Adventskalender MiniKrimi vom 18. Dezember 2018

Die Falle (LH/MB)

Jolie verkroch sich tiefer in ihren Strickpulli. Gelb, braun und blau, die Farben ihrer Heimat. Wenn ihr jemand gesagt hätte, wie kalt es im Dezember in Deutschland werden würde, hätte sie ihren Eltern vielleicht widersprochen,, als sie sie zum Studieren nach München schicken wollten. Vielleicht aber auch nicht. In Somalia war das Wort der Eltern Gesetz. Zumindest in diesen Kreisen.

Jolie, die Hübsche. Jetzt nicht mehr so hübsch, mit Sorgenfalten auf der Stirn und Gänsehaut am Körper. Sie schob beide Hände unter den Pulli und spürte die Sonne Afrikas auf der Haut. Sie schloss die Augen und sah dieses Licht, roch die Farben, hörte die Stimme ihrer Mutter. „Jolie, ein paar Semester in Deutschland werden Dir gut tun. Dann kannst Du frei wählen, wo Du leben und arbeiten willst. In einer Klinik in Europa, in Amerika oder hier in unserem Krankenhaus.“ Jolies Eltern, beide Ärzte, hatten das genauso gemacht, damals.  Waren von ihren Eltern nach München geschickt worden – und hatten sich dort kennen und lieben gelernt. Jetzt sollte Jolie dorthin. Eliteuniversität – und vor allem eine sichere Stadt.

Bevor Jolie noch tiefer in ihren sehnsuchtsvollen Tagtraum abgleiten konnte, in die Wärme und Geborgenheit ihrer Heimat, wurde sie von der Stimme des Professors in die Realität zurück geholt. Prof.  Meierling war eine echte Koryphäe auf dem Gebiet der experimentellen Hirnforschung. Er hatte durchgesetzt,  dass in München im Fachbereich Medizin interdisziplinäre Vorlesungen eingeführt worden waren. Sehr zum Leidwesen der konservativen Kollegen,  für die Meierling ein esoterischer Spinner war. Der Thema des heutigen Vortrages war  „Haltung versus Ansicht.“ Es ging um den Unterschied zwischen Ansichten und Haltungen in der modernen Gesellschaft. Prof.  Dr. Meierling vertrat die gewagte These, dass Ansichten im Laufe des Lebens erworben wurden und damit veränderbar seien.  Haltungen dagegen seien das Ergebnis von Erfahrungen,  welche irreversibel in den Köpfen der Menschen verankert waren.  Diese konnten, seiner Meinung nach, Generationen zurück liegen .

Gabriele stand missmutig am Fenster ihrer Wohnung im zweiten Stock der Minervastr  89a.  23 Uhr, – und da kam sie wieder.  Diese Schwarze,  wahrscheinlich so ein Flüchtling aus Afrika,  die seit ein paar Wochen eine der Apparthotel-Einheiten bewohnte. Die waren eigentlich für so genannte  Young Professionals gedacht, oder ausländische Studenten aus reichem Elternhaus.  Und nun das. Wohnungsnot hin oder her. Dass das Sozialamt es wagte,  hier für teueres Geld einen Flüchtling einzuquartieren. Mit Sicherheit kam die gerade aus einer Bar, in der sie sich an deutsche Männer ran machte. Oder vom Schichtdienst beim Müllsortieren. Schon Gabrieles Vater hatte ihr eingebläut,  dass die Ausländer an allem Schuld seien und uns eines Tages alles wegnehmen würden, wenn man ihnen keinen Einhalt gebieten würde. Verstanden hatte Gabriele das nicht.  Prof.Dr. Meierling wäre begeistert gewesen.

Dann fasste Gabriele einen Entschluss. In den letzten Tagen hatte der Frost die Stadt in festem Griff gehabt.   Am nächsten Abend,  um 22 Uhr, trat sie, mit einem Eimer Wasser bewaffnet,  den Eingangsbereich der Minervastr.  Um 23 Uhr würde die Schwarze wieder in die Minervastraße kommen, wo sie nicht hingehörte. Und dann würde sie das Ende erwarten, das sie verdiente.

Gabriele ging in die Küche, um sich noch einen Glühwein einzuschenken. Als Belohnung für ihre gute Tat. Der Topf war leer. Sie holte eine neue Flasche, versuchte, sie aufzuschrauben. Irgendwie klemmte der Deckel. Sie griff fester zu – und die Flasche landete auf dem Boden. Sauerei! Gabriele wischte die klebrige Flüssigkeit auf, so gut es ging. Sammelte die Scherben ein. Das Zeug stank erbärmlich. Gabriele wurde schlecht. Luft! Sie nahm die Mülltüte und gibt raus zu den Tonnen. Und rutschte auf der spiegelglatten Fläche aus,  die sich auf  den Marmorstufen der Minervastr gebildet hatte. Knallte mit dem Hinterkopf auf den Marmor und war sofort tot.  Die Falle hatte funktioniert.

Als Jolie kurz vor Mitternacht aus der Unibibliothek nach Hause kam, wo sie sich auf die morgige Vorlesung von Prof. Meierling vorbereitet hatte, fand sie eine fremde Frau tot auf dem Weg vor dem Eingang. Sie konnte ihr nicht mehr helfen. Aber nach diesem Erlebnis wusste Jolie, dass sie in München bis zu Ende studieren würde. Sie würde Ärztin werden.

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