die Kollegen vom Ret­tungsdienst haben mich gerufen, damit ich ihnen einen Weg zu der Frau verschaffe.«

»Hätte man da nicht einen Tierarzt rufen müssen, um ihm ein Beru­higungsmittel zu spritzen?«, wundert sich Wiebke Schneider.

»Nein, in solchen Fällen ist das Ordnungsamt zuständig. Ein Tierarzt kennt den Hund auch nicht zwingend und weiß nicht, auf welche Mittel er allergisch reagiert. Deswegen kommen wir mit einem langen Stock, an dem eine Schlinge be­festigt ist, und verfrachten den Hund in eine Transport­box.« Sie zeigt auf die Box, aus der mittlerweile nur noch ein leises Winseln kommt. »So ist kein Medikament nötig. Hunde sind für ihren stark aus­geprägten Beschützerinstinkt bekannt. Wenn das Frau­chen wehrlos am Boden liegt, kommt dieser zum Vorschein. Das ist lei­der nicht immer ideal, weil so auch Helfer vom Opfer fern­gehalten wer­den.« Sie zuckt mit den Schultern. »Ich hab mir mal das Sprungge­lenk gebrochen, mitten im Wald. Als ich da lag, haben Spa­ziergänger ver­sucht, mir zu helfen. Keine Chance. Mein Hund hat sie nicht gelassen, obwohl ich bei Be­wusstsein war und ihm immer wieder versichert habe, dass es okay ist, wenn diese Leute mir nahekommen. Erst als mein Le­bensge­fährte auftauchte, hat Joy sich beruhigen lassen und man kam an mich heran, um mir zu helfen. Diese Frau konnte sich nicht verständi­gen, sodass die Reaktion ihres Hundes nach­voll­ziehbar ist. Ihr Hund hätte nicht anders reagiert.«

Hat die Frau während ihrer Ausführungen nur einmal Luft geholt? Ich staune. »Was passiert jetzt mit dem Hund?«, frage ich und wappne mich für den nächsten Redeschwall.

»Ich bringe ihn zum Hof Birkefehl und hinterlege den Stand­ort bei Tasso. Das ist eine zentrale Datenbank, in der Be­sitzer nach vermissten Tieren suchen können. Vielleicht kommt die Frau ja wieder auf die Beine. Dann weiß sie, wo sie ihren Lieb­ling abholen kann.«

Ich sehe in Richtung Rübenkeller. Die beiden Sanitäter und der Not­arzt stehen ein paar Meter abseits, während Alex wild gestikulierend mit seinem Handy Verstärkung anfor­dert.

»Davon sollten wir wohl nicht ausgehen«, murmele ich.

Den Roman gibt es überall, wo es Bücher gibt. Infos zu Sandra Halbe und ihren Büchern gibt’s auf www.sandra-halbe.de oder auf Instagram unter sandra_halbe.

MiniKrimi Adventskalender am 6. Dezember


Lasst uns froh und munter sein

„Ah, der Herr Bischof. So früh schon unterwegs?“ Es ist sieben Uhr morgens, und auf dem Domberg kauern noch die Schatten der Nacht, durchbrochen nur von den glitzernden Lichtern am riesigen Weihnachtsbaum und ein paar späten Sternen. Ganz hinten, dort, wo der Fluss den Himmel berührt, färbt erstes Morgenrot die Wiesen. Es ist ein idyllisches Bild, und der Bischof bleibt stehen, saugt die klare Winterluft tief ein und mit ihr den Frieden, der über seiner Stadt zu liegen scheint. Aber wie so oft, trügt der Schein auch hier.

Der Skandal um Missbrauch und sexualisierte Gewalt hat auch die Domstadt erreicht. Weniger heftig und weniger laut, als einige es befürchtet und etliche es sich erhofft hatten. Und gottlob liegen die „Fälle“, um die es geht, schon Jahrzehnte zurück. Fälle – das Wort nimmt der Bischof nie in den Mund, zum Kummer seiner Kollegen, Dekane und Priester. Für ihn sind es Schicksale. Jedes besonders, jedes tragisch, jedes so ganz aus der vorgezeichneten Lebensbahn geworfen durch die Hand eines Kirchendieners. Der Bischof mag auch nicht unterscheiden zwischen Priestern und Leitern von Chor und Jungschar. Welche Bedeutung hat es für die Betroffenen, ob es ein geistlicher, ein haupt- oder ehrenamtlicher Missbrauch war, dessen Opfer sie wurden? Für die Kirche wäre es vielleicht schon wichtig, darzulegen, dass viele der Täter keine Geistlichen waren, sondern Mitarbeiter der Kirche. Aber ganz ehrlich? Für den Bischof macht das keinen Unterschied. So oder so hat Kirche versagt. Gegenüber ihren Schutzbefohlenen und gegenüber ihren ureigenen Inhalten.

Auch dass über Jahre, Jahrzehnte hinweg die Gemeindemitglieder selbst Augen und Münder verschlossen haben, mindert die Verantwortung der Kirche nicht. Der einzige Weg durch dieses Tal der Schuld ist steinig und steil und heißt lückenlose Aufarbeitung. Der Bischof ist jung, gerade mal Mitte Vierzig. Deshalb wurde er für den Vorsitz der Kommission ausgewählt. Und deshalb verweigern ihm seine durchweg älteren Kollegen den Respekt, kritisieren seine Entscheidung zu völliger Transparenz, nicht nur gegenüber den Betroffenen, sondern auch in den Medien. Ein nie wiedergutzumachender Schaden, ein unauslöschlicher Makel unserer Institution, mit diesem mahnenden Ruf sind sie bis nach Rom gegangen. Und mit leeren Händen zurückgekehrt. Der Bischof weiß genau, dass sie seitdem nach anderen Möglichkeiten trachten, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Er ist sich keineswegs sicher, ob und wann dieses Trachten von Erfolg gekrönt sein wird. Auch darin hat die Kirche eine große Tradition.

Aber auch, wenn er kein Cesare Borgia ist – Vorsicht kann nicht schaden. Deshalb ist der Bischof heute schon in aller Herrgottsfrühe auf den Beinen, um die Vorbereitungen für seinen Auftritt als Nikolaus, Bischof von Myra, heute Abend zu überwachen. Den Aufbau des Podests, von wo aus er ein paar Worte an die Menschen richten wird – er hat nicht vor, durch eine angesägte Latte zwei Meter auf Kopfsteinpflaster zu stürzen. Die Bereitstellung des Schlittens – mit Rollen, denn bislang hat es noch nicht geschneit, und die für den Abend vorhergesagten Flöckchen würden höchstens für einen malerischen Flaum auf seiner Tiara sorgen und nicht als Unterlage für die Kufen ausreichen. Und dann die mittelalterlich gestalteten Buden, an denen Met und Wuchteln, Früchtepunsch, Maroni und Grillfackeln verkauft werden – alles für einen guten Zweck, nämlich die Jugendarbeit in der Diözese. Es wäre nicht nur tragisch, sondern eine Katstrophe, wenn ein Dach einstürzen, ein Grill explodieren oder die Halterung eines Metkessels umkippen würde.

Damit wären dann gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe erschlagen, für seine Gegner, weiß der Bischof. Er wäre eliminiert – vom Dom, von seinem Posten als Vorsitzender der Aufarbeitungskommission und, im schlimmsten oder besten Fall, je nach Ansicht des Betrachters, von dieser Welt. Die von ihm dank seines Charismas aufgebaute Familien- und Jugendarbeit, geprägt von Offenheit, Gemeinschaft von Männern und Frauen, egal ob cis oder non-binär, und Kindern, von Musik und Social Media Präsenz, bei der G*ott tatsächlich benannt und bedankt wird, diese Arbeit würde ohne ihn zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Und zeigen, dass es eben so nicht geht. Dass Kirche Hierarchien braucht, und die Kollegen wären schnell dabei, diese wieder hochzuziehen, eherne Mauern aus Respekt, Ohnmacht und Schweigen.

„Du bist paranoid“, sagt ihm Claus, sein Freund und Vertrauter, immer wieder. „Besser als ein Opfer“, antwortet der Bischof dann. Und fügt lautlos hinzu: schon wieder.

Jetzt geht die Sonne über dem Domberg auf. Ein strahlender Wintermorgen. Die Arbeiten auf dem Platz gehen gut voran, der Bischof wechselt hier und da ein Wort, trinkt einen Becher Kaffee. Dann kommt Dominika, eine seiner Jugendleiterinnen. Sie drehen ein TikTok Video über die Vorbereitungen und laden nochmal alle ein: „Heute Abend, 17 Uhr. Nikolaus, der Bischof von Myra, hat Geschenke für alle Kinder dabei. Es gibt genug zu essen, zu trinken, zu feiern und zu singen. Kommt alle. Wir freuen uns auf euch.“

Der Regionale Radiosender hat schon über das Nikolausfest am Domberg berichtet. Es ist das erste nach Corona, das erste, seit der neue Bischof da ist, und das allererste überhaupt in dieser freien Form. Es sind sogar evangelische und muslimische Jugendgruppen mit dabei!

Von einem Fenster im dritten Stock der fürstbischöflichen Residenz, die sich nahtlos an den Dom anschmiegt, betrachtet Bischof Richard missgünstig das bunte Treiben. Und fragt sich, wie schon so oft, wo und wann er den Weg dieses jungen Bischofs hätte umlenken könnten. Wie viel Ärger wäre der Kirche erspart geblieben. Wieviel Schmach! Aber wer hat schon ahnen können, dass dieser hübsche, sensible, stille Junge mit der silberhellen Stimme einmal so ein wort- und gedankenstarker Geistlicher werden würde. So ein gefährlicher Gegner! Er selbst hat ihm sogar noch den Weg gewiesen. Nicht nur zu Jesus, sondern auch ins Priesterseminar. Was für ein kardinaler Fehler! Nun, vielleicht ist es ja noch nicht zu spät, denkt Bischof Richard. Und schaut sich unwillkürlich nach Meta um, seiner mit ihm alt gewordenen Hauswirtschafterin. Und mehr. Die beiden verstehen sich nach über 40 Jahren ohne Worte. Sie schaut ihm stumm in die Augen. Und nickt unmerklich.

Und dann ist es Abend. Wie vorhergesagt, fallen weiche Flocken vom dunkelblauen Winterhimmel. Sie legen sich zart auf die Dächer der Hütten, das Kopfsteinpflaster und die Mützen und Locken der Menschen. So viele sind gekommen. Der Rauch von den Feuern, über denen Grillfackeln schmoren, steigt senkrecht auf und mischt sich mit dem Nelkenduft von Met und Punsch, mit dem süßen Geruch gebrannter Mandel. In der Mitte des Platzes lodert ein helles Feuer, oben auf dem Podest spielt die Band „Last Christmas“ und dann, auf ein Zeichen des Bischofs, „Lasst uns froh und munter sein“. Ein bunter Chor, alte Stimmen, junge, helle, tiefe stimmt ein, der ganze Platz bebt und lacht. Ja, Lacht. Vergessen ist für diesen Moment alles, was trennt. Den Domberg mit seiner geistigen, geistlichen Last, und die Menschen. Der Bischof lächelt. Dankbar.

„Und jetzt schaut mal, was ich euch mitgebracht habe“, ruft er, springt vom Podest und zum Schlitten voller Pakete und Päckchen. Im Handumdrehen ist er umringt von Händen, nackten, behandschuhten, schüchternen, greifenden. Er lacht und legt in jede Hand ein kleines Geschenk. So schnell ist der große Schlitten leer. Nur noch ein kleines Päckchen liegt auf dem rotsamtenen Kutschbock. Der Bischof nimmt es und geht hinüber zur Residenz am Rande des Platzes. Dort, vor dem Portal, stehen Bischof Richard und eine Handvoll seiner Kollegen und machen gute Miene zum bösen Spiel. „Hier, Exzellenz“, sagt er und reicht Richard das Päckchen. „Auch für Sie hat der Nikolaus etwas dabei. Sie waren so lange der Domherr hier. Nehmen Sie die Pralinen, Ich weiß, es ist ihre Lieblingssorte, Meta hat es mir verraten. Und seien Sie mir, Ihrem Nachfolger, nicht allzu böse dafür, wie ich die Geschäfte hier weiterführe. Geistlich und weltlich. Es ist Advent. Kommen Sie, machen auch wir uns auf den Weg.“

Um sie herum wogt und tobt das friedliche Fest. Es ist kalt in der Bischofstracht aus Rauchmantel, Albe und Mitra. „Hier, Maximilian. Nimm einen Schluck Glühwein. Du bist ja komplett ausgekühlt. Das kann ich gar nicht mit ansehen! Aber um dich kümmert sich ja keiner.“ „Außer dir, gute Meta. Danke.“ Und der Bischof nimmt den Becher, den Meta ihm reicht.

Später wird er in den Armen seines besten Freundes liegen, der vergeblich auf den Rettungswagen wartet. Zuviel los, heute, in der Stadt. „Damit hätte ich nicht gerechnet. Meta! Ihr ganzes Leben lang hat er sie ausgenutzt. Und jetzt macht er sie auch noch zur Mörderin“, flüstert der Bischof. „Aber ich gehe nicht allein. Und vielleicht ist es wirklich am besten so, denn G*ott verzeiht es nicht, wenn man selbst zum Richter wird. Doch ich konnte nicht mehr länger warten. Richard hat ja nicht nur mein Leben zerstört, als er mich missbraucht hat, immer und immer wieder, damals, sondern er hat auch noch so viele andere kaputt gemacht. Vor mir und nach mir, da bin ich mir sicher. Aber er ist unantastbar. Ich habe niemanden gefunden, der gegen ihn aussagen will. Und mir würde keiner glauben! Ich bin ja sein Konkurrent.

Ich hatte geglaubt, dass ich meinen Frieden gefunden habe. Meine Aufgabe. Dass ich heilen kann, wo andere verletzt haben. Aber dann habe ich Richard gesehen. Im Bogengang. Mit Christian, unserem Solisten. Er ist noch ein Kind! Da habe ich gewusst, es muss aufhören. Und auch, dass ich selbst das Heft in die Hand nehmen muss.“

Als der Rettungswagen endlich kommt, ist es für Bischof Maximilian schon zu spät.

Am nächsten Morgen kommt der Notarzt noch einmal auf den Domberg. Bischof Richard ist ebenfalls in der Nacht gestorben. An einem Herzinfarkt, wie es in der Verlautbarung des Ordinariats heißen wird.

Claus wird sich bemühen, den Mord an Maximilian aufzuklären. Er weiß, dass er sich damit auf eine lebensgefährliche Mission begibt.

Gut möglich, dass diese Geschichte polarisiert. Aber auch ein MiniKrimi Adventskalender ist halt ein Ponyhof. Und ich freue mich auf eure Kommentare! In diesem Sinne: habt einen schönen Nikolausabend. Und obacht beim Glühwein!

MIniKrimi Adventskalender am 5. Dezember


MORD IM MÜHLTAL (Auszug)

von Carla Wolf

»Die Tödlichen Ladys tagen in der Stadt.« Die Journalistin Petra Koslowski saß an ihrem Schreibtisch in der Redaktion der Langener Morgenpost und scrollte durch ihre Mails.

»Was ist das? Ein Geheimbund von lauter Mörderinnen?« Frederik, der Praktikant, schob sich den überlangen schwarzen Pony aus der Stirn und schielte zu seiner Kollegin hinüber.

Die gluckste. »So ähnlich«, meinte sie. »Die morden, aber nur mit Worten. Sind alles Krimischriftstellerinnen. Die Crème de la Crème des Landes.«

Frederik, der vermutlich keine Krimis las, zuckte desinteressiert die knochigen Schultern.

»Ist gar nicht so einfach, dort Mitglied zu werden. Die sieben ganz schön aus«, fuhr Petra fort. Sie hatte inzwischen die Webseite des Clubs aufgerufen. »Es dürfen, halte dich fest, immer nur genau 100 Autorinnen in der Gruppe sein.« Sie zog ihren Notizblock zu sich und machte einen entsprechenden Vermerk.

»Was wollen die denn hier?« Frederik hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und ließ einen Bleistift zwischen seinen Fingern herumwandern.

»Sie halten jährlich eine Woche lang ein Arbeitstreffen ab. Immer vor der Frankfurter Buchmesse und immer in einer anderen Stadt. Dieses Jahr bei uns in Langen und standesgemäß im Sterzbacher Hof.«

»Schreibst du was über die?«

»Klar!« Petra grinste. »Die First Lady Marie-Theres Strobel hat uns eine Pressemitteilung geschickt.« Sie deutete auf den Bildschirm ihres PC. »Aber ich denke, ich reichere das Ganze mit ein bisschen Original-Ton und einem kleinen Interview an.«

»Strobel? Muss man die kennen?«

Petra seufzte. »Was liest du denn?«, fragte sie streng.

»Fantasy und Dystopien«, lautete Frederiks Antwort. Und dann legte er los und nannte eine ganze Reihe von Serien, unter denen taten es die Fantasy-Schreiberinnen und Schreiber offensichtlich nicht, die man einfach gelesen haben musste. Als er dann noch anfing, über Steampunk, High End und Urban Fantasy zu reden, winkte Petra ab.

»Nicht meine Welt«, befand sie.

Ehrlicherweise sagte ihr der Name der obersten Tödlichen Lady selbst auch nichts. Sie musste ihn in eine Suchmaschine eingeben. »Wow«, murmelte sie allerdings, nachdem sie sich ein bisschen eingelesen hatte. Die Frau hatte eine vom Feuilleton hoch gelobte Serie über eine Polizistin im vorigen Jahrhundert geschrieben. Feministisch angehaucht und erstklassig recherchiert, schrieb die Kritik. Das Publikum war eher gespalten, aber das war ja häufig so. Das einzige von der Autorin vorhandene Foto zeigte eine streng in die Kamera schauende Frau mittleren Alters, deren dunkelgraue Mähne wirkte, als sei sie durch eine rasante Fahrt in einem Cabrio gestylt worden.

Petra fuhr sich durch ihre kurz geschnittenen blonden Haare und griff zum Handy, um sich bei der Frau anzumelden.

Kaum geschehen, zog eine Mail, die sich durch ein leises Pling anmeldete, die Aufmerksamkeit der Journalistin auf sich.

»Das ist ja ein Ding!«, sagte sie halblaut vor sich hin.

»Ist was?«, Frederik schaute neugierig zu ihr.

»Kann man wohl sagen.« Petra war bereits dabei, ein paar Sachen in ihre Tasche zu werfen.

»Pressekonferenz heute Nachmittag. Man hat eine Tote gefunden. Im Mühltal. Sieht nach einem Mord aus.«

Die Frontfrau des Autorinnenclubs Die Tödlichen Ladys sah in natura wesentlich weniger streng aus als auf dem Foto ihrer Webseite. Sie war eher klein, höchstens ein Meter sechzig, und statt einer ernsten Miene trug sie ein Lächeln im Gesicht. Wache braune Augen blickten durch eine modische Brille in die Welt. Die Haarpracht jedoch war unverkennbar. Nach allen Seiten standen die schwarzgrauen Wellen von ihrem Kopf ab und wirkten, als hätten sie gerade einen Orkan überstanden.

Marie-Theres Strobel winkte die Journalistin mit sich in einen kleinen Besprechungsraum. Über der Tür prangte ein weißes Transparent, gesprenkelt mit unregelmäßigen roten Spritzern. Als habe jemand Blut vergossen. In schwarzer Schrift stand dort: »Wir sind Die Tödlichen Ladys.« Und darunter der Slogan der Vereinigung: »Bei uns ist Krimi weiblich!«

»Mögen Sie?« Strobel deutete auf einen Servierwagen, auf dem eine chromfarbene Thermoskanne und ein Teller mit Hefeplunder standen.

»Kaffee sehr gern.«

Während die Vorsitzende der Autorinnenvereinigung ihnen beiden einschenkte, nahm Petra auf einem der Sessel der Sitzgarnitur Platz, schob auf dem Couchtisch ein Schälchen mit Zuckertüten und ein Milchkännchen zur Seite und legte ihren Notizblock ab.

»Nun, was möchten Sie über uns wissen?«, fragte Marie-Theres Strobel, nachdem auch sie sich gesetzt hatte.

»Nach allem, was ich bereits gelesen habe …«

Weiter kam Petra nicht. Die Tür flog auf und herein spazierte eine große Frau, deren Blick die Journalistin förmlich zu durchbohren schien.

»Mechthild Schmauser. Die zweite Vorsitzende unseres Netzwerks. Verantwortlich für die Finanzen«, erklärte Marie-Theres, als die andere herangekommen war. Ihr selbst war die Verwirrung über das Eintreffen ihrer Kollegin anzumerken. Petra hatte den Eindruck, dass das nicht abgesprochen war und sie sich nicht darüber freute.

»Viola kommt auch gleich«, sagte Mechthild in einem leicht schleppenden Tonfall.

»Ach ja?« Die Vorsitzende der Tödlichen Ladys wirkte jetzt definitiv verärgert.

Mechthild ließ sich aufs Sofa plumpsen, ohne auf Petras Gruß und die Irritation von Strobel zu reagieren.

»Wir sind zu dritt im Vorstand«, erklärte sie lediglich. Sie fuhr sich über das kurz geschnittene, rotblonde Haar, als wolle sie prüfen, ob das Gel, das sie reichlich verwendet hatte, seinen Zweck erfüllte.

»Mechthild schreibt Cosy Crime«, meldete sich die First Lady wieder zu Wort.

»Aha. Das sind eher heitere Krimis?«, hielt Petra das Gespräch am Laufen.

Mechthild nickte mit derartig finsterem Gesichtsausdruck, dass Petra sich insgeheim fragte, wo so ein Sauertopf wohl den Humor hernahm. Hoffentlich waren nicht alle Autorinnen so schlecht gelaunt. Doch gleich die Frau, die als nächste eintrat, zerstreute ihre Bedenken.

»Viola Habert, die dritte Vorsitzende und verantwortlich für die interne Kommunikation.« Marie-Theres winkte der Frau, die mit ihren langen hellblonden Locken und dem breiten Lächeln auf dem kirschrot geschminkten Mund aussah wie ein Rauschgoldengel, freundlich zu.

»Hallo!«, sagte Viola, reichte Petra die Hand und ließ sich ebenfalls auf das Sofa plumpsen. Die First Lady, jetzt eingerahmt von ihren beiden Stellvertreterinnen, saß stocksteif und eindeutig angespannter als noch vor wenigen Minuten da. Drei Augenpaare ruhten auf Petra.

»Dann wollen wir mal«, sagte die betont munter.

Erfreulicherweise ging das Interview recht zügig voran. Die Vorsitzende beantwortete alle Fragen. Mechthild und Viola nickten gelegentlich und insgeheim fragte sich Petra, warum die beiden so viel Wert darauf gelegt hatten, anwesend zu sein. Denn weder der Rauschgoldengel noch der Sauertopf griffen in das Gespräch ein. Das darüber hinaus dann überraschend und ziemlich abrupt endete.

Die Tür flog auf, eine Frau mit kurzem dunklen Haar, das abstand wie die Stacheln eines Igels, stürmte herein, ohne auf Petra zu achten.

»Zita«, keuchte sie und presste die Handflächen an ihre Schläfen. »Sie ist … es ist etwas geschehen … es ist so furchtbar …«

Carla Wolf: Mord im Mühltal, BoD (Books on Demand), Oktober 2024
Taschenbuch, 264 Seiten, 13.00 Euro, ISBN‎ 978-3759792150

Mord im Mühltal ist überall im stationären und Online-Buchhandel erhältlich.

(c) Karsten Werner

MIniKrimi Adventskalender am 3. Dezember


Zu schön, um wahr zu sein?

Ist es in Zeiten von Genderfluid und Genderneutralität noch ok, nach einem Mann zu suchen? Einem binären Cis-Wesen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen? Iris ist sich nicht sicher. Wie so oft in ihrem Leben. Ihre Unsicherheit bestimmt ihren Alltag, im Großen wie im Kleinen. Ist es ok, wenn ich Kiwis aus Neuseeland kaufe? Die schmecken so gut. Aber was werden die Leute hinter mir in der Supermarktschlange denken? Dass ich mir keine Gedanken über meinen ökologischen Fußabdruck mache? Und dann greift Iris lieber zu einem braungelbrauen Boskop. Obwohl sie Äpfel hasst. Das gleiche beim Fleisch. Das Huhn mit dem ethische Unbedenklichkeit suggerierenden Aufkleber „biologische Haltung“ kostet dreimal soviel wie das Wiesenhof Hähnchen nebendran. „Stell dir vor, es gibt immer noch Leute, die Billigfleisch essen, ohne einen Gedanken an das schreckliche Leben und den qualvollen Tod der armen Tiere zu verschwenden. Ganz zu schweigen davon, dass sie von den Antibiotika, die sie dabei mitbekommen, eine tödliche Immunität entwickeln. Geschieht ihnen recht. Also mir würde so ein Bissen im Hals stecken bleiben“, sagt der Hipster neben ihr am Kühlregal zu seiner Freundin, und sein Man Bun nickt im Takt bei jedem Wort. Iris zieht die Hand zurück, die schon nach dem Billighuhn gegriffen hat, dreht sich um und nimmt einen Backcamembert. Den hasst sie wenigstens nicht so sehr wie Äpfel.

Beim Zielvereinbarungsgespräch mit ihrem Chef geht sie regelmäßig ohne angemessene Gehaltserhöhung raus, dafür aber mit einer beachtlichen Liste an Mehraufgaben. Weil sie nicht weiß, wieviel mehr Geld sie verlangen möchte. 10 Prozent? 5? Oder 15? Dann lieber gar nichts.

Und genau wegen dieser Unschlüssigkeit ist Iris mit Mitte 40 immer noch Single. Wie viele Dates hat sie verpasst, weil sie viel zu lange vor ihrem Kleiderschrank stand, ohne sich für ein Outfit entscheiden zu können! Wie oft ist sie nach einem netten Abend alleine nach Hause gegangen, weil sie auf die Frage „Zu mir oder zu dir?“ keine Antwort wusste, was ihr unweigerlich als Desinteresse ausgelegt wurde.

Sicher wäre auch die Wahl der passenden Dating Seite ein unüberwindbares Hindernis für Iris gewesen. Aber Iris ist nicht nur von Natur aus unschlüssig, sie ist auch technisch ziemlich unbegabt. Als Assistentin der Geschäftsführung ist das zum Glück kein Handicap, sie braucht nur Outlook, Word und Excel, der Rest wird von anderen Abteilungen bearbeitet. Ihre Telefonstimme und ihre Kalenderführung sind so überzeugend, dass Iris für den Chef unersetzlich ist. Mit etwas mehr Selbstvertrauen hätte sie sogar die Verdopplung ihres Gehalts durchgesetzt, bei Kündigungsandrohung. Aber so ist Iris eben.

Und weil sie sich mit Smartphones und Apps nicht auskennt, hat sie sich bei der ersten Partnerbörse angemeldet, die auf ihre Suche im PC hin erschienen und noch dazu so „traditionsreich“ ist, dass sogar Iris den Namen schon mal gehört hat. “Du hast so viel zu bieten“, hieß es im Werbetext. „Sag der Welt, was du suchst. Bei uns brauchst du keine Kompromisse zu machen. Du findest genau den Partner, den du dir wünschst.“

Das klang vielversprechend. Und wenn Iris keine Wahl hat, sondern sich selbst etwas überlegen muss, dann klappt es auch mit der Formulierung ihrer Erwartungen. Also hat sie die Schublade mit dem Kräutertee gar nicht erst aufgemacht, sondern sich ein Glas Amarone eingeschenkt, sich damit an den PC gesetzt und direkt ins Online-Formular hinein getippt:

Ich suche einen Mann, der mich liebt. Der mich unerwartet umarmt und mich gerne küsst. Einen, der mich überrascht: mit einem Abendessen, einem Geschenk außer der Reihe oder einer zärtlichen Nachricht. Einen, der mich streichelt und mir auch den Nacken massiert. Einen, der mir zuhört, auch wenn das Thema ihn nicht interessiert, nur, weil ich es ihm wert bin. Einen, für den ich die Schönste bin, mit und ohne Makeup. Einen, der mit mir die Leidenschaft genießt, der meine Wünsche erfüllt, der freundlich ist, gut erzogen und ehrlich. Einen, der Stil hat, ohne arrogant zu sein. Einen, der meine Welt schöner macht. Einen, für den ich die andere Hälfte seines Herzens bin.

Ich bin Anfang 40, gepflegt, selbstständig und naturblond.

Das ist jetzt 3 Wochen her. Und bis jetzt hat Iris keine ernstzunehmenden Antworten erhalten. Tja, denkt sie, da bin ich einmal ehrlich und sage frank und frei, was ich will – und dann das. Typisch. Sie ist gerade dabei, den PC wieder runterzufahren, als es „plingt“ und im Eingangskorb ihres Dating Accounts das Briefsymbol auftaucht. „Du hast Post“, flötet eine Stimme mit dem Sexappeal eines Navigationssystems. Iris zögert. Natürlich. Soll sie die Nachricht öffnen? Oder ungelesen in den Papierkorb verschieben? Ja? Oder nein? Iris geht in die Küche, schenkt sich ein großes Glas Amarone ein, setzt sich an den Schreibtisch und öffnet die Nachricht.

Liebe Iris,

lass mich der Mann sein, der dich liebt. Der dich unerwartet umarmt und dich gerne küsst. Der dich überrascht: mit einem Abendessen, einem Geschenk außer der Reihe oder einer zärtlichen Nachricht. Der dich streichelt und dir auch den Nacken massiert. Der dir zuhört, auch wenn das Thema mich nicht interessiert, nur, weil du es mir wert bist. Du wirst für mich die Schönste sein, mit und ohne Makeup. Gemeinsam werden wir die Leidenschaft genießen, und ich werde deine Wünsche erfüllen. Ich bin freundlich, gut erzogen und ehrlich. Ich habe Stil, ohne arrogant zu sein. Ich möchte deine Welt schöner machen. Du sollst die andere Hälfte meines Herzens sein.

Ich bin Mitte 40, Single, dunkelblond und verdiene gut.

Iris traut ihren Augen nicht. Ok, die Antwort ist nicht besonders originell. Aber andererseits zeugt sie doch auch von einer gewissen Ernsthaftigkeit. Zumindest hat er ihre Auflistung gelesen. Und scheint damit zufrieden zu sein. Sie trinkt das Glas aus und schenkt sich ein zweites ein, bevor sie ihm antwortet.

Die nächste Woche vergeht für Iris in einem nie gekannten Gefühlstaumel. Alexander, so heißt „er“, und sie schreiben sich mehrmals am Tag. Längst haben sie ihre Telefonnummern getauscht, und schon nach 24 Stunden haben sie sich das erste Mal gesprochen. Er ist von ihrer Stimme berauscht, hat er ihr gesagt. Und das glaubt sie ihm. Sie hat eine unglaubliche Telefonstimme. Erotisch, samtig, klar und dabei vertrauenerweckend. Seine Stimme ist etwas metallisch, zuweilen. Aber das mag an der Verbindung liegen. Seine Worte allerdings sind alles andere als hart. Er versteht es, ihr Herz anzurühren, ohne schnulzig zu sein.

Auch, als sie sich das erste Mal treffen, platzt die Blase nicht. Im Gegenteil: Alexander sieht live womöglich sogar noch besser aus als auf den Fotos, die er ihr geschickt hat. Die neue Iris ist schon so selbstsicher, dass sie keinen Augenblick daran denkt, das Date abzusagen. Sie hat sich ein neues Kleid gekauft, smaragdgrün, passend zu ihren Augen und ihren Haaren. Alexander ist „hingerissen“, sagt er. Und lächelt warm und zärtlich.

Der Sex mit Alexander ist anders als alles, was Iris bis jetzt erlebt hat. Er scheint jeden Zentimeter ihres Körpers zu kennen und genau zu wissen, was sie will und was sie braucht. Besser als sie selbst, sogar. „Als ich die Anzeige schrieb, dachte ich, darauf wird mir nie einer antworten. So einen Mann gibt es doch gar nicht. Der müsste erst extra für mich erschaffen werden“, sagt Iris und schmiegt sich in seine Achselhöhle. „Das bin auch“, flüstert Alexander und massiert ihre Nackenwirbel genau dort, wo die Verspannung sitzt.

Die Wochen vergehen, und Alexander ist ganz und gar der Mann, den Iris sich erträumt und gewünscht hat. Manchmal, wenn er wieder einmal genau das tut, was sie gerade von ihm erwartet, bevor sie es noch ausgesprochen hat, ist sie allerdings ein wenig irritiert. Woher weiß er, dass sie am Liebsten blaue Tulpen mag? Sie haben nie darüber gesprochen. Wie hat er den lange verschwundenen Ohrring gefunden, ohne ihre Wohnung auf den Kopf zu stellen?

Als sie am Frühstückstisch über die Vor- und Nachteile künstlicher Intelligenz sprechen, wirft Iris ihm einen Köder hin: „Manchmal glaube ich, du bist gar kein richtiger Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz in einem Roboterkörper. Du weißt alles, merkst dir alles, liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, sogar noch bevor ich selbst weiß, was ich will.“

Alexander lächelt und greift nach ihrer Hand. „Ertappt“, sagt er. Dann läuft ein Zucken durch seinen Körper, sein Blick wird starr. Das Ganze dauert nur zwei Sekunden, aber Iris ist zu Tode erschrocken. „Alexander, entschuldige! Ich wollte dich nicht verletzen. Was ist denn? Geht’s dir gut? Komm, ich bringe dich zum Arzt.“

Alexander wehrt ab. „Nein, nein, nicht nötig. Alles gut.“ Stille. Dann: „Aber vielleicht hast du recht. Ich gehe nachher gleich mal zu meinem Hausarzt. Sicher ist sicher.“ Iris will ihn begleiten, aber er besteht darauf, alleine zu gehen. Um 12.30 Uhr verlässt er ihre Wohnung.

Sie wird ihn nie wiedersehen.

Sie versucht, ihn anzurufen. „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“ Sie sucht ihn auf dem Dating Portal. Sein Account existiert nicht mehr. Dann tut Iris etwas, was sie noch nie getan hat. Sie forscht nach ihm. Googelt. Nichts. Iris ist verzweifelt. Sie versucht mithilfe eines guten Freundes im Finanzamt, der ihren Kummer schließlich nicht mehr mit ansehen kann, ihn anhand einer Steuernummer zu identifizieren. Nichts. Alexander ist wie vom Erdboden verschluckt. Oder vielmehr sieht es so aus, als hätte er nie existiert. „Und du hast ihn dir sicher nicht eingebildet?“, fragt der Freund vorsichtig. Daraufhin ghostet sie ihn.

In ihrer Verzweiflung durchforstet Iris, die früher so gut wie nie online unterwegs war, das Internet. Sie stößt auf immer dunklere Foren. Und irgendwann findet sie ein Wort, das sie nicht mehr loslässt. Weil es irgendwie auf Alexander zutreffen könnte. Cyborg. Ist er das? War es das? Ein Cyborg?

Iris recherchiert weiter. Findet schließlich ein Forschungsteam in Skandinavien, das offenbar an der Entwicklung und Perfektionierung der Verbindung von Organismen und Maschinen arbeitet. Offiziell geht es um Schnittstellen zwischen Technik und Gehirn, wie den grünen Daumen oder Coprozessoren, die das Gehirn bei Denkleistungen unterstützen sollen. Aber in speziellen Foren wird gemunkelt, dass dort auch Cyborgs entwickelt werden, Hybride aus Mensch und Maschine.

Iris reist nach Norwegen. Noch nie in ihrem Leben war sie so weit weg von zu Hause. Aber so unschlüssig sie früher war, so zielgerichtet ist sie jetzt. Sie will Alexander finden. Koste es, was es wolle. Sie kann und sie will ihn nicht vergessen.

Auf den ersten Blick sieht das Forschungsgelände enttäuschend harmlos aus. Keine Zäune, keine Kontrollen. Nur ein heller weiter Platz mit runden Bänken vor einem Gebäude aus Glas und Metall. Mit riesigen Aufzügen. Die vielleicht auch in die Tiefe führen, denkt Iris. Geheimnisse lagert man am besten im Keller.

Es ist ein sonniger Spätsommertag, wahrscheinlich fast untypisch für den hohen Norden. Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel herab, Vögel singen, und am Horizont sieht man den majestätischen Fjord. Ein einzelner Mensch sitzt auf einer der Bänke, das Gesicht der Sonne zugewandt, die Augen genießerisch geschlossen. Iris‘ Herz beginnt wie wild zu schlagen. Sie weiß genau, wer dort sitzt. „Alexander“, ruft sie und geht, läuft, rennt auf ihn zu. „Alexander! Endlich hab‘ ich dich gefunden!“ Sie setzt sich neben ihn, greift nach seiner Hand, schaut ihm in die Augen, die sie erstaunt und ohne jedes Anzeichen eines Erkennens ansehen. Dann spricht er – es ist seine weiche, melodische, leicht metallische Stimme. Aber Iris versteht nicht, was er sagt. Es ist eine fremde Sprache. „Alexander“, versucht sie es noch einmal. Aber er sieht sie nur an, lächelnd, freundlich, wie ein x-beliebiger Unbekannter. Sie redet auf ihn ein, er schüttelt den Kopf. Dann zieht er seine Hand unter der ihren weg, steht auf, sagt noch etwas Unverständliches und geht zurück ins Gebäude.

Wie lange Iris auf der Bank gesessen hat? Sie weiß es nicht. Aber die Sonne geht unter, es wird merklich kühler. Was soll sie jetzt machen? Nach Hause fahren? Ins Gebäude gehen? Schreien? Die Polizei holen? Sind die hier überhaupt zuständig? Und was will sie ihnen sagen? Iris legt den Kopf in beide Hände und weint.

Da legt sich eine Hand auf ihre Schulter. „Sie sollten hier nicht sitzen. Es ist viel zu kalt. Kommen Sie, ich begleite sie zum Bahnhof. Sie sind doch mit dem Zug gekommen?“ Der Mann ist um die 60, hager, mit grauem Haarschopf, kurzem Schnurrbart und runder Brille. Er spricht deutsch. „Wer…?“ „Nicht jetzt. Nicht hier. Kommen Sie.“ Er legt seinen Arm um Iris und geht mit ihr über den Platz in Richtung Siedlung. Erst, als der Bahnhof am Ende der Straße zu sehen ist, spricht der Mann wieder.

„Was ich hier mache, ist mehr als unprofessionell. Es könnte mich meinen Job kosten, theoretisch. Aber ich zähle darauf, dass ich zu wichtig bin, unersetzlich, wenigstens auf die Schnelle. Sie tun mir leid, und Ihre Verzweiflung lässt mich nicht los. Ich habe Sie und ihren Weg bis zu uns verfolgt. Sie waren sehr hartnäckig, alle Achtung. Ganz entgegen ihrer bisherigen Natur. Ich bin froh, dass diese Erfahrung für Sie auch etwas Gutes gebracht hat.“

„Aber, wer?“ setzt Iris erneut an.

„Sie haben es ja beinahe schon selbst herausgefunden. Alexander war, ist ein Cyborg. Einer unserer Prototypen. Als wir Ihre Anzeige in diesem Dating Portal gesehen haben, war das einfach die perfekte Gelegenheit, ihn im real life zu testen. Sie müssen zugeben, die Chancen, einen echten Mann zu finden, der so perfekt all ihren Vorstellungen entsprach, waren doch gleich Null. Dass Sie da nicht schon viel früher Verdacht geschöpft haben, wundert mich. Sie sind doch intelligent. Aber als Sie seinem Geheimnis dann doch zu nahe kamen, konnten wir kein Risiko eingehen. Alexander hatte offenbar noch ein paar Fehler. Er war zu perfekt, zu unterwürfig. Nicht menschlich genug. Wir mussten ihn zurückrufen.“

„Und der Mann, den ich auf der Bank getroffen habe? Das war er doch, das war Alexander?“

„Ja. Und nein. Das ist quasi Alexander 2.0. Wir haben ihn komplett neu programmiert. Er hat keine Erinnerung an Sie. Das versichere ich Ihnen. So, bald kommt ihr Zug. Leben Sie wohl. Und geben Sie sich lieber mit dem Zweitbesten zufrieden, vor allem in der Liebe. Perfektion hat immer einen viel zu hohen Preis.“

24 Tage Krimifieber im MiniKrimi Adventskalender


Liebe Leser*innen, liebe Freund*innen, liebe neue Neugierige!

Schön, dass Ihr wieder hier seid. Schön, dass es bei all dem Wandel um uns herum ein paar Konstanten gibt. Mit meinem MiniKrimi Adventskalender werde ich euch vom 1. bis zum 24. Dezember durch den Advent begleiten. Mit kriminellen Schmankerln, mal lustig, mal skurril, mal erotisch und auch immer mal wieder ziemlich mörderisch. Das kennt Ihr.

Aber weil nach vorne gehen bedeutet, Bewährtes zu bewahren und durch Neues zu ergänzen, wann und wo es passt, gibt es heuer zwei Premieren in meinen MiniKrimi Adventskalender:

  1. Ihr werdet nicht nur Krimis aus meiner Feder lesen, sondern auch kurze Thriller oder Auszüge aus Kriminalromanen einiger meiner Mörderischen Schwestern. Das ist mit rund 700 Mitgliedern die größte Vereinigung von Liebhaberinnen guter Kriminalliteratur in deutscher Sprache. Freut euch auf eine bunte Vielfalt voll krimineller Fantasie und Spannung. Sollte euch ein veröffentlicher Auszug gefallen, findet Ihr das entsprechende Buch natürlich auch im Handel.
  2. Und weil lesen nochmal interessanter wird, wenn es zum Spaß auch etwas zu gewinnen gibt, verlose ich diesmal unter allen, die an einem der 24 Tage einen Kommentar zu einem der Krimis hinterlassen, insgesamt 3 Bücher. Die stelle ich euch am 25.12. vor, und die Gewinner*innen können sich aussuchen, welches Buch sie haben möchten.

Also, meine Lieben. Noch ein Mal schlafen – dann öffnet sich das erste Türchen des MiniKrimi Adventskalenders 2024, und zwar immer nachmittags oder abends, auf alle Fälle aber vor Mitternacht!

Und Ihr wisst: der Kalender ist nur echt mit dem einen oder anderen Tippfehler. Denn, und das bleibt gleich: meine MiniKrimis schreibe ich auch heuer wieder tagfrisch direkt in den Blog!

Adventskalender MiniKrimi am 24. Dezember (Heiligabend)


Wie gestern bereits angekündigt, heute als Abschluss meines diesjährigen MiniKrimi Adventskalenders ein Netzfund (Autor unbekannt, ich hab*s gegoogelt), auf den ich durch Birgit Schiche und Lupine auf BlueSky aufmerksam wurde. Vielleicht kennen einige von Euch das Gedicht und mögen es genauso gern wie ich…..

Ich wünsche Euch ein gesegnetes, lichterfülltes Weihnachtsfest – und dass es hell bleiben möge in Euch weit über Weihnachten hinaus!

Danke, dass Ihr mir folgt und meine Krimis lest. Ich verspreche: über’s Jahr werden immer wieder welche erscheinen. Mit meiner Ko-Autorin Lydia H. habe ich da schon eine ganz konrete Idee.

Das gestohlene Jesuskind
Die schönste Krippe dieser Welt
ist in der Kirche aufgestellt:
Maria, Josef, Ochs und Rind
inmitten drin das Jesuskind.

Kurz nach dem zweiten Weihnachtstag
trifft den Herrn Pfarrer fast der Schlag
wird käsebleich vor großem Schreck
das süße Jesulein ist weg
fort, gestohlen und geraubt
von Kirchenräubern unerlaubt.

Der Messner ist auch sehr entsetzt
weil stark die Heiligkeit verletzt.
Die beiden sorgen sich mit Bange
jetzt dauert es bestimmt nicht lange
bis auch der Josef wird gestohlen
und Gauner die Maria holen.

Und sie beschließen aufzupassen
den Übeltäter frisch zu fassen
der Pfarrer will im Beichtstuhl sitzen
das Brillenglas an schmalen Schlitzen
der Messner beim Altar verkroch
spickt durch ein kleines Astguckloch.

Sie warten ganz mucksmäuschenstill
und wie es Gottes Weisheit will
öffnet sich sacht die Kirchenpfort‘
ein kleiner Bub erscheinet dort
schiebt seinen Roller vor sich her
das Jesuskind liegt hinten quer
über dem Schutzblech hängend nur
halb festgemacht mit einer Schnur.

Der Pfarrer eilet flugs geschwind
zum Buben mit dem Jesuskind
was fällt dir ein, hört man ihn fragen
willst du mir gleich die Wahrheit sagen
der Knirps mit seinen blonden Locken
erwidert freiweg unerschrocken,
was man verspricht man halten soll
und er erklärt fast andachtsvoll
ich habe schon vor ein paar Wochen
dem Jesukindlein fest versprochen:

Wenn es am Christtag an mich denkt
mir einen schönen Roller schenkt
darf es zusammen mit mir flitzen
und hinten auf dem Schutzblech sitzen
ich werde nicht vom Roller steigen
dem Jesukindlein alles zeigen
dann kann es Abwechslung bekommen
vom Heugeruch und Überfrommen
Und frische Luft und Spaß juchu
und rote Bäckchen noch dazu.

Adventskalender MiniKrimi am 23. Dezember


Heute schreibe ich den letzten Adventskalender Minikrimi 2023. Morgen stelle ich euch ein wunderbares Weihnachts-Krimigedicht vor, einen Netzfund auf Bluesky. Doch jetzt schreibe ich noch einmal selbst. Von Thriller bis Komödie habe ich diesmal verschiedene Genres bedient. Heute nun: Fantasy. In Ansätzen. Weil ich das Grauen der Realität manchmal sublimieren möchte, um an das Gute zu glauben, trotzdem. Und gerade jetzt, einen Tag bevor, das glaube ich, die Liebe in die Welt geboren wird. Immer wieder neu.

Ein tödlicher Plan

Ein ganz normaler Morgen kurz vor Weihnachten. Geschäftiges Treiben, vielleicht, auf den Straßen. Einige Student*innen haben die letzte Uniwoche vor Weihnachten vorzeitig beendet und sind nach Hause gefahren. Die anderen folgen nur halb den Vorlesungen und planen die Feiertage mit ihren Freunden, mit der Familie.

Oder Schüler’innen freuen sich auf die Ferien, im Unterricht werden Filme geschaut, eine Weihnachtsaufführung wird geprobt.

Dann bricht ihr Alltag zusammen. Ein Amokläufer dringt in ihr Gebäude ein, schießt wahllos um sich und tötet, die ihm über den Weg laufen.

Auch der junge Amokläufer selbst hat seine Tat nicht überlebt. Ein ganzes Land trauert. Wie schrecklich! Wie viele Leben sind zerstört, für sehr lange Zeit, manche sogar für immer.

Wie oft wünschen wir uns, wir könnten die Geschichte umschreiben. Dem Entsetzlichen eine andere Wendung geben. Den Attentaten, die immer wieder Lernorte zu Schauplätzen brutaler Waffengewalt machen.

Allein, das geht nur in der Literatur.

Der junge Mann nahm die Welt um sich herum schon seit Monaten als schwarz wahr. Er kleidete sich schwarz, hatte seine schulterlangen Haare schwarz gefärbt und ging nur aus dem Haus, nachdem die Sonne untergegangen war. Oder wenn dunkle Wolken jedes Licht in graue Schatten verwandelten und Regen ihn wie ein Vorhang von anderen Menschen trennte.

Die letzte Therapie hatte er abgebrochen. Die Tabletten in die Toilette gekippt. Alles sinnlos. Lieber den rohen Schmerz ertragen, fühlen, wie er ihm das Herz zerriss, als im gefühllosen Nebel zu tapern. Die Schnitte, die er sich zufügte, ließen ihn zumindest noch ein wenig Leben spüren.

 Aber das war jetzt auch vorbei. So tief er sich auch in den Arm stach – so viel Blut auch aus der Wunde floss – er blieb völlig gefühllos.

Gut. Nächste Stufe. Wenn er sein eigenes Leiden nicht mehr spürte – andere konnten das noch. Und jetzt sollten sie bluten. Waren sie nicht schuld daran, wie es ihm ging?

Der junge Mann stieß die Haustür auf, sah sich nach links um, dann nach rechts. Kein Mensch weit und breit. Nur eine Rabenkrähe hockte auf dem kahlen Ast der Buche gegenüber. Seit Tagen, so schien es ihm, verfolgte sie ihn. Hockte auf dem immergleichen Ast und schwang sich in den bleiernen oder tintenschwarzen Himmel, ihm dicht auf den Fersen. Mehrmals schon hatte der junge Mann einen Stein aufgehoben und nach dem Vogel geworfen. Nie hatte er ihn getroffen. Die Kohleaugen starrten ihn wissend an, und krächzend erhob er sich in den Wind. Aber nur, um bald darauf wieder in der Nähe des jungen Mannes aufzutauchen.

„Verschwinde“, rief dieser jetzt. „Du Totenvogel. Hau ab!“ Er fand einen scharfen, spitzen Stein, zielte, und diesmal traf er die Rabenkrähe am Flügel. Sie taumelte und drehte ab. Mit gesenktem Kopf stapfte er weiter, die Hände in den Hosentaschen, Richtung Elbufer. Kurz nach der Sturmflut war hier niemand unterwegs. Er stiefelte durch das streckenweise noch knöcheltiefe Wasser. Nach dem letzten Glühweinstand, dort, wo der Strand begann, setzte er sich auf eine nasse Bank. Wasser und Horizont verschwammen, die großen Schiffe lehnten als dunkle Schatten am düsteren Himmel. Mit einem leisen Krächzen setze sich die Rabenkrähe auf die Lehne, mit einem halben Meter Abstand.


„Sch! Schsch! Verschwinde, oder ich dreh dir den Hals um, du schreckliches Vieh!“ „Das würde ich an deiner Stelle nicht machen. Ich bin doch nur hier, weil du mich gerufen hast.“

„Was? Du lügst!“ Der Umstand, dass der Vogel ihn angesprochen hatte, war für den jungen Mann nicht halb so unerhört wie die Tatsache, dass er ihn gerufen haben sollte.

„Ja. Du hast den Tod im Sinn. Und das ruft mich auf den Plan. Ich bin der Vorbote. Und der Tatortreiniger, zuweilen. Nun erzähl: was genau hast du vor? Und wie weit bist du mit deinen Vorbereitungen? Ich kann dir helfen, weißt du?!“

„Ich brauche keine Hilfe. Und deine schon gar nicht. Was ich vorhabe geht dich nichts an. Außer, dass ich dich vielleicht zum ersten Opfer mache.“

„Das würde ich nicht tun“, wiederholte die Rabenkrähe. „Es könnte sein, dass dich nach dem ersten Mord der Mut verlässt. Und das wäre doch schade für deinen Plan.“

„Was, einen Vogel zu töten soll mich beeindrucken? Du hast ja gar keine Ahnung. Mich beeindruckt nichts mehr. Und Schmerz spüre ich schon lange nicht mehr. Mitleid kenne ich gar nicht.“

„Soso. Du hast kein Problem damit, einen Vogel zu töten. Und auch keinen Menschen? Bist du dir da ganz sicher?“

Jetzt saß neben dem jungen Mann statt einem Vogel eine alte Frau. Ganz in schwarz, in Rock und Mantel, Stiefeln, Hut und Handschuhen. Mit einer Schnabelnase und Knopfaugen, die ihn scharf musterten. Der junge Mann zuckte zurück. „Was?“ setzt er an, aber die Alte fiel ihm ins Wort. „Geh nach Hause. Denk nochmal in Ruhe über deine Pläne nach. Morgen treffen wir uns wieder. Und wenn du dann immer noch der Überzeugung bist, dass du töten musst…“ „Was dann?“ „Dann helfe ich dir. Glaub mir, du wirst meine Hilfe brauchen.“

Und mit einem Krächzen, das in den Ohren des jungen Mannes wie ein Lachen klang, schwang sich die Rabenkrähe in den Abendhimmel und war sofort verschwunden.

Der junge Mann stand auf. Er ging nicht nach Hause, sondern in die Villa seines Vaters. Dort öffnete er den Waffenschrank und nahm die Waffen und Munition, die er morgen brauchen würde. Nachschlüssel hatte er schon vor Jahren machen lassen, unmittelbar nach einem Amoklauf in den USA. Seine Eltern waren auf Teneriffa. Schade, sonst hätte er mit ihnen angefangen. Ohne sie gäbe es ihn nicht. Sie waren die Wurzel seines ganzen Übels. Aber besser so. Was sie nach seiner Tat durchleben mussten war vielleicht noch schlimmer als ein schneller Tod. Vielleicht. Der junge Mann konnte das nicht beurteilen. Er spürte nichts. Noch nicht. Er hatte übrigens nicht vor, sich selbst ebenfalls zu richten. Zumindest nicht, bevor er wusste, ob das unumkehrbare Leiden anderer in ihm einen Funken Gefühl auslösen würde.

Am nächsten Morgen zog er sich mit außergewöhnlicher Sorgfalt an. Dem Anlass angemessen trug er saubere Hosen und Schuhe, einen Rollkragenpullover und darüber einen weiten Umhang, unter dem er den Rucksack mit den Waffen verstauen konnte. Allerdings war dieser so schwer, dass er sich entschloss, mit dem Bus zu fahren. Allein bei dem Gedanken traten ihm Schweißperlen auf die Stirn. Kurz überlegte er, ob er einfach das Massaker im Bus verüben sollte. Aber nein! Es sollte der Ort sein, an dem er gelitten hatte. Gedemütigt worden war. Von den Professoren und von seinen Kommilitonen.

Auf dem Weg zur Haltestelle war der junge Mann sich fast sicher, der Rabenkrähe zu begegnen. Aber nein! Die Fahrt führte ihn durch die halbe Stadt. Die Menschen um ihn herum waren ihm unerträglich. Er hatte sein Ziel fast erreicht, da setzte sich eine alte Frau neben ihn. Er wandte automatisch den Kopf ab und schaute aus dem Fenster.

„Ich sehe, du bleibst bei deinem Vorhaben. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Lass dich von einem einmal gefassten Entschluss nicht abbringen.“

Träumte er, oder war das tatsächlich die Alte von gestern? Aber wer sollte sonst ihr heikles Gespräch aufnehmen wie eine gerade fallengelassene Masche? „Ich hab dir gestern schon gesagt, ich zieh das alleine durch. Ich brauche dich nicht.“

Er stand auf und stürmte aus dem Bus. Eine Haltestelle zu früh, aber besser, als noch länger neben der verrückten Krähenfrau zu sitzen. „Du kannst mich nicht abschütteln, junger Mann“, sagte ihre Stimme neben ihm. Er fing an zu rennen. Sie schwang sich in die Lüfte und begleitete ihn leise krächzend. Um ihn herum waren jetzt einige Studenten, so dass er sich nicht traute, einen Stein nach dem Vogel zu schleudern. Schließlich kamen sie an. Er ging durch das Tor – keiner interessierte sich für ihn. Exzentrik war bei vielen Studierenden ein Markenzeichen. Er musste noch eine Viertelstunde warten, bis alle in ihren Vorlesungen waren. Dann hatte er leichtes Spiel. Er setzte sich auf eine Bank in einem Flur, dessen Räume wegen Renovierung leer standen.

Und sofort saß die Alte wieder neben ihm. „Du bist dir wirklich sicher? Und was, wenn es schiefgeht? Dann wäre alles umsonst. Besser, du nimmst meine Hilfe an.“

„Nein!“, rief er und spürte einen euphorischen Moment lang so etwas wie Hass in sich aufkeimen. „Gut. Du lässt mir keine andere Wahl. Dann gehe ich jetzt ins Sekretariat und warne sie alle.“ Die Alte stand auf und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, den Flur entlang in Richtung Hauptgebäude.

„Das wirst du nicht tun!“, schrie der junge Mann. Er sah plötzlich rot. Wortwörtlich. Er sprang auf. Mit zwei Sätzen war er bei der Alten, legte ihr beide Hände um den Hals und drückte zu. Mit der ganzen Kraft seiner aufgestauten Verzweiflung. Sie sackte in sich zusammen und lag dann gekrümmt auf dem Steinboden. Ein schwarzes, lebloses Häuflein. „Ahhhh“, glaubte er zu hören. Dann Stille.

Und jetzt die anderen, dachte er. Und blieb stehen. Jetzt die anderen! Er blickte auf das reglose Kleiderbündel, das gerade noch mit ihm gesprochen hatte. Mit dem er gesprochen hatte. Zum ersten Mal seit. Ja, seit wann? Die Alte mochte eine Hexe gewesen sein. Aber sie hatte ihm zugehört. Anteil genommen. Ihr war es gelungen, sein Nichtfühlen zu durchbrechen, seinen unbändigen Hass herauszuholen aus einer Tiefe, zu der er den Zugang verloren hatte.  

Aber jetzt war der Hass verflogen. Und wie ein Kater kam die Traurigkeit. Was hätte aus dieser Begegnung werden können? Und wenn diese Begegnung in ihm Totes auferweckt hatte – vielleicht konnte das wieder geschehen? Mit anderen? Mit denen, die er im Begriff war, zu töten?

Er griff nach seinem Rucksack und rannte den Flur entlang, die Treppen hinunter. Hinaus aus dem Gebäude. Durch den Park und das Tor. Er rannte weiter, bis er ans Elbufer kam. Er setzte sich auf die gleiche Bank, auf der er gestern mit der Alten gekauert hatte. War das erst gestern gewesen?

Unwillkürlich schaute er in den Himmel. Keine Rabenkrähe. Natürlich.

Irgendwann ging er nach Hause. Aus dem Copy Shop gegenüber kam ihm eine junge Frau entgegen. „Hey, Maximilian! Ich hab dich ewig nicht gesehen. Ich dachte, du seist weggezogen. Sag mal, hast du Lust auf nen Kaffee, ganz spontan?“ Sie sieht ihn skeptisch an, weiß, dass Spontaneität nicht sein Ding ist. Aber „ja, warum nicht?“, hört er sich sagen. Und nebeneinander gehen sie die Straße entlang. „Schau mal, die Rabenkrähe. Kennst du die? Ich glaube, sie hat dir gerade zugezwinkert“, sagt die junge Frau. Sie meint es ernst. „Ja, wir sind alte Bekannte. Freunde, eigentlich.“ Er meint das genauso ernst.

Das Attentat in Prag hat mich zu diesem MiniKrimi zwar inspiriert, aber meine Geschichte hat nichts damit zu tun. Wie schön wäre es, wenn jeder von uns eine Rabenkrähe hätte. Beinahe besser als ein Schutzengel. Oder?

Adventskalender MiniKrimi am 22. Dezember


So langsam wird es ernst. Der Countdown für Weihnachten geht in die letzte Runde. Und wie könnten wir uns besser einstimmen als mit dem heutigen MiniKrimi meiner wunderbaren Autoren- Kollegin Birgit Schiche? Viel Spaß beim Lesen – und wir freuen uns auf Eure Kommentare!

Criminal Santa

Es war eine der längsten Nächte des Jahres, kurz vor Heiligabend. Sturmböen peitschten ihm den Schneeregen ins Gesicht. Er lief noch schneller durch die kleinen Gassen nahe der Innenstadt. Hinter sich hörte er schnelle Schritte und laute Rufe. Sie waren ihm auf den Fersen. Er schlug Haken wie ein Kaninchen und kroch schließlich unter einen lockeren Stapel mit Sperrmüll, wohl übriggeblieben von einem Umzug. Seine Lunge brannte, sein Herz pumpte. Hoffentlich bemerkten sie ihn nicht.

Janik war es gewohnt, nicht bemerkt zu werden. Seine traurige Kindheit hatte überwiegend in Kinderheimen und betreuten Jugendwohnungen stattgefunden. In der Schule hatte er auch nicht mit guten Noten geglänzt. Dabei war er schlau und ein ausgezeichneter Beobachter. Er hatte gelernt, sich auf dem Weg des geringsten Widerstandes durchs Leben zu mogeln. Leider hatte ihn dieser Weg in die Hände von Bruno geführt. Bruno war mit Drogen wohlhabend und mächtig geworden und glaubte, in Janik einen perfekten Drogenkurier gefunden zu haben – der inzwischen 25-Jährige verstand es schließlich, nicht aufzufallen.

Zuerst lockte Janik die Aussicht auf leicht verdientes Geld, doch dann war der Job keineswegs so bequem, wie er es bevorzugte. Polizei, konkurierende Drogenhändler, durchgeknallte Junkies – er wollte mit dieser Branche nichts mehr zu tun haben. Sein Ausstieg war vorbereitet. In seinem Rucksack befanden sich drei Kilo Koks. Ein letzter Deal, und er würde mit dem Geld abtauchen, das ihm einen Neustart ermöglichen sollte. Seine Art von „weiße Weihnacht“, hohoho. Doch er konnte nicht ewig hier unter dem Sperrmüll hocken. Er musste unsichtbar werden, das war seine Superkraft.

Sein Blick fiel auf einen braunen Kartoffelsack, aus dem ein rotes Stoffknäuel mit weißem Kunstpelz herausschaute. Ein Weihnachtsmannkostüm – perfekt!

Durch den Personaleingang des größten Kaufhauses der Stadt stapfte ein Weihnachtsmann mit einem großen, braunen Sack auf dem Rücken. „Ho, ho, ho!“ rief er fröhlich, der Pförtner lachte und winkte ihn durch. Der Weihnachtsmann stand höchstens unter dem Verdacht, Geschenke zu bringen.

Schon kurze Zeit später stand der Weihnachtsmann in der Spielzeugabteilung, umringt von begeisterten Kindern und deren Eltern. Drogendealer gab es hier keine.

Janik gab einen großartigen Weihnachtsmann ab. Das gefundene Kostüm passte ganz passabel, als dicken Bauch hatte er sich einfach seinen Rucksack mit dem Kokspäckchen unter das Kostüm gestopft. Vor allem aber verstand er es, gute und weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. Er ließ die Kinder kleine Gedichte aufsagen und alle Umstehenden gemeinsam Weihnachtslieder singen – damit kannte er sich Dank seiner Heimkarriere gut aus. Und er verteilte Geschenke, kleine Spiele, Puppen, Stofftiere – alles, was es hier zu kaufen gab. Janik war in Hochform und hatte einen Heidenspaß. Seine gute Stimmung wirkte ansteckend und motivierte die anderen Menschen, diese Dinge auch zu kaufen – besser als jede Werbeaktion. Inzwischen war die ganze Abteilung von Menschen überlaufen. Die Aktion sprach sich herum.

„So einen tollen Weihnachtsmann hatten wir hier noch nie“, tuschelten die Verkäuferinnen begeistert und kamen mit dem Kassieren kaum hinterher. Der Kaufhausdetektiv war allerdings weniger begeistert. Er wusste nichts von einer Weihnachtsmannaktion und bemerkte schnell, dass der nicht bestellte Weihnachtsmann seine Geschenke direkt aus den Regalen des Kaufhauses nahm, natürlich ohne zu bezahlen. Langsam rückte er durch die Menschenmassen näher an Janik heran.

Dieser bemerkte aus dem Augenwinkel den starrenden Blick des Kaufhausdetektivs und einen weiteren Mann in der Menge – einen von Brunos Leuten, der natürlich nicht nach dem auffälligsten, sondern nach dem unauffälligsten Mann suchte. Der Kaufhausdetektiv hatte offenbar auch schon die Polizei alarmiert, denn zwei uniformierte Beamte kamen ebenfalls näher. Es war Zeit für den Rückzug. Er bewegte sich unauffällig Richtung Fahrstuhl, umringt von einer Menschentraube. Dabei stieß er wie zufällig mit dem Drogendealer zusammen und schob dem derart Überrumpelten von der Menschenmenge unbemerkt den Rucksack mit dem Koks zu.

Das Lichtsignal am Fahrstuhl zeigte an, dass dieser gleich hier halten würde. Sobald der Fahrstuhl sich öffnete, machte Janik die Polizei lautstark auf den Drogendealer aufmerksam und sprang selbst in den Fahrstuhl, ohne die alte Dame darin erst aussteigen zu lassen. Er fuhr mit ihr ins Erdgeschoss, schnappte die vor Schreck erstarrte Seniorin, als wollte er sie beim Gehen unterstützen, und verließ mit ihr unbehelligt das Kaufhaus. Im Trubel der Last-Minute-Weihnachtseinkäufer tauchte er unter. Der Kaufhausdetektiv fand später nur noch die verwirrte, aber wohlbehaltene alte Dame.

Das Weihnachtsmannkostüm schenkte Janik einem Obdachlosen, den es wärmte und der so bekleidet die Passanten deutlich stärker zum Spenden animieren konnte. Er selbst wurde unsichtbar und verließ die Stadt. Das Drogengeld musste er nun leider abschreiben. Aber dieser Tag war definitiv das beste Weihnachtserlebnis, das er je gehabt hatte: Die leuchtenden Kinderaugen und all die fröhlichen Menschen, die sich von ihm zum Kauf animieren ließen. Es hatte richtig Spaß gebracht, so im Mittelpunkt zu stehen und die Leute zu lenken! Janik hatte seine neue Superkraft gefunden.

*Dieser Mini Krimi wurde zwar inspiriert von der Geschichte des „King Mob Santa Claus“ 1968 bei Selfridges (London), ist aber ansonsten frei erfunden.
https://libcom.org/article/king-mob-santa-claus-and-selfridges-christmas-1968