Alles auf weiß


Draußen tropft es weiß auf die Welt – und schmilzt zu braungrauen Pfützen auf Straßen und Wegen. Immerhin, für kurze Zeit wird so ein wenig Dreck verdeckt. Nicht nur der Hundekot im Park…..

Weiße Weihnacht. Komisch, wie die Menschen  – hier, zumindest – ihre emotionalen und auch intellektuellen Ansprüche zurückschrauben können, in der Adventszeit. Und ihre Erwartungen dessen, der und was da kommt. Schnee. Geschenke. Schnee und Geschenke. Und sonst nichts. Frieden? Nö. Klappt ja nicht mal interfamiliär. Sonderbar auch, dass sie  offenbar mit sensorischen Scheuklappen ausgestattet sind, die nur partielle Reize durchlassen. Kaufsensoren haben das Regiment übernommen, und das Hirn registriert vor allem Schnäppchen, Kerzen, Zimt- und Vanilledüfte und glänzende Kugeln in allen Variationen. Ich mache da keine Ausnahme. Meine Augen reagieren sogar ganz extrem, gepaart mit meinen Schleimhäuten. Nicht einmal nächtliches Isoptomax aus der Notapotheke vermochte meine Allergie zu dämpfen!

Alles auf weiß heißt nicht alles auf weis(e). Europa droht zu zerbrechen? In einer Zeit, in der längst nur noch drei Machtkontinente prognostiziert waren – hello Mr. Huxley – driften wir in den Nationalismus zurück? Russland wehrt sich schwarz gegen Revolutionen in orange, Jasmin und digital. Putin beschwört James-Bond-Fantasien herauf, Clinton hängt die Haare aus dem Fenster –  doch kommt da ein Rapunzelprinz?

Und England kapituliert vor der eisernen Festlandlady. „Politiker scheinen mehr auszuhalten als Normalos“, kommentierte gestern eine erstaunte und wohl übermüdete Journalistin die nie endende Energie der deutschen Bundeskanzlerin. Macht ist halt eine Droge.

Aber es geht doch um „uns“. „Wir“ sind das Volk. Die Völker. Sie haben es uns vorgemacht, in Tunesien, Ägypten, Lybien (ok ok, fb ist fast wie FBI nur kleingeschrieben, und naklar will der Westen seine Ölquellen erhalten). Aber wir – vergessen die paar Zelter an der Wallstreet und auf Europas Plätzen und wenden uns lieber Wichtigerem zu. Dem Christbaum am Marienplatz, der Flugentenvorbestellung, der besten Strategie zur Herstellung von Weihnachtsplätzchen und der Konservierung von Winterweiß. Weil jeder weiß: Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Ja, passen wir nur auf, dass es nicht der nächste Schlagbaum wird!

SMS-Adventskrimi. 15.Dezember:Eingeschneit!


Es schneit. Seit Stunden rieseln Kristalle leise, sanft und unaufhaltsam aus dem Wolkengrau. Horizont und Himmel sind zu einer blassen Wand verschmolzen, die hohen Gartentannen tragen dicke Pelze aus kaltem Weiß. Sie schaut aus dem Fenster. Die Welt hat ihre Farben verloren. Gelbes Licht tropft aus der Straßenlampe hinterm Zaun, stanzt eine rote Bommelmütze aus dem Einheitsschnee,  der ihren Blick erfüllt. Erst halb fünf. Und kein Mensch ist unterwegs. Eingeschneit. Sie ist allein.

Das Haus ist mäuschenstill. Es hält den Winteratem an, als wäre jeder Ton schon ein Verlust an Wärme. Kein Kinderlachen. Tom bleibt in der Stadt. Die Zwillinge bei Oma. Sie trällert, um die Leere zu zerschneiden. Vertraute Winkel werfen unheimliche Schatten.  Eingeschneit. Sie bleibt allein.

Die Stille flüstert. Knarrt. Etwas fällt um. Im Keller. Sie schaut hinaus. Gelbes Licht tropft aus der Straßenlampe hinterm Zaun, sickert in leeren Schnee auf frische Spuren Richtung Haus. Sie greift zum Telefon. Kein Ton. Eingeschneit. Nicht mehr allein……..