MiniKrimi Adventskalender am 11. Dezember


Der Alte

“Vater, das ist dein neuer Pfleger. Mikhail, das ist mein Vater. Ich bin sicher, Ihr werdet euch gut verstehen. Lernt euch in aller Ruhe kennen. Ich muss dann mal wieder los. Hab gleich noch einen Termin.”

Harald ist Anwalt. Seine Kanzlei läuft gut. Zu gut, denkt er manchmal, denn vor lauter Arbeit hat er kaum Zeit, das verdiente Geld auszugeben. Und dann ist da noch sein Vater. Über 90, mit den altersentsprechenden gesundheitlichen Problemen, aber offenbar noch nicht bereit, in absehbarer Zeit den Löffel abzugeben. Sehr zu Haralds Leidwesen. Es geht ihm nicht mal um das Erbe, obwohl, nach der ersten Million ist jede weitere mehr als willkommen. Es ist vielmehr die Zeit, die sein Vater ihn kostet.

Eine 24-Stunden-Pflege ist nämlich nicht das, was der Name verspricht. Zweimal die Woche muss Harald nach seinem Vater schauen und dableiben, während die Pflegekraft ausgeht, frische Luft schnappt, einkauft oder wer weiß was tut. Und einmal die Woche hat sie auch noch einen ganzen Tag frei. Harald hat nichts gegen seinen Vater – aber er hat auch nicht mehr besonders viel für ihn übrig. Ein alter Mann, der sein Leben gelebt hat und eigentlich reif zum Abtreten wäre.

Als Anwalt ist Harald viel zu vorsichtig, um zu versuchen, da irgend etwas zu beschleunigen. Aber als er den neuen Pfleger am Bahnhof abholt, beschleicht ihn ein seltsames Gefühl, so etwas wie eine erwartungsvolle Unruhe. Vielleicht ist diese Begegnung ja schicksalhaft?

Harald zeigt Mikhail die Wohnung, sein Zimmer, Küche, Bäder, erklärt ihm, wie die Heizung funktioniert und dass sein Vater gerne am Gasherd spielt. „Ich weiß, ich hätte ihm längst ein modernes Modell hinstellen sollen. Aber mit einem Induktionsherd kommt der Alte nicht zurecht. Eigentlich darf er sich gar nichts mehr zu essen machen. Kann er auch nicht. Aber manchmal, wenn er alleine ist, oder nachts – versucht er es trotzdem. Da kann theoretisch auch mal was schiefgehen…“

Ja, und das ist da noch die Sturzgefahr. Der Vater bewegt sich zwar normalerweise mit seinem Rollator durch die Wohnung. Aber er wird immer wieder von unerklärlichen Schwindelanfällen geplagt. Und wenn er dann stürzt, und es ist niemand da, der ihm aufhilft… Oder es passiert mitten in der Nacht. Mikhail hat hoffentlich einen leichten Schlaf? Andererseits… er muss ja auch mal zur Ruhe kommen.

„Ich habe ein gutes Gefühl mit Ihnen“, sagt Harald und drückt Mikhail zum Abschied einen 50-Euro-Schein in die Hand.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Harald. Ihr Papa ist bei mir in besten Händen.“

Na, hoffentlich meint er das so, wie ich mir das wünsche, denkt Harald.

Die nächsten Wochen verlaufen ausgesprochen friedlich. Mikhail und Friedrich, Haralds Vater, scheinen gut miteinander auszukommen. Zu gut, beinahe. Der Alte ist bei den Besuchen seines Sohnes zwar nicht immer wie aus dem Ei gepellt, er hat schon mal einen Dreitagebart und Flecken auf dem Hemd. Und aus den Pizzakartons im Müll schließt sein Sohn, dass Mikhail sich in der Küche gerne von Lieferando aushelfen lässt. Aber Friedrich ist erstaunlich gut gelaunt: „Stell dir vor, gestern haben Mikhail und ich Schach gespielt.“ „Und wer hat gewonnen?“ „Ich natürlich.“

Eines Abends klingelt das Telefon. Harald sitzt gerade mit einem Klienten beim Essen. Rein geschäftlich, aber er verbindet das Angenehme gerne mit dem Nützlichen, und auf dem Aktienmarkt braut sich gerade etwas zusammen, das er in den Griff kriegen muss. „Hallo Herr Harald, Entschuldigung für die Störung. Aber Ihr Papa ist soeben gestürzt. Soll ich Krankenwagen rufen?“ „Was? Ach je. Hm, also, ich kann gerade nicht. Atmet er denn? Und ist ansprechbar? Ja? Dann warten wir einfach ab. Wenn es ihm morgen Früh schlechter geht, bringe ich ihn ins Krankenhaus.“

„Wie Sie wollen, Herr Harald. Gute Nacht.“

Am nächsten Tag hat Friedrich zwar einige blaue Flecke, und der Arm tut weh. Aber Harald ist nicht der Meinung, dass man da etwas unternehmen muss. „Das wird schon wieder“, sagt er. Und fügt in Gedanken hinzu: oder auch nicht. Als er gehen will, nimmt Mikhail ihn beiseite. Er muss etwas mit ihm besprechen: Seine Frau hat heute Morgen angerufen. Sie lebt mit den drei Kindern – ein viertes ist unterwegs – in einem Haus am Stadtrand von Bukarest. Dort ist es inzwischen bitterkalt. Und jetzt ist die Heizung ausgefallen. Aber die Frau hat kein Geld, um sie reparieren zu lassen. Wenn es schnell gehen soll, muss man eine großzügige Summe drauflegen, damit der Handwerker tatsächlich kommt. „Ich dachte, vielleicht können Sie mir etwas leihen. 5000 Euro?“

Harald ist entsetzt. Er ist untröstlich. Aber soviel Geld hat er gerade nicht flüssig. Schrecklich. Aber er hat einen Klienten, der hat eine Firma in Bukarest. Soll er den mal fragen, ob er jemanden kennt, der jemanden kennt….?“

„Schon gut, Herr Harald. Aber danke sehr. Wir finden eine andere Lösung.“

Schon im Gehen dreht Harald sich noch einmal um: „Wissen Sie, wenn meinem Vater plötzlich etwas zustoßen würde – also, ich würde Sie hier nicht festhalten. Sie könnten gleich nach Hause fahren. Und ich würde Ihnen auf alle Fälle den Lohn für den ganzen Monat zahlen, und auch für den nächsten, bis Sie was Neues gefunden haben.“

Er lächelt Mikhail an. Und der lächelt zurück.

Zwei Tage später stürzt Friedrich erneut. Diesmal allerdings im Beisein von Harald. Mikhail ist gerade in Friedrlichs Auftrag Zigaretten holen gegangen. Als er zurückkommt, kauert Friedrich auf dem Sofa. Er scheint niemanden zu erkennen. Harald sitzt im Fernsehsessel und raucht. „Das sieht nicht gut aus, Herr Harald. Haben Sie schon Doktor gerufen?“ „Äh, nein, das wollte ich gerade machen.“

Kurze Zeit später wird Friedrich vom Hausarzt untersucht. Er diagnostiziert einen Oberarmbruch und will den Krankenwagen rufen. „Nein, nein,“ wehrt Harald ab. “Ich fahre meinen Vater selbst hin. Das ist doch das mindeste, was ich tun kann!“

Friedrich wird noch am selben Abend operiert. Und ist am nächsten Tag schon wieder auf Station. Das berichtet Harald Mikhail. „Aber sie können ruhig heimfahren. Brauchen Sie Geld? Mein Vater bleibt sicher noch eine Weile im Krankenhaus. Und wer weiß, was danach kommt.“

Aber Mikhail will noch nicht abreisen. Weil Harald ihm keine Auskunft gibt, fragt er sich solange durch, bis er Friedrich findet. Er liegt im Bett, den Arm verbunden, ganz blass und klein. Aber seine Augen schillern. „Stell dir vor, Harald war bei mir. Er wollte wissen, wo ich meine EC-Karte habe. Ich habe gesagt, dass ich mich nicht erinnere. Aber hier ist sie. Wofür braucht er die? Oder will er nur nicht, dass ich an Geld rankomme? Und heute Morgen hat der Arzt bei der Visite gesagt, dass es das beste für mich wäre, wenn ich erst mal in Kurzzeitpflege käme. Er kennt da angeblich ein nettes Haus an der österreichischen Grenze. Er ist übrigens ein Bekannter meines Sohnes. Mikhail – ich traue der Sache nicht. Ich habe Angst.“

Der Pfleger schaut den alten Mann lange an. Er kennt ihn kaum. Was geht es ihn an? Wenn er jetzt zu Harald geht und sagt, ok, ich reise ab, gib mir meinen Lohn für zwei Monate und das Geld für die Reise, und ich werde mich an nichts erinnern, falls ich mal gefragt werde. Was dann?

Da spürt er eine alte Hand, die sich über die seine legt.

„Komm, Friedrich. Zieh dich an. Wir gehen“, sagt Mikhail.

Später weiß niemand, wie Haralds Vater aus dem Krankenhaus verschwunden ist. Allerdings fehlt auf Station ein Rollstuhl.

Als Harald bei der Bank seines Vaters das Konto auflösen will, wird ihm mitgeteilt, dass Friedrich am Vortag praktisch die ganze Summe – 100 Tausend Euro – abgehoben hat. Der Herr ist voll geschäftsfähig, hat keinen Betreuer und ist immerhin seit 50 Jahren Kunde dieser Bank. Alles in Ordnung, also.

Alles in Ordnung? Harald geht zur Polizei. Nein, er kann seinen Vater nicht als vermisst melden. Der Herr ist volljährig und offenbar noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.

Nach zwei Wochen erhält Harald eine E-Mail. Von friedrich.gruen@gmail.com.

Darin steht, dass er nach Bukarest umgezogen ist und bei Mikhail und seiner Familie lebt. Es geht ihm gut, und die Kinder freuen sich über den neuen Opa, weil der alte schon vor ein paar Jahren gestorben ist.

Und dann noch ein P.S.: Solltest du in finanziellen Schwierigkeiten stecken, verkauf doch einfach die Wohnung. Die habe ich dir ja bereits überschrieben. Ich wünsche dir alles Gute. Du brauchst mich nicht zu besuchen. Aber wenn du kommst, freuen wir uns. Die Heizung funktioniert auch wieder.

Viele Grüße, dein Vater.

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