MiniKrimi Adventskalender am 3. Dezember


Toxischer Advent

Wenn Mias Stimmung wetterabhängig wäre, hätte sie sich heute gleich nach dem Aufstehen und dem ersten Blick aus dem Fenster wieder unter die Bettdecke verkrochen und den Tag damit verbracht, Netflix zu durchstöbern.

Aber so ist sie nicht. Sie kann jedem Wetter etwas abgewinnen. Nicht umsonst hat sie jahrzehntelang das Credo ihrer Mutter angehört. „Change it, leave it or love it.“ Tiefe Nebelbänke über den Wiesen? Feuchtbraune Blätterhaufen am Straßenrand? Klumpige Wegfurchen, in denen sie mit ihren Profilsohlen zentimetertief einsinkt? Glänzendgraue Straßen, auf denen sich die Lichter spiegeln, noch um 10 Uhr morgens?

Das ideale Wetter für ein freundschaftliches Gespräch mit Finn. Das hat sie ohnehin schon viel zu lange vor sich hergeschoben. Wahrscheinlich denkt er, sie leide unter der Trennung. Vielleicht glaubt er sogar, sie fühle sich verlassen? Oder, die schlimmste Möglichkeit – und gleichzeitig die Finn-typischste: Er liest ihre bisherige Zurückhaltung als Schuldeingeständnis. In seinen Augen, in seinem Denken, nein, in seiner Überzeugung hat er schließlich nur die Reißleine gezogen und sich aus einer toxischen Beziehung gerettet, in der er jeden Tag bevormundet und gedemütigt wurde.

Finn, also. Meinst du wirklich, dass du dafür schon bereit bist?, fragt ihre Katze Nestor mit kritischem Blick. Bist du komplett über alles hinweg? Die Ohrfeige? Der zerstörte Laptop? Der Fake-Anruf bei deinem Chef, der dich den Job gekostet hat? Ja, alles verarbeitet? Und dass Finn jetzt mit Anja zusammenlebt, ihrer – ehemaligen – besten Freundin? Mit der er ein Kind erwartet (während Mia mit ihm nur eine Katze haben durfte)?

Alles vorbei. Nicht vergessen, nein. Aber von gestern, halt. Und zwar sowas von. Toxisch. Ja, Das war sie wohl gewesen, diese große Liebe. Gift für sie und ihr Selbstwertgefühl. Seit der Trennung geht es ihr viel besser. Und das will sie Finn unbedingt zeigen. Ein Blick in den Spiegel: Kastanienbraune Locken fallen lang über die Schultern. Die Augen leuchten. Brauen, Wimpern, Lippen – alles perfekt. Beim allerersten Blick wird er erkennen, wie GUT es ihr geht. Nein, sie will ihm nichts beweisen. Und natürlich will sie ihn auch nicht verführen. Im Gegenteil: sie will ihm und Anja jede Spur von schlechtem Gewissen nehmen. Sie sollen nicht denken, dass sie ihr Glück zu dritt auf Mias Kosten genießen.

Siehst du, das wäre dann ja wohl geklärt, sagt sie und schaut Nestor triumphierend an. Nun muss nur noch das Treffen arrangiert werden. Der Impuls dazu muss natürlich von Finn ausgehen. Aber das ist kein Problem. Sie kennt diesen Mann in- und auswendig. Viel besser, als Anja ihn je kennen wird.

Mia aktivert bei ihrem Smartphone die Rufnummer-Unterdrückung. Dann lässt sie es bei Finn genau dreimal klingeln. Sie weiß, er kann es nicht ertragen, einen Anruf verpasst zu haben. Und wenn er nicht weiß, wer ihn angerufen hat, wird er solange recherchieren, bis er eine Antwort hat.

Tatsächlich dauert es keine 10 Minuten, bis Finn sich bei ihr meldet. „Hast du mich gerade angerufen? Warum ist deine Rufnummer unterdrückt?“ „Das ist sie nicht! Das hab ich noch nie gemacht. Und nein, ich habe dich nicht angerufen. Ich bin gerade auf dem Sprung und wollte zum Weihnachtsmarkt in der Blutenburg.“

„Du hast NICHT angerufen…. Hm.“ Finn kann es nicht ertragen, sich zu irren. „Naja, egal. Ist doch schön, dass wir uns jetzt sprechen! Wir wollten uns doch schon so lange treffen. Hey – was hältst du davon, wenn wir zusammen zur Blutenburg gehen? Wie in alten Zeiten? (Er lacht, und vor Mias Augen schlendern zwei eng umschlungene Gestalten durch den mittelalterlichen Burghof. Probieren Ringe an, essen Waffeln, trinken Glühwein und Punsch. Ja, es gab auch schöne Momente. Aber die wiegen die Schmach nicht auf. Vorbei ist vorbei).

„Ehm…..“ Mia zögert. „Najaaa – und was ist mit Anja?“

„Die ist heute bei ihrer Mutter.“ Ach so. Klar. Finn hat Ausgang. Wer weiß, wie oft er sich so verhalten hat, als wir noch zusammen waren?, fragt Mia sich. Und mit wem er sich getroffen hat? Außer mit Anja?

„Ok. Aber ich wollte gerade losgehen. Ist dir das nicht zu knapp?“

„Nein, das passt prima. Ich bin in ner Viertelstunde am Parkplatz an der Würm. Dann können wir gemütlich am Bach entlanglaufen.“

Gemütlich? Ja! Mit warmen Uggs, dem langen grauen Dauenmantel, rotem Schal und roten Lederhandschuhen, die Locken durch die nebelfeuchte Luft wie mit Diamanten bestreut, die braunen Augen verführerisch geschminkt, ist Maja in Bestform für einen Adventsspaziergang an der romantischen Würm. Finn schaut sie lange an, dann schließt er sie spontan in die Arme. „Du siehst toll aus!“ Große Tropfen hängen an den braunkahlen Zweigen, als hätten sich die Bäume für sie beide geschmückt. Der Bach murmelt und raunt. Am Horzont leckt zartes Abendrot an fransigen Wolken. Und über die Dächer der Kirche und der alten Bauernhäuser schwingt sich ein Weihnachtslied.

„So schön!“, flüstert Mia. Und Finn berührt ihre Wange mit einem sanften Kuss. Dann erzählt er ihr von seinem neuen Leben. Anja hat die Wohnung ausgesucht, die Möbel und das Kinderzimmer. Das Baby wächst und gedeiht – Finn ist sich sicher, es ist ein Junge.

„Da hat sich ja alles verändert, in deinem Leben“, sagt Mia. „Ja,“ sagt Finn. „Manchmal ist mir das richtig unheimlich. Manchmal denke ich, wir zwei….“

„Zu spät“, lacht Mia. „Und außerdem: meinst du, ich hätte weitermachen wollen?“

Finn lacht. Na klar, sagt sein Blick.

Die Blutenburg ist voller Menschen. Alle wollen endlich wieder den Trubel genießen. Die Luft schwirrt von Stimmen und Trompeten, es duftet nach Waffeln, Bratwurst und Gewürzen. Mia und Finn schieben sich durch die Massen. „Ich hol uns einen Glühwein“, sagt Mia. „Für mich nur einen Punsch. Du weißt doch…“ „Hey – ich kenne dich doch! Du, mir ist hier mit den vielen Leuten total warm. Hälst du mal meinen Mantel und den Schal?“

Nach einer Weile drückt Mia Finn einen Becher in die Hand. „Der Punsch ist mega lecker, schmeckt wie Glühwein, probier mal!“ Finn trinkt und lächelt. Mia lächelt zurück. Als er zu husten beginnt, nimmt sie ihn besorgt am Arm und lotst ihn in eine ruhige Ecke. Da ringt er schon nach Luft, aber Mia küsst ihn, und die Umstehenden schöpfen keinen Verdacht. Ees sit sehr schnell vorbei.

Mia lässt FInn zu Boden sinken, versteckt, hinter einer Säule. SIe drückt ihm den Becher in die Hand, schlüpft in den Mantel, wickelt den Schal fest um den Kopf und geht langsam und genießerisch an den bunten Ständen vorbei. Unerkannt und unbekannt.

Am Ausgang hört sie Rufe: „Krankenwagen! Notarzt! Schnell!“ Sie bleibt nicht stehen. Toxische Beziehungen verdienen ein toxisches Ende.

„Er hat es selbst so gewollt. Warum musste er mir von Anja und dem Baby erzählen? Wie dumm von ihm. Er musste doch wissen, dass ich über seine schlimme Sulfitallergie Bescheid weiß. Und darüber, dass er immer sein Spray vergisst. Ich konnte nicht anders, ich musste ihm Glühwein statt Punsch holen. Das verstehst du doch, Nestor?“

Aber die Katze dreht sich von Mia weg und starrt stumm aus dem Fenster. Gottseidank hat sie keine Allergien.

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