Adventskalender MiniKrimi am 1. Dezember


Ein cooler Job

„Danke, Herr von Maltitz.“

„So, jetzt hol dir nen Cappuccino und richte dich erstmal ganz in Ruhe ein. Morgen besprechen wir dann deine Aufgaben genauer. Du kannst heute auch gerne nen Tick früher gehen.“

„Ach, noch was, Selina. Wir duzen uns hier alle. Im Sinn von flachen Hierarchien und so. Das ist doch ok für dich? Ich bin Maximilian.“

Selina nickt und merkt, dass sie rot wird. Wie ärgerlich! Jetzt weiß Herr von Maltitz, nein, Maximilian, dass sie ihn cool findet. Sehr cool sogar. Eigentlich hat sie den Job vor allem wegen ihm angenommen. Er kommt so nett rüber, total unaufgeregt und nicht so angeberisch wie viele andere junge Unternehmertypen. Da war es ihr dann auch egal, dass sie beim Vorstellungsgespräch nicht so richtig verstanden hat, was sie bei Artemis Bauen und Leben eigentlich tun sollte.

Aber spätestens morgen wird sie alles erfahren. Sie klappt das Notebook auf. Der Firmenschriftzug schwingt sich elegant über eine Landschaft aus Säulen vor tiefblauem Meer. Sieht jetzt nicht so aus wie Selinas Traum vom Wohnen, sie mag es lieber zentral, mit Shoppingmeilen und Kneipen gleich um die Ecke. Selina lässt ihre 5 cm langen pinken Nägel über die Tastatur gleiten. Oh. Kein Passwortschutz. Schon ist sie mittendrin im Firmenlaufwerk. Verstohlen klickt sie mal hierhin, mal dahin. Ordner mit komplizierten Namen: Parthenon, Villa Maxima, Maison Soleil. Alle leer. Sie zieht die Schubladen im Rollboy auf: leer. Sie starrt 10 Minuten auf das hochmoderne Telefon, das einsam neben dem Notebook steht. Es schweigt sie an. Selina beschließt, zu gehen.

Auf dem Flur schaut sie scheu in Maximilians Büro. Ihr neuer Chef steht am Fenster und telefoniert mit dem Handy. „Alles bingo, Bastian. Die ist perfekt. Glaub mir!“

Am nächsten Tag lernt Selina ihre Kolleginnen und Kollegen kennen. Insgesamt 4 an der Zahl, drei so neu wie sie.  Und Maximilian hat eine Aufgabe für sie: Büromaterial bestellen. Danach soll sie einkaufen gehen, Kaffee und Schokolade. „Nimm Bonny mit, sei so lieb“, ruft Maximilian ihr zu. Selina schluckt. Als Kind ist sie im Dorf ihrer Großeltern von einem großen schwarzen Hund gebissen worden. Das war ihre einzige Erfahrung mit Tieren. Aber Maximilian steht schon vor ihr, den gelockten Labradoodle neben sich, und streckt ihr die Leine entgegen.

Nach 8,5 Stunden Arbeitzeit hat sie ihren Rollboy mit Bleistiften, Büroklammern und Eddings bestückt, einen Kundentermin zur Baustellenbesichtigung für ihren Chef ausgemacht und am Nachmittag nochmal den Hund ausgeführt. Zum Glück ist Bonny ein ganz Süßer. „Wird schon,“ denkt sie sich.

Als Selina nach der ersten Arbeitswoche immer noch nicht mehr zu tun hat als Büromaterial zu bestellen (wofür?, die Kolleginnen und Kollegen sitzen auch bloß untätig an ihren Schreibtischen) gelegentlich Termine für Maximilian auszumachen und dreimal am Tag mit dem Hund Gassi zu gehen, wundert sie sie.

„Ey, was hast du? Du kriegst satt Kohle fürs Nichtstun. Worüber beschwerst du dich eigentlich?“, fragt ihr Freund. Selina hat darauf keine Antwort. Es stimmt, eigentlich sollte sie froh sein. Stattdessen ist ihr der neue Job unheimlich. Sogar sich jeden Tag im Büro die Nägel anders zu lackieren wird nach kurzer Zeit langweilig. Die Kolleginnen und Kollegen sind alle supernett. Komisch nur, dass die meisten von ihnen sich weder darüber wundern noch beschweren, dass sie während der Arbeitszeit meist untätig herumsitzen. Nur Bastian, der Einzige, der schon länger da ist, „arbeitet“. Er fährt mit Maximilian durch die Gegend, auf verschiedene Baustellen oder zu Kund*innen, und oft telefoniert er hinter verschlossener Bürotür.

Nach einem Monat bekommt Selina endlich eine richtige Aufgabe. Sie muss Flugtickets für Maximilian und Bastian bestellen. Es geht um die Besichtigung eines neuen Projektes in der DomRep. Am Morgen des Abflugs ein Anruf von Maximilian: Er hat seinen Diplomatenkoffer im Büro liegenlassen. Selina soll ihn zum Flughafen bringen. Was bitte ist ein Diplomatenkoffer? Schließlich findet sie ihn. Es ist schon kurz vor knapp, Maximilian ist schon auf dem Rollfeld. Ein Flughafenmitarbeiter in greller Warnweste passt sie auf dem Weg in die Halle ab, nimmt ihr den blauen Koffer aus der Hand, steckt ihn in eine neutrale Pastiktüte und verschwindet. Wie vereinbart schickt sie Maximilian eine Whatapps: Ok.

Zurück im Büro trifft Selina der Schlag: Die Räume sind verwaist. Keiner da. Die Schreibtische blank, die Rollboys leer. Nur der Hund sitzt verlassen auf seinem Kissen. Die Tür wird aufgerissen, Menschen in Uniform stürmen den Raum. „Polizei. Wo ist Herr von Maltitz?“ „Im Flieger in die DomRep“, stottert Selina. „Was……?“ „Er hat zwei Millionen Euro veruntreut. Von ahnungslosen alten Leuten. Wo ist das Geld?“

Da fällt es Selina wie Schuppen von den Augen. Maximilian hat sie benutzt, um das Geld an der Security vorbei in den Flieger zu schmuggeln. Und jetzt wird die Polizei sie als Mitwisserin verhaften. Sie wird den Leuten das Geld zurückzahlen müssen. Sie, Selina A. Wie soll sie das machen? Selina sinkt neben Bonny auf den Boden und schlägt die Hände vors Gesicht.

Wie durch einen Schleier sieht sie die Polizisten das Büro durchsuchen. „Hey, schau mal, der Diplomatenkoffer. Mach mal auf!“ Selina klimpert hektisch mit ihren künstlichen Wimpern.  „Aber, aber…“, flüstert sie.

Währenddessen hat Maximilian dem Vorfeldmitarbeiter die Tüte abgenommen und ihm diskret zwei zusammengerollte 500 Euro Scheine in die Handfläche geschoben. Auf seinem Platz zieht er die Plastiktüte ab. Und erstarrt. Sekunden später schreit er in sein Handy: „Bastian! Die dumme Kuh hat alles versaut! Aber du wolltest ja unbedingt ein dummes Ding! Verdammt!“ Er wirft das Handy auf den Boden und starrt mit wutverzerrtem, kreidebleichem Gesicht auf den blauen Kosmetikkoffer, den seine Ex bei ihm im Büro hinterlassen hatte.

Selina erhält für ihr umsichtiges Vereiteln einer Straftat von den Geschädigten der Firma Artemis Bauen und Leben eine großzügige Belohnung. „Wenn das Geld alle ist, geh ich lieber wieder inner Drogerie arbeiten“, sagt sie ihrem Freund.  „Aber nur halbtags, wegen Bonny.“

  1. supercallifragialistc expiallidocis!!!
    aus Mary Poppins ( so ähnlich!)
    Tolle Idee! Es leben die Schlichten und Arglosen und wenn dann noch ein süsser Hund dabei ist ——simply perfect !!!!

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