Himmel blau


Der Park ist grasgrün. Die Büsche tragen ein gelb marmoriertes Oliv. Dahinter ragt in stoischer Eigenheim-Ruhe Jahrtausendwend-Architektur regengrau gesträhnt. Der Himmel spannt sich darüber, faltenlos blau, sommersatt glänzend und hitzerund.

Auf dem knirschenden Kies bewegt es sich langbeinig schattenhaft weiß. Dichtes Tuch streift das Gras legt die Gänseblümchen flach. Die Frau zeigt dem Licht nicht die kleinste Fläche gläubiger Haut. Ihr Kopf steckt fest im himmlischen Blau, wie eine allegorische Antwort auf meine sinnlose Frage.

Männer, was zieht ihr uns an?

Einheitspräsident


Fast wäre das gestern der Tag der Deutschen Einheit geworden. Fast. Nach 20 Jahren konsumertränkter Lethargie ging ein Ruck durchs Volk, medial gepuscht. Nicht geputscht. Leider. Und nur der plötzlich einsetzenden „Rationalisierung“ im Denken der ewig-Gestrigen ist es geschuldet, dass der Ruck das Wasserglas zwar stürmisch schüttelte, am Ende aber nichts verschüttet wurde von der ehrenrührigen Flüssigkeit im Wahlverhalten. Um Schadensbegrenzung bemüht lobte die schwarz-gelbe Einigkeit das blasse Produkt der dritten Wahl in die erste Klasse hinauf. Was war geschehen? Da hatte ein Mann aus dem Volk, aus dem Kirchenvolk, sogar, etwas mobilisiert, in uns. Mitten in der empatisch-emotionierten Euphorie zwischen Schland und Torwand traf er mitten hinein. Ins Herz. Stein-erweichend. Und es fielen die Mauern politischer Gleichgültigkeit, und es wären beinahe auch die Aktienkurse gefallen. Undenkbar, ein Oppositionskandidat macht das Rennen? Die politische Stabilitätsgarantie der Banker wäre dahin gewesen. Nun ja, Parteipolitik und Karriereüberlegungen sei dank, es ist nicht so weit gekommen.

Dabei hätte er uns vielleicht gut getan. Hätte vielleicht etwas christlichen Hauch in die Staatsgrandezza gebracht. Eine basisdemokratische Nostalgie, vielleicht. Viel und leicht, vielleicht. Ganz zu schweigen vom Imagegewinn des angeschlagenen Klerus! Nun, unter Umständen bahnt sich da eine ganz neue Elite an, in der zweiten Reihe. Von Käßmann bis Gauck. Aber was ist mit Mixa? Nixda.

Der Leuchtturm


17 Uhr. Die Mittagshitze ist einer vorabendlichen Wärme gewichen, die Parkbäume werfen kühlen Schatten vor sich her. Meine Mutter wird unruhig. „Der Hund muss raus“. Eine Feststellung, keine Frage. Sie bewegt sich in systematischer Ziellosigkeit zwischen Bett und Schreibtisch hin und her. Nimmt hier eine Bluse in die Hand, öffnet dort die Handtasche, kramt ohne zu suchen. Schließlich der Griff zum Haarspray, zwei Striche auf die Lippen. Der Gang ins Bad. „Ständig muss ich zur Toilette. Das war nie so.“ Seit Jahren dieser Satz. Dann nimmt sie ihre Handtasche, sucht nach den Taschentüchern darin. Findet sie nicht. „Hast du Taschentücher? Ich habe keine mehr!“ „Doch, Mama, du hast vorhin ein Päckchen eingesteckt“. „Ach ja? Das bildest du dir ein!“ „Ich hol dir ein neues Päckchen.“ „Nein, schau in die Tasche, hier! Da sind sie! ich wollte dich testen!“ Antwortlos gehe ich in die Küche zurück, zu Pasta, Pesto und Salatvorbereitungen. Oben höre ich sie weiterkramen. Jetzt wird auch der Hund unruhig. Bellt. Sie an. Endlich höre ich sie die Treppen hinuntergehen. Feste kleine Schritte, der Hall auf jeder Stufe wie ein tiefer Abdruck im Stein. „Ich gehe.“ Der Hund bellt wie verrückt und tänzelt vor der Tür. Keine Leine. „Hier, Mama.“ „Nein, das ist nicht die Leine.“ „Doch. Schau!“ „Ach ja, aber DIE habe ich nicht gemeint.“ Ciao. Weiterlesen „Der Leuchtturm“