Adventskalender-MiniKrimi am 10. Dezember

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Des Ruhmes Schattenseite 

Es sollte ihre Sternstunde werden. Seit seiner Pensionierung schauen Renate und Dietmar jeden Abend die Trödelshow, in der Leute wie sie und er ein altes Fundstück, Erbstück, Sammelstück mitbringen, schätzen lassen, einer Händlerreihe anbieten und im besten Fall von dem Erlös in Urlaub fahren. Oder wenigstens das Benzingeld rausbekommen.  „Wollen wir da nicht auch mal hin?“, hat Renate kürzlich Dietmar gefragt. „Wir haben doch so viel Krempel.“

„Was denn, zum Beispiel?“ „Na die alte Porzellanpuppe von deiner Oma. So eine ist grade für 130 Euro weggegangen.“ „Warum nehmen wir nicht was von deiner Familie? Den Jugendstil-Bowlentopf mit dem Medusenkopf, zum Beispiel?“ So ging es ein paar Tage hin und her. Aber schließlich einigten sich Renate und Dietmar auf etwas, das sie gemeinsam angeschafft hatten. Nicht Großes. Und sicher von eher geringem Verkaufswert. Aber das war ihnen egal.

Jetzt stehen sie am Expertentisch und lassen ihren Teppich begutachten. Ein hundert Jahre alter Hereke. „Ein wundervolles Stück“, sagt der Fachmann. „Aber Sie wissen, dass die Händler oben Ihnen nicht das zahlen werden, was er wert ist.“

Das macht nichts. Renate und Dietmar sind nicht wegen des Teppichs hier. Also nicht wirklich. Ihr Freundin Elke nimmt die Sendung auf. Der halbe Ort sitzt im Gasthof und schaut ihnen zu. Und mit ihnen fast drei Millionen Zuschauer im deutschsprachigen Raum. Die beiden sind gut vorbereitet. Und glaubhaft. Der Teppich passt nicht mehr zur Einrichtung. Sie haben sich umorientiert. Von antik auf futuristisch. Designermöbel und moderne Kunst. Eine schöne Sammlung. Der Läufer stört leider, und bevor sie ihn verschenken….. also für ein nettes Mittagessen wird der Erlös sicher reichen, scherzt Dietmar. Und bekommt die Händlerkarte.

Sie erklimmen die legendäre Treppe zum Händlerraum. Sie stehen vor dem Tisch, schauen in die freundlich lächelnden Gesichter. Sie hören kaum, was die Händler sagen. Es ist ja auch nicht wichtig. Also nicht wirklich. Das ist ihre Sternstunde. Sie genießen sie in vollen Zügen.  Auch im Auto lassen sie jeden Moment ihres Auftritts wieder und wieder aufleben. Ganz Deutschland hat sie gesehen.

Das stimmt natürlich nicht ganz. Aber als Renate und Dietmar zuhause ankommen, schreiten sie tatsächlich über einen roten Teppich durch die weit offen stehende Tür. Ihnen bleibt weder die Zeit, sich darüber und auch über den Transporter im Vorgarten zu wundern, noch dem Golfschläger auszuweichen, mit dem zwei schwarz gekleidete Gestalten sie zu Boden strecken.

Unter mehreren Millionen Zuschauern befinden sich eben auch ein paar medial versierte Einbrecher.

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