Adventskalender Minikrimi am 9. Dezember


Weil ich ihn so mag, und weil es schon ein paar Jahre her ist – hier ist ein Comeback aus dem Jahr 2018.

Der Tausch

Frank hatte sie sein ganzes Leben lang um sich gehabt. Als Kind. als Jugendlicher, und auch als Erwachsener. Bis auf ein kurzes Intermezzo an der Akademie der Bildenden Künste in Wien war er immer für seine Mutter da gewesen. Nachdem der Vater gestorben war, erwartete sie von ihm ganz selbstverständlich, dass er seinen Platz einnehmen würde. Und das hatte Frank getan,  ebenso selbstverständlich. Geld war genug da. Frank musste sich nur um seine Mutter kümmern, einmal am Tag kochen, jeden zweiten Tag eine Spritztour mit ihrem Sportwagen ins Blaue Land, einmal im Monat in den Zoo und am Sonntag essen gehen, mal im Bayerischen Hof, mal bei Schuhbeck. Die restliche Zeit verbrachte Frank damit, zu malen oder mit Freunden auszugehen. Aber nie nach Mitternacht, damit seine Mutter sich keine Sorgen zu machen brauchte. Sie wurde im Alter immer ängstlicher. Deshalb waren sie aus dem Haus in eine Wohnung in der Minervastraße gezogen.

Und dann starb seine Mutter. Ihr Tod kam weder plötzlich noch unerwartet, sie war weit über neunzig und inzwischen schon so dement, dass sie sich nicht mehr alleine zurechtfand. Aber Frank hatte insgeheim angenommen, dass sie ewig leben würde. Irgendwie.

Seitdem ertappte sich Frank dabei, ältere Damen zu beobachten. Im Sommer beim Spaziergang im Tierpark, in den er eigentlich nicht mehr hätte gehen müssen. 

Im Supermarkt um die Ecke, vor dem Regal mit den Keksen. Die alte Dame mit dem Kamelhaarmantel sah so aus, als könne sie genau die Sorte nicht finden, die sie am liebsten mochte. Frank blieb neben ihr stehen, beobachtete sie. Sie sah ein bisschen so aus wie seine Mutter, und er wollte ihr helfen. Aber da griff sie zielsicher nach dem Shortbread und legt es in den Einkaufswagen.

Vor dem Schaufenster des großen Kaufhauses am Marienplatz. Diese alte Dame trug die Haare so kurz wie seine Mutter, die Lippen waren kräftig rot geschminkt – mit ungenauen Konturen, die Nägel rot und die Schuhe spitz. Unschlüssig tippelte sie von einem Fenster zum andern. Die Hüte oder die Röcke? Die Röcke oder die Hüte? Er näherte sich ihr, vorsichtig. „Möchten Sie einen anprobieren?“, wollte er grade fragen. Da kam unter den Arkaden ein korpulenter Herr herangeschossen. „Irmi, wo bist Du denn? Komm, die Kinder warten schon“, sagte er und zog die Dame am Ärmel weiter Richtung Marienplatz.

Als er den beiden nachsah, kam ihm auf einmal dieser Gedanke. „Warum nehme ich mir nicht einfach eine andere Mutter?“ Gleich darauf musste er lachen. Wie albern! Aber er legte den Gedanken nur beiseite, ohne ihn zu verwerfen.

Eine Woche später stand Frank an der Ampel an der Schleißheimer Straße. Da hörte er neben sich eine leicht verzitterte Stimme: „Junger Mann, würden Sie mich wohl über die Straße begleiten?“ Als die Ampel grün wurde, schritt Frank mit einer eleganten, zierlichen alten Dame im schwarzen Kostüm, mit Hut und Handschuhen, über die Kreuzung. Drüben angekommen sahen sie sich an, und aus der Laune des Augenblicks heraus fragte er: „Kaffee?“

Abends machte er ihr pochierten Lachs, und als sie im Bett lag – er hatte die Daunendecke mit der Lieblingsbettwäsche seiner Mutter bezogen – las er ihr noch etwas aus dem Zeit-Magazin vor. „Morgen gehen wir in den Zoo“, sagte er, aber da war sie schon eingeschlafen. Mit einem seligen Lächeln im Gesicht.

In den Spätnachrichten auf Antenne wurde die Meldung durchgegeben, dass Frau Mathilde Richter, 93, seit dem frühen Nachmittag vermisst wurde. Sie war in einer Kurzzeitpflege untergebracht, während ihre Familie den Umzug in ein Altenheim organisierte, wo die nach Ansicht der Familie demente Dame in der „beschützten Abteilung“ wohnen sollte. „Familie Richter vermisst ihre Mutter und Großmutter und hat eine Belohnung von 1000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgegeben“, hieß es. 

Frank brauchte kein Geld.

Adventskalender MiniKrimi am 8. Dezember


Künstlerpech

Es sah aus, aus würde sie schweben. Die schlanken Beine lässig übereinandergeschlagen, beide Handflächen fest auf die lichtbleichen Steine gelegt, der Oberkörper ein gelber Farbtupfer im gleißenden Blau. Der Horizont nicht mehr als eine schaumige Linie. Sie saß auf einer verwitterten Mauer mit dem Rücken zur Sonne, zu ihren Füßen sattgrünes Gras. Der Kopf war nach hinten geneigt, die Augen versteckt hinter einer geschwungenen Sonnenbrille, der karmesinrote Mund im Lachen geöffnet. Eine leichte Brise spielte mit ihren schulterlangen blonden Locken.

Francois Simonds trat zurück, den Pinsel zwischen den Zähnen, sein Blick wanderte schnell zwischen Bild und Modell hin und her. Und er wusste, dass er unfassbar, unheilbar, unrettbar verliebt war. In das Modell, in die Sonne Südfrankreichs, in das Meer – aber vor allem in sein Bild und ja, in sich selbst. Sein Pinselstrich, die Art, wie er das Licht einfing, den Seidenschimmer ihrer Haut – er war einer der ganz Großen. Es war nur eine Frage der Zeit, da war er sich sicher, bis er in den besten Galerien in Paris hängen würde. Bei Polka, Perrotin oder sogar Gagosian.

„Fertig, mon amour?“, fragte Eloise, sein Modell, seine Muse, seine Geliebte. „Mir tut jeder Muskel weh, ich habe sicher schon einen Sonnenbrand auf den Schultern – und überhaupt keine Lust mehr.“

„Ganz kurz noch! Das Bild muss perfekt sein. Ja, das wird es. Perfekt! Was ist dagegen schon ein bisschen Muskelkater?“

Eloise öffnete ihren Schmollmund. „Ok, aber nur noch fünf Minuten“, stöhnte sie, warf ihm einen Luftkuss zu, reckte und streckte sich. Francois hob die Hand mit dem Pinsel, kniff die Augen zusammen, schaute auf das Bild, dann auf seine Geliebte. „Du sitzt ganz anders! Dreh dich nach links, nein, nicht so weit. Wieder zurück! Ach, merde! So geht das nicht!“, schrie er unvermittelt, schleudert Pinsel und Palette auf den Boden, riss das Bild von der Staffelei und stürmte davon, den steilen Felsenpfad von der Zitadelle hinab zum Strand. 

Am frühen Abend wollte die Polizei von Eloise wissen, wann genau sie Francois zum letzten Mal gesehen hatte. Zwei Stunden zuvor war die junge Frau barfuß, mit zerkratzen Armen und Beinen, aufgeplatzter Lippe und geschwollener Wange im vollbesetzten Standcafé aufgetaucht, weinend und zitternd. Nachdem die Wirtin ihr ihre Wolljacke um die Schultern gelegt und ein Glas Pernod in die Hand gedrückt hatte, hatte Eloise darauf bestanden, die Polizei zu verständigen. Der Maler Francois Simond habe sie gerade im Rondell auf der Zitadelle angegriffen und geschlagen. Sie habe sich losgerissen und sei den Felsenpfad hinunter zum Strand gerannt. Francois habe sie verfolgt, aber nicht eingeholt. 

Jetzt hatte sie plötzlich Angst, dass ihm etwas zugestoßen sei. Wo war er? Und wo ihr Porträt, an dem er gemalt hatte?

Die Polizei leitete eine Suchaktion ein, und schon kurze Zeit später wurde die Leiche des Malers am Fuß der Steilküste zwischen den Klippen gefunden. Von dem Bild aber fehlte jede Spur.

„Mademoiselle, Sie haben Schreckliches durchgemacht. Es tut mir unendlich leid, aber ich muss Sie bitten, mir noch einmal genau zu berichten, was heute Nachmittag vorgefallen ist.“ Commissaire Verlaine war ein runder, freundlicher Mann mit Geheimratsecken und einem zerknitterten Leinenanzug. Er erinnerte Eloise entfernt an ihren Vater, und sie vertraute ihm. Sie seien am späten Vormittag zur Zitadelle aufgebrochen, weil Francois ihr Porträt vollenden wollte. Es sei der ideale Tag dafür, das ideale Licht. Nach zwei Stunden ungefähr habe sie keine Kraft mehr gehabt – das reglose Sitzen habe sie angestrengt. Francois habe das nicht verstanden, habe einen seiner Wutausbrüche bekommen und sei davongestürmt, kurz darauf aber wiedergekommen. Er habe noch ein paar Stunden weitergemalt und dabei immer wieder Cognac getrunken – er habe stets eine Flasche dabeigehabt, zur Inspiration. Aber der Alkohol habe ihn aggressiv gemacht, und als ihr Handy geklingelt habe, sei er ausgerastet. Er sei leider sehr eifersüchtig gewesen und unsicher wegen des großen Altersunterschieds. Er habe sie geschlagen, sie habe sich gewehrt, sei ihm davongelaufen, hinunter zum Strand und den vielen Menschen, wo sie sich sicher fühlte. Danach hatte sie ihn nicht mehr gesehen. 

Commissaire Verlaine begleitete Eloise persönlich nach Hause. 

Nach der Testamentseröffnung besuchte er sie in SImonds Villa und beglückwünschte sie dazu, dass Simond sie zu seiner Haupterbin eingesetzt hatte. Sie schien über seinen Besuch ehrlich erfreut und servierte ihm Kaffee im Salon. Über dem Kamin hing ein Porträt von ihr, in leuchtend gelber Bluse vor blauem Meer. „Ist das nicht im Rondell der Zitadelle?“, fragte Verlaine. „Ja, das stimmt. Er hat das Motiv immer wieder gemalt, es war wie besessen von dem Platz,“ sagte Eloise. „Aber das Porträt, an dem er am Tag seines Todes gemalt hat, ist nie wiederaufgetaucht?“ „Nein, leider. Es war perfekt.“

Am nächsten Morgen stand Verlaine mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Villa. Er nahm das Porträt in Gewahrsam – und auch Eloise. Die gelbe Bluse hatte Francois erst am Tag vor seinem Tod für seine Geliebte gekauft. Und die Sonne stand auf dem von der Kunstwelt gefeierten Bild im Zenit. Eloise hatte gelogen. Und den eifersüchtigen Maler schon mittags von den Klippen gestoßen. 

„Die blonde Mörderin“ wurde in der Galerie Gagosian ausgestellt und zu einem Sensationspreis verkauft. Der Erlös ging an einen Verein zur Förderung verarmter Künstler*innen.

Adventskalender MiniKrimi am 7. Dezember


Eine schöne Bescherung 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am schlimmsten. Wenn draußen die Lichtgirlanden, in den Fenstern die Jakobsleitern und am Adventskranz die Kerzen leuchten, wenn die Luft nach Glühwein duftet und gebrannten Mandeln, wenn sich im Keller die Dosen mit frisch gebackenen Plätzchen stapeln und das Radio „Last Christmas“ in Dauerschleife dudelt, packen die Erinnerungen Erika jedes Mal mit aller Macht. Denn genau in dieser magischen, wunschprallen, nach Vergebung und Liebe suchenden Zeit ist Erika die schlimmste Kränkung ihres Lebens widerfahren. 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am besten. Wenn draußen ein eisiger Ostwind den Schnee vor sich hertreibt und drinnen vor dem munter flackernden Kaminfeuer Whiskey und Pfeife auf ihn warten, genießt Eduard die Erinnerungen am meisten. Und während das Holz in den Flammen knistert, ergreift die Genugtuung wieder Besitz von jeder Faser seines Körpers, prickelnd und über die Maßen erregend.

Erika hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. Die Erstgeborene, ein Mädchen statt des ersehnten Stammhalters, schmal und schmächtig. Aus der konnte nichts „Gescheites“ werden, das hatte die Mutter gleich beim Anblick der Neugeborenen prophezeit. Im Laufe ihres Lebens hat Erika diese Erwartungen voll und ganz erfüllt. Von einer scheuen Schülerin, die sich statt in Freizeitaktivitäten lieber in Bücherwelten stürzte, entwickelte sie sich zur einer musikbesessenen Medizinstudentin. Natürlich gaben ihr die Eltern keinen Pfennig dazu, und Erika verdiente sich Studium, Bücher, Unterkunft und Essen durch Klavierunterricht. Dass sie ihr überhaupt erlaubten, die Universität zu besuchen, lag ganz einfach daran, dass sie dadurch früh „aus dem Haus, dem Auge und dem Sinn“ der Mutter verschwand.

Eduard interessierte sich schon im Kinderwagenalter für Geschwindigkeit: er stellte sich kerzengerade in seinem Buggy auf und hieb mit einem langen Schnürsenkel auf die Schwester ein, die ihn, wie ein eingespanntes Pferd, in Windeseile über den Hof ziehen musste. Mit fünf zerschnitt er die Bremsen ihres Fahrrads, woraufhin sie wie ein Pfeil die Straße bergab und gegen den Baum an der ersten Kreuzung sauste. Selbstverständlich trat er nach dem Realschulabschluss in das elterliche Autohaus ein und verdrängte den Vater, so schnell es ging, aus dem Geschäft. Sein rasanter Lebensstil kostete im Laufe der Zeit allerdings mehr, als ihm seine diesbezügliche Expertise einbrachte. Schließlich stand das Autohaus – das Lebenswerk des Vaters – kurz vor dem Konkurs. Dann starb die Mutter, und nur mit ihrem Geld konnte er die geschäftliche „Kurve kriegen“. Allerdings war dazu mehr als sein eigener Erbanteil nötig...

Erika, inzwischen längst Landärztin mit eigener Praxis, Ehemann und zwei Kindern, saß bei der Testamentseröffnung kerzengerade auf dem Ledersofa. Sie musste gegen die ungehindert durch die großen Fenster in den Raum hineinstürzende Sonne blinzeln und nahm den Anwalt, den die Mutter offenbar kurz vor ihrem Tod mit ihren Angelegenheiten betraut hatte, – übrigens ein Kunde und Duzfreund ihres Bruders – nur als Scherenschnitt war.  Im Nachhinein hat sie versucht, das Testament anzufechten, um zumindest einen Pflichttei des Erbes zu erhalten. Vergeblich. Nachdem sie alle Instanzen durchlaufen hatte, nahm der Richter, der ihr in der letzten Verhandlung die allerletzte Hoffnung genommen hatte, sie beiseite. Ob ihr bewusst sei, dass ihr Anwalt zur Clique von Eduard gehöre? Er habe es wirklich geschickt angestellt, so dass ihm, dem Richter, bei dieser lückenlosen Vorgehensweise tatsächlich die Hände gebunden gewesen seien.

Eduard sitzt vor seinem Kamin. Verträumt betrachtet er die Glut. Um ihn herum nur die Stille einer sternenklaren Nacht. Er hat den Brief zweimal gelesen. Wort für Wort. Aber er kann keinen Fallstrick erkennen. Nur eine tiefe Traurigkeit. Erika war schon immer melancholisch veranlagt. Sie schreibt, dass ihr Mann gestorben sei. Ein Unfall, der die gesamte Familie in arge Bedrängnis gebracht habe. Sie könne die Praxis nicht mehr halten und werde wohl auch aus dem Haus ausziehen müssen. Das wenige Geld, das ihr bleibe, sei für die letzten Studienjahre ihre Kinder bestimmt. Nach so viel Leid habe sie das dringende Bedürfnis, in ihrem Leben Ordnung zu schaffen. Sie wolle den Zwist mit ihrem Bruder beilegen. „Lassen wir den Schnee von gestern doch einfach tauen“, schrieb sie. „Und endlich wieder wie Geschwister zueinander sein.“

Der dem Brief beigelegte Versöhnungstropfen muss noch aus dem Weinkeller seines Schwagers stammen. Ein vorzüglicher Chateau Lafitte. „Santé, Schwester“, sagt Eduard und hebt das Glas.

Dank seiner Selbstgerechtigkeit ist er kaum überrascht, als sie trotz vorgerückter Stunde vor seiner Tür steht, und es gelingt ihm gerade noch, ihr das Glas in die Hand zu drücken, als die Welt um ihn herum sich zu drehen beginnt. Sekunden später liegt er leblos auf dem Terracottaboden.

Frau Dr. Erika Monhaupt ist untröstlich, den Bruder so unmittelbar nach ihrem Wiedersehen verloren zu haben. Dabei verschweigt die Ärztin natürlich sowohl ihren Brief samt Versöhnungsgeschenk als auch ihre Kenntnis bezüglich der Ursache für den plötzlichen Tod ihres Bruders. 

Die Vorweihnachtszeit, denkt sie, während draußen dichte Schneeflocken tanzen und im Kamin ein lustiges Feuer prasselt, ist doch gar nicht so übel. Morgen kommen die Kinder. Ist das nicht eine schöne Bescherung?

Adventskalender MiniKrimi am 6. Dezember


(danke, liebe Petra 🙂 )

Der eilige Nikolaus

In der Pandemie haben es Nikoläuse besonders schwer. Ich rede nicht von denen aus Schokolade, sondern ich meine die, die durch Kindergärten, Wohnungen oder Schulen ziehen, mit Mitra und goldenem Buch, um die Kinder mit einer Geschichte und ein paar Kleinigkeiten zu beschenken. So, wie es ihr Vorgänger vor rund 1700 Jahren in Myra gemacht hat. Dabei hat der historische Nikolaus durchaus eine Affinität zu pandemischen Zeiten, denn er erbte das Vermögen, das er an die Armen und Kleinen verteilte, von seinen Eltern. Und die waren an der Pest gestorben. Düstere Zeiten also, damals wie heute. Und wie immer, wenn es den Menschen schlecht geht, freuen sie sich ganz besonders auf schöne, herzwärmende Momente. Wie eine halbe Stunde mit Sankt Nikolaus, seinen Geschichten und kleinen Geschenken. 

Nun ist der Nikolausbesuch nicht nur für die lieben Kleinen – die bösen sehen ihm meist eher mit gemischten Gefühlen entgegen – und ihre Eltern eine Freude. Auch für die vielen Menschen, die am 6. Dezember in Kostüm und Rolle schlüpfen, ist dieser Tag wichtig, nämlich als fest einkalkulierter Verdienst. 

„Nikolausbesuch trotz Corona“ titeln daher Tageszeitungen und Webseiten schon seit Tagen und Wochen. Und tatsächlich ist die Vermummung bei diesem „Heiligen“ ja ohnehin praktisch Teil des Kostüms, so dass die ihn selbst und die Anderen schützende FFP2-Maske gut unter einem entsprechenden Rauschebart verborgen werden kann.

 Und trotzdem ist das Geschäft auch heuer, im zweiten Jahr in Folge, für die berufsmäßigen Nikoläuse mau. Studenten, Gelegenheitsarbeiter und Minijobber hocken frustriert auf der Couch und starren nostalgisch auf Handyvideos vergangener Performances, während draußen zarte Flocken aus dem Himmel rieseln. Kinder sitzen vor dem Fernseher und müssen mit einem Zeichentrick-Surrogat vorliebnehmen, oder mit Fantasy-Gebilden aus der Disneyschen Traumfabrik.

Aber halt! Wer stapft denn da durch den frisch gefallenen Schnee auf dem Kirchplatz? Das gelbe Laternenlicht malt bizarre Schatten auf die lichtglitzernden Tannen, und dazwischen bewegt sich eine große Gestalt in langem Mantel. In einer Hand hält sie einen Stab, in der anderen einen großen Sack. Sankt Nikolaus – denn wer sollte das sonst sein? – bleibt immer wieder stehen und schaut sich nach allen Seiten um. „Er sucht die Kinder, er sucht uns“, flüstert Lisa und versucht, den zwei Jahre älteren Bruder beiseite zu schieben, um einen besseren Blick durch das beschlagene Fensterglas auf den Menschen zu werfen. 

Finn ist sieben und stolz darauf, nicht mehr an Nikolaus, Christkind & Co. zu glauben. Aber die Gestalt, die dort unten ganz offensichtlich über den verlassenen Park Richtung Kirche huscht, hat schon verdammt viel Ähnlichkeit mit dem Mann, den es eigentlich nicht gibt. 

„Schau mal, jetzt ist er an der Tür zur Sakristei. Er denkt bestimmt, die Kinder warten wegen der Kälte heute drinnen auf ihn. Komm, Finn, wir müssen runter! Stell dir mal vor, wie enttäuscht Sankt Nikolaus ist, wenn er drinnen gar niemanden findet.“ Und als sie sieht, dass ihr Bruder noch zögert, fügt sie verschmitzt hinzu: „Der Sack sieht so aus, als wären da viele Überraschungen drin. Und wenn wir die einzigen Kinder sind…..“

„Ok. Komm.“ Finn geht vorsichtig zur Zimmertür, schaut nach, ob die Luft rein ist, winkt seiner Schwester, und dann schleichen beide auf Zehenspitzen, Winterjacken in der Hand, aus der Wohnung. Eltern sind solche Spielverderber. Wahrscheinlich hätten sie ihnen „wegen Corona“ verboten, dem Nikolaus hinterherzulaufen.

Draußen ist es eiskalt und stockdunkel. Im Park springen sie von Lichtpfütze zu Lichtpfütze, gehen zwischen den Tannen in Deckung und suchen den Heiligen Mann. Schwer ist das nicht, denn seine Stiefel haben im Schnee deutliche Spuren hinterlassen, bis hin zur Sakristei. Die Tür steht einen Spalt offen. „Alles dunkel. Wahrscheinlich ist er schon wieder weg“, flüstert Finn. „Der Arme, er war sicher total enttäuscht“, antwortet Lisa. Aber da sehen sie einen Lichtstrahl im Kirchenraum umherirren. „Komm“, sagt Finn wieder. Und die Geschwister schieben sich vorsichtig in die Sakristei. Auch im Dunkeln erkennen sie sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Tisch ist umgeworfen, die Türen der Schränke mit den Messgewändern, Kerzenhaltern, Kelchen und allem, was in einer Sakristei an Kostbarkeiten aufbewahrt wird, hängen schief in den Angeln. Aus dem Kirchenraum dringen Geräusche, ein Klirren, ein dumpfer Knall, ein Fluch. Lisa starrt ihren Bruder an. „Der Nikolaus flucht doch nicht… oder?“ „Nein. Er kommt zurück. Schnell in den Schrank!“ 

Hinter Messgewändern versteckt beobachten die Kinder, wie Sankt Nikolaus hastig die Sakristei durchquert, mit dem prallen Sack in der Tür hängenbleibt, ihn losreißt und in der Dunkelheit verschwindet.

„Halt, halt, unsere Geschenke,“ flüstert Lisa erschrocken. „Pssst“, faucht ihr Bruder. „Schnell.“ Er zieht die Schwester hinter sich her zum Pfarrhaus. Dort läutet er Sturm. 

„Der Nikolaus ist aus der Kirche gelaufen und hat vergessen, uns unsere Geschenke zu geben“, erklärt Lisa dem verblüfften Pfarrer und den Gästen, mit denen er gerade gemütlich zu Tisch saß. „Nein, er hat alles gestohlen“, ruft Finn. „Da läuft er!“

Tatsächlich kommt der unheilige Mensch mit dem schweren Sack im Schnee nur langsam voran. Der Pfarrer und seine Gäste rennen ihm nach – immer den Spuren im frischen Schnee hinterher.

Lisa und Finn haben es nicht eilig, nach Hause zu kommen – sie gehen ganz sicher einer saftigen Standpauke entgegen. „Ob sie ihn fangen, den Nikolaus?“, fragt Lisa. „Bestimmt. Wenn er nicht um die Ecke einen schnellen Schlitten geparkt hat“, antwortet Finn.

Adventskalender MiniKrimi am 5 .Dezember


Catch me if you can

(Die Texte stammen größtenteils aus einer tatsächlichen Unterhaltung, die ich mit einem Romance Scammer geführt habe. Ich recherchiere seit geraumer Zeit zu diesem Thema)

An einem Sommerabend vor 6 Monaten:

Mark Reinhart hat dir eine Freundschaftsanfrage geschickt.

WTF ist Mark Reinhart? Aha, aus Frankfurt. Alter Bekannter? Neuer Fan? Hm. Nettes Profilbild. Ah. Geschieden. Dann nehme ich die Freundschaft mal an. 

Keine 10 Sekunden später eine neue Nachricht:

Hallo, guten Abend. Schön, dich kennenzulernen. Wie geht es dir im Moment? 

Hallo auch. Im Moment geht’s mir ganz gut. Und selbst?

Danke der Nachfrage. Nun, ich unterhalte mich gerade mit dir und bin dabei, dich kennenzulernen. Das ist sehr schön.

Ok. Aber wie bist du auf mich gekommen?

Ich habe Ihr Profil gesehen, und Sie haben mir gefallen, weil Sie eine schöne Frau sind.

Ah. Daher weht der Wind. Was für ein Glück!

Danke für die Blumen. Ich habe mir auch dein Profil angesehen – und ich denke, du bist ein Romance Scammer. Habe ich recht?

Okay, meine Liebe. ich sage Ihnen mit so viel Selbstachtung und Höflichkeit, dass Sie viel Respektlosigkeit zeigen, wenn Sie so von mir denken. Meine ganze Absicht war nur, einen großartigen Geist wie dich zu kennen. Aber ich frage mich wirklich, woher diese Frage kommt, weil ich es als Missachtung meiner Persönlichkeit sehe. Ich bin Chirurg und leite eine Abteilung für freie Medizin in einem Krankenhaus in Aleppo. Ich arbeite dort für die UN.

Wow. So ein langer Text. Das ist vielversprechend!

Ich will dir sagen, woher meine Frage kommt. Letztes Jahr hat sich eine Freundin von mur umgebracht, nachdem ein Romance Scammer sie erst um 10 Tausend Euro betrogen und ihr dann das Herz gebrochen hat. Sie hat Selbstmord begangen. Seitdem recherchiere ich, um die Leute zu finden, die ihr das angetan haben. Ich vermute, dass eine Organisation dahintersteckt. Ich schlage dir einen Deal vor: Info gegen Cash. 

Meine Liebe, Sie sind entweder völlig unverschämt oder sehr dumm. Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich wollte dich kennenlernen, weil du eine interessante Person bist. Was ist dein Beruf und wo wohnst du? Ich lebe zurzeit in Aleppo, aber ich komme aus Frankfurt. Dort lebt meine kleine Tochter. Hast du auch Kinder?

Das geht Sie nichts an. Ich biete Ihnen Geld, wenn Sie mir etwas darüber sagen, warum Sie Romance Scammer geworden sind. Arbeiten Sie alleine? Müssen Sie das Geld, dass Sie ergaunern, abgeben? Wo leben Sie? Ich merke doch, dass Sie nicht wirklich Deutsch können. Lassen Sie uns einfach mit offenen Karten spielen. Wer sind Ihre Hintermänner? 

Okay. Ich bin ein Mann, der mit Beweisen und Fakten arbeitet. Die Art, wie Sie schreiben, scheint ein Teil der Terroristen zu sein, die wir zu vermeiden versuchen. Ich arbeite für die UN, und wir haben Methoden, Terroristen wie dich zu vernichten.

Ah ja. Jetzt kommen wir der Sache endlich näher.

Wunderbar! Und ich versuche, Kriminellen wie Ihnen das Handwerk zu legen. Letzte Chance: helfen Sie mir. Oder ich zeige Sie an. You can help me – or I will sue you.

You are a very big fool. Don’t do something that will get yourself in problem. 

Ok – what do you wanna do to me?

I will fuck you up in so many ways. Ich habe Ihre Daten gespeichert. Das ist kein Spiel. Passen Sie auf.

Ich habe keine Angst vor Ihnen.

Das sollten Sie. Hören Sie auf, nach uns zu recherchieren. Oder Sie sind tot.

An dieser Stelle bricht die Unterhaltung ab. 

Als ich am nächsten Morgen meinen Computer starte, erkennt er mein Passwort nicht. Stattdessen erscheint auf dem Bildschirm in schwarzer Schrift der Satz: Lass uns in Ruhe.

Seitdem bin ich auf der Flucht. Meine Kreditkarte wurde geknackt. Mein Email-Account auch. Meine Freund*innen haben Hate-Mails erhalten und wollen nicht mehr mit mir sprechen. Ich habe Angst. Aber ich gebe nicht auf. Ich habe ein Ziel.  Ihr lest wieder von mir. 

Adventskalender MiniKrimi am 4. Dezember


Schatten der Nacht

„Das darf doch nicht wahr sein! Unser Weihnachtsessen können wir vergessen. Ab Mittwoch hat unser Landesdiktator 2G angeordnet. Das heißt, ich komme bei Luigi nicht mehr rein. Sag mal, merken die Leute nicht, was abgeht, in unserem Land? Und wir können NICHTS dagegen tun?!“

„Doch, Süße. Klar kannst du was dagegen tun. Lass dich impfen. Du weißt, ich habe eine Dosis Vakzin für dich im Kühlschrank. Und dann gönnen wir uns ein Menu vom Allerfeinsten!“ Astrid steht vom Sofa auf, geht die paar Schritte zum Esstisch, an dem Cora vor ihrem offenen Laptop sitzt, und legt die Arme um ihre Frau. Aber die Umarmung ist irgendwie steif, und Coras Oberkörper spannt sich bei der Berührung unwillkürlich an. 

„Das hättest du wohl gerne? Du weißt genau, dass ich das NIE tun werde. Mir eine Substanz ins Blut jagen zu lassen, vor der ich nicht weiß, woraus sie besteht und was sie mit mir macht.“

„Ich habe dir schon so oft erklärt, woraus die Vakzine bestehen. Und ich jage dir nichts ins Blut, sondern spritze es dir in den Muskel.“

„Egal, wohin. Das Zeug verändert die DNA, macht sie kaputt, und dann kriegst du Turbotumore. Schau, hier, lies. Das hat eine schwedische Ärztin veröffentlicht.“ Cora dreht den Laptop so, dass Astrid den Artikel lesen kann. Aber Astrid geht wortlos in die Küche.

Sie lässt Leitungswasser in den Alessikocher laufen. „Willst du auch einen Tee?“ 

„Ja, aber bitte nimm das Filterwasser aus der Flasche mit den rosa Steinen. Du weißt doch, oder nein, wir wissen eben nicht, was da wirklich aus der Leitung kommt.“

„Oh Mann, wann haben die dir bloß so ins Hirn geschissen?“, murmelt Astrid. Ja, seit wann ist Cora so? So… misstrauisch. Ängstlich. Aluhutig. Wann hat Cora aufgehört, sich an Fakten zu orientieren? Ihr, Astrid, bei Inhalten Glauben zu schenken, die als Medizinerin zu ihrem Fachgebiet gehören, bei denen sie sich auskennt und immer auf dem Laufenden ist? ‚Seit wann können wir nicht mehr miteinander reden?‘


„Seit wann können wir eigentlich nicht mehr miteinander reden?“ Coras Stimme klingt brüchig, unsicher. Beinahe verzweifelt. 

Da ist sie doch noch, die alte Magie. Zwei Menschen ein Gedanke. ‚Ein Herz und eine Seele‘, haben sie früher gerufen, wenn sie beide im gleichen Moment das Gleiche gesagt haben. Und dann haben sie gelacht. Astrid lächelt. Hoffnungsvoll ordnet sie Tassen – eine mit Jiaogulan und eine mit Earl Gray – auf dem silbernen Tablett an, braunen Zucker und ein paar Haferkekse. „Doch, Liebes, das können wir noch. Wir müssen es nur wirklich wollen. Ein paar Schritte aufeinander zugehen, in Gedanken. Und auch so.“ Sie stellt das Tablett auf den Olivenholztisch und streift Coras blonden Kopf mit ihren Lippen, nur ganz leicht, bevor sie sich dazu setzt. 

„Ich bin so verzweifelt, Astrid“, flüstert Cora. 

„Das sehe ich doch. Wie kann ich helfen? Was kann ich tun, damit es dir besser geht? Du weißt, ich liebe dich.“

Coras kalte Finger legen sich auf Astrids Hand. Wie von ungefähr. „Nein, Astrid, bitte, nicht schon wieder. Nicht DU kannst mir helfen. Du musst dir von MIR helfen lassen. Mach die Augen auf. Mach Schluss mit der blinden Wissenschaftsgläubigkeit. Höre auf deine innere Kraft. Du musst dein Inneres Ich wieder stark machen. Nur so wirst du immun. Immer, wenn du abends aus der Praxis kommst, habe ich Angst. Um dich. Und um mich, dass du die Spike-Proteine an mich abgibst.“

„Cora, jetzt ist aber Schluss! Ich habe dir doch erklärt, dass das mit dem Impfstoff-Shedding totaler Blödsinn ist.“ „Ist es nicht. Warte – hier, gerade heute habe ich wieder darüber gelesen.“

Astrid nippt am Tee, verbrennt sich die Zunge, stellt die Tasse so abrupt auf den Tisch, dass der Inhalt überschwappt. „Cora – such‘ dir eine Beschäftigung! Geh raus. Ich kaufe uns einen Hund. Geh spazieren. Bring deine Internetseite auf Vordermann und verkaufe deine Sachen online, statt sie hinter geschlossenen Ladentüren zu stapeln. Aber hör auf zu brüten. DAS macht dich kaputt. Und mich. Und UNS!“

„Na klar – wenn dir die Argumente ausgehen, stellst du mich als dummen Depressivling hin. Als Loser. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich habe endlich Zeit, die Dinge zu hinterfragen. Unsere Gesellschaft. Die Politik. Das ganze kapitalgesteuerte System. Und ich bin sehr viel unterwegs. Im Internet UND draußen. Ich treffe sehr viele Menschen – und sie alle denken wie ich. Ich habe seit dem Lockdown sehr viel gelernt. Auch über dich, Astrid. Auch über dich. Du hast eine extrem negative Aura, gerade jetzt, wenn du mich so anstarrst.“ Sie zuckt zusammen. „Au! Da kriege ich gleich wieder diese Magenkrämpfe! Geh weg! Und lass mich bloß in Ruhe mit deiner Schulmedizin und deinen bescheuerten Tabletten.“

„Cora…“ Astrid seufzt. Schließt die Augen. Öffnet sie. Und sieht sich in einer Sackgasse stehen, mit dem Rücken zur Wand. „Ich geh joggen“, sagt sie.

Nach zwei Stunden im Wald fühlt sie sich frisch. Und hoffnungsvoll. Es muss eine Möglichkeit geben, ihre Beziehung zu retten. Sie muss es nur nochmal ernsthaft versuchen. Mit viel Sachlichkeit, Logik – und Liebe.

Die Wohnung ist dunkel. Cora liegt auf der Couch. ‚Sie schläft‘, denkt Astrid. Dann hört sie ein leises Stöhnen. „Cora!“ Die Haut der jungen Frau ist fahl, auf der Stirn steht kalter Schweiß. Cora atmet schwer, ihr Herz rast. „Liebes“, was ist passiert? Cora starrt sie aus weit aufgerissenen Augen an. Ihr Körper bäumt sich auf, Tee und Schaum fließen ihr aus dem Mund, darin eine Handvoll kleiner schwarzer Beeren. Mechanisch tastet Astrid die Couch unter Coras Körper ab. Und findet eine braune Tüte. „Schwarzer Nachtschatten – Heilung aus der Natur“, steht in geschwungener Handschrift darauf. Darunter: „Nur Gutes zu dir. Johann, Transhumanistische Gesellschaft.“

Astrid steht auf. Geht zum Telefon. Wählt die 112. Während sie mit ihrer Frau im Arm auf den Rettungswagen wartet, ertappt sie sich dabei, wie sie, die Naturwissenschaftlerin, leise betet, ohne zu wissen, zu wem. Aber sie ist mit ihrer Weisheit am Ende. 

Adventskalender MiniKrimi am 3. Dezember


Voll das Leben

„S2 Richtung Ostbahnhof. Vorsicht bei der Einfahrt.“

Die Türen gleiten auf, ein Strom kleinäugiger Menschen mit schlafverhangenen Blicken über weißen Einheitsmasken ergießt sich auf den Bahnsteig, vermischt sich kurz mit dem Strom der Einsteigenden, ebenso kleinäugig und maskenbewehrt, dann trennen sich die beiden Ströme, der eine fließt die Rolltreppe hinauf, der andere verteilt sich auf die Plätze in der S-Bahn.

Er setzt sich ans Fenster. Gegen die Fahrtrichtung. Kehrt dem Tag schon am Morgen den Rücken zu. Weiß, dass eh nichts Besonderes passieren wird, nichts, was diese 24 Stunden von denen davor und denen danach unterscheiden wird.

Er klebt die Stirn an die Scheibe, draußen rast der Winter vorbei, blauer Himmel, weißer Zucker auf Dächern, Ästen, Wiesen. Sein Telefon vibriert in der Jackentasche. Er holt es raus: kein Anruf. Aber etwas vibriert neben ihm. Er tastet in der Ritze zwischen Sitz und Wand: ein zerkratztes Smartphone, kein neues Modell. Eine lange Reihe abgehackter Nachrichten. „Suse, ich kann dich nicht erreichen! Hilfe!!“ „Suse, ich halte das echt nicht mehr aus! Was soll ich machen?“ „Jetzt kommt er schon wieder an. Und wie er stinkt! Ekelhaft! Widerlich! Er oder ich. Ich glaube, ich bringe ihn um.“ „Suseeee???? Wo bist du?“

Plötzlich steht er nicht mehr neben seinem Leben. Er steckt mittendrin. Einen Wimpernschlag lang ist er versucht, das Smartphone einfach wieder neben den Sitz zu stecken. Nicht seine Welt. Nicht sein Problem. Aber dann steckt er es ein. Am Sendlinger Tor nimmt er nicht wie üblich den Ausgang Richtung Nussbaumstraße. Er schlendert in den Park an der St. Matthäuskirche. Kopiert die Nummer, von der die Nachrichten stammen. Schließlich schreibt er. „Hey, ich habe Suses Handy in der S-Bahn gefunden. Kann ich helfen? Ich bin Marc.“

Nichts passiert. Er geht an seinen Arbeitsplatz. Gegen Mittag schaut er zum x-sten Mal ins Mikroskop, ohne etwas zu erkennen. Sein Handy vibriert. „Hi Marc. Voll cool von dir. Aber du kannst mir nicht helfen. Niemand kann das. Suse auch nicht. Vergiss mich einfach.“

Er wählt die Nummer. Wartet, bis die Stimme ihm mitteilt, dass der Gesprächspartner nicht erreichbar ist. Er schreibt: „Warte! Es gibt immer eine Lösung. Heute morgen dachte ich noch, die Welt kommt gut ohne mich aus. Und dann du. Glaub mir, da geht noch was. Egal was los ist. Gib nicht auf. Bitte.“

Diesmal kommt die Antwort so schnell, als hätte sie – oder er? – auf Marcs Nachricht gewartet. „Voll süß von dir. Aber nein. Ich kann nicht anders. Er quält mich einfach schon zu lange. Mich. Und sich. Irgendwann ist Schluss. Irgendwann ist JETZT!“ 

„Nein! Warte! Wo bist du? Ich komme zu dir, ok?“

„Nein!“ Und dann, nach 10 Minuten: „Es ist vorbei.“

Ihm wird kalt. Ihm wird heiß. Angst packt ihn im Genick. Dann Panik. Er gleitet an der Wand des Labors zu Boden. Zittert. Weint. Ist das das Leben? Ist es das wert? Sein Handy vibriert. Auf dem Bildschirm erscheint ein Foto. Eine junge Frau mit roten Haaren und roten Augen umklammert etwas, das er auf den dritten Blick als ziemlich räudige, kahle, graue Ratte erkennt. „RIP Artur. Alter Kerl. Und auch all deine Flöhe,“ steht unter dem Bild.

Adventskalender MiniKrimi am 2. Dezember


Herr Qualkowitzer

An trüben Winternachmittagen besetzen die Schatten schon früh ihr kleines Zimmer. Sie nehmen von allem Besitz, was nicht aus sich heraus leuchten kann. Der Sekretär, die Kommode, das Klavier. Die einzelne Kerze auf dem kleinen Tisch kann nichts ausrichten gegen sie. Mara kauert mit hochgezogenen Knien im Ohrensessel. 

An Tagen wie diesem vermisst sie ihr Leben ganz besonders. Damals. Als ihr Vater ihr die Welt zu Füßen legte. Täglich von neuem. Als ihre Wünsche wahr wurden, kaum, dass sie sie ausgesprochen hatte. Damals gab es keine Schatten in ihrem Reich. Der Sekretär, die Kommode, das Klavier – sie leuchteten, und in ihrem Holz spiegelten sich die tanzenden Kerzen. 

Herr Qualkowitzer kam einmal im Monat. Aus seinem verbeulten, verkratzen geheimnisvollen Koffer holte er allerlei „Medizin“ für Maras Möbel heraus. Schellack in einer braunen Flasche, Bienenwachs in einer rostigen Dose, Rosenöl in einer kleinen Phiole. Er tränkte einen Lappen mit Schellack und rieb den Sekretär wie Aladins Wunderlampe. Kreisrunde Bewegungen, wieder und wieder. Bis das Holz glänzte und strahlte. Einmal klemmte die mittlere Schublade. Herr Qualkowitzer nahm ein dünnes Messer mit einer spitzen, scharfen Klinge und befreite eine braune Locke, die aus dem Geheimfach herauslugte und die Schublade verklemmt hatte. Mara schaute ihm aufmerksam zu und ahmte hinter seinem Rücken die kreisförmigen Bewegungen nach. Wieder und wieder. Als er auch die Kommode und das Klavier poliert hatte, packte Herr Qualkowitzer Lappen, Flaschen und Dosen wieder ein. Und ging.

Das Messer hatte Mara in ihrer Rocktasche verborgen. Falls sie mal etwas im Geheimfach verstecken wollte.

Der Vater starb und Mara heiratete Alexander. Doch schon bald nannte er sie nicht mehr „meine Prinzessin“, und er trug sie weder auf Händen noch legte er ihr eine Welt zu Füßen. Stattdessen setzte er sie ein paar Jahre nach der Hochzeit mit einem Koffer vor die Tür. Angeblich hatte er ihr gesamtes Vermögen verspekuliert. Sie kam in einem Mansardenzimmer unter, mitsamt dem Sekretär, der Kommode und dem Klavier. Mehr holte ihr Anwalt nicht aus Alexander heraus. 

Als Mara aus der psychiatrischen Klinik entlassen wurde, riet ihr Arzt ihr zu einer kleinen, leichten Beschäftigung, um wieder Fuß zu fassen. Das war das letzte, was Mara wollte. Aber sie fing an, im Villenviertel der Stadt Möbel zu polieren, mit kreisrunden Bewegungen. In den meisten Häusern wohnen inzwischen Fremde. Nur in der Villa ihres Vaters lebt jetzt Alexander. Die junge blonde Frau an der Tür ist begeistert. Dass es das heute noch gibt, wundert sie sich, während Maras Hände auf den modernen Holzmöbeln kreisen, wieder und wieder, wie die Krähen im bleiernen Himmel über den Bäumen im Park vor dem Haus. Alexanders neue Frau steht am Fenster und schaut hinaus. 

Herrn Qualkowitzers Messer ist scharf. Mara ist schnell. Die Frau sagt kein Wort. 

Bevor sie geht, schneidet Mara ihr eine blonde Locke ab. Sie weiß ein gutes Versteck dafür.

Minikrimi Adventskalender am 1. Dezember


Die lahme Ente

„Schatz, kommst du bitte? Das Essen ist fertig.“

„Einen Moment. Ich sitze gerade an der Schlüsselszene.“

„Liebling, vor einer Stunde habe ich dich gefragt, ob ich das Magret de Canard in den Ofen schieben kann. Ja, hast du gesagt.“

Elvira, bitte! Ich kann meinen Schreibflow doch nicht wegen einer lahmen Ente abwürgen.“

„Die Ente ist nicht lahm. Noch nicht. Aber wenn du jetzt nicht kommst, wird sie zäh.“

„Tja, du kannst eben nicht kochen, Elvira.“

„Und du kannst nicht schreiben. Wie lange dokterst du schon an diesem Showdown herum? Und nie kriegst du ihn hin. Du hast deinen Protagonisten inzwischen schon auf ein Dutzend Arten sterben lassen. Erschossen, erhängt, überfahren, vergiftet, von der Brücke gestoßen, erschlagen…“

„Und warum? Weil ich immer genau in dem Moment, in dem in mir das perfekte Szenario zu entstehen beginnt, DU reinplatzt und die kreative Magie zerstörst.“

„Natürlich, ich bin Schuld! Wer wollte denn heute Abend unbedingt Entenbrust essen? Zur „Steigerung der Kreativität“, übrigens…“

„Mag sein. Aber das war vor Stunden. Du hast wirklich keine Ahnung davon, wie ein Künstler tickt.“

„Nein, habe ich nicht. Ich habe nur Ahnung davon, wie ich auf höchst unkünstlerische Weise Geld für zwei verdiene, damit du bis in alle Ewigkeit dein unvollendetes Werk schreiben und dabei Ente essen kannst.“

„Elvira, du bist gewöhnlich! Und laut.“

„Und du bist ein Schmarotzer! Und beleidigend.“

„Wenn dieses Buch, dieses Werk alle Literaturpreise abräumt, dann wirst du vielleicht verstehen, worum es hier geht. Aber auch nur vielleicht…! Und jetzt lass mich in Ruhe mit deinem Gezeter. Geh und stopf dir die Ente in den Hals, meinetwegen.“

„Gute Idee.“

…..

…..

„Elvira? Elvira, was MACHST DU? Halt….mmmph…… arghhhhhh….. rrrrrrrr….. ahhhhhhh………“

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„Schon verrückt, dieser Roman. Und das Ende! Dem Protagonisten eine Entenbrust in den Rachen zu stopfen, bis er daran erstickt. Genial!“

„Schade, dass der Autor praktisch beim Schreiben gestorben ist. Woran eigentlich?“

„Das weiß man nicht so genau. Seine Witwe hat jedenfalls das große Los gezogen. Das Buch bringt soviel ein – die lebt ihr restliches Leben im Luxus. Sie soll übrigens Vegetarierin sein.“

Süßes, Saures, Totes.


„Maaaamaaa, jetzt komm. Ich kriege das Kleid nicht zu!“ Ela steht in ihrem Zimmer vor dem Schminkspiegel und betrachtet sich kritisch. Wenn sie ehrlich ist, erkennt sie sich kaum, und das liegt nicht daran, dass ihre rechte Gesichtshälfte wie ein Totenkopf geschminkt ist, matt weiß mit einer halben Reißverschlusslippe und schwarz übermaltem Augenlid. Ihr Zimmer ist in Dunkelheit gehüllt, einzig eine unruhige Kerze flackert in einem Halloweenkürbis aus Ton, und um den Spiegel rankt sich eine Lichterkette aus fluoreszierenden Knochen. Sie tauchen die Tiegel, Tuben, Fläschchen und Töpfchen auf dem Schminktisch in gespenstische Neonfarben. 

„Hey – spinnst du?“, protestiert Ela, als die Mutter endlich ins Zimmer tritt und automatisch den Lichtschalter neben der Tür berührt. Das Mädchen kneift die Augen zusammen, die Mutter die Lippen. „Wie schaust du denn aus? Willst du wirklich so auf die Straße?“ „Gruselig, gell?“ „Also ich finde das cringe“, antwortet die Mutter und grinst. „Sheesh, Mum, das ist echt mega peinlich. Ich hab mit Mona und Yassi ne Wette laufen, wer am geilsten aussieht, und ich will gewinnen.“ „Ah. Und was?“ „Ne Fla..… sche Cola. Hilfst du mir bitte mit dem Reißverschluss, Mami?“ 

Elas Mutter zögert nur kurz. Egal, welche Flasche es heute Abend zu gewinnen gibt. Sie wird ihrer Tochter keine Gelegenheit geben, sie zu trinken. Eigentlich hat sie kein gutes Gefühl dabei, die 13-Jährige bei Dunkelheit durch die Straßen streunen zu lassen. Aber sie ist mit ihren Sorgen nicht durchgekommen. Vor allem, weil ihr Mann auf Elas Seite stand. „Du bist eine ewige Bedenkenträgerin. Wenn es nach dir ginge, würde Ela noch in Windeln rumlaufen. Was soll ihr in unserer Wohngegend schon passieren? Lauter Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten und Mittelklasseautos in der Garage. Sogar die Kürbisse an den Gartentoren sind Massenware und kein bisschen gruselig. Außerdem sind heute Horden von Kids unterwegs! Aber wenn es dich beruhigt, machen wir eine Zeit aus, um die Ela wieder daheim sein muss. Halb neun, ok?“ „Mann, Papa, das ist VIEL zu früh!“, hatte die Tochter protestiert – doch nur, um sich schließlich geschlagen zu geben.

Und nun steht sie in ihrem rosaroten Mädchenzimmer, mit dem Gesicht eines Zombies, die Haare wild auftoupiert, in einem Kleid aus schwarzen und blauen Fetzen. Satin und Spitze und viel nackte Haut. 

Süßes oder Saures

„Willst du wirklich SO rausgehen? Nimm wenigstens ne Jacke mit.“ „Ach Mum, mach dir keine Sorgen. Wir rennen die ganze Zeit rum. Da schwitzen wir total. Und in den Häusern ist es sowieso geheizt.“

„IN den Häusern? Ich denke, wir hatten abgemacht, dass Ihr auf KEINEN FALL irgendwo reingeht….“

„Oh Mann, das ist jetzt wirklich cringey. Hey, das sind Yassi und Mona. Sag ihnen, ich bin gleich unten.“

Vor der Tür stehen eine Hexe und eine Vampirin, komplett mit blutigen Zähnen und einem Atem, der wie frisch aus dem Grab entstiegen riecht. Oder aus der Tankstelle. „Na, Ihr habt wohl schon vorgeglüht?“, fragt Elas Mutter. Aber bevor die beiden Mädchen ihr Augenrollen mit entsprechenden Worten begleiten können, ist die dritte im Bund schon die Treppe runtergepoltert – in schweren Springerstiefeln. Nach einem wilden Bussi-bussi-Ritual stürmen die drei Richtung Gartentor. „Viel Spaß“, ruft Elas Mutter ihnen hinterher – aber keine der drei schwarzen Gestalten dreht sich um oder antwortet.

Für immer im Blick

Dieses Bild wird sie immer vor Augen haben: Ihre Tochter mit den besten Freundinnen, eingehakt und kichernd, umhüllt von feinem, laternengelb gefärbtem Nebel. Vor ihnen die Nacht.  Ohne Horizont und ohne ein Morgen.

Die Siedlung am Rande der Stadt ist an diesem „All hallows ewe“, dem Vorabend von Allerheiligen, voller Leben. Scharen von Kindern, maskiert, kostümiert, mit Tüten und Rucksäcken, tanzen springen rennen jubelnd die Straße entlang. „Wir klingeln nur an den Häusern, die Kürbisse vor der Tür haben,“ schärft Ela ihren Freundinnen ein. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen will – die Sorgen ihrer Mutter haben feine Spuren in ihren Gedanken hinterlassen. Um sie abzuschütteln, nimmt sie einen großen Schluck aus der Wodkaflasche, die Yassi mitgeschmuggelt hat. „Yesss. Schon besser“, murmelt sie. „Hey, worauf wartet Ihr? Los – wer als erste an der Tür da drüben ist.“ 

Zwei Stunden vergehen wie im Flug. Ihre Tasche füllt sich mit allem Möglichen. Gummibärchen, Schokoriegel, aber auch süße selbstgebackene Kürbis-Kekse. Von der Studenten-WG haben die drei sogar jede einen Shot zugesteckt bekommen – „aber trinkt die aus, bevor Ihr heimgeht. Und von uns habt Ihr die nicht, ok?“ Langsam leeren sich die Straßen. Die kleineren Kinder sind längst wieder bei ihren Eltern. Jetzt sind nur doch die Jugendlichen unterwegs. Jetzt wird es erst richtig spannend.

Da klingelt Elas Handy.  Ihr Vater. „Ela, es ist viertel nach acht. Du hast versprochen, in 15 Minuten daheim zu sein.“ Ela unterdrückt einen Fluch. Sie weiß, dass sie mit ihrem Vater keinen Verhandlungsspielraum hat. Ein Wort ist ein Wort, so war das schon immer. Und nur, weil sie sich daran hält, lässt er die Zügel locker. So wie heute.

„Leute, ich muss….“

„Ach Mann, jetzt schon? Es fängt doch grade erst an, lustig zu werden. Wir wollten doch noch in das Eckhaus da drüben. Das mit dem großen Kürbis, dem Blut aus dem Mund fließt….“

„Ne, Ihr, ich muss wirklich heim. Sonst darf ich nächstes Mal nicht mehr mit. Und das Haus da ist echt zu gruselig. Da muss man ja ewig durch den Garten laufen, bis man zur Tür kommt. Außerdem brennt gar kein Licht. Also – ich geh dann mal. Ciao.“

„Ok – ciao dann.“ Mona und Yassi werfen Ela nur noch ein flüchtiges Bussi zu, dann drehen sie um und rennen kichernd zurück zur Bushaltestelle. Auf den Bänken haben sich ein paar Jungs aus ihrer Schule niedergelassen. Ela ist sofort vergessen.

Ein Fest für die Toten

Sie zuckt die Schultern und geht langsam den Weg hinunter. Einsam ist es hier, und zwischen den Lichtkreisen, die die Straßenlaternen auf den Bürgersteig gießen, verbinden sich Unten und Oben zu undurchdringlichem Dunkel.. Nebelfinger streifen ihr Gesicht, verfangen sich in Haar und Kleidung. Klamm. Kalt. Und unheimlich. Wenn sie an dem Haus mit dem Riesenkürbis rechts durch den kleinen Park geht, ist sie gleich zu Hause. Fünf Minuten statt zehn. Sie kennt die Abkürzung, nimmt sie fast täglich auf dem Rückweg aus der Schule. Der Weg durch den Park ist nicht dunkler als die Straße, auch dort warten in Abständen helle Laternen. 

Jetzt steht Ela vor dem Gartentor des Eckhauses. Sie bleibt kurz stehen, der Kürbis sieht wirklich beängstigend aus. Aber er ist auch gut gemacht. In den dreieckigen Augen leuchtet ein heimliches Feuer. Die scharfen Zähne sind exakt ausgeschnitten, an ihren Spitzen und in den Winkeln des breit grinsenden Mundes glitzert es blutrot. 

Plötzlich fällt ein warmer Lichtstrahl auf den Pfad zwischen Gartentor und Haus. Die Tür steht einen Spalt breit offen, ein Mensch tritt auf die Schwelle, hält etwas in der Hand. Ela will weiterlaufen, aber irgend etwas hält sie fest. Es ist das Licht, das den dunklen Nebel vertreibt. Sie würde sich gerne aufwärmen. Nur einen kleinen Augenblick. Nicht alleine sein. Der Mensch kommt ihr entgegen, sie sieht sein freundliches Lächeln. „Keine Angst!“, errät er ihre Gedanken. Dann steht er vor ihr auf der anderen Seite des Gartentors. Streckt ihr einen Teller entgegen, darauf liegen kandierte Früchte, kleine mit buntem Zucker bestreute Küchlein und winzige Pralinen in bunten Farben. „In den roten ist etwas Alkohol“, sagt der Menschen. „Vielleicht nimmst du lieber die anderen.“ 

Ela zögert. Dann greift sie über das Gartentor. „Mmmhh, lecker.“ Und dann: „danke.“ „Nimm ruhig noch eine kandierte Erdbeere. Ganz frisch. Habe ich heute morgen gemacht.“ 

„So viel Mühe für die Kinder?“, fragt Ela verwundert.

„Nein, eigentlich nicht für die Kinder“, erklärt der Mensch. „Für die Toten.“ Ela reißt die Augen auf, das helle, blaue, und das schwarz geschminkte. „Für die Toten?“ 

Süßes für die Toten

„Ja. Weißt du denn nicht, dass am Abend vor Allerheiligen die Wände zwischen den Welten durchlässig werden? Dann kommen die Toten aus ihren Gräbern und besuchen ihre Familien. Um sie freundlich zu stimmen, müssen wir ihnen viele Leckereien anbieten. Am liebsten mögen sie Süßes.“

„Das habe ich noch nie gehört.“ Ella ist skeptisch. Dann fällt ihr ein: „Ich muss heim. Danke. Und – einen schönen Abend… mit wem auch immer.“ 

„Natürlich. Ich will dich nicht aufhalten. Aber – warte mal! Willst du etwa durch den Park gehen? Komm kurz mit rein. Ich gebe dir eine Taschenlampe mit. Das ist sicherer. Du kannst sie mir in den nächsten Tagen einfach in den Briefkasten legen…“

Der Mensch ist freundlich. Überhaupt nicht gespenstisch. Total normal. Abgesehen von seiner komischen Story über die Toten, die zum Essen kommen. Und eine Taschenlampe wäre schon cool.

„Ok, danke, total nett.“ Ela folgt dem Menschen durch den dunklen Garten ins Haus. Dem Lichtstrahl entlang. Drinnen umfängt sie die Wärme von einem Meer flackernder Kerzen. Sie stehen überall. Auf Kommoden und Tischen, auf Schränken und silbernen Leuchtern, sogar am Boden ist eine Teelichter-Spur ins Esszimmer gelegt. 

„Du kannst ruhig einen Blick auf den Esstisch werfen, während ich die Taschenlampe suche.“

Dinner for none

Feines Porzellan auf blütenweißem Damast, Kristallkelche, Karaffen voll rotem Wein, Teller mit Speisen, wie Ela sie nur aus Filmen kennt. Hummer, Rehrücken, goldgelbes Brot, Trauben, exotische Früchte und üppige Torten. Der Tisch ist für vier gedeckt. Drei Stühle sind leer. Auf dem vierten kauert ein Hausschwein mit Diamantenhalsband. Es grunzt Ela an, aber rührt sich nicht vom Fleck. 

„Nimm Platz, mein Kind. Mutter wird gleich kommen. Die Gruft ist ganz in der Nähe. Sie verspätet sich nie. Sie weiß, dass ich immer eine besonders zarte Überraschung für sie bereithalte.“ 

Der Mensch setzt Ela an den Tisch. Er hat etwas Mühe, denn der Körper des Mädchens sackt in sich zusammen. Aus der klaffenden Wunde am Hals, dort, wo das Tranchiermesser ihn durchtrennt hat, sprudelt üppiges Blut auf den reinen Damast.

Elas Eltern verständigen die Polizei schon um zehn. Aber wie immer an Halloween ist unglaublich viel los. Ein Teenager, der mit Freundinnen unterwegs ist und sich verspätet hat keine Priorität. 

Spurlos

Am Morgen von Allerheiligen finden Spaziergänger in dem kleinen Park ein Stück schwarzen Tüll. Die kriminaltechnische Analyse wird Elas DNA daran nachweisen. Das ist alles, was von dem Mädchen jemals gefunden wird.

Keiner hat Ela gesehen. Ihre Spur verliert sich am Anfang des Parks. Das Eckhaus, dessen Bewohner vielleicht etwas bemerkt haben könnten, steht seit Monaten leer. Von einem Kürbis, der ein paar Kindern zufolge in der Nacht vor Allerheiligen am Gartentor gestanden haben soll, ist ebenfalls nichts zu finden. Aber wer vertraut schon der Aussage von ein paar durch den Halloween-Trubel exaltierten Kindern?